Ghettozucht

Freitag, 27. Februar 2009

Fühlt man sich von einer Gruppe oder Gemeinschaft ausgestoßen, merkt man, dass man, warum auch immer, als nicht zugehörig behandelt wird, so folgt nach dem letzten vergeblichen Bemühen, doch noch irgendwie innerhalb der Formation Fuß zu fassen, die Resignation. Kultivierte Resignation bewirkt nicht selten, dass man den neuen, einsamen Status, zu einem Stolz auf das Pariadasein erweitert. Die Mitgliedschaft in einer Gruppe oder Gemeinschaft, die sich für arrogant oder elitär genug hält, ein bestimmtes Individuum nicht aufnehmen, es gleichwertig behandeln zu wollen, ist dann gar nicht mehr gewollt. Im Gegenteil, sie wird zum Makel, weil man als Verstoßener nicht in die Rolle des Verstoßenden einrücken möchte, sofern sich die obskure Gemeinschaft doch noch dazu erbarmt, ihre Arme auszubreiten - was man am eigenen Leib erfahren hat, will man anderen Leibern nicht zumuten.

Viele Gruppierungen haben von jeher auf diesen Pariastolz aufgebaut. Fruchtbar für den Sozialstaat und die Demokratie war jener Stolz der Arbeiter, der wenigstens in seinen Anfängen, zur klaren Abgrenzung gegenüber dem bürgerlichen Snobismus bereit war. Falsch verstandener Stolz auf das Anderssein kann aber blutig entarten, wie es uns die herrschaftliche Schelte der Studentenbewegung aufgezeigt hat, bei der man um Verständnis nicht bemüht war. Der fehlgeleitete Stolz einer Handvoll Parias führte in extremen Fällen zu mörderischen Anschlägen.

Wenn man in einem Staat lebt, in dem es eine Gruppe von Menschen gibt, für die Rechtssprechung kein ethischer Maßstab für jeden Einzelnen mehr ist; wenn also die Gruppe treiben darf was sie will, ohne dafür hinreichend belangt zu werden, während man Millionen von Menschen von dieser milden und großherzigen Justiz aussperrt, sie aufgrund geringfügiger Verdachtsmomente – nicht Vergehen, denn es reicht schon der Verdachtsmoment! – sanktioniert; wenn man also die illustre Gruppe abgrenzt, die die andere Gruppe, die der Ferngehaltenen und Deklassierten, sogar noch mit deren herrschaftlichen Instrumenten für Vergehen und Verdachtsmomente bestraft, die im viel größeren Stile innerhalb der Bessergestellten begangen werden, dann darf man sich nicht wundern, wenn eines Tages ein neuer Stolz erwacht, der sich des Andersseins, der Ausgeschlossenseins, des Benachteiligtseins bemächtigt.

Wenn man sein ganzes Leben erlebt hat, dass Menschen aus der eigenen Gesellschaftsklasse, die aus einem beliebigen Grunde vor Gericht stehen, meist als Verlierer aus einem Prozess kommen, während Bessergestellte das Victory-Zeichen in eine TV-Kamera halten; wenn man täglich mitbekommen hat, wie man den Alkoholismus einiger Zeitgenossen aus der eigenen Klasse als Untermenschentum, als Anzeichen einer Schmarotzerexistenz abtut, während der Suff aus höheren Kreisen als Galadinners oder Bankette durchgehen, wobei der höhergestellte Alkoholiker ansonsten gar nicht behelligt wird; wenn man ertragen muß, dass jeder Person aus der eigenen gesellschaftlichen Schicht beinahe alles Angesparte als Vermögen angerechnet wird, sofern sie in die Fänge des SGB II gerät, während sogenannte Leistungsträger Milliardenzuschüsse erhalten, damit sie ihr Versagen hinter diesen Bergen aus Geld verstecken können – wenn man diese und noch weitere Auswüchse der Ungleichheit erkennt, dann will man mit denen da Oben, mit den sogenannten Eliten, nichts mehr zu tun haben.

Man wendet sich voller Ekel ab und verwirft das Gesellschaftsbild, das manche Eltern versucht haben, einem einzubläuen – nämlich, dass man fleißig, zielstrebig und ehrlich sein muß, um vielleicht irgendwann einmal in den Kreis derer vorzustoßen, die derart bevorteilt leben, um zumindest aber einen Zipfel des üppig gedeckten Tischtuches zu erhaschen. Man will es gar nicht mehr, man will dieser Riege von Herrenmenschen nicht mehr zugehören – man wird stolz auf das eigene, auch wenn es wenig zu bieten hat, wenn es eigentlich kläglich ist. Diese resignative Einsicht, die sich zu neuem Stolz kultiviert, findet sich in vielen Ghettos dieser Welt – der Stolz armer junger Schwarzer in Stadtvierteln, in denen die ganze Armut des reichsten Landes der Welt geparkt scheint, ist Ausdruck einer solchen Mentalität. Man ist stolz auf die Klasse, der man entspringt, selbst dann, wenn es in dieser vor Not, geistiger Stumpfheit und Antriebslosigkeit nur so wimmelt.

Etymologisch betrachtet, entstammt der „Stolz“ dem lateinischen Wort „stultus“, was soviel bedeutet wie „töricht“ – Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Unangemessener Stolz wirkt nicht nur dumm und töricht auf andere, er kann auch zu himmelschreienden Dummheiten hinreißen. Ein solcher resignativer Stolz, der sich von den Bessergestellten abwendet, führt dann zuweilen zu kriminellen Strukturen, läßt eine Subkultur entstehen, in der gesellschaftliche Institutionen, die Polizei und Justiz, nichts mehr zu melden haben. So konnte man es während des Risorgimento auf Sizilien beobachten, als eine sizilianische Subkultur Fuß faßte, die sich gegen die herrenmenschliche Elite aus Norditalien organisierte; so kann man es noch heute in diversen New Yorker Stadtteilen erkennen.

Wenn Gesetzgebung, wenn Sozial- und Arbeitsrecht, wenn moralische Kategorien, wenn das ganze Klima innerhalb einer Gesellschaft einseitig erfüllt ist, dann erzieht sich diese Einseitigkeit sicherlich keine demokratisch gesitteten Menschen heran, sondern Parias, die früher oder später ihren gesellschaftlichen Stand nicht mehr als Bürde, sondern als Motiv des Stolzes herausarbeiten werden. Ein Stolz, der von den höheren Klassen nicht verstanden wird, nicht verstanden werden will, und daher zu irrgeleiteten Aktionen verführen kann. Diese Form des Pariadaseins ist kein humanistischer Gegenentwurf zur inhumanen Gesellschaft - er ist vielmehr das Spiegelbild, eine Karikatur des legalen Unrechts. Eine derart einseitige Einseitigkeit, wie sie dieser Staat mehr und mehr erlebt, erzeugt Aussperrung und ghettoisiert. Ghettos und die darin vorzufindende Mentalität, werden nicht auf architektonischen Reißbrettern entworfen – sie werden durch eine überall greifbare Einseitigkeit, die die gesamte Gesellschaft durchdrungen hat, vorbereitet. Subkulturen werden nicht geplant, sie sind Reaktion. Wenn eine Gesellschaft das Augenmaß verliert, wenn sie den Anspruch vollends aufgibt, jeden Menschen gleich zu behandeln, dann liefert sie sich einer Gesellschaft in der Gesellschaft aus. Man blicke auf die italienische Geschichte, auf die Generationen italienischer Politiker, die sich selbst bevorteilten - und dann blicke man auf das höllische Ausmaß an Subkultur, blutiger Subkultur wohlgemerkt.

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Stärke zeigen!

Donnerstag, 26. Februar 2009

Seid starkt, ihr jungen Menschen! Zeigt keine Schwächen! Preist eure Stärken an, versteckt die Schwächen, auch die noch so kleinen - kaschiert sie, verleugnet sie, drappiert sie ins Gegenteil. Erklärt die Antithese zur These, macht aus Schwächen Stärken! Schwächen offen zu bekunden, bedeutet sich als Schwächling zu offenbaren. Schwächlichkeit ist Ausdruck einer falsch verstandenen Humanität. Der Schwächling erntet nicht Sympathie, er erzielt Skepsis, Bedauern und Ablehnung, die zuweilen wie Sympathie wirken mögen, aber das glatte Gegenteil dessen sind. Wer Schwächen zeigt, bleibt auf der Strecke – drum zeigt eure Schokoladenseiten, zeigt Stärke, macht euch zu Starken, zu unfehlbaren und unkippbaren Größen, merzt in euch aus, was schwach anmutet, was auch nur in den Ruch der Schwäche geraten könnte!

Bewerbt euch mit Stärken bei potenziellen Arbeitgebern, zeigt eure Vorzüge auf, wiegelt alles an Schwächen ab, was in Bewerbungsgesprächen auftaucht. Ihr habt keine Schwächen! „Ich weiß nicht“ und „ich kann nicht“ gibt es nicht – habt ihr keine Antwort auf die Fragen des Personalleiters, antwortet dennoch, laviert und ufert aus, macht aus der vorübergehenden Schwäche eine zu verkaufende Stärke. Fragt er euch danach, ob ihr diese oder jene Tätigkeit schon einmal gemacht habt, so bejaht fern des wirklichen Wahrheitsgehaltes. Und seid ihr dann eingestellt, unterläuft euch einer jener Fehler, die jedem Arbeitenden unterlaufen kann, so schiebt es auf einen Kollegen. Keine Schwäche zeigen! Der Schwache ist immer der andere. Ihr wisst alles, ihr könnt alles – ihr seid alles! Geißelt euch euer Vorgesetzter, behandelt er euch ungerecht: seid stark - und schweigt! Wer schweigt verstärkt seine Stärke; wer erduldet erstarkt; wer Ungerechtigkeit und Unterdrückung seitens der Obrigkeit hinnimmt, dem ist Stärke nachsagbar.

Trifft euch dann ein Virus, kratzt es im Hals, drückt es im Darm, so bleibt hart zu euch selbst, bleibt stark. Krankheit ist Schwäche! Und Schwäche ist unmenschlich! Kämpft euch durch den Durchfall, damit ihr nicht als zu schwach durchfallt. Verschleppte Grippen als Gefahr sich schwerere Infekte einzufangen sind Erfindungen der Medizinbranche! Macht euch euer junges Menschenleben zwischenmenschliche Sorgen, zwickt es bei Liebesdingen, nötigt euch die Feierlaune, drangsaliert euch jugendliche Amüsiersucht? Das sind Schwächen - hinfort damit, verbeißt sie euch! Drückt doch einmal das Herz, macht Liebesleid das Leben unerträglich, so bekämpft die Tränen. Wer weint ist schwach; wer schwach ist, kann keinen Erfolg haben; wer keinen Erfolg hat, steigt sozial ab; wer sozial abgestiegen ist, fristet ein menschenunwürdiges Leben. Merkt euch: Wer schwach ist, ist kein Mensch mehr!

So hat man es euch gelehrt. So lehrte man es schon eure Väter und Mütter. Gezeigte Schwächen als Sinnbild der Menschlichkeit sind romantische Vorstellungen, sind anachronistische Anschauungen aus den Köpfen von Schwächlingen. Probiert es: Zeigt nur einmal Schwäche - ihr werdet ausgebeutet, geschächtet, hingerichtet! Probiert es ruhig! Aber behaltet ihr Souveränität, so werdet ihr dienlich und nützlich sein, werdet ihr nicht am Plump-Menschlichen leiden, werdet ihr ein nutzvoller Bestandteil der Gesellschaft sein. So lehrte man es auch euren Vorgängern, so lehrt man es seit Jahrzehnten. Stärke ist das Zauberwort, der Schwache wird geschmäht, wird durch diese Lehre aus der Welt gezüchtet. Wir brauchen keine Vernichtungslager mehr, die Menschheit hat gelernt, dass die Lehre von der Stärke das Schwache langsam aber sicher vertilgt. Wer Mitleid mit dem Schwachen hat, gefährdet das Starke - laßt es verrotten; laßt den Schwachen liegen, für ihn ist diese Welt nicht gemacht. Drübersteigen, weitermachen!

Keiner von euch jungen Menschen fährt mit einem aufgeklebten „Fahranfänger“-Schriftzug motorisiert durch die Lande – ihr erhaltet die Fahrlizenz und wißt aus den Kanälen, die die Lehre verbreiten, dass Schwäche nicht zur Schau gestellt werden darf. Einige von euch schämen sich ihrer dicken Körper, weil die Fettpolster einer Schwäche nach Schokolade, nach Chips oder nach anderen Köstlichkeiten geschuldet sind. Der Dicke ist der immer sichtbare Schwache auf dem Pranger des körperlichen Alltages. Ihr könnt alles, auch wenn ihr es nicht könnt; ihr wißt alles, auch wenn ihr keine Ahnung habt; ihr macht alles, auch wenn ihr nicht wißt, was genau ihr da eigentlich macht. Folgen des Starkseins, logische Folgen, die mittels der immer und überall aktivierten Prägung, wonach Schwäche den Untergang bedeutet, zu einem überhöhten Selbstbewußtsein führen sollten. Ein Selbstbewußtsein, dass sich aber durch höchste Verunsicherung junger Menschen äußert. Immer sollen sie stark, immer sollen sie souverän, blitzgescheit und lexikalisch gebildet sein, dürfen keine Schwächen haben, sollen private Schwächen vergraben, sich hinter der Maske vermeintlicher Stärke verstecken.

Was herauskommt ist eine orientierungslose Jugend, die zwar die Prämissen des Hier und Jetzt einigermaßen kennt, wenn auch nur oberflächlich; eine Jugend, die die Prinzipien der Konsumgesellschaft, der Heilslehre der Kaufhauswelten begreift und umsetzt, aber keinerlei Werte außer Kosten- und Nutzwerte kennt. Denn was durch Kosten und Nutzen geschliffen wurde, dass hat sich als stark erwiesen – während alles, was vielleicht kostet, aber keinen wesentlichen Nutzen hat, weil es immateriell ist, weil es nicht faßbar ist für eine materialistische Gesellschaft, ein schwaches Etwas darstellt. Daher seid stark, ihr jungen Leute, knickt nicht ein, damit ihr innerhalb dieser Realität ein starkes Schauspiel abliefert. Entfernt das antiquierte Menschliche, entfernt die Schwächen des Menschen, das Vermenschlichte und Verweichlichte, merzt aus, was euch im irdischen Konsumdasein hemmt; tilgt, was euch im materiellen Verwertungsdiesseits einschränkt; beseitigt, was euch in eurer zugeteilten Rolle als Käufer und Angestellte molestiert. Dazu bedarf es der Stärke, denn wer schwach ist, wer zu schwächlich zum Ausmerzen, Ausrotten und Zerschlagen ist, der steht sich selbst im Wege, wird nicht weit kommen. Er bleibt prekärer Angestellter – bestenfalls; bleibt daher eingeschränkter Käufer, spielt seine zugedachte Rolle nicht mit der Hingabe, die man eigentlich von ihm erwartet.

Man wiederholt es stetig, zeigt es auf, macht es vor, verdeutlicht es: wer sich Schwächen erlaubt, macht sich schuldig am Gesellschaftauftrag, nimmt willentlich in Kauf, seinen Part innerhalb dieser Gesellschaft nicht übernehmen zu wollen. Diese Welt, diese radikal ökonomisierte Welt, ist aber ein Schauspiel der Starken, der Eingereihten, der im Gleichschritt Marschierenden – wer individuell ist, wer sich sein eigenes Menschleinsein zu gewichtig zu Herzen nimmt, der schwächelt, und sollte er diesem Irrglauben nicht abschwören, dann bleibt er zeit seines Lebens ein Schwächling. Das wird euch gelehrt! Das zeigt man euch auf! Was soll aus euch jungen Menschen denn dann auch anderes werden als orientierungslose, enthumanisierte und des Zusammenhangsdenkens unfähige Gesellen, die ihr einziges Heil, ihre einzige Bestimmung, ihre Rolle eben, lediglich in Konsum und Karriere zu sehen glauben? Stärke sollt ihr zeigen, pflanzt man euch allerorten in die Gehirnwindungen – und dann strotzt ihr so vor Stärkeglauben, dass ihr hilflos wirkt, vollkommen entmenschlicht, im höchsten Grade hilflos, weil ihr so entmenschlicht dreinschaut. Euch fehlt ein Bezugspunkt, eine Werteskala, etwas Transzendentes, dem man nicht aus Nutzenkalkül heraus frönt, sondern weil es, platonisch ausgedrückt, dem Schönen, dem Wahren und dem Guten zustrebt. Davon wißt ihr nichts, weil man euch dieses Wissen vorenthalten hat, weil es kein materialistisches Wissen ist, welches nutzvoll verwertbar wäre. In diesem Unwissen steht ihr da, laßt eure Muskeln spielen, seid stark und selbstbewußt und doch schwächlich ohne Heimat, weil das Menschsein euch mehr und mehr abhandenkommt, weil ihr der zur Kritik unfähige Automat eures Arbeitgebers, weil ihr das dumpfe Wahlvieh eurer Anführer, weil ihr der gierige Konsument eurer Versorgerkonzerne seid. Mehr sollt ihr, mehr dürft ihr nicht sein!

Damit steht ihr nicht alleine. Die Vorgängerjahrgänge waren auch einmal jung, erzählt hat man ihnen ebenso, dass in dieser Welt nur der Starke fortexistiert. Das haben sie aufgesogen, haben versucht es zu kultivieren. Heute sind sie nicht mehr orientierungslos in diesem Gemenge aus Konsum und Nützlichkeitsdenken. Sie leben darin und begreifen es als ihr zynisches Heil; als einzig machbares Heil; als Heil, welches dieser Welt immer irgendwie zugrundelag, als habe es nie etwas anderes als Konsum und Expansion und noch mehr Konsum und noch mehr Expansion gegeben. Im Materiellen haben sie ihr Transzendentes gefunden, ihr Schönes, Wahres, Gutes. Ihr Wert ist das Haben, das Verdienen – tut jemand etwas umsonst, aus Freude an der Sache, schreibt beispielsweise jemand Texte, ohne daran zu verdienen, ohne daran auch nur verdienen zu wollen, dann fragen sie nach dem Einkommen, welches so ein Schreiben mit sich bringe. Man enttäuscht sie, wenn man ihnen erklärt, dass nichts Kontofüllendes dabei herumkommt – was nicht bezahlt wird, hat keinen Wert; was keinen Wert hat, wird nicht bezahlt!

Seht aber in die trüben Augen dieser menschengleichen Wesen! Ist das die vielzitierte und vielbesungene Lebensfreude? Trübe, stumpfe, unterlaufene Augen? Mattheit und Müdigkeit im Blick? Ist das der Sinn des Lebens? Und wenn sie dann unnütz geworden sind, weil sie entweder das Alter oder die Arbeitslosigkeit dazu verdammte, entleeren sie ihr Dasein, finden darin keinerlei Wert mehr, empfinden sich als Ballast – ist dies das Ziel? Nachahmenswert? Ist es wirklich der Kopie eines solchen Lebensentwurfes wert, wie einst die Väter und Großväter sein Leben so weit zu entleeren, dass außer Konsumgüter horten und Karriere vorantreiben keinerlei Inhalt mehr bleibt?

Seid stark, ihr jungen Leute! Ja, seid stark! Laßt euch von denen, die euren Willen brechen, die euch manipulieren und verdrehen, die euch zu ihrem Werkzeug machen wollen, nicht unterkriegen. Dazu bedarf es geistiger Stärke. Nur diese Stärke, nur eure Stärke kann es bewirken, dass eines Tages ein Umdenken stattfindet. Findet wieder Werte, die sich am Schönen, Wahren und Guten orientieren, findet wieder Gefallen an Werten wie Freundschaft, Zeit, Liebe... ; schätzt wieder die sogenannten Kleinigkeiten des Lebens, die das Leben erst lebenswert machen; seht freie Zeit nicht als temporäre Spanne, die unbedingt mit irgendetwas, mit Einkäufen oder anderen Konsumeinheiten, ausgefüllt werden muß, damit sie möglichst schnell verrinnt; seht Zeit nicht als totzuschlagende Minuten- und Sekundeneinheiten. Transzendente Werte zu finden bedeutet nicht, sich einen neuen Gott zu erfinden – es bedeutet lediglich eine Rückkehr in ruhigere Gefilde, in weniger hektisches Wirtschaften, in ein gemütlicheres Dasein, in ein Leben in menschlicheren Bahnen. Der Fortschritt des menschlichen Lebens verfestigt sich nicht im rapiden Fortschritt einer technisierten Welt; der Fortschritt sollte sich daran messen, wie sehr Menschen abgesichert sind, ein freies und selbstbestimmtes Leben leben können, Zeit für sich haben dürfen und können. Doch für so einen Fortschritt braucht es Stärke...

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Nomen non est omen

Mittwoch, 25. Februar 2009

Heute: "sozial verträglich"
"HypoVereinsbank will weitere 1.500 Stellen sozialverträglich abbauen."
- FAZ vom 6. Februar 2009 -

"Die Deutsche Telekom will den Umbau ihrer Geschäftskundensparte T-Systems vorantreiben und schließt dabei betriebsbedingte Kündigungen nicht aus."
- Meldung bei tagesschau.de vom 23. Juli 2008 -

Die Begriffe der "Sozialverträglichkeit" bzw. der Formulierung vom "sozial verträglichen Stellenabbau" sollen suggerieren, dass im Sinne der ethischen und sozialstaatlichen Normen Menschen gekündigt, gefeuert bzw. aus der Firma geworfen werden. "Sozial verträglich" vermittelt eine Metapher des "weichen Fallens" aus der Firma bzw. dem Arbeitsplatz. Insofern ist es in erster Linie ein Euphemismus, welcher die individuelle Situation des soeben Gekündigten ausblendet.

Ob es für den Einzelnen überhaupt "sozial verträglich" sein kann, seinen Job zu verlieren, ist mehr als fraglich und ignoriert diese Formulierung. Stattdessen verweist sie auf die Struktur der Sozialstaatlichkeit, die das schon irgendwie anständig regeln würde. Zum Beispiel in Form von Abfindungen oder ähnlichem. Außerdem ist der Terminus ein gutes Beispiel für eine Methode der Sprachmanipulation von der Verbergung, Kaschierung und Beseitigung des handelnden Menschen aus der Sprache. In der Formulierung des "sozialverträglichen Stellenabbaus" verschwinden gleich zwei Subjekte: der Verantwortliche, der die Arbeiter gekündigt hat und der Gekündigte selbst. Dadurch wird zum einen die Verantwortlichkeit für die Kündigung und zum anderen das individuelle Schicksal der Gekündigten verborgen. Außerdem findet eine Versachlichung der Entscheidung statt, nicht der Mensch wird gefeuert und verliert seine Lohnarbeit, sondern: "die Stelle wird abgebaut".

Ein weiterer ähnlicher Satz, der einen Euphemismus darstellt und ebenfalls die Verantwortlichkeit des Unternehmers außen vor lässt, ist die der "betriebsbedingten Kündigung". Hier wird suggeriert, dass der Unternehmer durch einen "Sachzwang" keine andere Wahl hatte, als den Mitarbeitern zu kündigen. Ob "sozial verträglich", "betriebsbedingt", "Personalanpassung" oder "den Mitarbeiter freistellen" – der Arbeiter wird gefeuert und steht ohne Einkommen da. Letztendlich sollen diese Satzkonstruktionen die Kündigungsentscheidungen des Unternehmers legitimieren und einen Widerstand gegen die Kündigungen schon im Wortlaut unterbinden helfen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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De dicto

Dienstag, 24. Februar 2009

"Vorgesehen für den Job: die Präsidentin des Vertriebenenverbandes, Erika Steinbach (65, CDU).
Aber Berlin und Warschau streiten, als ginge es um viel mehr! Was haben die Polen nur gegen diese Frau?
[...]
Ist Erika Steinbach eine Ewig-Gestrige?
Nein!"
- BILD-Zeitung, S. Jungholt und H.-J. Vehlewald am 23. Februar 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Die unbescholtene Frau Steinbach ist dem Springer-Blatt heute eine Frage, dazu einen Artikel wert. Was hat die arme Frau nur zu ertragen. Warum mögen die Polen diese Frau bloß nicht? Sie hat doch nichts getan! Nichts rechtfertigt die polnische Ablehnung, nichts könnte erklärbar machen, warum man ihr in Warschau den Posten im Stiftungsrat des geplanten deutschen Vertriebenenzentrums nicht gönnt. Warum ist man jenseits der Oder so bösartig, warum läuft man dort mit Schaum vor dem Mund herum? Dies könnte man sich jedenfalls fragen, wenn man dieses journalistische Meisterstück, diesen Artikel über Steinbach liest - oder besser: den Artikel für Steinbach, denn einer objektiven Auseinandersetzung kommt das aufgeführte Schmierenstück nicht gleich.

Man liest nichts darüber, dass das besagte Zentrum gegen Vertreibungen selbst hierzulande auf Kritik stößt. Der Bund der Vertriebenen, der hinter dem Projekt steht - Erika Steinbach ist Präsidentin des BdV, selbst 1943 im "Reichsgau Danzig-Westpreußen" geboren -, so wird befürchtet, würde dieses Zentrum revisionistisch instrumentalisieren. Diese Bedenken alleine wären ja noch irgendwie, mit gutem Willen vielleicht, aus der Welt zu schaffen. Das Wirken der Steinbach aber kaum. Was ihr die Polen vorallem zum Vorwurf machen ist, dass sie 1990 als Bundestagsabgeordnete gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt hat, weil diese "einen Teil unserer Heimat abtrennt". Bedenkliche Töne vernimmt man von ihr immer wieder. So warf sie den Polen zynisch vor, sie würden sich als "lupenreines Opfer" charakterisieren, einen Opferkult betreiben, der so tut, als wäre das Land jahrhundertelang immer schuldlos in schwierige Situationen geraten. Dieses Argumentieren kennt man aus nationalistischen Kreisen, die die einstigen Opfer und die alliierten Gegner als ebenso schuldig brandmarken wollen, um die eigene Schuld zu verbergen. So relativiert man beispielsweise in jenem Milieu den Genozid an den Juden, indem man versucht, auch den Amerikanern (an den indigenen Völkern) und den Engländern (an afrikanischen Sklaven) Völkermorde nachzuweisen. Zum Völkermord entrüstete sie sich kürzlich ebenso, zum Völkermord an den Deutschen freilich nur, als diese Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg fluchtartig verlassen mußten. Letztere Aussage ist insofern brisant, weil ihr Vater Besatzungssoldat im okkupierten und durch Völkermord geplagten Polen war. Steinbach, die sich selbst als Vertriebene sah - Polen gesteht ihr diesen Status nicht mehr zu -, ist demnach nie aus ihrer Heimat vertrieben worden, sondern bestenfalls dorthin zurückgejagt worden, woher die Besatzungsfamilie ursprünglich kam.

Was also haben die Polen nur gegen diese Frau? Für die BILD-Zeitung hat sie sich scheinbar nie derart ungebührend verhalten, dass eine polnische Steinbach-Aversion gerechtfertigt wäre. Man stilisiert sie als unschuldiges Opfer, als jemanden, der sicherlich nicht ewiggestrig ist, nur mißverstanden wird, Opfer einer Kampagne ist. Und genau damit schürt die BILD erneut den deutsch-polnischen Hass, versucht alles, damit der deutsche Leser seinen polnischen Nachbarn nicht versteht. Mittels Informationszurückhaltung in den Nationalchauvinismus...

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Was geht mich Vietnam an? Ich habe Orgasmusschwierigkeiten.

Dieser Ausspruch von Rainer Langhans (der irrtümlich Dieter Kunzelmann zugeschrieben wurde) beinhaltet alles, was nach der kläglich zusammengebrochenen Studentenbewegung zum Indikator einer neuen Jugend werden sollte. Die Utopie schien verschwunden; nicht im Sinne von Marcuse, der das „Ende der Utopie“ als eine Vollendung der selbigen begriff, weil die satten Zustände der Welt, Überproduktion und damit die Möglichkeit, jedem Menschen Lebensmittel, Obdach und soziale Sicherheit zu gewähren, das Utopische ins Hier und Jetzt hieven, damit des ou-topos, des Nicht-Ortes entledigen würde; sie war verschwunden, weil man sich am "schlecht Gegebenen" (Theodor W. Adorno) orientierte, weil man den Individualismus zum ausufernden Egoismus umdeutete; weil man zynisch und resignierend dazu überging, seinen persönlichen Mirkokosmos verändern zu wollen, dabei das Ganze aus den Augen verlor.

Zyniker würden heute sagen, dass das Orgasmus-Zitat eine „realpolitische Wende“ vorwegnahm; die Utopie als utopisch entlarvte, weil sie in der Gegebenheit des Seins nicht umzusetzen war. Und da die Welt nur veränderbar ist, wenn man sich der Regeln dieser Welt unterordnet, war eine Abwendung vom Vietnamkrieg, dafür eine Hinwendung zu Orgasmusschwierigkeiten notwendig. Zweifelsohne vernimmt man die Intention dieses Ausspruches auch heute noch, weniger reißerisch zwar, aber mit der gleichen Absicht. So hört man nicht selten, dass die Veränderung der Welt nur in kleinen Schritten zu bewerkstelligen sei, die zudem immer im eigenen Umfeld getätigt werden müssen. Was man selbst, was man individuell an Verbesserungen im persönlichen Kreise anbringen kann, wäre als Beitrag zur globalen Aufwertung der Lebensumstände zu begreifen.

Ganz fehlerhaft mag diese Ansicht auch nicht sein. Aber wenn der individuelle Schritt, der nur vor der Haustüre geschieht, ohne ein Fundament, ohne den Blick auf das Ganze vollzogen wird, dann ist der Einsatz zweifelhaft, mehr Aktionismus denn durchdachter Weltverbesserungbeitrag. Zwar ist es für viele Menschen hilfreich, wenn man sich beispielsweise ehrenamtlich bei den Tafeln engagiert, aber gleichzeitig fördert man damit eine Suppenküchenmentalität, die im Lande bewirkt, dass staatlich garantierte Hilfsleistungen zunehmend in die Hände privater Einrichtungen übergehen, womit die Garantie verworfen, die generöse Willkür aber installiert wird. Man hat im Mikrokosmos seiner Gemeinde sicherlich hilfreiches Engagement bewiesen, war seinem Mitmenschen dienend, aber ohne Blick auf das Gesamte, nur mit dem Feilbieten seiner kostenlosen Arbeitskraft, ohne die Geisteskraft miteinzubinden, strebt man dem eigentlich Gewollten diametral entgegen; rüttelt unwillentlich und unbewußt am sozialen Fundament.

Besonders prekär ist es aber, wenn die "Orgasmusmentalität" nicht einmal zum Engagement im eigenen Mikrokosmos führt, sondern zur reinen Konzentration auf das Selbst wird. Diese Mentalität erlebt man in diesen Tagen vermehrt, dominiert das Denken junger Konsumgesellschaften; nicht heutige Jugendliche alleine sind davon infiziert, sondern schon Generationen davor waren maßgeblich davon beeinflußt. Wir können das seit Jahrzehnten beobachten, in diesen Tagen, da gegenwärtige Beobachtungen immer einfacher als Rückschauen sind, erscheint es uns aber besonders einleuchtend. Während Erdöl-Kriege gegen das Völkerrecht geführt, während Menschen in Konzentrationslagern gehalten, während soziale Gruppen der Volksverhetzung ausgesetzt werden, kümmert sich ein Großteil der Menschen lediglich um ihr persönliches Wohlergehen, sorgt sich im erhöhten Ausmaß um den eigenen Orgasmus. Anteilnahme, Kritik, ein klein wenig Utopie: Fehlanzeige!

Die Gesellschaft der westlichen Industrienationen, heute mehr denn je, ist eine "Orgasmus-Gesellschaft". Sie suhlt sich in der Egozentrik, kennt keine einzelnen Gesellschaftsmitglieder, dafür aber ein Heer von vereinzelten Egozentrikern. Man sorgt sich um das eigene Ich, dem auch die Familie zugehörig ist, man engagiert sich – wenn überhaupt – nur im regionalen Aktionismus, verliert darüber hinaus den Blick auf das Ganze, der aber womöglich nie stattgefunden hat, schon vor der Zeit des regionalen Aktionismus nicht. Hilfe ist vorallem Selbsthilfe, denn man hilft sich gerne selbst; Protest, wenn man sich denn dazu durchringt, findet nur statt, wenn die eigene Haut verkauft werden soll; Kritik ist ein Fremdwort, solange man sich von dieser keinen Profit erhofft. Es ist eine vollwertig materielle Gesellschaftsordnung, die jegliches unstoffliche Ideal als Phantasterei verwirft – was man nicht anfassen kann, scheint nicht real zu sein. Die Utopie als Ansammlung von Werten, von Hoffnungen, von befreienden Momenten, von Emanzipation und Gleichheit, ist ein immaterielles Konstrukt, daher für die Köpfe der Konsumegozentriker nicht aufnehmbar.

Und weil zwischen Ich-Liebe und Haben-Mentalität (Erich Fromm) der Blick auf die Gesamtheit, der utopische Blick unmöglich gemacht wird, gilt die aktionistische Unbedachtheit als milde Tat. Deswegen wird großzügig gespendet, gleichzeitig aber Steuersenkung verlangt; deswegen blühen Tafeln und Suppenküchen auf, werden gleichzeitig aber Sozialleistungen gespart. Man glaubt in der schnellen guten Tat eine Verbesserung des "schlecht Gegebenen" zu erreichen. Dass damit dieses Gegebene nicht negiert, sondern im Gegenteil, zur dauerhaften Institution gemacht wird, derer man mit eiligem Aktionismus unter die Arme greift, erkennt man fern des utopischen Blickes nicht; man erkennt nicht, dass die „Utopie ein Sturmbock“ (Henri Lefebvre) wäre.

Das Ende der Utopie ist nicht, so wie es immer wieder postuliert wurde, die Befreiung des Menschen vor vorkalkulierter Enttäuschung. Die Befreiung von der Utopie ist selbst Enttäuschung, denn sie leitet den Menschen nicht zu einem besseren Dasein an, läßt ihn nicht „Umschau halten, nach einem besseren Land“ (Oscar Wilde). Die Aufgabe utopischer Ansätze bedeutet die Aufgabe zur Verbesserung der Lebensumstände – es ist Stillstand, heimliches Absegnen des status quo, stillschweigende Teilhaberschaft am immer noch vorhandenen Unrecht. Die von Langhans postulierte Orgasmus-Denkart ist nicht nur Ausdruck von Egozentrik, sondern vollkommene Abkehr von der Utopie, die Negation marcusianischer Soziologie, demnach das Ende der Utopie von der anderen Seite. Aber die Menschheit ohne Utopie ist eine stumpfe Masse, eine Ansammlung von Menschen oder Völkern, die irgendwann derart stillstehen, dass sie als Anachronismus von der Historie, dem dann heraufziehenden Zeitgeist, verspottet werden. Um es nochmals mit den Worten Lefebvres zu sagen:
„Diejenigen, die ihren Blick nur bis zum Horizont schweifen lassen und sich darauf beschränken, das zu betrachten, was man sieht, diejenigen, die sich zum Pragmatismus bekennen und nur mit dem auszukommen trachten, was da ist, haben keinerlei Chance, die Welt zu verändern... Nur diejenigen, die auf das blicken, was man noch nicht sieht, diejenigen, die über den Horizont hinausblicken, sind realistisch. Die haben eine Chance, die Welt zu verändern... Die Utopie ist das, was hinter dem Horizont liegt... Unsere analytische Vernunft weiß ganz genau, was wir nicht wollen, was man absolut ändern muss... Aber das, was kommen soll, was wir wollen, die ganz andere, neue Welt, kann uns nur unser inneres Auge, nur die Utopie in uns zeigen.“

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In nuce

Montag, 23. Februar 2009

Schon desöfteren wurde hier darauf hingewiesen, dass ein sauberer Schnitt nach 1945 nie stattfand, dass das Heute noch, diese Gegenwart also, fest verankert in der Vergangenheit ist. Dieses Projekt, ad sinistram, widmet sich in großen Stücken dieses Denkens, will immer wieder daran erinnern, dass die dunklen Jahre nicht isoliert dastehen, sondern schon vorher in den Köpfen der Menschen entstanden, so wie sie auch nie ganz verworfen, sondern nur verschwiegen und vergessen gemacht wurden. Diese Einsicht wird dann und wann offenbar, wie auch kürzlich, als die Times berichtete, dass der Contergan-Skandal als Produkt der nationalsozialistischen Forschung einzustufen sei. Wer die Geschichte der deutschen Ärzteschaft und der dazugehörigen Wissenschaft kennt, den wird das freilich nicht überraschen. Was da an Giftstoffen und Teufelswerken erfunden, an Unmenschlichkeiten betrieben wurde, wird mit Worten nie ganz begreifbar zu machen sein. Demnach sei Thalidomid als Gegengift gegen Nervengifte, vom nationalsozialistischen Wissenschaftler Otto Ambros, entwickelt worden. Dieser ging nach Kriegsende zur Chemie Grünenthal GmbH, welche 1957 das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt brachte. Wahrscheinlich wurde Thalidomid demnach bereits zu Kriegszeiten an Menschen versucht - an KZ-Häftlingen?
Mit einer Entdeckung, die an Kriegsgefangenen und KZ-Insassen erprobt wurde, Karriere machen? Es klingt unmöglich, aber es gab in der Nachkriegszeit gar medizinische Wissenschaftler, die in Kriegszeiten im Konzentrationslager Versuche leiteten und auf diesen Versuchen ihre spätere bundesrepublikanische Karriere begründeten. Selbst Schädelsammlungen, die in solchen Höllenlagern zusammengehortet wurden, galten eine Weile als moralisch völlig unbelastet, weil die Menschen so oder so ermordet worden wären und weil Wissenschaft ja nicht ethisch sein darf. Wir dürfen uns nichts vormachen: Die medizinische Wissenschaft ist und bleibt vom Nationalsozialismus gesudelt, das wissenschaftliche Heute ist nicht vom Gestern zu trennen...

Einige Worte zu des Deutschen liebster Tageszeitung. Wieder einmal, aber man darf sie einfach nicht ignorieren, denn zu sehr beeinflußt sie das Klima dieses Landes. Was derzeit an Plattheiten und windigen Reportagen dort vertrieben wird, dürfte selbst hartgesottenste BILD-Leser so noch nicht erlebt haben. Mal die übliche durchsichtige Hetze gegen Randgruppen beiseite schiebend: So berichtet man über Führerwinde und positioniert sich politisch derart, dass man nicht einmal davor zurückschreckt, den iranischen Präsidenten als Irren zu bezeichnen. Von dem kann man halten was man mag, aber eine derartige Bösartigkeit innerhalb der Berichterstattung ist schon sehr plump. Andere Staatsmänner, solche aus Texas, die ganze Weltregionen ins Chaos stürzten, die Blut an ihren samtweichen Händen haben, hätten die Dieckmann-Boys nie so benannt. Und damit die obligatorische Bigotterie der BILD nicht zu kurz kommt, hegt Franz Josef Wagner, Mitglied der anonymen Intellektuellen, die also ihren Intellekt in privaten Runden suchen, Verständnis für karnevalistische Alkoholorgien. Er schreibt, oder vesucht es zumindest: "Was ist der Vorteil, berauscht zu sein? Es ist die Sehnsucht, Träume zu erhaschen – ein fiktives Paradies." - Und gleichzeitig hetzt seine Zeitung, dann und wann, wenn ihn der Hass auf Entrechtete packt, auch er selbst, gegen all jene, die ihren SGB II-Regelsatz in Alkohol investieren. Selbst wenn dieses pauschalisierte Denken grundverkehrt ist, muß man doch in der Logik der Volksverhetzer fragen: Ist es kein Vorteil berauscht zu sein, wenn man diese Hetze nicht mehr erträgt, wenn man sich wie der letzte Dreck vorkommt? Ist da das Bier nicht die Sehnsucht des ALG II-Beziehers, ein kleines bisschen Paradies zu erhaschen?
Diese Tageszeitung ist kaum mehr zu ertragen und der Schlüssel zum Umdenken liegt vorallem darin, dieses Machwerk irgendwie zum Einsturz zu bringen, dafür zu sorgen, dass immer weniger Menschen diesen zu Druckerschwärze gewordenen Haufen Dreck, lesen. Aber wie?

Die Wirtschaftskrise rettet Leben. Wer hätte das gedacht? Weil das staatliche Töten in den USA hohe Kosten verursacht, weil zudem die Kassen in Zeiten der Krise leer sind, werden wahrscheinlich einige Bundesstaaten die Todesstrafe abschaffen, zumindest aber einstellen. Hier, auf dieser Webpräsenz, wird immer wieder auf den ökonomischen Faktor des Menschen hingewiesen, dass er also immer mehr zum Gegenstand degradiert wird, den man einzig nach Kosten und Nutzen bewertet. Hier trifft dieses funktionalisierte Denken ebenso zu. Auch wenn die abgeschaffte Todesstrafe für die betroffenen Verurteilten ein Grund zur Erleichterung sein mag: Man hat sie - die Verurteilten - mit dieser Entscheidung einem rein ökonomischen Muster unterworfen. Philosophisch gesehen hat man sie womöglich unwürdiger behandelt, als bei einem Prozessmarathon, der über Tod oder Leben entschieden hätte. Auch wenn es zynisch klingt: Das Töten aus ethischen Gründen, war demnach vielleicht ein würdevolleres Auseinandersetzen mit dem Verurteilten, als das blanke Abschaffen der Todesstrafe aus ökonomischen, d.h. unpersönlichen Gründen. Freilich muß man sich darüber nun nicht philosophisch entrüsten, sollte lieber hoffen, dass diese Entscheidung aus falschen Gründen, irgendwann die richtigen Gründe in die Köpfe betoniert. Vielleicht heißt es dann einmal nicht mehr, dass man Menschen nicht aus Geldgründen nicht mehr töten darf, sondern weil der Mensch den Menschen nicht töten soll, weil Seinesgleichen ihm heilig zu sein hat, egal was er auch verbrochen hat. Ethisch einwandfreie Resultate werden aber durch unmoralische Begründungen zweifelhaft...

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Wegbereiter - ein kurzer Nachtrag

Sonntag, 22. Februar 2009

Das kommentierende Völkchen innerhalb des Axel Springer-Konzernes, das eine eigene Sparte innerhalb der dortigen Gazettenwelten besitzt, sich dort den Standesdünkel von der Seele schreiben darf, setzt nun zur Ehrenrettung des jugendlichen Wegbereiters an. Denn eigentlich, wenn man es recht bedenkt, ohne zu großen moralischen Eifer an den Tag zu legen, ist der betreffende Karrierist doch ein feiner Kerl - er traut sich eben auch mal unangenehme Themen aufzuwerfen, traut sich künstliche Hüftgelenke für Rentner und die Suchterkrankungen von Leistungsbeziehern zu thematisieren. Das dürfe man ihm nicht als Fehler anrechnen.

Und, das scheint der wesentliche Leitgedanke des Mißfelder-Hagiographen Lambeck zu sein, er hat sich vorallem um die Kinder gesorgt, die ihm scheinbar schon immer am Herzen lagen. Denn um sich sein Studium selbst finanzieren zu können, schrieb er einst ein Kinderbuch. Doppelt soll hier hervorgehoben werden, dass dieser flegelhafte Musterknabe sein Studium selbst bezahlt hat, niemanden auf der Tasche lag und dass er nebenher auch noch etwas für Kinder getan hat, sich Kindern so sehr gewidmet hat, dass er ihnen sogar ein Buch schrieb. Das besagte Buch, das berichtet uns Lambeck nicht, nennt sich "Money" und trägt den bezeichnenden Untertitel "Tipps, wie du dein Geld vermehren kannst". Ein phantasievolles Kinderbuch, so wie es sich der Leser des lambeckschen Heiligentextchens vorgestellt hat, ist dies Machwerk sicherlich nicht. Es paßt zu Mißfelder, ein höchst mittelmäßiges Konsumstück für Jugendliche abgeliefert zu haben - als jemanden, der sich in Kindergedanken und -welten hineinversetzen kann, kann man sich Mißfelder auch nur schwerlich vorstellen. Mit Finanztipps für Jugendliche hat er also sein Studium finanziert - aber das klingt in einer Reinwaschungskampagne freilich nicht sehr liebevoll und würde auch nicht zu dem passen, was Lambeck da an Hervorhebungen und Bauchpinselungen in die Welt setzt.

Und freilich wäre Peter Hahne kein Mann Gottes, würde er sich nicht für die Sache des (Selbst-)Gerechten einsetzen. Wer sich nun über die Worte des Mißfelders aufrege, wer nun den moralischen Zeigefinger schwenke, der sei nichts anderes als ein Gutmensch. Solche Stimmen kennen wir üblicherweise aus Kreisen der Republikaner, der NPD und der DVU, die jeden als Gutmenschen abtun, der sich gegen die zweifelhaften Thesen dieser nationalen Einheitsfront stellt. Wenn man deren Ansicht nicht wahrhaben und akzeptieren will, wonach beispielsweise ausländische Mitbürger die Kriminalitätsrate Deutschlands derart in die Höhe treiben, dann ist man ein unverbesserlicher Gutmensch, der an multikulturellen Irrtümern festhält, nur um im bequemen Genuss zu leben, ein "guter Mensch" zu sein. Diejenigen, die Mißfelder nun entgegentreten sind Gutmenschen, Hahne geht noch weiter, es sind "weichgespülte PC-Politiker" (PC = political correctness). Es ist freilich keine Überraschung, wenn sich Männer Gottes, ob nun Kleriker oder Theologen ist einerlei, nicht für die Sache der Entrechteten und Geknechteten einsetzen - so etwas hat das Abendland immer wieder erlebt, häufiger erlebt als andersherum. Aber es verdeutlicht doch immer wieder, wie man Ideologien zum Machtmißbrauch heranziehen kann, selbst wenn diese Ideologien direkt vom Machtzentrum abgeschnitten sind. Mit seiner kuschelweichen Sonntagsrhetorik lobt Hahne Mißfelder, zieht sogar Sarrazin als Musterbeispiel heran, auch Steinbrück erhält Lob - man muß fürchten, dass dieser Prediger viele Menschen erreicht, wenn er das Repertoire seiner theologischen Verbalgiftküche gebraucht. Und am Ende steht die Erkenntnis, Politik sei Lebenshilfe, weshalb der praktische Ratschlag dazugehöre. Aber dass das alles nicht zu praktisch werden darf, erzählt uns Hahne irgendwann in den nächsten Wochen, wenn er uns erklären will, dass die Regierung nicht zu praktisch Steuern für Besserverdienende oder Unternehmen erhöhen darf, weil zuviel praktische Staatsintervention purer Sozialismus sei, die gesamte Wirtschaft zu Boden ringe - eine Wirtschaft, die nun am Boden liegt, obwohl seit Jahren Steuern gesenkt wurden. Aber das wäre ja Logik, die hat im theologischen Kosmos nichts zu suchen.

Kurzum: Wir, die wir uns entrüsten, sind Gutmenschen, die den wahren Wert des Herrn Mißfelders nicht erkannt haben. Der liebevolle Kinderfreund und Kinderbuchautor hat nur praktische Ratschläge erteilt, habe sich damit als Politiker empfohlen, weil er auch unbequeme Wahrheiten ausspricht - (Man spricht nicht von Thesen oder Ansichten, sondern von Wahrheiten. Mißfelders Auswurf ist bereits zur Wahrheit geworden. Die Wahrheit, dass Leistungsbezieher saufen und rauchen, ihre Kinder vernachlässigen und das Sofa dauerbelagern.) - und sich durch der Gutmenschen Intervention nicht aus seinem Konzept bringen läßt. In all dem ist wiederum ein Wandel zu spüren, wiederum eine Verschärfung der Zustände, die auch schon vor der Krise ein unerträgliches Maß angenommen hatten. Vor einiger Zeit mußte man sich für solche Aussetzer entschuldigen, auch wenn dies nur pro forma, ohne Inhalt, nur Floskel war. Heute laufen die Gazetten zur Höchstform auf, einen solch elitären Schwachkopf in Schutz zu nehmen, ihn aufzupolieren, ihn zum mutigen Vordenker zu küren.

Man feiert die Sozialdarwinisten und es ist eine Frage der Zeit, bis man härtere Maßnahmen als willkommene Vorschläge zur Behebung des Problems feiert; es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die heutigen Worte verhallen, nur um dann zu Taten geworden zu sein. Wenn erst der "unnütze Esser", in Zeiten des vorgeschlagenen Hamsterkaufens, zur Parole geworden ist, dann ist die Drosselung der unnützen Esser keine Utopie mehr...

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Wegbereiter

Samstag, 21. Februar 2009

Die bundesdeutsche Gesellschaft muß keine Angst haben, muß sich nicht fürchten, dass eine aufblühende Wirtschaftskrise die Sitten verroht. Die Furcht, wonach eine zunehmende Pauperisierung der Massen, immer mehr in wirtschaftliche Nöte geworfene Menschen, anwachsende Heere von Arbeitslosen, um ihren Besitzstand bangende Unternehmer, das Land derart herabziehen würden, und das nicht nur wirtschaftlich sondern auch moralisch, ist hierzulande völlig unbegründet. Verrohte Zustände erleben wir schon seit Jahren, brauchen gar keinen vorbereiteten Boden mehr, sondern haben sich den Boden schon selbst aufgelockert.

Vor diesem Kontext, vor dieser schon längst gemachten Tatsache, muß man auch Philipp Mißfelders verbale Menschenschlächterei sehen. Er nutzt eben nicht die (relative) Verelendung aus, um seinen herablassenden Sozialdarwinismus zur Schau zu stellen, einen Sozialdarwinismus, den er ja schon vor einigen Jahren an den Rentnern dieses Landes ausgespieen hat, sondern er folgt dem längst zu Prinzip gewordenen Muster, stetig und beharrlich Spitzen gegen jene auszustoßen, die der Gesellschaft Kosten verursachen, die im Jargon antiquierter Rassenlehre "Ballastexistenzen" genannt wurden. Das waren nicht nur jene, die kosteten, sondern vorallem diejenigen, für die zwar zu zahlen sei, die aber angeblich nebenher ein reges und unsittliches Leben führten, die also soffen und Rauschmittel konsumierten, die ständig wechselnde Sexualpartner hatten und viele Kinder in die Welt setzten.

In dieser Tradition deutscher Wissenschaftlichkeit steht nicht nur Mißfelder. Womöglich müssen wir ihn als irrgeleiteten Jungen sehen, der sich mit solchen Sprüchen wieder einmal Meriten verdienen wollte, der glaubte, mit starken Floskeln seinen Ahnherrn zu gefallen. Nicht seinen Ahnherrn in grauer Vorzeit des deutschen Reiches, sondern die noch viel antiquierteren Ahnherrn, die aktuell auffallen, schon seit Jahren ihr menschenverachtendes Geschäft betreiben und mit Erwerbslosen umgehen wie mit Resten, die man auf den Müll werfen darf. Die BILD-Zeitung, euphemistisch wie eh und je, reiht vier solcher Chauvinisten auf, benennt sie als solche, die "auch schon mal aneckten". Dass man bei dem, was man umgangssprachlich "anecken" nennt, eine Situation meint, bei der zwei relativ gleichstarke Positionen aufeinandertreffen, so dass im übertragenen Sinne Ecke an Ecke steht, wird hier künstlich als Motiv erzeugt. In Wahrheit haben aber jene Personen, Hartz IV-Empfänger, keine Möglichkeit auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren, weil ihnen die Medien nur offenstehen, wenn sie zugeben zu betrügen, nicht arbeiten zu wollen oder wenn sie ihre acht Kinder präsentieren möchten, die sie mit sieben verschiedenen Männern gezeugt haben.

Was die BILD als Galerie präsentiert, ist keine feine Aneinanderreihung von Aneckenden, sondern eine Horde von Subjekten, die willentlich und mit Kalkül ein Klima in diesem Land erzeugt hat, welches Arbeitslose als Prügelknaben und letzten gesellschaftlichen Dreck ermöglichte. Wenn ein SPD-Politiker öffentlich verkündet, dass mit Waschen und Rasieren ein Arbeitsplatz offensteht, dann ist das Ressentiment vom stinkenden und dreckigen Arbeitslosen in den Köpfen angekommen; wenn ein anderer Sozialdemokrat als These in den Raum wirft, dass Untergewicht das kleinste Problem von Arbeitslosen ist, dann ist für den unkritischen Menschen gewiss, dass dicke Arbeitslose der Regelfall sind; wenn ein liberaler Geck meint, Arbeitslose könnten Ratten sammeln und damit Geld verdienen, dann gibt man solchen Stammtischbrüder Vorlagen, die Arbeitslose sogar in Arbeitslager stecken würden, wenn sie nicht jede, aber wirklich jede Arbeit annehmen; wenn ein ausgebleichter Grüner vom fressenden und saufenden Schmarotzern auf Sofas fabuliert, dann nährt er den guten deutschen Traditionalismus in dieser Frage, der als (zunächst) finale Antwort die Sterilisation parat hatte.

Kurzum: Das sind keine Herrschaften die aneckten. Das sind knallharte Sozialdarwinisten, die sich in einem Moment geistiger Umnachtung, einem Thanatos der eigenen Machtgier vielleicht, dazu verleiten ließen, ihren wahren, tiefsten und innersten Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Anecken wäre verzeihlich, zielgerichtete Hatz ist es nicht.

Es geht in diesen Tagen nicht um Mißfelder. Soviel der Ehre hat diese Karikatur eines Berufspolitikers gar nicht verdient. Es geht darum, dass die Verrohung schon seit Jahren fester Bestandteil der Sozialpolitik ist, und es geht darum, dass eine lang anhaltende Krise zu bitteren Rückgriffen in der deutschen Geschichte führen kann. Es ist nicht damit getan, einen neuen Tyrannen zu vermeiden, denn bereits in der Weimarer Republik wurden Stimmen laut, die mehr Härte gegen Schmarotzer forderten. Wäre Hitlers Kanzlerschaft nie Wahrheit geworden: Wer weiß wie die Vertreter der ersten deutschen Demokratie reagiert hätten, wer weiß, ob nicht sie Zwangslager und Reichsarbeitdienst entworfen hätten. Man braucht keinen Tyrannen und keine rassisch motivierte Ideologie - es reicht Mißfelders, Becks, Metzgers, Sarrazins und Schmidts zu haben, die wie der steten Tropfen den Stein höhlen, die immer wieder verheilte Wunden aufreißen, immer wieder Wege bereiten, die wir dann vielleicht eines Tages, wenn ethisches Denken noch weniger als heute wert ist, zu gehen bereit sind.

Mißfelder ist nur Auswurf dieses Denkens, ist kleiner, unbedeutender Teil eines Mechanismus, der lebensunwertes Leben vielleicht (noch) nicht beseitigt wissen will, aber zumindest kontrolliert, in geordnete Bahnen gelenkt sehen möchte. Mit euphemistischem Anecken kann man das nicht gleichsetzen; man darf es auch nicht. All jene, die des Denkens noch mächtig sind, müssen diese Mißstände formulieren, aber schonungslos und ohne falsche Sachlichkeit. Wer Menschen derart herabwürdigt, wie es diese exemplarischen Herren taten, vielleicht wieder tun werden, der hat keine Sachlichkeit verdient. Wenn Gedanken erstmal zu Worten wurden, dann werden Worte eines Tages auch zu Taten - derjenige, der offen eine solche menschenfeindliche Meinung vertritt, der bereitet demnach schon die Tat vor; der ist Mörder und Lagerleiter im Geiste. Da darf man keine falsche Freundlichkeit an den Tag legen, muß die Dinge beim Namen nennen - wo Menschen unterdrückt und entwürdigend behandelt werden, da darf man sich einfach nicht zurückhalten. Wenn man solche demnach als Anecker bezeichnet, egal wer das im aktuellen Falle tat, ob BILD oder ein verirrter Leser dieses Blattes, ob die TAZ oder ein Stammtischbruder, der bagatellisiert die Misere, der macht sich zumindest geistig mitschuldig...

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Der Großinquisitor

Freitag, 20. Februar 2009

Wie kannst du dich nur trauen, nach sovielen Jahren wieder aufzukreuzen? Und das just in dem Moment, da wir im Begriff sind, mittels deiner Lehren und Einsichten den Laden zu übernehmen. Wir berufen uns auf dich, auf die soziale Marktwirtschaft, benutzen dein Gesicht für Werbezwecke, die obligatorische Zigarre, das zerknauschte Gesicht, die in Falten gehüllten Wesenszüge des gealterten aber weisen Staatsmannes, die in deinem Antlitz deutlich werden – du bist unser Kapital. Und dann tauchst du auf, suchst dir einen öffentlichen Platz und beginnst Reden zu halten, die die Menschen nur verwirren. Nein, sag' nichts, antworte nicht. Ich habe heute schon genug von dir gehört, als du die Massen mit deinem fränkischem Dialekt aufgehetzt hast.

Die Marktwirtschaft habe den Menschen zu dienen. Nur eine solche Marktwirtschaft sei sozial. Der Staat dürfe intervenieren, damit er die Rolle des nützlichen Idioten ablegt und für das Wohl aller Bürger sorgen kann. Was du den Menschen da verkündet hast, dieses heilige Wort aus anderen Tagen dieser Republik, verwirrt uns die Massen. Verstehst du das nicht? Sie werden sich fragen, warum der Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft so anders predigt als seine Jünger. Sie werden uns, damit alle Kultur, alle Zivilisation, jeden Fortschritt hinwegfegen, nur weil wir uns in den Lehren nicht einig sind, keinen lebenswichtigen Dogmatismus an den Tag legen. Lächel' nur, du Unerwünschter, wärst du doch nur dort geblieben, wo du warst!

Ich gebe es ja zu, es hört sich alles fein an. Und auch wir, die wir uns auf dein Lebenswerk stützen, sogar Initiativen für neue Modelle sozialer Marktwirtschaften entworfen haben, wollen ja Wohlstand für alle Menschen. Aber mit Umverteilungen und solchen dem Privateigentum feindlich gesonnenen Irrlehren, werden wir das nicht umsetzen. Nicht, weil wir glauben, es führte nicht zu mehr Gleichheit und sozialer Sicherheit, ganz im Gegenteil. Es geht uns nur darum, die Leistungsfähigen, diejenigen die Geldberge verdienen, zu schützen, deren Leistungsfähigkeit zu adeln. Wenn wir da umverteilen, wenn wir solchen das Geld entwenden, um irgendeinen dahergekommenen Straßenfeger zu alimentieren, dann stellen wir beide auf eine Augenhöhe. Willst du das? Haben wir dich verkannt? Warst du etwa doch einer aus den roten Horden?

Wir haben Gegenmodelle entworfen, wollen den Sozialstaat anders gestalten. Und in aller Bescheidenheit sei gesagt, dass uns das schon gelungen ist. Eigeninitiative nennen wir das, oder Eigenverantwortung. Wir animieren die Menschen, nicht auf Umverteilungen zu warten, sondern selbst Sicherheiten zu schaffen, selbst zu sparen, sich zu versichern. Ja, wir haben es so weit gebracht, dass die Menschen an der Umverteilung sogar etwas Widerliches vermuten, etwas dem Menschsein diametral Entgegengesetztes. Da nimmt sich deine heutige Predigt bescheiden aus, geradezu anachronistisch – aber Anachronismen sind gefährlich. Du hast heute Brennstoff verkündet, du Biedermann mit Zigarre; du zündelst am Gefüge, machst uns die Menschen abtrünnig.

Dabei haben die Menschen mittlerweile ein anderes Bild von dir. Als du von uns gegangen bist, da haben wir langsam das Ruder übernommen, haben uns den guten Namen deines Lebenswerkes gesichert, dein Bild zu einer Art Ikone umgedeutet. Alles was wir den Menschen verkündeten, alles was wir ihnen als Botschaft mit auf dem Weg gaben, war immer von deinem Bild flankiert. Du warst unser bester Werbeträger, hast unserem Treiben ein sonniges Gemüt verliehen. Deine ausgestrahlte Weisheit, deine Integrität war unser Kapital. Und nun bist du aufgetaucht, wirbelst unseren Laden durcheinander, ruinierst unser Werk. Wir brauchen dich nicht, du hättest nicht zurückkehren müssen, wir können das Geschäft auch alleine führen, ohne dich; sogar viel besser ohne dich; nein, nur ohne dich. Mit dir ist es unmöglich, denn deine Absichten scheinen wirklich nur Humanität zu sein, antiquierter Altruismus. Aber damit kommen wir nicht weiter, denn er hindert den Markt an der Entfaltung.

Und der einzige soziale Markt, du hättest es besser wissen sollen, ist der freie Markt. Die unsichtbare Hand ist sozial, auch wenn man das auf Anhieb nicht erkennt. Was du predigst in die Erfüllung menschlicher Sehnsucht auf die Schnelle, eine temporäre Erfüllung, weil alle Humanisierung des Marktes zwangsläufig auf Enttäuschungen stößt. Das tut der freie Markt auch, kein Zweifel; der selbstständig gewordene Markt erfüllt nicht jedermanns Traum. Aber wir lügen den Menschen wenigstens nichts vor. Und über kurz oder lang regelt der Markt die Bedürfnisse von alleine, auch wenn zunächst vielleicht sogar Menschen sterben müssen. Sie sterben nicht umsonst, sondern zur Erfüllung einer sozialeren Ordnung. Wenn da der Staat eingreift, wenn er dieses naturwissenschaftliche Phänomen mit seinen Chemikalien, seinen Steuern und Umverteilungsmechanismen also, beeinflußt, dann erzielt er vielleicht kurzfristige Erfolge, sichert sich dadurch die Akzeptanz der Menschen, aber irgendwann wehrt sich die Natur und sie muß dann drastisch ausmerzen, wen und was zum Mitziehen und Mitschleppen sie nicht mehr in der Lage ist - ein Pyrrhussieg also.

Wir Jünger deiner Lehre wußten immer, dass du da sozialromantisch veranlagt warst. Du kamst ja auch aus einer Generation, die an die Macherqualitäten des Menschen glaubte, die nicht einsehen wollte, dass sie der Natur bedingungslos ausgesetzt ist. Ihr habt doch geglaubt, die Erde sei euch untertan, ihr könntet die Welt grenzenlos manipulieren und beeinflussen. Aber ihr habt euch getäuscht, du hast dich getäuscht. Der Markt ist ein natürlicher Kreislauf, er läßt sich nur ertragen, nicht beeinflussen; man braucht ein stoisches Gemüt, um die Verwerfungen des Marktes, um die kleinen Ungerechtigkeiten, auch die großen freilich, als evolutionäre Notwendigkeit zu begreifen. Unsere Generation hat das begriffen, hält sich daher vornehm zurück, läßt der Natur ihren Gang. Wir wußten immer wie du dachtest, haben nach und nach aber bewirkt, dass dieses humanistisch geprägte Denken deinerseits aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Du wirst nun sicherlich behaupten, dass wir deine Jünger nicht länger sind, weil wir nur den Namen, nie aber die Inhalte übernahmen. Nein, sag' nichts, ich ertrage dieses blasierte Herummenscheln nicht. Laß' mich für dich antworten: Mag sein, dass daran etwas Wahres ist, aber wir sehen es anders, differenter, realistischer. Du hast das Grundmodell geliefert, den guten Namen, unter dem wir uns einrichten konnten. Und dann hat dein System sogar noch eine ganze Weile funktioniert. Ein Glücksfall für dich, ein Glücksfall für uns. Wir haben ausgehöhlt, was uns nutzlos erschien, und durch bessere, handfestere, naturwissenschaftlichere Dogmen ersetzt; wir haben dein Lebenswerk reformiert und einer Revision unterzogen. Was heute als soziale Marktwirtschaft gilt, lebt von den feinen Erinnerungen an das Wirtschaftswunder, aber auch von unseren neuen Inhalten. Wir benutzen den Namen deines Werkes, benutzen deinen persönlichen Namen, benutzen sogar einschlägige Textpassagen aus deinem famosen Schaffenswerk – aber all das hat mir dir wenig zu tun, vielleicht gar nichts. Aber du bist unsterblich, merkst du das? Nicht weil deine Lehren noch aktuell wären, sondern weil wir uns deiner angenommen haben. Verurteile uns also nicht, sei dankbar für den Ruhm, den wir dir zugeteilt haben - selbstlos zugeteilt haben. Der Meister hat erst die Jünger geprägt, damit dereinst die Jünger ihren Meister umzudeuten vermochten. Dir geht es da nicht anders wie Jesus oder wie Marx.

Und wir haben die Menschen schon weit gebracht, sehr weit. Sie beten unsere Parolen nach, in jeder Fernsehsendung sitzt einer unserer Vertreter, in jeder Partei, in jedem Unternehmen sowieso. Im Radio laufen unsere Schlagworte rauf und runter, in den Zeitungen stehen Artikel aus unserer Feder; Studien werden von uns in Auftrag gegeben und wie gewünscht geliefert. Wir haben es beinahe geschafft, das Volk liegt uns zu Füßen - Widerspenstige gibt es freilich immer. Aber letztere sind in der Minderheit und wir haben bewirkt, dass Medien über solche Elemente nicht zu ausgiebig berichten. Das ist soziale Marktwirtschaft, so wie du sie dir nie hast denken können. Unsere Marktwirtschaft wird verinnerlicht, wird zum dominierenden Gesetz; dein Vorläufermodell, zweifellos wichtig, zweifellos existenziell notwendig für deine Jünger, war nur ein gelebtes Modell, ein akzeptiertes Modell solange es Erfolg hatte, ein Modell welches keiner in seinem Innersten trug, niemand verinnerlicht hatte qua Lehrsätze und Dogmen. Deswegen konnten wir es auch so spielend abändern, ohne dass uns Gegenwehr von der Bahn gebracht hätte. Die Menschen glauben doch heute, dass du es warst, der Eigenverantwortung und Staatsrückzug gepredigt hat; sie glauben unsere naturwissenschaftlichen Wahrheiten ebenso – und wir haben dir diese Ehre zum Geschenk gemacht. Du bist der Messias der Bewegung, aber was du heute vor den Massen gepredigt, was du ihnen da an Flausen in den Kopf gesetzt hast, das war wenig messianisch.

Wir wollten dich noch heute in ein Flugzeug nach Afghanistan setzten, dich außer Landes fliegen; wir verbrennen heute ja niemanden mehr auf dem Scheiterhaufen – auch unsere Zeit kennt Rückschritte. Du kannst es Sentimentalität nennen, dass wir davon absehen. Wir können dich nur warnen, weiterhin so aufzutreten. Tust du es doch, ich bin bester Zuversicht, dass unsere Medienmaschinerie auch dich in Grund und Boden trampelt, auch wenn du die zentrale Leitfigur unserer neuen Marktkultur bist. Wir pfeifen und die Nachrichtensprecher machen Männchen; wir werfen das Stöckchen und die Quatschtanten aus politischen Sendungen bringen es uns hechelnd zurück; wir ziehen an der Leine und die Journalisten werden vor ausufernder Berichterstattung zurückgehalten, egal wie sehr sie des zugeschnürten Halsbandes wegen auch winseln. Du schadest dir mit deinen Auftritten nur selbst, denn die Menschheit rettest du nimmermehr, die Bürger dieses Landes sind derart in unserer Hand, dass du am Ende wie ein altertümlicher Spinner aussiehst. Frag' jene, die täglich gegen uns anschreiben; gehe hin und frage sie, sie erzählen dir wie es ist, gegen uns, den zur Institution gewordenen Zeitgeist, anzugehen. Gehe lieber wieder dorthin, wo du warst, wo immer das auch war. Bleib den Menschen in guter Erinnerung, bleib uns dienlich. Davon haben alle mehr. Die Lebenden ihren Wohlstand, die durch den freien Markt Sterbenden die Gewissheit und Ehre für den sozialen Fortschritt zu sterben, und du, du hast die Ehre unser Messias bleiben zu dürfen.

Wir brauchen dich nicht mehr, du bist überflüssig geworden. Was an dir wertvoll war, das haben wir uns gesichert, haben wir in schöne Schablonen gegossen, haben wir kultiviert. Viel war es nicht, aber es war nützlich. Keiner hatte die Reputation, die du einst hattest. Wenn wir heute feststellen, du habest bereits vor fünfzig Jahren gepredigt, was wir heute als unumgängliche Notwendigkeit deklarieren, selbst wenn dein damaliger Ausspruch aus dem Zusammenhang gerissen wurde, gilt es als Offenbarung. Die Menschen verbeugen sich dann vor dir, nennen dich einen Propheten, eine große Gestalt der Geschichte, einen Allwissenden, jemanden der Visionen hatte, die erst jetzt, unter der Fuchtel seiner Nachfolger, wirklich und wahrhaftig zur realpolitischen Wahrheit werden. Du bist uns nur als schemenhafte Erinnerung nützlich, so wie der Kirche nur ein Abbild eines Gottessohnes dienlich ist. Nach und nach hat man die Komponente des jüdischen Sozialrevolutionärs aus den Gedanken der Menschen getilgt. Heute ist der Jude Jeschua ein Religionsstifter, der er nie war, heute ist er kein Revolutionär mehr und seine Liebeslehre wurde ebenso verwässert. Du bist also in besten Gesellschaft, solltest dich nicht grämen.

Aber wisse, dass du unnütz geworden bist. Deine nützliche Phase ist passé, Geschichte, aus und vorbei. Was du zu sagen hattest, hast du schon gesagt in deinem vormaligen Leben. Wärme die Brühe nicht nochmal auf, revidiere deine Rückkehr, denn deine Mission war schon vor Jahrzehnten erfüllt. Und nun gehe, predige meinethalben, mach dich lächerlich, alter Mann. Wir werden leugnen, dass du der bist, für den die Menschen dich halten. Du wirst ein irrgewordener Greis sein für unsere Presse, du wirst nicht der sein, der das Fundament gegossen hat. Der ist lange tot, und hätte weiterhin tot bleiben müssen. Du hast versucht Einfluss zu nehmen, aber mit dir werden wir spielend fertig, leichter als mit allen anderen Kritikern. Denn dein öffentliches Bild ist derart gefestigt, dass dich keiner für den Vater der sozialen Marktwirtschaft halten wird - du wirst ein Romantiker sein, ein Querulant, mehr nicht! Predige und werde vergessen; schweig und werde ewig in den Köpfen der Menschen bleiben.

Und nun geh' mir aus den Augen...

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Bürgerliche Zivilcourage

Donnerstag, 19. Februar 2009

Täglich mehrmals warnt die örtliche Radioanstalt Ingolstadts vor sogenannten Blitzern, was soviel bedeutet wie: sie warnt vor allgemeinen Verkehrskontrollen. Hierzu sind die Hörer aufgerufen, eine bestimmte Telefonnummer zu wählen, um den Ort des Geschehens zu benennen, um alle daran teilhaben zu lassen, nur nicht die Polizei. Notorische Raser werden folglich durch die Allgemeinheit gewarnt, drosseln aufgrund redaktioneller Warnungen die Geschwindigkeit, entkommen einmal mehr einer Geldstrafe oder einem Fahrverbot, werden nicht zur gebotenen Vernunft gebracht, wähnen sich in Siegerpose, glauben einmal mehr immer davonkommen zu können. Man kann getrost behaupten, dass der örtliche Radiosender eine der größten Verkehrsgefahren dieser Stadt ist, so wie wahrscheinlich diverse Radiosender dieser Republik in ähnlicher Weise Gefahrenquellen darstellen.

Freilich könnte man nun einwenden, dass viele Verkehrkontrollen, insbesondere das Blitzen in schwer wahrzunehmenden Tempo 30-Zonen Gängelung ist, alleine einem ökonomischen Prinzip folgen, nämlich das Säckel der Stadtkasse zu füllen. Aber gerade diese Unterscheidung zwischen Sinn und Unsinn, zwischen angebrachter und drangsalierender Kontrolle wird vom Radiosender nicht vorgenommen; vielmehr ist es so, dass vor polizeilichen Fotografen auf gefährlichen Haupt- und Landstraßen gewarnt wird, dort wo es offenkundig ist, welche Geschwindigkeit einzuhalten sei, wo man also nicht überrascht in die Falle tappen kann. Und da man hier in jener bayerischen Großstadt mit dem höchsten Verkehrsaufkommen lebt, daher die Gefahr der Verunfallung sowieso schon erhöht ist, gefährden passionierte Bleifüße die anderen Verkehrsteilnehmer beträchtlich und verschärfen das schlechte Klima auf Ingolstadts Straßen. Eine Gefahr, die durch die Unbedachtheit des Radiosenders unterstützt und mutwillig ausgebaut wird.

Man hat es hier mit einem Sender zu tun, wie man ihn in diesem Lande zuhauf findet. Vornehmlich wird unkritisch berichtet, vorallem auch über die Geschehnisse in der Region. Wenn der amtierende Bürgermeister zum Schaeffler-Boy wird, der Milliarden zur Rettung des Maschinenbauunternehmens gesichert wissen will, dann wird es so hingenommen. Kritik findet nicht statt, eine kommentierende Rubrik, gleich einem Feuilleton, existiert nicht. (Natürlich muß ein Medium objektiv berichten, aber das gilt eben auch für die Negation des Geschehens. Wenn ein Bürgermeister sich für eine Milliardenspende für ein Unternehmen ausspricht, dann müssen auch die Kritiker dieses Denkens zu Wort kommen.) Es ist, auch wenn er locker und flockig daherkommt, nervtötende Moderatoren mit optimistischen und immerfröhlichen Sprüchen und schlechten Witzchen auf Sendung schickt, ein bürgerlicher Sender; keine Informationsquelle, sondern ein Zubringer von herrschenden Botschaften. In diesem Kontext ist auch das Warnen vor Verkehrskontrollen zu sehen. Auch wenn die Redaktion vielleicht gar nicht willentlich die Absicht hegt, so steckt doch ein Mechanismus dahinter, eine stille Konditionierung, die den Sender zu einer derart unkritischen, unbedachten und teilweise gefährlichen Haltung hinreißen läßt.

Was dahinter steckt ist die zweifelhafte Zivilcourage bürgerlicher Färbung. In dieser ist alles zu bekämpfen, was dem Bürger an den Geldbeutel will. Und wenn dieses Etwas eine staatliche Einrichtung ist, Polizei oder Finanzamt, dann ist jeder Widerstand, egal wie fadenscheinig, wie gefährlich und wie sehr auch falsche Kreise davon profitieren, ein Gebot der Bürgerpflicht. Auch wenn die Mehrzahl der Verkehrskontrollen durchaus sinnvoll sind, es ist der bürgerlichen Courage einerlei, sie will nicht im Fall der Fälle bezahlen, sie will sich den Griff in den Geldbeutel ersparen, glaubt daher in medialen Warnungen, in dieser Vergesellschaftung des Warnsystems, einen befreienden und autonomen Charakter entfesselt zu haben, ein Spiegelbild des politisierten Bildungsbürgers, des citoyens abzubilden. Dahinter steckt der Bürgerlichen Phobie, dass alles, was vom Staate kommt, etwas Teuflisches, Hinterlistiges, Anachronistisches darstellt - ein Staat, den sie als abstrakte Größe sehen, dem sie nicht zugehörig zu sein glauben.

"Der Staat" und seine Institutionen sind Ausdruck von Freiheitsberaubung, er fesselt die Leistungsfähigen an den Pöbel, ist daher immer ein obskures Etwas, das eigentlich zu verdammen wäre. Doch so einfach ist es nicht, denn jene Kreise die den Staat als Leviathan brandmarken, als fressendes Ungetüm, als Vernichter der Freiheit, sehen nur in finanziellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Fragen den staatlichen Makel. Sichert der Staat ihnen aber Privilegien, baut er ihnen benötigte Infrastruktur, installiert er für sie Schwimmbäder und Theater, fährt er ein Polizeiheer zum Schutz vor andersdenkenden Demonstranten auf, schickt er Militär ins Ausland, um gesellschaftliche Interessen zu wahren oder wiederherzustellen, dann ist der Staat erwünscht und beliebt. Deutlich erkennt man dies in den derzeitigen Betteleskapaden großer Unternehmen, die sich jahrzehntelang mit Abscheu von allem Staatlichen abwandten, die Unternehmenssteuern für einen sozialistischen Anachronismus hielten und nun um Steuereinnahmen winseln, die sie zu leisten nicht bereit waren und wahrscheinlich auch in Zukunft zu leisten nicht bereit sind. Dasselbe Konzept konnte man wahrnehmen, als Unternehmen und bürgerliche Ökonomen den freien Markt zur Religion erhoben, gleichzeitig aber verkündeten, dass Straßen und Schienen vom Staat zu stellen seien, weil Infrastruktur ja Rahmenbedingung sei, die immer der Staat und damit der Steuerzahler bereitzustellen habe.

Dieses Denken dominiert auch in Nichtigkeiten, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche des bürgerlichen Lebens. Deshalb ist für den bürgerlichen Radiosender, der vornehmlich der Abrichtung der Menschen dient, sie prägen und konditionieren soll - was selbiger natürlich vehement verleugnen würde -, auch eine Verkehrskontrolle ein schwerwiegender Eingriff in Persönlichkeitsrechte, die erst ab dem bürgerlichen Geldbeutel Geltung haben. Die Maßnahme kann noch so sinnvoll sein, kann als Maxime haben, notorische Raser zur Räson zu bringen, sie zu enttarnen und zu sanktionieren, alles im Namen der Verkehrssicherheit - dem bürgerlichen Medienorgan ist das einerlei. Lieber warnt man die großen Sünder ebenso, damit die kleinen Sünder, die unbescholtenen Autofahrer, verschont bleiben. Diese Warnmentalität ist nichtigster, aber deswegen ebenso besorgniserregender Ausdruck irrgeleiteter bürgerlicher Zivilcourage. Courage geht bei den Jüngern pseudoliberaler Lehren immer erst beim eigenen Geldbeutel an - und hört dort auch wieder auf.

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De auditu

Ein Gespenst geht um in Deutschland, jeder spricht davon, viele entrüsten sich darüber, viele sehen den Untergang des Krämerlandes gekommen, erahnen schon Hammer und Sichel über den Eingangspforten deutscher Banken. Von Enteignung wird gesprochen, vom sogenannten Enteignungsgesetz; nun würde wieder enteignet in diesen Landen, gerade einmal zwanzig Jahre nach Mauerfall. Erst enteignet man Banken, dann womöglich Unternehmen, vielleicht will man sogar Schaeffler, sollte man der derzeitigen Medienkampagne zugunsten des Maschinenbauunternehmens doch noch erliegen, teilenteignen. Welch Frevel an den guten Sitten des freien Marktes!

Enteignen, enteignen, enteignen. Dieses Wort fällt in diesen Tagen oft. Es hat einen kriminellen Beigeschmack, steht im Ruch des Entwendens, Stehlens, Raubens; es klingt nach derbem Habhaftmachen, nach einem Raubzug, nach Aktivität aus der Unterwelt. In der feinen Glanzwelt der westlichen Wirtschaft gelten Verträge. Man entwirft selbige beispielsweise für Konzerne, die mittels dieses Schriftstückes ein ruiniertes Land der Dritten Welt zu nötigen in der Lage sind, Rohstoffe möglichst preiswert ausbeuten zu lassen. Dabei weist man dezent auf mögliche Konsequenzen bei Zuwiderhandlung hin - aber alles geht seinen geordneten Lauf, den Lauf derer, die sich diese Regeln ersonnen haben.

Vor dem Eigentum anderer haben jene, die nun laut vom Untergang der guten Sitten sprechen, wenig oder gar keinen Respekt - man bedenke nur die unbeschreibliche Chuzpe, mit der man Steuergelder, des Steuerzahlers Eigentum, abstauben will, um Fehlinvestitionen glattzubügeln; man denke also nur an Schaeffler und Konsorten. Geht es aber an ihr Eigentum, geht es an das Eigentum derer, die für sie Brüder und Schwestern im Geiste sind, dann spricht man nicht von notwendigen und gerechten Regeln, die ein Sanierung auf Steuerzahlerkosten mit sich bringen, sondern von Enteignung. Selbst Begriffe wie "Verstaatlichung" oder "Vergesellschaftung" werden gemieden, weil sie nicht eindeutig Stellung beziehen, eher gegenteilig, einen Hauch von Legalität durchschimmern lassen. Die "Verstaatlichung" entzieht der Möglichkeit des Staatseinstieges - (lassen wir hier beiseite, dass die Möglichkeiten gering sind, weil erstmal die Aktionäre zustimmen müssen) - den kriminellen Effekt, raubt den Apologeten des immerwährenden Eigentums die Option, den Staatseingriff als Verbrechen zu stilisieren.

Deshalb gilt es nun für die Westerwelles und Hundts, verstärkt von Enteignung und Entwendung zu sprechen, immer wieder darzulegen, dass die Kriminalität die Regierungsgeschäfte übernommen hat, das mögliche Vorgehen "des Staates" als verbrecherische Machenschaft aus Old Chicago zu deklarieren; deshalb werden die Kampagneros der sich entrüstenden Kreise auch weiterhin von "Enteignung" schreiben und sprechen, die "Verstaatlichung" als mögliche Alternative meiden. Jeder soll schließlich wissen, welch unsägliches Verbrechen an denen, die beim Steuerzahler bettelten, begangen wird.

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Geteilt und beherrscht

Mittwoch, 18. Februar 2009

Weil er seinen Lohn für zu dürftig hält, weil die Arbeitszeiten zu lang und die Arbeitsbedingungen zu schlecht sind, treibt es den Angestellten auf die Straße, treibt es ihn zum gewerkschaftlich organisierten Streik. Nun sei es an der Zeit höhere Löhne und bessere Arbeitszustände zu erzwingen. Am Rande des Geschehens steht ein Arbeitsloser, beobachtet das Spektakel, schüttelt verärgert den Kopf. Wie kann man nur in Zeiten wie diesen, in Zeiten millionenfacher Arbeitslosigkeit mehr Lohn fordern? Wieso zerstört der Angestellte mit seiner Forderung weitere Arbeitsplätze? Warum ist er nicht einfach froh, dass er überhaupt Arbeit hat?

Jener Arbeitslose geht seines Weges, verläßt diesen Ort der Demonstration, diesen Ort vermeintlicher fehlender Wirtschaftsvernunft, kehrt in seine Stammkneipe ein, auf einen Kaffee oder ein Bier. Dort angelangt beklagt er sich beim Wirt über die unerträglichen Zustände, die man hierzulande als Erwerbsloser ertragen müsse. Immer trage man den Stempel der Faulheit auf der Stirn, ja förmlich eingebrannt habe sich dieses Vorurteil, immer glauben die Menschen, man würde sich Sozialleistungen erschleichen, allerlei arglistige Täuschungen am Sozialstaat begehen. Eine in Mittagspause befindliche Alleinerziehende mokiert sich, er habe wenigstens freie Zeit, da könne man diese Vorwürfe, die ja übrigens nicht immer unbegründet sind, auch mal ertragen. Freie Zeit koste eben etwas, in diesem Falle kostet es lediglich ein zu ertragendes Vorurteil. Das sei ein gutes Geschäft, wenn man sie fragt, zumal die Arbeitslosengelder üppig auf die Konten der Bedürftigen überwiesen werden.

Abends trifft die Alleinerziehende auf ihren Vater, mittlerweile Rentner. Wieder einmal ist sie abgekämpft, wieder einmal glaubt sie die Doppelaufgabe nicht mehr bewältigen zu können. Kind und Beruf, Beruf und Kind - wie man es dreht und wendet, es paßt in alleinerziehender Weise einfach nicht zusammen. Alleingelassen werde man, wenn man alleine ein Kind erzieht und selbst die Brötchen verdient, freie Zeit für sich selbst habe man gar nicht mehr und das Geld reiche vorne und hinten nicht aus. Zwar tröstet der verrentnerte Vater seine Tochter, läßt sie aber wissen, dass sie an der Misere selbst schuld habe. Sie habe sich für ein Kind entschieden. Außerdem könne sie sich aufgrund ihrer Jugend und strotzenden Gesundheit noch selbst helfen, vielleicht noch einen Minijob antreten, um die Familienkasse zu füllen, während man als Rentner mit kleinen Bezügen und großen gesundheitlichen Einschränkungen, keine Möglichkeit der Eigeninitiative mehr habe und mit dem kläglichen Gnadenbrot auskommen müsse.

Tagsdrauf sucht der Rentner seinen Hausarzt auf, wieder einmal diverse Gelenke, die ihm schmerzend das Leben bereichern. Im Wartezimmer ein junger Bekannter, mittlerweile chronischer Kranker. Schlimm stehe es um ihn, beklagt sich der Rentner. Ständig quälen ihn Schmerzen, die Rente sei zu klein und er könne sich wegen seiner Schmerzen nicht einmal ein Zubrot verdienen. Tragisch sei das freilich, meint der Chroniker, aber man müsse auch zur Kenntnis nehmen, dass diese Leiden ja erst im Rentenalter auftraten, gegen Ende des Lebens hin, während er noch keine Vierzig ist und schon geplagt ist. Immerhin habe der verrentnerte Jammerlappen ja ein einigermaßen schmerzfreies Leben gehabt, während er sowas wie Schmerzfreiheit seit Jahren schon nicht mehr kennt.

Überhaupt liege die wahre Tragik darin, als chronisch kranker Mensch in ein Gesundheitswesen gebettet zu sein, welches einen wie eine Nummer behandelt, schlecht versorgt und nebenbei auch noch ordentlich kostet. Als kranker Mensch wisse man erst, wie schlecht es um die Gesellschaft bestellt sei, alleine schon der abschätzigen Blicke der Mitmenschen wegen. Alle anderen Jammernden pflegen in Wirklichkeit nur größere oder kleinere Luxusproblemchen. Ein im Wartezimmer mitwartender Leiharbeitnehmer, heute nicht verliehen sondern krank, fügt nur trocken hinzu, dass man als chronisch Kranker wenigstens nicht hart buckeln, seine ganze verbliebene Kraft nicht derart verschwenden müsse, wie es Leiharbeitnehmer täten. Von wegen Luxus, keinem gehe es derart dreckig wie Seinesgleichen.

Bei der abendlichen Skatrunde bricht der Leiharbeitnehmer wieder einmal, wie er es neuerdings beinahe regelmäßig tut, nervlich zusammen. Die Kraft schwinde ihm, der dauernde Arbeitsplatzwechsel, das Warten am Telefon um seinen Einsatzort zu erfahren, die oft sehr langen Anfahrten, die illegalerweise nicht einmal bezahlt werden, dazu der lächerlich geringe Lohn – alles sei ihm zuviel, alles lasse in ihm die Vermutung aufkeimen, dass es im Tode besser als im Leben sei. Aberaber, tröstet der studentische Skatbruder, er habe doch wenigstens Arbeit, wenigstens ein wenig Teilhabe am sozialen Miteinander; das dürfe man doch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Natürlich sei es nicht einfach, aber das Leben sei nun einmal so; niemand habe behauptet, dass das Leben einfach sein müsse. Optimismus würde ihm helfen, ein Lebensratgeber in Buchform könne ihm vielleicht helfen. Es gäbe immer noch Schicksale, die viel schlimmer dran seien, wird als Abschlußsatz altklug hinterhergeschoben.

Einige Tage später tritt der Student seine Praktikumsstelle an. Schon nach dem ersten Tag stellt er nüchtern fest, dass er ausgebeutet wird. Lange Arbeitszeiten, Erledigen von Arbeitseinheiten, die ansonsten keiner machen will, zudem eine mickrige Aufwandspauschale als „Lohn“. Seinem Nachbarn, einem Arbeiter, schüttet er sein Herz aus, beklagt die asoziale Gesellschaft als Ganzes und hadert mit seinem Schicksal. Auf Verständnis stößt er aber nicht. Zwar verstehe man seinen subjektiven Eindruck, aber wer etwas werden möchte, wer nach seinem Studium eine Karriere aufs Parkett legen will, der müsse eben zu Beginn kleinere, auch mal ganz kleine, Brötchen backen. Murren sei da nicht angebracht, denn der Berufseinstieg per Praktikum sei der Preis der vielleicht baldigen Karriere. Später, wenn es im Beruf vortrefflich vorangeht, bekäme man den nun fast kostenlosen Arbeitseinsatz doppelt, drei- und vierfach, achwas, zehnfach, zurückgezahlt.

Noch am gleichen Abend im Sportverein äußert sich der Arbeiter zu seinem Monatslohn. Seit Jahren übe die Branche Lohnzurückhaltung, die Kosten seien aber rapide angestiegen. Er wisse nicht mehr, wie er mit dem Lohn auskommen solle. Streiken müßte man endlich mal, richtig streiken, Generalstreik und was es da an Mittel alles gäbe. Du Träumer, entrüstet sich ein Mannschaftskollege, Angestellter einer großen Firma. Diese Lohnzurückhaltung habe ihm doch den Arbeitsplatz erst gesichert; habe ihm Arbeit gesichert, die ansonsten auch in Tschechien oder in China hätte gemacht werden können. Wenn man nun mehr Lohn fordere für „minderwertige Arbeit“, dann würde man damit faktisch Arbeitsplätze abbauen, man würde sich ins eigene Knie schießen. Mehr Lohn für Facharbeit, für qualifizierte Tätigkeiten - ja, das wäre verständlich, auch für Verwaltung und dergleichen, aber doch nicht für Arbeiten, die im Grunde jeder machen könnte, wenn er nur den Willen habe, sich seine Hände schmutzig zu machen.

Am Folgetag steht der Angestellte wieder vor dem Tor seines Unternehmens, trägt gewerkschaftliche Mützen, bläst in Trillerpfeifen, streikt für die Verbesserung der untragbaren Arbeitsbedingungen und entrüstet damit Arbeitslose, die zufällig des Weges kommen...

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Der "Think positive-Minister"

Montag, 16. Februar 2009

Wenn jemand den Bürgern wohlige Märchen erzählt, wenn jemand ihnen Heilsgeschichten und ein kleines Utopia vorbetet, wenn jemand Erleichterungen und neue Werte verkündet, wenn jemand nicht schonungslos realpolitische Sachzwänge konstruiert, die er den Menschen dann in gemäßigter Form an den Kopf wirft, dann gilt er im bundesdeutschen Politikalltag als Populist. Nach der offiziellen Lesart des Begriffes ist ein solcher Mensch verabscheuungswürdig, weil er falsche Hoffnungen schürt, in Kauf nimmt Bürger zu enttäuschen, weil er höchst unmoralisch die Notwendigkeiten verleugnet, um stattdessen eine kleine heile Welt zu propagieren.

Paradebeispiel dieser Sorte, sei ein gewisser Lafontaine, der in genau jener Weise Menschen ködert, sie einfängt und mit seinen Irrlehren gefügig macht.

Was ist aber jener adlige Spross, der nun das Wirtschaftsministerium leitet, sich täglich auf der ersten Seite diverser Tageszeitungen findet, von denen herunter er Optimismus predigt? Was ist mit seiner Aussage, wonach spätestens im Herbst der Aufschwung käme, das Jammertal durchschritten sei? Auf Fakten und Zahlen kann er sich bei letzterer Aussage nicht stützen, und selbst wenn er welche hätte, dürfte man diese nur mit äußerster Vorsicht genießen - haben doch alle Zahlenspielereien der jüngsten Vergangenheit keinen Bestand gehabt. Was niemand in dieser Phase wagt, was gar kein vernünftiger Mensch wagen kann, wagt jedoch er: Er verkündet eine Heilslehre, ein Paradies am Ende des Horizonts, verteilt kleine Stückchen Hoffnungsschimmers.

"Politisch vernünftig", werden viele sagen. "Populistisch", müßte man aber antworten. Denn des Guttenbergs Prophezeiungen sind einzig und alleine seiner Intuition geschuldet, atmen nicht wissenschaftliche Luft, sondern verteilen den fauligen Dunst jenseitiger Heilslehren, die genauso gut wahr wie unwahr sein können. Ihm geht es nur darum, sein trübes Steuersenkungsgeschäft hinter jenseitigem Optimismus zu kaschieren; auch darum, den vermeintlichen Aufschwung von seines Geistes Gnaden, hinter die anstehende Bundestagswahl zu schieben, um die Wirtschaftskrise nicht zur Gefahr für einen schwarz-gelben Wahlerfolg werden zu lassen.

Aber Guttenberg wird mit so einer fadenscheinigen, inhaltslosen Aussage nicht zum Populisten erklärt. Er ist der Presse neuer Liebling, den keine noch so schwammige Zukunftsprognose in den populistischen Ruch bringen kann.

Dies liegt vorallem daran, dass die offizielle Lesart des Populisten-Begriffes nicht jene obige ist, die auch wirklich herangezogen wird, wenn es mal wieder darum geht, eine öffentliche Person zu verunglimpfen. Populist ist man nicht, wenn man fadenscheinige und daher anzuzweifelnde Heilslehren von der Kanzel predigt – das alleine ist nicht ausreichend. Zum Populisten wird man erst, wenn man solche Heilslehren auf Kosten der herrschenden und besitzenden Kreise verkündet; wenn aus dem Kitzeln an gerechten Umständen beispielsweise ein politisches Programm wird, in welchem Unternehmen, hohe Einkommen, herrschaftliche Privilegien und dergleichen mehr herangezogen werden, um eine Umverteilung und damit gerechtere Zustände zu erwirken.

Solange der Messias aber vage These ins Land ruft, solange er optimistisch vor sich hin brabbelt, dabei aber keine Namen, keine konkreten Maßnahmen, keine Forderungen benennt, solange gilt er als vernünftiger Zeitgenosse, als Seelsorger, der den Menschen Mut zuspricht und ihnen beim Ertragen des Leides moralisch unter die Arme greift. Aber wehe demjenigen, der konkrete Vorschläge macht, der nicht nur lamentiert und im Trüben fischt, der seinen Gerechtigkeitssinn unverfrorenerweise an die Realpolitik bindet: der ist Populist, Menschen- und Rattenfänger, ein neuer Verführer.

Auch aus diesem Grunde sind die Apologeten der Think positive-Industrie heute sehr beliebt. Sie werden nie handfest, bleiben immer in milchigen Gewässern, bedienen sich allerlei Unklarheiten, deuten nebenher auf die Quelle des Verbesserungspotenzials, welche in einem selbst liegt – „Ändere dich, wenn du die Zustände nicht ändern kannst!“ – und zeitigen damit Erfolg. Würden sie konkret, würden sie verkünden, dass es Maxime des think positive sei, die Reichen und Mächtigen zur Verantwortung zu ziehen, fänden diese Taschenbuch-Populisten keine Leserschaft mehr. Der adlige Betriebswirtschafter ist ministerieller Ausdruck dieser Mentalität, schwimmt in Unkonkretheit und nährt nebenbei innerhalb dieser Gewässer das uralte Leitbild deutscher Liberaler, wonach die Steuern weiter und weiter und weiter zu senken seien. Da wird er wiederum konkret – aber auf der richtigen Seite, auf der Seite herrschender Meinungsmache.

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Sit venia verbo

"Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen! Ich denke immerhin so gut von der Menschheit, daß ich glaube, dieser Spuk wäre schon längst verschwunden, wenn der gesunde Sinn der Völker nicht von geschäftlichen und politischen Interessenten durch Schule und Presse systematisch korrumpiert würde."
- Albert Einstein -

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Der unnütze Esser

Sonntag, 15. Februar 2009

Der historische Rückgriff mag gewagt sein, man darf sich aber nicht scheuen, sich dessen zu bedienen. In diesem Lande wird viel von der Aufarbeitung der nationalen Geschichte gesprochen, alleine deshalb muß jeder rückgreifende Vergleich erlaubt und sogar erwünscht sein. Nur wenn wir das Heute am Gestern messen, können wir gefährliche Entwicklungen erahnen. Wer das Heute nur am selbigen mißt, wer ohne Vergangenheitsgeplänkel versucht ist, eine Bewertung des Aktuellen zu vollziehen, der kennt kein Vergleichspotenzial und wird daher in jeder noch so menschenverachtenden Erscheinung zunächst kaum Menschenverachtung wittern, sondern einfach den zwar vielleicht dümmlichen, aber durchaus legitimen Ausdruck des Zeitgeistes.

Dies nur als knappes Geleitwort; nun zum historischen Rückgriff. Als das nationalsozialistische Regime die sozialdarwinistischen Gedanken aufgriff, die schon seit mehr als drei Jahrzehnten in den Gehirnwindungen und Publikationen von Ärzten und Wissenschaftlern vorzufinden waren, als es dazu überging, Gedanken nicht nur aufzugreifen, sondern auch in physische Wirklichkeit zu transportieren - Sterilisationsgesetze für Kranke und später für sozial Schwache; danach sogar Euthanasie für sogenanntes "unwertes Leben" -, da wurde das nicht im Stillen vollzogen, sondern als Errungenschaft der Zeit gegenüber veralteten Positionen, wie der Nächstenliebe und dem Humanismus, gefeiert. Ein starker Staat müsse bedingungslos ausmerzen, müsse Schwache daran hindern, den ganzen Volkskörper zu versauen, indem sie selbigen mit schwachen Kindern versorgen. Um einen Konsens zu erzeugen, um Jahrgänge bedingungsloser Verfechter der Sterilisationsgesetze heranzuzüchten, war es für das Regime sinnvoll, schon Kinder im schulischen Alltag damit zu konfrontieren.

So durften sich Schüler nicht nur im Rassekundeunterricht "informieren", sondern ebenso in der Mathematik den neuen Lehren ausgesetzt fühlen. Eine Aufgabe, die so oder ähnlich in den Rechenbüchern der damaligen Zeit zu finden waren: "Wenn der Nachwuchs einer Schwachsinnigen der Volksgemeinschaft im Jahr 300 Reichsmark kostet - wieviele unterbundene solcher Schwachsinnsgeburten würden eine Sozialwohnung im Wert von 36.000 Reichsmark finanziell ermöglichen?" Bereits in den jungen Schuljahrgängen wurden Kinder auf die Positionen des Nationalsozialismus bzw. die Positionen der Wissenschaft und Medizin getrimmt; mit vorauseilendem Gehorsam widmete sich das gesamte deutsche Bildungswesen solcher praktischen Aufgabenfelder, die einerseits den Kindern Rechnen, aber viel wichtiger, andererseits unterschwellig die angeblichen Notwendigkeiten der neuen Zeit mitteilen sollten. Hat man erstmal von Kindesbeinen an vernommen, dass Sterilisation eine Normalität moderner Zeit sei, dann war das eine unumstößliche Prämisse im Leben des Heranwachsenden, die kaum mehr aus dessen Denken zu tilgen war.

Was in Volksschulen gelehrt wurde, war auch an höheren Schulen, an Gymnasien und Universitäten, Usus, wenngleich dort die Aufgabenstellungen wesentlich komplexer gewesen sein mögen. Und in späteren Jahren hat man nicht mehr nach "unterbundenen Geburten", sondern nach der Ausmerzung solcher Gestalten gefragt, besser gesagt: nach den finanziellen Mitteln, die solche Ausmerzungen ermöglichen würden. Von der "Ermordung" wurde indes kaum gesprochen, denn was heute noch die deutsche Gesellschaft hemmt, nämlich das ständige Lavieren, die Tatsache bloß nicht konkret werden zu wollen, der damit verbundene Hang zum Euphemismus, war damals Auswuchs perversester Form.

Warum dieser Rückgriff? Antwort: Egal wohin man heute auch blickt, man stellt Rechnungen auf, die die Ärmsten der Armen dieser Gesellschaft verunglimpfen. Aus dem Boden schießen freilich keine Rechnungen, die die Sterilisation heranziehen, aber Speisepläne werden errechnet, die angeblich finanziell einzuhalten möglich sind, wenn man nur möglichst diszipliniert vorgeht, sich jeden außerplanmäßigen Genuss versagt. Allerlei Stümper berechnen einseitige, oft auch widerliche Essensvorschläge, versuchen den Regelsatz als Ganzes herunterzureglementieren oder fassen ihre Berechnungen in Kochbüchern aller Art zusammen. Neuerdings entwickeln sogar Studenten - wir erinnern uns an den vorauseilenden Gehorsam des Bildungswesen von 1933 bis 1945 - Speisepläne für Langzeitarbeitslose. Das Herumrechnen an der Not der Armen ist zum Volkssport geworden. Wissenschaftler und Studenten bedienen sich dieses Aufgabenfeldes aus der alltäglichen Praxis, selbst Betroffene agieren im blinden Pragmatismus, fordern damit ein Arrangement mit den Zuständen, anstatt ihre Energie darauf zu verwenden, die Untragbarkeiten des SGB II zu verdeutlichen.

Freilich kann man jetzt einwenden, dass die heutigen Rechnungen nicht vergleichbar sind mit den Rechnungen der damaligen Volksschulen. Eins zu eins vergleichbar ist aber in der Geschichte kaum etwas, Tendenzen lassen sich aber sehr wohl deuten, gleichen sich oft auf erschreckende Art und Weise. Wenn man weiß, dass schon vor der Machtergreifung Hitlers die wissenschaftlichen Kreise Deutschlands über eine Bändigung der Massen von Schwachsinnigen und Erbkranken sinniert haben, weil sie immer noch den Irrungen des Haeckelismus folgten, die Evolutionstheorie gehörig mißverstanden, dann ist der heutige Diskurs anders, d.h. kritischer zu interpretieren. In der Diskussion der damaligen Tage, in Weimarer Tagen folglich noch, sprach man gerne von sogenannten "unnützen Essern", die die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes beeinträchtigen. Wenn es gelänge, diese "unnützen Esser" zu reduzieren, vielleicht sogar vollkommen zu beseitigen, dann würde die geschundene deutsche Nation, dieses von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges so gebeutelte Reich, endlich wieder aufstehen, mittels dann erbgesunder und rassisch einwandfreier Bevölkerung, zu neuem Glanze emporsteigen.

Heute würde niemand mehr diesen Begriff benutzen, wenngleich man nachschieben müßte, dass ihn noch niemand gebraucht - die zeitgenössische Erfahrung hat gezeigt, dass Rückgriffe in schäbigen Jargon durchaus wieder legitim erscheinen; man bedenke nur, dass ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister vollkommen ungeniert von Parasiten und Schmarotzern sprach, auch Broschüren in dieser Tonlage drucken ließ. Und auch wenn man derzeit den Begriff nicht gebraucht, so verläuft die Tendenz genau in diese traurige Richtung. Denn heute geht es (noch) nicht um die Ausmerzung "unnützer Esser", sondern um die möglichst kostengünstige Bändigung der Problemfälle. "Unnütze Esser" sollen tunlichst preiswert abgespeist werden, gerne auch mit qualitativ minderwertiger Ware. Das ist der Liberalismus dieser Zeit, der gerne generös freiheitlich tut, aber im gleichem Atemzug der Freiheit des Armen Ketten anlegt, ihn bevormundet und gesellschaftlich und politisch kaltstellt.

Der Rückgriff auf die braune Geschichte dieses Landes, aber auch auf die durch und durch braune Geschichte der deutschen Wissenschaft und Ärzteschaft, scheint nicht gewagt, sondern durchaus berechtigt. Demokratische Zustände müßten das Gegenteil dessen bewirken, was im Rahmen der "Esserfrage" derzeit veranstaltet wird; Demokratie müßte bewirken, dass man über bessere Bezüge, damit bessere Versorgung aller Menschen spricht, nicht über kostengünstiges Abspeisen der Unterschichten. Wenn in einer Demokratie eine verklausulierte und kaschierte Diskussion zu "unnützen Essern" stattfindet, dann muß man sich um den demokratischen Wert dieser Demokratie sorgen, muß sich fragen, ob das alles noch sehr demokratisch und sozialstaatlich ist, was uns da über den Weg der Medien zugeworfen wird. Wenn wir heute immer noch - oder wieder - pragmatische Rechnungen zu "unnützen Essern" anstellen, wenn wir heute Fragen stellen wie vor 70 Jahren: was hat sich dann im Wesentlichen geändert? Letztlich sind die Speiseplanberechner und Kochbuchschreiber nicht anders zu bewerten, als die pseudo-intellektuellen Kreise der Weimarer Zeit, die den "unnützen Esser" zum Schlagwort machten, der dann später zum "Schwachsinnigen, erbkranken Subjekt und Asozialen" umgemünzt wurde. Erst spricht man nämlich von Essern, dann davon, wie sie möglichst wenig, irgendwann möglichst gar nichts mehr essen sollen; erst wird das Mitessen zum Sujet, dann das "Es reicht!" und nochmals später ertönen Parolen wie "Das Essen den Leistungsfähigen!"...

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Meine Erfolgsgeschichte

Freitag, 13. Februar 2009

Die FAZ zeigt sich integrierend, möchte trotz der immer wieder auch auf ihren Seiten verbreiteten Mär von den nicht integrierbaren Türken, die sich auch selbst nicht um ihre Assimilierung scheren, gönnerhaft gegenüber ausländischen Mitbürgern gerieren, einen Aufruf für die braven Heerscharen aus dem Auslande starten. „Meine Erfolgsgeschichte“ nennt sich das FAZ-Projekt, bei dem man dazu ermutigt wird, seine persönliche Integrationsgeschichte niederzuschreiben. Dass es dabei nicht um Integration alleine geht, sondern um möglichst erbringliche Integration, um Einpassung solcher Mitbürger, die besonders stark integriert sind, weil ihr Geldbeutel voll, daher der Magen und die Bedürfnisse gesättigt werden können, liegt auch dann auf der Hand, wenn man sich das Projekt nur aus der Ferne betrachtet. Man kennt ja die konservative Presse und ihre Ideale. So lesen wir in der ersten Erfolgsgeschichte etwas über türkische Marketingleiter, eine Politologin, einen Rechtsanwalt und einen Ingenieur. Der Dönerverkäufer, der Obst- und Gemüsehändler, die vielen vielen türkischen Menschen, die hier in dreckigen und anstrengenden Arbeitsplätzen gefangen sind, damit ihren Lebensunterhalt bestreiten – wo werden die bei der FAZ erwähnt?

Es liegt auf der Hand, dass ein Türke hierzulande nur als integriert bewertet wird, wenn er ordentlich Geld verdient, wenn er damit rechtfertigt, qua seines elitären Standes, auch eine Art Aufenthaltsberechtigung erwirkt zu haben. Das ist freilich die streng konservativ-ökonomische Verwertbarkeitsposition, die ja nur ausländisches Fachpersonal und Experten in den Grenzen des eigenen Landes arbeitend wissen will, während minderwertige Arbeit ja von heimatlichen Arbeitskräften verrichtet werden könnte. Obst und Gemüse kann jeder verkaufen, aber Ingenieur wird nur ein intellektueller Geist, den man sich notfalls aus dem Ausland heranziehen muß. Konservatives Leitmotiv also, was für die Seiten der FAZ nicht überraschend ist; konservatives Leitbild, welches aber in alle Bereiche, in viele politische Lager abstrahlt.

Die FAZ möchte über Integration sprechen, möchte aufzeigen, dass man integriert ist, wenn erstmal das Säckel gefüllt, ein gewisser sozialer Status erreicht ist. Bittesehr, da kann man abhelfen, oder anders: der Autor dieser Zeilen kann abhelfen. Er fühlt sich berufen, weil er weiß wovon er spricht, weil er erleben mußte, manchmal noch immer erlebt, wie es sich anfühlt, als Ausländerkind in diesem Lande zu leben. Freilich, er kam nicht aus einem Kulturkreis, der sich qua Religion und Geschichte wesentlich von Deutschland unterschied; aber dennoch, er bemerkte schon als Kind, dass zwischen mediterranem Lebensgefühl und deutscher Monotonie ein tiefer Graben liegt. Ein Graben der durch allerlei Ressentiments noch tiefergelegt, der Zentimeter für Zentimeter unüberwindlicher wurde.

Des Autors Vater war Spanier, der 1962 nach Deutschland kam. Er war gewöhnlicher Arbeiter, fleißig und pflichtbewußt – sein Sohn hielt ihn für zu fleißig und auch oft für viel zu pflichtbewußt. Das mögen die üblichen Diskrepanzen zwischen Generationen gewesen sein. Er beherrschte die deutsche Sprache – natürlich mit Akzent, oder sagen wir: mit Akzenten, denn man spürte einerseits die romanische Betonung der Worte, aber gleichermaßen auch einen bayerischen Einschlag. Einst nannte man ihn in seiner Heimat „el moro“, den Mohren, weil er eine dunkelhäutige Erscheinung war, aber im Laufe seiner deutschen Jahre bleichte er aus – das mag mit seiner mediterranen Leichtigkeit ähnlich verlaufen sein. Freilich, er hatte weiterhin Humor; ein Humor übrigens, den nicht alle Menschen hierzulande verstanden, weil selbst innerhalb des Okzidentes verschiedene Auffassungen über das Lachenswerte vorherrschen; er hatte also weiterhin Humor, aber er nahm auch viele Facetten deutscher Gesellschaft an, verlor peu a peu sein sonniges Gemüt, machte sich Zukunftssorgen, bekam cholerische Anfälle beim Lesen der Zeitung, hätte aber niemals Obrigkeit und Traditionen hinterfragt. Seine francistische Vorprägung war unverkennbar; die Stellung der Frau war klar als Hausfrau und Mutter definiert, der Katholizismus als unkritisch zu betrachtende Institution gefestigt – man mußte es ihm nachsehen, er wurde in so einer faschistoiden Gesellschaft groß und kam nie ganz davon los, auch wenn er Franco für einen „hijo de puta“ hielt.

Der Autor wollte weniger über seinen Vater erzählen – seine Mutter war und ist Deutsche, das nur nebenbei erwähnt -, als über das Empfinden von Integration. Im Sinne der FAZ war dieser Mann aus Spanien womöglich nicht integriert, weil er nur eine Schweißerausbildung hatte, später allerlei Schlossertätigkeiten vollzog. In Wahrheit hatte er sich mit diesem Land arrangiert, auch wenn es zeit seines Lebens eine Hassliebe blieb, denn die unkritische Dummheit, das Bütteltum, welches er „Dackelmentalität“ nannte, weil er fand, dass seine deutschen Kollegen ihren Vorgesetzten, die Bürger ihren Volksvertretern immer irgendwie nachliefen wie ein Dackel seinem Herrn - richtig angekommen ist er nie. Obwohl er mit den Jahren selbst verbissen wurde, fühlte er sich nicht wohl mit der Verbissenheit der deutschen Gesellschaft, vielleicht auch, weil er wußte, dass das Verlieren seiner eigenen südlichen Leichtigkeit durch das deutsche Umfeld verschuldet war. Der Verfasser dieser Zeilen mußte trotz aller Integration miterleben, wie sein Vater immer irgendwie Fremdkörper blieb, wie er gelegentlich verachtenswert angesprochen, wie er immer wieder als der „dümmliche Ausländer“ angeschielt wurde. In einigen unverschämten Fällen, wenn fremde Menschen merkten, dass er kein akzentfreies Deutsch sprach, begann man abgehacktes, auf kurze Worte verknapptes „Ausländerdeutsch“ zu sprechen, wohl in der Hoffnung, der „Kanack“ würde dann besser verstehen. Geduzt wurde er in solchen Fällen dann sowieso, denn ein solcher „Scheißausländer“ – ja, auch das mußte man in einigen Fällen vernehmen – hat sich ein respektables Sie nicht verdient. Das fraternisierende Du ist überhaupt die ekelhafteste Masche, die man hierzulande seinem ausländischen Mitbürger eingedeihen läßt. Nicht weil es einem Frevel am Mitmenschen gleichkäme, ihn zu duzen, sondern weil die ausländerduzenden Deutschen ansonsten immer sehr viel Wert auf das Sie legen - aber eben nur, wenn man sie anspricht oder wenn sie mit Ihresgleichen zu tun haben.

Freilich, es war nie so, dass man soetwas täglich erleben mußte – aber es war nicht so selten, wie man das hoffen möchte. Traurig war es vorallem, wenn sich ein solcher Flegel öffentlich so oder ähnlich äußerte, womöglich im Supermarkt, und Menschen stürmten vorbei, hörten zu – und sahen weg. Dieses Schweigen, dieses Sichzurückhalten, es war ebenso ein Kritikpunkt an dieser deutschen Gesellschaft – wenn man am eigenen Leib erlebt hat, wie widerlich schmerzhaft es ist, wenn Mitmenschen wegsehen, sich nicht solidarisieren gegen die Dummheit und Frechheit, dann wird man sensibel, erkennt den Makel der deutschen Ignoranz, wird dünnhäutig. Aber wehe dem Ausländer, der so einen Makel offen ausspricht, der Kritiken anbringt, die nur er sehen kann, weil er den Vergleich hat, weil er sich zwischen zwei Gesellschaften oder Kulturen bewegt: er wird rücksichtslos angegriffen, wird zum Teufel verflucht und bekommt das obligatorische „Dann geh’ doch dahin zurück, wo du hergekommen bist!“ zu hören. Kritik bleibt nur dem Deutschen selbst, er darf kritisieren - aber tut es ja quasi nie.

Und der Autor selbst als Kind eines Spaniers? Ja, er spricht, so behauptet er an dieser Stelle frech, ein verständliches Deutsch – wahrscheinlich schreibt er verständlicher als er spricht, denn er hat eine Affinität zum Dialekt, spricht nicht gepflegtes, aber wohl ein umgangssprachliches Bayerisch. Er maßregelt sich in dieser Frage auch nicht, weil er glaubt, dass Sprache ein gelebtes Geisteswerkzeug des Menschen ist; Sprache wird nicht nur von Lebenden gesprochen, ist nichts Totes im Mund des Lebenden, sondern ist lebendes Werkzeug für lebende Menschen – und wenn etwas lebt, bekommt es Eigendynamik, paßt sich dem Umfeld an, wird zum verbindenden Zustand. Daher soll Sprache gesprochen werden, wie sie gerade aus dem Mund fällt. Aber das sei nur dazwischengeschoben, denn darum handelt es sich hier und heute nicht. Kritik am deutschen Lebensentwurf, die der Autor immer schon pflegte, weil er als Vergleich das Spanische heranziehen konnte (was übrigens auf viele Mängel aufzuweisen hat, angefangen bei ignoranten Liberalismus - oder liberaler Ignoranz - als Gegenentwurf zur Omnipräsenz des francistischen Regimes, bis hin zur immer wieder auftretenden Unzuverlässigkeit der Menschen), wurden auch ihm mit dem obligatorischen „Geh-nach-Hause“ beantwortet, obwohl er hier geboren ist. Man war, egal wie man seinen Mitschülern glich, immer ein Ausländerkind. In Phasen seiner Kindheit und Jugend, die ihm heute peinlich sind, hat er sich für das „Ausländerdeutsch“ seines Vaters geschämt – wenn der Vater vor Mitschülern oder Freunden sprach, dann wußte man sofort wieder, dass man es hier mit einem Ausländerkind zu tun hat, dass man zwar da ist, vielleicht auch gemocht wird, aber doch nie dazugehört. Wenn eine Gesellschaft bewirkt, dass sich der Sohn für seinen Vater schämen muß, dass seine jugendliche Unerfahrenheit dazu führt, seinen Vater gewissermaßen zu verleugnen, dann läuft etwas falsch, dann ist es zerrüttet innerhalb des Miteinanders aller Menschen einer Gesellschaft.

Heute passiert es noch, dass der Autor von Fremden kontaktiert wird, dabei der Vor- und Zuname derart interpretiert wird, daraus eine scheinbare Berechtigung abzuleiten, erstmal ein gebrochenes Stakkatodeutsch anzuwenden, weil sich hinter so einem Namen ja vermutlich ein "wildgewordener Zigeuner" versteckt. Natürlich wird das sofort zurückgenommen und eingestellt, wenn erstmal eine bayerische Antwort folgt, aber ersichtlich ist doch, dass man immer irgendwie anders, irgendwie nie ganz angekommen ist, obwohl man immer da war. Die „Erfolgsgeschichte“ des Autors? Er hat keine – sein Erfolg ist, dass er sich mit dem Nichtangekommensein arrangiert, über die Mißstände der Gesellschaft schreibt, sich jeden Tag aufs Neue den Kopf zerbricht, wie irrsinnig und stumpfsinnig diese bundesdeutsche Gesellschaft ist – vielleicht läßt es sich so sagen: Wäre der Autor jemals angekommen, wäre er womöglich ein Konformist ohne Format (womit er nicht aufschneiderisch feststellen will, dass er nun Format hätte), ein Karrierist möglicherweise, wie die vier FAZ-Türken, die Muster-Türken, die ihren pränatal fixierten Obst- und Gemüseverkaufszwang gebändigt haben, um der deutschen Gesellschaft zu gefallen. Er ist das was er ist, durch das, was er erlebt hat – es waren keine tragischen Erlebnisse, keine Erlebnisse, die ihn zum Psychiater trieben, aber es waren höchst prägsame Erlebnisse. Weil sein Vater trotz aller Integration immer ein Fremdobjekt blieb, blieb auch der Sohn irgendwie immer fremd, immer außerhalb stehend – heute ist er dankbar für dieses Abseitsstehen, heute ist die Stellung fern der Masse dasjenige, was er nicht mehr aufgeben möchte.

Nun könnte man einwenden, dass des Autors Vater nicht wirklich bereit war, sich zu integrieren. Immerhin hat er nie die deutsche Staatsbürgerschaft angestrebt, obwohl er 37 Jahre, bis 1999 als er starb, in diesem Land lebte. Und ein richtiger Deutscher wurde er nie, auch nicht im Denken, auch nicht, wenn er noch so viele Eigenarten annahm. Er wollte die deutsche Staatsbürgerschaft nicht, er war - nationaler Dünkel war ihm leider eigen - stolz auf sein Heimatland, war stolz Spanier zu sein. Seinem Sohn sind solche Stolzheiten fremd, weil er genausogut das Spermium eines Arabers hätte sein können. Nun könnte man also sagen, der Spanier blieb fremd, weil er fremd bleiben wollte. Sein Sohn sagt aber etwas anderes: Er blieb gerne fremd, weil er merkte, dass man ihn in der Fremde halten wollte; er blieb gerne fremd, weil er wußte, dass er niemals ankommen würde; er blieb gerne fremd, weil hierzulande Integration soviel wie Anpassung, Einpassung, Einfassung bedeutet, weil er seine Wurzeln hätte tilgen müssen, seine Herkunft, seine Muttersprache. Das bedenke man heute, wenn man vielen Türken vorwirft, sie würden gar nicht eingepasst sein wollen. Sie werden stolz auf ihre Herkunft, weil sie niemals stolz sein können auf ihr Dabeisein in einer neuen Gesellschaft - man läßt sie ja gar nicht Gleiche unter Gleichen sein, da wird der angebliche Makel des Andersseins zum Motiv des Stolzes.

Die Erfolgsgeschichte der türkischen Mitbürger, wie wir sie in der FAZ finden, ist nur eine ökonomische Geschichte, keine die sich mit wirklicher Integration befaßt, die bedeuten würde, dass beide Pole aufeinanderzugehen, dass das Türkische mitbewahrt bliebe, ohne dass man sich darüber aufregen müßte. Im Grunde ist diese Form von Erfolg die höchste Form des Misserfolges: diese Menschen sind Karrieristen und Konformisten, mit Integration hat das nichts zu tun. Vor 1933 war der Großteil der jüdischen Bürger in genau dieser Weise integriert, aber als die antisemitischen Grundtendenzen durch die Nationalsozialisten immer weiter angestachelt waren, da hat niemand von der Integration der Juden gesprochen, obwohl sie doch Beruf und sozialen Status hatten – wie kann man also behaupten, Beruf und Karriere seien Ausdruck von integriertem Dasein? Wer so verknappt, leidet wahrlich unter einer verknappten Wahrnehmung und betreibt ein Geschäft der Augenwischerei.

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Ansichten eines Widerständlers

Donnerstag, 12. Februar 2009

Über meine Vergangenheit wollen Sie sprechen? Nun gut, mir macht es keine große Freude, aber der neugierigen Jugend sollte man Einblicke nicht verwehren. Warum es mir keine Freude macht? Nein, nein, so ist es nicht, ich habe kein schlechtes Gewissen! Ich werde Ihnen schon noch erläutern, warum ich keines habe, gar nicht haben kann, auch nicht haben darf. Ob mein Gewissen indes rein ist, weiß ich nicht. Wissen Sie das von sich selbst, junge Frau?

Ja, ich habe vor vielen Jahrzehnten für einen Pharmakonzern gearbeitet. Mit ein wenig Glück, aber auch der nötigen Chuzpe konnte ich mir diesen Posten sichern. Ob ich Verantwortung trug? Bedingt, möchte ich sagen. Sie haben sicherlich schon recherchiert, nicht wahr? Na dann wissen Sie ja, dass ich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war, das heißt, ich trat vor die Presse, um diverse Verlautbarungen des Konzernvorstandes zu verkünden. Verantwortlich war ich für die textliche Ausgestaltung – wenn Sie das Verantwortung nennen wollen, dann können wir das gerne als „verantwortungsvollen Posten“ bezeichnen.

Ach, darauf wollen Sie also hinaus! Das ewige Thema der Generika. Ja, ich gestehe gleich, ich trat vor die Presse und verteidigte das Monopol meines damaligen Arbeitgebers. Sie werden mir nun unterstellen, Rädchen einer Mechanik gewesen zu sein, die willentlich in Kauf nahm, dass Menschen in ärmeren Ländern dieser Welt, jämmerlich an Krankheiten zugrundegingen, die bei uns, durch das Präparat unseres Pharmakonzerns, durchaus heilbar gewesen wären, nicht wahr? Sie haben damit womöglich recht, so wie Sie auch unrecht haben. So einfach ist diese Diskrepanz zwischen Sollen und Sein nämlich nicht gewesen.

Ich soll es erläutern? Gerne. Wenn Sie in Geschichtsbüchern blättern, dann werden Sie dort herauslesen können, dass damals, Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts, damals also, als ich für den Pharmakonzern tätig war, eine seltsame Stimmung in den Unternehmen herrschte. Irgendwann zählte nur noch eines: der Profit. Das war freilich auch schon Jahrzehnte vorher so, aber nicht in dieser Radikalität. Ein Mindestmaß an sozialer Verantwortung blieb vormals immer bestehen. Aber dieses Mindestmaß verschwand, man sah es plötzlich als höchste soziale Verantwortung an, den Profit zu maximieren, immer weiter zu maximieren, grenzenlos zu vergrößern. Vor diesem Kontext müssen Sie die Bereitschaft vieler Unternehmen - nicht nur der Pharmaunternehmen - über Leichen zu wandeln, ja, über ganze Leichenberge zu steigen, sehen.

Diese Reduzierung menschlicher Schaffenskraft auf Rentabilität, das Unterordnen aller anderen Faktoren, die Heiligsprechung des Profitgedankens, dominierte den Alltag im Betrieb. Wir kleinen Angestellten konnten uns dieser Logik nicht entziehen, auch wenn wir ab und an das dumpfe Gefühl hatten, dass wir nur der Spielball dieser Lehre sind, selbst unter die Walze des Rentabilitätsgedankens kommen könnten, wenn die Zeit für Einsparungen wieder einmal reif sei. Und genau dieses dumpfe Gefühl, dass sich dann in Angst verwandelte, einen Wettbewerbsdruck erzeugte gegenüber Kollegen, die ja eigentlich in der gleiche Misere steckten wie man selbst, hat es bewirkt, dass man doch mitspielte, die Logik seines Unternehmens zur eigenen Logik machte, die Entscheidungen seines Unternehmensvorstandes als eine Art „heiliges Wort“ begriff.

Sie lächeln, junge Frau. Ich befürchte, Sie verkennen den Ernst der damaligen Lage. Natürlich gab es Widerständler, die in ihren Unternehmen versucht waren, diese Radikalität entfesselten Profites nicht in ihr Denken gelangen zu lassen. Und das mag diesen Menschen sogar gelungen sein. Aber was war der Preis? Sie landeten einer nach dem anderen auf der Straße, waren ohne Arbeitsplatz, was soviel bedeutete wie: sie bezogen nurmehr eine spärliche staatliche Alimentierung. Ihr ganzer Lebensstil war dahin, nur weil sie nonkonformistisch dachten und handelten, weil sie nicht begreifen wollten, dass der eigene bescheidene Luxus nur bestehen kann, wenn er mit der Welt nicht geteilt werden muß. Das beinhaltete auch, dass man die Teilung seines Wohlstandes, also des westlichen Wohlstandes, noch nicht einmal theoretisch, in ethischen Diskussionen oder dergleichen, fordern durfte. Wer sowas tat, der machte sich verdächtig, für das Wohl seines Unternehmens nicht mehr bedingungslos zu arbeiten.

Doch, auch ich habe diesen Profittrieb verurteilt, aber ich war gezwungen dieses Denken in die hintersten Bereiche meines Gehirns zu verlagern. Sehen Sie, ich hatte damals einige Kosten zu stemmen, mußte ein Haus abbezahlen, ebenso ein Auto und hatte noch eine andere Verpflichtung, die mir eine unbedachte Nacht... naja, Sie wissen schon... eingebracht hat. Ich war niemals der Ansicht, dass man Menschen in der damaligen Dritten Welt Medikamente vorenthalten sollte, aber ich war auch nicht der Ansicht, dass ich meinen Wohlstand in Gefahr bringen, auf Unkosten sitzen bleiben sollte, nur weil ich so ungezwungen und naiv meinen Gedanken freien Lauf ließe.

Ich war mit Widerwillen dabei, als ich immer wieder vor die Presse treten mußte, um klarzustellen, dass „unser Konzern“ es sich nicht gefallen lassen würde, von „uns“ entworfene Medikamente durch räuberische Medikamentenkopierer verschleudern zu lassen. Wenn Sie sich einmal die alten Aufzeichnungen anschauen, dann werden Sie erkennen, welch widerwillige Miene ich aufgesetzt habe. Sie können ruhig aufschreiben, dass ich in gewisser Art und Weise im Widerstand war, junge Frau. Ja, schreiben Sie das...

Die Kunst des Oppositionellen lag ja gerade darin, einerseits dem System und seinen Lehren „treu zu sein“, andererseits aber versteckt dagegen anzuarbeiten. In die innere Emigration habe ich mich schon damals begeben, meine Arbeit machte mir keinen Spaß mehr, ich war lustlos, gönnte mir zum Ausgleich lange und teure Urlaube. Das war damals Widerstandsgeist, so äußerte sich das Denken der oppositionellen Zeitgeister. Die Zeiten, in denen man auf die Straße ging und Plakate hochhielt waren da ja schon lange vorbei – man war kultivierter Widerständler, versuchte das System mit blankem Zynismus auszuhöhlen. Nicht dagegen anmarschieren, sondern mitmarschieren und die marschierende Truppe irgendwie, durch falschen Marschrhythmus gewissermaßen, zu Fall zu bringen. Widerstand kommt - und kam damals auch – von „widerstehen“. Und widerstehen bedeutet nicht gleich, alles abzubrechen, alle notwendigen materiellen Voraussetzungen zu verwerfen, zum ethischen Asketen zu werden, der über Moral sinniert und protestiert. Man mußte von Innen heraus widerstehen, mußte den Anschein wahren und langsam aber sicher dagegenarbeiten, das Geschäft mit gesundem Zynismus ad absurdum führen.

Aber junge Frau, was nützt es denn, wenn man sich öffentlich entrüstet? Es ist doch nicht so, dass sich der Entrüstende damit einen Gefallen täte, er konnte damals keinen Profit herausschlagen, wenn er recht entrüstet tat... Tut mir leid, sehen Sie, junge Frau, die ideologische Verhunzung hält bei mir immer noch an. Nun sind die Zeiten, in denen ich in diese Logik des reinen und grenzenlosen Profits befolgen mußte, schon seit Jahrzehnten vorbei, aber ich bin immer noch so davon vereinnahmt, so dass ich von Profit rede, wenn es um moralische Fragen geht. Man hat damals viele Jahrgänge damit verseucht; wenn man das mit jungen Menschen tut, bekommt man das nicht mehr wegtherapiert. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Wenn man sich aus einer gesunden Position heraus entrüstet, um irgendwelchen Opfern solidarisch zu begegnen, dann schließen im Regelfall die Opfer nicht auf, landen nicht in einer ebensolchen gesunden Position. Aber andersherum, nämlich dass man selbst seine Position verliert, um selbst Opfer zu werden, da wird ein Schuh daraus, das war die Logik jener Tage. Das haben die Menschen damals erkannt, weswegen sie von Innen heraus widerstanden.

Moralische Bedenken? Weil während des stetigen Höhlens des Steines, während der Revolte vom Büro aus, viele Menschen an heilbaren Krankheiten starben? Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, auch später nicht. Meine stille Revolte lag eher darin, dass dieser Profittrieb mich einmal zum Opfer machen könnte. Revolte bedeutete für mich Besitzstandswahrung, Schutz all jener, die noch nicht Opfer sind – die Menschen in fernen Ländern, die an Krankheiten starben, an denen schon ihre Urgroßeltern starben, wußten ja nicht einmal etwas von ihrem Opferstatus. Wir Widerständler waren realpolitisch; wir wollten nicht die ganze Welt verändern, zunächst nur unsere Umwelt.

Ob ich glaube, es sei ein erfolgreicher Versuch gewesen, die Umwelt zu verändern? Wissen Sie, ich fühlte mich damals gut, weil ich meinte, ich würde kein Konformist sein, auch wenn ich wie einer aussah, handelte, sprach. Ja, ich war mir selbst wieder liebenswert – es war also erfolgreich. Man mußte damals als Revolutionär einfach kleinere Brötchen backen, bescheidene Ziele abstecken – meine Selbstzufriedenheit war Hauptziel, welches ich ja auch erreichte.

Überhaupt glaube ich, dass man Menschen wie uns, die den Irrsinn von Innen heraus bekämpft haben, viel zu wenig beachtet. Wir waren doch gewissermaßen Vordenker einer humanistischen Zeitenwende, finden Sie nicht? Wir waren Männer und Frauen der Tat, auch wenn man das nicht auf Anhieb erkennen konnte. Menschen mit Stil, die sich nicht einfach entrüsteten und protestierten, sondern sich im Rahmen der gesellschaftlichen Normen bewegten. Das sollten Sie schreiben, junge Frau, schreiben Sie, dass wir eine „verkannte Generation von Helden“ waren...

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Nomen non est omen

Mittwoch, 11. Februar 2009

Heute: "Flexibilität"
"Bundespräsident Köhler forderte die Bürger Ostdeutschlands zu mehr Flexibilität bei der Suche nach einem Arbeitsplatz auf - Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West nicht machbar."
- Wirtschaftswoche vom 11. September 2004 -


"Wir müssen erkennen, dass wir denen, die Arbeit haben, eine sehr viel größere Flexibilität zumuten müssen, um im Land insgesamt eine stärkere wirtschaftliche Dynamik auszulösen."
- Klaus von Dohnanyi in einem Spiegel-Interview, 16. Oktober 2006 -

Das aus dem lateinischen kommende Wort "flexibel" bedeutet übersetzt zunächst so etwas wie biegsam, elastisch und anpassungsfähig. Flexible Arbeitszeiten können Wochenendarbeit, Nachtarbeit, Teilzeitarbeit, Feiertagsarbeit usw. sein. Unternehmer fordern heute von ihren Arbeitskräften eine hohe Anpassungsfähigkeit – bei der Bezahlung, dem Arbeitsplatz sowie den Arbeitszeiten. Flexibel im Sinne, wie der Unternehmer es gerade braucht, um den größtmöglichen Profit herauszuschlagen. Nicht euphemistisch ausgesprochen bedeutet demnach eine hohe Flexibilität eine hohe Ausbeutbarkeit des Arbeiters. Dabei ist die Flexibilität von Arbeiter und Unternehmer nicht gleichberechtigt: der Unternehmer kann sein Hauptbüro in einer Steueroase errichten oder gleich eine ganze Fabrik in ein Billiglohnland verlagern, der Lohnempfänger ist heimatgebunden. Die geforderte Flexibilität ist also in der Regel einseitig zugunsten des Unternehmers und zum Nachteil des Lohnarbeiters.

Die Arbeiter können so ihre Freizeit immer schwerer bewußt planen. Jederzeit abrufbar und verfügbar zu sein sowie Überstunden zu leisten macht es Menschen zunehmend unmöglich, ein intaktes Familienleben zu führen und soziale Bindungen aufrecht zu erhalten. Der Soziologe Richard Sennett beschrieb in "der flexible Mensch" wie ein hohes Maß an geforderter Flexibilität den Menschen kaputt macht. Er werde zunehmend von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung beherrscht. Dieses Schlagwort ist außerdem eine neoliberale Formel, welche für die Abschaffung sozialer Errungenschaften einsteht. Lebensrisiken der Lohnarbeiter sollen privatisiert werden, damit das Unternehmen eben flexibler sei, sprich: mehr Profit machen kann. Die geforderte Biegsamkeit besitzt somit einen weitestgehend totalitären Charakter, da sie Auswirkungen auf viele Lebensbereiche zeitigt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Widersprüchlich und unkiritisch, aber doch so leicht zu lenken

Dienstag, 10. Februar 2009

Unternehmer: Unweltverträglichere Kraftfahrzeuge werfen uns im internationalen Wettbewerb zurück, rütteln an unserer Stellung als Exportweltmeister.Volk: Zur Wahrung unseres Wohlstandes sollten wir erstmal alles beim Alten belassen.

Lobbyist: Atomkraft und Braunkohletagebau sind vielleicht gefährlich bzw. umweltbelastend, aber wir müssen an unsere Wettbewerbsfähigkeit denken.Volk: Das ist schade, aber wir sind es unserem Lebensstil schuldig, weiter alles Mögliche zur Energiegewinnung zu tun.

Landespolitiker: Zur Erschließung weiterer Ressourcen müssen wir bestimmte Dörfer dem Erdboden gleich machen, wir würden ansonsten Ressourcen vergeuden.Volk: Die armen Menschen, die da ihre Heimat verlieren, aber immerhin sichert das Einstampfen solcher Dörfer Arbeitsplätze und läßt vielleicht sogar neue entstehen.

Ökonom: Wir müssen noch mehr Kraftfahrzeuge verkaufen, müssen zwei Milliarden Chinesen mobil machen, um unsere Wirtschaft florieren zu lassen.Volk: Unsere Straßen sind schon verstopft, eine Mobilmachung von aufstrebenden Ländern und Entwicklungsländern würde den Kollaps der Welt bedeuten, aber für unsere Wohlstandswahrung ist es dringend notwendig, diesem Ziel zu folgen.

Personaldienstleister: Ohne Leiharbeit im Niedriglohnsektor könnten wir den Welthandel nicht so erfolgreich bewerkstelligen.Volk: Die Leiharbeiter können davon nicht leben, aber sie sollen froh sein, dass sie überhaupt Arbeit haben; es ist ihr Einstieg in einen besserbezahlten, sichereren Job.

Global-Player: Wir dürfen „Kinderarbeit“ in Indien nicht mit selbiger in Deutschland vergleichen. Indische Kinder gelten als kleine Erwachsene, tragen zur Ernährung ihrer Familien bei. Volk: Es bringt den indischen Familien ja auch Wohlstand, wenn ihre Kinder arbeiten; und Bildung erfahren die Kinder ja so oder so nicht, dann können sie auch gleich nutzvoll eingesetzt werden.

Geostratege: Keiner will Militäreinsätze im Ausland, will Menschen bombardieren, aber wenn Ressourcen in Gefahr sind, wenn Erdgas und Erdöl von dortigen Regimes knapp gehalten oder überteuert verkauft werden, dann muß man handeln.Volk: Wir wollen ja auch keine kriegerischen Einsätze, wollen nicht, dass Menschen sterben müssen, aber was wäre denn hier los, wenn die Energiemittel rar würden?

Gesundheitsreferent: Der Flughafen X, der erst im Jahre 19xx in der Nähe des Dorfes Y gebaut wurde, hat tatsächlich zu vielen Gehörverlusten, aber auch zu psychischen Erkrankungen bei der dortigen Dorfbevölkerung geführt.Volk: Tragisch! Aber man darf auch nicht vergessen, dass ein solcher Flughafen viel Segen mit sich brachte. Immerhin entstanden dort Arbeitsplätze.

Krankenkassen: Wir können auf Dauer nicht die horrenden Kosten für chronisch Kranke schultern.Volk: Schlimme Einzelschicksale, aber man muß auch rational denken und daher ist es legitim, bei denen einzusparen, die hohe Kosten verursachen.

Jurist: Ja, die besagte Firma hat im afrikanischen Ausland für die Verbreitung ihres Milchpulvers geworben, obwohl ihr bekannt war, dass das zur Anreicherung benötigte Wasser dort stark verunreinigt ist. Todesfälle wurden daher bewußt in Kauf genommen.Volk: Unverantwortlich! Hast du schon gehört, besagte Firma hat eine neue Sorte Schokolade im Angebot?

Wissenschaftler: Es gilt als erwiesen, dass Mobiltelefone gesundheitliche Schäden hervorrufen können.Volk: Das kann man glauben oder nicht; im Zweifel für die ständige Erreichbarkeit.

Sozialkritiker: Wir erziehen unsere Kinder im falschen Geiste, bezirzen sie mit Konsumwelten, verfrachten sie vor den TV-Apparat, kümmern uns wenig bis gar nicht um ihre Bildung.Volk: Ja, das ist ein großes Problem. Übrigens: Kevin, der gerade im Nebenzimmer mit KiKa beschäftigt ist, hat jetzt eine neue Spielekonsole von mir geschenkt bekommen.

Umweltaktivist: Zum Schutz der Umwelt gehört ein Gewissen, welches uns immer wieder fragen und zweifeln läßt, ob der Einsatz einer bestimmten Energie, der Einsatz des Autos, der Einsatz von Giftstoffen etc. jetzt in diesem Moment auch wirklich und unbedingt nötig ist.Volk: Ich verstehe was damit gemeint ist, muß aber erstmal zum Bäcker, Brot holen – wo sind denn die Autoschlüssel?

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De dicto

Montag, 9. Februar 2009

"Als jüdischer Emigrant aus Fürth brachte es Henry Kissinger (85) in USA zum Außenminister, Friedensnobelpreisträger, Geschichtsprofessor in Harvard. 1990 unterstützte er die Wiedervereinigung. Jetzt hat ihn die Münchner Sicherheitskonferenz mit dem Ewald-von-Kleist-Preis ausgezeichnet – für „außerordentliche Verdienste“ um Frieden und deutsche Einheit.
BILD meint: Thank you, Henry!"
- BILD-Zeitung, Gewinner / Verlierer vom 9. Februar 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Der Vielgelobte galt als Hardliner im Vietnamkrieg. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 1968 und 1972 verschleppte er Friedensverhandlungen, zog damit den Krieg künstlich in die Länge. So galten auch 1968 und 1972 als jene Jahre des Vietnamkrieges, in denen es die meisten Opfer zu beklagen gab - die Hälfte aller Opfer des Vietnamkrieges starben in diesen zwei Zeitspannen. Um den Ho-Chi-Minh-Pfad, ein logistischer Trampelpfad durch die Dschungelwelt Vietnams, Kambodschas und Laos', zu unterbrechen, überredete der nun prämierte elder statesman Präsident Nixon, die beiden letzteren Nachbarländer Vietnams in den Krieg mitzureißen, indem man beide massiven Bombardements aussetzt. Zu diesem Zeitpunkt war bereits ersichtlich, dass der Krieg in Vietnam verloren war, doch der mit dem Ewald-von-Kleist-Preis Ausgezeichnete vereinbarte mit Nixon, dass mit dieser Art Politik, mit dem Bombardieren bis dahin neutraler Länder, der Krieg mit "mehr Würde" verlorenginge. Eine Million tote Zivilisten waren hernach der Preis dieser "würdevollen Kriegsführung" - und das Staatsgefüge Kambodschas war derart ruiniert, dass sich der Steinzeitkommunismus des Pol Pot ohne nennenswerte Gegenwehr durchsetzen ließ. Die killing fields sind damit Folge der Bombenpolitik Kissingers. Simon Hersh schreibt 1983: "Wenn unsereins nicht einschlafen kann, zählen wir Schafe, doch Kissinger muss bis ans Ende seiner Tage verbrannte und verstümmelte kambodschanische und vietnamesische Säuglinge zählen."
Wir meinen: Thank you, Henry!

Als die US-Amerikaner ihren 11. September noch nicht hatten, da war Kissinger aktiver Part einer Politik, die den 11. September in ein anderes Land trug. Am 11. September 1973 wurde unter maßgeblicher Hilfe des CIA, der demokratisch gewählte Präsident Chiles, Salvador Allende, aus dem Amt geputscht. Installiert wurde ein faschistoides Regime unter der Führung des General Augusto Pinochet. Oppositionelle wurden noch am Tage der Machtergreifung verfolgt, verschleppt und getötet. Das Regime hielt sich beinahe zwei Jahrzehnte an der Macht und biederte sich durch neoliberale Reformen im eigenen Land - die heute immer noch Geltung haben und weitergetrieben werden - an die US-Ökonomie an. Der große alte Mann der US-Außenpolitik galt als größter Verfechter dieses Ruhmesblattes US-amerikanischer Interventionspolitik, selbst dann noch, als er nach und nach erfuhr, dass die neuen US-Vasallen foltern ließen und Konzentrationslager unterhielten.
Wir meinen: Thank you, Henry!

Und dann ist da noch Osttimor, für welches man dem indonesischen Präsidenten Suharto freie Hand ließ, der umgehend eine Invasion startete, bei der 200.000 Zivilisten ums Leben kamen; oder: die Weigerung Kissingers, den Putsch in Bangladesh zu verurteilen und zu vermitteln - 500.000 Tote hatte dieses Schweigen gekostet.
Wir meinen immer wieder: Thank you, Henry!

Das ist die Art der Berichterstattung, wie wir sie zuhauf finden; eine Berichterstattung, die für die Massen konzipiert ist, um selbige mit allerlei "heile Welt" zu beweihräuchern, ihr Sand in die Augen zu streuen. Da wird ohne Schamgefühl ein Kriegsverbrecher ausgezeichnet, was schon schlimm genug ist, nur um danach auch noch ganz wertneutral - eher noch parteiisch pro Kriegsverbrecher - zu berichten. Ein Schreibtischtäter der schlimmsten Sorte, eine Gestalt des 20. Jahrhunderts, ein blutbeschmierter Menschenschlächter, der freilich die Waffe nie selbst erhob - das ist Henry Kissinger. Aber den Menschen der westlichen Demokratien sollte man das nicht zu offen mitteilen, weil sie daraus schlußfolgern könnten, dass auch eine Demokratie Tyrannen und Mörder hervorbringen kann - und dann wäre, auf die Bundesrepublik bezogen, jeder großmannssüchtige Weltgeltungsanspruch, das Verteidigen Deutschlands am Hindukusch oder am Horn von Afrika, ein höchst zweifelhaftes Unterfangen, welches es zu hinterfragen gälte. Es sind nicht die Linksparteien oder die kleinen Sektierer am rechten Rand, die den Ernstfall der Demokratie beschwören - es sind die Kissingers dieser Welt.

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Wider dem politischen Gossenfernsehen

Sonntag, 8. Februar 2009

Der Herr und Wächter der diutisce zunga, Ministerpräsident Peter Müller, spricht dem TV-Zuschauer aus der Seele. Endlich wirft er auf, was sich viele Menschen seit Jahren denken. Das deutsche Fernsehen, Privatsender ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, sollten sich fortan an einen Verhaltenskodex binden, der bestimmte geschmackliche Ausschreitungen nicht mehr erlauben sollte.

So gäbe es Formate im deutschen Fernsehen, läßt uns Müller wissen, in der Menschen, die offensichtlich nicht in der Lage seien, sich zu wehren, in ihrer Persönlichkeit verletzt würden. Die Frage die sich daraus ergäbe wäre: "Darf man das weiter zulassen?" Müllers rhetorische Frage muß man mit einem klaren Nein beantworten. Man kann nicht weiter dulden, dass in mannigfaltigen Sendekonzepten auf Randgruppen eingedroschen wird; dass man auf Hartz IV-Empfänger spuckt, sie als Tätergruppe innerhalb der Gesellschaft stilisiert, die nur abzockt und sich einen sonnigen Tag macht; es ist einfach nicht mehr tragbar, dass man über Kranke spricht, aber sie nur auf den Status einer finanziellen Last reduziert; dass man die zu hohen Renten an den Pranger stellt; dass man gegen muslimische Ausländer hetzt, die angeblich alle nicht integriert sind, nur weil sie weiterhin keinen Schweinebraten essen wollen. Müller trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er behauptet, man würde diese Menschen in ihrer Persönlichkeit verletzen, würde ihnen nicht einmal die Möglichkeit der Gegenwehr bieten, wenn bei diversen politischen Talkshowkonzepten jenes Beil gewetzt würde, mit dem dann die öffentliche Meinung, die im alltäglichen Miteinander Handlungen bestimmt, die Köpfe der Diffamierten zerschmettern soll.

Danach verwickelt sich Müller in ausdrucksstarken Metaphern. Es sei "grenzwertig und bedenklich", wenn an tierischen Exkrementen geschnüffelt würde. Wahrlich, an Müller geht ein Poet verloren; er offenbart sich als wahrer Mann des Geistes, als meistar deutschen Duktus', als buohmahhari politischer Coleur. Jetzt wird auch begreiflich, warum er die deutsche Sprache grundgesetzlich geschützt wissen wollte, denn wer so spielend mit ihr umgeht, wer ihr einen solchen vollendeten Schliff gibt, wer Metaphern von solcher sprachlichen Deutlichkeit zu entwerfen vermag, der hat natürlich Interesse daran, dass sein Werkzeug bewahrt bleibt.

Aber der kritische TV-Zuschauer versteht auf Anhieb, was Müller uns verkünden will. Auch er hat genug von diesen metaphorischen "tierischen Exkrementen", hat genug davon, wenn aus den Mündern politischer Funktionäre nur das herauskommt, was andernorts in Kuh- und Schweineställen auf dem Boden liegt. Wenn da die Kauders, Heils, Westerwelles und Kuhns auftreten, sperrangelweit ihre orale Propagandaöffnung weiten, um daraus nur "tierische Exkremente" austreten zu lassen, dann muß das irgendwann ein Ende haben. Der Gestank, der aus diesen scheinbar unabhängigen Talkshows und Viehställen herausströmt, ist auf Dauer einfach nicht mehr ertragbar - und nebenbei ein Klimakiller. Als Fernsehzuschauer hat man ein Recht darauf, dass orale Toilettengänge von der Mattscheibe entfernt werden; niemand will sehen, wie Westerwelle seine geistige Notdurft ohne Schamgefühl verrichtet; niemand will es sich auch nur vorstellen, wie ein Kauder die "emotionale Pissrinne" bei den "medialen Klofrauen" (Orginalzitate Georg Schramm) zuschüttet; niemand will die Entleerungen von allerlei politischen Wichtigtuern und Hinterbänklern beschnuppern. Es geht schon lange über jede olfaktorische Verträglichkeit, was uns da an geistigen Exkrementen verabreicht wird - es ist nicht nur "grenzwertig und bedenklich", wie es Deutschmeister Müller mit metaphorischem Geschick beschrieb, sondern einfach unerträglich, ein Verstoss gegen die Menschenrechte, Mord auf Raten. Denn wer jeden Sonntag, zwischendurch auch an Wochentagen, die Republik in Exkrementen untergehen läßt, der braucht sich nicht wundern, wenn wir irgendwann alle daran ersticken.

Castingshows?... Tierische Exkremente bei "Wetten dass..."?... Achso? Dann habe ich Peter Müller wohl falsch verstanden. Schade eigentlich...

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Mit wem soll man marschieren?

Freitag, 6. Februar 2009

Immer wieder wird die berechtigte Frage aufgeworfen, warum sich nicht viel mehr Menschen, gerade auch junge Menschen, nicht gegen den Wahnsinn des Zeitgeistes stellen, um ihren Unmut kundzutun? Freilich finden sporadisch hin und wieder Kundgebungen statt, doch eine konstante, sich an einem roten Faden hangelnde Bewegung, ein politisiertes Aufmarschieren gegen die Irrsinnigen in Politik und Wirtschaft kennt dieses Land nicht - Montagsdemonstrationen und Schülerproteste sind nur eine Randerscheinung, werden aufgrund unausreichender Basis medial unterdrückt, so als hätte nie stattgefunden, worüber nicht berichtet wird. Und es sind ausgerechnet junge Menschen, Menschen die ihre Zukunft noch vor sich haben, die wenig Courage in politischen Fragen zeigen - ausgerechnet junge Menschen, die immer und überall Speerspitze aufständischen Denkens waren, die jeder Bewegung eine Legitimität verliehen, sofern sie sich für Gestaltung ihrer eigenen Zukunft in Bewegung setzten.

Nun soll an dieser Stelle nicht soziologisch aufgearbeitet werden, warum die Jungen so starken Widerwillen gegen konkrete Fragen des politischen Lebens hegen, aber ein Paar Erfahrungen und dumpfe Gefühle, gesammelt und empfunden vom Autor dieser Zeilen, werden folgen. Man kann getrost festhalten, dass dieses Gesammelte der Unterbau des Kulturpessimismus ist, der gelegentlich vom Autor gepflegt und fein rausgeputzt wird - wir alle sind auch Opfer unserer Eindrücke, sind empirisch veranlagte Wesen, auch wenn man die am eigenen Leib erfahrenen Gegebenheiten nicht überbewerten darf, um nicht argloser Subjektivität zu verfallen, und um sich einen gesunden Blick auf die objektiven Tatsachen zu bewahren. Trotzdem seien hier persönliche Eindrücke, persönliche Ärgernisse und, damit verbunden, persönliche Sorgen formuliert.

Aus bestimmten Gründen treffe ich mehrmals wöchentlich auf eine Gruppe junger Menschen. Allesamt die Volljährigkeit gerade so überrundet, im vollem Saft ihrer Jugend stehend. Es sind mehr oder minder freundliche Gestalten, kein pöbelndes Völkchen, sondern ernste junge Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen - das was sie für Leben halten. Denn hier zeichnet sich die Misere ab: Die Gesprächsthemen untereinander - ich halte mich dort vornehm zurück - handeln ausnahmslos von Konsum. Das Automobil ist der Kernpunkt jeder Diskussion. Jeder dieser Gecken ist der Ansicht, er hätte das Wissen zur Autotechnik mit großen Löffeln gefressen, und freilich fährt auch jeder von ihnen einen flotten, sicheren, beherzten, dennoch weitsichtigen, kurzum hervorragenden Stil. Ist dieses Thema erschöpft, spricht man von den neusten Errungenschaften der Telekommunikationsbranche, von Mobiltelefonen und den dazugehörigen Tarifen. Was sonst noch folgt ist das Heer üblicher Verdächtiger: Klamotten, kommerzialisierte Musik, Gossenprominenz und dergleichen mehr.

Das alles ist anstrengend, wohl aber nicht unüblich. Schwer ertragbar wird es aber immer dann, wenn ganz unpolitisch höchst brisante Themen aus dem Bereich des Politischen zur Sprache kommen. Wenn man darüber schwärmt, dass irgendeine Firma einen Weltkarte in Stile von Google Earth gestalten, dazu an öffentlichen Plätzen Kameras aufstellen will, damit im Internet immer aktuelle und bewegte Bilder von dort abrufbar sind. Das wäre dann, so der Orginalton, "ausgezeichnet", weil man auch mal "seine Freundin kontrollieren könnte". Schäuble hat die Gehirnwindungen dieser jungen Menschen bereits infiziert, so sehr, dass man unverblümt erklärt, eine Welt die rundherum mit Überwachungskameras ausgestattet sei, sei eine technische Errungenschaft - mit deren Worten: eine geile Sache. Unqualifizierte Äußerungen zu ausländischen Mitbürgern oder sozial Schwachen sind sowieso an der Tagesordnung, gehören scheinbar bereits zum guten Stil des bürgerlichen Nachwuchses, brav die feinen Eltern kopierend. Aber dann, wenn es um ein Übel geht, welches man am eigenen Leib erfahren mußte, als man in Kneipen nicht rauchen durfte, da reden sich diese Gesellen des status quo, die nie kritisch sind, innerhalb des Systems gefügig tun, was man ihnen auferlegt, in Rage, werden zu kampfeslustigen Rebellen. Da wird auf die Einmischung des Staates geschimpft, auf den Dienst als Steuerzahler, den man da rauchend erfüllt und dergleichen Spießbürgereien mehr. Das schwer zu ertragende Übel, drei Schritte an die frische Luft gehen zu müssen, um eine Zigarette rauchen zu können, ist Motiv der Entrüstung und des Nonkonformismus; aber wenn irgendwelche Menschen aus irgendwelchen Zeitungsberichten irgendwelche staatliche Repressionen in Kauf nehmen müssen, weil sie innerhalb der großen Armen- und Arbeitslosenverwaltung eingeordnet sind; wenn Studenten aus armen Elternhaus - was selten genug vorkommt - ein Darlehen aufnehmen müssen, um Studiengebühren abzahlen zu können, danach bei erfolgreichem Studium erstmal auf einem stolzen Schuldenberg sitzen; wenn ermächtigende Gesetze gefordert werden, die es ermöglichen sollen, unliebsame Personen wie Linke, muslimische Mitbürger oder Arbeitslose bei Bedarf zu kasernieren - da hört man nichts dergleichen, da wird geschwiegen, lieber vom Konsum geschwafelt, von tollen neuen Autos, die man sich nun, da man bereits in jungen Jahren rund um die Uhr arbeitet, neben Hauptberuf noch Nebenjobs hat, zulegen wird. Und während man die staatliche Einmischung bezüglich des Rauchergesetzes verurteilte, ist man der Ansicht, dass die Einmischungen des SGB II gar nicht weit genug gehen können. Nebenbei hat man einen neuen Heiland erkoren, ist man - auch einen Orginalton wiedergebend - Horst Seehofer dankbar; dank ihm darf wieder geraucht werden, dank dieses heiligen Horst der Altstadtkneipen!

Wie soll man da noch erwarten, es würde sich in diesem Land ein Umdenken vollziehen können? Diese Jugend ist auf totalen Konsum getrimmt, sie ist erzogen in einem Denken, wonach nichts einen Wert hat, was nichts kostet - sie denkt, dass der Konsum Teil der conditio humana ist, unbedingte Notwendigkeit, wenn der Mensch Mensch bleiben will. Sie sind in einen Konformismus hineingeboren, der als Grundlage des Konsumismus anzusehen ist: wer nicht kritiklos folgt, konsumiert eben nicht kritiklos. Diese jungen Menschen sind so festgefahren in einer Denkstruktur, die das menschliche Bestreben immer nur als Abwägen von Kosten und Nutzen, von Rentabilitätsrechnungen, begreift, dass man geneigt ist zu glauben, aus diesem Muster entkommen sie nie mehr. Erich Fromm würde hier von einer Haben-Mentalität sprechen, die die Seins-Ebene vollkommen revidiert hat - revidiert, nicht verleugnet, denn man muß befürchten, dass diese Jugend gar nicht mehr weiß, dass es auch andere Werte im Leben gibt. Das alles soll und darf nicht heißen, wie es üblicherweise von einigen Zeitgenossen postuliert wird, dass die Jugend schlecht ist - aber schlechtgemacht wurde sie allemal.

Die Jugendlichen meiner Erfahrungswelt, so nehme ich an, entstammen allesamt bessergestellten Familien, was soviel heißt wie: es sind Kinder von Familien, die niemals Not litten - keine Millionärskinder, aber auch keine Hungerleiderkinder. Traurig wird es aber, wenn selbst in Armut lebende Menschen ihre Kinder zu Konsumungetümen erziehen, wenn sie ihr "Nichthaben" oder "Nichthabenkönnen" nicht ausnutzen, um den Kindern wenigstens ein Quentchen Lebensfreude an Dingen zu vermitteln, die eben nicht mit Strichcode und Sonderpreis-Etikett versehen sind - Freude am Nächsten, am Spiel, an der Natur, an einem Tier, an einem Buch, am Erzählen, am gemeinsamen Singen, am Sammeln von Wissen, an der körperlichen Bewegung, an einen Familienausflug ins Grüne, Freude am reinen, nicht durch Konsumwelten mißgestalteten Leben. Freilich konsumiert man auch als Mensch, der diese Art Freude kennt und schätzt - aber man konsumiert nebenher, nicht ausschließlich; man konsumiert um Notwendigkeiten zu regeln, nicht als Lebenszweck; konsumiert nicht aus einem Statusdenken heraus, betreibt Konsum nicht um des Konsums willen.

Mit wem soll man also marschieren? Wer soll sich denn dem Wahnsinn, dem Totalitarismus des Marktdenkens, entgegenstellen, wenn die Mehrzahl junger Menschen, Zukunftsträger dieser Welt, dermaßen einzementiert sind in diesem Irrsinn, dass man sie gar nicht mehr "entmauern" kann? Wenn für junge Menschen alles zum Konsum wird, wenn selbst der Gang zum Arzt bereits als eine Art von Einkauf bewertet wird, bei dem ein Privatpatient eben freundlicher behandelt wird als ein Kassenpatient, so wie ein Großkunde eben bevorzugt bedient wird in den Markthallen; wenn das Studium ein durch zu leistende Zahlungen Stückchen Konsum wird; wenn man ihnen erklärt, dass jemand nur gilt, wenn er erfolgreich und strebsam arbeitet, Karriere macht, Statussymbole anhäuft, gut aussieht, kritiklos tut, was man von ihm verlangt; wenn sie ungefragt in ein System hingeboren werden, in dem sie in erster Linie Kunde, in zweiter Linie Arbeitskraft und ansonsten nur Unkostenfaktoren sind - was hat man dann von solchen umerzogenen Menschen zu erwarten? Marschieren solche mit? Oder sind sie nicht eher dazu konditioniert, ihren Kunden- und Arbeitskraftstatus ins Unendliche zu expandieren, damit sie ja nie als Unkostenfaktor verunglimpft werden können? Sitzen solche nicht auf ewig in Platons Höhle und schimpfen auf solche, die sich einmal herauswagten aus der Schattenwelt?

Bildung ist unter jungen Leuten, so wie ich sie kennenlernen durfte, verpönt. Die jungen Menschen, die ich erfahren durfte, gaben teilweise sogar zu, kaum jemals ein Buch gelesen zu haben, obwohl man eine höhere Schule besucht hat. Das kann man nicht für einen Zufall halten - Zufälle sind in dieser Welt Mangelware. In einer Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten beschwert, dass Kindern und Jugendlichen zu wenig Bildung - nicht Ausbildung! - vermittelt wird, die aber dennoch Menschen hervorbringt, die sich beim Wort "Bildung" ekelergriffen schütteln, sind solche Gestalten nicht zufällig herangereift. Das eigene Ideal, Bildung möglichst als Ausbildung zu begreifen, das Abgleiten von humanistischen Bildungsidealen also, ermahnt Menschen zum Protest. Vornehmlich sprechen solche Protestierende dann davon, dass die Bildung schlecht sei, weil sie keine Ausbildung ist. Der eigene Ekel vor reiner Bildung wird zum Aufhänger. Was aber dabei herauskommt ist nicht Bildungsfreude, sondern Ausbildungsmentalität, somit Menschen, die keinen Hang dazu haben, sich bilden zu wollen um zu wissen, sondern nur um davon zu profitieren.

Der Schlüssel zur Erkenntnis, da kann behauptet werden was will, liegt immer im Bildungserlebnis - in Literatur und Geschichte, in Philosophie und politischer Bildung. Wenn man diese Bildungsplattformen zusammenstreicht, wenn man kürzt und beschneidet, dann kommen dabei Bildungskrüppel heraus, die niemals ein Bildungserlebnis hatten, die aber nebenher dennoch einen hohen Schulabschluß in der Tasche haben. Man hält die Menschen absichtlich dumm, versucht sogar noch zu manipulieren, setzt Lehrpläne von neoliberalen Think Tanks um, erzieht die Kinder zu pawlowschen Hunden, die sofort Speichelfluss entwickeln, wenn sie nur das Konsumglöckchen hören, oder Dogmen wie "Markt ist gut" oder "Sozial ist, was Arbeit schafft" und dergleichen intellektuelle Notstandserklärungen mehr. Wer begrenzt bleibt, der bleibt fröhlicher Konsument; wer seinen Horizont erweitert, stellt kritische Fragen und hinterfragt auch sein Konsumverhalten.

Es ist, wie oben erwähnt, ein subjektiver, nur begrenzter Blickwinkel. Aber viele Menschen berichten Ähnliches von jungen Menschen. Wer marschiert also, wenn nicht junge Leute, die sich um ihre Zukunftsplanung betrogen fühlen (sollten)? Humpelnde Rentner? Schwächliche Kranke? Seit Jahren an der Würde verletzte Arbeitslose mit Sozialphobien? Solche können froh sein, wenn diese jungen Generationen nicht zu drastischen Mitteln greifen, um diese Unkostenfaktoren in Menschenhülsen nur irgendwie loszuwerden - damit mehr für den Konsum bleibt. Es blüht uns eine schöne neue Welt...

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In nuce

Der Hassredner Erdogan - so titelte BILD. Was an Erdogans Verhalten in Davos hassrednerisch war, weiß nur sie. Wozu man aber ein solches Märchen ersonnen hat, dürfte man auch außerhalb der BILD-Redaktion erkennen. Dazu seien nur die Ausführungen eines gewissen Rolf Kleine, Kommentator bei Springer, heranzuziehen; besser gesagt, sein Fazit, nach allerlei Bösartigkeiten ohne Wahrheitsgehalt: "Aber eines ist ganz sicher: Nach Europa führt dieser Weg nicht!" Da ist sie wieder, der BILD-Zeitung Türkenfeindlichkeit. Schon seit Jahren hetzt man gegen die türkischen Absichten, irgendwann einmal EU-Mitglied werden zu wollen. Dabei werden Vorurteile bemüht und die Türkei als dunkles Reich aus dem Mittelalter dargestellt. Was steckt dahinter? Warum ist man dort so türkenfeindlich?
Womöglich liegt des Rätsels Lösung, zumindest eine mögliche Lösung, in der Vergangenheit vergraben. Die BILD begriff sich immer als konservatives Medienorgan. Als Wallraff still ermittelte, berichtete er von Ehrungen, bei denen konservative Politiker aus Union und NPD gleichberechtigt nebeneinander auftraten. Alt-Nazis wurden auch schon vormals hofiert und kritische Fragen zur braunen Vergangenheit nie gestellt. Heute hat man sich zwar von den Neonazis der NPD abgewandt, nachdem Ende der Sechzigerjahre Wahlerfolge ausblieben, aber allerlei Faschisten und verbale Menschenschlächter aus den renommierten Parteien werden hochgejubelt. Vielleicht, und man wagt sich weit hervor mit dieser kleinen polemischen These, ist die BILD der Türkei immer noch böse, dass sie einstmals intellektuelle Köpfe asylierte, die in Deutschlands Konzentrationslagern vernichtet worden wären; womöglich kann man nicht verzeihen, dass man diese "bolschewisierten Kreise" aufnahm. Und später hat Ankara nationalsozialistische Größen nach dem Krieg nicht mit offenen Armen aufgenommen - welch Frevel! Ist der BILD-Zeitung Türkenfeindlichkeit etwa das Gebaren einer beleidigten Leberwurst? Muß man antitürkisch sein, um die Herrschaften die man tagtäglich hofiert, die aus faschistischen Traditionen stammen, bei der Stange zu halten?

Letzlich konnte der ansonsten doch sehr eloquent auftretende Bruno Jonas dem "Scheibenwischer" keine Qualität sichern. Immer zahnloser wurde sein Auftreten, seine Spitzen richteten sich gegen solche, die durch das agenda setting der Medien sowieso schon unterlegen waren. Nachdem Hildebrandt, Schramm, Rogler und Jonas ausgeschieden sind, leitet nun Mathias Richling den Laden. Für die nächste Sendung vorbestellt: Ingolf Lück und Markus Maria Profitlich. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis Mario Barth dort seine plumpen Frau-Mann-Vergleiche zum Besten gibt, dann vielleicht ins politische Allerlei gekleidet, also statt Mann-Frau dann eben Steinmeier-Merkel - das neue politische Kabarett wird sich am Ende am Schuhtick der Kanzlerin erfreuen.
Aber man sollte nicht überrascht sein, denn wenn man die letzten Jahre ins Publikum sah, als die Kamera mal wieder ihren obligatorischen Schwenk in die Reihen der Zuseher machte, da waren nicht selten bekannte Vertreter der FDP oder der Grünen zu sehen. Nicht dass diese Herrschaften dort nichts zu suchen hätten, aber es zeigt doch auf, welcher Güteklasse das Publikum war - es war bürgerliches Publikum. Und das war auch am Verhalten zu erkennen. Hat eine Pointe doch einmal gesessen - was selten genug vorkam -, war zudem wirklich spitz, ein kleiner Erleuchtungsmoment der Sendung, konnte Enthusiasmus hervorrufen, weil sie so direkt und komisch einen Wahrheitsmoment traf, so war der Applaus verhalten, die Lacher künstlich wirkend, waren pikierte Gesichtsmasken zu sehen. Politisches Kabarett lebt vom direkten Publikum - ist es aber lustlos und apathisch, dann ist das Kabarett tot. Anders gesagt: Der "Scheibenwischer" scheint nun bald endgültig das Zeitliche zu segnen; das dazugehörige Publikum ist aber schon seit Jahren verstorben, hat in der letzten Zeit nurmehr vor sich hin verwest. So gesehen sind die Lücks und Profitlichs, die sich bis heute niemals politisch geäußert haben, nie auch nur ein Fünkchen Hang zum politischen Kabarett aufwiesen, nicht mal mehr Totengräber der Sendung; sie sind vielmehr die Fliegen, die ihre Eier im toten Kadaver einlagern; sie betreiben ihr albernes Geschäft bald in einer leblosen Ruine, mit noch lebloseren Publikum...

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Bildet ein Karree!

Donnerstag, 5. Februar 2009

Rückt eng zusammen! Bildet ein Karree! Schützt den Pontifex! Nehmt ihn in eure Mitte und schützt ihn mit euren Körpern, auf dass unser geliebter heiliger Vater unversehrt aus den Wirrnissen der Schlacht errettet wird. Seid eine lebendige Barriere, seid Schutzschild, zurückschießende Bastion. Unser heiliger Vater wird bedroht. Dabei hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen, was diese Bedrohung auch nur im Grundsatz rechtfertigen würde. Rückt endlich enger aneinander, kein noch so ambitionierter Schuss darf die aus Menschenfleisch zementierte Schutzwand passieren, dafür haftet ihr mit eurem Leben, mit eurer Würdenträgerschaft. Er ist primus inter pares, einer von uns, aber der Beste von uns, der unfehlbare, untadelige Einzige, für den es sich lohnt abgeschlachtet zu werden. Laßt keinen Feind passieren, laßt es nicht zu, dass man ehrabschneidend über unseren Herrn, unseren Bruder, unseren großen Kirchenfürsten spricht. Daher rückt enger aneinander, baut ein Karree aus eng zueinanderstehenden Menschenleibern!

Brav Oberst Müller, fein pariert! Richtig so, kein Schmutz über unseren Herrn. Seht zu, Soldaten des Glaubens, so verteidigt man seinen Herrn: "Er selbst hat keinen Fehler gemacht und braucht sich nicht zu entschuldigen." Laviert um abzuschirmen: er selbst trägt keine Schuld, irgendjemand sicher, aber nicht unser Pontifex - wer Schuld trägt sei uns einerlei. Wir bilden nur das Karree, alles andere ist nicht unsere Aufgabe. Man sieht, Leutnant Lehmann, du hast schnell begriffen und noch schneller angewandt, was man dir aufgetragen hat. Es müssen "auch Konsequenzen her für diejenigen, die dafür verantwortlich sind." Bravo! So schmettert man Gefahr vom Objekt der Schutzbedürftigkeit ab! Diejenigen sollen bestraft werden! Egal wer diejenigen auch sind, Hauptsache unser geliebter römischer Heerführer nicht. Sieh da, selbst ein Offizier stellt sich in den inkarnierte Verteidigungswall, ein gewisser Major Kaspar! Nehmt euch ein Beispiel an dieser geballten Kraft, aus diesem Gemisch von Loyalität und Glauben! "Es sind sicher auch Fehler gemacht worden im Management der Kurie - das will ich ganz ausdrücklich sagen." Jawohl, mit Nachdruck! Da schlägt die ganze Raffinesse des Offiziersstandes durch, die Routine des Kriegers. Auch du mein Sohn Bode, Feldwebel des Herrn, ermunterst zum Nacheifern, bist das Abbild eines passionierten Verteidigers: Der heilige Vater wurde "falsch beraten"! Das ist natürlich nur ein kleiner Hieb, aber wirkungsvoll, wird den Gegner lähmen und unserem Vertreter Gottes auf Erden einen ruhigen Schlaf innerhalb der Schutzwände erlauben.

Seht nur, wie sich der "Schwejk der Machthaber" aufschwingt, wie Hauptmann Mixa einschreitet, wie er sein Schwert wetzt an den Worten des Feindes; seht nur, wie er vom eigentlichen Schlachtfeld ablenkt, wie er so unserer Schutz- und Trutzburg Luft zum Atmen verschafft. Im Krieg ist auch das Beschränkte gut verwendbar! Merkt euch das! Gerade im Krieg findet das personifizierte Beschränkte eine Heimstatt. Glaubt es ruhig, denn einst wischte er nur die Latrinen aus, nun steht er Seit' an Seit' mit den besten Offiziersjahrgängen, beschirmt den heiligen Vater, erkämpft sich dabei ein Paar feine Pailetten. Gefreiter Wagner, der langjährige Latrinenjunge, führt nun eine gefährliche Klinge: "Legte er (Anm.: des Pontifex' Privatsekretär Gänswein) Ihnen die Papiere zur Rehabilitierung des Holocaust-Leugners vor? „Chef, unterschreiben Sie hier“, könnte er gesagt haben..." Glaubt ihr es jetzt? Glaubt ihr nun, dass im Kriege auch das Beschränkte nützlich ist, dass es vom Kampf der hohen Ränge lernt, sich deren Taktiken aneignet? Presst eure Körper noch enger zusammen, macht die Front unpassierbar, so wie diese zwei Obergefreiten, Mai und Seewald mit Namen, zwei soldatische Chronisten des großen Feldherrn: "Entweder man hat im Vatikan geschlampt oder dem Papst etwas vorenthalten. Es ist völlig unvorstellbar, dass er die Äußerungen gekannt hat." Der Krieg ist der große Verbünder, der Gleichmacher, der Beschränkte und Arme mit den Interessen der höheren Ränge vereint. Denn beachtet die Bauern am rechten Rand, das Fußvolk, den zwangsrekrutierten Pöbel, welcher sich in die menschlichen Wälle integriert, um in der Fleischwand Ziegelstein sein zu dürfen.

Ja, werft euch ins Getümmel, laßt nicht zu, dass dem heiligen Vater Leid zuteil wird, diesem unschuldigen Unfehlbaren. Ihr kämpft leidenschaftlich, das ist wohl wahr - aber es genügt noch nicht. Weiter voran, mit mehr Brachialgewalt gegen den Feind; Hunde wollt ihr ewig predigen? Ihr entfesselten Gotteskrieger, Soldaten der abendländischen Christenheit - für Papst, Kurie und Zwergstaat gilt es zu ringen, zu fechten, sich verwunden zu lassen. Weist jede Schuld von ihm, setzt euch für seine Schuldlosigkeit ein, stilisiert ihn zum Unwissenden, zum Opfer einer Propaganda, die keinerlei Respekt mehr vor unserem geliebten Vater in Rom hat. Er wußte nichts, war und ist unschuldig. Der gegen ihn entfesselte Waffengang ist ein Frevel an Gott, ein Frevel am Heiligen Stuhl, eine Ungerechtigkeit gegen einen Mann, dem man vergeben muß, denn er wußte nicht, was er tat. Die Schuld sollen andere tragen. Wer? Das ist nicht unser Interesse; darum sollen sich andere kümmern. Was zählt ist des Papstes Reinwaschung, koste es was es wolle!

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Ein Vordenker?

Mittwoch, 4. Februar 2009

Schon öfter wurde an dieser Stelle über die mal dumpfen, mal greifbaren Gefühle gesprochen, wonach wir innerhalb einer traditionellen Bräune leben, jedenfalls mit ihr geschichtlich nicht gebrochen haben oder aber, als das Mindeste, in Zuständen leben, die in eine neue braune Gesinnung hineinführen könnten. Wenn man sich auch manchmal damit trösten mag, dass eine Machtergreifung im Stile von 1933 noch nicht geschehen ist, weil es immer noch Instanzen gibt, die gnadenlose Willkür der wirtschaftlichen und politischen Machthaber zu unterbinden bereit sind, so empfindet man sich dennoch zurückversetzt in den ersten deutschen Demokratieentwurf, in eine Republik ohne Republikaner. Natürlich ist der staatstheoretische Überbau von heute ein anderer, als jener von 1919 bis 1933, doch die Gefühle und Forderungen der Menschen darin, ähneln oft dem, was damals geschrieben, gepredigt und verkündet wurde. Weimarer Zustände offenbaren sich heute im gesellschaftlichen Mit- und Untereinander, darin was selbsternannte Eliten als ihre Moralauffassungen in die öffentliche Diskussion werfen, somit dem Bürger zum Kauen vorsetzen.

Anhand eines Beispieles, welches nicht mehr zum aktuellen Tagesgeschehen gezählt werden kann, weil es bereits einige Wochen gealtert ist, läßt sich dies treffend erläutern. Dabei handelt es sich um Peter Hahnes Rundumschlag gegen die "faulen Säcke" dieses Landes, die ihre Arbeitszeit in ärztlichen Wartezimmern verbringen, anstatt Arbeitsleistung zu zeigen. Um seine Thesen zu untermauern zog er dabei höchst fadenscheinige Zahlen heran - ob die betreffenden Patienten nun krank sind oder nicht, fällt für Hahne jedenfalls nicht ins Gewicht. Er sieht in erster Instanz keinen Kranken im Wartezimmer sitzen, sondern einen gesellschaftlichen Minderleister, der Kosten verursacht und die Arbeitsmoral der anderen, der Gesunden, der Leistungswilligen untergräbt.

Nun könnte man diese Ausführungen als selbstverliebtes Wichtiggetue eines biederen und konservativen Theologen abtun, der sich als Kanzel die Niederungen eines Schundblattes ausgesucht hat. Doch dahinter steckt mehr als bornierter Konservatismus und moralisierendes Sendungsbewußtsein, wie Hans-Henning Scharsach indirekt kenntlich macht:
"Die Beschreibung von Krankheit als "Pflichtvergessenheit" ist schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik entstanden. Nach dem Ersten Weltkrieg muss die Leistungssteigerung des Einzelnen den Verlust an leistungsfähigen Arbeitskräften ausgleichen. Schon damals waren Fabriks- und Landesgewerbeärzte maßgeblich daran beteiligt, gesundheitsschädigende Höchstleistungen als "Pflicht am Vaterland" auszugeben. Kein Wunder, dass dieses Modell nach Hitlers Machtergreifung ebenso auf Akzeptanz stößt wie die Forderung nach Einsparungen bei "Asozialen" und "unnützen Essern".
[...]
Der ideologischen Instrumentalisierung der Naturheilbewegung soll auch die geplante Errichtung eines Gesundheitshauses der deutschen Ärzteschaft dienen. Hinter dem Konzept medizinischer Vorbeugung, Gesunderhaltung und Regeneration steckt in Wahrheit die nationalsozialistische Leistungsutopie, die den Begriff Krankheit abschaffen und durch unterschiedliche Stufen der Leistungsfähigkeit ersetzen will. Dem Patienten soll die Möglichkeit genommen werden, dem Leistungsdruck des Produktionsprozesses durch Krankschreibung seines Arztes zu entkommen.
Unter dem Motto "Gesundheitshäuser statt Krankenhäuser" sollen "minder leistungsfähige Menschen von schwacher Konstitution" nicht nur geheilt, sondern vor allem ausgebeutet werden. [...] Das Projekt könne "Kosten für unproduktive Kranke ersparen", wird im Deutschen Ärzteblatt mehrfach vorgerechnet. Medikamente würden durch "Übungen in und an der Natur" ersetzt. "Vorsorge kostet weniger als Fürsorge."
[...]
Das in Kempfenhausen am Starnberger See modellhaft geplante Gesundheitshaus soll nicht nur medizinischen, sondern auch wirtschaftlichen Zielen dienen. Gemeinsam mit Freiwilligen aus den Volksheilverbänden und betrieblichen Gesundheitsgruppen sollen die Insassen das Haus selbst verwalten und entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit "berufsentsprechende Arbeiten" verrichten. In hauseigenen Schmieden, Schlossereien, Buchbindereien, Wäschereien, Gärtnereien, Tischler-, Schuster- und Schneiderwerkstätten sowie in der eigenen Landwirtschaft müsse sichergestellt sein, dass die Patienten "nicht unbeschäftigt herumlungern", sondern "ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend ständig zu tun haben". Die Bildung von "Leistungsgemeinschaften" solle "den gesunden Wettbewerb unter den Kranken" anregen."
- Hans-Henning Scharsach, "Die Ärzte der Nazis" -
Hier könnte man einwenden, dass Hahne niemals solch drastische Schritte gefordert, lediglich ein wenig gefrömmelt hat, seinen moralischen Zeigefinger zum Stinkefinger gegen Kranke wandelte - aber darin liegt genau die Problematik. Hahne hat seine sonntägliche Volksverhetzung so formuliert, als säßen in den Wartezimmern dieser Republik nur Scheinpatienten; so als gäbe es keine Kranken, sondern nur "leistungsgeminderte Gesunde". Er zog ja einen exemplarischen Tag heran, nämlich den 1. Oktober 2007, an dem angeblich fast ein Achtel der Bundesbevölkerung im ärztlichen Wartezimmer verbrachte. Dass dieser Tag ein Montag war, zudem der Beginn eines neuen Quartals; dass montags tendenziell der Antrag bei den Ärzten größer ist; dass Quartalbeginne gerne benutzt werden, schon lange gärende Krankheiten nun endlich behandeln zu lassen; dass viele - oft chronisch kranke - Menschen zum Anfang eines neuen Quartals den Arzt nur aufsuchen, um Praxisgebühr zu bezahlen und benötigte Überweisungen für die nächsten drei Monate abzuholen - davon wußte Hahne nichts zu berichten.

Diese Art von Verdummung ist keine harmlose Fehleinschätzung, auch keine verzeihbare gezielte Aufwiegelung der Massen, die von einem dümmlichen Journalisten betrieben wird - es hat Methode. Ob freilich Hahne selbst weiß, welche Methode dahintersteckt, ist fraglich. Was Scharsach anfangs beschreibt, dass nämlich Krankheit als eine Art Pflichtvergessenheit bewertet wurde, und das schon vor 1933, da war der Schritt zur sogenannten Leistungsmedizin nicht mehr weit. In ihr ging es nur noch darum, den Kranken derart zu kategorisieren, dass er möglichst nicht als "Belastung am Volkskörper" anzusehen war bzw. ihn knallhart als "Ballastexistenz" oder "Defektmenschen" einzureihen, und ihm damit ärztliche Hilfe zu entziehen. Die individuelle Not des Patienten, besser gesagt: die Linderung seines Leidens, stand nicht ganz oben auf der Agenda der Ärzteschaft. Schmerzlinderung und Therapie waren nur insofern von Bedeutung, den Patienten in Leistungsfähigkeit, d.h. Produktivität zu halten. Die Ärzteschaft der Weimarer Zeit ging genauso gleichgültig über die Interessen der Patienten hinweg, wie der BILD-Feuilletonist Hahne dieser Tage. Auch die damaligen Eliten sahen im Patienten zunächst den Faulpelz, der nicht bereit sei, seine Krankheit zurückzustellen, um dem Volk seine Leistungsbereitschaft zukommen zu lassen. Dabei ist zu beachten, dass dies das Fundament dessen ist, was dann unter der Herrschaft Hitlers zu traurigen Realität wurde: das Fundament des Euthanasiegedankens und damit auch, weil nationalsozialstisches Dogma war, nicht nur zu reden, sondern zu tun, zu handeln, Macher zu sein: die Ausführung der Euthanasie. Wer erstmal im Patienten keinen Hilfebedürftigen mehr sieht, wer sich von dieser aufklärerischen Position abwendet, um aus einen Notleidenden einen Täter zu machen, einen Leistungsverweigerer und Gesellschaftsfeind, der sät den Samen der Ausrottung und "Ausmerze", macht weitere Gedankenschritte erst möglich.

Am Beispiele Hahnes wird sichtbar, wie heutige Eliten ein Denken reanimieren, welches von 1919 bis 1933 - und darüber hinaus - zum Tagesgeschehen gehörte. Was elitäre Kreise heute als fortschrittliches Denken und intellektuelle Abgeklärtheit verkaufen, ist in vielen, allzuvielen Fällen ein Rückschritt im Denken, ein Rückgriff auf Gedanken einer dumpfen Epoche, in der man zwar in einer Demokratie lebte, aber nicht immer demokratisch sein wollte; in der es zum guten Ton gehörte, Menschenverachtung als wissenschaftliche Vernunft zu verkleiden, demnach wie ein Verstandesmensch auf "die da unten" einzudreschen. Hahne ist ein Paradebeispiel dafür, dass elitäres Denken, welchem man auch noch zur Veröffentlichung in Tageszeitungen verhilft, ein gefährliches Zündeln an gestrigen Irrtümern ist. Es fängt meist harmlos an, indem man seine Ressentiments und seine abfälligen Gehässigkeiten zu Kommentaren oder Leitartikeln verarbeitet, damit Menschen stimuliert, sich diese falschen Prämissen anzueignen, um das eigene Denken damit zu verschandeln - und so folgt ein Schritt dem nächsten und aus dem hilfebedürftigen Patienten wird ein heimtückischer Volksfeind.

Es wäre vermessen, diesem Herrn die zweifelhafte Ehre zukommen zu lassen, ein Vordenker zu sein. Ein Mann, der in abendlichen Talkshows den Wahlspruch seiner Großmutter bemüht - der da lautet: "Das gehört sich nicht!" -, um diesen als Ausweg aus der Spaß- und Ungehörigkeitsgesellschaft zu postulieren, ist eher peinlich und dümmlich als ernstzunehmen. Dennoch zeigt er natürlich vordenkerische "Qualitäten", die seinen Ahnherrn vor 1933 ähnlich nachzuweisen sind; seine wöchentlichen Moralaposteleien, die er auf dem Rücken der gesellschaftlich Schwachen reitet, sind zumindest Beitrag zur Wegbereitung, Beitrag zu einer Gesundheitspolitik, die sich vielleicht bald schon dazu berufen fühlt, Kranke als Leistungsverweigerer zu diffamieren...

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Deutschlands Obama

Dienstag, 3. Februar 2009

Türkisch- oder Russischstämmige sollten sich sputen, denn noch könnten sie vom sogenannten "Obama-Effekt" profitieren. So wie Lale Akgün, die früher oder später als Bundespräsidentin kandidieren will - und dies nicht, weil sie sich als passende Person für dieses Amt wähnt, sondern weil sie türkische Wurzeln hat. Das alleine soll ausreichen, um gewählt zu werden; der von ihr zur Schau getragene Wert ist ihre türkische Herkunft. Politische Anschauungen, eine moralische Einwandfreiheit, die das Amt des Bundespräsidenten bekleiden sollte, scheinen keinerlei Prämissen mehr zu sein, was nach Herzog und Köhler freilich auch nicht verwunderlich ist. Doch wirft es dennoch ein bezeichnendes Bild auf die Politik.

Jeder, der auch nur rudimentäres Wissen zur US-Politik besitzt, dem muß bei der Drohung mit dem "Obama-Effekt" Angst und Bange werden. Nicht weil eine türkischstämmige Bundespräsidentin unerträglich wäre; eher weil es einen weiteren Schritt zur Veroberflächlichung des politischen Alltags darstellt. Politische Inhalte kümmern uns hierzulande sowieso immer weniger, aber wenn wir jetzt auch noch herangehen, das Mandat bestimmter Herrschaften an deren Herkunft, an deren sexuelle Neigung oder an deren Geschlecht festzumachen, dann entpolitisieren wir die Politik vollends. Alles verläuft dann nach dem gleichen eindimensionalen Blickwinkel, mit dem die US-Gesellschaft neuerdings Dinge bewertet. Denn wenn ein Schwarzer Präsident ist, kann es ja keinen Rassismus mehr geben - für deutsche Verhältnisse könnte es dann heißen: Wenn Akgün erstmal Bundespräsidentin ist, dann kann Kochs Wahlkampf-Rassismus von 2008 - sofern er diesen eines Tages wieder reaktiviert - kein Rassismus mehr sein. Denn in einem Land mit türkischstämmiger Bundespräsidentin...

Die Stimmen mehren sich, wonach Deutschland einen Obama bräuchte. Jemanden, der nicht aus den üblichen Gefilden Machthungriger hervorpirscht, sondern aus einer gesellschaftlichen Nische auftaucht - aus der Obama gar nicht kommt -, um die Gesellschaft als Ganzes mitzuziehen. Dabei wird vergessen, dass dieses Land "seinen Obama" schon erleben durfte. Wer hätte denn noch vor einigen Jahren geglaubt, dass eine ehemals staatstreue DDR-Bürgerin zu bundesrepublikanischen Amt und Würden geraten würde? Wer hätte denn überhaupt gedacht, dass eine Frau den Kanzlerposten einnehmen würde? Ein doppeltes Obama-Szenario beinahe - ostdeutsch und Frau! Und gehen wir noch weiter: Die betreffende Dame stammt aus einer der ärmsten Gegenden Deutschlands - das könnte man beinahe als "Obama-Triple" bezeichnen! Und was hat es bewirkt?

Die Situation der Ostdeutschen hat sich in keinster Weise verbessert, die Arbeitslosigkeit grassiert wie eh und je. Frauen arbeiten immer noch für weniger Geld als Männer. Und die Uckermark blüht lediglich im Frühling, wirtschaftlich nicht. Damals hat man Merkels Wahl als einen kleinen Markstein am bundesdeutschen Himmel bewertet, aber geändert hat sich kaum etwas. Denn Politik läßt sich nicht mit Oberflächlichkeiten erzwingen; sie muß inhaltsvoll sein, was sie bei Merkel nie war. Wenn demnach Stimmen aus der Politik eine Obama-Mentalität fordern, die einerseits "Randgruppen" in ein Mandat drücken sollen, die dann auch noch dümmliche "Yes, we can"-Parolen plärren sollen, dann darf man das getrost als Drohung verstehen. Hier wird nämlich wahrer, wirklicher, offen praktizierter Populismus gefordert - ein Populismus, dem man inhaltsvolleren Politikern der BRD nachsagt (Lafontaine oder Gysi) -, eine Aushöhlung des letzten Restes politischer Kultur zugunsten eines Personenkultes, der sich nicht einmal an der Person selbst, wohl aber an ihrem "Randgruppendasein" orientiert.

Deutschlands Obama-Effekt fand 2005 statt, nachdem eine Frau aus der ärmsten Gegend (Ost-)Deutschlands Kanzlerin wurde. Was davon geblieben ist, was uns dieser "Paradigmenwechsel" einbrachte, läßt sich täglich betrachten - ob schwarz oder weiß, ob Frau oder Mann: Politik wird nicht an Äußerlichkeiten gemessen...

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Rogowski: kein Einzelfall!

Montag, 2. Februar 2009

Bei Anne Will wurde darüber sinniert, ob man sich von seinem Arbeitgeber lieber ausnutzen lassen soll, bevor man arbeitslos ist. Zu Gast eine Betriebsrätin von LIDL, die davon erzählt, dass gerade diese Angst vor Arbeitslosigkeit bewirkt, dass sich immer mehr Menschen immer mehr gefallen lassen. Das geht so weit, dass man offene Aggression von Seiten des Arbeitgebers bzw. des Vorgesetzten hinunterschluckt und akzeptiert. Nachdem die Dame kundtat, was sowieso schon genug Menschen, die lohnabhängige Arbeit benötigen, wußten, richtete Will eine Frage an die Prominentenrunde: Sind das alles nur Einzelfälle?

Und Michael Rogowski, ehemaliger BDI-Präsident, läßt sich dabei nicht lumpen. Ja, er meine und glaube es indes ganz fest, dass solche Geschehnisse, gerade auch solche Szenen wie im vorangegangenen "Tatort", der sich thematisch damit befaßt hat, höchst selten sind, daher Einzelfälle darstellen. Da war er wieder, der Einzelfall, der jede kritische Diskussion im Keime ersticken soll!

Dabei hat Rogowski recht, denn es handelt sich immer und überall nur um Einzelfälle. Jeder der über drei Millionen offiziellen Arbeitslosen ist eine Zahl in der Masse, aber jeder für sich ist ein Einzelfall; jeder an Hunger leidende Mensch ist Teil einer großen, magenknurrenden Weltgemeinschaft, aber im Moment der Not fühlt sich jeder als ganz besonders trauriger Einzelfall; Millionen von getöteten Juden sind unvorstellbar, faßbar wird es uns erst, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir es mit Millionen von Einzelfällen zu tun hatten. Und, lassen wir es nicht unter den Tisch fallen, auch Rogowski ist nur ein Einzelfall innerhalb einer Masse von Arbeitgebervertretern, die überhaupt kein Interesse haben beim kritischen Durchleuchten ihres Treibens.

Anders gesagt: Der so gern gebrauchte Begriff "Einzelfall" ist substanzlos, weil in jeder Gesamtheit immer das Einzelne schimmert. So betrachtet sind in Ruanda nicht 800.000 Tutsi getötet worden, weil die abstrakte Zahl wenig Gehalt aufweist, weil sie nicht das Einzelschicksal erfaßt - wenn wir des Unbegreiflichen verständig werden wollen, dann müssen wir addieren, müssen aufzählen, dass es ein Tutsi sei, der neben einem weiteren Tutsi starb, der wiederum neben einem weiteren Tutsi ermordet wurde, der seinerseits neben einem weiteren Toten seiner Ethnie stand. Das wäre, im Sinne des begriffenen Einzelfalles, eine Vorgehensweise, die dem Unbegreiflichen gerecht würde.

Im millionenfachen Mord steckt demnach der Einzelfall genauso, wie in Rogowkis Abwiegelei. Denn das soll die Plattitüde um den Einzelfall-Begriff ja suggerieren; er soll dem Zuseher oder Zuhörer begreiflich machen, dass jede Diskussion über ein Thema der Fallvereinzelung irrelevant ist, weil sowieso nur wenige Menschen davon betroffen sind, darunter leiden müssen. Rentabel - wir sehen in welch neoliberalen Gefilden gefischt wird, wenn man die Wortwahl bzw. die Bedeutung dahinter wahrnimmt! - wird eine solche Diskussion doch erst, wenn Millionen von Arbeitnehmern gegängelt und ehrabschneidend behandelt würden - aber das ist ja nicht so, weil es Einzelfälle sind. Als ob sie das nicht wären, wenn wir vier, fünf, sechs Millionen solcher Behandlungen hätten; als ob es dann nicht eben vier, fünf, sechs Millionen Einzelfälle wären!

Wer mit solchen Begrifflichkeiten um sich wirft, der will das Anzumahnende zur Randerscheinung degradieren, über die es sich nicht zu diskutieren lohnt - es ist die umgekehrte Logik dessen, was man mittels Aufbauschung, wie beispielsweise bei den Diskursen über angebliche Heere von arbeitsunwilligen Arbeitslosen, bewirkt. Während letzteres die Massen aktivieren, polarisieren, vereinnahmen soll, soll die erste Verfahrensweise die Menschen beruhigen, sie besänftigen, sie einlullen. Aber ein inhaltlicher Gehalt des Einlullens mit dem Wort "Einzelfall" ist nicht gegeben; soll gar nicht gegeben sein. Es ist eines dieser floskelhaften Worte, die jenen platten und inhaltslosen Sätzchen nahekommen, die da lauten: "So jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!" oder "Heute ist nichts mehr so, wie es gestern war!" Kurzum: Man weiß ob der Richtigkeit der Aussage, so wie man auch weiß, dass jeder Fall für sich gesehen vereinzelt ist; aber schlußendlich sind es Aussagen, die man sich sparen kann, weil sie sowieso jedem bewußt sind. Und letztendlich lügt Rogowski nicht einmal, sondern beugt und zerrt an der Logik herum, um am Ende richtige Positionen einzunehmen. Denn man kann es drehen und wenden wie man will: für jeden Betroffenen bleibt es immer ein ganz besonderer Einzelfall, egal wieviele neben ihm leiden oder genötigt werden.

Der "Einzelfall" ist folglich ein aus der Alltagssprache entlehntes Wortkonstrukt, welches nicht verändert wurde am Wort, wohl aber am Sinn - zumindest versucht man den Sinn zu beugen. Steht das Wort quantitativ relativ undeutlich da, abgesehen davon, dass es ein einzelner Fall ist, von dem sich aber nicht herauslesen läßt, in welcher quantitativen Größe er gebettet ist, ob er also Einzelfall zwischen zehn oder 500.000 gleicher oder ähnlicher Fälle ist, so soll der "Einzelfall" heute bildhaft machen, dass er innerhalb einer kleinen Größe verweilt. Der Einzelfall ist also nicht mehr quantitativ neutral, sondern soll Partei ergreifen für eine Minderheit, über die es sich eigentlich nicht zu sprechen lohnt.

Rogowski und seine Kamarilla: leider kein Einzelfall!

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Sit venia verbo

"Es ist nicht der Zweck des Staates, die Menschen aus vernünftigen Wesen zu Tieren oder Automaten zu machen, sondern vielmehr zu bewirken, dass ihr Geist und ihr Körper ungefährdet seine Kräfte entfalten kann, dass sie selbst frei ihre Vernunft gebrauchen, und dass sie nicht mit Zorn, Hass und Hinterlist sich bekämpfen, noch feindselig gegeneinander gesinnt sind. Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit."
- Baruch de Spinoza -

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Dolchstoßlegenden

Sonntag, 1. Februar 2009

Wie man sich mit billigsten Mitteln, mit Plattitüden und hohlen Phrasen eine Dolchstoßlegende bastelt, wurde jüngst anhand Wulffs dümmlichen Geschwätz erklärt, in welchem er unheilschwanger vor dem "Unternehmer Staat" warnt. Dies freilich im Moment, da die freien Unternehmer im Bankenkosmos bewiesen, wie kompetent die Macher aus der Privatwirtschaft doch eigentlich sind. Nun müssen die Gescheiterten, trotz der Mahnung Wulffs, nur dafür Sorge tragen, dass möglichst bald der Staat dort das Ruder übernimmt, damit man nach und nach, mit Hilfe feinster Geschichtsklitterung und -verzehrung, und unterstützt durch orwellanische Medientiraden à la Miniwahr (Ministerium für Wahrheit), die Schuld der ganzen Misere dem Nachfolger der privatwirtschaftlichen Hasardeure zuschieben kann: dem Staat eben. Die Ludendorffs und Hindenburgs in den OHLs der Bankenlandschaft wissen so ihren gescheiterten Frontkrieg gegen jede menschliche Vernunft doch noch gerettet, während gleichzeitig der verhasste Staat, dieser Leviathan auf sozialistischen Umverteilungsfüßen, seine letzte Reputation als ernsthafter Sachwalter unternehmerischer Vernunft verwirkt. Das ist der Stoff aus dem die Machtergreifungen, Demokratietode und Ermächtigungsgesetze sind; mit so einem Dolchstoß beginnt man schlammigbraune Geschichten.

Oder man beendet damit vermeintliche Erfolgsgeschichten. Und wer, wenn nicht die Gazetten dieses Landes, eignet sich denn zur Verbreitung neuer Dolchstoßereien? So wie kürzlich der Stern, der etwas davon schrieb, wie die Bundesanstalt für Arbeit versucht ist, ihren "Service über die Krise" zu bringen - damit sind wohl allerlei Gängeleien, die durch Hartz-Reformen manifestierte Allmacht der Arbeitsvermittler und Sanktionsorgien gemeint. In der Folge des sehr uninspirierten Stern-Artikels, in dem es vorallem darum geht, den in die Behörde getragenen Unternehmergeist zu loben, weil er Verbesserungen in allen Bereichen der Arbeitsagentur mit sich gebracht hätte - mancher Arbeitslose bekäme beim Vorsprechen sogar einen Kaffee serviert -, innerhalb dieser Lobhudelei also, findet auch BA-Chef Weise anerkennende Worte: auch nachdem die Arbeitslosenzahlen bei der Einführung der Hartz IV-Reformen weiterhin stiegen, Weise ließ sich nicht beirren, wußte von der bald eintretenden Wende. Und als diese dann erstmal eintrat, schrumpften die Arbeitslosenzahlen wie lange nicht mehr. Hartz IV, so kann man herauslesen, ist keine Bankrotterklärung des demokratischen Sozialstaates, sondern das reinste Erfolgsmodell - gepaart mit Weises Schärfung vom neuen Unternehmertum in der Bundesagentur, schien das Arbeitsmarktproblem behoben zu sein, denn Jahr für Jahr konnte man schönere Zahlen präsentieren. Dass diese Zahlen flankiert von Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, im Volksmund Ein-Euro-Jobs genannt, von Trainings- und Schulungsmaßnahmen, von Abschiebungen in Rente und allerlei Tricks mehr geschönt waren, davon liest man nichts im besagten Artikel.

Kurzum, es war eine schöne und heile Welt, in der die Arbeitsagenturen dahinwursteln durften; eine Welt, die fortschrittlich war, weil sie ständig verbesserte Arbeitsmarktzahlen vorlegen konnte. Alles lief blendend, bis eben die Finanz- und Wirtschaftskrise auftauchte und eine Krise am Arbeitsmarkt einläutete. Nun wird sich die Arbeit der Behörden erschweren, Arbeitslose werden den Arbeitsmarkt überschwemmen, womöglich wird das Geld für Trainingsmaßnahmen und Ein-Euro-Jobs knapp, so dass weitere Arbeitslose entstehen. Das ist der sanfte Dolchstoß an den Hartz-Reformen, denn wir lesen zwischen den Zeilen, dass uns blühende Landschaften erwartet hätten, womöglich sogar einmal eine Gesellschaft der Vollbeschäftigung, wenn eben die besagte Krise nicht hinterrücks und arglistig diese wichtigste deutsche Reform seit 1949 gemeuchelt hätte. Kaum zeigen die "Reformen" der Hartz-Kommission keinerlei Wirkung mehr, weil sie sich nicht mehr in einem stillen Biotop aus Verdrehungs- und Kaschierungsmöglichkeiten bewegen können, schon greift man zur Geschichtsklitterung - damit beginnt man schon im Jetzt, in der Gegenwart, damit in Zukunft bloß niemand auf die Idee kommt, das Vergangene könnte auch anders interpretiert werden. Das vorauseilende Zurechtrücken eines Umstandes ist einer der wesentlichsten Punkte sogenannter Dolchstoßlegenden. Irgendwann soll sich keiner mehr daran erinnern, dass die Arbeitsmarktreformen mit Namen Hartz, eigentlich nichts weiter als Tarnmethoden waren, ein Programm zur stillen Armenverwaltung, um möglichst geschönte Arbeitslosenzahlen ausbreiten zu können.

Der Dolchstoß scheint zur Konstanten neuer Politik zu werden; einer Politik, die nicht mehr fähig ist, auch einmal Fehler und Irrtümer zuzugeben. Stattdessen muß der Dolchstoß herhalten, um den eigenen Bankrott zu bemänteln. Auch die Reformen des Arbeitsmarktes, die Lohndumping förderten, beinahe rechtlose Leiharbeitsverhältnisse hofierten, im Niedriglohnsektor "Anreize geschaffen haben", haben maßgeblich zur Untergrabung der Binnennachfrage beigetragen, worunter wir jetzt mehr denn je zu leiden haben; das ALG II hat eine geräuschlose Senkung der Arbeitslöhne mitbewirkt, hat Unternehmer dazu animiert, kleine Löhne zu bezahlen, die dann mittels ALG II aufgestockt wurden. Davon wird natürlich nicht geschrieben, stattdessen wird eine wunderbare Welt der Arbeitsvermittlung beschrieben, die wohl in dieser Form Vergangenheit ist, weil ein Dolchstoß das schöne Behördengebilde in moribunde Verkrampfungen warf. Dabei werden nicht einmal Namen genannt, der Dolchstoß dieses Falles ist ein Abstraktum, nicht faßbar, nur ein schlichtes Wort: die Krise! Aber so ein Begriff reicht aus, um die Mär zur Wahrheit zu erheben. In vier oder fünf Jahren sitzen Menschen dann beisammen und erzählen sich von damals, als man den Legionen von Arbeitslosen fast Herr wurde, als die Hartz-Arbeitsmarktreformen fruchteten und kurz vor der Vollbeschäftigung von den Weltbanken - die deutschen Banken waren ja unschuldig! - aufgehalten wurden. Man wird viele Achs und Ochs seufzen, weil uns die heile Welt der Arbeitsmarktreformen verwährt geblieben ist.

Dolchstöße werden in nächster Zeit vermehrt auftreten, denn eine Regierung die derart von sich selbst überzeugt, gleichermaßen aber eine Ansammlung von neoliberalen Sektierern und weltfremden Stümpern ist, muß sich geradewegs zwanghaft Ausflüchte suchen. Dazu eignen sich Sündenböcke, die man mit Begriffen wie "arglistig", "hinterlistig" oder "link" konnotiert. Das sind die Geburtswehen der Dolchstoßlegende. In dieser Weise sieht sich die SPD seit Jahren, wenn sie auf Landesebene Wahlen verliert, solchen Dolchstößen ausgesetzt. Es ist nicht die Enttäuschung der Wähler, weil diese Partei Maßnahmen beschlossen hat, die der eigenen Klientel diametral entgegenlaufen, sondern schlicht eine pressegesteuerte Anti-SPD-Stimmung, ein Dolchstoß eben, der der SPD zusetzt - so kann man vom eigenen Versagen ablenken. Wie generell alle etablierten Parteien ablenken wollen von ihrem eigenen Versagen, indem sie die LINKE zur populistischen Partei erklären, die das Gefüge in den vielen neuen Fünf-Parteien-Landtagen durcheinanderwirbeln (in Bayern hat sich niemand beschwert, weil man als fünfte Partei nun die Freien Wähler begrüßen durfte), somit eine Art von Dolchstoß an der doch bisher so guten Zusammenarbeit von Union, SPD, FDP und Grünen betreiben.

Sollten bei der kommenden Bundestagswahl die Volksparteien weiter einbüßen, was sie nicht an der Fortführung der Großen Koalition hindern wird, so wird man eine neue dieser arglistigen Legenden ersinnen. Allerlei Kandidaten kommen dann in Frage: Krise, die Populisten der LINKEN, Vermittlungsprobleme...

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