Die Gutmenschen, die ich so kenne

Mittwoch, 10. Februar 2016

Den Gutmenschen haben sie neulich mal zum »Unwort des Jahres« gekürt. Na gut, eine Kür ist es ja nicht gerade. Die Wahl erfolgte völlig zurecht, wenn man den Begriff so verwendet, wie es derzeit einige tun, wenn man also »Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert«, dann ist er zweifelsohne negativpreiswürdig. Gleichwohl zeigt sich hier, dass es im täglichen Gebrauch Worte und Begriffe gibt, die man so und ganz anders meinen kann. Ich oute mich an dieser Stelle: Ich gebrauche zuweilen dieses Unwort auch. Ich meine dann nur ganz andere als ehrenamtliche Helfer, engagierte Menschen und altruistische Charaktere. Ich für mich benenne Personen damit, die ein gutes Motiv als Ursprung haben, sich aber dann in etwas verrennen. So habe ich vor Jahren den »Gutmensch« begrifflich kennengelernt.

Noch etwas vorneweg an die, die jetzt unken, dass ich gewissermaßen ein Wort aus dem Jargon der Nationalsozialisten verwende. Es gibt ja einige Theorien, wonach der »Gutmensch« terminologisch bereits bei den Nazis angelegt war. Sie hätten es irgendwie von dem jiddischen »a gutt Mensch« abgeleitet, es zynisch aufgeladen. Heute bin ich der Ansicht, dass das eine Konstruktion ist, der fromme Wunsch eines Philologen wahrscheinlich, der seine politische Anschauung in seine Theorie einbauen wollte. Die beiden Worte, die in darin stecken, sind viel zu unspezifisch, als dass man da klar eine terminologiegeschichtliche Aufarbeitung vollziehen könnte. Mit »gut« und »Mensch« ließe sich in jeder Generation, ohne einem etwaigen Vorwissen von dieser Komposition, immer wieder dieselben Termini erstellen. Und sie würden mit ziemlicher Sicherheit auch entstehen. Die einzelnen Worte sind wie gesagt einfach nicht spezifisch genug. Genau wie jener Ansatz, dass Hitler selbst den »Gutmenschen« erschaffen habe, weil er in seiner »Kampfschrift« immer wieder abwertend von gutmütigen Menschen sprach. Doch das ist hanebüchen. Es beweist aus meiner Sicht lediglich, dass schlechte Menschen immer zum spöttischen Zynismus zulasten jener fähig waren, die so viel besser waren als sie. Das Wort »Gutmensch« ist deshalb noch lange nicht Nazijargon.

Ich habe den Begriff anders kennengelernt. Das ist Jahre her, ich denke so um die Jahrtausendwende. Ein Gutmensch war damals einer, der das Gute will, aber das Schlechte betreibt, anfacht oder einfach nur in Kauf nimmt. Ein pazifistischer Grüner zum Beispiel, der Frieden durch Bundeswehreinsätze herstellen wollte. Ein Gutmensch ist jemand, der ein durchaus nachvollziehbares, ja vielleicht sogar anzustrebendes Ideal verfolgt, dazu aber Mittel anwendet, die überhaupt nicht mehr mit dem Guten vereinbar sind. Militante Nichtraucher fallen mir da noch ein; oder Leute, die aus Überzeugung und aufgrund des Tierschutzes kein Fleisch mehr essen, dafür auch werben und gleichzeitig alle Fleischesser als Mörder hinstellen und für nicht ganz normal erachten und ihnen einen moralischen Strick daraus drehen. Um Moralin geht es solchen immer. Es ist der Rohstoff, mit dem der Gutmensch hausieren geht. Und wer dem moralischen Anspruch nicht akzeptiert, den geht es mit ganz unmoralischen Mitteln wie Diskreditierung und Diffamierung an den Kragen.

In der »Zeit« vom 14. Januar diesen Jahres wird von der »Debatten-Polizei« an amerikanischen Hochschulen berichtet. Es geht darin um Trigger Warnings, also um die Entwicklung, dass Studenten künftig von ihren Professoren wegen des traumatisierenden Inhalts in Ovids »Metamorphosen« gewarnt werden wollen, bevor sie es lesen müssen. Da sich mancher Professor weigert, unterstellt man ihm allerlei, von fehlender Sensibilität angefangen bis hin zur sexistischen Einstellung. Sachlich geht es jedenfalls nicht mehr zu. Diese Leute haben vielleicht ein gutes Ziel vor Augen, aber sie verlieren dabei jedes Maß und jeglichen Realismus, werden zu Kriegern einer Idee, die ja eigentlich eher von »kriegerischen Inhalten« warnen und bewahren will. Slavoj Žižek schrieb erst kürzlich im »Philosophie Magazin Nr. 01/2016 über diese Entwicklung. Dass »das Subjekt […] geschützt und im Voraus vor allen potenziellen Störungen gewarnt werden [muss]«, ist seines Erachtens ein Kokon. Aber Studenten müssten »raus aus dem Kokon«, denn die Welt ist kein Schutzraum, man muss sich ihr stellen. Es gibt nun mal Dinge, die uns traumatisieren können, wenn wir sie erlesen, davon hören oder sehen. Indem man Zeilen überfliegt, weghört oder -sieht, ist es nicht einfach weg. Die Kindertaktik zugehaltener Augen und Ohren klappt leider nicht. Žižek findet aber, man brauche gebildete Leute, die hinsehen und sich nicht einigeln. Gut, das alles führt an dieser Stelle zu weit. Zurück zum eigentlichen Faden.

Viele Studenten in den Vereinigten Staaten führen nun einen Kampf für eine oberflächlich betrachtet »gute Sache«. Aber sie verlieren den Maßstab. Ein anderes Beispiel ist, dass man einem Professor sofort Rassismus unterstellte und einen Kampagne gegen ihn startete, weil er zwei asiatische Studentinnen miteinander verwechselt hatte. Das erinnert stark an Philipp Roths »Der menschliche Makel«, in dem ein weißer Professor aufgrund rassistischer Vorwürfe suspendiert wurde, weil er zwei Studenten, die noch nie eine seiner Vorlesung besucht hatten, als immer abwesend notierte und sie daher im Scherz »dunkle Gestalten« nannte. Er wusste nicht, dass die beiden Afroamerikaner waren. Man erfährt im Verlaufe des Buches, dass der Professor selbst aus einer schwarzen Familie stammt, ein angeborener Gendefekt war verantwortlich für seine weiße Haut. Der Aufschrei dieser Gutmenschen mäht alles nieder, könnte man aus dieser Story ableiten.

Sich so heillos zu verfransen zwischen »guter Sache« und »schlechtem Stil«: Das ist es, was ich als »Gutmenschentum« kenne. An deutschen Universitäten geht es nicht so viel anders zu. Es ist nur (noch) etwas ruhiger. Der Frankfurter AStA sieht Unisex als größtes Projekt des Augenblicks an; Unisex-Toiletten müssen deswegen nun unbedingt an Hochschulen. Kritik daran ist obsolet, sofern man nicht als Sexist betitelt werden möchte. In dieser Sache sind einige Studenten wahre Gutmenschen. Wenn dieselben jungen Leute aber am gleichen Abend ehrenamtlich helfen, um Geflüchteten ein halbwegs angenehmes Dasein im Exil zu bereiten, dann sind sie nicht Gutmenschen, sondern eben Leute, die etwas Gutes tun wollen. Und ihren Einsatz verbal zu verteidigen gegen die Menschenhasser, das ist legitim. Solche aber, die nicht helfen können oder wollen dann in die moralische Garotte zu wickeln, das ist schon wieder etwas anderes.

Denn der Gutmensch verbeißt sich in was, wird zu einem unleidlichen Mitmenschen, entzündet Shitstorms und verweigert im Namen seiner hehren Gesinnung jegliche Toleranz anderen Ansichten gegenüber. Er selbst will natürlich toleriert werden. Voll und ganz. Aber jeder, der nicht exakt dasselbe schlussfolgert, der braucht keine Akzeptanz zu erwarten. Harald Martenstein brachte vor weniger als einen Jahr in seiner Kolumne eine passable Definition für das, was ein Gutmensch ist: Einer der »glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für »das Gute« hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet sei. Beleidigungen, Demütigungen und sogar Gewalt sind erlaubt«. Problem war bei diesem Text nur, dass er das als Neudefinition des Begriffs »Gutmensch« empfahl. Aber das war und ist nicht neu, das ist exakt der Gebrauch des Wortes, den ich seit Jahren kannte.

Ist nun die »Kür« des Begriffs zum »Unwort des Jahres« ein Fehlgriff? Gar nicht. Denn die Rechten haben ihn ja umgedeutet. Das haben sie nicht aktuell getan. Seit Jahren gebrauchen sie den Begriff als Label für Naivität, weil man Alten, Kranken und Fremden hilft. Sie verspotten so den Einsatz. Jetzt ist das Wort eben massentauglich geworden. Ursprünglich hätte man aber jemanden als Gutmenschen bezeichnet, wenn er etwas tut (sei es nun helfen oder etwas anderes) und sein Tun als Maßstab für alle auferlegt und sich arrogant artikuliert und einen »heiligen Krieg« entfesselt, weil nicht alle so ticken, wie er es tut. Die Umdeutung dieses Begriffs ist durchaus preiswürdig. Denn für mich war mancher Grüne, der Hartz-IV-Beziehern Bioprodukte ans Herz legte oder Kriegseinsätze absegnete, damit das muslimische Patriachat geschwächt würde, das Paradebeispiel für einen solchen Typus. Dass es hilfsbereite Menschen sein könnten, habe ich nie in Betracht gezogen.

Und da es immer auch um Deutungshoheit geht, auch oder gerade bei Begriffen, weigere ich mich das Wort in meinem alltäglichen Gebrauch einzuschränken oder totalitär abzuschaffen. Ich sage es ohnehin nicht so oft. Aber eine Schere im Kopf lasse ich nicht zu. Es kommt auf die Deutung an. Und dieser Text ist ein Versuch, den Begriff zu deuten. Wer mir was anderes unterstellt, wer mich jetzt anfeindet und mich moralisch diskreditieren möchte, der kommt dem nahe, was ich unter dem Wort verstehe.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 9. Februar 2016

»Das Fließband, es ist der Herr.
Ich bin sein Getriebe.
Es herrscht, ich unterwerfe mich.
Trotzdem schätze ich es wie nichts.
Gezwungen habe ich mich, es zu lieben.
Ich bin unterwürfig, weil es ein verständigerer Herr ist, wenn ich gefügig bin und es nicht verachte.
Ich zerfließe am Zerfließband, dann ist es stolz auf mich.
Ich danke dem Fließband, es gibt mir Brot und lenkt mich vom Hunger ab.«
- Herta Müller, »Der König verneigt sich und tötet« -

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Schlagsahne auf Kuchen in Schrebergärten

Montag, 8. Februar 2016

Dass man diese Alternative, die sie für Deutschland sein will, immer in erster Linie als rassistischen und isolationistischen Haufen in den politischen Debatten anführt, ist ein etwas ärgerlicher Umstand. Sie ist so viel mehr. Oder sagen wir besser: Sie ist so viel weniger. Ihr chauvinistischer Rassismus ist nur eine Komponente aus einem Weltbild, das wie aus Zeiten Adenauers zu kommen scheint. Oder aus einer jener niedlichen Vorstädte der Eisenhower-Ära. Die Abbreviatur AfD ist die gellende Sehnsucht nach exklusiver Gemütlichkeit und übersichtlichen Provinzialismus. Ja, Harmoniesucht am Ende. Die Feindlichkeit gegenüber Fremden ist nur eine Facette dieser Weltbetrachtung.

Die Bloggerin Kattascha hat erst neulich das Wahlprogramm der AfD in Baden-Württemberg quergelesen. In Stichpunkten und Auszügen, was dieser Bande so vorschwebt: Bürgerarbeit für Arbeitslose; Werbung für Mutter-Vater-Kind-Beziehung bei den Rundfunkanstalten; Abkehr von der CO2-Lüge; Abkehr von den umweltbelastenden erneuerbaren Energien, stattdessen zurück zur Kernkraft; Lockerung des Datenschutzes; Einführung eines »Heimatschutztages«; Schutz der Jugendlichen vor promiskuitiven Inhalten; konsequente Durchsetzung schulischer Disziplin; Verbot von Abtreibungen; Senkung der Scheidungsrate; keine »volkserzieherische Überhöhung von nicht heterosexuellen Menschen« mehr; Abschaffung von Transsexualität; Ehe nur zwischen Mann und Frau; kein »falsch verstandener Tierschutz« mehr.

Man sieht, diese sich wie eine Partei gerierende rassistische Bewegung ist außerdem ein Sammelsurium kleinbürgerlicher Affekte und Feuchtträume, eine bequeme Illusion voller Behaglichkeit und Heimeligkeit im nicht haargenau definierten Volkskörper. Jener ist aber in jedem Falle ein Exklusionsmodell, in dem nicht nur nicht Fremde inkludiert werden, sondern auch alle anderen gesellschaftlichen Gruppen, die dem Wohlgefühl der Fünfzigerjahre nicht zupass kommen. Homo- und Transsexuelle werden an den Rand gedrängt, ja die Sexualität selbst wird mit einer historisch längst überholten Verklemmtheit angefasst, sodass jeder offene Diskurs über geschlechtliche Neigungen, der ein halbwegs unbefangenes Leben garantierte, vollkommen verunmöglicht wird. Wer Konformität lebt, der ist Teil der exklusiven Gesellschaft, lebt die Vorbildlichkeit; Normabweichungen werden im Wahlprogramm (und bei Wahlerfolg in Realität?) wie Aussatz und psychische Erkrankungen behandelt.

Diese Einstufung von nicht konformen Lebensmodellen ist selbstverständlich nicht zeitgemäß, weil eben nicht im Ansatz wissenschaftlich begründbar. Es baut auf auf Befindlichkeiten, auf Bauchgefühl, auf Vorurteilen und Vorverurteilungen. Man will Homosexualität von der Bildfläche verschwinden lassen, nicht weil man es begründen könnte, weil es gute Argumente dafür gäbe, sondern weil man es für eine Perversion hält, die durch nichts zu entkräften ist - nicht mal durch Erklärungen, wonach gleichgeschlechtliche Liebe eine völlig normale Erscheinung im Wesen des menschlichen Geschlechts ist, evolutionär und biologisch erklärbar. Gleichfalls beim Klimawandel. Man hält ihn für eine Erfindung, nicht weil man etwa wüsste, dass es so ist, sondern weil man es hofft, weil man möchte, dass sich nicht verändert und man jegliche globale Veränderung einfach als Lüge abstempelt. Verdrängung statt Aufarbeitung, Scheuklappen, wo man Lupen bräuchte: Das ist diese Alternative, die sie sein will, wirklich und tatsächlich.

Das ist überhaupt der Impetus schlechthin bei diesen Leuten. Sie verdrängen, dass das moderne Leben nicht mehr so eindeutig ist, wie es vielleicht noch vor vierzig oder fünfzig Jahren gewirkt haben mag. Die Stimmung der Fünfzigerjahre, Schlagsahne auf Kuchen in Schrebergärten, Papa mit sicherem Arbeitsplatz, Mutti daheim und allezeit mit offenem Ohr, mehr Zusammenhalt unter Nachbarn, die auch zusammenrückten, um es den Gastarbeitern zu vermiesen; ja, diese unsäglich nostalgische Gemütlichkeit, die zwischen Heinz Erhardt und Schlagern herausstach, die kinderreiche Familien hervorbrachte, die heute im Rückblick, wenn man mal nicht kritisch hinterfragt, so ein Gefühl für Romantik aufkommen lässt – das alles treibt diese »Alternativen« an.

Sie wollen indes ja auch gar keine Alternative sein, also nicht »eine weitere Möglichkeit« anbieten - was das Wort per definitionem ja bedeutet -, sondern etwas Altes anpreisen. Alternativ bedeutet der lateinischen Herkunft nach (alter für »das Andere« und nascere für gebären), dass etwas »aus dem anderen geboren« wird. Aber die AfD will nicht aus dem Status quo etwas Neues zur Welt bringen, sondern eine Leiche ausbuddeln und etwas Makeup draufklatschen. Gewissermaßen einen Gesellschaftsentwurf reanimieren, der in seiner Ausformung schon lange keine Alternative mehr war, nur in der spießigen Behaglichkeit der Nachkriegs- bis Anfang der Siebzigerjahre den Alltag prägte, danach aber langsam als unhaltbar verabschiedet wurde und abstarb, sich nur in überschaubaren Nischen wie dümmlichen Stammtischen oder ewiggestrigen Verbänden als Kuriosum halten konnte.

Man kann und sollte diese Herrschaften nicht nur auf ihren Rassismus reduzieren. Der ist natürlich unhaltbar und man muss ihm Einhalt gebieten. Aber hinter dieser Truppe steckt so viel mehr an traurigem Potenzial. Da leiden Mitglieder wie Anhänger an einer deutschen Harmoniesucht, an Nostalgie, an Sehnsucht nach einer verklärten guten alten Zeit, in der kleinkarierte alte Herren und graue Damen die Republik in Konventionen und Konformität parzellierten, kalte Krieger mit Atomwaffenbereitschaft spielten und jegliche gesellschaftliche Dynamik als fatales Vorzeichen eines untergehenden Abendlandes betrachteten. Damals war das eine Weile zeitgemäß, bevor die Jugend ausbrach – heute ist dergleichen keine Alternative, sondern bloß der Rollback einer Lebensweise, die von der gesellschaftlichen Evolution lange weggewischt wurde.

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Georg Kreisler ist tot

Freitag, 5. Februar 2016

Am Dienstag ist es geschehen. In Salzburg. Kreisler wurde 89 Jahre alt. Habe es eben beim »Neuen Deutschland« entdeckt. Er sei »ein Meister des schwarzen Humors gewesen«, schreiben sie dort. Das macht mich traurig, sehr betroffen. R.I.P. und so. Alle sterben sie in letzter Zeit weg. David Bowie, Glenn Frey, der Lemmy, den ich vorher gar nicht kannte, Donna Summer und nun auch noch Georg Kreisler. Ich werde das gleich mal auf meiner Pinnwand anbringen. Bei Facebook drüben. Da erfährt man viel, wenn man seine Chronik so betrachtet. Wie ein kleines Nachrichtenportal. Dort werde ich Kreislers »Meine Freiheit, deine Freiheit« als »in memoriam« posten. Seinen Namen in Großbuchstaben. Ist ja doch eine Schlagzeile. Und Schlagzeilen setzt man in große Lettern. Es soll ja jedem gleich ins Auge stechen.

Neulich erfuhr ich vom Tode Donna Summers. Jemand verwies auf einen Artikel von »Spiegel Online«. »Donna Summer ist tot« lautete die Überschrift. Hm, wieder eine berühmte Persönlichkeit aus der Musik-Industrie gestorben, dachte ich mir. Geht derzeit wieder mal Schlag auf Schlag. Zu sagen hatte ich dazu nichts. Ich kommentiere solche Meldungen nie. Was soll man da anbringen? Trauer empfinde ich ja nicht. Und ein hingerotztes »R.I.P.« ist albern. Ich las, was die anderen so schrieben. Eine ältere Frau kommentierte mit »Ja, sterben sie denn alle?«. Drei Stunden war ihr Statement alt. Ein anderer setzte nur einen traurigen Smiley - vor vier Stunden. Zur ungefähr selben Zeit schrieb jemand - obligatorisch - »R.I.P.« und irgendwas von »Hot Stuff«. Einer, der seine Trauer mit dem Werk der Künstlerin verband, der schrieb, dass er ihr Ableben »on the Radio« vernommen hat. Der Artikel wurde mannigfach geteilt. Hie wie da wurde allerdings kommentiert.

Nach zwei Minuten hatte ich ein Déjà-vu. War diese Frau nicht schon mal gestorben? Mir war jedenfalls so. Ich erinnerte mich, dass ich bei der Nachricht an »The Full Monty« gedacht habe, an all die Typen, die in der Schlange beim Arbeitsamt standen und zu Summers Hit ihre kleine Choreographie abspulten. War sie also nicht schon vor längerer Zeit verschieden? Doch, das war sie. Im Mai 2012 um genau zu sein. Erst jetzt verstand ich auch, was einer der Kommentatoren meinte, als er kurz und knackig mit »Schon wieder?« kommentierte. Dasselbe war mir übrigens mit einer anderen Sache kurz zuvor passiert. Man verwies auf einen Artikel, in dem Merkel tönte, dass die Deutschen jetzt TTIP wollten. Na sieh an, dachte ich mir, die Frau hat ganz andere Probleme an der Backe und kümmert sich nebenher auch noch um die Verwirklichung des Freihandelsabkommens. Aber deswegen regt sich keiner öffentlich auf, nur bei der Flüchtlingsgeschichte. Es gab ja nur die vielen empörenden Kommentare unter dem Posting. Stündlich kam ein neuer dazu. Die Sache war aber die: Der Artikel war vom März letzten Jahres, also bereits zehn Monate alt. Aber die Zeitangabe schien tatsächlich niemanden zu interessieren.

Facebook ist wahrlich ein zeitloses Medium. Es schaltet alle zeitlichen Bezüge ab, macht alte Meldungen zur aktuellen Angelegenheit, wenn sich nur eine Masse von Benutzern findet, die das Alte aufwärmt. Plötzlich betrauert man den Tod einer Berühmtheit, die schon lange nicht mehr unter uns ist oder kritisiert die Kanzlerin für Statements, die sie vor einem Jahr abgesondert hat. Man fällt aus der Zeit, schwebt im öffentlichen Raum des Mediums dahin und alles ist gleichzeitig, ist zeitgleich. Ereignisse werden zum Wiedergänger, die man immer wieder kommentiert, immer wieder verinnerlicht, die man immer wieder als Neuigkeit neu in sich abspeichert, um sie scheinbar gleich wieder zu vergessen.

Man verspottet die Dummheit derer, die jetzt bösartig über Geflüchtete herziehen, die ihrem Hass freien Lauf lassen und sich synchron dazu als ungebildete Zeitgenossen outen. Parallel dazu hat man alle Nutzer des Netzwerkes ganz offensichtlich dergestalt abgerichtet, dass sie alles so konsumieren, indem sie es als gegenwärtig akzeptieren und kommentieren. Motto: Erst tippen, dann (vielleicht) recherchieren. Man reanimiert das Vergangene und holt es nochmals neu per Link und Post in die Gegenwart zurück. Das ist auch eine Form digitaler Demenz, eine Variante von Netzwerker-Dummheit. Es gibt viele dieser Sorte: Hasskommentare drüben und Recherchefaulheit hüben. Man ist konditioniert darauf, das aktuelle Geschehen unter »Freunden« zu thematisieren und sich dazu auszulassen, es mit Kommentaren zu versehen. Da man Facebook als Medium voller brandaktueller Meldungen betrachtet, in dem Menschen das Neueste hineinstellen, kann es quasi gar nichts Altes geben. Falls doch, wird der, der den Post erstellt hat, doch hoffentlich eine Kennzeichnung anbringen. Fehlt die, dann ist das Vergangene zurück in der Gegenwart. Wird schon passen, einer wird es schon geprüft haben.

Facebook erfüllt ja mittlerweile den Raum, es ist allzeit präsent. Dass es die Zeit auflöst, das Raum-Zeit-Kontinuum quasi zersetzt, konnten wir ja nicht ahnen. Aber so ist es. Deshalb kann man als meldungswürdige Person immer und immer wieder sterben und betrauert werden. Georg Kreisler starb ja auch schon im November 2011. Aber wer merkt das heute schon? Wir sind schnelllebig, Kommentar raus und vergessen, wenn er drei Jahre und 2 Monate später »wieder stirbt«, ist man schon seit drei Jahren und zwei Monaten drüber hinweg. Man betrauert nochmal, klickt zur Ehre des Verstorbenen und wer weiß, vielleicht stirbt er ja wieder und es sind nochmals welche erschüttert. Weil sie doch damals so gerne sein »Es lebe der Zentralfriedhof« mitgesungen haben.

Schon pietätlos, dass ich hier melde, dass Georg Kreisler tot sei, obgleich er es schon so lange ist, oder nicht? Das stört doch auch seine Ruhe, nicht wahr? Ja, ich bekenne mich dessen schuldig. Kein guter Stil. Andererseits ist er doch ein Meister des schwarzen Humors gewesen. Vielleicht hätte es ihm gefallen, wie sie alle Jahre wieder seinen Tod kommentieren. So ein großes Netzwerk, das wie ein riesiges Gedächtnis wirkt und kaum einer darin, der seines benutzt. Das ist doch fast ein wenig so wie Wien ohne Wiener.

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Wir machen das einfach!

Donnerstag, 4. Februar 2016

Eltern kriegen Kindergartenplätze für ihre Kinder. Patienten Termine beim Facharzt. Die Regierung fackelt nicht lange, spricht Garantien aus. Unvermittelt und ohne Strukturen zu schaffen. Der symbolpolitische Sprecher informiert: Wir machen das; wir schaffen das!

Nun also kriegt jeder Bürger einen Termin beim Facharzt binnen vier Wochen. Schon letztes Jahr hat man verkündet, dass es eine Garantie für die Patienten geben wird. Es gab damals bereits praxisorientierte Kritik. Wie wolle man das denn umsetzen? Facharztpraxen seien bereits jetzt voll und die Öffnungszeiten könne man nicht ins Unendliche verschieben. Macht nichts, sagte der Gesundheitsminister: Wir machen das einfach. Nun gibt es Terminservicestellen. Da ruft man an und bittet um einen Termin beim Rheumatologen. Wenn alles so läuft, wie beabsichtigt, dann kriegt man garantiert einen. Irgendwo. Freie Arztwahl ist nicht. Man geht dorthin, wo gerade Platz ist. Auch wenn man vielleicht vor Jahren schon bei einem bestimmten Rheumatologen war, landet man jetzt eben bei einem anderen Kollegen. Mit etwas Pech in einer anderen Stadt, obgleich am Heimatort drei oder vier dieser Fachärzte praktizieren. Die Kosten für diese verlängerte Anfahrt übernimmt die Krankenkasse selbstverständlich nicht.

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There is no Alternative für Deutschland

Mittwoch, 3. Februar 2016

Honoré Daumier, The Refugees
1848-1855
Die Situation ist verfahren. Jahr und Tag war es Tagesgeschäft der Linken, sich gegen die Merkelschaft zu positionieren. Sie als fatales Narkotikum, als einschläferndes Nachtlied der Demokratie zu entblößen. Man kreidete ihr das Wetterfähnchen an, das sie zur Richtungsangabe ihrer Politik aufstellte, ihre rautenhafte Chuzpe, für sie und ihre Klientel unliebsame Umstände in seichtem Sermon zu ertränken. Diese Frau gilt seit bald elf Jahren als kanzlerschaftliches Organ einer neoliberalen Agenda, das sich zwischen unverbindlicher Symbol- und knallharter Umverteilungspolitik erschöpfte und dieses Dilemma auch noch euphemistisch »Regierungsarbeit« nannte. Kurz und gut, sie musste weg, ersetzt werden durch wen auch immer, beurlaubt werden für eine Behebung dieses Stillstandes, zur Belebung eines progressiven Gemeinwesens. Und jetzt steht man links da und weiß im Augenblick nicht so genau, ob dieser politische Betriebsunfall im Hosenanzug nicht für eine Weile doch noch das kleinere Übel ist, das wir uns lieber bewahren sollten.

So viele wollen sie jetzt loshaben. Vor allem das neue rechte Selbstbewusstsein wirkt darauf hin. Ein Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin dieses Landes sollte nie zurücktreten, weil es diese Weltanschauung gerne so hätte. Das darf nicht aus diesem Grunde geschehen. Daran erkennt man schon, dass trotz der Vorgeschichte, die die Linke mit dieser Frau hat, ein jetziger Rücktritt ein katastrophales Zeichen wäre. Wer soll ihr denn auch folgen? Seehofer vielleicht? Gute Chancen dürfte er ja haben - und holt er dann diese unselige Alternative für dieses Land mit ins Boot? Ausgeschlossen dürfte auch das nicht mehr sein. Die Sozialdemokraten stehen ja als Ablösung nicht parat. Sie wollen und können nicht. Und selbst wenn: Ist Gabriel eine Verbesserung? Dieses TTIP-Männchen, das in letzter Zeit vermehrt zum rechten Populismus neigt, gilt es nun wirklich zu verhindern.

Auch ich halte die Flüchtlingspolitik dieser Frau in vielen Punkten für grundlegend falsch und heuchlerisch. Sie manifestiert sich bequem auf den Schultern freiwilliger Helfer, macht zu wenig Gelder locker, installiert Erdogan als Bollwerk gegen Flüchtende, während sie generös »Willkommen, willkommen!« ruft. Wer das tut, der müsste die Flüchtenden abholen, sie über sichere Routen zu uns kommen und nicht vom Militär eines despotischen Präsidenten an der Peripherie Europas in Schach halten lassen. Schon vorher war es Teil ihrer Asylpolitik, die Hilferufe aus Italien und Griechenland zu ignorieren, sie zu bagatellisieren. Schließlich war man im Zentrum des Kontinents und musste sich nicht um die Erstaufnahme kümmern. Das sollten andere machen. Alleine. Verteilungsquoten lehnte sie ab. Der Asylkompromiss aus den Neunzigern wurde zur europäischen Agenda und hat unter anderem viele Tote im Mittelmeer verursacht. Man verschärfte das Asylgesetz kürzlich sogar noch, statt über die bitteren Folgen der letzten Verschärfungen nachzudenken.

Die Bundeskanzlerin ist nach wie vor eine Person ohne nennenswerte Haltung, sagt nicht Fleisch oder Fisch, hat überhaupt die Aura eines wabbeligen Pfannkuchens, dem auch noch die appetitanregende Bräune fehlt. Sie wirkt nicht verloren auf ihren Posten (sie hat ja Lakaien und Kauder), aber der Posten ist verloren an ihr. Wenn man dann aber sieht, was da in den Startlöchern harrt, dann möchte ich doch am Status quo gerade mal festhalten. Lieber diese Person, als all das Gelichter, das nachrücken könnte. Was ihr an Bräune abgeht, das haben manche ihrer »Nachfolger« viel zu viel. Und eben nicht nur als Teint.

Strohschneider hat neulich im »Neuen Deutschland« gehadert, weil Opposition sich derzeit am Festhalten des Kanzlerinnenkurses erschöpft. Das ist fürwahr tragisch. Letztlich hat die Frau ihren Spleen von der Alternativlosigkeit dermaßen perfektionistisch realisiert, dass sie selbst im Augenblick ihres vermeintlichen Niederganges noch selbst für ihre ewigen Kritiker (nicht die, die erst jetzt damit angefangen haben), wie die letzte Option aussieht. Ja, wenn selbst ihre langjährigen politischen Gegner nun froh wären, wenn es zur Merkelschaft augenblicklich keine Alternative gäbe, dann ahnt man erst, wie vertrackt die Lage tatsächlich ist. Für diesen Bruchteil ihrer Kanzlerschaft, in der es losging, ihren Abtritt als notwendigen Schritt zu deklarieren, wünschte ich mir, es gäbe keine Alternative zu ihr. Aber leider gibt es sie. Eine für Deutschland.

Und die sollte es nicht sein, die die Bundeskanzlerin aus dem Sessel hievt. Brüning musste sicher unbedingt weg, seine Politik war ein Skandal. Aber die Nazis waren doch trotzdem keine Alternative zu diesem miesen Reichskanzler. There was no Alternative für Deutschland. Und sie ist es immer noch nicht.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 2. Februar 2016

»Wenn man heute über die Frage des Asylrechts und über die Aufnahme von Ausländern diskutiert, in einer Welt voller Gefahren, in der die extreme Gewalt in immer mehr Staaten zunimmt, so muss man sich zuallererst bewusst machen, dass die Zustimmung oder Ablehnung, sie aufzunehmen, in vielerlei Hinsicht der Macht über Leben und Tod gleichkommt. Ein solches Vorrecht beanspruchen souveräne Staaten für sich, wenn sie im Alleingang über die Öffnung oder Schließung ihrer Grenzen entscheiden wollen. Ob man nun will oder nicht, kommt der politische Wille, Geflüchtete zurückzuweisen und sie so der sicheren Gewalt auszuliefern, einer Billigung von Mord gleich. […] Was der Fremde fordert – als Recht und nicht als Gnade -, ist, dass ihm ganz einfache, bescheidene Dinge zugestanden werden, die zugleich lebenswichtig sind: ein minimaler Schutz für sich und seine Angehörigen, sich arbeitend ein Leben aufzubauen, das heißt »ein nützliches Mitglied der Gesellschaft« zu werden: nicht mehr und nicht weniger also als »das Minimum menschlicher Existenz« […] Dies abzulehnen, ist unmoralisch und verstößt gegen die Menschenwürde. Aus moralischer Sicht ist es durch nichts zu rechtfertigen, zumal sich menschliche Beziehungen prinzipiell auf die Pflicht zu Fürsorge, Hilfe und Rücksicht überall und für alle begründen, welche aus der Verletzbarkeit und Sterblichkeit anderer Menschen resultiert. Natürlich kann es in Anbetracht der Umstände Einschränkungen geben, etwa wenn Bedingungen für die Aufnahme gestellt werden. Aber wer so etwas anordnet, muss wissen, dass er prinzipiell und in jedem Falle ungerecht ist und gegen das verstößt, was die Moral gebietet.«
- Marc Crépon, »Philosophie Magazin«, Nr. 2/2016 -

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Bewerbungen, die sie wie Expertisen aussehen lassen

Montag, 1. Februar 2016

Nun gut, wir wissen jetzt also, dass der Mindestlohn sogar sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen geschaffen hat. Wir wissen expliziter, dass geringfügige Arbeitsverhältnisse umgewandelt wurden, weil sie mit Mindestlohn nicht mehr haltbar waren und die Arbeit ja trotzdem gemacht werden musste. Wir wissen auch, dass einige geringfügige Stellen gestrichen wurden, wahrscheinlich auch, weil einige Geschäftsmodelle auf ausbeuterischen Säulen standen und sie nur geringfügig mit niedrigem Stundenlohn tragfähig waren. Was wir aber immer noch nicht wissen: Warum erkannten das die hofierten Ökonomen dieser Republik vorher nicht? Wir wissen außerdem nicht, wieso diese Ökonomen Lügen verbreiten. Das kann bisher kein Institut beantworten, dazu erhalten wir keine Statistiken.

Für diese Betriebswirtschaftler, die als Volkswirtschaftler durch die Studios turnen, war natürlich eines völlig klar: »Der Mindestlohn? Der, liebe Leute, der kostet euch richtig was ... Wenn ihr den nicht verhindert, dann geht es uns schlecht. Schreibt eurem Abgeordneten!, ruft zum Boykott auf!, tretet aus der Gewerkschaft aus!, wenn ihr den nicht vereitelt, dann seid ihr bald arbeitslos. Dann wandern die Unternehmen nämlich ab. Gehen dann ins Ausland, dorthin wo man ihnen keine Vorschriften macht ... Der Mindestlohn ist eine gefährliche Waffe, liebe Zuschauer. Man darf ihn nicht bloß wegen ideologischer Gründe einführen. Ideologie macht alles kaputt, wie man weiß ... Was sagen Sie den Bürgern, Herr Minister, wenn sie plötzlich ihre Kündigung erhalten? ... Verhindert ihn! Zur höheren Ehre des Marktes.«

So sprach diese Clique mehrheitlich. Manche schlugen einen schrecklichen Gelehrtenton an, ergaunerten sich so den Ehrerbietung des Publikums. Andere warnten konziliant. Dich man muss sich einfach weigern zu glauben, dass diese Leute einen so einseitigen Blick auf die Wirtschaft haben, als dass sie wirklich annehmen konnten, dass Unternehmen einfach zu Flüchtlingen würden; dass Arbeitsplätze ohne viel Federlesens wegfallen, obgleich doch Arbeit da war, die verrichtet werden wollte. Angebot und Nachfrage. Aber diese Angebotsökonomen haben den zweiten Aspekt einfach ausgeblendet. Für sie ist der (Arbeits-)Markt kein Ansammlung voller Dynamiken, sondern ein Feld, auf den Unternehmen generalisch Takte vorgeben. Sie sind die Macher, also muss alles sich ihren Interessen unterordnen. Dass aber Unternehmer genauso flexibel im Hinblick auf soziale Rahmenbedingungen sein können und müssen, wenn es weitergehen soll, hört man von ihnen eher nicht. Sie stellen Unternehmen als starre Kolosse dar, die bei jeder noch so kleinsten Modifikation am sozialen Rahmen völlig vor den Kopf gestossen sind und wanken. Also fordern sie zur Unterlassung auf, denn wenn die tönernen Füße Risse kriegen, dann kracht alles ein.

Andererseits ist man so stolz auf die stabile Wirtschaft und die Unternehmen. Was denn nun? Sind sie stabil oder brechen sie gleich ein, weil mal nach langer Zeit die Personalkosten angeglichen werden mussten? Das muss ja ohnehin ein windiges Geschäft gewesen sein, das Stabilität auf Kosten einer Belegschaft generierte, die einen Hungerlohn erhielt.

So oder so muss man sich wieder mal fragen: Sind die Sinns, xxx und xxx alle ahnungslos oder lügen sie wie gedruckt und die Presse druckt ihre Lügen? Sie haben keine schon damals keine Krise gesehen, diese Alchimisten, haben bis kurz davor ihr Credo gepredigt, nicht gewarnt, es entweder nicht erkannt oder es passte ihnen halt nicht in den Kram. Wie auch immer. Wahrscheinlich wird sein, dass sie natürlich wie eh und je wussten, dass ihre »absolute Wahrheit« eine von vielen möglichen Entwicklungen ist, die der Markt nehmen kann, aber nicht zwingend muss. Nach vorne ist immer alles offen, Wenn-Dann-Strategien sind ungeeignet, weil es so viele Dynamiken, Motivationen und versteckte Abläufe gibt, dass man nie genau sagen kann, was folgerichtig geschehen könnte oder nicht. Sie verkaufen seit so vielen Jahren ihr Metier als exakte Wissenschaft. Das ist es aber nicht. Ökonomie streift so viele Felder, so viele gesellschaftliche Nischen, dass nie und nimmer Genauigkeit erlangt werden kann. Und das wissen diese homini oeconomici auch ganz genau. Sie geben es nur nicht zu.

Dass also ein Lohnstandard plötzlich den Untergang der Wirtschaft verursachen würde, kann man sich ausmalen und sicherlich auch mit Thesen unterfüttern. Es kann aber auch das Gegenteil geschehen. Oder gar nichts. Und einen so genannten Fachmann könnte man sich so in seiner Vorstellung ausschmücken, dass er jegliche Option offenlässt. Oder lieber gar nichts sagt. Wenn man als Privatmann unliebsame Aspekte unterschlägt, zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch, dann ist das keine klassische Lüge und eher akzeptabel. Man will doch für sich werben, Nachteiliges muss man da nicht vertiefen. Wenn man hingegen als Fachmann befragt wird und einen Teil der gesamten Komplexität einfach nicht ausspricht, dann ist es allerdings schon weitaus mehr. Dann kann man getrost sagen: Es ist gelogen.

Nun gut, wahrscheinlich sahen und sehen viele dieser Zunft ihre öffentlichen Auftritte auch als Bewerbungsgespräche, man will ja auch mal in einen Aufsichtsrat reinrutschen, einen Versicherungsvorstand um sein Know-How bereichern. In diesem Lichte betrachtet hätten sie also nicht gelogen, sondern einfach nur Werbung für sich gemacht und die unliebsameren Teile verschwiegen. Es ist jedoch unhaltbar, dass diese Betriebswirtschaftler ihre Bewerbungen in aller Öffentlichkeit austragen und es »Expertise« nennen!

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Glatter Bruch

Freitag, 29. Januar 2016

Eines vorweg: Wir haben es hier mit einem gruseligen Roman zu tun. Mit einer sonderbaren Form von Horror. Splatter kommt darin zwar nicht vor, nicht mal der übliche Nervenkitzel blutleerer Thriller. Aber nichtsdestotrotz: Was Susanne Schaller ihren Lesern vorgelegt hat, ist durch und durch schaurig. Adorno fürchtete sich bekanntlich ja nicht vor der Rückkehr des Faschismus. Er fürchtete die Rückkehr desselbigen hinter der Maske des Demokraten. Vielleicht trifft dieses Bonmot auf Schallers Version eines zukünftigen Deutschlands zu, wobei man analysieren müsste, ob man die Demokratenmaske überhaupt noch darin trägt. Man gibt sich nämlich in ihrem Zukunftsmodell nicht viel Mühe, einen Anschein von Menschlichkeit oder Partizipation aufrechtzuerhalten. Gelächelt wird trotzdem. Doch selbst diejenigen, die beruflich noch auf der Gewinnerstraße sind, stellt uns Schaller als arme Schweine vor – als arme Schweine mit Geld und Konsumgütern. Sie lächeln ebenfalls, selbst wenn sie das Gegenteil wollten. Der Rest, Zwangsverwaltete nennt sie sie, darbt von der Hand im Mund in ehemaligen Sozialbauten, die jetzt nur mehr Löcher in heruntergekommenen Bezirken sind. Ob sie lächeln kann man nicht eindeutig klären (eher nicht!), denn ihre Quartiere sucht man eher selten auf.

Die Handlung kreist um die Familie Schuster. Er ist ein erfolgreicher Statistiker, der für die Regierung Daten so hinbiegt, dass sie damit arbeiten kann. Sie gibt ihre Arbeitskraft ehrenamtlich und mit etwas schwerfälligem Verve der Kirche hin, organisiert die Armenspeisung und Kurse für die Ausgestoßenen. Deshalb bekommt sie Probleme, denn so ein Projekt bezweckt Umverteilung und Umverteilung, dass wissen selbst die Zwillinge der Schusters, sei ein terroristisches Unterfangen. Maxime ist, dass man jedem schade, dem man die Hand reiche, weil so jeglicher Eigenantrieb abhanden käme. Zur Einhaltung dieses und weiterer solcher Credos hat die Regierung die Polizeiarbeit ausgelagert an ein Privatunternehmen namens Securion, das mit ehemaligen Soldaten und anderen Hartgesottenen auf Exekutive macht. Sie patroullieren und überwachen fleißig, sind vorzüglich zu den Bessergestellten, gegenüber dem Rest ergehen sie sich liederlich. Die Schusters passen sich wie alle Familien mit Einkommen an, leben in einem exquisiten Stadtteil, die Sprösslinge zeigen gute Schulleistungen und saugen die dortige Propaganda auf wie ein Schwamm graues Spülwasser. Ein für die Schusters zugewiesener Familienberater gibt indes den Takt vor, sagt den Schusters wohin die Reise geht und plant sogar deren Urlaub und Sexualleben. Auf der anderen Seite der Gesellschaft sieht es dementsprechend aus. Das heutige Hartz-IV-System wirkt dagegen wie ein lange vergessenes Land, in dem noch Milch und Honig floss. Und doch ahnt man, dass jenes heutige Modell der Anfang zu dieser Entwicklung gewesen sein muss, die Schaller so bedrückend beschreibt.

Diese »zerbrechende Welt« ist, obgleich dieses Buchtitels, doch eine Welt des Glatten. So nennt Byung-Chul Han (»Die Errettung des Schönen«) den Hochglanz unserer Zeit. Alles ist dort aalglatt, von makelloser Ebenheit. Für Han ist die Welt des Glatten pure Positivität, in der es keine Risse und Unebenheiten gibt, keinen wulstigen Grind. Sie geht bar allen Schmerzes und kennt keine moralischen Aspekte. Schaller beschreibt auf der besseren Seite der Gesellschaft keinen Wülste, keine Unregelmäßigkeiten, meidet alle Erhebungen. Jede Erhebung wird viel mehr verschleiert. Das ist durchaus im doppeldeutigen Sinne gemeint. Es fehlt an Ecken, an überlappenden Grat, an dem man sich reißen könnte, alles geschieht in Stille und ohne Stolpersteine. Selbst die Erhebung derer, die sich (noch) nicht abfinden mit der neuen Welt. Bei den Depravierten ist es hingegen rauh und es kratzt fürchterlich. Geschieht der gesellschaftliche Abstieg, wird jemand arbeitslos oder verfehlt die Konventionen, geht es auch da glatt über die Bühne, ganz ohne Reibungsverluste. Han spricht vom Digitalschönen und nennt das Smartphone als Beleg für einen Zeitgeist, der eine Ästhetik gebiert, die das Naturschöne überrumpelt. Schaller hat diese ästhetische Einfachheit in ein Gesellschaftsmodell verarbeitet. Sie präsentiert ein smartphonisiertes Gemeinwesen. Hat eine fröhliche Diktatur der Glattheit entfaltet, in der der gute alte Bösewicht, das exemplarische Unrechtsregime faktisch unkenntlich bleibt, weil es mit nonchalantem Lächeln glatt alle Rauh- und Rohheiten des Daseins vertuscht.

Man sehnt sich nach ihrem Buch förmlich nach Nationalsozialisten oder anderen Faschisten, nach dumpfen Bösmenschen, die einen verfolgen, die Häscher spielen, zuschlagen oder Folterkeller unterhalten. Solche Bösewichte sind mit der menschlichen Natur leichter fassbar, weil wir sie sinnlicher begreifen können. Fast ist man geneigt, die Glatzköpfe von heute als sympathische Figuren anzunehmen, denn sie machen keinen Hehl aus ihrer schwarzen Moral brauner Güteklasse. Die lächelnden Gestalten in Schallers Feel-Good-and-Nanny-State, die die Menschen belächeln, während sie sie dem Untergang anheimstellen, kann man so viel schlechter einordnen. Sie machen den oben erwähnten Horror aus. »Unsere« heutigen Glatzköpfe sind eindeutig, machen niemanden was vor, sie hassen die Menschen - Punkt; die Glattköpfe hingegen kommen ganz anders als Menschenfreunde daher, bleiben gekonnt ungenau und verschwommen und betreiben ein totalitäres Handwerk mit einer völlig anderen Berufsauffassung wie jene von damals, die Deutschland in die Katastrophe wiesen. Und man kann sich ausmalen, hätten sie damals weniger gegrunzt, mehr mit glatter Miene und falsch gesetztem Lächeln, hätten sie öfter ihre Zahnleiste gezeigt, womöglich wären wir dieses Regime nie losgeworden.

Kinder werden zu Spitzeln im Elternhaus, eheliche Alltage werden behördlich durchleuchtet und organisiert, Wachpersonal an jeder Ecke, Armut wird retuschiert. Es ist wahrlich eine zerbrechende Welt, die Susanne Schaller unter unseren Augen ausbreitet. Und doch stellt man sich einen sich vollziehenden Bruch nicht so vor. Man erwartet Splitter, scharfe Scharten, die hervorstechen, ausgefranste Bruchstellen. Aber nichts dergleichen. Es ist wie poliert, fast seidig. Ein glatter Bruch eben. Ein aalglatter Bruch mit der Zivilisation, den man hinter der Lüge verbirgt, die Zivilisation nur verbessert zu haben.

Die Figuren entwickeln im Handlungsverlauf eine eher nur oberflächliche Tiefe, nie sieht man hinab bis auf den Grund ihres Daseins. Von dem, was wir der Einfachheit halber Seele nennen, wollen wir gar nicht erst sprechen; denn es ist eine seelenlose Welt, die auf die Protagonisten einwirkt. Diese mangelnde Tiefe der Figuren darf man nicht als Makel verstehen. Sie gibt den Figuren jene Konturlosigkeit, die in einer solchen Dystopie zwangsläufig ist und dementsprechende menschliche Produkte verursacht. Die Zeit ausgereifter Persönlichkeiten ist dort nicht, unsichere Durchschnittstypen, denen Tiefe abgeht, haben dort Konjunktur. Und wer Konjunktur hat, dem geht es materiell halbwegs passabel. Nicht mal die Kinder der Schusters entwickeln Persönlichkeit; sie sind das Abziehbild der politischen Leitlinie, unaussprechliche Kotzbrocken und Fremdkörper in der eigenen Familie, die Parolen papageien und denen jeglicher altruistische, ja jeder zwischenmenschliche Antrieb vollkommen abgeht. Wünsche und Sehnsüchte deutet Schaller im Innenleben ihrer Figuren nur zaghaft an. Sie sind traurige Realisten, die jeden Kampf aufgegeben haben, die die Tortur des glatten Alltages über sich ergehen lassen und dabei seelisch verwaisen.

Und wo das Böse mit triefenden Geifer den Horror des Buches ausmacht, ein blutleerer Raum von freundlichen Vollstreckern die Tristesse kenntlich macht, da wünscht man sich gleichermaßen, dass das Gute sich aufschwingt, den Glatten die Köpfe einzuschlagen. Es gilt zurecht als Kulturleistung, dass man Diskrepanzen nicht mit Fäusten oder Steinäxten austrägt, sondern mit Diskussion und Rechtsmitteln, dass man einfach gesagt spricht, wo man schlagen könnte. In der zerbrechenden Welt allerdings, da fragt man sich zunehmend, ob zu viel von dieser Kulturleistung nicht einfach nur zu viel ist. Dass Frau Schuster nicht zur Mörderin wird, die Bälger leben lässt, ihre neuen Kollegin nicht erwürgt, dem Familienberater nicht den Schädel zertrümmert, ist eigentlich nur ein Wunder. Oder schlicht der Beweis dafür, wie gut das glatte Regime der Zukunft funktioniert.

Susanne Schaller lebt in Hannover und betreibt das Weblog »quartierschreiberin«. Ihr erstes Buch »Zerbrechende Welt« ist im Renneritz Verlag erschienen.

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Nach Griechenland?

Donnerstag, 28. Januar 2016

All diese Menschen in die deutsche Gesellschaft zu inkludieren wird ein schwieriges Unterfangen. Die Integrationsleistung wird einem gesellschaftlichen Kraftakt gleichen. Doch »there is no alternative«. Wir können diese Leute doch nicht einfach wegschicken.

Viele von ihnen neigen zur Gewalt. Andere sind nur Maulhelden. Aber auch da blubbert verbale Gewalt hervor. Wir können uns nun darüber unterhalten, wie es zu dieser Gewaltbereitschaft kam. Über Perspektivlosigkeit, Langeweile und rohe Sitten. Aber nicht alle, die zum Beispiel mit Arbeit nicht in Berührung kamen, sind deshalb gleich zu solchen geworden. Jeder verarbeitet seine Misere anders. Eine Handvoll radikalisiert sich, liest Erbauungsschriften, kleidet sich anders, will sich von den anderen unterscheiden und tritt dann aggressiv gegen alle auf, die nicht das glauben, was er zu glauben begonnen hat. Andere sympathisieren mit diesen Radikalen, distanzieren sich nicht und lassen sich deren Nähe gefallen.

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Der gestrige Mensch und seine metaphysische Revolte

Mittwoch, 27. Januar 2016

Wie gesagt, er konfrontierte mich mit seiner Meinung: Für ihn sei Multikulti gescheitert. Es funktioniere einfach nicht, daher müsse man sich davon als Ideal verabschieden. Es war eine Lebenslüge. Ich sah ihn an, fragte ihn, welche Alternativen es denn gäbe und folgerte, dass es bei den Deutschen immer so einen Hang gäbe, sich gegen Gemachtes, schon längst Unabwendbares, ja gegen die nicht mehr veränderbaren Entwicklungen auf Erden, mit sonderbarer Blindheit aufzulehnen. Ob Multikulti gescheitert oder gelungen sei, sei doch völlig zweitrangig. Es ist die Realität in einer Welt, die immer mehr zusammenrückt, die globalisiert Geschäfte abwickelt und die per Tastenklick einem globalen Provinzialismus fröne. Es gehe doch schon seit Jahrzehnten nicht mehr um das Ob oder »Ob-nicht«, nicht um das »Wollen-wir« oder das »Nein-lieber-nicht« – nur noch das Wie ist von Bedeutung. Moderne Gesellschaften seien nun mal multikulturell und multiethnisch.

Mit Camus könnte man sagen, dass da der konservative Deutsche in die Revolte eintrete. Und zwar in die metaphysische Revolte, in einen Aufstand gegen das Gemachte und Finale. Wir müssen uns vielleicht Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Den Meier oder Müller hingegen als traurige und unglückliche Gestalt, die Felsen händisch wälzt, wo der Lastenaufzug schon längst erfunden wurde. Er findet sich mit den Entwicklungen, die die moderne Welt generiert, nicht ab, erklärt für gescheitert, was gar nicht mehr zur Bewertung taugt, weil es hinzunehmen ist. Richard David Precht sagte kürzlich, dass die Globalisierung eben nicht abgeschottet zu haben sei und uns die Flüchtlinge »Willkommen im Leben« entgegenrufen. Dem kann man nur zustimmen. Multikulturalität ist kein Gesprächsgegenstand, über den man noch in dem Sinne befinden könnte, ob wir das wollten oder eben nicht. Sie ist das Los dieser Erde, die Durchmischung von Völkern und Nationen ist die logische Folge einer Welt, die sich vernetzt und sich so zu einem größeren Dorf entwickelt hat.

Der Kultursoziologe Arjun Appadurai distanzierte sich schon in den Achtzigerjahren von der klassischen marxistischen Bewertung, dass Waren alleine die Determinanten sozialer und gesellschaftlicher Verhältnisse seien (»The Social Life of Things«). Auch Dinge seien selbst Akteure. Auf die globalisierte Welt gemünzt, ergibt diese These, dass es eben nicht nur die Infrastruktur ist, die »um die Welt geht«, sondern auch die Suprastruktur, der Bereich der Ideen und Formen. Das ist ein Grund für die Zukunftsträchtigkeit multikultureller Gesellschaften. Wer glaubt, dass Globalisierung nur bedeutet, einfach Rohstoffe und Waren von A nach B und von B nach A zu schicken, der nimmt das Phänomen nur begrenzt wahr. Für Appadurai ist Globalisierung ein zirkulierender Strom sozialer Formen. Daher lassen sich Handel und dessen soziale Folgen nicht sauber voneinander scheiden.

Der metaphysische Widerstand gegen Multikulti erinnert mich an jene Stimmen, die ich bei vielen Menschen zuweilen höre, die den Jahrgängen jenseits der Fünfzig angehören. Sie beklagen sich zuweilen, dass der Einzelhandel stirbt, die Innenstädte verwaisen, weil die Menschen gezielt den Internethandel nutzen. Nun kann man die Menschen dafür sensibilisieren und ihnen sagen »Kauft nicht beim Online-Händler!«, aber das widerspricht der allgemeinen Entwicklung. Mit frommen Belehrungen ändert man die Zeichen der Zeit nicht. Es ist ein antimodernistisches Hadern, ein metaphysisches Widerstreben gegen eine Veränderung der Lebensrealität, gegen das gute alte Gestern, an das man gewohnt war. Natürlich werden Innenstädte sich modifizieren. Tun sie ja heute schon. Den Konsum aber online vereinfacht und bequemer gestaltet zu haben, wird man mit moralischer Einstufung des Phänomens nicht einfach aus der Welt schaffen. Man kann faktisch über diese Entwicklung gar nicht mehr verhandeln, weil sie da ist und angenommen wurde und noch verfeinert wird und sich fort und fort entwickelt. Wer zurück will, der sehnt sich nach einer Welt, die es nicht mehr gibt, die es nur wieder geben kann, wenn das Netz irreparabel zusammenbricht.

All die Stimmen, die Multikulti für gescheitert erklären oder die Straßen füllen mit ihren Parolen gegen Ausländer, tönen im antimodernistischen Blues. Sie glauben aus unerfindlichen Gründen, dass sie mit ihrer isolationistischen Haltung die Dynamiken dieser modernen Welt aufhalten können. Wenn man Mauern und Zäune errichtet, so denken sie, dann kann die Welt und das Land so bleiben, wie es immer war. Man konserviert sich die Erinnerung an eine Wirklichkeit, wie sie vor Jahrzehnten mal war, aber nicht mehr sein kann in unseren Tagen. Es sind insofern wirklich ewiggestrige Stimmen, die sich gegen die multikulterelle Gesellschaft stellen. Wer metaphysisch revoltiert, fällt aus seiner Zeit, zieht eine Schnute und tut so, als würde das etwas nützen, als würde »der Weltgeist« diese infantile Haltung zur Kenntnis nehmen und einlenken, gleich darauf schuldig bekennen, dass alles so bleiben kann, wie es sich »sein unzufriedenes Publikum« wünscht. Plus die Vorzüge natürlich, die die vernetzte Welt für uns gezeitigt hat. Denn man will ja nur nicht multikulti sein, multikonsumistisch hingegen schon.

Es braucht einen gesunden Fatalismus in gewissen Entwicklungen unserer Epoche der Menschheitsgeschichte. Der »ethnisch reine Gesellschaftsentwurf«, einer weitestgehend homogenen Bevölkerung, ist schon seit Jahren dahin. Völkerwanderungen gab es ja ohnehin schon immer. Die globalisierte Welt schafft diese menschliche Konstante nicht etwa ab, sondern forciert sie. Sie erzeugt Einwanderungsländer und -gesellschaften. Die Mobilität zwischen Ethnien und Kulturen ist unabänderbar in einer solchen Weltordnung. Wer das nicht will, muss nationale Volkswirtschaften und Mangelökonomie in Kauf nehmen und darf nicht mit stolzer Brust von deutschen Waren in der Welt, von Exportweltmeisterschaft und Marktführerschaft schwelgen. Der sollte glücklich sein, ein provinzielles Landei zu sein, ohne Ansprüche auf exotische Früchte, Erdöl und Urlaub auf Bali.

Dass eine multikulterelle Gesellschaft immer einfach zu regieren ist, dass es sich ohne Probleme darin leben lässt, heißt das alles deshalb noch lange nicht. Man muss es regeln, muss Toleranz und Gelassenheit lernen und selbst jegliche leitkulturelle Attitüde ablegen. Aber ob wir das wollen oder nicht, es ist nun mal so. Hört auf zu jammern!

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 26. Januar 2016

»Jede Propaganda ist so gefährlich wie die Dummheit auf die sie trifft.«

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Praktikanten, denen es so schlecht geht, weil es ihnen gut geht

Montag, 25. Januar 2016

Tja, die Sache mit dem Mindestlohn und den Flüchtlingen kam nicht so recht voran. Die konservativen Verlautbarungsorgane haben es immer wieder versucht, jenen Lohnstandard mit der Flüchtingsdebatte zu verquicken, um ihn letztlich auszusetzen. Aber leider leider Pustekuchen. Bislang zumindest. So richtig eingehen will keiner darauf, obgleich diese Taktik doch die besten Ansätze in sich trüge. Mit geringqualifizierten Ausländern, die schlechtergestellt werden sollen, holt man doch jeden alten Patrioten mit ins Boot, in dem kein Platz mehr für die anderen ist. Wer nationalistisch speichelt, der lässt sich selbst viel leichter ausbeuten und um etwaige Standards betrügen. Weil dieses Konzept aber aus unerfindlichen Gründen strauchelt, hat die »Frankfurter Allgemeine« neulich eine andere Variante getestet. Sie hat Praktikanten als schlimm betroffene »Verlierergruppe« aufs Tapet gebracht und machte mit diesen Opfern Stimmung gegen den Mindestlohn. Aber dieser angeblich arg gebeutelte Gruppe, so konnte man dann doch zwischen den Zeilen lesen, geht es wahrscheinlich ziemlich gut.

Man versuchte es also mit Dramatik. Praktikas würden nur noch verkürzt angeboten, weil dreimonatige Praktikas nicht unter den Einfluss des Mindestlohnes fallen, schrieb man. Daher bieten manche Unternehmen nur noch kurze Gastspiele an. Das errege die Praktikanten sehr, weiß man bei der »Frankfurter Altvorderen Zeitung« und man nimmt sich dieser traurigen jungen Menschen an, denen es »wichtiger ist, Erfahrungen zu sammeln, als den Mindestlohn zu bekommen«. Das ist Anführungszeichen ist tatsächlich ein Zitat aus dem Artikel. Denn der Mindestlohn, so zieht die Zeitung als Fazit, habe vielen das »Wunschpraktikum vermasselt«. Wer so argumentiert und klagt, der muss es ja haben. Anders kann man es sich überhaupt nicht erklären, dass den Mitzwanzigern Erfahrung teurer ist als Bezahlung. Noch immer erhält man als Praktikant keine üppige Bezahlung. Man kann sich auch in Zeiten des Mindestlohnes nur schwerlich über Wasser halten. Aber wem monatelanges Sammeln von Erfahrungen wichtiger ist, als die finanzielle Absicherung Monat für Monat, der ist entweder Hungerkünstler, liebt das mietfreie Leben auf der Straße oder ist einfach nur gut vom Elternhaus ausgestattet.

Praktikum sollte ja an sich immer nur etwas Vorübergehendes sein. Der Missbrauch von Praktikanten als gleichwertige Arbeitskraft hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verstärkt. Als die Unternehmen klagten, dass der Mindestlohn sie in Zugzwang bringe, da hatten sie indirekt zugegeben, dass sie ihr Geschäftsmodell auf Praktikantenstellen bauten. Das war eine Zweckentfremdung des Praktikumsgedankens. Man hat es als Normalität angesehen, dass Praktikanten viel, ausdauernd und billig arbeiten. Wenn sich solche Stellen jetzt aufgrund des Mindestlohnes zeitlich verkürzen, dann ist das nicht ein Missstand und auch nicht ein Nebeneffekt, den man so nicht gewollt hatte, sondern die Normalisierung einer Einrichtung, die missbräuchlich ausgenutzt wurde, um die Personalkosten zu drücken. Für manchen Praktikanten kann das natürlich ärgerlich sein. Aber man kann es eben nicht jedem recht machen.

Dass die »Frankfurter Allgemeine« mit den Praktikanten auf Anti-Mindestlohn-Kurs geht, zeigt eigentlich noch etwas ganz anderes, was in diesem Lande faul ist. Wer aus dem Studium kommt, sich zunächst eine Praktikumsstelle sucht und dabei kundtut, dass ihm die Bezahlung weniger interessiert, muss finanziell ausgestattet sein. Das heißt also ferner, dass Studenten in den meisten Fällen aus Familien kommen, die es sich leisten können, ein Studium zu finanzieren. Arme Studenten müssen entweder gleich loslegen und etwas verdienen, schon alleine, um ihren Studienkredit abbezahlen zu können, oder sie müssten großes Interesse daran haben, dass auch Praktika besser bezahlt würden. Wer aber Praktikant wird ohne finanzielle Ansprüche, den quälen eher keine Geld- oder gar Existenzsorgen. Diese »ehrenamtlichen Praktikanten« sind nur ein Beleg dafür, dass in Deutschland vor allem Reichtum studiert und es an Schichtendurchlässigkeit mangelt. Wir haben es also mit einer Gruppe zu tun, die den Mindestlohn gar nicht benötigt, weil man sich familiär bedingt niemals in Achtfuffzig-Sphären bewegen müsste. Es geht ihnen mit dem Mindestlohn doch nur so schlecht, weil es ihnen schon vor dem Mindestlohn ganz gut ging.

Dann also doch lieber mit geringqualifizierten und ungebildeten Arabern gegen eine Lohnuntergrenze agitieren? Mit dem syrischen Hilfsarbeiter? Denn mit Parolen gegen die Fremden punktet man. Da gibt es einige ansonsten gewerkschaftlich orientierte Menschen, die plötzlich ihren Gerechtigkeitsinstinkt verlieren, weil sie etwas gegen dunkelhäutige Menschen haben. Und wenn die dann auch noch nichts können und »genauso gut« bezahlt werden sollen wie Deutsche, dann wird der Mindestlohn flugs zum Auslaufmodell. Geringqualifizierten einen Lohnstandard zu bemessen, war ja immer in der Kritik. Schon vor der Einführung. Man wollte ungebildeten Kräften nichts garantieren, wer ungelernt Flure putzt, der muss ja schließlich von seiner Hände Arbeit nicht leben können. Die Ablehnung gegen die, die sie »Unterschicht« nennen, ist immer noch nützlich, um Stimmung zu erzeugen.

Dass aber Flüchtlinge gar nicht so schlecht qualifiziert sind, wie man das gemeinhin behauptet, ist jetzt für die Gegner des Mindestlohnes eine blöde Sache. Sie verschweigen deswegen auch einfach die Analyse des staatlichen Arbeitsmarktservices aus Österreich, der über einen Zeitlauf von mehreren Wochen die berufliche Fähigkeiten der Geflüchteten aus dem arabischen Raum geprüft hat. Dabei kam heraus, dass man es durchaus mit Fachkräften zu tun hat. Ja, mit richtig gebildeten Leuten! Das kann man aber nicht eingestehen, wenn man den Mindestlohn ablehnt. Denn arabischen Hilfsarbeitern nur Vierfuffzig bezahlen zu wollen ist der breiten Masse leichter vermittelbar. Für solche Helferlein ist das ja viel Geld. Aber wenn der Araber gar kein HiWi ist, sondern einer mit Studium, dann wird es komplizierter. Denn dann fragt sich der Schweißer, der für einen Leiharbeitgeber schuftet, früher oder später mal, wielange es wohl noch dauern mag, bis auch er wieder abgestuft wird und so mies verdient, wie sein syrischer Schweißerkollege.

Da sind in Zeiten, da das Narrativ ungebildeter Kameltreiber wegbricht, die Praktikanten halt die bessere Gruppe, um gegen den Mindestlohn zu werben. Man muss flexibel sein im Kampf gegen Partizipation und Fairness, man darf keine Gelegenheit auslassen und den Lesern Mitleid abnötigen. Die armen Praktikanten, die so reich sind, dass sie einen Armutsmindestlohn gar nicht wollen. Wer auch weiterhin eine Ökonomie der Ausbeutung als Grundlage globaler Wettbewerbsfähigkeit betreiben will, der darf nicht zimperlich sein bei der Wahl seiner Mittel. Der Mindestlohn ist jedenfalls noch lange nicht unantastbar.

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Wacht auf, ihr Blogger in der Herde

Freitag, 22. Januar 2016

Das Monat ist fast um. Die Ereignisse der Silvesternacht liegen schon eine Weile hinter uns. In einer eiligen Zeit wie unserer fühlt es sich an, als läge Silvester bereits ein Dreivierteljahr zurück. Bislang habe ich mich mit keinem Ton dazu geäußert. Jemand fragte mich vor einigen Tagen schon, ob ich jetzt schweigen würde, weil die Realität so bitter sei. Schließlich sei nun bewiesen, dass Muslime und Deutschland nicht zusammengehen könnten. Daran habe ich nicht gedacht, als ich beschloss, meinem Mund mitsamt Fingern Einhalt zu gebieten. Ich blieb still, weil ich es endgültig satt habe, als Blogger Teil der allgemeinen Hysterie zu sein, die je und je über das Land schwappt. Ich habe genug davon Schweinen durchs Dorf hinterherzueilen, die ich nicht habe entfliehen lassen.

Klar, es gibt ja verschiedene Stimmen zu Köln. Einige waren sogar mehr als vernünftig, haben die Ereignisse von Köln dialektisch eingeordnet und dem Schwarm der Hassprediger ein Stückchen Aufklärung entgegengehalten. Das ist nicht nur lobenswert, sondern weitaus mehr. Es ist Heimat in einer Zeit, da uns der massive Rechtsruck die liberale und rechtsstaatliche Heimat entreißen will. Aber beide Seiten, die Hatespeaker wie deren Gegenspieler von der humanitären Seite, laufen einer Sau hinterher, die man durch die Dörfer des deutschen Provinzialismus jagt. Sie stimmen beide auf ihre jeweilige differente Weise in die gesetzte Agenda ein, posten, kommentieren, propagieren und thematisieren, bis es zu einer regelrechten Hysterie kommt, die einen Vorfall zu etwas stilisiert, was angeblich »eine neue Dimension« oder »eine völlig neue Art« ist. Man stellt Singularität her, die von allen Betrachtern, gleich welcher Weltanschauung, mehr oder minder bestätigt wird. Und in diesem Klima werden dann natürlich exakt auf dieses singuläre Ereignis zugeschnittene Lösungsansätze, Gesetze, Umgangsregeln oder was auch immer gefordert. Das wiederum führt dazu, dass man dieses Thema weiter ins Zentrum stellt, weiter minutiös davon berichtet, Tickermeldungen hier, neueste Entwicklungen dort, alles Denken der Betrachter dreht sich nur noch darum, andere Geschehnisse werden ausgeblendet, fallen hinten runter. Der Hype erlaubt keine Synchronizität von Sujets.

Seit etwa einem Jahr schaue ich nicht mehr TV. Wir bezahlen hier die Rundfunkgebühr und schauen uns dann »Die Anstalt« in der Mediathek an. Die Anschläge von Paris habe ich verpasst, erst am Folgetag mittags habe ich davon erfahren. Mir ist aber nichts entgangen. Während ich mich anderweitig beschäftigte, saßen Millionen am Fernsehapparat und verfolgten Eilmeldungen, Tickerbänder liefen am unteren Bildschirmrand. Spekulationen wurden genährt, Eventualitäten als Meldung verkauft, erste Statements von Leuten, die ihre Erkenntnisse aus Tickerbänder hatten, in denen spekuliert und eventualisiert wurden, wurden gesammelt und eingespielt. Das Gegenteil von Information ist minutiöse Berichterstattung. Sie reiht den wirklichen Informationsgehalt neben informativen Entbehrlichkeiten und lässt sie damit schrumpfen. In diesem Klima reift die Hysterie, denn man sucht ja nach Erkenntnis, nach Erklärung und wirklicher Information und jeder will diese Gemengenlage aus Info und Sonstiges enträtseln, liefert dann eigene Ansichten, die auf Fakten beruhen, die faktisch nicht Fakt sind, sondern Möglichkeit. Und weil dem so ist, werden all die Kommentare von Hasspredigern wie von Vernünftigen ebenso nur zur Spekulation.

Selbst die seriösen Berichterstatter können ja nur noch auf Material zurückgreifen, das nicht geprüft ist, das belastet ist von dem Stimmengewirr und dem Getappe im Dunkeln. Ja, selbst die Polizei kommuniziert Hysterie, wenn sie Berichte anfertigt, die halbfertig sind und die Vorwürfe und Spekulationen aufgreifen und bestätigen, dass man noch nicht genau im Bilde sei, wohl aber wisse, dass es so oder so gewesen sein könnte. Hysterie ist zwar kein Konjunktiv, aber letzterer ist die Sprache des Hysterikers. Bei ihm könnte, würde, hätte, unter Umständen, vielleicht, nach derzeitigem Stand der Ermittlungen und nach vorsichtiger Schätzung, eine halbgare Info immer ein egalitäres Existenzrecht neben sachlich recherchiertem Fakt.

In so ein Klima will ich nicht mehr textlich vorstoßen. Ich werde es künftig natürlich nicht vermeiden können, auch mal in die Hysterie hineinzukommentieren. Aber ich bereichere keine Debatte, die auf allen Seiten im hysterischen Zustand geführt wird und die auf Aussagen beruht, die noch nicht mal verifiziert und fertigermittelt sind. Ferner möchte ich nicht polizeiliche Ermittlungen beeinflussen, indem ich mich zu etwas äußere, das noch gar nicht spruchreif ist. Theoretisch natürlich, denn so wichtig bin ich ja nicht, als dass die Polizei irgendwie bei mir nachlesen würde.

Ich will aber so oder so der Hysterie als Bürger und Blogger entgehen und als letzterer will ich noch etwas anderes anmerken, denn wir Blogger lassen und mehr und mehr von der Agenda der so genannten Qualitätsmedien einspannen. Wir nehmen ständig deren Themen an, ereifern uns über die Komplexe, die sie forcieren und wenn sie ablassen von ihrer Beute, dann lassen wir auch ab, weil wir ganz genau wissen, dass im hysterischen Klima des Moments solche Texte gerne gelesen werden, die sich mit eben dem Gegenstand dieses Klimas befassen. Zeitungen machen das ja auch, deshalb legen sie nach und schreiben noch einen und noch einen Text dazu, egal wie gegenstandslos der Inhalt auch sein mag. Als Blogger müssten wir das nicht tun. Wir unterhalten keine Werbekunden und haben keine Angestellten, wir müssen nicht auf Teufel komm raus wirtschaften, auch wenn wir natürlich manchen müden Euro gerne mitnehmen.

Wacht auf, ihr Blogger in der Herde! Lasst uns selbst Themen setzen und künftig über solche Themen, die die Masse hysterisieren, mit zeitlichen Verzug schreiben. Warum? Damit wir sachlich bei den Fakten bleiben können, die erst nach und nach ans Tageslicht kommen und die in den ersten Stunden und Tagen solcher Ereignisse noch gar nicht verifizierbar sind. Die klassischen Medien sollten das an sich auch tun, aber sie kann man nicht belehren, denn sie spielen ein anderes Spiel, wollen mit Schlagzeilen verdienen. Wie gesagt, Blogger wollen auch leben, aber sie können sich den Luxus zeitlicher Verzögerung eher leisten. Deswegen mache ich jetzt Wochenende.

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Ein unvergleichlich toller Typ

Donnerstag, 21. Januar 2016

Fremde sind faul, arglistig und ungebildet. Sie haben keinerlei Respekt, stehlen und provozieren. Sie spielen mit »unseren Frauen« und nehmen sie sich ohne sie zu fragen. Wenn deutsche Werte überhaupt was bedeuten, dann sich durch Schlechtmachen anderer aufzupolieren.

Letzte Woche endete diese Kolumne damit, dass sie meinen seligen alten Herrn einst zum Vater eines Analphaten gemacht hatten. Das ist ein gutes altes Vorurteil, dass hier lebende Ausländer in ihren Herkunftsländern keine anständige Schulbildung genossen hätten. Mein Vater galt natürlich auch als fauler Geselle, arbeitete jedoch bis er mit fast 63 Jahren starb in Tag-, Spät- und Nachtschichtrhythmus. Wieviele ihm nachsagten, dass er stahl, weiß ich natürlich nicht. Dass er aber anständige deutsche Mädchen zu Sex zwingen würde, das dürften auch viele geglaubt haben. Südländer halt, bei denen geht es eh immer nur um das eine. In den Jahren vor seinem Tod war er rehabilitiert. Jetzt überzog man andere Nationalitäten und Ethnien mit Vorurteilen. Der Spanier hatte als Feindbild abgewirtschaftet. Er war langweilig geworden, weil er wie ein Deutscher mit dunklerem Teint und mit späteren Abendbrotzeiten war. Jetzt gab es Türken, Albaner und Russen. Und die waren allesamt faul, arglistig und nicht gut gebildet. Außerdem wollten sie nur deutschen Frauen ins Bett kriegen und ...

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Traumanovelle

Mittwoch, 20. Januar 2016

Eine der wiederkehrenden Fragen der Menschheit ist jene, was man mit denen anstellt, die die Brutalität und die Gräuel des Krieges über einen längeren Zeitraum über sich haben ergehen lassen müssen. Modern gefragt: Wie reintegriert man Traumatisierte wieder ins Gemeinwesen? Sterbende Menschen, Feuer, erloschene Schicksale und Verwüstungen – all das macht ja was mit einem. Traumata sind mannigfaltig. Manche ziehen sich zurück, werden schweigsam. Andere bemessen dem menschlichen Leben und der Würde keinen Wert mehr. Sie werden Zyniker am Nächsten, erblicken bloß noch Organismen, die eben verenden, wo andere Mitmenschen sehen würden. Das Problem ist so alt wie die Zivilisation. Gelöst hat man es jedoch selten. Die psychologische Aufarbeitung von Traumata ist aber auch noch ein relativ junges Fach. Heute haben wir es in der Hand.

Cäsar musste seine Veteranen mit Land entschädigen, um sie bei Laune zu halten. Frankenkönig Karl zog, wie viele Regenten und Krieger, von Feldzug zu Feldzug, auch um keine marodierende Gruppe kriegssozialisierter Männer im Reich erdulden zu müssen. Der Dreißigjährige Krieg traumatisierte (mehr als jeder Krieg zuvor) auch die Zivilbevölkerung. Zumindest auf deutschen Boden. Nach Jahrzehnten des Blutes und des Hungers, des Brandschatzens und des Kannibalismus, des Vergewaltigens und der Seuchen, war das Leben nicht mehr dasselbe. Es gibt natürlich keine Erhebungen, doch unzählige Berichte, wonach das Trauma noch viele Dekaden anhielt. Mancher Historiker erging sich gar in der Behauptung, dass diese Ära den deutschen Nationalcharakter geprägt habe wie keine andere. Allerdings führt jene These an dieser Stelle etwas zu weit.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland voller junger Männer, deren Schule der Schützengraben war und deren Lehrmittel der krepierende Kamerad an der Seite. Diese Männer wirkten mit an der Zersetzung der Weimarer Republik, prügelten sich durch die Straßen deutscher Städte, wurden Corpsmitglied oder landeten gleich bei der SA. Diese Gruppierung, die durch den Krieg traumatisiert menschlicher Regungen verlustig wurde, war die Basis von Hitlers Erfolg. Anderes Beispiel: Vietnam-Veteranen griffen zur Flasche, neigten zu familiärer Gewalt oder wurden gelegentlich zu Amokläufern. Die Litanei könnte ausladend ergänzt werden. Jede Episode zeigt, dass der Krieg traumatisiert und Menschen zurücklässt, die verlernt haben in menschlichen Kategorien zu empfinden und je nach Traumatisierungsgrad mehr oder weniger »gewaltbereit« (auch und vor allem im Sinne von »ohne Respekt vor menschlicher Würde«) sind.

Über die Verfassung von Menschen, die den Schrecken des Zweiten Weltenbrandes erlebt haben, gibt es keine Evalution. Nur Erzählungen. Der Historiker Sönke Neitzel sagte unlängst in einem Interview, dass das Leben danach weiterging und keine »traumatisierten Zombies« durch das Land liefen. Aber das darf bezweifelt werden. Alleine der Umstand, dass er Traumata für die psychischen Auswüchse von Untoten hält, zeugt von seinem Anspruch. Es gab in jenen Jahren sicherlich verstärkt häusliche Gewalt, versteckte Übergriffe und Aggressionen. In den Schulen hielt man es ähnlich. Der Ausbruch der 68er-Generation hatte unter anderem auch mit solchen Erlebnissen in der Familie zu tun; daher erspähten die jungen Leute zum Beispiel eben auch in der Familie die Keimzelle gesellschaftlicher Gewalt. Die Kommunen sind die Folge traumatisierter Haushalte. Zudem wird von regem Alkoholismus berichtet. Zum Psychologen wäre man ohnehin nicht gegangen. Es gab ja auch wenige ärztliche Niederlassungen dieser Art. Außerdem wollte man nicht als Spinner gelten. Man verdrängte und der ökonomische Aufschwung half dabei mit, die erlittenen Qualen zu kanalisieren, sie durch ein Konsumsurrogat zu ersetzen. Der Rest ist Erzählung, ist Leiche im Keller mancher Familie. Es wurde nicht darüber gesprochen. Das war Zeitgeist, auch über dem Teich. In »Die besten Jahre unseres Lebens« von William Wyler kommen US-Soldaten zurück nach Hause und erzählen nichts, trinken nur oder sind seelisch mitgenommen. Und deren Frauen machen auch einfach weiter und werden nicht damit fertig, dass ihre Männer sich völlig verändert haben.

Vor einigen Jahren allerdings verbreiteten einige Medien neue Erkenntnisse aus Erhebungen. Viele ältere Menschen der Kriegsgeneration würden an den Folgen jener Ära noch immer leiden, hieß es da. Vielleicht brach da nur endgültig hervor, was man über Jahrzehnte verborgen hielt. Aber das ist nur Spekulation, Zahlen gibt es wie gesagt nicht. Es gehört aber zum Erfahrungsschatz der Menschheit, dass es nach erlebten Gräueln für die Menschen nicht einfach weitergeht.

Nun sind wir bei den Menschen, die zu uns kommen und von denen man sagt, dass sie sich seltsam benehmen würden. Seltsam, weil sie respektlos seien. Gegenüber Frauen und Männern. Gegenüber menschlicher Würde an sich. Menschenrechte fielen ihnen schwer. Die Vorwürfe sind Legion, sind emotionalisiert und vieles davon mag in seinem Detailreichtum nicht zutreffen. Aber ansatzweise mag da Wahres beinhaltet sein. Dass es schwierig ist, etwaige Menschenrechte verinnerlicht zu haben, wenn man fortwährend in einem Szenario lebte, in dem es Menschenrechte nicht gab, in dem jegliche Rücksichtnahme auf Menschlichkeiten verworfen wurden, müsste mit weitaus mehr Empathie für die Geflüchteten wahrgenommen werden. Die Historie lehrt uns – wie gesagt -, dass von brutaler Gewalt Traumatisierte nicht ohne Weiteres integrierbar sind.

Die psychologische Betreuung in den Flüchtlingsunterkünften ist marginal, herrscht teilweise gar nicht vor. Die Gelder, ohnehin knapp bemessen, können weitestgehend nur die materielle Not eindämmen. Fachliche Unterstützung bei der Verarbeitung von Kriegserfahrungen wäre - wenn wir schon diese leidige Debatte über Flüchtlinge führen müssen, denen wir jedwede Empathie absprechen – eine erste Maßnahme, um traumatisierte junge Leute integrierbar und ihnen den Respekt vor dem menschlichen Leben und das Grundrecht auf körperliche und psychische Unversehrtheit kenntlich zu machen. Man sucht zwar unter Studenten Hilfskräfte, die auch die psychische Verfassung abfedern sollen. Aber den jungen Leuten fehlt es an Erfahrung und Praxis, um sich dieser kolossalen Aufgabe stellen zu können. Denn manchen der Geflüchteten müssen soziale und universelle Konventionen nicht etwa neu beigebracht werden, sondern sie müssen sie überhaupt erst erlernen. Wer seit dem Teenageralter Kriegserfahrungen machte, der kennt keine andere geistige Schule als Hunger, Angst und Gewaltexzesse, dem lehrt das Leben schnell, dass Egoismus, Wegschauen und Gegengewalt funktionierende Überlebensstrategien sind.

Was die Geflüchteten hier im Exil erwartet ist das Gegenteil von Respekt. Sie werden kriminalisiert und werden von einem großen Teil der Öffentlichkeit als Schädlinge bezeichnet und behandelt. Rechte Schlägertrupps und anonyme Brandstifter machen ihnen das Leben schwer und lassen sie nur schwerlich zur Einsicht geraten, dass es hierzulande ein anderes Konzept von menschlicher Würde gibt, als jenes, dass sie kennengelernt haben. Sie sehen in gewaltbereite Gesichter, sollen aber gleichzeitig einsehen, dass manche ihrer »gewaltbereiten« (vor allem im oben genannten Sinne) Anwandlungen völlig falsch sind in dieser Gesellschaft.

Jeder von uns ist Produkt seines Umfeldes, ist geprägt von Erlebnissen und Erfahrungen, von Eindrücken und den Ängsten, denen man uns aussetzt. Nicht jeder entwickelt dieselben Überlebensstrategien und mentalen Selbsttäuschungen, um durch eine schwere Zeit zu kommen. Manche ziehen sich zurück, andere werden aggressiver. Was bedeutet, dass nicht jeder Geflüchtete potenziell gewalttätig ist. Doch auch die stillen Traumatisierten benötigen die Schaffung von Vertrauen in ein Menschenbild, das nicht von Gewalt dominiert ist, um zu genesen und um als Bürger mit sensibilisierter Wahrnehmung ankommen zu können.

Stellen wir uns nur mal vor, dass der Streit um das Menschenbild, in den wir schlittern, den neue Rechte gegen Demokraten und Linke führen, irgendwann in ein Patt gerät, die Gemüter weiter erhitzt. Stellen wir uns vor, wir verlieren die Fassung und geraten in eine Auseinandersetzung, die irgendwann in Straßenkämpfe und dann in einen Bürgerkrieg führen. Aus dem besorgten Bürger würde ein bewaffneter Bürger. Aux armes, citoyens / Formez vos bataillons. Frankreich jedenfalls würde schnell fallen, auch die dortige Gesellschaft wankt zwischen Weltbildern. Und dann erleben wir das in Zentraleuropa drei Jahre lang. Unsere Kinder kennten nur Krach, blieben den Schulen fern, sähen oft Blut, viel Feuer und manchen Toten auf der Straße. Sexuelle Gewalt wäre keine Seltenheit, wie in jedem Krieg. Wo wir uns noch Jahre zuvor empört hätten, stumpften wir ab. Wir stumpften ab, um mental überleben zu können. Und dann wird der Druck unerträglich und wir flüchten, kratzten unser letztes Geld zusammen, um die Schlepper bezahlen zu können, die uns über die Ostsee nach Norwegen brächten.

Man kesselte uns in Unterkünften ein und begrüßte uns mit Breivik-Plakaten, die die Sehnsucht nach Reinigung von fremden Elementen preisgäben. Ständig fürchteten wir, dass man uns zurückschicken könnte. Und wir spürten, wie unsere Kinder den Krieg in ihrem Benehmen hätten. Wir allerdings auch, nur nicht so ausgeprägt. Jugendliche Flüchtlinge aus Deutschland machten abends, was sie gelernt haben im Krieg: Sich nehmen, was man bekommen kann, was man will. Und die Norweger kriminalisierten uns und wollten schnelle Abschiebung, die Ausschaffung in eine Gegend, in der wir jede Minute dem Tod ausgesetzt sind. Und in einem solchem Klima aus Kriegserfahrung und Abschiebeangst, aus Kriminalisierung und Pathologisierung, aus Isolation und fehlender psychologischer Betreuung, sollen wir die Wesensmerkmale, die der Bürgerkrieg uns auferlegt hat, einfach wieder und ohne psychologische Betreuung ablegen?

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Aus fremder Feder

Dienstag, 19. Januar 2016

Wie drücken wir unser Mitgefühl für Ashraf Fayadhs Vater aus, der einen Schlaganfall erlitt, als das Todesurteil gegen seinen Sohn erging, und der wenig später starb?
Barmherzigkeit existiert nicht im Vokabular des saudischen Regimes. Wie Fundamentalisten jeglicher Couleur orientieren sich die Machthaber an einer simplen Prämisse, die das Blut gefrieren lässt und die der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka folgendermassen resümiert hat: »Ich bin im Recht - du bist tot.« Die Sprache der internationalen Realpolitik findet bei solcher Gelegenheit ebenfalls keine Worte. Noch wenn sich die westlichen Regierungen äussern wollten, was käme dabei heraus? »Es tut uns leid, dass Sie derart in Schwierigkeiten sind, aber wir sind auch in der Klemme - zwischen unseren Wertvorstellungen und der Schwierigkeit, diese aufrechtzuerhalten. Unser tiefstes Mitgefühl, aber wir sind nun mal auf Öl angewiesen. Wie bedauern aufrichtig, aber wir müssen auch die Interessen unserer Rüstungsindustrie im Auge behalten.«
Die Sprache der Politik kann nur dann glaubwürdig sein, wenn sie sich an die Grammatik der Menschenrechte hält. In diesem Idiom können wir von verletzter Würde und von vorenthaltenen Grundfreiheiten reden. Natürlich reicht es nicht aus, eine Sache zu benennen, um sie ins Lot zu bringen; aber für die Opfer bedeutet es zumindest einen kleinen Trost, wenn ihr Leiden anerkannt wird.
- Priya Basil in der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 14. Januar 2016 -

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Die letzten Tage der Menschheit?

Montag, 18. Januar 2016

Es geht nicht um die Wahl zwischen AfD oder anderen Parteien, nicht um Einwanderungsende oder humanitäre Hilfe. Das sind nur die direkten Optionen. Aber in denen liegt so viel mehr. Es geht um unser Weltbild. Ja, viel mehr noch um unser Menschen- und Gesellschaftsbild. Wie wir leben und wie wir Gemeinwesen und das Kontinentalbündnis organisieren wollen. Darum, mit welchem Konzept von Gemeinschaft wir in die Zukunft zu gehen gedenken. Wir haben nicht weniger als die Wahl zwischen Hass und Freundlichkeit, zwischen einer Weltanschauung, die lieber zuschlägt, schießt, sich abschottet und sozial aushungert oder gelebten Kosmopolitismus und Partizipation. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gab es einen ähnliches Kräftemessen. Zwischen Faschismus und Demokratie. Die Begriffe haben sich heute sicherlich verschoben, aber die jeweiligen Menschenbilder, die beide Seiten in sich trugen: Zwischen diesen beiden müssen wir dieser Tage neuerlich entscheiden.

Misanthropie oder Philantrophie also? Grimm oder Offenheit? Geschlossene oder offene Gesellschaft? Totalitaristische Abschottung oder lieber ein humanistischer Ansatz? Der Mensch als Verfügungsmasse oder als Zweck an sich? Das ist nämlich, was wirklich dahinersteckt, wenn wir über die AfD und ihre virtuellen Wahlerfolge sprechen oder dem entgegenhalten, wenn wir die Flüchtlingskrise zu einem Meilenstein der Politikverdrossenheit erklären oder sie als Chance deklarieren. Wir diskutieren nur kurzfristig und oberflächlich betrachtet über den Umgang mit Flüchtlingen, der profundere Gehalt solcher Diskussionen ist der, dass wir damit die Ausrichtung unserer Zukunft thematisieren.

Die Flüchtlingskrise wird von vielen Seiten als Chance angesehen. Damit ist nicht die Industrie gemeint, die Flüchtlinge als Gelegenheit sieht, den Mindestlohn zu unterwandern. Sie benutzen diese Menschen als Mittel zum Zweck. Hartmut Rosa (Professor für Soziologie in Jena) fragt sich zum Beispiel im »Philosphie Magazin« (Nr. 1 / 2016), ob die Flüchtlinge die letzte große Chance seien, der skleriotischen Gesellschaft doch noch zu entgehen. Denn besonders in Deutschland, so behauptet er, habe es »rasenden Stillstand« (Paul Virilio) gegeben, alles habe sich verändert, verschnellert, wurde unter Anpassungs- und Optimierungsdruck versetzt in den letzten Jahrzehnten. Es hat sich massiv beschleunigt und ausgerechnet in der Flüchtlingsfrage sucht man jetzt einen Stabilitätsanker, möchte durch sie keine Veränderung erfahren, damit alles so rasend stillstehend bleibt, wie wir es gerne hätten. Aber die Flüchtlinge werden unsere deutsche und europäische Gesellschaft natürlich verändern. Möglich, so könnte man mit Rosa folgern, dass die Flüchtlinge eine kleine Chance sein könnten, unser Menschen- und Gesellschaftsbild zu modifizieren. Im selben Heft stellt die Journalistin und Kriegsreporterin Carolin Emcke passenderweise fest: »Vielleicht helfen die Geflüchteten Europa in diesem Sinne mehr als wir ihnen, weil sie uns zwingen zu definieren, was Europa sein will.«

Wir könnten demnach wieder etwas mehr den Menschen als Urmotiv allen ökonomischen Treibens auf Erden erkennen. Oder eben das Gegenteil. Das ist unsere eigentliche Wahl. Wir haben eine minimale Chance, dass wir die Menschheit als globalen Wert entdecken und alle Geschäfte nur zu deren Wohl existieren sollen. Oder wie rufen die letzten Tage der Menschheit aus und akzeptieren endgültig, dass Geschäfte ein Eigenleben haben, in dem Menschen nur als Faktoren vorkommen, die man so oder so bändigen muss. Letzteres erscheint dieser Tage die maximaleren Chancen zu haben.

Gesellschaftlich werden so viele Fragen gestellt, aber die entscheidende ist die, wie wir künftig leben wollen. Weltoffen, liberal und multikulturell oder isolationistisch, borniert und in Monokultur? Jede Frage, die derzeit gestellt werden kann, hat mit dieser Überfrage zu tun. Jede Behauptung, die man aufzustellen vermag, spielt auf sie an. Wenn jemand, wie neulich einer meiner Arbeitskollegen, die These in den Raum stellte, dass Multikulti gescheitert sei, dann schwingt mehr mit. Ich antwortete ihm, dass es einen seltsamen Hang innerhalb der deutschen Gesellschaft gäbe, Dinge für gescheitert oder gelungen zu erklären. Aber das ist nicht das Thema, denn manche Dinge seien so wie sie sind. Dass die Welt eben enger zusammenrücke, nationale Reinheiten immer weniger zu finden seien, das ist keine Sache, die man für gelungen oder gescheitert erklären könne. Es sei schlicht Tatsache und was man sich fragen müsse ist: Wie arrangieren wir das Zusammenleben? Und an dieser Stelle kommt die zentrale Frage aufs Tapet. Wollen wir als menschliche Wesen mit Empathie in die Zukunft gehen oder als individuelle Einzelkämpfer ohne Gemeinschaftsgefühl?

Letzteres bezieht sich nicht nur auf Flüchtlinge und Ausländer, sondern ganz generell auf alle Gruppen, die in den letzten Jahren der Diskreditierung ausgesetzt waren. Die Geflüchteten sind eine Chance, um das gesamte Konzept zu überdenken. Also auch, ob und wie wir zum Beispiel künftig mit Arbeitslosen umgehen möchten. Wenn wir bei den Geflüchteten gesellschaftlich den Affekten erliegen, wird die Gesellschaft für alle, die nicht ökonomisch astrein ticken, die folglich Geld kosten, weiterhin ein unmenschlicher Ort bleiben oder es noch mehr werden. Sollte es möglich sein, die Flüchtlingsfrage zu einem Fanal wider neoliberaler Anschauung zu erheben, könnte das eine Initialzündung sein, dieses Europa der Konzerne - das an seiner Peripherie ohnehin bröckelt - auszuschalten und neu zu denken.

Es ist ein Streit der Weltbilder und Philosophien und Konzepte. Wie damals, als der Faschismus für Effizienz, Ordnung und Gleichschaltung stand und die Demokratie für Diskussionskultur, Individualismus und Entfaltungsraum. Die Gegenüberstellung der beiden politischen Systeme war in Kern eigentlich ein Vergleich zwischen Menschenbildern. Für die einen war der Mensch eine Zelle im Organismus, ein Wesen in einem rassistisch gefassten Sozialverband, das seine Aufgabe zu erfüllen hatte, ohne aus der Reihe zu tanzen. Die anderen sahen den Menschen als ein freies Individuum, mit Rechten und Pflichten ausgestattet und als realtiv freien Herrn über seine Geschicke. Dieses Gegenüber entfachte Straßenkämpfe, Machtergreifungen, politische Morde und (wie in Spanien) Bürgerkrieg.

In diesem Dilemma stecken wir wieder. Was unser Menschenbild betraf, haben wir nie ein Ende der Geschichte erreicht. Es war nie gesichert, wankte immer, wurde von den Liberalen auf ökonomischer Ebene preisgegeben und erodierte langsam aber sicher. Man dachte lange, dass nach dem Faschismus und der langen Zeitspanne relativen Friedens, die westlichen Gesellschaften eine Nachhaltigkeit in humanistischen Fragen erreicht hätten, die es quasi verbat, dass die Menschlichkeit zu Bruch gehen würde. Aber seit Jahren bröckelt sie. Und nun stehen Rassisten und Nationalisten vor dem halb sturmreif geschossenen Konzept und machen sich heran, es endgültig zu stürmen. Es gab nie eine Unverbrüchlichkeit in dieser Angelegenheit.

Alles was geschieht, hat jetzt damit zu tun, der Menschlichkeit wieder ein Fundament zu geben oder die letzten Tage einer Menschheit einzuläuten, die sich nicht mehr als solidarische Spezies versteht, sondern als Masse individualisierter Marktteilnehmer und Kunden. Es kömmt darauf an, uns zu verändern.

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Dieser Niedergang spottet jeder Beschreibung

Freitag, 15. Januar 2016

In etwa neunmal habe ich angesetzt. Wollte was zum endlosen, nie abbrechenden Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands schreiben. Speziell über den Finanzminister, der den Vorsitzenden und Vizekanzler bedauerte und ihm sein Mitgefühl aussprach, weil er mit dem Vertrauen von lediglich einem Dreiviertel der Delegiertenstimmen ins neue Jahr gehen muss. Da dachte ich mir, wenn man den Zerfall dieser Partei an einer Anekdote festmachen, an einem Ereignis deutlich machen will, dann wohl daran. So nichtig ist sie mittlerweile geworden, so beliebig ihr Vorsitzender, dass sie selbst ihr angeblich größter politischer Kontrahent bemitleidet. Immer wieder probierte ich einen Anfang, war unzufrieden, stellte Sätze um und hatte dann endlich etwas, womit ich leben konnte, doch da kam mir das Sujet des geplanten Textes oder besser gesagt, das Personal des Sujets, mit neuem Futter in die Quere.

Just da meldete sich der stellvertretende Bundesvorsitzende zu Wort. Mit den Mehr-Bretto-vom Nutto-Liberalen, den postwesterwellianischen Neoliberalen würde er eher koalieren wollen als mit »Die Linke«, geiferte er. Mit denen also, die die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall als einen Frontalangriff gegen unternehmerische Freiheit auffassen, die Steuersenkungen für alleinstehende Arme ab einem Jahresgehalt von 100.000 Euro und deren liberaler Geist laxe Regeln auf dem Arbeitsmarkt fordert, aber Überwachung und Polizeistaatlichkeit durchaus für gut bekömmlich hält. Das sagte er übrigens nur einen Tag, nachdem laut einer Emnid-Umfrage bekannt wurde, dass das Soziale bei den Sozialdemokraten vermisst wird. 49 Prozent der Befragten lehnten es ab, »mehr soziale Gerechtigkeit« und »SPD« in einem Satz zu schmeißen. Nur 32 Prozent hatten mit dieser Verquickung kein Problem. 2014 waren es noch 46 Prozent, die beides nicht zusammenbringen wollten. Sollte ich nicht lieber damit beginnen, fragte ich mich. Was ich dann auch tat, neuerlicher Anlauf und kaum, dass ich halbwegs zufrieden war, wankte der Text schon wieder.

Jetzt war es der Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion, der natürlich auch etwas gesagt haben wollte zum neuen Jahr. Er beklagte sich bitter, dass die Bundeskanzlerin eine Sozialdemokratisierung ihrer Partei betreibe und damit dem aktuellen Koalitionspartner schade. Wenn der Mann das Gefühl hat, dass ihn da jemand links überholt, wo es kaum linke Attribute gibt, dann könnte er sich ja fragen, ob er vielleicht rechts auf dem Standstreifen steht. Wenn diese konservative Frau, deren Leitmotiv immer vornehmlich der Sozialabbau und die »Geltendmachung Deutschlands in der Welt« war, plötzlich von einem Sozialdemokraten als Sozialdemokratin entlarvt wird, dann muss es wirklich schlimm bestellt sein um jene Partei. Vielleicht sollte ich damit loslegen, besann ich mich. Womöglich wäre das der passendere Einstieg, um die Belanglosigkeit der Sozialdemokratie in unseren Tagen zu beziffern.

Ich begann abermals neu, hielt aber gleich wieder ein. Weil ich befürchtete, dass gleich wieder einer aus dem Verein neuerliches Material liefern würde. Und da wurde es mir schlagartig klar: Über den Niedergang dieser Partei lohnt es sich eigentlich gar nicht mehr zu schreiben, man kann ihn Tag für Tag für Tag selbst sehen. Ein Blick in die Zeitungen genügt. Wozu muss der Chronist und Kommentator wirken, wenn das was man beschreiben will, ganz von selbst auf einen wirkt? Er sollte doch Dinge aufdecken, ja kenntlich machen – aber wenn sich der Gegenstand selbst entblößt, was will man da noch Erhellendes nachschieben? Man lässt die Geschichten rund um die Agonie auf sich einprasseln und wirken und muss eigentlich nichts mehr sagen. Die Anekdoten, die uns der politische Alltag liefert, die sprechen doch wahrhaft für sich alleine. Publizistische Demontage kann man sich getrost sparen, wenn sie täglich aus dem Zentrum dessen zu vernehmen ist, was man eigentlich zu demontieren sich vorgenommen hatte. Hier bin ich überflüssig, muss nichts mehr ausleuchten und aussprechen. Die Sozialdemokraten zeigen Eigeninitiative genug, sich selbst zu entsorgen, so sehr, dass es jeder Beschreibung spottet.

Franz Walter schrieb hin und wieder kluge Gedanken zur neuen Sozialdemokratie nieder; genug andere namhafte und weniger bekannte Kommentatoren in Zeitungen und Blogs bestellten und bestellen noch immer dasselbe Feld. Sie fahren die soziologische Schiene, erklären die Entwicklungen der Partei mit gesellschaftlichen Dynamiken und Prozessen. Warum ist der Sozi so, wie er nun ist? Woher kommen seine Reflexe und die Abkehr von seinen alten Werten? Dies alles sind interessante Fragen und die Antworten sind lehrreich. Eine solche Herangehensweise ist wohl auch notwendig, um begreifen zu können. Aber es ist so viel analysiert wurden, mittlerweile reicht es beileibe auch aus, aus dem endlosen Schatz der Anekdoten zu schöpfen, die diese SPD Woche für Woche, Tag für Tag erzeugt, um ihren eigenen Niedergang mit Bilderreichtum und Erzählstoff auszustatten. Daher werde ich keinen Text mehr über diese demontierte Partei schreiben. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie im Niedergang begriffen ist. Wir wissen, dass es bergab geht – und wie es bergab geht, das wiederholt sich in dem Tagesmeldungen beinahe täglich.

Kaum habe ich diese Zeilen beendet, lese ich, dass der Bundesvorsitzende schnelle Ausweisung und Rückführung krimineller Flüchtlinge gefordert hat. Die juristische Praxis ist gar nicht mal so einfach, wie er es hinstellt. Sollte das Land, in der Menschen rückgeführt werden, sich mit der Aufnahme weigern, so sagt der Parteiboss, so würde er eine Reduzierung der Entwicklungshilfe befürworten. Ach ja, jeden Tag ein neues Kaliber, das jeder Beschreibung spottet.

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