Im Wandel der Zeit

Freitag, 20. November 2009

"Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleineren Übels oder „Hier können Familien Kaffee kochen“ oder so etwas, vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahin gegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen."
- Kurt Tucholsky -
Ohne zu mäkeln wird die fürsorgliche Ehefrau die Bitte ihres Mannes umsetzen und ihm einen Broccoliauflauf servieren. Broccoli, welches er einst als billiges, fast erbärmliches Gemüse des kleinen Mannes ansah, als Unterschichten-Grünzeug! Nun soll es Einzug in die heimische Küche finden. Ein köstliches Gericht: das proletarische Kreuzblütengewächs mit einem braungebackenen, gutbürgerlichen Käse überzogen. Obwohl es mundete und man sich schnell zum baldigen Wiederzubereiten entschloss, war man sich im familiären Kreise schnell darüber einig geworden, dass mit Broccoli und Käse alleine, es nicht getan sein könne. Kartoffeln! Ja, die bewährte Knolle sollte untergemengt werden.

Steingut neigt nicht zum Wachsen: Nur weil man sich eines zweiten Gemüses unter dem Gratinierten entschied, führte dies, erstens: nicht zum Kauf einer neuen, geräumigeren Auflaufform und zweitens: ebenso wenig zu einem Wunder des Anwachsens derselbigen, schon im Haushalt befindlichen.
So nahmen also die Kartoffeln - die man reichlich dazugab - einen Großteil von Broccolis Platz ein, trotz des Umstandes, dass dies grüne Gewächs der Namensgeber war und auch blieb. Kartoffel-Mehrheit hin oder her, im Familienkreise sprach man fortan vom Broccoliauflauf.

Sellerie und Karotten waren die nächsten Zutaten, die dem Broccoli Gesellschaft leisten sollten. Freilich reduzierte sich das Grün im Gesamtbild erneut. Kam die Familie aber überein, man wolle gratiniertes Gemüse, so schrie sie weiterhin: Broccoliauflauf!
Erneut Grünverlust: Paprika, Zucchini und Aubergine fanden Zugang unter die Käsekruste. Andere Zutaten, vornehmlich Hülsenfrüchte, wurden nach einmaliger Verwendung sofort wieder ausgeladen - doch dies Zurücknehmen mehrte den Zuspruch des Broccolis nicht. Und schon bevor man sich entschloss, dem Vegetarischen zu entkommen, indem man Speckscheiben vor dem Käsestreuen auflegte, war der Namensgeber Minderheit geworden und an den Rand gedrängt. Der bewährte Name aber blieb, ja, viel schlimmer noch: Kam das Gericht als Gemüsegratin auf den Tisch, so rätselte man, was dies wohl sein möge. Niemand wußte mit dieser Bezeichnung etwas anzufangen, bis das erlösende Broccoliauflauf fiel.

Es kam, wie es kommen mußte: Erneut stand der familiäre Kollektivwunsch nach dem proletarischen, wenn nun auch verfeinerten Gericht. Dumm nur, dass ausgerechnet heute der Broccoli nicht zur Hand war. So also geschah das Unglaubliche: Ganz ohne grüne Kreuzblüten wurde geschmaust. Die Abwesenheit wurde nicht einmal bemerkt. Warum aber etwas Bewährtes, etwas dass jeder versteht, anders benennen?

Nun könnte man vom Lauf der Zeit sinnieren, der einstige Helden stürzt oder vergangene Werte und Genüsse verteufelt. Tut man dies, so muß aber auch das Neue – der Platzhalter, das Surrogat - mit in die Überlegungen eingeschlossen werden, welches sich anstatt des Vergangenen positioniert: Ein blasser Blumenkohl soll diese Rolle spielen: Broccoli war aus dem Haushalt verbannt. Keiner wußte so recht, warum dies so war, aber der Lauf der Zeit kann nicht immer erklärt werden. Er waltet seines Amtes, ohne Fragen zu beantworten und viel zu oft erkennt man Veränderungen gar nicht aus dem Alltagsblick heraus. So nahm der farblose Doppelgänger fortan die Rolle ein, die anfangs dem einstigen Namensgeber zuteil wurde.

Das jüngste Familienmitglied, um dies trostlose Stück zu einem baldigen Ende zu führen, kannte dies Mahl nur als Broccoliauflauf, so wie Eltern es lehrten und Geschwister dies nachäfften. Während sich aber letztere zumindest an etwas Grünes erinnern und mit viel Geistesanstrengung dem Grünen sogar den passenden Namen zuteilen können, bleibt dem Jüngsten dieses Wissen versperrt: Sein Broccoli ist Blumenkohl und sieht er ihn am Verkaufstische, so meint er zu wissen: Das ist Broccoli, das tragende Ingrediens und Fundament des Gerichts.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist so eine vergangene Broccolinatur. Das proletarische Grüngewächs, der politische Auswuchs des Arbeiters: All das wurde Stück für Stück entfernt und durch andere Werte und Ideale ersetzt. Diese neuen Zutaten verfälschten den Geschmack der Sozialdemokratie, raubten des Broccolis Eigenheit. Ganz verschwand das einstige Wesen des Sozialen nicht, und mit einiger – wenngleich weniger – Berechtigung, durfte man weiter von einer sozialen und demokratischen Partei sprechen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Broccoli ausging, bis das geschmackstragende, aber schon lange sterbende Gemüse weggelassen wurde.

Aber selbst als die Sozialdemokratie ihr Wesen vollends verlor, konnte man sie als Alternative ansehen, die zwar nicht ernstzunehmen war, aber immerhin keiner politischen Klamaukshow gleichkam. Dann aber entdeckten die führenden Köpfe den Blumenkohl, experimentierten damit und befanden ihn würdig der neuen Ideologie der Partei. Um niemanden zu verwirren, um die jüngeren Genossen scheinbar in eine Ahnengalerie zu hieven, der schon den Urgroßvater angehört hatte, blieb man dabei, weiterhin alles Broccoli zu nennen, so wie es überliefert wurde. Keiner merkt mehr, dass man nun Blumenkohl als Broccoli getarnt untermengt, dass man knallharte Arbeitgeberpolitik unter dem Namen einer ehemaligen Arbeiterpartei vertritt. Und vertritt einer der Köche nicht bis ins kleinste Detail die Ansichten des Blumenkohlismus, so stempelt man ihn zum unverbesserlichen Broccolianer, der auf ewig im Gestern lebt.

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In eigener Sache

Montag, 16. November 2009

oder: Diekmanns fruchtloser Kampf für ad sinistram.

Auf den Wogen des schweinegrippalen Elends läßt es sich nicht besonders entspannt treiben. Sicherlich, des Paarhufers Grippe gestaltet sich etwas milder, man kotzt und scheißt nicht synchron, lebt daher nicht stetig im Zustand des Nahtods - doch der ganze Zirkus zieht sich in üppige Längen, ist ein Gerotze und Gekeuche in Überlängenformat. Jedenfalls mußte ich mich nicht übergeben, was mich eine gewisse demütige Dankbarkeit dem Virus gegenüber verspüren läßt. Dieses schweinische Elend ist ein fürsorglicher Henker, der nicht unnötig quält, sondern genussvoll den letzten Saft aus den Krafttanks saugt. Ein einsichtiger Verurteilter erkennt und honoriert das, es hätte auch schlimmer, immer noch schlimmer kommen können.

So sei es also, es hat mich erwischt, die Rüsselschnauze hat mich abgeschmatzt. Hätte ich nur auf Diekmann und seine Impflinge gehört! Aber nein, so einer wie ich, weiß es ja immer besser. Dabei meinte es BILD doch nur gut mit den Menschen, war Diekmann ausschließlich von Selbstlosigkeit getrieben. Ich habe das nicht erkannt, nicht erkennen wollen, weil ich jenem Herrn wie immer dunkelste Absichten unterstellte. Dabei liebt er doch alle Menschen. Und damit auch mich! Sein Einsatz für die Volksgesundheit war ein Einsatz für ad sinistram. Hätte ich auf seine Impfkampagne gehört, wäre ich nun entweder tot oder weiterhin gesund, müßte folglich in keinem Falle leiden. Ach, hätte ich meine Skepsis nur einmal gedrosselt, hätte ich nur einmal über meinen Tellerrand geblickt...

So aber ist es geschehen. Möglich, aber nicht sicher, dass in den nächsten Tagen ad sinistram auf Sparflamme gehalten wird. Mich interessieren die Machenschaften in dieser Welt derzeit nicht ausreichend genug. Wie irrig es doch jahrhundertelang war, Körper und Seele zu spalten. Was ist man schon mit einem schleimbefüllten Körper? In den Aufblähungen schleimiger Sekrete, als ich erledigt vor dem Fernseher lümmelte - und das Fernsehen macht solche Krankheitsbilder noch trister, wenn man noch nicht gekotzt hat, kotzt man spätestens dann -, hatte ich sogar die utopische Phantasie, die SPD würde zurückfinden auf statthaftere Pfade. Der Schleim vermag ein Menschenhirn zu umspülen. Kurzum, man verzeihe mir, wenn hier in den nächsten Tagen etwas Ruhe einkehrt. Sollten sich Genesungswünsche einfinden, so nicht bitte ohne Schelte. Man wasche mir gehörig den Kopf, weil ich Diekmanns Fürsorglichkeit nicht erkannt habe, nicht erkennen wollte. Diekmann, der unser aller Gesundheit, der durch meine Gesundheit ad sinistrams Gesundheit erhalten wollte.

Soeben habe ich mich geschnäuzt, anderthalb Pfund Schleim haben das Licht der Welt erblickt. Von da ab blieben mir etwa zehn Minuten, bis sich die leertrompeteten Hohlräume durch nachfließende Lava wieder füllen. Diesen kurzen Zeitraum nutzte ich, die obigen Absätze zu überlesen. Meine Güte, wie Schleim doch verblödet! Diekmann als Retter! Ich sollte alles wieder löschen oder wenigstens Passagen schwärzen, damit ich mich nicht auch noch lächerlich mache. Doch zu spät, jetzt bin ich wieder übervoll! Nun gefallen mir die Zeilen wieder. Man braucht nur genügend Schleim um die Gehirnwindungen, um auch in Diekmann einen Messias erblicken zu können.

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Sit venia verbo

Sonntag, 15. November 2009

"Depression, so argumentieren einige Sozialpsychologen, ist die Folge einer tiefen Ernüchterung, eines besonders klaren Blicks auf das Getriebe der Welt um uns herum. Depressive Verzagtheit entsteht durch die Erkenntnis, dass die Welt unverbesserlich und auch durch noch so große Anstrengung nicht zum Guten zu verändern ist. Depressive sind im Grunde Hyperrealisten, sie sind nicht mehr fähig zu jenen lebensnotwendigen positiven Illusionen, die uns – entgegen der Wahrscheinlichkeit – immer wieder neu beginnen und auch das unmöglich Erscheinende versuchen lassen. Depressive haben die rosarote Brille abgelegt, sie sind „sadder but wiser“ – aber ihre Klugheit macht sie krank. In der Depression liegt die Anerkennung der eigenen Machtlosigkeit: Es hat doch alles keinen Zweck! Positive Illusionen, das zeigt die psychologische Forschung, sind die permanenten und systematischen Selbstüberschätzungen, die wir brauchen, um morgens überhaupt aufzustehen. Nur wenn wir uns mehr zutrauen, als es unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten entspricht, fassen wir Lebensmut und riskieren etwas. Zum gesunden Menschsein gehört offenbar ein Mindestmaß an Verkennung von Realitäten und fast mutwilliger Unterschätzung der Schwierigkeiten. Die Passivität, die mit einer Depression häufig einhergeht, ist nach den Erkenntnissen der neueren Forschung in erster Linie ein Selbstschutzmechanismus der überforderten Psyche. Das erschöpfte Selbst zieht sich in eine Schonhaltung zurück."
- Heiko Ernst, "Wie uns der Teufel reitet" -

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Menschliches, Allzuäffisches

Samstag, 14. November 2009

Es ist keineswegs so, dass das, was man als das Faschistische oder Totalitäre bezeichnet, nur eine Spielart menschlicher Niedertracht ist, an denen eine kleinere, vielleicht auch etwas größere Gruppe chronisch erkrankt ist. Beide für sich und beide gemeinsam sind nicht Auswurf einer genetischen Mutation, nicht mal Resultat einer mangelhaften Bildung und Moralerziehung. Das Denken in faschistischen und totalitären Niederungen ist nicht nur der Sport einer Handvoll Radikalisierter am sogenannten rechten Rand des politischen Spektrums. Es ist auch kein Wettbewerb biederer Bürgersgestalten, die aus der politischen Mitte heraus, in zurückhaltender Lammfrömmigkeit natürlich, in den faschistischen Gedankenkadaver pieksen. Nein, betroffen sind wir alle davon!

Alle Menschen leiden darunter; der Faschismus und die totalitäre Verfahrensweise schlummern in uns, werden beizeiten geweckt und sind dann schwer an der Leine zu halten. Auch in aufgeklärten Kreisen grassiert das plumpfaschistische Unterbewusstsein, jede noch so souveräne Denkweise kann unerwartet davon angefallen und zerfleischt werden. Aufgeklärte Kreise! Damit ist nicht die bürgerliche Mitte gemeint, denn die steht mit dem Machterhalt auf Du und Du, nicht mit der Aufklärung und der Mündigmachung aller Menschen. Generell ist das, was wir heute aus Mangel an Begrifflichkeit Faschismus nennen, keine pervertierte Erscheinungsform des rechten Spektrums, des linken freilich noch weniger - der Faschismus, so angelegt von Mussolini, später von den anderen bestiefelten Reiterhosenfetischisten übernommen, war eine Lehre der Mitte, ein Vermittler zwischen linkem Populismus und rechtem Konservatismus. Aus der Mitte entsprang der Stuß! Klassenkampf ade, denn der Sozialismus der Faschisten war die Einheitsfront, das Anpacken des Stricks von derselben Seite, kein Gegeneinanderziehen mehr. Nein, die bürgerliche Mitte, das Gewinsel darum, dass eine Partei alle Volksschichten befrieden sollte, der Volksparteigedanke eben, ist letztlich die humanistisch angepinselte Version des niedersten Braun-Instinkts. In der Mitte reift der Faschismus; aus der Mitte keimte er; sie war das Obdach um Linkes wie Rechtes zu kanalisieren und zusammenzuführen. Alles was da am rechten Rand herumblödelt, ist damit die Erweiterung der bürgerlichen Mitte, eine kleinbürgerliche Variante, die den Stammtisch völkisch bevölkert. Es ist der Rand der rechten Mitte, Tummelplatz des Stehkragen- und Springerstiefelproletariats.

Dennoch ist niemand jenseits solcher Mitten davor gefeit, sich ins Faschistische und Totalitäre zu verirren. Dazu muß man nicht Anhänger der Mittigkeit sein, auch nicht deren Fechser in zugeknöpftem Polohemd mitsamt elegantem Hosenträger und wohlpoliertem Eierkopf. Jeden kann es treffen, selbst den, der in bester Absicht durchs Leben wandelt. Schnell wird aus dem Wandeln Stechschritt und aus dem aufrechten Gang Marschtritt. Das geht schon los, wenn wir dazu übergehen, dem faschistoiden Bürgertum die Pest, eine Terrorbande oder eine Wand zur letzten Ansicht an den Kragen zu wünschen. Blitzartig springt der Faschist hinter den Windungen unserer Gedankenwelt hervor. Wir ersinnen uns eine bessere Welt, in der wir uns von denen, die einst in der Mitte Einheitsfronten vorbeteten, schützen müssen. Das ist die Geburtsstunde von Staatssicherheiten, die Geburtsstunde des Totalitarismus in bester Absicht und mit gutem Willen. Das Faschistische ist kein Fremdling, kein Parasit im Körper des Gerechten, es ist die braune Seite des Menschlichen, Allzumenschlichen - eine Seite des Menschen, man möchte annehmen: jedes Menschen. Der Faschismus in uns ist das weitergesponnene Vorurteil, die unausgereifte Ausreifung des Ressentiments. Wer ertappt sich nicht dabei, im Anderen, wenn er so ganz anders scheint, erstmal einen Sonderling, Idioten, Böswilligen, Feind gar zu sehen?

Sich dabei zu ertappen, erschüttert zuzeiten, darf uns aber nicht entmutigen. Es ist des Menschen Eigenart, in sich das Vorurteil zu tragen. Was er letztlich daraus macht, wie er damit umgeht, mit welchen Erkenntnissen er dieser faschistischen und totalitären Keimzelle begegnet, unterscheidet ihn von solchen, die sich dem Vorurteil bedingungslos ausliefern. Und man ertappt sich nicht selten im Braunen. Was?, einen Mörder vor Gericht verteidigen! Der gehört anstandslos eingebuchtet! Oder: Fahr doch zu, Tattergreis! Mach schon! Man sollte jedem siechen Klappergestell ab Siebzig aufwärts den Schein entziehen! Oder: Der Vater dieses Kerls war ein hakenbekreuzter Menschenschlächter! Der Sohn, ja diese ganze Sippe der Vonundzus, das sind doch alle die gleichen Bestien! - Pars pro toto lebt es sich sonniger - nicht nur für den Freund unkomplizierter Lösungen. Zuweilen reizt auch den Auf- und Abgeklärten die Einfachheit der Dinge. Um sorgenlos ins Grüne hinauszufahren, eignet sich manchmal vorzüglich das Braune. In der Bräune der Sichtweisen ruhen jene Zeitreserven, die die Spazierfahrt ins Grüne erst verlängern.

Die Kunst ist es, sich davon nicht leiten, verführen, reizen zu lassen. Den Protagonisten der bürgerlichen Mitte sieht man die Zerrissenheit an, ihre Gratwanderung, einerseits dem Faschistischen nicht erliegen zu wollen, andererseits aber immer wieder das runzelige Fleisch der niedersten Triebe belebend und beatmend. Um am Rande, dort wo der kleinbürgerliche Steckling am Stammtisch prostet, wo Kahlköpfe aneinandergereiht stehen wie eine endlose Kette von Hoden, unterdrückt man das triste Allzumenschliche gar nicht erst. Dort ist man ganz ungestüm Mensch, so sehr, dass man wiehert, grunzt, kläfft. Doch das Vorurteil, der skeptische Blick auf den Anderen, dieses Metafaschistische, es ruht in allen, auch fern der Mitte, auch dort, wo der Volksmund das politisch Linke verächtlich macht.

Die Kunst des Aufgeklärten liegt darin, sein eigener Dompteur zu sein, sich und seine törichten Impulse im Griff zu behalten, sie zu überdenken und nur als Vorstufe zur Erkenntnisgewinnung zu bewerten. Seinen Faschismen Herr zu sein, seinen Totalitarismen Einhalt zu gebieten, noch bevor sie stofflich werden, und sei es nur stofflich in Form einer Schallwelle: wenn Aufklärung überhaupt etwas bedeutet, dann das Ideal, seine kleinkarierten Ressentiments, seinen Hass, seine Vergeltungssucht, seine Rachegelüste nicht über sich siegen zu lassen. Kurz gesagt, sich dagegenzustemmen, den Faschismus in sich zu kennen und zu dressieren zu verstehen, kann als hohe Kulturleistung anerkannt werden. Wo Kultur wegbricht, wird Platz frei für Gewalt. (August Everding) Wo der Allzumenschliche äffisch in den Dschungel brüllt, da frönt im Gegenlicht der Aufgeklärte jener Kultur der gebändigten dunkelbraunen Seite.

Der Mensch als jenes Wesen, das sich selbst sein kann, was es will. Man könne nichts für seine Triebe, entschuldigt man sich heuchlerisch an den Stammtischen. Auch aus der Mitte erklingt Verständnis für solche, die ihre Niedertracht nicht unter Kontrolle haben. Sie sind, was sie sind, aber nicht was sie sein wollen. Insofern ist ihr Allzumenschliches ein Sammelsurium aus Affekten und voreiligen Schlüssen, unfreier Wille, Auswurf elektronischer Impulse. Dem wahren Wesen des Menschen, kommen sie damit nicht nahe. Sie sind im Grunde noch immer dieselben alten Affen.

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Ein einziges Trauerspiel

Donnerstag, 12. November 2009

Die Pietät gebietet es, an dieser Stelle keine Namen zu nennen. Selbst das ungenannte Abhandeln, das Erläutern im Inkognito könnte allerdings als pietätlose Verirrung begriffen werden. Einerlei, diesem Risiko will offensiv begegnet sein.

Immer dann, wenn jemand mediengerecht verstirbt, flutet eine Welle des Tourismus über den Ort des Unglücks. Horden von Event-Trauernden laufen auf, moderne Klageweiber, die ihre Trauer oder das, was sie dafür halten, in die Objektive streuen. Sie drapieren Kerzchen ins Rampenlicht, staffieren die Lücken innerhalb des Flammenteiches mit gut leserlich bereitgestellten Briefchen aus, liegen sich für RTL und ARD sachgerecht heulend in den Armen. Wir werden ewig an dich denken! und Wir werden dich nie vergessen! sind die hochtrabenden Inhalte jener handgeschmierten Zettel. Dem Verstorbenen völlig unbekannte Zeitgenossen lallen mit verheulter Front in die Kamera, rotzen in der Öffentlichkeit ordentlich ab. Jeder ist dabei, jeder muß dabei sein, wenn er im Trend des Augenblicks mitmischen will, muß seinen Senf draufschmieren, damit er in zehn Jahren seinen Kindern erzählen kann, was für ein abenteuerreiches Leben er schon hinter sich gebracht hat.

Die westliche Gesellschaft hat in den letzten Jahren eine Trauerkultur entwickelt, die diesen Namen nicht verdient. Weder ist sie kulturbeflissen, noch befriedigt sie das klassische Trauerrepertoire. Der Tod prominenter Menschen, auch der Tod von unbekannten Menschen, die im öffentlichen Interesse, medienwirksam verstorben sind, verendet im Event, wird zum Antrieb der Trauer- und Betroffenheitsindustrie. Schniefende Jammergestalten betreten die Bühne, Reporter analysieren, was meist nicht zu anaylsieren ist, fragen gedankenschwanger nach dem Warum? und Wieso?, nur um zur Erkenntnis zu gelangen, dass man darauf wohl keine Antwort finden werde. Obligatorische Pressekonferenzen treten die Traurigkeit des Moments noch einmal breit, nochmals Warum?, wieder Wieso?, dazu noch eine Portion Es war so sinnlos!, freilich weiterhin keine Antwort, denn die Antwortfindung braucht in solchen Momenten viel Zeit und noch viel mehr Besinnlichkeit. Das Versprechen aus vielen Mündern, den Verstorbenen nie zu vergessen, wird Gebot der Stunde. Lippenbekenntnisse, denn es ist nur menschlich, nach Jahren sogar den eigenen toten Vater zu vergessen; er entschwindet einem, man denkt nicht mehr täglich an ihn. Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen! An jeder Ecke derselbe Satz, der eigentlich nur selbstverständlich wäre für jene, die des Verstorbenen Familie nahestehen. Trauermarsch hier, Event-Trauern dort, Rotz und Wasser wildfremder Trauertouristen überall, die Ereignisse um den Tod Sonstwens machen uns betroffen! in jedes Mikrofon gesäuselt.

Was als Trauerkultur den öffentlichen Äther füllt, ist unbeschreibliche Respektlosigkeit gegenüber dem Verstorbenen. Der Moment der Trauer wird mit Spektakel erfüllt, das Bedürfnis nach Ruhe und innerer Einkehr wird lauthals übertüncht. Statt sich zurückzunehmen, den wirklichen Trauernden, denjenigen, die dem Verstorbenen persönlich nahestanden, die notwendige Stille zu gewähren, bricht die kollektive Selbstdarstellung aus. Ob Reporter oder Funktionär, ob Privatperson vor Ort oder in weiten Fernen, jeder hat eine Meinung, ein übriges Tränchen, einen Trostspruch wie Du bist unvergesslich!, ein schmalen Moment in eingefurchter Grabesmiene. Es wirkt, als würden in kühlen Zeiten, in denen normalerweise der Mensch wenig bis gar nichts zählt, genau solche Momente dazu auserkoren, sich in Mitmenschlichkeit oder dem, was man dafür halten könnte, wenn man nicht genau hinblickt, zu suhlen. Scheinbar kurzfristig aufkeimendes Zusammenstehen, diese Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Open Air-Trauer, des Event-Jammerns, des Spektakel-Heulens, Pressekonferenzen bei denen der Trauertourist von der Straße mit dem hohen Vieh hinter dem Mikrofon auf einer Augenhöhe dasselbe Interesse aufweist - es wirkt wie eine breite Front gegen die Vergänglichkeit. Die kollektive Trauerunkultur vereint die Trauergesellschaft, erzeugt ein Gefühl von sozialer Wärme, kompensiert für einen klitzekleinen Moment die gesellschaftliche Eiszeit.

Es ist dieser einfältige Brei, diese Bombardierung mit immer denselben Floskeln, mit denselben Trauervisagen, die von werweißwoher heranpilgern, um dem Verstorbenen ihre Zettelchen mit notierten Kalenderweisheiten zur letzten Ruhe zu reichen, die das Ableben zum peinlichen letzten Akt des irdischen Daseins werden lassen. Es ist immer wieder dasselbe lächerliche Szenario, gestreut um eine Tragödie, instinktloses und unangebrachtes Mitwirkenwollen, Selbstdarstellung in Reinkultur, Dabeiseinwollen zum Erzählenkönnen. Der Tod als Massenspektakel, eigentlich unbeteiligte Menschen als blamable und unangebrachte Kummervolle, die das Fremdschämen zum Dogma trister Stunden krönen. Mit Trauerkultur hat das jedenfalls alles nichts zu tun.

Man könnte annehmen, eine Gesellschaft, in der rege Anteilnahme an öffentlichen Unglücksfällen stattfindet, sei eine liebevolle Gesellschaft. Tatsächlich scheint aber das Gegenteil richtig zu sein. Dort wo Wildfremde scheintrauern, so als ob sie Teil der unmittelbaren Hinterbliebenengemeinde seien, scheint sich die soziale Kälte, das eigentliche und alltägliche Gesellschaftsprogramm, vage zu kompensieren. Da findet man sein Plätzchen unter im Augenblick Gleichgesinnten. Endlich eine Heimstatt, endlich ein wenig zwischenmenschliche Wärme. Es wird sich lasziv gewärmt, wird leidenschaftlich getrauert, ein heimeliges Trauergerassel inszeniert, die Sehnsucht nach verbrüderten Menschen am Leben gehalten. Trauer inbrünstig, Trauer all inclusive! Morgen oder übermorgen geht es der industrialisierten Trauer, der künstlich hochkochenden Betroffenheit an den Kragen, dann schwappt man zurück in die Kühle des Alltags, dann vergisst man stückchenweise denjenigen, den man versprochen hat, man werde ihn niemals vergessen. Nach der Trauer ist vor der Trauer...

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De dicto

Mittwoch, 11. November 2009

"Diesen Doktor haben wir nicht mehr in Deutschland. Den Doktor unseres Vertrauens. Der eine Doktor sagt Ja, der andere Nein.
Dies ist das Chaos. Es ist auch die Zerstörung des Mythos des Doktors. Der Doktor weiß nicht, was das Beste für mich ist – und ich als Patient weiß es schon gar nicht."
- BILD-Zeitung, Franz Josef Wagner am 11. November 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Wagner mal wieder. Mal wieder theatralisch, melodramatisch. Aber nicht ohne Einblicke in seine Welt zu erlauben. In die Welt des Gutgläubigkeitsbürgers, der jede fadenscheinige Disziplin, die sich in Schlips und Kragen hüllt, als Wissenschaft Einzug in den öffentlichen Diskurs gehalten hat, für unabänderliche Wahrheit hält. Damit sei nicht erklärt, dass Mediziner Scharlatane wären, nur die weißen Götter, für das sich manches dieser Exemplare selbst halten mag, für die Wagner diesen Berufstand zu halten scheint, sind sie wirklich nicht.

Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Sie gleicht oftmals eher einem Abwägen und Jonglieren mit Zahlenwerten. Die Diagnose eines Arztes ist keine Tatsache, die deckungsgleich mit den Leiden des Patienten geht. Der Arzt wägt zwischen Beschreibungen des Erkrankten und dem ärztlichen Erfahrungsschatz ab. Meistens trifft die Diagnose dann auch zu, generationenübergreifende Erfahrungswerte haben sich bewährt. Aber unumstößlich ist die Diagnose nie, sie ist ja eher Vermittlung zwischen dem subjektiven Ist des Patienten und dem objektiven Kann oder Könnte des angehäuften Erfahrungsschatzes. Deckungsgleich sind diese Positionen nie, weil auch Mensch und Mensch nicht deckungsgleich, weil wir alle unterschiedlich gestaltet und konditioniert sind. Bevor sich der Arzttitel durchsetzte (vom griech. arch-iatros, Herrenmediziner), war das Wort lachi gebräuchlich. Lachi stand für den Besprecher. Das Verhältnis zwischen Erkrankten und Heiler hatte mehr zur Grundlage als das Reichen von Medikamenten und Kräutern, es war ein Besprechungsverhältnis, der Heiler besprach sich mit seinen temporär Schutzbefohlenen, man stand sprechend auf einer Augenhöhe. Gesundheitsreformen der letzten Jahre sind gerade dabei, die letzten Reste dieses Unterredungsverhältnisses zu untergraben. Medizinische Behandlung wird zum Minutentakt, zur entfremdeten Beziehung zwischen anonymen und austauschbaren Mediziner und erkrankter Nummer.

Doch daran stößt sich Wagner nicht, was ihn irritiert ist, dass der Weißgötze seine Bedeutung verliert, dass er zum Geschöpf einer ungenauen Wissenschaft wird, damit zum Abbild der medizinischen Realität. Es heißt oft salopp, die Wissenschaft habe die Religion abgelöst, damit das Wissen den Glauben abgesetzt. Gerade die Medizin ist der Präzedenzfall dieser Behauptung. Denn der Mensch sehnt sich danach glauben zu dürfen, auch wenn er seinen Glauben als vermeintliches Wissen bemäntelt. Wo Gott verstorben ist, da nimmt der Mediziner seine Rolle ein. Wer ihn vom Altar stürzt, respektive, wo er selbst herabsteigt vom Sockel, da raubt man dem (Gut-)Gläubigen die bequeme Illusion. Wagner steht beispielhaft für diese Gesellschaftserscheinung. Nur wenige Menschen sorgen sich darum, dass dem Arzt immer weniger Zeit für das Arzt-Patienten-Verhältnis gestattet wird, dass er seine beratende und besprechende Stellung vernachlässigen muß. In ihrer bedingungslosen Gläubigkeit wollen sie den Messias, den allmächtigen Götzen im Weißkittel, der Heilung zum Schnellverfahren macht. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele (und mein Körper) gesund! Er soll ausbaden, was der geflohene Herrgott stehen und liegen ließ.

Nicht zuletzt ist diese Arztergebenheit dienlich. Sie reduziert den Arzt auf den Allwissenden, der schnell zu heilen imstande sein sollte - eben weil er allwissend ist. Langwierige Erholung und das Auskurieren von Krankheiten, das langsame Zurückführen in Gesundheit, dem Patienten Zeit zu lassen, um wieder zur vollen Kraft zu gelangen, verschwinden damit aus dem Blickfeld. Der Arzt als Mechaniker auf Akkordbasis, als Fast Food-Mediziner, der die schnelle Einsatzfähigkeit gewährleisten soll. Ein Gott hebt nur dem Arm oder blinzelt oder brummt nur so sei es!, und es ist vollbracht. Der weiße Gott, so wird gerne impliziert, könne dies ebenso, wenngleich mit anderen Handgriffen. Der Glaube nährt den Untertanengeist, egal wie die Glaubensinhalte lauten.

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