Flucht- und Rettungswege zu sicher

Montag, 3. August 2015

Letzte Woche meldeten die Rundfunkanstalten, dass Europas Tunnel sicherer geworden seien. Ein Tunneltest habe dies ergeben. Nur beim Eurotunnel hapert es noch. Er ist noch nicht flüchtlingssicher.

Alles intakt bei europäischen Tunnel meldet der ADAC. Vielleicht stimmt das Ranking ja diesmal sogar. Natürlich kann auch die Tunnellobby bei dem Resultat Vorgaben gemacht haben. Aber egal jetzt. Alles ist gut. Beleuchtung und Energieversorgung stimmt. Verkehr und Verkehrsüberwachung waren auch nicht übel. Bei Brandschutz und Lüftung war man auf der sicheren Seite. Dummerweise auch bei Flucht- und Rettungswegen. Die sind in europäischen Unterhöhlungen vom Feinsten. Und genau hier fängt das Problem an. Gute Fluchtwege locken Flüchtlinge an. Wie kürzlich geschehen im Eurotunnel. Da sollen sich Tausende auf den Weg gemacht haben. Deswegen nimmt man jetzt einige Millionen in die Hand, damit man Fluchtwege verstopfen kann.

Da sieht man mal was wir von unserem gut organisierten Kontinent haben. Bauen alles nach Standards und dann müssen wir es revidieren, damit sich nicht Leute in Tunneln tummeln, die man schon überirdisch nirgends haben will. Fluchtwege bei Gefahr im Tunnel im Verzug - ja klar, die schätzen wir Europäer sehr. Wir wollen nicht verrecken in einem engen Schlauch aus Beton. Aber Fluchtwege für Menschen, die sich aus dem Verrecken erlösen  wollen: Da hören Sicherheitsstandards aber auf! Da wären zwei Minus in der Tunnelbewertung erwünschter als ein Doppelplus.

Prioritäten haben wir jedenfalls. Fluchtwege haben welche, wenn die Flüchtenden von einer unmittelbaren Gefahr davonrennen. Feuer oder dergleichen. Wenn aber das Feuer nicht zu sehen ist, dann sagen wir »Wirtschaftsflüchtling« zu dem Rennenden und verstopfen die Zuwege.

Es gab Zeiten, da konnten Bauwerke gar nicht sicher genug sein. Man wollte Katastrophen verhindern. Tunnelkatastrophen gehören sicher zu den schlimmsten Szenarien, die sich moderne Menschen vorstellen können. Gefangen im Bauch einer Röhre, die umgeben ist von Stein oder Meer, dazu Hitze, mangelnder Sauerstoff - das ist nicht nur nichts für Leute, die klaustrophobische Ängste haben. Aber europäische Werte wandeln sich derzeit. Man verabschiedet ganze Völker ins Elend und verordnet kürzere Lebenszeiten - und man jammert über Fluchtwege, die so gut sind, dass einfach mal Tausende durch das Tunnelsystem flüchten können. Und da die Flüchtlinge nicht aus dem Bauch einer Röhre fliehen, sondern durch sie hindurch aus dem Gefühl eines leeren Bauches oder anderer Nöte heraus, verstopfen wir die Ausgänge.

Manchmal schreibt das Leben Zufälle. Und da Nachrichten und Schlagzeilen immer auch ein Stück aus dem Leben greifen, sind auch sie vor Zufällen nicht gefeit. Dass diese beiden Nachrichten, die von den guten Tunnel in Europa und die vom Eurotunnel, der Fluchthelfer war, ausgerechnet in einer Woche mit einem zeitlichen Abstand von nur einigen Stunden auftauchen, mag man Zufall nennen. Ich sehe darin ein treffliches Beispiel für die Doppelmoral, in der wir leben. Alles für uns, nichts für die anderen. Uns das Beste, den anderen der Rest - und der ist zu viel. Beide Meldungen nebeneinander offenbaren wie es bestellt ist auf diesem Kontinent, wie es bestellt ist mit der kontinentalen Asylpolitik.

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Ein richtiger Deutscher halt

Freitag, 31. Juli 2015

Ich will euch von jemanden erzählen, der auf Facebook sein Leben teilt. Normalerweise bin ich nicht kleinlich, aber bei dem Charakter muss man es sein.

Am 19. Juli schrieb er: »Akten bearbeiten und ein Café was trinkt ihr?« Keinen Kaffee, er trinkt die Lokalität selbst. So kennt man ihn. Größenwahnsinnig. Er trinkt auch nicht »einen«, er trinkt »ein Café«. Das klingt so wie aus dem Mund von jemanden, den man in dieser Republik gerne mal als bildungsfern beschimpft. Punkt und Komma schenkt er sich sowieso. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Am 18. Juli postete er ein Jugendfoto aus seinem Jugendzimmer: »Das war das Poster übr meinem Bett in der Jugendzeit was hing bei euch?« Wie gesagt, er hat viel zu tun, deshalb verbucht er wohl zwei Sätze in einem. Satzzeichen sind das Metier von Leuten, die zu viel Zeit haben. Von Faulpelzen. Das »übr« verzeih ich ihm jedoch. Vielleicht klemmt ja seine Tastatur. Das kommt vor. Dumm nur, wenns Hirn klemmt. Tastaturen kann man ersetzen.

Wie gesagt, ich will nicht kleinlich sein. Aber so geht es dauernd. Groß- und Kleinschreibung variieren lustig. Verben beginnt er mit Großbuchstaben. Nomen klein. Griechenland heißt bei ihm immer »griechenland« - ob das Absicht und Zeichen seiner Geringschätzung ist, weiß ich nicht. Auszuschließen ist es nicht. Er hat sich in den letzten Jahren als großer Griechenhasser geoutet. Und als standhafter Asylgegner. Als einer überdies, der immer wieder die Integration von ausländischen Mitmenschen als Unmöglichkeit abtat - und der zum Beispiel forderte, dass Leute, die des Deutschen nicht mächtig werden, auch rausfliegen sollten aus diesem Land.

Neulich hatte die Kanzlerin ja mit einem jungen Flüchtlingsmädchen zu tun. Sie sprach sehr gut Deutsch. Ich nehme an, dass sie es besser drauf hat als der Mann, um den es hier geht. Sie wird aber Deutschland verlassen müssen. Das Sprachgenie, das in diesem Land einen Ministerposten kleidet, bleibt uns erhalten. Er und seine Künste. Er und seine Ego-Show auf Facebook.

Um wen es geht? Um Markus Söder. Um einen, der immer eine Witzfigur in meinen Augen war, aber seitdem ich seinen Facebook-Auftritt entdeckt habe, finde ich meine Vermutung tatsächtlich bestätigt. Neben allerlei sprachlichen Leistungen, bietet er tiefe Einsichten in die Seele einer Politikerhülse. Irgendwo schreibt er, dass er froh sei, an Gott und Jesus Christus zu glauben. Ob sie es auch sind, dass so einer es tut? Und die Eindrücke aus seinem Jugendzimmer, von denen ich oben sprach, handeln vom Poster, das damals über seinem Bett hing. Eines von Franz-Josef Strauß. Irgendwann im Mai erläuterte er passend dazu auf Facebook, dass man diesen großen Deutschen in die Galerie der Walhalla aufnehmen müsste.

Das reicht. Die Lächerlichkeit ist nicht erst nach diesen Absätzen bewiesen. Aber mal wieder dokumentiert. Und wer ist er schon, dass man ihm hier mehr als sechs kurze Absätze widmen sollte? Ich hingegen werden jetzt »ein Café« trinken gehen. Und hadern, weil meine sprachlichen Kompetenzen zu hoch traben, als dass aus mir nochmal was werden könnte.

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Eine kurze Anleitung, wie man die Faschisten heute küsst

Donnerstag, 30. Juli 2015

Wo ist der Spaß am provokanten Protest? Manche Demo wird heute mit trockener Steifheit absolviert. Was fehlt ist Freude und gebotener Zynismus. Angesichts der wachsenden polizeilichen Soldateska auf den Straßen wären vielleicht neue alte Protestformen gar nicht übel.

Ich war neulich auf einer Blockade-Demo gegen eine Gruppierung dieser selbsternannten Patrioten. Die Rechtsextreme Ester Seitz hatte in Frankfurt zur Kundgebung und zum Marsch durch die Stadt aufgerufen. Einige verirrte Gestalten kamen dann auch aus aller Herren Bundesländer. Hooligans und Hetzer fanden sich ein. Unterschiedlichen Angaben zufolge waren zwischen 120 und 180 Leute anwesend. Familientreffen also. Die Gegner müssen Tausende gewesen sein. Verschiedenste Menschen waren da. Antifa natürlich. Engagierte Bürger aus allen Altersklassen und Schichten. Linke und solche, die keine Richtungsangabe hatten. Ziel war es, wenigstens den Marsch zu verhindern. Was bei diesem Zahlenspiel natürlich gelang.

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Der große Schweiger

Mittwoch, 29. Juli 2015

Es ist ja schön, dass sich Til Schweiger so lautstark gegen den rechten Pöbel zur Wehr setzt. Aber sich gegen solche Leute in Stellung zu bringen ist die Grundrechenart des Antifaschismus. Es gehört aber noch mehr dazu. Die Gleichung heißt generelle Menschenwürde. Und exakt da hat der Mann auch schon mal öffentlich versagt.

Faschisten waren ja nicht nur ausschließlich Rassisten. Sie verachteten das menschliche Leben. Nichts war ihnen etwas wert, wenn es nicht angepasst war. Zum Weltbild gehörte eben nicht nur, dass man gegen »mindere Rassen« hetzte, sondern auch gegen Arbeitslose, Kriminelle oder Schwule. Alles, was halt nicht ganz ins Schema passte, musste sich fürchten. Sexualstraftätern konnte demgemäß ja auch kein gewisses Maß an Würde attestiert werden. Und exakt das hat der Mann vor Jahren auch getan. Verbal. Er vertrat bei »Lanz« sehr aggressiv die Ansicht, dass solche Menschen keinen Anspruch auf Menschenrechte hätten. Das war starker Tobak. Natürlich erhielt er seinerzeit Applaus. Dergleichen kommt heute gut an. Wir sind ja so stolz auf unsere Errungenschaften. Nur für jeden sollten sie nicht gelten. Kurz und gut, damals war der Antifaschist der Stunde eher auf anderen Pfaden unterwegs. Wenn man die Leute (oder ihn) heute fragte, würden sie wahrscheinlich behaupten, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun habe.

So wie es heute zum guten Ton gehört, seinen rassistischen Untertönen freien Lauf zu lassen, gehört es auf der anderen Seite selbstverständlich auch zum guten Ton, gegen Nazis und neonazistische Parolen zu sein. Komischerweise gehört es zum guten Ton auf Arbeitslose zu schimpfen. Sie zu verteidigen ist eher so ein leiser Unterton. Und Schweiger ist auch da nur ein Schweiger. Und von Sexualstraftätern gar nicht erst zu sprechen. Da sprach er wiederum zu viel.

Es ist ganz ausgezeichnet, wenn jemand wie Schweiger Stellung bezieht. Keine Frage. Aber es ist wohlfeil. Irgendwie sind ja alle gegen Nazis. Gegen das Weltbild der Braunen und so weiter. Es geht mir auch gar nicht um Schweiger. Nur um diesen Typus, der diesen halbgaren Antifaschismus spielt und an anderer Ecke im Pulk der Menschenrechtsverächter steht. Wo ist der Aufschrei für Menschlichkeit und Menschenrechte sonst? Ist nicht auch der Einsatz gegen die Stigmatisierung von Arbeitslosen Antifaschismus? Ist es nicht auch wider der Barbarei, wenn man denen Rechte zuspricht, die gegen Gesetze verstoßen haben? Aber aus der Ecke kommt nichts. Eher das Gegenteil.

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Zu Ohren gekommen

Dienstag, 28. Juli 2015

»Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen Shitstorm auszuhalten«, erklärte die Radiomoderatorin letzte Woche mal. Wegen dem Flüchtlingsmädchen, das weinte, weil sie so grob zu ihr war. Dem war nichts hinzuzufügen. »Wie es Angie hätte besser machen können, sagt uns kurz nach Zwölf unser PR-Experte.« Wie bitte? Angie? Ich lauschte einem Radiosender, der zu einer Anstalt des öffentlichen Rechts gehörte. Musste man da nicht mehr Seriosität erwarten? Oder ist das »Auf-Du-und-Du« im Merkel-Deutschland schon das Maximale an Seriosität, was man erwarten darf?

Früher klang es für meine Ohren immer mordsspießig, wenn jemand sagte: »Herr Doktor Kohl« - auch wenn er dasselbe ohne Titel sagte. Das schuf Distanz und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass da falscher Respekt mitspielte. Heute wäre ich froh um diese Nüchternheit. Lieber »Frau Merkel« als Angie. Das hat doch eigentlich weniger mit dem Respekt vor dem Amt zu tun, als mit der Grundbasis einer Berichterstattung, die auf Abstand bleibt. Wenn ich in meinem Umfeld Leute über Angie reden höre, dann widert mich diese Fraternisierung wohl an. Aber es ist immer noch was anderes, wenn öffentliche Sendeanstalten in diesen Stil verfallen. Und dass es keinen wirklich aufregt, zeigt viel von der Konstitution dieser Gesellschaft. Merkelismus mag vieles sein. Auch der Umstand, dass man eine kalte Person mit ihrem Vornamen kost, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit unter der Kuratel eben dieser Person zu erzeugen.

Die Union dudelt den Song der Rolling Stones. Medien nennen sie so. Und in der Wählerschaft ist dieser Angielizismus schon lange angekommen. Warum tut man das? Wirkt es cool oder abgeklärt, wenn man die politische Machthaberin kost und duzt, während man in der Wirklichkeit buckelt, respektiert und wählt? Schafft das die Distanz, die man in einem alternativlosen System benötigt, um sich noch als autarke Figur selbst wahrzunehmen? Rückt man heran, um den immer größer werdenden Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit in den Lebensrealitäten aufzufangen? Viele Menschen in meinem Umfeld nennen sie Angie, wenn sie irgendwas von ihr erzählen. Selbst wenn sie Belustigendes oder gar Negatives anmerken. Sie sind in vielen Fällen Opfer einer Politik, für die Merkel und ihre Wirtschaftslinie steht - und trotzdem ist sie für sie die Angie. Ist das ein Weg, die eigene Rolle herunterzuspielen? Fast wirkt es so.

Man muss ja nicht den gesamten Text von »Angie« singen. Eine Passage reicht schon und dann wäre alles gesagt: »With no loving in our souls / And no money in our coats / You can't say we're satisfied.« Und wo es dann heißt »you're beautiful«, da hören wir auf. Die Union singt dort weiter. Vielleicht auch nur ein Versuch der armen Männer dieser Partei, sich ob ihrer Alternativlosigkeit einzureden, dass sie ganz dicke sind mit der Dicken.

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Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt

Donnerstag, 23. Juli 2015

Nach der Bankenkrise hat sich nichts verändert. Der Finanzkapitalismus diktiert unser Leben. Man schreckt vor jeder noch so kleinen Korrektur zurück, wie die neuen Dispo-Regeln zeigen. Sie sind das kleinmütige Projekt einer politischen Klasse, die nicht anecken will.

Das Kasino war lediglich vorübergehend geschlossen. Wahrscheinlich stimmt nicht mal diese Aussage. Richtiger gesagt wäre wohl, dass es vorübergehend außer Betrieb war, weil es einen Fehler in der Software gab. Als man den mit öffentlichen Geldern und Bürgschaften überbrückt hatte, machten die Banken alles wie eh und je. Sie spekulieren weiterhin mit Lebensmitteln, bündeln faule Kredite zu neuen Wertanlagen und hoffen nach wie vor auf den Tag, an dem man endlich einen Lösungsansatz entwickelt, um auch aus Hundescheiße ein Aktienpaket zu schnüren.

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Wie ein Baum auf kleine Pilze

oder In eigener Sache.

Richtig urlauben werde ich nicht. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Aber einige Tage werde ich in meinem neuen Leben verbringen, weswegen ich in den nächsten zwei, drei Wochen nicht mehr ganz so regelmäßig meinen Senf auf die Würstchen schmieren werde. Ganz weg bin ich aber auch nicht.

Abhängen.
Als junger Mensch sah ich es nicht als bewiesen an, dass in Abwesenheit eines menschlichen Ohres der Umsturz eines Baumes im Wald Lärm verursache. Ja, vielleicht würde der Baum nicht mal im klassischen Sinne fallen, sondern erst dann so daliegen, wenn ein menschliches Auge es erfasst. Warum denn nicht? Konnte man es wissen? Gab es einen Beweis? Keiner war gültig, denn jeder Beweis setzte ja die Anwesenheit eines menschlichen Sinnesorganes voraus. Aber mittlerweile glaube ich, dass das Unsinn war, denn man kann es schon beweisen. Wenn ich mich jetzt phasenweise zurückziehe und nichts von dem Irrsinn konsumiere, der in der Welt geschieht, dann ist es ja auch nicht so, dass nichts passiert. Auch ohne meine Wahrnehmung geht es weiter, fällt allerlei um: Anstand, Moral, Solidarität, kontinentale Einheit und linke Regierungen. Ja, auch wenn ich der Merkel nicht zusehe, wie sie alles ruiniert, so ruiniert sie es trotzdem. Sie fällt laut und sichtbar wie ein Baum auf kleine Pilze und es ist so was von egal, ob ich zusehe oder zuhöre.

Und obgleich meiner temporären Ignoranz alles so geschieht, wie wenn ich aufmerksam wäre, glaube ich nun auch, dass Bäume geräuschvoll fallen, wenn keiner zugegen ist. Diese Frau ist der Beweis dafür.

Also, wenn ich nicht meinen Trott einhalte, dann nicht wundern. Ich mache Pause, Urlaub häppchenweise. Bin aber nie ganz weg, sondern melde mich zwischendurch zu Wort. Nutzlos wie immer. Aber was soll ich machen? Ich komme nicht aus meiner Haut. Aber hin und wieder braucht jeder das Biedermeier, also den Rückzug in die heimischen und befreundeten Kissen, die Abkehr vom Politischen, etwas Dumpfheit für das Gemüt, Unterhaltungsromane statt Bildungslektüre, seichte Runden bei Bier statt politischen Diskurs. Und all das genehmige ich mir. Vielleicht noch ein wenig mehr. Bis dahin, lauscht dem Rauschen fallender Bäume und trauert um die Pilze. Und wenn ihr ad sinistram doch noch unterstützen wollt - oder weiterhin, oder wieder mal, oder ausnahmsweise -, macht einfach.

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Knapp 1.000 Kilometer daneben

Mittwoch, 22. Juli 2015

Heiß, Frank-Walter. Ganz heiß. Die Richtung stimmte schon. Du hättest dich mehr nach Osten orientieren müssen. Havanna lag zu weit im Westen. Es wäre nur noch ein Katzensprung gewesen. Nach Guantánamo. Und noch näher lag Florida. Dort hättest du sogar einen Adressaten gehabt.

Letzte Woche gurkte ich mal wieder mit dem Wagen durch die Gegend. Ich hörte wie so oft Autoradio. Das meldete, dass der Steinmeier auf Kuba sei und dort die Einhaltung der Menschenrechte einforderte. Oh, du geographischer Simpel, dachte ich mir. Guantánamo liegt auf Kuba. Das stimmt zwar. Aber verantwortlich dafür ist nicht Fidel oder Raúl. Dazu hätte er rübermachen müssen. In die Staaten. Und wenigstens in den Osten der Insel. Irgendwas brachte er da durcheinander. Denn die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und damit Menschenrechtsverletzungen auf der kubanischen Insel, werden nicht von Kubanern begangen, sondern von Amerikanern. Und dann dachte ich an Murat Kurnaz und daran, wie diese militärische US-Enklave schon mal eine Rolle im Leben dieses deutschen Außenministers spielte. Und wie er es herunterspielte.

Ginge es ihm um generelle Menschenrechte, hätte er sich einen Mietwagen nehmen und der Autopista Nacional etwa 350 Kilometer in östliche Richtung bis Taguasco folgen müssen. Von dort ab wäre er der Carretera Central bis Palma Soriano gefolgt. Weitere 500 Kilometer wären das gewesen. Dort wäre er wieder auf die Autopista Nacional/A1 gelangt. Bei La Maya wäre er erneut auf ein Teilstück der Carretera Central gekommen und so nach einer Weile direkt auf Guantánamo gestoßen. Und auf Menschenrechte, die verletzt werden. Und auf Verantwortliche, die Menschenrechte verletzen. Florida wäre näher gewesen. Aber einen Fährbetrieb von Havanna aus soll es erst ab September oder Oktober geben. Und so wäre des Außenministers schnellste Verbindung zu Menschenrechtsverletzungen auf kubanischen Grund eben die Landroute gewesen. Nicht, dass in Fidels Kuba alles gut wäre. Oh, so naiv darf man nicht sein. Aber wenn schon, denn schon!

Er hat sich nur um einige Kilometer verhauen. Um ungefähr 1.000 Kilometer. Das ist für einen, der recht vergesslich sein soll, gar nicht mal so übel. Seit Kurnaz und dessen Geschichte glaubt man das ja gemeinhin von ihm. Oder will er Glauben machen. Und da sind 1.000 Kilometer daneben echt nicht viel. Wie der Kleine neulich, der beim Topfschlagen ganz warm war, aber das Ziel nicht fand. Am Ende hat er seine Gummibärchen trotzdem bekommen. So wie Steinmeier seine Aufmerksamkeit. Und den netten Nebeneffekt, mal wieder als anständiger Mahner wahrgenommen zu werden. Und Kurnaz? Der schlägt noch immer Topf und findet und findet keine Gerechtigkeit. Er kam übrigens nicht über die Autopista Nacional und die Carretera Central - und damit durch eine herrliche Vegetation - auf die kubanische Insel ...

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Aus fremder Feder

Dienstag, 21. Juli 2015

»Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.«

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Lass dich nochmal drücken, Kanzlerin!

Montag, 20. Juli 2015

Und dann hat das Mädchen geweint. Und die Kanzlerin hat gestreichelt. Als Belohnung gewissermaßen. Dafür, dass das Flüchtlingsmädchen ihre Geschichte erzählt hat.

Es waren kindliche Ausführungen von Perspektivlosigkeit und fehlender Zuversicht, vom Verlust der neuen Heimat und der Furcht, ihre Träume nicht verwirklichen zu können. Dafür gab es letztlich Streicheleinheiten. Und von vielen Seiten böse Worte gegen den Hosenanzug. Volker Königkrämer zollt Angela Merkel im »Stern« hingegen Respekt. Sie habe sich nicht weggeduckt. Die Beleidigungen bei Twitter und Konsorten (»verlogenes Mistweib« etc.) seien falsch. Und da stimme ich ihm zu. Sie sind es tatsächlich. Denn es geht nicht um den Charakter dieser Frau. Ihre kalte Hundeschnauze wäre ihre Privatsache. Es handelt sich auch nicht um schlechte Erziehung oder fehlende Empathie. Es geht darum, dass sie die Galionsfigur einer Politik ist, die Menschen wie Frachtgut exekutiert. Und nebenbei gibt sie das Spiegelbild dieser Gesellschaft ab, in der hochglanzgelächelt, gefühlvoll gestreichelt wird, in der es aber eigentlich eiskalt zugeht.

Muss man also Respekt vor einer Frau haben, die das Opfer ihrer strikten Asylpolitik streichelt? Oder ist eine solche Aktion nicht eher Hohn? Und überhaupt, was ist mit der Rhetorik der Kanzlerin? Schieben wir mal beiseite, dass die Frau mit dem Teenager ein sehr kühles, ja geschäftsmäßiges Gespräch führte. »Deshalb muss das jetzt einer Entscheidung zugeführt werden«, sagte sie und meinte den Umstand, Asylbewerber schneller ausweisen zu können. »Entscheidung zugeführt« - spricht man so mit einem Mädchen, das von ihrem Leben spricht und davon, dass es Angst hat, dieses Leben abermals zu verlieren? Klar, das ist Kälte. Das ist nicht empathisch und zeigt, die hat keine Ahnung, wie man mit jungen Leuten spricht. Sie hat ja nicht mal begriffen, dass es nicht wegen Nervosität weinte, sondern wegen der Kälte, die sie spürte. Nur lassen wir das alles mal beiseite. Erwähnt wollte ich es allerdings haben. Die eigentliche Frage ist doch: Ist diese Frau nicht auch eine dieser Entwicklungen, die wir aus dieser neoliberalen Wirklichkeit kennen?

Was ich schlimmer empfand war ein anderer Aspekt dieser schrecklichen Rhetorik. Und zwar, als sie sagte: Hör mal, Kleines, es gibt noch viele Menschen, die in Flüchtlingslagern hocken und die können wir halt nicht alle aufnehmen. Was so ein Gedankengang mit einem Menschen in dem Alter macht, ist die eine Sache. Man hat es ja gesehen. Aber wieder mal so zu tun, als wollten alle in dieses Deutschland einbrechen und für ewig hier bleiben, die Heimat einfach für immer vergessen, das ist der Köder, den man als unumstößliche Wahrheit hinwirft und mit dem man Ressentiments schürt. Boot ist voll und so. Dass das Mädchen aber nun mal schon da ist und nicht in einem Lager steckt, zählte wohl gar nichts.

Sie spricht übrigens überdies hervorragend Deutsch. Sagte man nicht immer, dass Integration mit dem Erlernen der Sprache beginnt? Bittesehr, sie kann es! Was bringt es ihr? Sie bekommt gesagt, ihr aufgebautes Leben hierzulande wird enden und wird dann als Ersatz für diese Hiobsbotschaft geherzt. Ach, wie einfühlsam das Klima in diesem Land doch ist. Lauter nette Leute ...

Das ist der eigentliche Knackpunkt dieser Affäre. Wir haben uns zu einer Gesellschaft gewandelt, die ihre Ressentiments und Exklusivitäten, ihren sturen Kurs und ihre Hardlinerei, nicht mehr mit bitterer Miene durchboxt, sondern mit fröhlichem Gesicht. Bei Strauß wusste man noch, dass er ein Arsch war. Er hat sich nie verstellt. Heute sind sie alle glatt und tun so, als täte ihnen die Konsequenzen ihrer Politik herzlich leid. Warum machen sie sie es dann so und nicht anders? So ist es überall, in sämtlichen Bereichen: Arbeitslose nennt man nun Kunden, denen man gewisse Umgangsformen selbstverständlich zuspricht, die aber in der Sache wie Unrat behandelt werden. Moslems bekommen Anteilnahme, wenn man sie von Untergrundorganisationen aus tötet. Man streichelt sie. Aber in der Sache wissen wir doch: Der Islam ist das Problem, weil er so schrecklich gewaltbereit ist. Lächeln, herzen, verständig sein und trotzdem weitermachen mit dem Plan.

Nein, es geht bei alldem nicht um Merkel und ihre Hundeschnauze. Sie ist auch bloß so ein Symptom einer Politik, die lächelt, während sie Not verordnet, die Anteilnahme predigt, wenn sie tötet. Das hat System, weil es das System ist. Man lebt wie in einem Hochglanzsystem, in dem die Fassade schimmert. Und Sauereien lächelt man weg. Streichelt man weg. Wir sind so weich, wenn wir hart sind.

Wenn sich die deutsche Regierung mal wieder aufregt, weil griechische Karikaturisten die Kanzlerin als SS-Rottenführerin zeichneten, dann werde ich sie streicheln und dann in der Sache hart bleiben und sagen: »Tja, trotzdem, rechts geschiehts dir ja, die Zeichner mussten halt eine Entscheidung zuführen und haben dich gut getroffen. Aber - Och! - lass dich nochmal drücken ...«

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