Armut abgeschafft - ein Leben in Luxus droht

Mittwoch, 10. Februar 2010

Es ist zunächst einmal einerlei, ob die zukünftigen Regelsätze aufgebessert werden oder eher nicht. Einige Stunden nachdem das Bundesverfassungsgericht gesprochen hat, zählen noch nicht die Rechenkünste künftiger Mathematiker, die dann vermutlich gläserner mit Zahlen, Warenkörben und Bedarfskosten balancieren werden, alleinig um letztlich nicht weitherziger zu bemessen. Diese schwarze Arithmetik erfolgt später. In diesen Stunden, kurz nachdem das Gericht über die Regelsätze und die Verfassungsmäßigkeit derselbigen gebrütet hat, saß man auch über die Arroganz derer zu Gericht, die Hartz IV und die daraus ringsherum resultierenden Perversionen, fanatisch befürwortet haben, die lobten und im Stakkato von der Bedeutsamkeit und dem hohen Stellenwert dieser wichtigsten und größten Reform der bundesrepublikanischen Geschichte sprachen.

Die wichtigste Reform aller Zeiten! Es bezeugt die gesamte Misere, die ganze Kümmernis dieser Republik, wenn die angebliche Mutter aller Sozialreformen, dieser Wegweiser deutscher Sozialpolitik, nun in nicht unbeträchtlichen Teilen als verfassungswidrig anerkannt wurde. Was man nach einem solchen Urteil herauslesen kann, ist nicht nur die Verfassungswidrigkeit - man liest auch die Mittelmäßigkeit derer heraus, die Gesetze ohne jede soziale Verantwortung vorantreiben und erlassen. Man liest Ignoranz und Desinteresse heraus, ebenso Einfältigkeit und Dünkel. Ja, die vollständige Arroganz der Machthabenden schlägt durch. Nach geheuchelter Einsicht in den letzten Wochen und Selbstbeweihräucherung zum fünfjährigen Wiegenfest, bekommen die Parteigänger der Reform - Parteigänger aus beinahe allen politischen Lagern - von hoher Stelle anerkannt, jahrelang außerhalb der Verfassung gutgeheißen, befürwortet, gerühmt zu haben. In verfassungswidriger Überheblichkeit haben sie erklärt, dass die Reform vielleicht hie und da ein wenig überarbeitet gehört, nicht aber wesentlich falsch sei. Solche Demokraten sind wahrlich in einer traurigen Verfassung, wenn für sie Verfassungswidrigkeit nicht bindend falsch ist. Und das verfassungswidrige Einfordern, die jetzt verfassungswidrig erklärten Regelsätze pauschal um zwanzig, dreißig, vierzig Prozent zu stutzen (je höher die Forderung nach Kürzung, desto angesehener und umschwärmter der "Experte"), offenbart die gesamte Mentalität elitären Standesdünkels.

Es ist zunächst unerheblich, ob eine neue Bemessungspraxis zu höheren Regelleistungen führen oder das derzeitige Niveau beibehalten wird. Die berechnenden Gaunereien und zerrechnenden Tricksereien werden im Laufe dieses Jahres folgen, umsäumt von der öffentlichen Berichterstattung, die nichts unversucht lassen wird, um deutlich zu machen, dass die Schmarotzer dieses Landes tiefstes Unglück sind. Eine verschärftere Stimmungsmache muß befürchtet werden, die horrenden Unkosten werden aus Arbeitslosen noch mehr denn je Ballastexistenzen machen. Was so kurz nach Urteilsverkündung ins Auge sticht, diesmal richterlich unterstrichen und nicht lediglich subjektiv betrachtet, ist die eindrucksvolle Arroganz der politischen Zunft und ihrer Herren aus der Wirtschaft. Allesamt Jünger der Hartz IV-Gesetze, Jünger, die herablassend gegen das uferlose Anspruchsdenken von Minderleistern polterten, die selbstgefällig die soziale Komponente ihrer Reform betonten, hochnäsig die Nöte und Sorgen von Millionen von Menschen missachteten. Dabei kannten sie keine Parteien mehr - diese unermessliche Arroganz wurde parteiübergreifend betrieben. Merkel und von der Leyen, Westerwelle mitsamt taliberalen Kamarilla, Oppositionsführer Steinmeier und grüne Realo-Snobs - alle im selben impertinenten Boot.

Fünf Jahre Verfassungswidrigkeit. Mehr als fünf Jahre, denn schon vormals, als Hartz IV noch ein Zukunftsmodell war, rumorte es wuchtig. Damals schon liefen Wohlfahrtsverbände und andere Kritiker Sturm. Romantiker nannte man jene bereits seinerzeit, und während jener fünf Jahre der Verfassungswidrigkeit mußten Kritiker sowieso mancherlei Verspottungen ertragen. Sozialverkitschte Existenzen seien sie, die nicht wüssten, wie moderner Sozialstaat gestemmt werden muß. Natürlich hat das Gericht nicht explizit erklärt, dass die Regelsätze zu niedrig seien, die Verfassung gibt ja keine konkreten Geldwerte vor. Aber schon alleine, dass diese Selbstgefälligkeit einen Dämpfer erhielt, dass die Selbstverständlichkeit einer fast willkürlich gesetzten Leistungshöhe eben nicht mehr selbstverständlich ist, ist schon ein Sieg. Wenngleich ein temporärer Sieg, im Gedenken an Pyrrhus. Denn dass höhere Sätze errechnet werden, ist in Anbetracht der kriminellen Energien dieser Eliten und ihrer politischen Marionetten, nicht zu erwarten. Man rettet ja keine Banken oder solche, die viel Geld auf Banken tragen könnten. Es geht bloß um Grundsicherung, um das Brot kleiner Leute. Und eine höhere Grundsicherung muß zwangsläufig auch den Arbeitsmarkt erreichen, könnte den Niedriglohnsektor in Bedrängnis bringen, einen ungeliebten Mindestlohn beschwören, um der dann größer ausfallenden, ausufernden Aufstockerei, diesem privaten Produzieren und Dienstleisten auf Staatskosten, doch noch Herr zu werden. Man wird Bemessungsgrundlagen schaffen, die nicht spielend zu kippen sind - wesentliche finanzielle Erleichterung werden Hilfebedürftige aber wohl kaum erfahren.

Schwarzmalerei? Möglicherweise! Aber anhand der heute abgeurteilten Arroganz der oberen Zehntausend, sicherlich kein Pessimismus, der an den Haaren herbeigezogen wäre, sondern empirisches Weiterspinnen dessen, was man seit Jahren in diesem Land ertragen und erleben muß. Man wird Transparenz fordern und ins Leben rufen, keine besseren Lebensumstände - letzteres wäre fast ein Reuebekenntnis. Der Hochmut läßt solcherlei Bekenntnisse aber nicht zu. Und hernach stehen sie blütenweiß da, weil sie eine verfassungsrechtlich abgesegnete Armenverwaltung auf seichtesten Niveau installiert haben. Dann hilft auch kein Jammern mehr, denn dann deutet man nach Karlsruhe und erklärt, man habe alle Auflagen erfüllt, die Armut sei nun abgeschafft und die Regelsätze, die nur unwesentlich modifiziert wurden, seien ab jetzt mit der Menschenwürde vereinbar. Dann mag es weiterhin an allem mangeln - nur an der Würde nicht. Und wer Würde besitzt, der ist wahrlich reich. Würdevolle Armut ist ein unvorstellbarer Luxus! Und genau dieser Luxus droht - nicht höhere Regelsätze.

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Buchbesprechung: Unzugehörig

Dienstag, 9. Februar 2010

Eine Buchempfehlung von Stefan Sasse.

Es ist die schmerzhafte Surrealität solcher Szenen, die de Lapuente vor dem Leser ausbreitet und die diesen so in seinen Bann schlagen. Doch nicht nur der seelenlosen Bürokratie der Arbeitsämter als solcher widmet sich der Autor, sondern sein zurecht idealistischer Kreuzzug streitet auch engagiert wider das bürgerliche Vergessen, wider das, was ich hier als Auschwitz-Mentalität subsumiere. Die Leichtigkeit, mit der ihm es gelingt, die Selbstrechtfertigung eines ehemaligen Hartz-Beamten in einem postrevolutionären Deutschland genau nach der eines KZ-Wächters klingen zu lassen, der immer noch nicht zu erkennen vermag, warum „was damals Recht war, heute Unrecht sein kann“, ist beeindruckend und regt zu tiefem Nachdenken an. Der Übergang von diesem Topos zur Frage des allgegenwärtigen deutschen Ausländerhasses ist fließend.
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Kein Dazwischen

Wechselweise ist er behäbig, vermodert auf speckigen Sofas, oder er ist rastlos, rackert im Untergrund für sein pompöses Zuhause. Mal ist er nachlässig, eine kariöse Schlampe, dann ist er wieder dank unerschöpflicher Geheimschätze in überteuerten Markenzwirn gewandet und überdies mit Steuerzahlers Absolution kostenfrei von Zahnruinen befreit. Heute zu den Verblödeten gezählt, zur bildungsfernen Schicht - wie man das modern nennt -, so ist er dennoch tagsdrauf in der Lage, das komplizierte Sozialgesetzbuch auf Grauzonen und Schlupflöcher und Schleichwege zu überprüfen, an denen er seine Raffgier abzureagieren, in die er seine Hängematte hineinzuhängen gedenkt.

Wir müssen uns den Erwerbslosen als zerrissenen Unmenschen vorstellen, zwischen verwerflicher Faulheit und verwerflichem Fleiß, stinkender Ungepflegtheit und zum Himmel stinkender Eleganz, geächteter Dummheit und geächteter Bauernschläue. Gleich wie er es auch anstellt, unbescholtene Persönlichkeit besitzt er keine. Er ist Unmensch - er hat ein Unmensch zu sein. Entweder gammelt er faul auf dem Sofa, dann ist er nicht fleißig am Schwarzmarkt - oder er ist fleißig in der Schleichwirtschaft, doch dann liegt er nicht arbeitsscheu auf dem Sofa. Gleichviel! Die Endstation dieser Pogromstimmung lautet so oder so: Der Arbeitslose ist unser Unglück! Der Weg zu diesem Erkenntnisgewinn führt über viele Straßen. Einerlei wie, am Ende zählt nur, dass den berieselten und beackerten Menschen faßbar wird, wer für das allgemeine Unglück verantwortlich ist, wer zur Rechenschaft gezogen werden muß. Das Gähnen aus Faulheit ist gleichviel Verderben, wie die Abgespanntheit ausgetobten Schwarzarbeiterfleißes gesellschaftlicher Untergang ist. Missetat hie - Untat da. Dazwischen beeindruckende Leere, dort gibt es überhaupt nichts. Hat es nichts zu geben!

Dazwischen Ödnis! Oder anders gesagt: Die Wirklichkeit, das was für Erwerbslose Realität ist, gibt es gar nicht. Darf es nicht geben! Nichts zwischen Faulenzer und Preller darf sein. Die Betrachter der Armut, die vor dem Käfig promenieren, zuweilen gedankenverloren stehenbleiben, dabei stier hinter die Ginter gaffend, müssen dem Eindruck zugeführt werden, es mit einer besonders tückischen und hinterfotzigen Primatenart zu tun zu haben. Nicht nur die Gaffer sollen staunen und stutzen, auch die Insassen höchstselbst sollen zwischen Faulheit und fehlgeleiteten Fleiß, zwischen Sofaräkeleien und unter der Hand vergüteten Freundschaftsdiensten, dort wo das wirkliche Leben der Habenichtse wirklich stattfände, nicht frei aufatmen können. Wankend zwischen Trägheit und ungeliebter Schaffensfreude, wankend zwischen Kommen Sie in die Gänge! und Sie waren zu eifrig, man hat Sie gesehen! Wankend zwischen Vermögensbegutachtung, Kontoprüfung, Schrank- und Badezimmerinspektion um Klarheit über schwarze Nebenverdienste zu erspitzeln und Aktivierungsprogrammen, Eingliederungsmaßnahmen, Zeit-tot-schlag-Verwaltungsakten zur Bändigung der anheimelnden Gemütlichkeit.

Und wer sich dazwischen eine kümmerliche Existenz aufbaut, der ist sowieso verdächtig. Gerade so einer ist verdächtig! Denn wer offenbar willens ist zu arbeiten, nicht schwarz, sondern in der weißen Wirtschaft, der ist dubios. Wie kann nur jemand, in der Betrüger- und Täterschicht, ein betrugsfreies, täterloses Leben führen wollen? Da stimmt doch was nicht! Da muß was faul sein! Entweder kann er seinen Müßiggang brilliant als Eifer verkaufen, oder er versteht es blendend, seine fehlgeleitete Rührigkeit hinter gespielter Trägheit zu verbergen. Die Wirklichkeit, die irgendwo zwischen Faulheit und Fleiß, zwischen Ungepflegtheit und Eleganz, zwischen Dummheit und Schläue liegt, wird zum massenhaften Ausnahmefall, zum hunderttausendfachen Einzelfall. Zur unzählbar häufigen Rarität, weil die Pluralität der öffentlichen Meinungen, nur zwei jeweilige Szenarien kennt. Zwei Szenarien mit demselben vulgären Ende!

Singulare Pluralität! Szenario eins macht den Habenichts zum Scheißkerl, weil er auf Rechnung Dritter träge, stinkend und blöde ist. Szenario zwei erklärt den Gammler zum Dreckschwein, weil er auf fremde Kosten zu fleißig, zu gepflegt und zu altklug wirkt. Wie er es auch dreht und wendet, er liegt immer falsch. Es gibt keinen Ausweg aus seiner Misere. Selbst im Tod hält man ihm noch vor, für seine Beerdigung aufkommen zu müssen. Man müsse für ihn finanziell geradestehen, obwohl er wahlweise entweder a) arbeitsfähig jedoch faul war, oder b) eigentlich ausreichend schwarz hinzuverdient hätte, um sein Ableben selbst finanzieren zu können.

So oder so, der Habenichts gilt als Stück Ballast, als störender Ramsch, der außerdem noch die Frechheit besitzt, seine behindernde Existenz nicht still und mit tadellosem Benehmen zu fristen. Wenn er auch nur den Mund aufmacht, sprudeln die niederen Beweggründe von alleine hervor. Wer bezahlt schafft an, heißt es vulgär - wer bezahlt, der schafft auch ab. Die Bezahler, die Steuerbezahler, schaffen den überflüssigen Menschen ab, erklären jede seiner vollbrachten oder unterlassenen Taten zur Niederträchtigkeit und sind dabei auf dem Wege, das Dasein der Überflüssigen als Beleidigung an den Notwendigen, den noch Notwendiggebliebenen, einzuordnen.

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Erdrückende Beweislast

Montag, 8. Februar 2010

"Dann wollen wir mal", nuschelte der Vermittler dem verkrampften und bangen Kunden zu, "setzen Sie sich! Ich habe hier eine Beschwerde vorliegen. Sie sind, so heißt es hier, am Achten dieses Monats, also vor etwas mehr als zwei Wochen, nicht im Schulungszentrum erschienen. Dies, obwohl Sie angeschrieben wurden, dort bitteschön am erwähnten Tag zu erscheinen. Möchten Sie sich dazu äußern?"
Der Verhörte griente blöde, lächelte dann versöhnlich, als wolle er mit seinem Befrager zur Brüderschaft schreiten, fragte nach erfolgloser Fraternisierung, ob es sich um jenen Achten des Monats handle, an dem das Schulungszentrum, dieser vermoderte und morsche Kasten, unter seinem Eigengewicht eingestürzt sei, unter sich mehrere hundert Menschen begrabend.
"Das steht hier gar nicht zur Diskussion!", schallte die Antwort unwirsch durch den ärmlichen Raum. Natürlich könne es sich um diesen unheilvollen Tag für diese, für unsere Stadt handeln. Es sei aber nicht wesentlich. "Wir betrauern hier heute nicht die Toten, wir kümmern uns heute nur um Ihre Angelegenheit. Sie waren also abwesend. Man hat die Anwesenheitsliste zwischen Schutt und Holztrümmern gefunden, gleich seitlich eines Torsos, vermutlich der des Bewerbungscoaches. Alle Namen waren eingetragen, Ihr Name aber fehlt. Wollen Sie sich erklären?"
Was, so die rhetorische Gegenfrage, wenn er auf Übersinnliches plädiere. Würde man einer solchen Erklärung Glauben schenken. Er schäme sich gehörig für die folgende Antwort, erklärte der Verhörte, man würde ja schnell zum Spinner abgestempelt. Aber dennoch, in Anbetracht der Umstände, müßte er ehrlich sein. In der Nacht vom Siebten auf den Achten, da plagte ihn ein langer, schweißdurchtränkender Alptraum. Im Wust aus Beton und Holz sah er sich, Arme und Beine zerschmettert, letzte Atemzüge tätigend. Vorahnung sei es gewesen, worauf er sicherheitshalber fernblieb. Als er dann gegen zehn Uhr aus dem Radio vernahm, dass das Zentrum seit einigen Minuten nicht mehr war, da fühlte er sich ausreichend bestätigt und glaubte, sich ob seines Fernbleibens gar nicht mehr rechtfertigen zu müssen.
"In der Rechtsfolgebelehrung", legte der Vermittler unbeeindruckt dar, "in der Rechtsfolgebelehrung, heißt es ausdrücklich, dass bei Fernbleiben ein wichtiger Grund angegeben werden muß. Vorahnung, glaube ich, zählt nicht dazu. Sie wissen, dass Sie dafür belangt werden können, nehme ich an. Sanktion und anteilige Kostenerstattung des versäumten Kurses wird veranlasst. Ein Bescheid wird Ihnen diesbezüglich zugehen."
Wäre er dort erschienen, führte der gestellte Täter aus, hätte er heute hier nicht erscheinen können. Oder doch, er hätte auch dann erscheinen können - als Geist nämlich. Ob man das schon berücksichtigt hätte. Man würde ihn hier bestrafen, weil er noch lebe. Wäre er nun verschüttet, so wie die Damen und Herren, die heute, nach mehr als zwei Wochen, immer noch unter Tage lägen, gärend und verwesend, so dürfte er reinen Gewissens sein. Rechtschaffen hätte er sich lediglich benommen, wenn er sich hätte verschütten lassen. Indem er aber noch lebe, habe er seinen Verstoß begründet.
"Wie erläutert, darum geht es heute gar nicht. Wir wünschen Ihnen nicht den Tod. Aber das ist hier nicht das Thema." Dieses sei nämlich eindeutig, fuhr er fort. Der Hilfebedürftige nach Sozialgesetzbuch soundso, sei einem Bescheid nebst Rechtsfolgebelehrung nicht nachgekommen und habe damit gegen Paragraphen werweißwie verstoßen. "Als Mensch bin ich erleichtert, dass Sie damals dort nicht erschienen sind - als Angestellter der Kommune, das sehen Sie doch sicherlich ein, darf ich nicht erleichtert sein. Es hat mir von Berufswegen gleichgültig zu sein, ob sie überlebt haben oder nicht. Was zählt ist der Tatbestand, der rein dienstlich betrachtet, erdrückend ist."
Stumm blickte der überlebende Rechtsbrecher hinüber, starrte seinem Vermittler, seinem Herrn über Leben und Tod, ins Gesicht. Nicht kess, nicht unbefangen, eher fassungslos, an der Schwelle zur Fassungslosigkeit. Seine Lippen setzten an, wollten Worte formen, wollten sich entrüsten, schelten, nach dem Grad der Hirnerweichung fragen. Zu spät, schon setzte der andere seine Ausführungen fort.
"Trösten Sie sich. Ob nun hellseherische Vorahnung oder irgendein irdisches Motiv, Sie hätten sich kaum herausreden können. Sie waren, ich formuliere das mal so frei, so ungezwungen, Sie waren von Anbeginn Ihres Erscheinens verurteilt. Ja, wenn Sie damals dort erschienen wären, wenn Sie der Aufforderung Folge geleistet hätten, dann sähe die Sache heute hier anders aus. Dann wären Sie gar nicht hier..."
Genau!, er wäre gar nicht mehr hier, fiel er dem Monolog ins Konzept. Er läge einige hundert Meter von hier, unter Brocken, das Gehirn aus dem Schädel baumelnd, womöglich, mit zerbröselten Armen und Beinen. Zwar könne er verstehen, wenn man ihm nun nachsage, er sei pflichtvergessen gewesen. Nur sollte man doch menschlich, auf dem Boden der Nächstenliebe bleiben, diesen Verstoß unter den Teppich kehren, weil er sich letztlich als erfreulicher Verstoß herausgestellt habe.
"Wichtiger Grund!", schrie der Inquisitor bereits übellauniger, "wichtiger Grund! Solche gibt es einige, solche sind festgelegt, auch wenn es zugegeben einen Handlungsspielraum gibt. Nachweisbare Krankheit beispielsweise. Oder ein Wegeunfall, sofern dokumentiert und belegbar. Vom eigenen Überleben, basierend auf Alpträumen, als wichtigen Grund, ist nirgends die Rede. Sie leben, das ist erfreulich - es ist aber nicht erfreulich, dass Sie Ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Natürlich muß man davon ausgehen, dass Sie heute nicht mehr unter den Lebenden wären, wenn Sie Ihre Pflicht nicht verschwitzt hätten, so wie es ja eigentlich sein sollte. Aber das ist und das darf kein Maßstab für die verwaltungstechnische Abwicklung gesellschaftlicher Fragen sein."
Zwar wisse er, erwiderte der Vorgeführte, dass hier kein Basar sei, nicht verhandelt werden könne, aber er möchte doch wenigstens bitten, dass ihm nur die Sanktion auferlegt, von den Schadensersatzansprüchen jedoch Abstand genommen wird. Immerhin, so argumentierte er, hätte der ganze Kurs nach knapp zwei Stunden ein jähes Ende gefunden, selbst wenn er damals erschienen wäre. Der Kurs wäre ja so oder so nicht beendet worden.
Er verstünde, worauf er hinauswolle, gab der Gegenüber zur Antwort, er könne dem Dargelegten folgen. "Sehen Sie, es ist auch festgelegt, wann Schadensersatz einzufordern ist und wann nicht. Prophezeiungen gehören eindeutig nicht auf die entlastende Seite. Für uns zählt auch hier nicht das Resultat, für uns zählen die einzelnen Fakten, die zur Sanktion führen. Ein erteilter Verwaltungsakt fragt nicht danach, ob sein Inhalt, sein Begehr positive Folgen zeitigen wird oder nicht, ob also Ihr Fernbleiben in diesem Falle, für Sie ein gutes Ende genommen hat oder eben nicht. Wir haben bezüglich Schadensersatz stramm am Gesetz zu entscheiden. Sie sollten das auch mal andersherum sehen, mit dem Augenpaar des Pflichtbewussten gewissermaßen. Träumte es mir, mir würde mein Büro über den Kopf zusammenkrachen, würde ich daraufhin aufwachen und todsicher wissen, dass mein Traum Wirklichkeit würde - ich würde dennoch am nächsten Morgen erscheinen und meinem Dienst nachgehen. Ohne Fakten, schwarz auf weiß, sind Entscheidungen nicht zu treffen." Folgen seien unerheblich - es zähle einzig, die Dinge zu tun, die von einem verlangt werden, schloss er. Außerdem solle er sich glücklich schätzen, weil ihm nicht noch größerer Ärger ereile.
Was damit wohl schon wieder gemeint sei, raunte der Überlebende. Verständnislos blickte er zum Pflichtenfreund. Fragend stierten seine Augen ins feiste Antlitz des Dienstbeflissenen. Er verstehe nicht, haspelte er; er wolle bittesehr Auskunft, forderte er.
"Sie sind damals nicht erschienen, obwohl Sie hätten erscheinen sollen. Das haben wir ja nun ausführlich besprochen. Jetzt passen Sie auf! Wenn unsere Behörde das der Staatsanwaltschaft weiterreicht, wird sie sich für Ihren Fall sehr zu interessieren haben. Warum? Ganz einfach. Weil Sie eigentlich tot sein müßten. Ganz offenbar leben Sie aber, wie ich sehen, hören und riechen kann. Die Staansanwaltschaft könnte Ihnen nun unterstellen, dass Sie sich Sozialleistungen erschleichen, die eigentlich einem Toten zugestanden hätten. Das heißt: Sie beziehen Leistungen, die eigentlich nicht mehr geleistet werden müßten, wenn Sie damals ins Schulungszentrum gegangen wären. Anders gesagt, sie betreiben Sozialmißbrauch, weil Sie sich Leistungen erschleichen, die bereits seit etwas mehr als zwei Wochen eingestellt sein könnten - ja sogar müßten. Seien Sie doch froh, dass wir davon absehen, die Staatsanwaltschaft nicht unnötig belasten wollen. Sie wären vorbestraft, wenn es so käme. Sich Sozialleistungen zu erschleichen ist kein Kavaliersdelikt. Sehen Sie, mein Lieber, auch ich bin ab und an pflichtvergessen. Es wäre nämlich meine Pflicht, dem Sozialmißbrauch nachzuschnüffeln und zur Meldung zu bringen. Aber ich bin doch kein Unmensch! Denn wenn Sie schon am Leben bleiben, dann müssen Sie ja auch von was leben."
Benommen von der Bosheit seines Verbrechens, der Schäbigkeit seiner lebenserhaltenden Vision, taumelte der Verbrecher von seinem Stuhl. Er wollte nur sein Leben retten, weiteratmen, nur sein dürfen und blieb daher dem Schulungszentrum fern. Weil er überlebte, hat er der Gesellschaft geschadet, sich gegen gesetztes Recht aufgelehnt - erst jetzt wurde ihm die ganze Bandbreite seines Verbrechens gewahr. Und er blickte zum vermittelnden Ermittler, glotzte ihn erst geistesabwesend an, wurde sich saumselig dessen Großzügigkeit bewusst, lächelte ihm dankerfüllt zu, trat hinter dessen Schreibtisch und küsste ihm die Wangen, die Stirn, den Kopf. Danke, immer wieder Danke, flüsterte er erleichtert. Wie schlimm stünde es um mich, stammelte er, wenn Sie Ihrem Diensteifer voll erlegen wären. Ein Mensch sei er trotz allem geblieben, lobte er seinen Widersacher. Ein guter Mensch, ein hilfsbereiter, verständnisvoller Mensch. Er warf die Bürotüre leise ins Schloss, zuvor noch einen Blick auf seinen Retter werfend, sich verabschiedend und nochmals dankend, trat auf den Flur und wähnte sich erleichtert. Gerade nochmal glimpflich verlaufen - es hätte schlimmer kommen können!

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De dicto

Samstag, 6. Februar 2010

"Aber Studien zeigen, dass sie nicht nur Hilfe, sondern manchmal auch Druck brauchen.
Druck,
auch einen unbequemen Job anzunehmen. Druck, früh aufzustehen. Oder auch Druck, in eine andere Stadt zu ziehen."
- Stephanie Jungholt, BILD-Zeitung vom 6. Februar 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Druck! Das ist der gesamte Inhalt der modernen Alltagsanthropologie - treffender: die vollumfängliche Inhaltsleere. Der Mensch als Bündel aus dargebotenen Zwängen, aufgenötigten Impulsen und zu vermittelnden Anreizen. Ein Menschenbild, in dem kein Platz ist für freien Willen, in dem der Determinismus in abscheulichstem Materialismus verendet, in dem nur getan und gearbeitet wird, wenn Nötigungen, Drohungen und Einengungen aufgetischt werden. In so einem plumpen Ideal wird der Mensch zum Sanktionsobjekt, zu einer Sache des gezielten Antriebs, zur Maschine, die nur arbeitet, wenn die Schmiernippel regelmäßig mit Gleitmittel wie Drohung und Druck versorgt werden.

Dieses drückende Gleitmittel, welches man "der arbeitenden Bevölkerung schuldig" sei, ist für solche Anthropologen per se auch gar nicht verwerflich. Im Gegenteil, man erachtet es als natürlich, schreibt es quasi der Evolution zu, implantiert es in die menschliche Natur, die in jenem modernen Menschenbild eine Mischung aus Nichtstuer, Schmarotzer und Phlegmatiker darstellt; die eine menschliche Natur ist, die nur mit Druck und Anreizen gebändigt werden kann. Nur wer innerhalb dieses Menschenideals denkt, lebt und schreibt, kann seine planlosen Texte mit einem überheblichen "Druck kann auch Hilfe sein" übertiteln. Aus Druck, Stress, der Furcht, wie beispielsweise jener, sein Lebensumfeld, seine Geburts- oder Heimatstadt verlassen zu müssen, aus dieser Anreihung verhindernswerten Unwohlseins und unerträglichen Seelenlagen, wird dann eine Hilfsmaßnahme. Man will dem Erwerbslosen nichts Böses, man ist doch auf seiner Seite, drückt und presst bloß, weil es der menschlichen Natur entspricht - man ist nicht mehr unmenschlich, wenn man Druck ausübt, ganz im Gegenteil, man ist menschlich. Allzumenschlich nur! Der Drücker verhält sich nicht inhuman dem Erdrückten gegenüber - vielmehr ist er ganz Mensch, greift nur die Facetten menschlicher Art auf, um dem Erwerbslosen erdrückend zum Glück zu verhelfen.

Vielleicht sollte man das, was hier in unnachahmlicher Herablassung als Hilfe verkauft wird, nämlich Herzbeschwerden, Angstzustände, Sozialpsychosen, Nervenzusammenbrüche und viele weitere charmante Nöte als Folge von Stress und Druck mehr, ja vielleicht sollte man sich dieses erbarmungslose Menschenbild zueigen machen. Druck dort ausüben, wo wir "manchmal auch Druck brauchen". Druck, damit unqualifizierte Journalistinnen ausgesondert werden. Druck, damit Menschenwürde bewahrt bleibt. Oder auch Druck, um Hetzer und Verbalschlächter hinter Gitter ziehen zu lassen. Druck, auf solche, die ihren gut gepolsterten Steiß auf besser gepolsterten Kissen platzieren, dabei über jene lästernd und motzend, denen das Glück gepolsterter Kissen versagt blieb. Druck auf Ahnungslose und Besserwisser, auf Aufwiegler und Scharfmacher, auf Freunde unmenschlicher Lebenszustände; Lebenszustände, in denen diese Freundchen nie landen werden, in denen sie nie die Folgen des Drucks am eigenen Leib aushalten müssen.

Druck zu fordern, so zu tun, als sei nun das Fördern ausreichend vollbracht, womit man weiterschreiten könne zum Fordern, ist wahrlich keine umwerfende Neuigkeit. Es gehört zum Standardrepertoire heutiger Eliten und ihrer journalistischen Speichelleckerjunta, sich in dieser Weise zu äußern. Den Druck aber auch noch aufzuwerten, ihn quasi zur ethischen Notwendigkeit zu krönen, übertrifft die kühnsten Vorstellungen. Jungholt entblödet sich nicht, Scheiße zu Gold zu schreiben - sie entblödet sich nicht, aus ihrer gefühlskalten Druck- und Anreizrhetorik, die Barmherzigkeit sprechen zu lassen. Wie eine Mutter Teresa ihres anthropologischen Laiennaturalismus betritt sie die Bühne ihre Hauspostille und will vermutlich Dank dafür ernten, dass sie nur im Sinne von Hilfsbereitschaft Druck ausüben, nur aus reinster Mitmenschlichkeit drücken würde. Sie und ihre Klientel lieben die Menschen so sehr, dass sie sie am liebsten erdrücken würden...

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Missioniert

Freitag, 5. Februar 2010

Aus der Abfalltonne starrend, sich des Stickigen und Dunstigen bei geschlossener Tonnenklappe ereifernd, begegnen einem eigentümliche Rechtsgelehrte. Rechtsgelehrte, die nicht aus Profession an die Tonnen treten, die lediglich aus Passion anwaltlich tätig werden. Moralingeschwängerte Gestelle von beständig verbeugendem und verneigendem Wuchs, stets den erhobenen Zeigefinger in Lüfte emporreckend, während sie weiterhin fortlaufend in Verneigung verweilen. Nach oben liegend und knicksend, nach unten emporreckend und belehrend!

Vom Müllhaufen herabblickend, sich über Atemlosigkeit und beißenden Geruch aufregend, trifft man sonderbare Advokaten. Aufgeputschte, von Moral und Bigotterie stimulierte Personen, mittels Moralin-Infusionen abgefüllte Moralwächter, immer das letzte Wort habend, dauernd sittenstrenge Weisheit auf den Müllhaufen werfend; gleichsam werfend, wie gestern und vorgestern ihren aufgerissenen, von Soßenresten und Hähnchenknochen spritzenden Müllbeutel. Sagt man, sein Heim auf dem Müllhaufen stinke einem, sagen sie, alles sei halb so schlimm; sagt man, der Wirtschaftsfaschismus brauche Menschen im Dreck, sagen sie, nana, mach' mal halblang!; sagt man, nach Aufmerksamkeit heischend, man spüre eine Art gelbe Markierung auf der Brust, sagen sie Frevel! und zetern und plärren und halten einem ihre Bibel vor die Nase und beginnen umgehend mit ihrem exorzierenden Ausfahrwort und erteilen dem ausgetriebenen Dämon ewigliches Rückkehrverbot.

Auf der Müllhalde lungernd, mit Atemnot und gewollter chronischer Kurzatmigkeit fechtend, erhält man regelmäßig Besuch vom Exorzisten. Sie erklären einem, wie man mit seinem Dilemma umzugehen hat, wie man es zur Schau stellen darf. Sie zeigen Wege auf, wie man für sich selbst den Eindruck erwecken kann, etwas über seine Ausweglosigkeit gesagt zu haben, ohne wirklich etwas gesagt zu haben. Wege, die in züngelnden Predigten, in Schlangengesäusel unterbreiten, dass die Pein fein umschrieben, bieder und sachlich dargelegt, mit hehren Worten und unter Umgehung wahrer, aber stinkender Tatsachen abgebildet werden soll. Wege, die das Ziel umgehen und nicht geradewegs ins Herz des Zielorts führen sollen. Wege, die das Leben der Müllhalde erträglich machen sollen, damit in der Ferne, weitab vom Gestank des Mülls, Menschen nicht beginnen, sich der Müllhalde zu schämen, damit sie nicht in Scham verfallen, weil es Menschen gibt, die sich in ihren Abfällen nisten. Damit jene Orte fernab am Horizont der Halde nicht anfangen nachzudenken - nachzudenken, wie man die Halde und ihre Bewohner beseitigen und von der Bildfläche verschwinden lassen kann.

Auf der Deponie, zwischen Unrat und Ratlosigkeit, soll Entmutigung und Verzweiflung und Trostlosigkeit nicht mit Namen genannt werden. Dozierende, mahnende, mit dem Zeigefinger gestikulierende Müllmänner, bis zu den Knien in Gummistiefeln vom Schmutz behütet, betreten den Müllberg, verbreiten das Evangelium ihrer Herrn, die frohe Botschaft züchtiger Sprache, in der liederliches und anstößiges Vokabular verboten, in der vulgäre Scheißhausbegriffe geächtet, in der die ungeschminkte Wahrheit vom Gestank und der Pein verpönt, in der polemische Metaphern und historische Vergleiche illegal sind. Evangelisten in Gummistiefeln, Müllmänner mit Grundausbildung in den Müllverbrennungsanlagen der Gesellschaft, in denen sie gelernt haben, unliebsam und unnütz Gewordenes, zu verfeuern. Bibel und Schwert, Herrenmoral und Feuerwerfer, begleiten sie bei ihrer Mission, bei ihre eifrigen Sendung, begleiten sie auf Bergrücken, begleiten sie in Schluchten, begleiten sie durch alle Landschaften der Deponie. Unnachgiebig missionieren sie, treiben den Heiden schlüpfriger Sprache den Dämon aus, belehren und fackeln ab, um der Deponie die Sprache der feinen, der verfeinerten Gesellschaft zu schenken. Eine Sprache, in der lächelnd geweint und frohlockend gelitten wird; eine Sprache, die nicht behindern, die Produktionsabläufe störungsfrei belassen soll.

Auf dem Schuttplatz, dem Abort reicher Leute, trifft man auf Gesandte ebendieser Leute. Botschafter des savoir vivre, des savoir parler, des Gewusst wie des Sprechens, des Berichtens, des Klagens. Bieder hat es abzulaufen, das Klagen wird angeklagt, zum Gejammer wohlhabender Habenichtse gekrönt, zum Verachtens- und Unterlassenswerten. Legaten belagern den Schuttplatz, zwängen sich zwischen Ramsch, Dreck, Grind, durchschreiten die ekelhaften Gestankschwaden in ihren eleganten Mänteln und lehren die Gosse das Sprechen, das sittsame Auftreten, das Benehmen vor dem Schlips und das Betragen vor den Kragen - sie lehren, damit es den Schlipsen und Krägen nicht an die Krägen geht; sie lehren es unbedarft, im guten Glauben, in der Hoffnung, im liebevollen Umgang liege der Hund, das heißt, eine friedvolle Welt, begraben. Und sie registrieren dabei nur selten, dass sie mit ihrer moralingetunkten Gesandtschaft und ihrem vorgehaltenen Kruzifix, auf das der Heiland, die direkte Rede nämlich, geschlagen wurde - sie merken nur selten, dass sie die Krägen der Krägen retten. Was sie aber ständig merken und wissen: wenn sie mit ihrer angeblichen Vernunft über die Halden ziehen, die Lehren ihrer Herrn predigend, dann wird das mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen und der eigene Kragen bleibt auch zukünftig blitzblank.

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