Die Armutsgefährdung, die von oben gewollt ist

Freitag, 4. September 2015

Geringqualifizierte haben in dieser Republik selbstverständlich selbst schuld. Sie hätten sich ja nicht geringqualifizieren müssen. Wären sie halt einfach hochqualifiziert geworden. Dem wäre doch nichts im Wege gestanden. Jeder ist seines Glückes Schmied. So weit jedenfalls die Parole der gängigen Ökonomie. Seit Jahren hören wir sie. Wer nur will, der kann alles werden. Und wer hätte dann geputzt, geliefert, eingeräumt, kassiert, serviert und was sonst noch alles getan? Wer hätte gemacht, was Geringqualifizierte heute so treiben müssen, um sich über Wasser zu halten? Oder fielen solche Tätigkeiten einfach weg? Letzteres ist natürlich unvorstellbar. Denn Bessergestellte und Eliten brauchen und wollen natürlich ein Heer von Handlangern. Sie aber trotz der Unabwendbarkeit dieser Jobs mehr und mehr der Armutsgefahr auszusetzen, zeigt nur, was man von Menschen hält, »die es nicht geschafft haben«.

Natürlich ist Qualifikation und/oder Bildung etwas, was man sich im Idealfall zulegen sollte. Nur funktioniert das Leben nicht für alle Menschen gleichermaßen reibungslos. Vielen wird dieser Glücksfall daher nicht zuteil. Sie verpassen ihn. Manche vielleicht selbstverschuldet. Andere erliegen äußeren Zwängen. Und dann kommt es für diese Leute darauf an, das Beste aus ihrem Leben herauszuholen, sich möglichst teuer am Arbeitsmarkt zu verkaufen. Der letzte Satz klingt wirklich abartig. Aber so sagt man das heute. Man prostituiert sich. Das tat man natürlich immer. Nur gab es vielleicht früher vor der Leistung von Werktätigen mehr Respekt als heute, sodass man das Hurenhafte nicht so schamlos sprachlich zur Geltung brachte. So oder so: Sie nehmen also Jobs an, die schlecht bezahlt werden, keine Chancen zum Aufstieg gewähren und gesellschaftlich nicht besonders geachtet werden. Einer muss das ja erledigen. Und da trifft es halt Menschen, die wir als geringqualifiziert bezeichnen.

Man hat es seit Jahren politisch zugelassen, dass sie mehr denn je abrutschen können. Dass sie die Boden unter ihren Füßen verlieren können, obgleich sie arbeiten. Ständig sind sie von Arbeitslosigkeit bedroht. Minijobs ersetzen ihre ehemaligen Vollzeitstellen. Sie arbeiten auf einem Lohnniveau, das sich an Hartz IV orientiert, während das Pensum nicht selten anwächst, sodass auch diese Arbeitsmarktgruppe von Burnout und etwaigen Stress-Folgen betroffen ist und durch Krankheit ihre Arbeitsplätze riskiert. Ein laxer Gebrauch von Kündigungsschutzgesetzen erlaubte auch hier einen schnellen Austausch von geringqualifizierter Hilfsarbeitskraft. Auch das war und ist politische Agenda hierzulande. Der produktive Bodensatz soll eben austauschbar sein - man nennt diesen Umstand allerdings hübsch »Flexibilität«.

Wie man mit dieser Gruppe umging, zeigt doch nur, was keiner laut ausspricht, was aber tatsächlich Hintergedanke in diesem Land ist: »Geringqualifizierte, ihr hattet eure Chance! Pech gehabt. Jetzt leidet eben. Selbst schuld.« Das ist nicht nur selbstherrlich, es zeigt auch, dass die Eliten keinen Schimmer von gesamtgesellschaftlichen Prozessen haben. Denn selbst wenn es gelänge, Geringqualifikation als Massenphänomen auszuschalten, jedermann höherwertig zu qualifizieren, fielen Stellen, die keinen hohen inhaltlichen Anspruch haben, nicht einfach weg. Sie sind schlicht nötig. Ganz und gar systemrelevant. Und so würden Höherqualifizierte tun, was heute Geringqualifizierte leisten. Sie wären trotz höheren Standards die neuen Geringqualifizierten. Die Hebung des allgemeinen Niveaus raubt der Arbeitsteilung ja nicht das »untere Ende« - und sie entfernt nebenher auch nicht den Dünkel, mit dem man »niederen Jobs« begegnet.

Mensch, was war man da trotz allem im Sozialismus weiter. Da hatte man erkannt, dass es Jobs innerhalb einer arbeitsteiligen Gesellschaft gibt, die zwar nicht besonders schön sind, aber notwendig. Und wie notwendig sogar! Also hat man sie gewürdigt und anständig entlohnt. Ob das dann letztlich ökonomisch richtig war, ist gar nicht das Thema. Keiner verlangt ja, dass ein Kurier besser bezahlt sein sollte, als der Direktor einer Sparkasse. Aber leben sollte er doch davon können. Ohne Zubrot von der Behörde. Und vor allem ohne Angst, bereits am morgigen Tag am Ende der eigenen Liquidität angelangt zu sein. Wer von seiner Arbeit leben kann, der darf getrost über den Dünkel der Gesellschaft lachen und denen zuprosten, die mit blanker Verachtung sprechen. Das fällt dann garantiert leichter. Geld stinkt nicht.

»Geringqualifiziert« ist ohnehin so ein moralischer Ausdruck. Er beinhaltet ja Gegensätze wie Schlecht und Gut oder eben wie Gering und Hoch. Dabei sagen die Herren der Ökonomie uns ständig, dass der Markt gar nicht moralisch agieren könne. Dazu sei er nicht geschaffen. So besehen dürfte es solche Begriffe gar nicht geben, denn der Markt benötigt eben Lieferanten und Putzfrauen. Die machen Tätigkeiten, die es nun mal gibt, wenn man sich die Arbeit gesellschaftlich aufgeteilt hat. Das ist insofern nicht gut oder schlecht. Es ist. Punkt. Das muss man ganz ontologisch betrachten. Es ist zu machen, zu erledigen. Genauso wie all die tollen, gut dotierten, angesehenen Berufe, die man auf der anderen Seite so haben kann.

Es gibt also kein moralisches Anrecht darauf, etwaige Stellen für so genannte Geringqualifizierte schlecht zu bezahlen, die Menschen, die diese Arbeit verrichten, an den Rand der Armut zu befördern. Wer das glaubt, der folgt einer falschen ökonomischen Moral - und das beweist wiederum, dass diese Ökonomie eben doch nicht so morallos ist, wie sie stolz vorgibt. Sie ist hochgradig moralisch - im Sinne von Herrenmoral und Snobismus. Die Armutsgefährdung der unteren Arbeitsmarktschichten ist kein Zufall, keine Unabwendbarkeit und von den Märkten bestimmte Notwendigkeit: Sie ist gewollt, elitär begründet und Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage. Was wären denn all diesen hoch angesehenen Dreckspatzen ohne die Reinigungskräfte, die sie gut aussehen lassen?

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Meine Meinung: Keine Meinung

Donnerstag, 3. September 2015

Natürlich bewerten jetzt einschlägige Kreise Maas' Vorhaben, Facebook zur Zensur von hetzerischen Einträgen zu veranlassen, als Angriff auf die Meinungsfreiheit. Ist es aber nicht! Zwischen Meinen und Meinung ist ein Unterschied.

Da haben sie sich selbstverständlich gleich auf ihn eingeschossen. Will dieser Justizminister doch tatsächlich die Verantwortlichen der deutschen Facebook-Ausgabe an einen Tisch holen und dazu überreden, ihre Zensurbedingungen zu lockern. Rassistischen Beiträgen soll es so an den Kragen gehen. Denn viel zu oft würde gemeldete Verhetzung noch zu lange in der Pipeline stecken bleiben, oder sogar als unbedenklich eingestuft. Bei Nacktheit handelt Facebook schneller. Prüderie scheint dem Unternehmen einfach mehr am Herzen zu liegen. Dieser Plan stößt jedenfalls auf die Kritik derer, die sich heute so gerne auf Meinungsfreiheit beziehen: Die neuen Rechten und ihre Sympathisanten. Sie ereifern sich stets mit Vorliebe über die Beschneidung dieser ihrer Freiheit. Dabei haben sie aber etwas grundlegend falsch verstanden.

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Geht man so mit Lesern um?

Mittwoch, 2. September 2015

Die »Bild« mokiert sich nun unentwegt und schreibt von der »Nazi-Schande«, die dieses Land erschüttert. Sie nennt die Teilnehmer von Aufmärschen »Idioten« und verteidigt die Kanzlerin ihnen gegenüber. Nanana! Wer wird denn seine Leser so rüde beleidigen wollen? Geht man so mit den Leuten um, die die Arbeitsplätze in der eigenen Redaktion sichern? Die Hand beißen, die einen füttert? Wie bescheuert muss man eigentlich sein, sich sein Publikum so zu verprellen? Man muss dieser Zeitung wohl geschäftsschädigendes Verhalten in eigener Sache nachsagen. So geht die Verkaufskurve, die schon lange nach unten weist, nicht wieder hoch. Man muss seine Leser bei Laune halten.

Jahrelang hat man die Sinne der Leserschaft geschärft. Asyl war nach »Bild« nichts weiter, als eine Einladung für Kriminelle und Betrüger, ein voller Trog für Menschen, die aus dem Dunkeln des Auslands ins Licht Deutschlands kommen. Asyl war nicht einfach Asyl. Es war Asyl-Betrug oder Asyl-Schmarotzer. Man berichtete von »Vorfällen«. Und eigentlich nur von Vorfällen. Man erboste sich zum Beispiel, weil Asylbewerber sich Mobiltelefone kauften, um Kontakt zur Heimat, zur Mutter, zum alten Leben zu halten. Von Menschen in Angst, ohne Heimat, verfolgt und alleine in der Fremde, berichtete man eher nicht. Denn dann hätte man von Asyl reden müssen. Aber Asyl alleine und ohne Zusatz nach einem Bindestrich war im Agenda Setting nicht vorgesehen. Man schrieb lieber von den Roma, im Osten Europas ausgegrenzt und verfolgt, wie von einer Seuche. Wortwahl wie aus dem Reichspropagandaministerium teilweise. Man erteilte Menschen eine Stimme, die nochmal betonen wollten, dass Roma eigentlich eine Plage seien.

So lief das. Tagein. Tagaus. Das war das Programm: Deutschland wird abgezockt von Ausländerschwärmen. Von gierigem und faulem Gesindel. Und Einzelfälle sollten exemplarisch für alle sein. Pars pro toto halt. Man musste glauben, dass es auf der Welt keine Kriegs- und Krisenherde gibt, keine Not und kein Elend, keine Verfolgung und Mordlust. Denn wenn alle nur wegen der Kohle kommen, dann kommt ja keiner weil er Schutz sucht. So hat man das natürlich nie geschrieben. Nie behauptet. Man schreibt bei der »Bild« Zeilen, damit man zwischen den Zeilen schreiben kann. Die Leser kapierten es sofort. Und nun gehen sie nicht mehr einfach pegidasieren und mit Plakaten, jetzt wüten sie und drohen und beklatschen Übergriffe. Und was macht der Spiritus rector? Nennt die, die ihn täglich mit 80 Cent über Wasser halten, plötzlich Idioten und spricht von Schande.

Man sagte ja gemeinhin, dass die »Bild« nicht glaubwürdig sei. Aber das stimmt nicht. Sie war es immer. Man konnte ihr durchaus glauben, dass sie das Asylgesetz nicht leiden mochte. Eine Freude am Aufhetzen hatte. Das unterhielt die Öffentlichkeit und ließ wichtige gesellschaftliche Debatten unter den Tisch fallen. Und nun lässt sie ihre eigenen Leser im Stich. Erst jetzt leidet die Glaubwürdigkeit des Blattes. Nie kann man es diesem Blatt rechts machen. Wenn aber in Heidenau und in anderen Dummsdörfern die »Bild« aus Kiosken verschwindet, weil sie die eigenen Leser so beleidigt hat, dann wird man sicher wieder hetzen wie eh und je. Empörende Geschichten liefern. Sich wieder anbiedern bei dem Pack, das den Angestellen bei diesem Printmedium ein Ein- und Auskommen sichert.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 1. September 2015

»Alle Naturwissenschaften geben uns Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen? Ob wir es aber technisch beherrschen sollen und wollen und ob das letztlich eigentlich Sinn hat: - das lassen wie ganz dahingestellt oder setzen es für ihre Zwecke voraus.«
- Max Weber -

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Unsere Neger im Osten

Montag, 31. August 2015

Sachsen mal wieder. Und Brandenburg. Thüringen legt auch nach. Sachsen-Anhalt ebenso. Mecklenburg-Vorpommern hat sich auch schon was geleistet. Warum ausgerechnet immer in den neuen Bundesländern dieser Hass auf Fremde? Liegt das in der sozialistischen Erziehung begründet? War etwa der real existierende Sozialismus auch nur so eine faschistische Gesellschaft mit Hammer und Sichel, ein den Rassismus förderlicher Staat? Haben die Heidenauer damals besonders eifrig Rassenkunde studiert in feschen Blauhemden? Heidenau? Darf man das eigentlich noch sagen? Heidenau? Das wird man doch noch mal sagen dürfen! Und dann diese vier Homunkuli mit ihren traurigen Fackeln von der Trierer NPD. Aus dem schönen Trier. Das in Mecklenburg-Anhalt - woher sonst? Tiefstes Nazi-Ostdeutschland eben. Das weiß man doch, Mensch!

Immer die Ossis. Nach der Wende hatten wir hier im Westen gesalzenen Abscheu vor ihnen. Die Arbeit würden sie uns wegnehmen. Sich im Sozialstaat ausruhen. Zum Arbeiten waren sie ja ohnehin nicht zu gebrauchen. Was haben die denn schon geschafft? Alles Nonsens gewesen drüben.
Dann klangen diese Vorurteile und Befürchtungen langsam ab und es gab rassistische Übergriffe in Rostock-Lichtenhagen, Greifswald, Wismar. Da war es uns wieder ganz klar, dass drüben nur Neonazis leben, fiese Ausländerhasser, durch und durch Rassisten. Die im Osten halt - weiß man doch! Solingen und Mölln lagen damals noch in Osten.
Dann klangen diese Bedenken behutsam auch wieder ab und die Arbeitslosigkeit stieg, Hartz IV stand in den Startlöchern und wir sahen es wieder ganz deutlich vor unserem westlichen Auge: Die Ossis sind faule Schweine, kriegen ihren Arsch nicht hoch, jammern nur und sind negativ eingestellt. Daher die hohe Arbeitslosenquote bei denen. Weil sie verwöhnt sind von Erich - sowas weiß man doch!
Dann klangen selbst diese Gedanken sukzessive wieder ab, denn auch im Westen wurde es wirtschaftlich schlechter und es summierten sich wieder Übergriffe auf Asylbewerber. Die Ossis waren doch immer schon rechts - auch als sie links waren. Och Mensch, das weiß man doch!

Und während all das geschah, erzählte man sich hierzulande, wie schlecht gebildet diese Leute im Osten doch waren. Dumm und mit Scheuklappen. Stauben jetzt bloß noch Soli ab, obgleich es ihren Kommunen großartig geht. Armer Westen! Ossis laufen bei RTL II über den Bildschirm. Dort sind sie Verlierer, Klageweiber und -kerle. Fremdkörper in der Gesellschaft. Teuer und subventionsgeil. Wie gut ginge es der Bundesrepublik doch heute, hätte sie diese Menschen nicht an der Backe. Der Genosse Honecker hätte sie uns doch noch eine Weile vom Hals halten sollen.

Egal was auch in diesem Land geschieht: Geschiehts auch im Osten, macht man daraus eine Mentalitätsfrage. Weil die Ossis als Teil dieser Berliner Republik mit denselben Affekten gesegnet sind, wie der ganze bittere Rest des Landes, taugen sie gar vortrefflich als Prell- und Sündenböcke, als Alibidebatte und Ablenkungsdiskussion. Wo man über Strukturen sprechen sollte, über blühende Landschaften, die es nie gab, über Treuhand und Zerschlagung, über Aberkennung der Lebensleistung, über abziehende Unternehmen und verwaiste Landstriche, über die Rückkehr von Wölfen vor den Toren Berlins und fehlende Anreize zur Schaffung von Arbeitsplätzen, da macht man eine Frage des ostdeutschen Charakters daraus. Die Ossis sind so gesehen unsere Neger. Denn die Schwarzen, drüben über dem Teich, die wollen ja auch nicht, lernen es nie. Soziale Ausgrenzung, rassistische Ressentiments und dergleichen, die können nichts dafür. Gibt es auch gar nicht. Das weiß man doch!

Die Schwarzen laufen hinterher, weil sie es so wollen. Das ist die Moral der Weißen. Alles keine Frage der Ethnie, sondern der Arbeitsmoral. Schwarze sind Schwarze, weil sie es wollen. Und Ossis sind Ossis, weil sie nur jammern. Einer ostdeutschen Kanzlerin und einem ostdeutschen Bundespräsidenten zum Trotz. In Washington sitzt ja auch ein Schwarzer im ovalen Büro. Erschießen sie deshalb weniger Schwarze auf den Straßen? Durchlässigkeit im Gefüge der Repräsentation für bestimmte gesellschaftliche Gruppen und zeitgleiche Ausgrenzung schließen sich gar nicht aus. Sie können synchron existieren. So kann eine Ostdeutsche kanzeln und der bittere Rest dennoch als tumbe Masse behandelt werden, die verantwortlich ist für jeden Missstand, den es so landesweit gibt.

Irgendwann flaut auch der Mob wieder ab, dann kommen neue Sorgen und dann werden sie wieder den Osten damit in Verbindung setzen. Die Finanzkrise hat man doch auch drüben verschuldet. Die Ossis konsumierten ja nicht ausreichend. Verballerten ihr Hartz IV für Kippen und Gewürzfleisch. Gut, jene Krise und fehlender Konsumanreiz hatten gar nichts, aber auch rein gar nichts miteinander zu tun. Aber im Westen ist man nicht kleinlich. Man nimmt es nicht so genau mit Argumentationsketten. So fällt die eigene Aufwertung leichter. Das weiß man doch!

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Bild, du meine Meinung

Freitag, 28. August 2015

Seht euch das Bild mal ganz genau an. Ist das der Dank der Asylanten? Da stellt man ihnen Unterkünfte hin, beschenkt sie mit Utensilien und dann lassen sie alles verwahrlosen. Müsste man solche Dreckschleudern nicht eigentlich gleich an den Flughafen fahren und wieder ausfliegen? Zurück dorthin, wo Dreck zwar nicht Speck macht, aber offenbar ganz normal ist? So weit ist es letztlich gekommen. Undankbarkeit dafür, dass man hilft. Es ist traurig. Nur traurig. Da sieht man eben mal, was wir uns alles ins Land holen. Und mit diesen Leuten sollen wir Staat machen?

Problem an dem Bild ist nur, dass es keine Zeltstadt für Flüchtlinge darstellt. Es ist ein Auszug von einem Foto des St. Galler Openair von vor drei Jahren. Die Gestalten sind Festivalsbesucher, keine Asylbewerber. Der Dreck ist die Normalität bei jedem dieser Events. Man braucht keine Fremden, um mal zuzusehen, wie es eigentlich ist, im Unrat von vielen Tagen zu leben. In der netten kleinen Provinz, in der ich lebe, da steht seit einigen Tagen eine Zeltstadt. Flüchtlinge leben dort. Und langsam summieren sich Horrorgeschichten. Eine handelt von Fotos, die die Verwahrlosung im Camp dokumentieren sollen. Die dortigen Bewohner hätten die Spenden an sie zerpflückt und über die Wiese geworfen. Ob es stimmt oder nicht, sagt das Bild nicht. Es ist einfach nur ein Bild. Vielleicht Abbild der Wirklichkeit - vielleicht aber auch nicht. Doch man ist hier natürlich gewillt, die Bilder als zutreffend anzuerkennen.

Susan Sontag hat die (Kriegs-)Fotographie in ihrem Buch  »Das Leiden anderer betrachten« behandelt und kommt zu dem Resultat, dass Bilder nie einfach nur das Abbild der Wirklichkeit sind, sondern ein Stück aus einer Gesamtkomposition, das nicht zwangsläufig das dokumentiert, was die Wirklichkeit vorgab. Man muss also gar nicht manipulieren, um etwas zu entstellen. Unlängst befasste sich auch ein »Zeit«-Artikel mit dieser Materie. Die technischen Möglichkeiten zur Verfälschung seien so groß wie nie. Aber man braucht eben gar keine Überarbeitung, folgt man Sontag. Es kommt auf dem Blickwinkel an, den man wählt, auf das, was in der Komposition der Wirklichkeit stattfindet, aber auf dem Bild unterschlagen wird. Indem man das nicht zeigt, was war, gerät das was man zeigt, in ein ganz anderes Licht. Bilder sind also letzten Endes Schnipsel einer Momentaufnahme, die stark von den Motiven, Vorlieben oder Sendungsbewusstsein ihrer Macher gefärbt sind.

Also auch wenn die Bilder von der Verwüstung im Flüchtlingslager hier um die Ecke tatsächlich dort aufgenommen wurden, muss das noch lange nicht das sein, was unter dem Bild als Text angeboten wird. Es sieht wild aus, keine Frage. Aber es ist nur ein Auszug, ein Stück Momentaufnahme, das vom Fotografen bewusst gewählt wurde. Das so und nicht anders abgelichtet wurde und das damit keinen Anspruch auf Dokumentation dessen hat, was der Text als unterstützende Erklärung der Realität vorgibt zu sein. Das Lager ist groß - wenn es in einer Ecke so aussieht, ist das nicht der Zustand überall dort. Außerdem unterschlagen Bild und Text, dass Zelten immer eine unsaubere Sache ist. Wie gesagt, man gehe auf Festivals. Wenn von dreißig Leuten nur drei zum Herumwerfen von Müll neigen, dann sieht es so aus und man könnte meinen, eine ganze Legion habe sich hier ausgetobt.

Das Bild aber zeigt Dreck und sagt, das sei der Zustand im Lager. Es interpretiert das, was der Fotograf (vielleicht ein anwesender Ordner oder jemand vom Rettungsdienst, der dort ständig präsent ist) als fotografierenswert erachtet. Vielleicht fühlte er seinen Ordnungssinn angesprochen, merkte wie der rebellierte und wollte der Welt da draußen mal zeigen, wie es ausartet. Damit war das Bild aber vorgeprägt, denn die sauberen Ecken des Lagers hat er nicht festgehalten und Bilder von gepflegten Bereichen gehen nun nicht von Bürger zu Bürger.

Ich nehme nicht an, dass die Bilder, die herumgereicht werden und empören sollen, so wie ich es oben angestellt habe, einfach von einer anderen Veranstaltung genommen wurden, um es dann mit dem örtlichen Camp in Verbindung zu bringen. Das haben bestimmte Kreise auch schon gemacht. Letztlich glauben Betrachter mehr dem Text unter dem Bild, als dem, was man auf Bildern sieht. Oder sagen wir, sie glauben dem Bild, lassen sich aber erst in eine bestimmte Richtung auf das Gesehene ein, wenn man ihnen einen textlichen Wink gibt. Man muss wie gesagt Bilder nicht manipulieren, um etwas Bestimmtes mit ihnen ausdrücken zu wollen. Manipulation auf softer Ebene ist der Begleittext. Wenn man also schreibt, dass dieses Chaos entstand, nachdem die Flüchtlinge Geschenke und Spenden auspackten und zerpflückten, dann will man den Betrachter in ein bestimmtes Gefühl bringen. Er soll empört sein, weil da Undankbarkeit am Werk war. Aber woher weiß man guten Gewissens, dass es genau so war. Das Bild zeigte Verwüstung und undefinierbaren Unrat. Papier und Pappe. Andere Dinge, die man nicht richtig erkannte. Klar könnte es, dass es so war. Oder eben nicht. Eindeutig ist das Bild nicht. Es wird erst eindeutig, wenn man es mit Worten flankiert. Und so glaubt man mehr dem Wort als dem Bild.

Bilder sind letztlich immer manipulativ. Sie treffen ja nicht auf Betrachter, die völlig unabhängig von ihren Gefühlen und Erfahrungen sind. Und sie klammern das zeitliche Geschehen aus, weil sie ein festgefrorenes Zeitdokument sind. Sie zeigen ein Ist-Zustand, aber nicht, wie es dazu kommen konnte. Bilder sagen tatsächlich mehr als tausend Worte, weil sie in uns etwas ansprechen, Konnotationen schaffen. Das Wort erlaubt einen solchen Umgang nur im begrenzten Maßstab, ist präziser und daher nur bedingt interpretierbar. Aber ein Bilddokument ist nach allen Seiten offen. Und daher besonders anfällig für manipulative Begleittexte, das das Vage kanalisieren.

Man darf nicht davon ausgehen, dass die Bilder aus dem Camp hier im Städtchen von einem besonderen Neonazi gemacht worden wären. Ziemlich sicher, dass es sich um jemanden ohne diesen Hintergrund handelte, der voreingenommen fotografierte und damit eine bestimmte Wirkung erzielen wollte bei denen, die es sich anschauen. Neonazis greifen solche Fotos dann auf und fühlen sich bestätigt. Wenn man kritischere Bildanalyse von normalen Bürgern nicht erwarten kann, wie dann von diesen Gesellen? Vor dem Camp spielt übrigens täglich eine Gruppe dunkelhäutiger Männer Cricket. Vielleicht Pakistanis, dort ist Cricket ja Volkssport. Sie bauen sich aus Müll Markierungen und legen los. Der Vorplatz ist danach immer sauber. Sie lassen nichts liegen. Das wäre auch mal ein schönes Foto. Ich sollte eines machen und drunterschreiben, dass es so überall im Camp aussieht. Und das dürfte so manipulativ sein wie das Gegenteil, das hier Thema war.

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Der Zeitgeist, die Sozis und Egon Bahr

Donnerstag, 27. August 2015

Alle trugen sie Trauerworte auf der Zunge. Die sozialdemokratische Gemeinde stand zusammen, als Egon Bahr, einer der Väter der neuen Ostpolitik und Macher des Wandels durch diese Annäherung, hochbetagt starb. Er sei ein ganz großer ihrer Partei gewesen, behaupteten sie alle zu Recht. Thomas Oppermann schrieb zum Beispiel, dass Bahr ein »fester Teil der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung« sei. Und Außenminister Steinmeier erklärte, dass »seine Vorstellungen […] buchstäblich den Lauf der Geschichte« verändert hätten. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel indes behauptete ganz ähnlich, dass Bahrs »politische Lebensleistung […] herausragend [sei] und vor der Geschichte Bestand haben« würde. Das klingt alles gut. Nur was können diese Herren eigentlich von Bahr lernen?

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Als die Deutschen noch Flüchtlinge waren

Mittwoch, 26. August 2015

200.000 Ausländer standen in jenem Sommer im Lande. Nicht alle waren Flüchtlinge. Aber die Ungarn mochten sich dennoch fragen, ob die, die nur vorgaben, Urlauber zu sein, nicht eigentlich auch auf der Flucht waren. Man konnte diesen Ausländern nicht trauen. Sie waren verschlagen und hatten die seltsamsten Aussichten. Ihre Einstellung zum Leben war sonderbar und nicht immer nachvollziehbar. Außerdem waren sie ein kriegerisches Völkchen. Erst vor zwanzig Jahren waren sie im damaligen Bruderland Tschechoslowakei einmarschiert. Wer mochte diesem Menschenschlag schon trauen? Manche sollen gar ihre Eltern zurückgelassen haben in der Heimat. Machten das anständige Leute? Jetzt zelteten sie auf ungarischen Wiesen und wollten Wohlstand und Freiheit erfahren. Mancher Ungar meinte, die sollten zurück nach Hause trabieren und selbst an besseren Lebensumständen basteln und nicht einfach die Hand aufhalten.

Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, das waren sie seinerzeit tatsächlich. Weil es im eigenen Staat nicht mehr lief, weil man endlich mehr wollte als das, was man zugeteilt bekam, machten sie sich auf den Weg. Ein Exodus fand statt. Politisch verfolgt waren die Leute ja durchaus nicht. Sie wären nicht gefoltert oder eingesperrt worden. Nein, sie wollten nur vom Wohlstand profitieren, den andere westlich der Grenze geschaffen haben. So glaubten das damals nicht nur die Ungarn, die es jetzt ausbaden durften. Ausgerechnet sie mussten nun diese Flüchtlingsherden ertragen. Dreckige Menschen aus Zeltstädten, die komisch redeten, eine kuriose Esskultur pflegten, sich von den Einheimischen nicht nur abgrenzten, sondern durch und durch kriminell waren. So mochte das mancher Ungar gedacht haben. Man kennt das Pack doch, das gemeinhin Heimat verlässt. Es sind ja nicht die Anständigen, die das machen. Immer treibt es dunkle Gestalten weg. Und ist in ungarischen Städten und Dörfern nicht auch mehr gestohlen worden in letzter Zeit? Die offiziellen Zahlen sagten etwas anderes. Aber das kannte man doch. Immer wird runtergespielt. Lügenpresse, Lügenpresse!

Im September und Oktober haben dann an die 40.000 Flüchtlinge Ungarn Richtung Westen verlassen. Endlich war man viele dieser Leute los. Mussten ihren Gestank und ihr Gejammer nicht mehr dulden. Endlich konnte man wieder die Paprikawurst vor die Läden legen, ohne dass man Angst haben musste, dass diese ostdeutschen Sozialstaatstouristen lange Finger machten. Denn das wusste man doch: Leute, die nur in die soziale Hängematte wollten, sind von Grund auf dazu bereit, sich anzueignen, was ihnen gar nicht gehört. Sie haben dunkle Gesichter, Bärte, treulosen Blick, waschen sich nicht. Es sind immer dieselben Attribute. Man kannte doch die Geschichten von Ostdeutschen, die stehlen. Es findet sich immer jemand, der Horrormärchen als Insidergeschichten verkauft. Und mancher von diesen Flüchtlingen machte auch noch den Ungarinnen schöne Augen. Weiber und Arbeitsplätze - das ewige Begehr alle Flüchtlinge, oder nicht? Nein, man musste sie schnell abschieben, damit sie nicht auch noch den Ungarn die Arbeit wegnehmen. Und das war nun geschehen. 40.000 war man los. Man konnte einen Großteil abschieben. Aber es kamen ja immer neue nach. Dabei war das Boot voll.

Ungarn den Ungarn! Refugees go home! Asylhochburg. Vier-vier-vier, nicht mit mir! Eigentlich wollten manche Ungarn mit Fackeln vor den Zeltstädten auflaufen und protestieren. Aber sie hatten noch kein Internet, um sich verabzureden. Veranstaltung bei Facebook anmelden und dergleichen war halt noch nicht. Videos für YouTube waren Zukunftsmusik. Man malte es sich deswegen nur aus, wie Patrioten sich wehrten. »Asylmissbrauch nicht mit uns!« skandierten. »Klar«, sagte mancher Besonnene unter den Protestlern, »irgendwie verstehen wir schon, was die Leute aus ihrer Heimat treibt - aber wir sind doch nicht das Sozialamt des Ostens!« Ungarische Wiesen gehörten ja ungarischen Jugendlichen, Pfadfindern und Campern - nicht diesen Deutschen, denen ihre eigenen Wiesen nicht mehr gut genug waren. Mancher erinnerte sich womöglich noch an Prag, an den Einmarsch, an ostdeutsche Soldaten und ostdeutsche Rhetorik und hätte die Stimmung angeheizt: »Wir holen uns Terroristen ins Land!« Applaus von allen Seiten und die Fackeln züngelten und Parolen hallten und überhaupt, es wäre so schön kuschelig geworden in der patriotischen Front. Wenn man als Ungar schon nichts hatte, so doch die Ablehnung der Flüchtlinge. Das ließ das Volk zusammenrücken.

Tja, und dann kamen diese Deutschen als Flüchtlinge an. Sie waren im Westen auch ungeliebt. Man unterstellte ihnen, sie wollten nur Begrüßungsgeld abstauben. Wir hatten doch im Westen nicht genug für uns selbst und nun sollten auch noch diese Russen an unseren Tischen sitzen. Der »Spiegel« berichtete: »In Westdeutschland kocht Haß auf die DDR-Übersiedler hoch. Die Staatenwechsler werden zunehmend als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt betrachtet. Vor allem in den Fluren der westdeutschen Sozialämter entlädt sich der Zorn auf die Zuzügler. Ein Beamter: Wir sind froh, wenn das Mobiliar heil bleibt.« Aber alles vergessen, heute sind West und Ost vereint in ihrer Wut auf die, die heute auf der Flucht sind. Identität. Sie ist das Produkt gemeinsamer Wut.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 25. August 2015

»In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.«

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Tina Merkel oder Wie sie den Kontinent formte

Montag, 24. August 2015

Letzte Woche gab es exakt zwei Möglichkeiten: Entweder der Bundestag würde erneuten Milliarden für Griechenland zustimmen und das Land in weitere Schuldknechtschaft entlassen und somit langfristig ruinieren. (So kam es dann auch.) Oder die andere Option wäre gewesen, dass man einen weiteren Kredit abgelehnt und damit Griechenland sofort ruiniert hätte. So oder so, beides scheint falsche Folgen zu haben. Oder anders gesagt: Herzlichen Glückwunsch, Frau Bundeskanzlerin, Sie haben die Alternativlosigkeit zu einem europäischen Misserfolgsmodell gemacht. Selten sah man das besser als letzte Woche.

Es war eine komplizierte Angelegenheit. Selbst für Menschen, die sich politisch interessierten. Würde man Griechenland erneut mit Geld aushelfen, so würde das Land zunächst nicht zusammenbrechen - und das ist ja an sich eine gute Sache. Man vertiefte damit aber auch die Abwärtsspirale, verewigt das Darben in Schulden für eine unabsehbare Zeit und schränkt damit den Handlungsspielraum sämtlicher griechischer Regierungen ein. Das hätte man vermeiden können, hätte man gegen neue Kredite gestimmt. Der Kreislauf aus Zinsen und Tilgung wäre unterbrochen gewesen. Aber gleichzeitig wäre die griechische Volkswirtschaft endgültig pleite gewesen. Auch dann wäre diese griechische Regierung handlungsunfähig gewesen. Beide Möglichkeiten hatten gute Gründe dafür und dagegen. Beide Möglichkeiten tragen im Keim eine fast identische Entwicklung: Die Untergrabung des Primates der Politik.

»Pest oder Cholera?« könnte man jetzt fragen. Aber beide Krankheiten sind mittlerweile heilbar. Eine Überdosis Arsen oder doch nur stetige Dosen derselben Substanz? Das ist die eigentliche Frage. Tödlich sind beide Varianten. Sie sind alternativlos. Denn das Weiterleben steht nicht zur Debatte.

Diese Entscheidung letzte Woche hat das Dilemma Europas ganz ausgezeichnet skizziert. Wir leben in der Alternativlosigkeit einer Ära, in der die marktkonforme Demokratie und ihre Befürworter das Ruder übernommen, in der Berlin Brüssel instruiert, Merkel den Kontinent hegemonial überrumpelt hat. Die Geisteshaltung dieser Epoche ist nicht an Alternativen interessiert, sondern an der Beibehaltung profitabler Ressourcen. Und wenn Geschäfte wegbrechen, sollen sie eben politisch gestützt und geschützt werden. Andere Ansatzpunkte sind in diesem Spiel nicht vorgesehen.

Es gab bei den Verhandlungen der Finanzminister Vergleiche, die sagten, dass man den Griechen die Pistole an den Kopf hielt, während sie aus freien Gewissen ihren Weg bestimmen durften. Dasselbe Prinzip wendet man auf Parlamentarier an, die über Gelder bestimmen sollen, ohne die es nicht geht und mit denen es letztlich auch nicht geht. Man schwindelt Optionen vor, die es faktisch in letzter Konsequenz nicht gibt. Entscheidungsfreiheit ist hier nur eine Phrase. Alternativen gibt es nur auf den ersten Blick. Nochmal Gratulation, Angela Merkel. Mehr und mehr reift Ihre Vorstellung einer »modernen Demokratie« zur Wirklichkeit heran. In der gibt es keine Alternativen mehr und demgemäß, wie es die »Gesellschaft für deutsche Sprache« schon 2010 festhielt, »keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation mehr.«

Zwar kann man noch diskutieren, aber die Entscheidungsprozesse lotsen nicht automatisch in verschiedene Szenarien. Jeder gangbare Weg kulminiert in einer Entwicklung, die so gut wie identisch ist, egal ob man so oder so votiert. Wenn es aber keine verschiedenen Zukunftsszenarien mehr gibt, dann muss sich die gegenwärtige Demokratie fragen lassen, wozu sie noch gut ist. Und wenn man das fragt, stützt man gefährliche Entwicklungen. Merkel-Europa darf nicht alternativlos bleiben. Tut es das doch, ist auch die Demokratie keine Alternative mehr.

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