Die Zeitung, die eben kein Kleinkind ist

Freitag, 6. März 2015

Warum ich die Bildzeitung nicht ignoriere.

Sebastian Baumer hat vor einigen Tagen erklärt, dass er die Bildzeitung komplett ignoriere. Er möchte die Kampagnen dieser Zeitung nicht weiterverbreiten. Und das tue man gewissermaßen auch, wenn man eine negative Haltung zu diesem Blatt einnimmt. So ehrenhaft das Motiv dahinter ist, ich halte es für falsch, dieses Medium auszublenden.

Ist es so wie Baumer schreibt? »Ist es fast ausschließlich Empörung«, mit der die Öffentlichkeit der Bildzeitung begegnet? Alleine diesen Ansatz halte ich für zweifelhaft. Ja, die Leute winken ganz oft ab, wenn es um die Bildzeitung geht. Wenn aber die Headline mal wieder auf Empörung und auf »Zeitung des kleinen Mannes« macht, ist manche Ablehnung gleich passé. Stichwort »Florida-Rolf«. Die Zeitung, die angeblich jeder ablehnt oder nur negativ wahrnimmt, hat letztlich bewirkt, dass eine ganze Gesetzgebung verändert wurde, weil das Moralin des braven Bildlesers überkochte. Vor einigen Jahren schrieb ich dazu bereits: »Der Boulevard ist ausschlaggebender als der seriöse Journalismus; Berichte über Florida-Rolfs polarisieren mehr als Statistiken zur Altersarmut - der reißerische Text zu einem Mann, der im Ausland Sozialhilfe bezieht, kann Gesetzeslagen ändern; Statistiken ändern bestenfalls ihre Erhebungsmodifikationen.«

Das kann man nicht ignorieren. Oder sagen wir so: Man kann. Wie man alles irgendwie kann. Aber es ist letztlich keine Methode, um mit dem Dilemma fertig zu werden. Ignoranz gegen die Machenschaften der Bildzeitung ist letztlich die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Je mehr Leute so tun, als sei nichts dabei, desto mehr Freifahrtscheine gehen in Druck. Ignorieren ist Herunterspielen. Und Herunterspielen ist auf perfide Weise eine Versachlichung. Denn wenn man über die miesen Tricks einer Zeitung nicht mehr spricht, dann ist sie ja Inventar. Normalität. Über die »Süddeutsche Zeitung« spricht man ja auch wenig. Genauso über die »Frankfurter Rundschau«. Bei den genannten Zeitungen gäbe es sicher viel zu kritisieren. Aber sind sie gleichrangig mit der Bildzeitung?

Nein, man kann diese »Zeitung« nicht einfach rechts liegen lassen. So zu tun, als sei man zu fein für sie, bedeutet letztlich nur, sie langsam aber sicher zu akzeptieren. Natürlich stimmt es auch, dass jede Kampagne, über die man sich aufregt, ein Geschenk für Kai Diekmann ist. Sie aber stillschweigend wirken zu lassen - und das tut sie zweifelsohne -, das ist das Gegenteil dessen, was es sein soll. Und somit das noch größere Geschenk.

»Wenn das kleine Kind keine Aufmerksamkeit mehr bekäme«, so schließt Baumer, dann wäre bald Ruhe. Aber die Bildzeitung ist kein kleines Kind. Und deren politische und gesellschaftliche Absichten sind kein Geplärre. Sie nimmt Einfluss auf das öffentliche Geschehen wie kaum ein anderes Medium im Lande. Wegschauen und so tun, als plärrt da keiner, geht völlig an der Sache vorbei. Wir dürfen uns die Bildzeitung nicht als nach Aufmerksamkeit gierendes Kleinkind vorstellen. Sie ist eine Erwachsene, die ganz genau weiß, was sie bezwecken will und wie sie instrumentalisieren muss, um ihre Vorstellungen zu verwirklichen.

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Heugabeln, Fackeln und der Rechstsstaat

Donnerstag, 5. März 2015

Die Affäre um Sebastian Edathy zeigt, dass der Rechtsstaat auf juristischer Ebene zwar intakt ist, aber von der Öffentlichkeit völlig falsch interpretiert wird. Für viele bedeutet Rechtsstaat zuweilen, wie empörte Bauern mit Heugabeln auf einen Verdächtigen oder Angeklagten loszugehen.

5.000 Euro und ein »Kinderficker« sei frei. So empörten sich einige Stimmen bei Facebook. Ferner hieß es dort, dass man in diesem Lande für eine geringe Sache wie Fahren ohne Führerschein schwer bestraft würde. Aber Edathy bliebe unbehelligt und komme davon. So einfach kann die Weltsicht im Rechtsstaat zuweilen sein.

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Deutsche sind Arschlöcher!

Mittwoch, 4. März 2015

und Griechen faul und Moslems gewaltbereit und Amerikaner dumm ...

Sie leben auf Kosten Europas. Exportieren Arbeitslosigkeit. Ihre Lohnzurückhaltung ist ein kontinentaler Jobkiller. Sie tragen Hartz IV nach Europa. Und den Sparkurs. Außerdem sind sie hässlich, frech und dünkelhaft. Tragen Sandalen über weiße Socken und kurze Hosen über der Feinrippunterhose. Wo ist das große Schild mit einem »No!« drauf und dem Aufruf »Wir sagen Nein zu den Deutschen und ihrer Lebensweise«?

Die Griechen sind gierig und verschleudern Milliarden. Und deshalb darf die Hetze wohl sein. Aber was Europa so von den Deutschen hält, das ist ein großes Tabu in diesem Land. Unter welchen Vorurteilen leidet das deutsche Ansehen? Einige wurden oben genannt. Viele davon sind aber eher Vorurteile von Kennern. Der normale Europäer sieht die Deutschen nicht als Wirtschaftshegemon, sondern als ein Volk von Menschen, die auftreten wie Kolonialherren. Bei Meetings in internationalen Konzernen ebenso, wie irgendwo am Strand im Urlaub. Sie sehen arrogante Typen. Winkelzüge und Falschheit. Und glauben, dass so gut wie jeder Deutsche eine innere SS-Uniform im geistigen Schrank hängen hat. Deutsche sind kalt und eingebildet. Deren Frauen schielen nur aufs Geld. Sind Nymphen, die ihre Impertinenz ins Gesicht geschrieben haben. Deutsche sind halt so. Man zuckt mit den Achseln und nimmt es hin. So waren sie doch immer, diese Leute aus dem Zentrum Europas. Arschlöcher eben.

Bei so vielen dummen Vorurteilen kann es einem schlecht werden, oder nicht? Als Deutscher liest man das wahrscheinlich und denkt sich: »Hm, so bin ich aber nicht. Oder nur teilweise. Im Urlaub zum Beispiel versuche ich nicht als Macker aufzutreten, sondern bin respektvoll und interessiere mich für die Kultur des Landes.« Aber es nützt ja nichts, denn Ressentiments sind hartnäckiger als Realitäten. Der Grieche ist einfach besser vorstellbar als fauler Lümmel, als eine Figur, die charmant ist, wenn sie Werbung für griechischen Joghurt macht, aber nicht, wenn es um Angelegenheiten der Europäischen Union geht. Als komplexes Wesen, das weder faul noch gierig ist, das sehr wohl eine Ordnung der Dinge kennt und unter einer Politik leidet, die Milliardäre ihm eingebrockt haben, will man es sich nicht denken. Aufwiegelung braucht Polarisierung. Nicht Komplexität.

Deutsche sind Arschlöcher! Sind sie es? Ich lebe mein ganzes Leben in diesem Land. Ich bin einer. Kein klassischer. Aber ich gehöre zum Personal dieser Republik und habe einen dazugehörigen Ausweis. Arschlöcher also? Ja, natürlich. Wie überall. Aber auch warmherzige Menschen. Manchmal. Hilfsbereit. Nicht selten. Freundlich. Na gut, das kommt nicht ganz so oft vor. Manche sind eben nicht ausländerfeindlich. Eben nicht kolonialistisch. Sie interessieren sich für afrikanische Mitbürger und organisieren internationale Feste. Sie hassen Merkels Europapolitik und wenden sich angewidert ab, wenn die Entourage der Kanzlerin der Großmannssucht frönt.

Aber Mensch, es ist doch so praktisch, wenn man mal pauschal aburteilt. Also, ihr Arschlöcher! Die Griechen sind faul. Die Moslems sind brutal. Amis blöde. Und ihr, ihr seid Arschlöcher. Durch die Bank. Alle. Keiner mag euch, weil ihr alle so mies seid. Wider aller Erfahrungen, die man mit euch noch so gesammelt hat. Völlig egal. Völker abkanzeln und über einen Kamm scheren, gegen sie aufhetzen und eine Stimmung verbreiten, die pogromatisch ist - das ist doch so viel einfacher. Schilder mit »No!« basteln, Selfies knipsen, sie an Zeitungen schicken und zeigen, wie sehr man ablehnt oder gar hasst, das macht doch das Leben erst lebenswert. Alles andere ist diffizil, braucht Verstand, Empathie und wer weiß was. Aber Empathie haben Arschlöcher natürlich nicht. So sind sie eben. Deutschland den Deutschen! Besser sie bleiben dort als in Europa.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 3. März 2015

»Das allgemeine Glück, getrennt von dem Glück der Individuen, ist eine sinnlose Phrase.«

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Die Alternative, diese traurige Figur

Montag, 2. März 2015

Es stimmt: »Der Revoluzzer als Schnorrer ist eine eher traurige Figur.« Das hat Jan Fleischhauer geschrieben. Umso schlimmer, dass die Einschätzung stimmt. Aber in dem Satz liegt die ganze Tragik unserer Zeit begriffen. Die Alternative tritt gewissermaßen als Hausierer und Nassauer auf.

Fleischhauer hat diese Wahrheit wohl eher zufällig formuliert. Das merkt man schon daran, dass er »diese offenen Hemden« thematisiert. Die würden nämlich so eine Art neuen Stil inszenieren. Cooler Auftritt statt Seriosität eben. Etwas, das für die Jugend was ist - oder ganz generell für Linke. Oder für Leute, die einfach bloß keine Ahnung haben und sich blenden lassen. Dabei sind offene Hemden für die Jugend so spießig wie Krawatten. Tsipras und seine Crew müsste dann schon mit Kaputzenpullover auftreten. Oder im Achselshirt. Das wäre die Inszenierung der Coolness. Aber so? Fleischhauer lebt in einem bürgerlichen Mikrokosmos, in der ein nicht in die Hose gestecktes Hemd schon die allergrößte Form von cooler Lebensart ist. Aber davon wollte ich ja eigentlich gar nicht sprechen ...

Ist die Alternative eigentlich organisierbar? Das ist die Frage, die der Mann vom Schwarzen Kanal so zufällig touchierte. Ist sie es? Kann man von Alternativen träumen, wenn sich die Welt rundherum alternativlos aufgestellt hat? Oder muss man in die Isolation? Sich abgrenzen? Und dann sein eigenes Ding durchziehen? Dergleichen gab es schon mal für eine Alternative. Sie hat sich dann zwar als große Scheiße erwiesen, aber dennoch, es war der Versuch eines anderen Gesellschaftskonzepts. In der Welt wie sie war konnte es nicht bestehen. Also gebar man den »Sozialismus in einem Land«. Bis der Krieg das »eine Land« um einige Satellitenländer bereicherte. Doch so oder so, da kommt nichts dabei raus. Mangelwirtschaft höchstens. Und natürlich Unterdrückung, wenn es besonders große Arschlöcher an die Spitze der isolierten Alternative schaffen.

So weit sind wir ja in Griechenland nicht. Isolation ist kein Thema. Kein Stalin im Anschlag. Aber der Revoluzzer gibt als Bittsteller eine traurige Figur ab. Er kann gar keine andere Figur abgeben. Er ist das Minderheitsvotum zwischen einer Mehrheit, die für sich den Weg der Alternativlosigkeit gewählt hat. Innerhalb des organisierten Neoliberalismus kann ein Weg abseits der Lehre gewissermaßen nicht mal gedacht werden. Und falls doch, sieht man eben wie ein Einfaltspinsel aus. Mit offenen Hemd, das aus der Hose lümmelt. Wie einer, der auf Revoluzzer macht und gar keinen Inhalt mit sich bringt. Der einen »Syriza-Kult« zelebriert, wo er Politik machen sollte. Politik, die freilich nach neoliberalen Kriterien abzuleisten wäre. Was denn sonst?

Es ist die Tragik unserer Zeit, die in diesem Typus der traurigen Figur steckt. Der Reformer ist quasi abgemeldet. Er wird als Popstar hingestellt. Als einer, der zwar rockt, aber sonst nichts kann oder weiß. Wir sehen an der griechischen Sache, dass die Alternative zum Neoliberalismus vielleicht noch in den Köpfen steckt. Noch nicht tot ist. Aber realiter scheint sie an der Mauer des einen, des unverbrüchlichen, des unersetzbaren Wirtschaftsglaubens abzuprallen. Nicht nur der Alternative gibt eine traurige Figur ab. Wir tun es als europäische Gesellschaft schlechthin. Denn wir organisieren uns nach Kosten und Nutzen und fragen nicht mehr nach, was wir eigentlich wollen. Traurige Figuren, traurige Zeiten ...

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Zwischen Tannen und Genickbruch

Freitag, 27. Februar 2015

Als ich noch ein Kind war, hörte ich oft, wie man sich darüber unterhielt, dass Deutschland eine sehr kinderunfreundliche Gesellschaft besitze. Rasen betreten war oft verboten. Und Kinderlärm wurde mit wüsten Beschimpfungen honoriert. Seither hat sich viel verändert. Aber ich finde, es hat sich nur die Art der Kinderunfreundlichkeit gewandelt.

Ich erinnere mich noch, wie wir auf dem Rasen vor der Mietskaserne Fußball gespielt haben. Ach, wir haben ja nicht richtig Fußball gespielt. Wir haben einen Plastikball gestupst. Das runde Dinge machte mit uns, was es wollte. Zwei Tannen waren ein Tor. Das gegenüberliegende Tor lag nicht gegenüber, sondern in etwa 90 Grad versetzt. Die Stahlkonstruktion, auf denen Omas ihre Teppiche ausklopften, musste dafür herhalten. Ich stand im Tor zwischen den Bäumen. Dort stand ich immer. Später wurde ja auch auf Vereinsebene ein Torhüter aus mir. Kein besonders guter. Kurzsichtig zudem. Also ich stand zwischen den Tannen. Einige Meter dahinter war ein Balkon. Und nach einer Weile hing sich ein alter, abgehalfterter Typ in Trainingsanzug über das Geländer und fing an uns mit Beleidigungen zu überschütten. Wir sollten uns verpissen. Aber ganz schnell. Und mir drohte er mit der Faust, er würde mir das Genick brechen. Nachbarn hörten zu. Keiner sagte was. Eine alte Schabracke stimmte mit ein. Sie hatte ihren Führer gefunden. Der Trainingsanzug hätte schließlich völlig recht.

Vereinzelt mag es diese öffentlich zur Schau getragenen Gewaltphantasien verbitterter Leute noch immer geben. Wahrscheinlich nur noch selten. Früher war sie Standard. Man konnte als Erwachsener gegenüber Kindern so auftreten. Und wir Kinder fanden das schrecklich ungerecht. Da war ein bisschen Ohnmacht. Heute ist das grundsätzlich sicherlich anders. Keiner droht Kindern mehr Schläge an. Nicht vor aller Welt. Kinderlärm ist mittlerweile auszuhalten. Die Gesetzeslage macht Kindergeschrei zu einer Lärmquelle, die zumutbar ist. Rasen betreten ist noch immer ganz oft verboten. Aber keiner droht Genickbrüche an. Wer das so täte, wie der Trainingsanzug einst, der könnte mit einer Anzeige rechnen. Oh ja, dieses Land hat seine Einstellung gegenüber Kindern grundsätzlich verändert.

Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass sich diese Kinderunfreundlichkeit aus den Achtzigerjahren, die ich noch erlebte, nicht gegen ein gegenteiliges Gefühl ausgetauscht hat, sondern gegen eine neue Form von Kinderunfreundlichkeit. Die Gewalt ist weniger physisch (nur in Einzelfällen und versteckt), dafür aber zu guten Teilen psychisch.

Wir setzen die heutigen Kinder anders unter Druck. Pressen sie in Schema F. Speisen sie ab. Machen sie zu Rädchen. Vielleicht wiehern heute so wenige Trainingsanzüge mit Fluppe in der Schnauze vom Balkon, weil die Kinder auch immer weniger Zeit finden, um überhaupt auf zwei Tannen zu kicken. Wir tyrannisieren noch relativ junge Kinder mit Bildungswegen und Berufsabsichten, als ob eine Zwölfjährige schon wüsste, wohin ihre Lebensreise überhaupt geht. Der Plan soll früh stehen. Und wer ausschert, den haben die Lehrer im Visier. Dann tanzen Eltern an, die irgendwann glauben, sie hätten ihren Spross nicht im Griff, die mit ihm hadern und ihn noch enger an die Leine nehmen. Frau Lehrerin hat das ja quasi empfohlen. Man will nicht noch mehrere solche Gespräche mit Pädagogen, die einem stets ein latentes Gefühl davon vermitteln, wie sehr man als Elternteil versagt hat.

Unsere kinderfreundliche Gesellschaft ist nur kinderfreundlich, wenn man sie mit der Vergangenheit vergleicht. Auf ihre Art ist auch sie nicht freundlich zu Kindern. Sie überfordert sie mit Entscheidungen, die sie noch gar nicht treffen können und sollen. Man sagt, dass bestimmte Entwicklungen im Leben eines Kindes quasi unumkehrbar seien. Wenn es den falschen Bildungsweg nimmt zum Beispiel. Oder zu wenig lernt in den Anfangsjahren. Damit schürt man Hysterie. Und damit setzt man unter Druck, verstümmelt die Kindheit, nimmt der Sorglosigkeit die Substanz.

In gewisser Weise stehen auch die Kinder heute zwischen zwei Tannenbäumen. Wartend auf einen Ball, so wie ich damals. Der Trainingsanzug sieht heute netter aus. Und er spricht gepflegter. Aber gut meint er es auch nicht mit ihnen. Er ist nur anders unfreundlich.

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Die Salafisten und die Mobster

Donnerstag, 26. Februar 2015

Die rechtschaffene deutsche Öffentlichkeit fürchtet sich seit vielen Jahren vor der Parallelgesellschaft gewaltbereiter Muslime. Sie entsteht aber nicht einfach aus dem Nichts, sondern ist ein Produkt von Diskriminierung. Ähnlich ging es den Italienern einst in den Vereinigten Staaten.

Salafisten und IS-Anhänger im Lande scheinen dem deutschen Angstbürger Bestätigung zu geben. Ja, es gibt muslimische Mitbürger, die sich in eine Parallelgesellschaft zurückziehen. Die sich abwenden von dem Kulturraum, in dem sie aufgewachsen sind. Ob sie diese Wahl aus freien Stücken treffen, ist eine völlig andere Frage. Welche Wahl hat man, wenn man fast sein gesamtes Leben lang diskriminiert wird und als Vertreter eines »minderen Volkes« zählt? Wenn man »Eseltreiber« und »Kümmel« genannt wird und ganz genau merkt, dass man auf »anständigen Wegen« wohl nie zu einer sozialen Stellung kommen wird, die man sich für sich gewünscht hat? Das ist der Rohstoff, aus dem man Parias macht. Und ein wenig erinnert die Situation der Muslime in Deutschland an die, die die Italiener vor vielen Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten vorfanden.

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Das Gemeinwesen und das Geld

Mittwoch, 25. Februar 2015

oder Wie die Kommentatoren der griechischen Angelegenheit Entpolitisierung betreiben.

Wie die Medien die Bemühungen der griechischen Regierung begleiten, zeigt nur, wie sehr das Primat des Politischen an Schubkraft eingebüßt hat. Für die meisten Kommentatoren ist Gemeinwesen nichts anderes als die Summe von Einnahmen und Ausgaben. Politik ist aber weitaus mehr als Pekuniäres.

Die Sphäre des Politischen ist im klassischen Sinne die Frage, wie man Gemeinwesen verwaltet und organisiert. Wie wollen wir alle zusammen leben?, ist die Grundfrage der Politik. Die griechische Regierung geht dieser Frage derzeit aktiv nach. Sie möchte nicht, dass die Menschen in ihrem Gemeinwesen keine Gesundheitsversorgung mehr haben, ohne Arbeitsplätze dastehen und in Agonie verfallen. So möchten die Griechinnen und Griechen nicht leben. Und die Politik nimmt sich dieses Wunsches an. Das ist im besten Sinne politisch. Denn noch bevor man das Finanzielle heranzieht, muss man sich doch fragen, wie man Zusammenleben organisieren will. Wenn man dann weiß, was man möchte, kann man über Geld reden.

Doch die Medien begleiten diesen Weg genau andersherum. Sie geben die schwäbische Hausfrau und den deutschen Finanzminister und erklären, dass man nur so leben dürfe, wie man es finanziell stemmen könne. Die Politik ist in ihrem Augen nicht mehr die Sphäre der Organisation des Gemeinwesens, sondern die Finanzverwalterin, die sagt, dass nur geht, was bezahlt werden kann. Noch bevor grundsätzliche Fragen entstehen, würgt man die Debatte schon mit der Unbezahlbarkeit ab. Das ist nicht mehr Politik - das ist ein Bekenntnis zu einem Staat, der nur gerade dann aktiv ist, wenn er es sich leisten kann. Unter dieser Prämisse lässt sich Zusammenleben nicht organisieren. So gestaltet man ein Gemeinwesen, in dem das Elend bewirkt, dass jeder gegen jeden steht.

Klar ist es ein Dilemma, in einer Welt des Geldes, die Sphäre des Politischen zunächst einmal völlig geldlos abwickeln und klären zu wollen. Aber unter den Zwängen des Geldes entwickelt man kein Gesellschaftskonzept. Man entwirft höchstens ein Bild von einer Gesellschaft, die sich gerade so entfalten kann, wie es die Zahlungsmittel zulassen. Klassische Politik ist das keine mehr. Aber politische Kommentatoren suggerieren genau das. Sicher muss man irgendwann über Geld reden. Aber ist es nicht wichtiger zunächst in sich zu gehen und sich zu fragen, was man gesellschaftlich will, welche Sicherheiten Bürger brauchen und was materielle Grundrechte sein sollen? Wer das vorher mit Kalamitäten abtut, der würgt einen demokratischen Grunddiskurs ab.

Und genau das tun die Magazine, Zeitungen und Nachrichten derzeit. Die Griechen können nicht kundtun, dass sie wieder anders leben wollen, schon steht ein Kommentator bereit und sagt: »Halt, Freunde, schaut mal in euren Geldbeutel. Und? Seht ihr was?« Und das ist keine politische Begleitung der Prozesse dort, sondern ein Prozess der Entpolitisierung.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 24. Februar 2015

»Seht, wie das Gesicht eures Feindes euch entsetzt, weil ihr erkennen müsst, wie sehr es eurem eigenen ähnelt.«
- Wolfgang Neuss -

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Sich herausputzen mit Runterputzen

Montag, 23. Februar 2015

Was verbindet den internationalen Konservatismus? Die Reduzierung allen Seins auf Erden auf pekuniäre Fragen? Auch. Aber nicht alleine sie ticken mittlerweile so. Der Konservative lebt in der Paranoia. Das ist die Konstante. Er fühlt sich verfolgt und verraten und steckt in einer Welt voller Feinde.

© Robert Crumb
Für amerikanische Republikaner zum Beispiel gestaltet sich die Welt als eine Ansammlung von Feinden, die es der amerikanischen Nation mal so richtig geben wollen. Verrückte Moslems, ostasiatische Diktatoren, russische Administrationen oder einfach nur Verbündete, die nicht gleich springen, wenn the U.S.A. mit den Fingern schnipsen. Überall lauert das Böse, tummeln sich Gegner, die der one nation under God nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Und das nicht aus guten Gründen, sondern irgendwie aus Boshaftigkeit und Neid. Und ganz ähnlich sehen es deutsche Konservative heute in ihrem kleinen Kosmos. Tsipras ist der Teufel. Und mit Podemos formiert sich ein weiterer Zugriff auf ein Deutschland, das umringt ist von Neid und Missgunst und Ländern, die nicht sparen wollen. Das Land ist umringt von Gefahren und Feinden. Man kann als Deutscher gar nicht mehr in Frieden im Zentrum Europas leben, weil ringsum Fronten entstehen.

Wenn nicht mindestens die Peripherie belagert wird, wenn nicht gewissermaßen Belagerungszustand herrscht, leidet das konservative Lebensgefühl. Es braucht den Feind ante portas. Oder am besten gleich einen ganzen Kontinent voller Feinde. Oder eine Welt. Viel Feind, viel Ehr'. Und Ehrenmänner und -frauen sind sie ja. Mindestens. Ehrenvolle Mitglieder dieser Gesellschaft. Ganz sicher.

Nur ein Umfeld voller Gegner schafft die Grundlage für die konservative Narkotisierung. Es sind nicht die tollen ökonomischen Werte, die der Konservatismus angeblich schafft und ihn deshalb so verdammt wählbar macht. Welche Werte wären das denn bitte? Prekarisierung? Sozialabbau? Sparpolitik? Es ist die Angst, die er schürt. Ein Leben in Umzingelung. Im Kessel. Ein Dasein in der Umklammerung. Nachbarn sind in diesem Weltbild keine Leute, mit denen man ein Ausfinden finden muss, sondern es sind die Leute, denen man mit Wut Abscheu und Ablehnung begegnet. Sie leben in einer Kolonie, in der sie die einzig anständigen Menschen sind und die belagert werden von gemeinen, dummen und irgendwie lebensunfähigen Nebenleuten. Und gegen die ist man ganz offen, denn das adelt einen selbst; es putzt einen heraus, wenn man andere runterputzt.

Der internationale Konservatismus ist im dauernden Kriegszustand mit allen, die um ihn herum leben. Davon zehrt er. Das ist seine Lebensgrundlage. Das macht ihn stark. Wer ihn wählt, schlägt sich selbst in die Fresse und glaubt, es waren die Bösen in der Welt, die die Faust geführt haben.

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