Die Kanzlerin, die man per Gesetz für unfotographierbar erklärt

Mittwoch, 23. April 2014

Dass nach der Geschichte mit Edathy eine Verschärfung kindlicher (Fast)-Nacktbilder folgen würde, das war ja fast klar. Wieder mal neue Grauzonen und Rechtsunsicherheiten, die diese regulierungswütige, nur in wirtschaftlichen Grundfragen auf Laissez-faire spielende Republik erzeugt. Wer jetzt seine Kinder beim Planschen ablichtet, der sollte unter Umständen ein dickes Fell und eine Rechtsschutzversicherung haben. Denn ob es nicht einem Posing gleichkommt, wenn sie sich da in Badehosen am Becken aalen, ist dann juristische Auslegungssache. Aber dass auch gleich noch »bloßstellende Bilder« jeglicher Machart strafrelevant werden sollen, verschärft die ganze Grauzonen-Prüderisierung nochmals um ein ganzes Stück.

Wo fängt Blöße bitte an und wo ist sie Normalzustand? Jeden stellt etwas anderes bloß. Den einen ein dummer Gesichtsausdruck, den anderen ein Glas Wein in der Hand oder der sich dunkelblau abhebende Schweißfleck im Achselbereich eines hellblauen Hemdes. Mancher befindet einen dummen Gesichtsausdruck womöglich sogar als Anzeichen für Intellekt. Ein konkretes Beispiel gefällig? Damit kann ich dienen: Wenn die Kanzlerin mal wieder eines ihrer bekannt dummen Gesichter macht und einer betätigt genau dann den Auslöser seines Fotoapparats: Wie will man das denn werten? Die Frau gibt sich quasi ständig die Blöße. Die Fotos ihrer Entstellung sind Legion. Immer dann flankiert sie ihre intellektuelle Bloßstellung quasi synchron mit physischer Blöße. Trotzdem ist sie in dem Moment auch sie selbst. Ja, wahrscheinlich ist sie gerade in diesen Augenblicken ganz besonders sie selbst.

Warum also die Arbeit von Fotojournalisten so sehr in die Grauzone hineinkriminalisieren? Wenn sich dann noch ein Richter mit Realitätsbezug findet, endet ein etwaiges Gerichsverfahren in der Sache etwa so:
   »Herr Anwalt, richten Sie Ihrer Mandantin, der Kanzlerin, bitte aus, dass sie nun mal so aussieht wie sie aussieht. Das ist nicht Bloßstellung, bloß der Eindruck, den sie in dem Moment vermittelte. Sie können es doch dem Fotographen nicht vorwerfen, dass sie zuweilen so gewöhnungsbedürftig guckt.«
   »Herr Vorsitzender, der Mann hätte ja nicht auslösen müssen.«
   »Herr Anwalt, Ihre Mandantin hätte auch kein blödes Gesicht machen müssen.«
Deswegen frage ich ja: Wo fängt Blöße an? Es gibt Leute, die sehen immer bloßgestellt aus. Sogar wenn sie ganz im Gegenteil aussehen möchten. Meist stellt sie dieser Versuch erst recht bloß. In der Bundesregierungen finden sich viele dieser Sorte. Man dürfte sie also gar nicht mehr bildlich erwähnen. Aber die Öffentlichkeit hat schließlich einen Anspruch auf Fotos von »Personen der Zeitgeschichte«. Was wiegt letztlich mehr: Dieser Anspruch auf Information oder das Bloßstellungsverbot?

Es ist doch immer dasselbe, wenn deutsche Regierungen anfangen wollen, die komplexen Erscheinungen der neuen Medien regulieren zu wollen. Dann schaffen sie keine Rechtssicherheit, sondern einen Komplex, in dem man zwischen »strafrelevanter Handlung«, Legalität oder Grauzone kaum unterscheiden kann. Die gesamte Debatte um das Leistungsschutzrecht war schon derart marmoriert mit grauen Nischen, dass es ein einziges Grauen war. Und überhaupt ist es ja nicht so, dass man gegen die Verbreitung von (bloßstellenden) Fotos durch Dritte, heute nichts machen könnte. Persönlichkeitsrechte gibt es heutigentags schon. Warum jetzt dieses »Seht-her-wir-handeln!«, dieses wichtigtuerische Dramatisieren?

Was jetzt im Abklang der Edathy-Geschichte geschieht, ist die Etablierung von Prüderie und Spießigkeit. Es sind beabsichtige Gesetze, die nicht durchdacht sind, sondern einfach in einer Art von »spätviktorianischen Geist« entworfen wurden. Noch mehr Regeln, die nicht klar sind, sondern Auslegungssache. Noch mehr interpretatorische Arbeit. Noch mehr Gerichte und Juristen, die deuten und umdeuten, die die Bloßstellung entkräften oder beweisen wollen. Und wieder mal ein Minister, der durch halbgaren Aktionismus und hausbackener Moralapostelei auffällt.

Fotographiert den Mann ja nicht - er ist auf seine Art ein Bloßgestellter. Schon als er damals beim »Focus« in seinem Blog »Maas-Arbeit« pro Schröder und seine Reformen schrieb, stellte er sich bloß. So jemanden kann man nicht mehr knipsen, ohne dass man ihn bloßstellt. So kopflos wie er jetzt herumfuchtelt mit Gesetzesplänen, die ihm die Kommentarspalten und die Meinungsmacher einflüsterten, entstellt er sich doch chronisch. Die bestehenden Gesetze hätten völlig ausgereicht. Und ein Kind in Badehosen macht noch keinen Porno.


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Zu Ohren gekommen

Dienstag, 22. April 2014

Neulich überflog ich einen Artikel bei »Focus Online«. Es ging um Steuerverschwendung und schon im ersten Absatz wurde der »Bund der Steuerzahler« genannt. Weiter hinten stand dann: »... Urteil des BdSt ...« Ich fragte mich, was das das für ein Organ ist. Und in welcher Kammer fällt es Urteile? Aber der »Focus« erklärte natürlich alles. Schon weiter oben hatte er das Kürzel erläutert. Als er schrieb »Bund der Steuerzahler«, setzte er es dahinter in Klammern. Wikipedia bestätigte, dass es sich offenbar um die übliche Abkürzung handelt. Die Recherche per Suchmaschine ergab, dass es nicht besonders oft von Medien verwendet wird.

Dieses »BdSt« lässt den Betrachter im ersten Augenblick annehmen, hier handle es sich um etwas hochgradig Staatliches, um eine offizielle Stelle gar. Und wenn die ein Urteil fällt, dann muss daran doch etwas sein. BdSt: das liest sich irgendwie wie StGB oder BVerfG, wie ein Verfassungsorgan oder wenigstens eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dabei handelt es sich nur um einen eingetragenen Verein, der als Lobbyverband wirkt. Aber diese Anordnung von Groß- und Kleinbuchstaben, wie man sie hierzulande offiziellen Stellen und Institutionen verleiht, macht amtlich und leitet die allgemeine Amtsgläubigkeit auf diese Privateinrichtung um. Auch ohne Kürzel glauben ja viele, der »Bund der Steuerzahler« sei eine amtliche Einrichtung, die von amtshalber Verlautbarungen herausgibt. Aber mit dem Kürzel glaubt man es eben noch fester und gibt sich eine Autorität, die ein eingetragener Verein gar nicht haben dürfte.

Dieses Spielen mit »amtlichen Stilelementen« erinnert mich ein wenig an Wallraff, wie er verdeckt im Callcenter tätig war, als dortiger Agent kleine Lokalitäten anrufen musste, um denen eine völlig überteuerte Tafel mit dem Jugendschutzgesetz anzudrehen und zum Einstieg ins Gespräch sagen musste: »Ich rufe im Auftrag des deutschen Jugendschutzes an.« Das klang nach was und schüchterte die Geschäftsbesitzer ein. Vor allem die, die mit der rechtlichen Situation nicht ganz vertraut waren oder nicht so gut Deutsch sprachen. Wallraff wies in seiner Reportage ausdrücklich darauf hin, dass man gezielt mit Konstellationen wie »deutscher Jugendschutz« hantiere. So denken viele, sie hätten es mit einer Behörde zu tun und nehmen an, sie hätten der Anordnung des Callcenters Folge zu leisten.

Und wieviele haben den Berichten des BdSt schon »Folge geleistet«? Darauf vertraut, dass er es gut und seriös meint? Und sich beim Anblick des Akronyms bestätigt gefühlt, dem Verein unbedingten Glauben zu schenken? Die INSM ist das ganz falsch angegangen. Die PR-Leute hätten ein Gemisch aus Groß- und Kleinbuchstaben verordnen sollen. Außerdem fängt man mit einem B oder einem St an - das wirkt einfach amtlicher.


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Wir waren die, die Kirsten eine schlimme Kindheit bereiteten

Samstag, 19. April 2014

»Na klar, die Kinder heute sind viel brutaler«, stellte er wieder mal fest. »Auf den Pausenhöfen geht es zu wie im Krieg. Die Kinder machen sich heute alle gegenseitig fertig. Das gab es bei uns früher noch nicht«.
   Dauernd liegt er mir mit solchen Weisheiten in den Ohren. Das geht mir auf die Nerven.
»Haste vergessen, wie es bei euch war?«, fragte ich ihn und fügte hinzu: »Hey, bei uns hättest du nicht Mäuschen sein dürfen. Wir waren richtige Schweine.«
   Kinder waren immer erbarmungslos. Das ist eine der wenigen Konstanten in der Welt. Und dann dachte ich an Kirsten.

Sie zogen sie an den Haaren, rissen an ihrem Pullover, entwendeten ihr die Brille, warfen ihr Federmäppchen quer durchs Zimmer. Immer wenn unsere debile Lehrerin den Raum verließ, stürzten sie sich auf sie. Mit leisem Gebrüll. Bereit alles an Niedertracht zu geben, was in ihnen steckte. Sie heulte leise vor sich hin, hielt aus, muckte nie auf, wischte sich die Tränen von den Wangen. Ich habe das Mädchen keine drei Sätze sprechen hören - und das in vier Schuljahren. Das war nicht Mobbing, das war die systematische Zerstörung einer Kindheit. Jede freie Minute ohne Aufsicht der Lehrkraft, war nicht eine gewonnene Minute, wie bei uns anderen Kindern. Bei ihr war es eine weitere Zeiteinheit ihres Martyriums. Mir tut dieser Anblick heute noch in der Seele weh.

Kirsten stammte offenbar aus schwierigem Elternhaus. Sie war nicht sehr modisch angezogen. Die Brille war bieder. Die Haare strähnig. Einzelgängerin. Keine Schönheit. Aber wer ist das schon? Wenn man schöne Menschen näher kennenlernt, werden auch sie häufig hässlich. Nach vielen Jahren der Qual war sie plötzlich weg. Keiner wusste wohin. Sie erschien nicht mehr im Unterricht. Auch Nachfragen bei der Lehrerin halfen nichts. Ich denke noch oft an sie. Lebt sie noch? Leidet sie noch heute darunter?

Auch ich war so eine Bestie. Nur ein bisschen anders. Aber nicht besser. Ich war nämlich keiner der aktiven Schweine. Ich habe lediglich still teilgenommen. Wenn die Lehrerin wieder zu ihren Beruhigungspillen ins Lehrerzimmer lief, dann stieg auch für mich die Spannung. Es war, als sehe man dabei zu, wie einer Fliege langsam die Beine ausgerissen werden. Oder als ob man eine Maus rektal mit einem Strohhalm aufbläst. Wie lange macht sie es noch? Kann sie mit zwei Beinen fliegen oder mit zerrissenem Darm laufen? Kann sie mit einem Flügel gehen oder atmet sie noch, wenn es sie zerrissen hat? Die Grausamkeit, mit der sie über sie kamen, sie verspotteten und schlugen, ihr den Schwamm ins Gesicht drückten und sich ihre Tränen mit Resten von Kreide und Wischwasser mischten, erregte uns Kinder allesamt. Wir waren Schweine.

Ich stand nicht auf und gebot Einhalt. Wer war ich denn, mir das zuzutrauen? Am Ende hätten sie mir so zugesetzt. Dem Fettsack und Ausländerkind. Nee, dann lieber lauthals lachen, klatschen, Freude haben und das Mitleid, das auch in Kindern erblüht, mit aller Gewalt unterdücken. Mitläufer sein. Gewissenlos und ignorant. Hohn und Spott als Komplizenschaft. Sie hat es bestimmt verdient. Bestimmt. Ganz bestimmt. Aber der Zweifel blieb stiller Begleiter dieser Faszination des Quälens. Nur nicht weich werden und weiterhin lachen. Mein Vater hätte sich meiner geschämt. Wie schon sein Vater sich für ihn?

Das sollte ich dem Kerl mal erzählen, wenn er wieder von den heutigen Kindern spricht, als wären die das defekte Endglied in einer Kette ansonsten anständiger Generationen. Klar, Fäuste haben wir ihr nicht in den Magen gerammt. Wir waren brutaler. Haben ihr systematisch ihre Würde genommen. Die Kindheit. Die gute alte Zeit von damals. Sie war in ihrer Gegenwart auch ganz schön fies und dunkel. Es tut mir leid, Kirsten.

Wenn ich so zurückdenke, sehe ich mich dabei, wie ich mir den Schwamm, mit dem diese Miststücke des Mädchens Gesicht wischten, schnappe -  und ihn den Peinigern ins Gesicht drücke, bis er ihnen zum Arsch wieder rauskommt. Das sind ganz sicher Phantasien auf Grundlage von Gewissensbissen. Und wer steckt mir den Schwamm in die Fresse? Ich sehe mich ferner in der Schulbank sitzen und Kreidereste von Stirn und Nase kratzen. Die Lehrerin kommt zurück ins Zimmer, sieht es, wie sie es bei Kirsten immer gesehen haben muss, und fährt ohne darauf einzugehen mit dem Unterricht fort. Lehrer waren damals auch schon gerne ignorante Ichlinge.


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Bitte keine Gespräche mit »interessanten Gesprächspartnern« mehr!

Donnerstag, 17. April 2014

Vor einiger Zeit ist mir Timur Vermes' »Er ist wieder da« zwischen die Finger geraten. Das Buch ist streckenweise wirklich schaurig. Aber weniger wegen dieses zurückgekehrten Hitlers. Diejenigen, auf die er trifft, und die wie ganz normale Medienleute beschrieben sind, machen den Roman so gespenstisch. Denn sie lehnen den Fliegenschissbart nicht ab, sondern finden ihn einfach nur »originell« und »entlarvend«; geben vor, es mit einem »interessanten Gesprächspartner« zu tun zu haben. Eine lausbübische Freude befällt sie, wenn sie ihn zu »krassen« Statements bewegen können. Und ganz so falsch liegt er ja nicht mit seinen Ansichten, dieser »spannende Zeitgenosse«, sagen sie dann so, als habe er in seinen Tiraden irgendeine profunde Wahrheit versteckt.

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Wie aus einem Wörterbuch der Unmenschen mit Bildern

Mittwoch, 16. April 2014

Einen »Dorftrottel« und »Schwachsinnigen« nennt er den vermutlich irrtümlich des Mordes an der kleinen Peggy Verurteilten. Klar, zweiteres zumindest sagt man in der Juristerei immer noch. Die hat bis heute wenig Respekt vor den Menschen und bedient sich häufig weiterhin einer Sprache, die wie aus einer anderen Zeit entsprungen wirkt. In der Psychologie redet man allerdings nicht mehr von »Schwachsinnigen«. Dort gilt der Begriff als diskriminierend und nicht dem Umstand der Imbezillität angemessen. So hat der irrtümlich Verurteilte, den Franz-Josef Wagner als »Dorftrottel« und »Schwachsinnigen« bezeichnet, mit drei Jahren eine Hirnhautentzündung erlitten, durch die er schwere geistige Schäden davongetragen hat. Die Titulierung ist bei einer solchen privaten Tragödie also wirklich mehr als taktlos und geradezu inhuman. Bei der »Bildzeitung« aber völlig normal. Sie wirkt manchmal wie das von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind veröffentlichte »Wörterbuch der Unmenschen« - nur mit Bildern, Brüsten und Wetterbericht.

Über »(getarnt) Schwachsinnigen« hat man schon mal ganz unverfänglich reden können. Das war, als man auch über »selbstverschuldete Fürsorgeempfänger« beriet oder »Arbeitsscheuen« ihren Müßiggang austreiben wollte. Hört sich das nicht alles bekannt an? Ein wenig anders schreiben sie es heute schon. Wer sagt denn bitte heute noch »Fürsorgeempfänger«? Aber »selbstverschuldet« ist als Adjektiv geblieben. Man kann ja keine ganz neue Sprache erfinden. Irgendwo muss man ja anknüpfen.

Neulich erst wetterte Thilo Sarrazin in jener Zeitung, dass es nichts »an den Problemen [...] ändere«, dass man nun »Roma« und »Sinti« zu den »Zigeunern« sage. »Zigeuner«: Das war auch so eine »unerwünschte« Gruppe in jenem Deutschland damals. Es gehörte zum guten Ton nach dem Krieg und bei wachsenden Bewusstsein über die Dimension der Kriegsverbrechen, diese Gruppe bei ihrem richtigen Namen zu nennen und nicht mit despektierlichen Bezeichnungen zu konfrontieren. Das gebot der Anstand und die Menschenwürde. Heute darf man das scheinbar schon mal beanstanden, denn das »gesunde Volksempfinden« habe nun die Nase voll von dieser politisch-korrekten Lingual-Diktatur. Von diesen »Zigeunern« liest man in der »Bildzeitung« öfter mal, dass sie sich nicht integrieren können, unfähig für ein gemeinschaftliches Leben seien. »Gemeinschaftsunfähige« war damals ein anderes Wort für die »Asozialen«.

Dass dieses oben genannte »gesunde Volksempfinden« damals schon Anlass dafür war, die ganzen »Tippelbrüder«, »Schwachsinnigen« oder »selbstverschuldete Fürsorgeempfänger« zu erziehen, versteht sich freilich von selbst. Man hat in diesem Land immer schon was auf das gehalten, was das Volk so will. Heute kann man über dieses kollektive Empfinden noch bei der »Bildzeitung« lesen. Immer dann, wenn Politik mal wieder einen Blankoschein für ihre Ausländerpolitik braucht oder wenn es gegen strukturelle linke Mehrheiten in Parlamenten geht.

Wäre es vor - sagen wir - 15 Jahren eigentlich möglich gewesen, einen durch Hirnhautentzündung geschädigten Menschen im Vorbeigehen einen »Schwachsinnigen« zu nennen? Hätte das im Jahre 11 vor Sarrazin schon jemand so ungeniert geschrieben? Und wenn ja, was hätte er an Kritik einstecken müssen? Ist der Zeitgeist also wirklich so viel linker geworden, wie das dieselbe Zeitung behauptet? Oder ist es nicht eher das Gegenteil?

Das zu beanstanden ist aber keineswegs eine Frage der politischen Korrektheit, wie das die Freunde »offener Worte« oft kritisieren. Einen Menschen nach einer Krankheit mit cerebralen Folgen als »Schwachsinnigen« zu bezeichnen ist nicht einfach »so dahingeschrieben« oder sollte auch nicht die »political incorrectly-Normalität« einer Gesellschaft sein. Jedenfalls nicht, wenn es um einen konkreten Menschen geht. Es ist eine Taktlosigkeit mit unmenschlichem Unterton. Beleg für eine verrohende Wortwahl, die die beschriebenen Menschen vergegenständlicht und diskreditiert. Dass Juristen zuweilen noch so vor Gericht sprechen, entschuldigt allerdings nichts. Franz-Josef Wagner sieht ja nicht gerade aus wie ein Anwalt.


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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 15. April 2014

»Immer wieder gibt der Mensch Geld aus, das er nicht hat, für Dinge, die er nicht braucht, um damit Leuten zu imponieren, die er nicht mag.«

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Quatschbehauptungen von Konservativen, dass Soziologen nur Quatschbehauptungen aufstellen

Montag, 14. April 2014

Dieser »Islam-Rabatt« ist ja nicht einfach ein Geschenk an Täter muslimischer Herkunft in Deutschland. Er lässt sich soziologisch begründen. Aber für die Neokonservativen ist Soziologie ja eine Erfindung von Gutmenschen. Nicht wahr, Akif Pirinçci?

Über den hat man sich kürzlich sehr gewundert. Über ihn und das ZDF, das so einen rechten Faxenmacher einlud, damit er dort seine Thesen verbreiten konnte. Aber alles was er da so preisgab, mag es noch so fäkal gewesen sein, findet sich auch in jenem anständigen Teil der Gesellschaft, der jetzt vorzugsweise via »Bildzeitung« über »Islam-Rabatte« vor Gericht schimpft. Pirinçci reimte sich im ZDF irgendwas von »Quatschbehauptungen von Soziologen« zusammen, die sich den »Blödsinn« nur ausdenken, weil sie Geld vom Staat bekommen. In jenem Dialog mit der Moderatorin ging es um Türken, die sich in Deutschland nur vermeintlich zerrissen fühlten zwischen Herkunft und Lebensumfeld. Aber eben nur vermeintlich, denn Pirinçci spricht als Türke für alle Türken und sagt: Alles Unsinn! Zwar sagte er es so nicht, aber vermutlich dachte er an den »linken Zeitgeist«, der die Soziologie überhaupt erst möglich macht. Eventuell glaubte er aber auch mit der Floskel »grün-rot-versiffte Politik« genau das ausgesprochen zu haben.

Wenn nun die konservative Presse und weite Teile der Union vom »Islam-Rabatt« sprechen oder erklären, es dürfe »keinen Rabatt für Täter geben, die sich auf religiöse Motive berufen« (Bosbach), dann sagen sie mit feineren Worten, was Pirinçci vor sich herstammelte. Nämlich: Soziologische Erkenntnisse sind Quatsch. Besondere Zwangssituationen, die sich aus einem Leben zwischen zwei Weltansichten und kulturellen Realitäten ergeben, sind nur das Geflunker von Erforschern des sozialen Verhaltens und daher auch Quatsch.

Dass es Wechselwirkungen und Kollisionen geben kann zwischen dem, was die islamische Sicht auf die Dinge und der Ideologie des Westens angeht, wird abgetan und nicht anerkannt. Man winkt ab und sagt »Quark«. »Wir sind eine Willkommenskultur. Wer will, der kann. Man muss doch nicht zerrissen sein.« Wenn das mal so einfach wäre. Das sind die Behauptungen von Leuten, die nichts von Kulturschocks wissen; das Blabla ignoranter Zeitgenossen, die die Welt bereist haben, sich aber überall gut angepasst haben. Dass die Welt aber grundlegend eurozentrisch oder westlich tickt, auch dort wo Europa und der Westen nicht ist, nehmen sie in ihre Wertung nicht mit auf.

Und es ist im übrigen ja auch nicht so, dass dieser populistisch stilisierte Begriff des »Islam-Rabatt« zu Strafbefreiung führt. Die Täter werden ja bestraft. Die Richter berücksichtigen nur, dass da jemand aus »zwei Welten« kommt und dass es Verwerfungen zwischen den kulturellen Realitäten geben kann. Das heißt nicht, dass man ihm zugesteht, dass er nicht zurechnungsfähig ist. Es heißt aber wohl, man sollte das Umfeld des Täters verstehen, um nachvollziehen zu können, ob es Aspekte gibt, die ihn entlasten. Jemanden, der aus Eifersucht seine Frau tötet, prüft man ja auch. Man will wissen, was genau die Eifersucht entfesselte und gesteht ihm zu, dass die Umstände ihn vielleicht tatsächlich überfordert und Frau mitsamt ihren Geliebten ihn durch Taktlosigkeit angestachelt haben. Deswegen wird er nicht freigesprochen. Man bezieht nur die Umstände mit ein.

Diese juristische Praxis basiert auf einem soziologischen Weltbild, in dem Täter nicht per se schlecht oder böse, sondern immer auch Produkt ihres Milieus, spezieller Lebenslagen oder Eindrücke sind. Deswegen sind sie noch lange keine Opfer. Aber eben auch keine Teufel. Es gehört zu einem aufgeklärten Weltbild, Täter nicht einfach in den Kerker zu sperren, sondern sie auch begreifen zu wollen. Nur so entwickelt sich Gesellschaft weiter und kann eventuell präventiv vorgegangen werden. Das klappt natürlich nicht immer.

Schon vor über einem Jahr schrieb ich von Buschkowsky, so wie er »sein« Neukölln beschrieb, als »Chronisten seines eigenen Versagens«. Ich kritisierte ihn dafür, dass er den Menschen aus Neukölln vorwarf, sie hätten größtenteils falsche Arbeits- und Moralvorstellungen. Aber in einem Milieu, das von der Politik über Jahre vernachlässigt wurde, gilt ganz besonders, »dass Dynamiken nicht frei wählbar entstehen, sondern durch gesellschaftliche Momente determiniert sind«. »Die Eigenverantwortlichkeits-Rhetorik der Marktradikalen«, schrieb ich außerdem, habe der »Soziologie [...] das Wasser abgegraben«.

Nicht umsonst nannte ich diesen Text damals im Untertitel
»Das Scheitern der Soziologie«. Und genau unter diesem Motto läuft der neokonservative Rollback. Sie haben der Aufklärung den Krieg erklärt und machen die Soziologie, die sie als dezidiert politisch links verorten, zu einer Voodoo-Lehre, die man ganz schnell beenden sollte. »Gutmensch« oder »Islam-Rabatt« sind Kampfbegriffe zur Erlangung dieses Ziels. Sie beschwören ein längst überholtes Weltbild der gnadenlosen Härte, in dem nur der Kerker und Kettenhaft angemessene Antworten auf Verbrechen waren. Resozialisierung als Grundrecht lehnen sie ab. Als Gnadenakt können sie sich sie vorstellen - aber nur im besten Fall.

Sie haben so gesehen nicht nur ein gespaltenes Verhältnis zum Sozialstaat, sondern eben auch zur Soziologie und der Resozialisierung - zu allem, was das Soziale im Namen trägt. Also den »socius«, den Gefährten oder das Gesellschaftliche. Die Hölle, das sind für sie immer die anderen. Und Soziologie ist ja immer auch die Lehre von den anderen. Nur gehen sie mit dem Motto »Ich bin so, warum können die anderen nicht auch so sein wie ich?« an die Sache heran. Und genau so funktioniert die soziologische Betrachtung nicht.

Das erklärt, warum sie nicht auf andere zugehen können. Sie sind sich der eigene Maßstab. »Egomanie« könnte man das auch nennen. Und wie so ein islamischer Mörder fühlen sie sich eben gar nicht. Das ist so wie Buschkowsky »mein« Neukölln sagt, aber keine Ahnung hat, wie man sich als Hartz-IV-Empfänger oder Ausländer in Deutschland so fühlt. Und wer Gesellschaft so begreift, der begreift Gesellschaft nicht. Blöd nur, dass diese Leute Gesellschaft gestalten dürfen.


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Lösch deinen Account und hör auf den Hofnarren zu spielen!

Samstag, 12. April 2014

Ich werde euch keinen Namen nennen. Nicht jetzt und nicht auf Nachfrage. Das geschieht aus Loyalität. Was ich sagen will, kann auch namenlos gesagt werden.

Boethius prägte in seinem »Trost der Philosophie« ein Zitat, das mir neuerdings immer einfällt, wenn ich bei dieser hier namenlosen Person in der Facebook-Pinnwand stochere: »Si tacuisses, philosophus mansisses.« (»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.«) Facebook und Konsorten bedeuten viel in diesen Tagen. In der Serie #Aufschrei der Dummheit schreibe ich manchmal davon. Über Klick-Aktivisten, Banalisierung und asoziale Vernetzung gibt es einiges zu berichten. Eines kommt dieser Tage für mich und sicher auch für andere noch hinzu: Es gibt Leute, die wir Linken verehrt, die wir als Koryphäen des linken politischen Spektrums geachtet haben, und die sich just in dem Moment entzaubert haben, da sie via Facebook in unser tägliches Leben traten. Als Figuren in den alten Medien flößten sie uns Respekt ein - in der Echtzeit der Social Media jedoch enttäuschen sie uns.

Mir geht es vor allem um eine Person. Was habe ich ihre Bücher geliebt. Sie verschlungen. Neue Bücher sofort erstanden. Auch damals, als mir der Regelsatz kaum Spielräume für Buchkäufe ließ. Ich sah sie in politischen Talkshows. Bei Plasberg, Illner und Maischberger, später auch bei Lanz und im österreichischen Fernsehen. Sie machte meist eine gute Figur. War beredt, frech und hatte Fakten und Argumente zur Hand. Diese charmante Unmanierlichkeit gefiehl mir immer sehr an ihr. Ihre Meinung war fast immer meine Meinung. Wie sie den Gauck in einer dieser Talkshows kritisierte! Mit welcher Verve! Diese Lebhaftigkeit mochte ich an ihr. Vor Jahren saß die Person mal mit einigen Frauen (unter anderem Nina Hagen) zusammen in einer Runde. Es ging um den alten Traum der Feministinnen: Eine Frau an der Macht. Und damals kam in Deutschland gerade eine Frau dorthin. Sie ist es bis heute geblieben. Sie aber sagte, das Weibliche sei kein Kriterium. Da müsse schon mehr kommen. Dann wedelte sie einfach weiter unbeeindruckt mit einem Fächer vor sich hin.

Lange ist sie schon dabei. In den letzten zehn, zwölf Jahren kam sie mir näher, obwohl sie schon Jahre vor meiner Politisierung politisch war. Sie blieb es bis heute - wenn auch im kleineren Rahmen. Sie blieb gefragt. Man wollte wissen: »Wie war das damals mit der Parteigründung, an der sie beteiligt war? Und wie sehen sie die Partei heute?« Man holte ihre Meinung ein. Für die Konservativen, damit sie was zum Pikiertsein hatten - bei uns Linken, weil sie was zu sagen hatte. Und was sie zu sagen hatte! Soziologisch betrachtet war sie richtig gut. Ist sie es bis heute noch. Sie kritisiert den Kapitalismus angemessen. Vielleicht manchmal zu polemisch. Aber verdammt, das muss gelegentlich sein in Zeiten, da man Aufmerksamkeit nur noch erlangt, wenn man aus der grauen Masse heraussticht.

Und dann landete diese Person, deren Namen ich hier und heute nicht nenne, bei Facebook. Sie könne sich nicht mehr verweigern, schrieb sie. Über diese These kann man streiten. Ich freilich nicht - bin ja selbst dabei. Bin nicht glaubwürdig. Aber dort ist sicher nicht alles schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht.

Anfangs empfahl sie noch ihre Bücher und meldete, dass sie heute da und morgen dort sei oder bei irgendeiner Pappnase im Studio saß, dem Mainstream Paroli bot. Irgendwann entdeckte sie, dass sie ihre »Freunde« auch agitieren konnte und fing an zu erziehen. »Lest den nicht!« und »Der ist antisemitisch!« las man bei ihr. »Das ist faschistoid!« Sie wusste, was man lesen soll und wovon man die Finger lassen sollte. Manchmal war das berechtigt - manchmal haltlos oder einfach nur einem Bauchgefühl geschuldet. Sie hat es geschafft Leute als Antisemiten zu bezeichnen, eine Erklärung zu liefern und trotzdem nichts Konkretes gesagt zu haben. Sie honorierte auch Texte anderer Schreiber, in denen Kaffeesatz gelesen wird und die zum Beispiel erklären, dass »Ostküste« ein rechtes Chiffre für »internationales Finanzjudentum« sei. Man kann es auch übertreiben! Natürlich war sie dann auch gegen »Occupy«, weil diese Bewegung Fehler in ihrer Argumentation hatte. »Occupy« war für sie wohl nicht zu hundert Prozent mit den richtigen Parolen durchgetaktet. Die »Bildzeitung«, die sie verachtet, sah das sicher nicht viel anders.

Zuletzt erzog sie ihre »Freunde« dazu, diese neuen »Montagsdemos« und ihre Macher zu ächten. Esoterisch und neurechts seien sie. Das mit der Esoterik klingt bei manchen dort tatsächlich ein wenig danach. Aber die Sozialdemokratie beschwört seit Jahren esoterisch eine Wahrnehmung ihrer Partei, die nur sie selbst von sich hat. Ohne Eso-Gequatsche geht es heute vermutlich gar nicht mehr. Und seien wir ehrlich, mancher von »Die Linke« klingt hin und wieder auch wie einer aus »Astro-TV«. Von dieser Esoterik spannt sie den Bogen zur Barbarei. Vielleicht nicht ganz unberechtigt. Teilweise klingen ihre Einwürfe aber arg konstruiert. Deswegen müssen sie aber nicht grundsätzlich falsch sein. Sie klingen trotzdem leicht paranoid.

Wenn es nur um ihre Kritik gegangen wäre, könnte man damit leben. Ich bin da auch kritisch. Doch dabei ließ sie es ja nicht bewenden. Die Person fing an Empfehlungen auszusprechen, wen man zu »entfreunden« habe, um auch weiterhin als aufrechter Mensch durchs Leben gehen zu können. Und wer nicht spurte, den »entfreundete« sie. Schließlich wollte sie ja rein bleiben. Mein Gott, Deutschland, bist du und die deinen nur als Erzieher und Blockwart denkbar? Selbst die Linken geben sich bei dir und in dir als spießige Lehrmeister. Entspannt geht es wohl nicht? Ich schrieb vor langem schon von der »Unmöglichkeit reinen Lebens« - seht das doch endlich ein, ihr Linken in Deutschland. Entkrampft euch, der Mensch ist fehlbar und lebt in der Zwiespältigkeit, in der Diskrepanz wie es sein soll und wie es letztlich ist. Jeder von uns hat Punkte, in der er sich unglaubhaft macht. In der linke Theorie mit kapitalistischer Wirklichkeit kollidiert. Und jeder von uns kennt in seinem Umfeld Leute, die politisch fadenscheinig bis semi-kriminell sind und reißt ihnen deshalb noch lange nicht den Kopf ab, sondern versucht mit ihnen irgendwie auszukommen. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist auch eine Frage des Stils.

Ich lese den von der Person abgewickelten Unsinn, den Erziehungsterror, die totalitäre Gesinnungsprüfung und sage nur leise vor mich hin: »Schweig und sei weise. Hör auf, ich will dich weiter respektieren können; dich nicht als fanatischen Savonarola in Gedanken tragen müssen.« Aber ich befürchte, es ist zu spät. Für mich und meine Gedanken. Und für sie. Da kommt sie nicht mehr raus. Sie hat sich entzaubert. Ihr Mysterium ist entschlüsselt. Ihre Aura dechiffriert. Ihr Nimbus entschleiert. Ohne Facebook hätte sie weiterhin geschwiegen und klüger ausgesehen. Wie ein satter Buddha hätte sie gethront. Wie ein Philosophenkönig. Jetzt wirkt sie nur wie der Hofnarr, der zu Füßen dieses Königs sitzt. Sei so gut, lösch' deinen Facebook-Account und werd' wieder philosophisch. Es fühlte sich viel besser an, als man nur selten was von dir vernahm. Sich rar machen: Das stand dir so ausgesprochen gut. Viele Intellektuelle haben es genau so gemacht. Nur reden, wenn man was gefragt wird, haben sie sich als Motto gegeben. Und auch dann nur knapp antworten. So bleibt man jemand mit Aura. Wenn man aber erst merkt, dass das Vorbild nicht nur ein Mensch, sondern auch noch ein Stinkstiefel ist, dann verpufft die Aura wie ein Tropfen Wasser in heißem Öl.

Ich bleibe loyal. Nenne deinen Namen nicht. Als Reminiszenz. Weil es immer so gut war, dich zu lesen. Ich merke mir dich als Namen auf Büchern. Ich rede mir ein, dass die Person, die deinen Namen trägt, gar nichts mit dir zu tun hat. Vielleicht bist du nur ein fehlgeleiteter Algorithmus von Facebook, ein Streich, den mir dieses beschissene Social Media spielt und in Wirklichkeit bist du doch der Menschenfreund und Philosoph, den ich mir immer vorgestellt habe. Wenn du dich schon vom Sockel wirfst, stemme ich mich wie ein Sisyphos dagegen.


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Ein Tag im Leben eines vom Profit Verfolgten

Freitag, 11. April 2014

»Ich hätte Hoeneß eine sehr hohe Strafe zahlen lassen, aber nicht eingesperrt«, sagte er zu mir.
   Mir lief fast der Kaffee aus den Nasenlöchern. Na ja, nicht schade drum.
   »Aha?«
   Ich hatte meinen Kollegen eher als vernünftigen Menschen kennengelernt.
   »Was haben wir denn jetzt davon, dass er in den Knast geht? Er kostet Geld. Hätte man ihn lieber mit der doppelten Steuerschuld belastet, dann hätte jeder was davon.«
   Das klang logisch. Ich gebe es ja zu. Aber ist Strafe und Rechtssprechung mittlerweile auch etwas, was man der bestechenden Logik von Kosten und Nutzen unterziehen darf?
   »Und wenn einer mit viel Geld einen tötet? Soll er dann enteignet werden und kann frei bleiben?«
   Er nippte am Kaffee und gab keine Antwort.
   »Strafe kann doch nicht nach dem, was gerade nützlich wäre, gestaltet werden. Du liegst völlig daneben, Norbert.«
   Die Pause lag in den letzten Zuckungen und er machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich kam es ihm gelegen. Seine innovative Ansicht war ein Rohrkrepierer.
   »Und der, der nicht genug Geld hat, um sich freizukaufen, was geschieht mit dem?«
   Ich wollte ihn noch fragen, ob der einen billigen Kredit beim Jobcenter kriegt. Aber da war keine Zeit mehr zum Schwatzen. Ich schüttete meinen Kaffee in den Busch und bedauerte die Pflanze dafür. Wir Menschen sind alle grausam zur Natur. Jeder so wie er gerade kann.

Kurz nach Feierabend ging es mal wieder um Fußball. Der übliche Zeitvertreib der Männer am Arbeitsplatz. Und dass ich den FC Bayern München verabscheue und mich über eine baldige Niederlage im Europapokal freuen würde, wissen sie alle.
   »Komischer Bayer bist du - freust dich, wenn die verlieren«, spöttelte einer und versuchte sich bayerisch anzuhören.
   »Dabei sollte jemand wie du, der dem anderen Verein in München anhängt, doch ein Interesse am Wohl der Bayern haben. Das tut der Stadt gut und den Menschen in der Region auch. Und den Sechzgern!«
   Man muss als jemand, der die Bayern immer verachtet hat, also neuerdings für die Bayern sein, weil deren Erfolg ökonomisch wertvoll ist. Meine Güte, dachte ich mir, was ist nur aus der Passion der Leute von heute geworden? Ökonomisch denkend bis in den Zeitvertreib hinein.
   »Das sind ja auch Arbeitsplätze, die so ein erfolgreicher Verein entstehen lässt«, fügte Norbert hinzu.
   »Ja. Komm, zahl deine Rechnungen bitte nicht mehr und stabilisiere so Arbeitsplätze der Inkasso-Industrie. Sei so gut.«
   Einer grinste nach diesem Einwand. Die anderen nuckelten am Kaffee und sprachen von der Eintracht und vom FC Bayern.
   Ich ging dann heim. Mich drückte ein Text und wenn ich denn nicht gleich rausließ, würde er mir im Hirn steckenbleiben und meine Verdauung belasten.

Daheim angelangt musste ich zuerst mal auf die Schüssel. Ich hasse es, wenn der Schiss vor dem Schrieb kommt. Aber das kann man schlecht ändern. Ich nahm den Willemsen mit aufs Klo. Las dort weiter in seinem außerordentlich lesenswerten Buch »Das Hohe Haus«. Darüber wird noch zu berichten sein. Ich stolperte über eine Passage, in der eine Parlamentarierin über die »Kultur- und Kreativwirtschaft« redet und sie als »eine der wichtigsten Zukunftsressourcen in unserem Land« bezeichnet. Daher heiße es, in Kulturschaffende zu investieren, »um so Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auch in Zukunft zu erhalten«. Willemsen macht sich auch so seine Gedanken dazu und schreibt: »Auch hier wird deutlich: Die Frage der Zukunft ist synonym für Rendite. Flankiert von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, gibt der Zustand der Wirtschaft die Idee dessen vor, was Zukunft ist. Ja, selbst auf kulturellen Gebiet setzt man auf Wachstum und Gewinnmaximierung. Warum nicht auf Beständigkeit oder Vergangenheit?«

Ist das Leben insgesamt nur noch als Profit denkbar? Dass die Leute im Bundestag gar nicht mehr anders können, als so zu ticken, muss man wohl verschmerzen. Diese Leute kommen ja nicht raus. Stubenhocker entwickeln sich manchmal komisch. Dass aber normale Typen mit dieser Logik vom Profit argumentieren, das macht doch nachdenklich. Die Berieselung vieler Jahre hat Wirkung gezeigt. Leben ist kein Akt zwischen verschiedenen Schauplätzen mehr, in dem verschiedene Grundprinzipien walten, sondern das Grundprinzip ist nun überall dasselbe. So gestattet man der Justiz eben nicht mehr die Prinzipien »Strafe« und »Sühne« - sie werden durch eine »profitablere Wahrnehmung« ersetzt. »Gerechtigkeit« muss sich wieder lohnen! Und was sich nicht rechnet scheint unhaltbar zu sein.

Nachdem ich abgedrückt hatte versuchte ich mich an einem Text, landete dann aber über Umwege bei einem Artikel über die »Pisa«-Studie. Ich sondierte auch die Kommentare, die mitteilsame Leute drunter angebracht hatten. Da ging es ganz schnell wieder um Geld und ob das Geld auch dort, wo man es fordert, wirklich Nutzen abwerfen würde. Mancher wollte mal wieder »unsere Kinder fit für den Arbeitsmarkt machen«. Ein anderes Bildungsideal scheint es gar nicht mehr zu geben. Dabei gehen die Kinder doch nicht zur Schule, um dann mal fit für einen Arbeitgeber zu sein, sondern um etwas zu erfahren, Wissen zu sammeln, um für sich selbst fit zu sein. Das hat auch etwas mit Würde zu tun. Aber Würde ist ohnehin so ein Begriff, der sich so schlecht ökonomisch deuten lässt.

Wieder mal so ein Tag, an dem mir das Leben nur als Profit begegnete. Als dann mein Kind abends beim Essen erzählte, dass es mit der Halbwüchsigen von gegenüber nicht mehr befreundet sein will, weil sie ständig Ärger macht und es seine Ausführungen mit »Was habe ich davon?« beendete, da war das Maß voll.
   »Wenn sie dich nervt - gut. Dann bin ich froh. Die bereitete dir bislang nur Kummer. Aber was du davon haben solltest, das verstehe ich nicht.«
   »Bringt mir ja nichts«, antwortete es nun »ausführlicher«.
Ich schaute es etwas ratlos an und kaute auf den Reis herum.
   »Freundschaften geht man nicht ein, damit sie einem was bringen. Und man beendet sie nicht, weil sie einem nichts bringen.«
   »Weiß ich doch, Papa.«
   »Und warum sagst du das dann so?«
So weit haben wir es gebracht. Selbst Zwischenmenschliches wird nach Mehrwert sondiert und der Nutzen hochgerechnet.
   »Entweder man mag sich oder man mag sich nicht. Das ist die Grundlage für Freundschaft.«
   Fast hatte ich nun den Drang, meinem Kind diese Freundschaft wieder einzureden. Aber dieses Mädchen von gegenüber ist ja nicht ohne, wiegelt ständig Kinder gegeneinander auf und erpresst überall Anerkennung. Armes Ding eigentlich.
   »Mensch, Papa, ich weiß das doch. Und ich mag sie nicht, also bringt mir das nichts.«
Auch wieder wahr.

Ich ging an diesem Tag früh zu Bett. Ich war geschafft und wollte mehr von der Nacht haben. Eine Stunde Schlafprofit rausholen. Gewinn machen. Einen Überschuss erschlafen. Meine Kosten nicht durch Wachsein erhöhen und meinen Nutzen schlafend mehren. Es sollte ein Bombengeschäft sein. Aber ich erwachte abgekämpft und matt. War immer noch müde. Was hat mir das frühe Zubettgehen gebracht? Damit hatte ich nichts gewonnen. Nur einen weiteren Tag in der Profitlastigkeit. Aber wenigstens war ich heute kraftlos genug, die ganze Profit-Rhetorik zu überhören.


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Welchem Anspruch dient der Traktor auf vier rohen Eiern?

Donnerstag, 10. April 2014

Die Einstellung von »Wetten, dass..?« ist nur auf den ersten Blick vernünftig begründet. In Wirklichkeit kommt hier eine Marktlogik zum Tragen, die in einem System der Gebührenfinanzierung gar nicht greifen müsste.

Klar, das Konzept ist veraltet. War es vielleicht immer. Und es war nie besonders spektakulär. Aber in den Achtzigern und Neunzigern war man halt mit wenig zufrieden. Wenn dann noch ab und zu ein Michael Jackson Einzug hielt, dann schaltete man gerne ein, war selig und nahm an, die beste aller möglichen Unterhaltungen gesehen zu haben.

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