Weihnachtsgeschichte, chemisch gereinigt

Samstag, 20. Dezember 2014

»Meister, da steht ein Mann mit einem Esel und einer Frau auf dessen Rücken, vor der Türe. Sie bitten um Einlass.«
   »Was sind das für Leute? Woher kommen Sie? Und sag mir, Schmul, wie sehen sie aus?«
   Schmul überlegte kurz und betrachtete dabei seinen Herrn. Sein unförmiger Körper lag auf dem Bett und bewegte sich kaum.
   »Es ist ein Galiläer mit seinem Weib. Meister, sie sehen aus, wie Menschen aussehen, wenn sie lange unterwegs sind.«
   »Ein galiläischer Eseltreiber also. Was klopft der an unsere Türe? Haben wir was zu verschenken? Ich kenne dieses Pack. Will ein Obdach für die Nacht und hat kein Geld dafür. Am Ende muss man froh sein, wenn sie nicht die Waschschüssel gestohlen haben.«
   Beide schwiegen.
   »Nun geh und frag den Mann, ob er schon Arbeit in unserem Land in Aussicht hat.«

Nachdem sich Schmul entfernt hatte, rappelte sich der alte Henoch auf. Ausgerechnet jetzt, nach diesem füllenden Mahl musste es zu Kompliziertheiten kommen. Mussten die Leute ihre Not immer dann feilbieten, wenn er zu voll war, um selbst handeln zu können? Erst gestern hatte er noch mit dem Kaufmann an der Ecke über die Menschen aus Galiläa und Samaria gesprochen, die jetzt nach Judäa kämen. Eigentlich sollten patriotische Bürger gegen diese Überfremdung eine Liga gründen, meinte der Mann. Henoch fand die Idee gar nicht so schlecht.

»Meister, Meister«, rief Schmul, »das Weib ist schwanger; ich habe es gesehen, sie trägt eine dicke Kugel vor sich her.«
   »Kann der Mann für sie aufkommen? Hat er Arbeit?«
   »Nein, er will auch nicht ewig bleiben, hat er gesagt. Wenn die Volkszählung vorbei ist, möchte er wieder zurück gehen nach Galiläa.«
   »Schon klar, das sagen die alle. Und am Ende sitzen sie um den Tempel herum und betteln für sich und ihre acht oder zehn Kinder. Wenn sie mal so fleißig wären eine Stelle zu finden, wie sie es im Bett sind!«
   Schmul schwieg einen Augenblick.
   »Aber Meister, wir können diese Leute doch nicht wegschicken«, sagte er schließlich. »Ein Zimmer haben wir doch noch frei. Wieso weisen wir es ihnen nicht zu?« 
   »Können sie bezahlen? Ich nehme an, dass sie es nicht können. Sie wollen nur haben, können aber nichts geben.«
   »Ich weiß es nicht genau, Meister. Ich habe sie nicht gefragt. Soll ich sie fragen?«
   »Ja, Schmul, lauf zu ihnen und frag sie. Und ich bitte dich, verschließe die Türe, wenn du wieder zurückkommst zu mir. Ich möchte nicht, dass etwas wegkommt.«

Hennoch wartete bis Schmul aus dem Zimmer war und furzte laut. Er hatte viel über die Galiläer gelesen. Sie waren arm, sehr ländlich. Man erzählte sich, dass sie wenig arbeiteten und keinen Respekt vor dem Gesetz hätten. Ihre Frauen waren meist noch jünger als die, die man in Jerusalem in die Ehe schickte. Sittenlos soll es dort im Norden zugehen. Sicher, die Pläne der Römer, jeden in den Ort seiner familiären Herkunft zu schicken, waren nicht richtig. Sie brachten Unheil über das Land. Und Unruhe. Rissen Familien auseinander. Aber man hörte auch von Personen, die diese Reise nicht antreten mussten, weil sie sich mit den Römern gut stellten und als wichtige Personen des Handels anerkannt wurden, auf die man nahe von römischen Garnisionen nicht verzichten wollte. Konnte Hennoch etwas dafür, wenn dieser Eseltreiber mit seiner schwangeren Dirne den Römern nicht wichtig genug war?  

»Meister, die volle Summe könnten sie nicht bezahlen«, unterbrach Schmul seine Gedanken.
   »Habe ich was zu verschenken, Schmul? Sag es mir. Habe ich was zu verschenken?«
   »Aber Sie verschenken doch nichts. Die Leute bezahlen doch etwas. Alles was sie haben. Sie haben ja nur nicht so viel.«
   »Schmul, du bist ein guter Mann, aber ein bisschen naiv. Geh und frag den Kerl, warum er mit den Römern nicht nicht gut genug stand, um in seiner Heimat bleiben zu dürfen.«
   »Aber Meister, was ändert das jetzt noch?«
   »Es gibt mir ein Bild seines Charakters. Vielleicht ist er ein grober Klotz, vielleicht hat er etwas verbrochen. Hast du denn nie gehört, wie es in Galiläa zugeht, Schmul?«
   »Ach, die Leute reden viel und sagen wenig. Der Mann sieht aus wie ein Judäer. Reicht Ihnen das nicht?«
   »Frag ihn und wenn die Antwort nicht zu negativ ist, werden wir sehen, was wir machen können.«

Letzte Woche im Tempel hatte ein Händler erzählt, dass er zwei Galiläer erwischt hätte, wie sie ihm ein Huhn gestohlen haben. Das fiel Hennoch jetzt wieder ein. Er stellte sie mit einer Axt in der Hand zur Rede. Die Männer lamentierten. Sie seien Flüchtlinge und hungrig. In ihrer Heimat waren sie Fischer und nun hätten sie nichts mehr. Der Händler sagte, er habe auch bald nichts mehr, wenn jeder faule Galiläer meine, er könne Hühner stehlen gehen. Er wurde wütend und drohte den beiden mit der Axt. Da schubsten sie ihn zu Boden und einer trat ihn in die Rippen. Das Huhn nahmen sie natürlich mit. Kriminelle, dachte sich Hennoch. Der ganze Abschaum kommt zu uns. Die anständigen Leute bleiben wo sie sind. Er hörte laute Stimmen. Sicherlich sind diese Galiläer jetzt frech geworden, glaubte er.

»Draußen sind noch weitere Leute aufgetaucht, Meister. Ein Mann und eine Frau. Er ist stark angetrunken und sie schimpft laut mit ihm.«
   »Kommen die Fremden jetzt schon betrunken an unsere Türe?«
   »So fremd sind die Leute nicht, Meister. Es sind Judäer aus Emmaus. Sie waren auf einer Hochzeit und bitten nun um eine Unterkunft.«
   »Gib ihnen das freie Zimmer.«
   »Der Mann ist betrunken. Die Frau ist rüpelhaft. Wollen Sie das wirklich? Das verspricht eine durchwachte Nacht zu werden.«
   »Ich werde ohnehin keinen Schlaf finden«, sagte Hennoch und konnte sich den nächsten Furz nicht verkneifen.
   »Und was sage ich dem Galiläer und seinem Weib? Ich habe ihnen Hoffnungen gemacht. Und vielleicht kommt die Frau heute noch nieder.«
   »Ich will diese stinkende Pack nicht im Haus haben. Und kein Kindergeschrei. Sag ihnen, dass es im Leben eben so zugehe. Man hat Hoffnungen und wird enttäuscht. Pech gehabt. Willkommen in Judäa!«

Schmul entfernte sich, hörte Hennoch nochmals hinter sich furzen und verzog sein Gesicht. Alleine von dem, was er heute von seines Meisters Abendmahl weggeworfen hat, könnte man zwei Flüchtlingsfamilien sättigen. An der Türe angelangt, ließ er den Besoffenen und seine Xanthippe hinein. Dem Galiläer überbrachte er die schlechte Nachricht, bot aber den Stall seines Onkels einige Häuser weiter an. Dorthin gingen sie dann auch und die Frau brachte einen Sohn zur Welt. Der Säugling plärrte wie es ein gesundes Kind tut und Hennoch lag wach in seiner Kammer und lauschte dem Geschrei und wurde grimmig. Wenn das mal nicht das Kind der Flüchtlingshure ist, dachte er sich. Wir Judäer sterben schneller aus, als wir schauen können. Wenigstens hat der Kerl sein Weib mitgebracht. Wieviele werden noch kommen, die keines im Gepäck haben? Und die besteigen dann unsere Frauen. Wir sind am Ende, sagte er laut ins Dunkle hinein und ließ einen fahren. Dann war es stille Nacht.

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Die deutsche Linke und die Asylbewerber

Freitag, 19. Dezember 2014

oder Die innere Emigration und der strukturelle Eskapismus der Linken.

Zwei Drittel der Deutschen können Pegida nachvollziehen. Sagt zumindest der »Spiegel«. Viele von ihnen wollen auch nicht verstehen, dass eine Landesregierung einen Flüchtlingsstopp erlässt. So wie in Thüringen geschehen. Aber diese Linken können es halt einfach nicht lassen. Der Hass auf Menschen, die in dieses Land hier flüchten, verbindet der rechte Mob dieser Tage in den sozialen Netzwerken (und auf den Straßen) mit der Kritik der rot-rot-grünen Regierung, die es neuerdings gibt. Sie schieben es mal wieder den Linken in die Schuhe und erfinden dazu perfiderweise einen Linksruck, eine Wiederkehr des Sozialismus. »Tea Party Movement« auf Deutsch - da dürfen Neonazis nicht fehlen.

Petra Pau erhält Morddrohungen. Andere Linke berichten von dem Hass, der ihnen entgegenschlägt. Man mache nur mal Facebook auf. Oder lese die Kommentare auf den Seiten großer Magazine. Asyl ist ein Wort, das man derzeit nicht zu positiv hinstellen sollte, will man nicht anecken. Aber warum ist Asylpolitik und Flüchtlingshilfe so ein zentrales Thema für diese unverbesserlichen Linken? Warum kann man als Linker nicht »kompromissbereiter« in dieser Frage sein? Antwort: Weil sie eben selbst potenzielle Flüchtlinge sind. Und in diesem Land fast immer waren. Weil sie nachvollziehen können, dass es Augenblicke gibt, in denen man in »seinem Land« nicht bleiben kann. Wenn die Misanthropie zum Leitmotiv wird, das aus dem »gemeinsamen Land« einen engstirnigen und niederträchtigen Ort macht, dann weiß man, was es bedeutet, alles stehen- und liegenlassen zu wollen.

Vielleicht haben wir Linken es uns zu einfach gemacht. Wir beklagten, dass diesen Massen mehr und mehr die Empathie verloren geht. Ganz generell, gegenüber Obdachlosen und Arbeitslosen. Im Falle von Ausländern oder gar Asylbewerbern jedoch besonders stark. Aber mit rechtem Gedankengut ausgestattete Leute oder ganz einfach nur Nicht-Linke haben nicht das Feedback, das Linke haben. Sie kommen ja nicht an den Punkt, wo sie glauben, eine Flucht wäre besser. Sie tun zwar so, als entfremdeten sie sich von ihrem Land, weil plötzlich Linke regieren oder ein Moslem in die Nachbarwohnung einzieht - aber mehr als Show ist das alles nicht. Das rechte Lebensgefühl ist ja eine besonders weinerliche Angelegenheit. Immer gewesen. Es fühlt sich fortwährend missverstanden und ausgebeutet und keiner hat es lieb. Komisch, denn in diesem angeblich linken Klima konnte man putzmunter gegen Muslime hetzen. Morddrohungen kriegt man jedoch, wenn man etwaigen Muslimen in der Asylzeit helfen möchte. Siehe Pau. Wenn man gegen sie hetzt, ist alles im Lot. Diese Leute können ja gar nicht wissen wie es ist, wenn man mehr und mehr das Gefühl bekommt, dass man es in diesem Land nicht mehr besonders lange aushalten wird.

Die Linke weiß aus ihrer Geschichte, wie es sich anfühlt, das Land in dem man lebt, am liebsten heute statt morgen verlassen zu wollen. Ihre Ziele und Vorstellungen führten von jeher dazu, dass man ihnen die Ausreise quasi ans Herz legte. Das innere Klima, geprägt von konservativen Nationalismus und rassistischen Impulsen, nährte die Sehnsucht, dem zu entfliehen. Soll die Sintflut nach uns doch alles wegspülen. Wenn man das »eigene Land« schon nicht besser machen kann, die Menschen sich nicht dazu bewegen lassen, ihre von herrschaftlichen Interessen geleiteten Einstellungen zu überdenken, bleibt nur die Flucht. Entweder in die Introversion oder physisch, indem man den eigenen (Un-)Kulturkreis verlässt.

Pegida fördert den linken
Eskapismus
Aber klar, nicht alle Linke verlassen in Phasen der Hochkonjunktur des Hasses das Land. Aber wer von ihnen spielt nicht wenigstens phasenweise mit dieser Vorstellung? Ich jedenfalls schon. Die Situation nimmt einem den Atem. Wenn wie in den Neunzigerjahren Asylbewerberheime und Häuser ausländischer Mitbürger brennen, Applaus die Szenerie erfüllt und keiner auch nur ein bisschen Empathie zeigt und mitfühlende Personen als »linke Bazillen« und »Verräter« diskreditiert werden, dann liegt die Ferne doch so nah. Wenigstens als Gedankenspiel, als kurzfristige Phantasie, die die Sorge ein wenig lindert, die einem neue Kraft gibt, weil man sich einredet, man hätte quasi immer noch diese eine Option. Der Rechte kämpft für sein Land »bis zur letzten Patrone«. Der Linke weiß, das lohnt sich nicht - Patronen zerfetzen einen. Dieser Eskapismus ist eine kollektive Erfahrung der Linken, eine strukturelle Säule linker Selbstwahrnehmung, hat auch was mit der eigenen Würde zu tun. Andere nennen es Feigheit. Aber die finden auch mutig, wenn man Schwarze diskriminiert oder ähnliche Dinge. Besonders in Zeiten der Reaktion, des Rechtsruckes, des Rollbacks, des Backlashs - oder wie auch immer man solche Zeitabschnitte nennen möchte - wäre man gerne auf diese Weise »feige«.

Kurz gesagt, der Linke weiß gemeinhin wie es ist, »seinem Land« den Rücken zu kehren, weil er es in Gedanken mehr oder minder oft durchgespielt hat. Er sieht ja mehrfach dabei zu, wie ihm »sein Land« abhanden kommt, wie es von den Truppen einer menschenverachtenden Ideologie besetzt und alles, wofür er eintritt, als großer Irrtum heruntergespielt wird. Er kann das Leid der Asylbewerber nachvollziehen, weil es auch sein Leid sein könnte. Und weil es im Kleinen auch manchmal sein Leid ist. Weil er sich schon in einem fremden Land sieht, in dem er nichts hat, was ihm Stabilität garantiert. Sein Eskapismus ist die Grundlage seiner Empathie. Ihm schmerzt schon dieser geistig-moralische Verlust seiner Heimat, so dass er sich durchaus vorstellen kann, wieviel schlimmer es sein muss, seine Heimat realiter zu verlieren.

Vielleicht mag für die Pegida-Jünger und die »schweigende Mehrheit«, die dort nicht mitmarschiert, weil es zu kalt draußen ist, das Boot voll sein. Für Linke ist es so, dass sie im selben Boot sitzen wie die Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Das sensibilisiert. Macht einfühlsam. Morgen schon könnten es Linke sein, die Hilfe brauchen. Morddrohungen werden ja schon ausgesprochen. In diesem Land wird es immer unbehaglicher. Jedenfalls für die, die diesen Backlash nicht hinnehmen wollen und andere gesellschaftliche Vorstellungen vertreten.

Ich emigriere nicht. Mache weiter. Noch habe ich was zu sagen. Gerade jetzt! Und wer mag, darf mich - oder sagen wir: »ad sinistram« - dabei unterstützen. Das geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Einen herzlichen Dank möchte ich an all jene richten, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar unterstützen. Danke auch an alle, die dies künftig tun wollen.

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Marcuse für Dummies

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Manches kommt nie aus der Mode. Die »Street Fighting Men« kann man auch heute noch gut hören. Aber auch unter Büchern gibt es Evergreens. »Der eindimensionale Mensch« ist so einer. Es hatte seine Wirkung auf die Studenten der Sechziger. Und könnte auch heutige Menschen inspirieren.

Ich suchte nach einem Zitat von Marcuse. Eines mit Freiheit, das ein »mächtiges Herrschaftsinstrument« sei oder so ähnlich. Also blätterte ich seit langem mal wieder im »eindimensionalen Menschen« herum. Dort glaubte ich es vor Jahren gelesen zu haben. Auf Anhieb fand ich es nicht. Was ich aber fand, das waren ganze Passagen, die wie aus der heutigen Zeit geschnitten schienen. Es war, als hätte ich die Zustandsbeschreibung der heutigen Bundesrepublik vor mir ausgebreitet. Geschrieben von einem, der schon vor langer Zeit starb.

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Jussuf, sei ein braver Asylant und leg den Hörer weg!

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Ach, was schwatzten sie sich wieder den Mund fusselig. Diesmal ging es um Handyverträge, die Asylbewerber nicht mehr bezahlen könnten. Die armen Anbieter blieben auf ihren Kosten hocken. Und was müssen Asylanten auch ein Handy haben, Mensch? »Wo habtn ihr den Scheiß schon wieder her?«, habe ich gefragt. Sie hatten es aus dem Radio und tobten weiter.

Quelle: stern.de
Ich argumentierte ein bisschen dagegen, aber es war sinnlos. Sie hatten ihre Meinung und wollten glauben, was sie glauben wollten. Man kann in diesen Zeiten »Argument« und »Vergeblichkeit« synonym benutzen, es würde kaum jemanden auffallen. Ich sagte zunächst so Dinge wie »Die Frage ist doch, welche Gründe machen diese Menschen glauben, einen Handyvertrag haben zu müssen« oder »Zu einem Vertragsabschluss braucht es immer zwei Seiten«. Aber sie mokierten sich nur, weil Asylanten sich von ihrem Steuergeld ein Mobiltelefon zulegten.
   »Hört mal, das klingt so, als müsstet ihr Extravaganzen bezahlen.«
   »Wenn man angeblich so in Not ist, muss man da ein Handy auf fremde Kosten haben?«
   »Wieso, den Vertrag bezahlen sie vermutlich von ihrem monatlichen Sozialgeld. Ein Handy-Bonus ist nicht vorgesehen.«
   Da dämmerte mir, dass die gar keine Ahnung hatten, dass Asylbewerber einen Regelsatz beziehen. Sie glaubten, sie gingen einkaufen und die Kommune bezahlt unbesehen. Können sie es nicht bezahlen davon, hat der Mobilfunkbieter eben Pech. Unternehmerisches Risiko.
   »Und außerdem, seien wir mal nicht so kleinlich, ein Mobiltelefon ist heute kein Luxus mehr.«
   »Aber wenn man doch angeblich so in Not ist. Muss da ein Handy sein?«
   Wie gesagt, Argumente auf eine andere Sichtweise kann man sich sparen.

Aber noch einen, für mich den zentralen Aspekt wollte ich kurz beleuchten. Ich sagte, dass in Asylbewerberheimen oft keine Telefone seien. Manchmal liest man in Zeitungen, dass die wenigen Apparate, die es gibt, nur für Notrufe funktionierten. Oder sie sind defekt und niemand will sie reparieren lassen. Geht ein Telefon, ist es sozusagen dauerbelegt, weil dann jeder telefonieren will. Internet sei auch kein Regelfall. Man müsse es ja so sehen: Die Leute haben ihre Familie zurückgelassen. Die Heimat aufzugeben, vertrieben zu werden, das ist ein Trauma. Wenn man dann nicht mal Kontakt zu den Eltern oder Geschwistern halten könnte, würde man die psychische Belastung nur verschärfen. Und dann kommt ihr und sagt: »Jussuf, vergiss jetzt mal deine Mutter und benimm dich wie ein anständiger Asylant!« Seine Mutter vergessen kann er aber nicht so einfach. Also besorgt er sich eben ein Handy, das er selbstverständlich total überteuert aufgeschwatzt bekommt.

Handyläden sind ja keine Goldgruben mehr; sie kämpfen um jeden Kunden und Euro. Und wenn da eben ein Syrer kommt, der einen Vertrag abschließt, dann ist man nur zu gerne bereit dazu. Soll er doch blechen. Die Provision ist sicher, die monatliche Zahlung, die er sich dann nicht leisten kann, ist dann das Problem des Kunden. Den Typen im Handyladen kümmert das nicht mehr. Das ist die Sache des Konzerns und seine Rechtsabteilung. Es gibt in einigen Städten Vereine, die Asylbewerbern bei Abschluss solcher Verträge helfen, sagte ich. Sie tun das, weil man die Erfahrung machte, dass man Asylbewerber gerne übers Ohr haut.

Alles fruchtete nicht. Es kamen immer dieselben Ausflüchte. Muss man denn ein Handy besitzen, wenn es einem so schlecht geht und lauter solcher Unfug. Es gibt in Deutschland wirklich Neiddebatten. Man neidet dem Habenichts sein Telefon. Erbärmlich. Aber so ist nun mal die deutsche Realität. Es war jedenfalls alles zwecklos. Es gab keine Empathie. Nur Verbitterung. Einer meinte dann, dass die Kommunen schwer belastet würden. Bei ihnen im Ort könne man die Flüchtlinge kaum unterhalten. Asylgegner kommen ja oft mit dem Argument der Unbezahlbarkeit um die Ecke. Dass der Einwurf erst so spät in den Disput geschmissen wurde, bestätigte nur, dass es darum nur am Rande ging.
   »Die Kommunen werden alleine gelassen. Das stimmt schon«, sagte ich. »Aber warum richtet sich deine Wut gegen die Flüchtlinge und nicht gegen die Bundesregierung, die nicht endlich anpackt? Oder gegen die Rüstungsindustrie, die den Exodus anheizte?«
   »Wenn wir doch mal ehrlich sind, dann sind da auch viele Schmarotzer dabei, die nach Deutschland kommen, weil sie ein besseres Leben haben wollen.«
   Aha, da hatten wir also die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Nicht die, die wirklich wahr war, sondern die, die hinter dieser Ablehnung steckte: Vorurteile und  Klischees.
   »Niemand geht weg von Familie und Freunden, nimmt eine Odyssee auf sich, nur um eine eventuelle Aussicht auf ein besseres Leben zu haben.«
   Ich wollte noch so viel dazu sagen, habe ja in den letzten Jahren nicht wenig dazu geschrieben. Aber für was? Lohnte es sich noch zu kämpfen? Die Linke ist in der Defensive.

Wohin ist die Empathie gegangen? Sie fehlt mir so. Mein Umfeld ist wie der Südpol. Ich friere viel. Keine Jacke hilft. Ich weiß, ich habe euch Leser erst kürzlich mit diesem Rechtsruck konfrontiert, den ich täglich am eigenen Leib erfahre. Es tut mir leid, ich will euch nicht langweilen. Aber so sieht es eben aus ...

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 16. Dezember 2014

»So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
Uns Deutsche mit der Lammsgeduld?
Die leiden nicht. Die warten bieder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!
Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
O Tannebaum! O Tannebaum!«

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Der innere Faschismus, der sich Bahn bricht

Montag, 15. Dezember 2014

Obdachlose in Marseille müssen ein gelbes Dreieck zur Kennzeichnung tragen. Polizisten ermorden Schwarze und verabschieden sich als freie Männer ins Wochenende. Die Versammlungsfreiheit soll in Spanien teuer werden. Bürgerwehren in vielen europäischen Ländern »kümmern« sich um Roma. Flüchtlinge liegen am tiefen Grund des Mittelmeeres und patriotische Europäer gehen intellektuell auf Grund. Waterboarding, Analfütterung und Unterkühlung simulieren Mengele und Kollegen. Und über allem steht eine Wirtschaft, die die Demokratie nach und nach als ineffiziente Plauderbude verunglimpft. Ich beginne zu glauben, dass der Faschismus kein abgelegter Begriff aus dem Geschichtsbuch mehr ist.

Er droht. Steht mal wieder stärker als gesellschaftliche Möglichkeit zwischen uns Menschen. Latent tut er es immer. Man ist als Gesellschaft nie davor gefeit. Demokratie will erkämpft sein. Nicht so, dass man alles zur Seite legt und sagt: »Es ist vollbracht!« Das Erreichte ist immer nur eine Momentaufnahme. Ist stets nur ein kurzer Augenblick, der nicht für die Ewigkeit gemacht sein muss. Das sieht man dieser Tage wieder blendend. Die westliche Wertegemeinschaft ist nicht aus dem Schneider. Sie ist gefährdet wie schon lange nicht mehr. Es läuft den Demokratien aus dem Ruder. Die Sachzwänge, die die globale Wirtschaft ihnen vorschiebt, verordnen diese Rückentwicklung quasi. Das spricht die niedersten Instinkte der Masse an.

Denn es ist keineswegs so, dass die »faschistische Tendenz« nur eine Spielart menschlicher Niedertracht ist, an der eine kleine, aus allerlei persönlichen Gründen dazu tendierende Gruppe, chronisch leidet. Die Tausenden von »patriotischen Bürgern«, die mit Neonazis marschieren, beweisen ja, dass nicht nur eine Handvoll Menschen sich dazu hingezogen fühlt. Sie ist auch nicht alleine eine Frage fehlender Moralerziehung oder mangelhafter Bildung. Gerade gebildete Leute liebäugeln ja in vielen Ausformungen mit ihr. Es werden ja wohl nicht nur Hartz-IV-Bezieher und Schulabbrecher bei Pegida mitlaufen. Wir sind mehr oder weniger alle von Denkweisen betroffen, die man als »faschistisches Grundmotiv« oder als »Einstieg in eine faschistische Grundhaltung« bezeichnen könnte. Da darf man sich nichts vormachen.

Jeder leidet darunter. Hier und dort und überall. Der erste Impuls bei zwischenmenschlichen Begegnungen kann oft verheerend sein, wenn man ihm folgt. Man sieht einen exotisch aussehenden Menschen und man kategorisiert ihn. Mancher hantiert mit Klischees. Andere halten ihren Geldbeutel fest. Dieses »Metafaschistische«, es ruht in allen. Es ist der Rohstoff für die Aufwiegler und Totalitaristen. Selbst der Aufgeklärte ist nicht immer ganz frei von diesem Urmotiv. Man kann Farbenblindheit nicht anerziehen. Innere Werte sieht man nicht. Das Aussehen ist immer unser erster Faktor. So ehrlich muss man schon sein. Man hört immer wieder, dass man eine Gesellschaft verwirklicht sehen möchte, in der man Behinderung oder Hautfarbe erst gar nicht mehr wahrnimmt. Ein schöner Gedanke, aber leider völlig weltfremd. Der Mensch ist ein Wahrnehmer. Und Wahrnehmen ist ja in Ordnung - es kommt darauf an, was man aus der Perzeption macht. Die Kunst ist es nämlich nun, sich davon nicht leiten, verführen, reizen zu lassen. Den Affekt gleich wieder in den Griff zu kriegen. Sich innerlich am Riemen zu reißen. Überdenken. Prüfen. Wenn Aufklärung überhaupt etwas bedeutet, dann das Ideal, seine kleinkarierten Ressentiments, seinen Hass, seine Vergeltungssucht, seine Rachegelüste nicht über sich siegen zu lassen. Kurz gesagt, sich dagegenzustemmen, den Faschismus in sich zu kennen und zu dressieren zu verstehen, kann als hohe Kulturleistung anerkannt werden.

Das trifft auf den Einzelnen zu. Aber natürlich auch auf die Summe aller Einzelner. Auf die Gesellschaft. Der historische Faschismus ist etwas, das nicht einfach mal in die Welt kam, sondern der war, weil es im Menschen steckte. Der Mensch kleidet sich heute anders, aber er hat sich in seiner »inneren Konstitution« nicht verändert. Der historische Faschismus bahnte sich seinen Weg, weil moralische Autoritäten und Instanzen wegbrachen, weil ein ethischer Nihilismus im Raum stand, gespeist aus dem Verlust von Milieus, Frontsoldatenerfahrungen und der Erkenntnis, dass die Ordnung des letzten Jahrhunderts endgültig flöten gegangen ist. Das dem Menschen immanente »faschistische Grundmotiv« spült sich in Zeiten der Orientierungslosigkeit an die Oberfläche. Denn Orientierung zu haben, ist auch so ein Kulturaspekt, ein künstlich geschaffenes Gerüst, das der Wut, der Rachsucht, dem Hass und der Gewaltbereitschaft nur sehr wenig Ansatzpunkte erlaubt. Wenn aber dieses Konstrukt wegfällt, nichts mehr bleibt, an dem man sich orientieren kann, alle ratlos, verirrt oder alternativlos scheinen, dann bricht durch, was in uns allen steckt.

Quelle: Stuttmann
Stabilisatoren wie Arbeit, Wohlstand, Familienglück sind ins Wanken geraten. Nicht alle werden deswegen Wochenendrassisten. Nichts ist alternativlos. Die einen haben ihren Verein, die anderen ihre Kirche. Und wieder andere den Trost der Philosophie. Die Schriften von Kant oder Rousseau, von Marx oder Adorno, Marcuse oder Arendt, sind gewissermaßen auch Orientierungshilfen. Sie brechen einem nicht so leicht weg. Und so geben sie Stabilität. Das klingt jetzt sehr verkopft. Aber man muss ja auch nicht verlangen, dass jeder sie gelesen haben sollte. Den Geist der Humanität, den sie vermitteln, den kann man auch nachvollziehen, ohne in ihre Schriften eintauchen zu müssen. Dass es ein Zeitalter gab, in dem es auch um die Bedürfnisse der Menschen ging, hat ja auch mit ihnen zu tun. Mit dem Bewusstsein von Gesellschaft, das sie uns als Erbe hinterließen. Noch schimmert diese Humanität durch. Man hat sie noch im Kopf. Aber sie gerät in Vergessenheit. Und das, obwohl man beständig von den Werten der Europäer salbadert. Verständnis, Verstehenwollen, Empathie und Courage sind die Werte, liebe Europäer! Was habt ihr gemeint? Hexenhammer und »Deus lo vult«? Inquisition und Zigeunerjagd? Stigmatisierung und Pranger?

Der historische Faschismus speiste sich ja aus vielen dieser »althergebrachten Werte«. Und er hasste all die liberalen Werte, die die Aufklärung vertrat, weil die diese »urfaschistischen Grundpfeiler« leugnete und bekämpfte, als irrationale Affekte einer in geistiger Umnachtung und Agonie befindlichen Masse definierte. Die Aufklärer waren nur etwas zu optimistisch. Sie dachten, wenn die Menschen erst gebildet seien, dann seien diese »inneren Teufel« alleweil gebannt. Dann würden die Menschen ihre wahren Unterdrücker erkennen. Kriegt man dieses dumpfe Gefühl nicht aus den Menschen? Kanalisieren scheint man es zu können. Nicht hundertprozentig. Aber gut genug, dass es immer wieder von der Oberfläche verschwindet, keine Massenbewegung wird. Und genau die scheint sich jetzt zu formieren. Die Wut auf Sozialabbau, Lauschangriffe, Bevormundung und Überkontrolle sucht sich Opfer, die leicht zu greifen sind. Die Unterdrücker sind es im Regelfall nicht. Randgruppen schon. Sich jetzt gesellschaftlich am Riemen zu reißen, innehalten, nachdenken und dann von diesem Wahnsinn ablassen, um mit Courage gegen die auftreten, die den Laden an die Wand fahren: Leute, das ist eine Kulturleistung. Habet den Mut, ein bisschen Kultur zu leisten!

Die oben gemachten Ausführungen sind keine Entschuldigung dieser »Refaschisierung«. Nur eine Erklärung. Die Entwicklung aber ist unentschuldbar. Man wird es dieser Generation nie verzeihen, dass sie die Tendenzen nicht erkannt hat. Und das, obgleich es Präzedenzfälle in vielen Ländern gab. Aber aus der Geschichte lernt man nicht. Man vereinfacht sie, filtert einen Gedenkkult heraus und vergisst irgendwann, um was der ganze Zinnober betrieben wird. Es wird der Tag kommen, da man der Shoa gedenkt und die wenigsten wissen, was es damit auf sich hat. So wie wir heute alle geschlossen Ostern feiern und die Hälfte keine Ahnung hat, woher der Feiertag ursprünglich stammt und welche Bedeutung dahinter steckt.

Dass sie alle an Gedenken und an Rückblicken teilhaben, hin und wieder auf Ereignisse rückbesinnen, die in der Epoche des Faschismus geschehen sind, ist also kein Beweis dafür, dass faschistische Tendenzen heute ausgemerzt sind. »Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus«, soll der italienische Sozialist Silone angeblich mal bemerkt haben. Wahrscheinlich schob man ihm dieses Aperçu unter. Aber es passt so schön auf unsere Zeit.

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Kein Held, was er verspricht

Samstag, 13. Dezember 2014

Letztens sagte mir einer, »Die Frau war ne Heldin«. Ich wollte sein Empfinden nicht beleidigen und antwortete ihm nur, dass ich mit dem Begriff nichts anfangen könne. Dann ging ich weg. Solche Gespräche führen nur zu Zerwürfnissen, die unnötig sind.

Am gleichen Abend lauschte ich den Nachrichten im Radio. Es ging um den alternativen Nobelpreis. Snowden sprach. Manche behaupteten, er sei ein Held, erzählte er, aber der Begriff sei ihm völlig fremd. Er halte es für problematisch, wenn man Menschen zu Helden stilisiert. Manche Taten können zwar heldenhaft sein, aber der gesamte Mensch ist deswegen noch kein Held. Er hat mich sofort überzeugt. Was nicht schwer war, denn das, was ich über ihn gelesen hatte, war nicht nur chic. Der Mann gefiel mir von jeher nicht zur Gänze. Er hat zwar eine zweifellos mutige und heldenhafte Tat begangen - aber dass er in seinem früheren Leben (und auch noch jetzt?) ein Anhänger des Waffenbesitzes war und den Sozialstaat verachtete, ist in meinen Augen nicht besonders verehrungswürdig. Ein Held von Kopf bis Fuß ist er also nicht.

Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, dass ein Held sich den Arsch abwischt. Superman kackt nicht. Batman sitzt nicht mit Tageszeitung auf dem Scheißhaus und schabt sich die Öffnung sauber. Captain America sitzt im Einsatz nicht mal auf Stühlen, wie kann er dann Stuhlgang haben? Undenkbar! Menschen müssen das aber tun. Sollten sie. Das gehört zur Erziehung. Wer jedenfalls was auf sich hält, der tut es. Und weil dem so ist, kann kein Mensch ein Held sein. Heldenhaft ja, denn »heldenhaft« sagte ja: Dass eine beschränkte Handlung »wie ein Held« getätigt wurde. Und zwischen »wie etwas sein« und »sein« ist halt doch ein kleiner Unterschied.

Es gibt ein unstillbares Bedürfnis der Menschen nach Helden. In gewisser Weise ist es eine Suche nach der Reinheit. Manche kommen nie an den Punkt, an dem sie sich sagen, dass es eine solche Reinheit unter Menschen gar nicht gibt. Sie bewahren sich die Naivität, weiter an reine Wasser zu glauben. Aber jeder hat Fehler. Manche bestehen nur aus solchen. Andere verbergen sie hinter einer Tat, die man für höchst lobenswert erachtet. Man sollte das honorieren. Aber auf dem Teppich bleiben. Ich persönlich habe den Hype um Snowden nie richtig begriffen. Seine Offenlegungen schon. Die waren weittragend. Aber seine Person war für mir schlicht eine Person. Oh, ich war schon angetan von seinem Mut. Ich würde ihm auch Asyl gewähren. Aber eine unantastbare Instanz ist er nicht. Der Mann wischt sich auch den Arsch ab. Hoffentlich.

Die Heldin, von der mein Gesprächspartner sprach, die hatte er aus der Zeitung. Dort haben sie sie zu einer gemacht. Vielleicht war ihr Auftreten heldenhaft. Vielleicht. Ich bin Skeptiker. Weiche Indikatoren für eine Tendenz sind für mich keine harten Fakten. Nehmen wir an, sie ging dazwischen. Machte Zivilcourage. Dann war es mutig, pathetischer gesagt war es auch heldenhaft. Mehr nicht. Wahrscheinlich hatte auch diese Frau viele Fehler. Vielleicht zeigte sie viele der Affekte, die heute so die Gesellschaft bestimmen. Dinge wie Todesstrafenlaune, Gewaltbefürwortung oder Klassismus. Egal. Ich will niemanden was andichten. Auch kein Heldentum.

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Dem würde ich die Eier abschneiden ...

Freitag, 12. Dezember 2014

Wir standen alle rum. Sechs, sieben Leute. Die Mehrzahl unterhielt sich über Staubsauger oder Waschmaschinen. Vielleicht waren es auch nur Bügeleisen. So genau habe ich nicht zugehört. Ich hörte aber genug, um zu wissen, dass das nicht mein Ding war. Mich langweilte es und so schwieg ich. Irgendwie landeten sie dann bei Sexualstraftätern. Immer wieder überraschend, wie man von Plätzchenbacken auf den Weltuntergang kommen kann. Oder vom Picknick zum Aussterben der Deutschen. Entweder ist der Mensch so genial, dass er aus einer Mücke einen Elefanten destilliert oder er ist einfach nur zu dämlich, um einen roten Faden zu halten. Sucht es euch aus. Ich hörte nur noch Wüten, die Diskussion emotionalisierte sich. Und einer sagte dann, er würde einem solchen Schwein, das Kinder missbraucht, die Eier abschneiden. »Genau!«, pflichtete ihm jemand energisch zu. Er hatte offenbar das richtige Gefühl gefunden. Eine Handvoll abgeschnittener Eier waren das Gebot der Stunde. Sie nannten es nur »Gerechtigkeit«. Das klingt weihnachtlicher.

Waschmaschinen sind öde. Abgeschnittene Eier interessieren mich da schon eher. Oder sagen wir mal so: Mich interessiert, wie einer dazu kommen will, einem anderen die Genitalien zu verstümmeln. Da muss was schieflaufen. Keiner kommt als Hodenhenker zur Welt.
   »Aaaahhhh«, fiel ich ihnen ins Wort.
   Laut und deutlich. Und vorallem angewidert. Es war ein langgezogenes Ah, das leicht nach einem Bäh klang; eines, wie man es ausstößt, wenn man versehentlich von jemanden angekotzt wird.
   »Na, ist doch so. So einer hat nichts anderes verdient.«
   »Das ist Mittelalter und hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.«
   »Es geht darum, dass er das nie wieder machen soll. Also Schwanz ab und gut.«

Gerade waren es noch die Testikel. Für manche Menschen besteht zwischen Hoden und Penis kein Unterschied. Und zwischen Gerechtigkeit und Verstümmelung auch nicht. Das ist das Problem, wenn sich viele verschiedene Worte für jemanden gleich anhören.
   »Es gibt doch Gesetze, Sicherheitsverwahrung, Therapien. Es ist nicht so, dass wir als Gesellschaft dem völlig hilflos ausgesetzt wären.«
   »Ich kenne einen, der kam wieder frei und hat dann vergewaltigt«, rief jetzt die Blonde aus dem Hintergrund. Sie schien sehr erregt.
   »Kann sein. Aber das ist kein Beweis. Nehmt mal die Emotion raus und bleibt sachlich.«
   Das hat man bei diesem Diskussionen auch oft. Sie sprechen von Vergewaltigungen an Frauen und den Missbrauch von Kindern so, als wäre es dieselbe Klientel von Sexualtätern, die das tut. Differenziertheit ist die Sache solcher Gespräche nie.
   »Wenn das deinem Kind passiert wäre!«, rief einer in die Runde.
   Wusste er so sicher, dass es das nicht ist? Das gehörte nicht dorthin, also sagte ich nichts. Das gehört auch nicht hierher, also weiter im Text.
   »Glaubt ihr, dass es für einen selbst als Elternteil und für das eigene Kind förderlich ist, wenn man Hass kultiviert und brachiale Strafen möchte? Glaubst du, dass das irgendjemanden hilft? Tut mir leid, da liegt ihr beide falsch.«
   Jetzt schrien sie alle durcheinander. Auch die, die bislang geschwiegen haben. Sie trieben mich in die Enge, stellten mich wie einen Unmenschen hin, wie einen Träumer und Besserwisser, der ihre geordnete Welt ins Wanken bringt.
   Ich schüttelte nur den Kopf und sagte, dass das alles auch meinen Verstand und mein sittliches Bestreben beleidige, was sich hier gerade abspiele. Da wurden sie nur noch lauter und dann ebbte es ab und sie sprachen nicht mehr mit mir.

Ihre kalten Blicke spürte ich noch einige Tage danach. Wahrscheinlich dachten sie, ich sei ein schlechter Vater, weil ich nicht dazu bereit bin, Menschen zu verstümmeln. Ich sehe es hingegen ganz anders. Jeder, der eine solche Gesellschaft will, würde seinen Kindern eine Welt hinterlassen, in der es von plumpen Rachegefühlen und ordinärer Lynchjustiz nur so wimmelt. Gute Eltern wollen das aber sicherlich nicht.

Sie wähnen sich halt alle in einer Tätergesellschaft, in der Opfer immer verlieren und Täter diabolisch lachen. Und dann komme ich und behaupte, dass es nicht ganz so ist. Es läuft sicher nicht alles glatt, aber so drastisch dürfte es dann wohl doch nicht sein. Opfer von Sexualstraftaten stehen dann doch nicht völlig alleine da. Aber die Leute erliegen dem rechten Populismus, der sagt, dass Vergewaltiger und Pädophile eine Lobby hätten, während man Opfer zu Tätern mache. Zur Todesstrafe ist es dann bloß noch ein kleiner Schritt. Und die scheint als Option derzeit wieder recht beliebt zu sein, was man so liest. Die Agitation der Menschenfischer von der rechten Seite wirkt.

Neulich kam mein Kind heim. Es erzählte, sie hätten in Ethik über Menschenrechte gesprochen. Ein Mitschüler habe im Unterricht gesagt, dass die Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen lassen, bestimmte Rechte als Menschen hätten. Mein Kind meldete sich und sagte, dass es doch Menschenrechte seien und alle Menschen welche hätten. Auch Mörder und so, oder etwa nicht? Manchmal überrascht mich mein Teenager ja auch positiv. Die Lehrerin wollte allerdings nicht so richtig beipflichten. Sie murrte, wackelte mit dem Kopf und überging den Einwurf. Sie sagte sicher auch nichts dagegen. Als Vater hätte ich mir aber gewünscht, dass sie Stellung bezieht. Für die Menschenrechte, die jedem Menschen zukommen. Jemand mag eine Strafe büssen, aber gewisse Rechte sind unveräußerlich. Die Unantastbarkeit der Hoden zum Beispiel. Tja, sie sagte nichts. Lehrer. Die trugen fast immer schon einen reaktionären Zug in sich. An der Deinstallation des ersten deutschen Demokratieversuches, hat die Lehrerschaft maßgeblich mitgewirkt. Aber ich will niemanden etwas unterstellen. Wir sind heute doch alle antifaschistisch, oder etwa nicht?

Alle Menschen sind gleich. Schwarze und Weiße. Juden und Christen. Das hört man heute oft. Aber man interpretiert Abstufungen hinein, die es gar nicht geben dürfte. Der Kriminelle ist zum Beispiel nicht ganz so gleich. Und der Sexualstraftäter verwirkt alles. Nicht umsonst sagen viele, dass das kein Mensch mehr sei. Til Schweiger sagte mal öffentlich, er wolle all diesen Typen die Menschenrechte aberkennen. Er erhielt Applaus. Man kann heute als Mensch gegen Menschenrechte sein und alle finden etwas Sinnvolles daran. Ich finde allerdings, dass man am Umgang mit solchen Menschen erkennt, wie eine Gesellschaft denkt und fühlt. Ist sie noch bereit, an den Werten einer Welt festzuhalten, in der auch die, die sich disqualifiziert haben, ein Mindestmaß an menschlichen Respekt erhalten. Das heißt ja nicht, dass sie straffrei ausgehen. Aber an ihrem Menschsein darf kein Zweifel herrschen. Tut es das aber, dann stimmt da etwas nicht mehr, dann orientiert sich die Gesellschaft um, gleitet ab und wickelt ab, was als Errungenschaft schon mal gültig war.

Worauf ich eigentlich hinauswill: Der Rechtsruck manifestiert sich nicht nur am Rassismus und an Wahlerfolgen konservativer Parteien. Rechtsruck ist mitnichten nur, dass man ausländerfeindlicher wird und Diskriminierung akzeptiert. Man erkennt ihn vorallem daran, wie feindlich man den Ideen der Aufklärung und der Unveräußerlichkeit von existenziellen Garantien gegenübersteht. Ob man Verbrechen verstehen will, um daraus zu lernen oder ob man sie auf den Scheiterhaufen stellen will. Man ist nicht nur als Ausländerhasser ein Rechter. Auch als jemand, der Leute auf die Streckbank legen will und in den Kerker werfen möchte, reitet man sich ins rechte Spektrum hinein. Kein Zweifel, die Reaktion wirkt. Wir sind dabei, unsere gesellschaftliche Mitte rechts zu finden.

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Ich will nicht glauben, dass Malcolm X richtig lag ...

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Es schien geschafft. Ein Schwarzer wurde US-Präsident. Dann ermordeten Polizisten Michael Brown und Eric Garner und kamen damit durch. Martin Luther Kings Traum ist noch immer ein Schlaferlebnis und nicht mehr. Der »Cosbyismus« hat sich als bequeme Autosuggestion erwiesen.

Ich erinnere mich an eine Folge der »Cosby Show«. Die Serienfamilie Huxtable sitzt – wie so oft - im Wohnzimmer. Sie hat Gäste. Die Alten erzählen den Jungen von Dr. King und dem Marsch auf Washington und was seine berühmte Rede für einen Einfluss auf die Schwarzen im Lande hatte. Dass die jungen Schwarzen jetzt so leben könnten, wie die Huxtable-Kinder, sei die Folge dieser bewegenden Zeit, an der die Altvorderen teilgenommen hatten. Ich war noch recht jung und das war mein erster Kontakt mit Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung.

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Zu Ohren gekommen

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Jüngst lauschte ich einem Feature über späte Scheidungen. Die würden jetzt immer häufiger vorkommen. Ehepartner trennten sich demnach auch mal nach zwanzig Jahren Ehe. Dann sind beide so um die 50 und immer noch jung genug, um nochmals »durchzustarten«. Dieses Komposition hört man jetzt oft. Wenn etwas vorbei ist, startet man heute durch. Für mich ist das ein Scripted Reality-Wort. Wenn man mal durch das Nachmittagsprogramm der Privaten zappt und das Ende eines solchen Machwerks flankiert, dann wird dort nach erlebten Abenteuer immer neu durchgestartet.

Durchstarten. Nicht einfach nur starten, nein - hindurch, auf der anderen Seite wieder heraus, »den Teil dazwischen« durchschreiten. Wenn jemand nach einer Sache sagt, jetzt wolle er neu durchstarten, denke ich immer an »nicht zurückschauen« oder »Augen zu und durch«, ein bisschen auch an »nach mir die Sintflut«. Dieses Wort hat was von Verdrängung, von bewusster Vergessenmachung. Eine Beziehung ist zu Ende und man startet neu durch. Eine miese Arbeitsplatzerfahrung ist vorbei und man hofft, bald neu durchstarten zu können. Man streift gewissermaßen ab, was sich an Eindrücken manifestiert hat. Der moderne Mensch tritt sprachlich von seiner Empirie zurück und wird ein selbstvergessener Durchstarter, einer, der seinen Neuanfang nicht bedacht angeht, sondern gleich volle Pulle, denn er startet ja nicht bloß, er startet durch, mit den Kopf durch die Wand, mit der Tür ins Haus, mit einen Elefanten in die Porzellanfachhandlung.

Nicht links, nichts rechts gucken. Schon gar nicht zurück. Der Durchstarter putzt sich ab, macht nicht einfach nur weiter, er schließt ab. Er hat keine Herkunft mehr, brennt sich Erfahrungen aus und tut so, als könne man das eigene Leben in abgeschlossene Bereiche betrachten und nicht als eine lose Ansammlung von ineinandergreifenden Abschnitten. Die Phrase hat etwas Dementes, ja auch etwas Aktionistisches. Es ist ein Wort des Zeitgeistes. Präfixiert, wie man das heute gerne hat. »Starten« alleine reicht da nicht mehr; das ist Achtzigerjahresprech. Heute lacht ja auch keiner mehr, heute geht man zum Ablachen. Das hat was von Pleonasmus, von überflüssiger Vorsilbe wie beim Wort »aufoktroyieren«. Und es spiegelt vorallem die Vorstellung wider, dass im Neuen immer der völlige Abschluss mit dem Alten liegt. Aber exakt so funktioniert das Leben ja nicht. Wer in einer neuen Beziehung »durchstartet«, hat immer noch die Erfahrungen der alten Beziehung an der Backe. Das ist auch nicht schlimm, denn das macht den menschlichen Reifeprozess ja aus.

Durchstarten von Null auf Platz eins. Das kennt man aus den Charts. Vielleicht hat man es ja aus dieser Sparte. Als Sinnbild für die Prozesse des Alltags taugt es wenig. Leben ist kein Ranking, keine Rangliste. Mancher Hit klingt verheißungsvoll, aber für eine Platzierung vorne reicht es trotzdem nicht. Und wer durchstartet, der fällt garantiert wieder ab. Kein Nummer-Eins-Hit ist für immer. Für die Fake-Shows im Nachmittagsprogramm ist die Phrase natürlich besonders geeignet. Sie beschwört Einfachheit und gibt den lauen Geschichtchen einen Abschluss. Menschen haben das gerne. Aber im Leben schließt man nie ab, deshalb ist der Durchstart ein eher dümmliches Modewort einer Zeit, die Vergangenheit für einen Zeitraum hält, den man durchaus vergessen darf.

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