Der Wahnsinn von Weimar

Montag, 27. April 2015

Immer häufiger hört man, dass linke Politiker mit dem Tode bedroht werden in diesem Land. Sie haben Glück. Wären sie Ausländer oder Asylbewerber, bliebe es nicht nur bei Drohungen. Die bekommen Gewalt nämlich ohne Ankündigung zu spüren. Entweder bei brauner Hatz oder man zündelt mal wieder an Häusern herum.

Rechte Gruppierungen mit pathetischen Namen vom »Abendland« und der dazugehörigen Rettung fischen in der gesellschaftlichen Mitte. Sie schüren Ängste. Sie und diverse Gazetten, die vom vollen Boot orakeln. Esoterische Grüppchen komplettieren dieses Bild des blanken Wahnsinns. Chem Trails und wer weiß welche Phantasien sie sich noch aus den Rippen juckeln. Sie sorgen sich um eine Regierung, die ihre Bürger vermeintlich mit Substanzen narkotisiert, während Asylbewerberheime brennen oder Wohnungen, in denen zufällig Ausländer leben und von deren Tod man sagt, es sei ein Unfall gewesen. Rassistische Motive sieht man in erster Linie - nie. Hat man auch nicht, als die organisierten Untergrundnazis reihenweise Türken ermordeten. Kein Zusammenhang, hieß es. Milieuspezifische Tötungsdelikte. Dönermorde halt. Man blinzelte zynisch. Lustig, wenn sich die Bagage selbst abschlachtet, nicht wahr?

Wer etwas vertritt, was Rechts nicht gewollt ist, bekommt Gewalt angedroht. Linke sowieso. Vor Jahren nannte man sie noch »Nestbeschmutzer« oder »Vaterlandsverräter«. Das waren noch herrlich friedliche Zeiten. Heute könnte man eine Leiche sein, wenn man nicht aufpasst. Ramelow lebt gefährlich. Sicher nicht nur er. Traurige Tradition nach Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Irgendein irrer Bachmann findet sich immer. Einer, der abdrückt. Und Beamte, die behaupten, dass es kein politisches Motiv gibt, wird diese Republik sicher nicht zu knapp haben.

Die Asylanten sind unser Unglück, wissen viele heute. Juden sind es nicht mehr. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Zwar unterlassen wir Volksverhetzung nicht ganz. Aber antisemitisch ist sie wenigstens nicht mehr. Jetzt sind es Moslems. Kopftücher. Die ganze Mischpoke aus der Wüste, die man hasst - und die die AfD und Pegida und weiß der Deibel was für kuriose Abbreviaturen sonst noch der Unterwanderung bezichtigen. Sie sind Freikorps mit bürgerlichem Anstrich, die schon mal in die Zukunft weisen. In eine, in der das Abendland seine Stacheldrahtverhaue hochgezogen hat, um Moslems und Schwarze fernzuhalten. Und das Mittelmeer, wir lieben es für den Urlaub. Und weil es so schön die Plagen fernhält. Es ist ein rundherum tolles Gewässer.

Bei Joachim Fest konnte man mal was zur Stimmung im Weimarer Deutschland lesen. In seiner Hitler-Biographie. Erstaunlich, wie ähnlich wir der Atmosphäre von damals sind. Rechte Gruppen, Spinner und Gurus, teilweise auch so ökologisch verdruckste Rassisten, prägten die Szenerie. Und hier und heute? So unähnlich ist es jedenfalls nicht. Wenn es kriselt, scheint der Koller zu galoppieren. Dann kriechen die aus ihren Löchern, die man schon lange in ihre Löcher hätte einbetonieren sollen. Weimar, du alter Wiedergänger der totalen Verrohung. Wieso kann die miese Stimmung deiner schlechten Jahre nicht enden wie jene Spartakisten, die eben diese Stimmung in den Straßengraben warf?

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Die Routine und der Streik

Freitag, 24. April 2015

Kindertagesstätten streiken. Jetzt auch mal wieder die Lokführer. Die Piloten legen sicher bald nach. Und was ist mit der Müllabfuhr? Der moderne Mensch hat es wirklich schwer. Wenn ihn einer in seine Pläne pfuscht, bröckelt das Fundament seiner Alltagsgewissheiten.
 
»Was tun, wenn die Kita streikt«, fragte der »Stern« in seiner Onlineausgabe. Womöglich sind wir jetzt also schon so weit, dass Eltern die Lebensberatung eines Magazins in Anspruch nehmen müssen, um ihre Alltagsplanung in den Griff zu kriegen, wenn die mal nicht einwandfrei funktioniert. Dabei sollten doch gerade Eltern einen gesunden Pragmatismus haben, denn das Leben mit Kindern birgt ständig Überraschungen und Unvorhersehbares. Man kann das gar nicht ausschließen. So eine Kita, die mal die Tore schließt, muss doch auch verkraftbar sein. Aber irgendwie scheint die Katastrophe auszubrechen, wenn Erzieherinnen mal nicht folgsam ihren Dienst an der Allgemeinheit verrichten und auch was vom Kuchen haben wollen.

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§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

Mittwoch, 22. April 2015

Da suchte ein Herr J. von einem Hausmeister-Service einen Mitarbeiter. Zur Ergänzung des Teams, wie es hieß. Ich hatte keine Ahnung von der Hausmeisterei, rief allerdings trotzdem an und bekam prompt einen Vorstellungstermin.

Mir saß ein Mann gegenüber, dem aus der Nase Härchen wie schwarze Brummerbeine lugten.
   »Schon mal einen Rasen gemäht?«, fragte er und stütze seine Ellenbogen auf den wackeligen Schreibtisch vor ihm.
   »Nein, so richtig eigentlich noch nie.«
   »Was meinen Sie mit eigentlich noch nie?«
   »Manchmal habe ich als Kind Grashalme aus der Erde gerissen.«
   »Das ist nicht dasselbe. Für einen Arbeitsantritt ist das sogar ein bisschen wenig, finden Sie nicht?«
   »Ich weiß nicht, ich bin bisher auch ohne Rasenmähen durchs Leben gekommen. Besitze ja keinen Rasen.«
   Er überlegte eine Weile und blätterte dabei in einem Taschenkalender.
   »Kommen Sie am Montag vorbei. Ich schicke Sie mal mit einem Kollegen mit. Wir haben mehrere Objekte und Sie schauen sich mal an, ob das was für Sie ist.«
   »Können wir so machen.«
   »Können wir so machen? Wollen Sie nun oder nicht? Sie sind doch zu mir gekommen, also nehme ich an, Sie wollen die Stelle haben. Ist doch so, oder?«
   Ich grinste nur dumm. Arschlöcher sollte man immer angrinsen, wenn man nicht gleich was findet, was man ihnen an die Stirn donnern kann. Das hat auch den Nebeneffekt, dass es billiger und ohne eine Zelle abgeht.
   »Da lassen wir Sie mal einen Rasen mähen. Ich sage es Ihnen gleich: Bei uns müssen sie richtig klotzen und leiden.«
   »Leiden? Haben Sie leiden gesagt?«
   »Haben Sie ein Problem damit?«
   »Mit Leiden schon. Ich wollte Arbeit, kein Leid.«
   Er lachte. Kapos von Strafkolonnen lachten in schlechten Filmen immer, wenn sie ihre Leute bluten lassen.
   »Wir hatten hier mal einen Kollegen, der war schon lange dabei. Aber irgendwann ging ihm die Kraft aus und wir können es uns hier nicht leisten, jemanden mitzuziehen, der nicht die volle Leistung bringen kann.«
   Er nickte mir verschwörerisch zu und ich schüttelte nur ratlos den Kopf, stand auf und vertagte mich auf Montag.

Am Montag war ich pünktlich. Der Kollege, mit dem ich über die Objekte tingeln sollte, war auch schon da. Er war genauer gesagt eine Kollegin. Sie sah nicht übel aus. J. war allerdings noch nicht zugegen. Also standen wir vor verschlossenen Türen.
   »Warum hast Du keinen Schlüssel? Und wo ist der Kerl überhaupt?«
   »Keine Ahnung. Kommt manchmal vor, dass er zu spät ist. Schlüssel bekomme ich erst, wenn ich fest angestellt bin.«
   »Ach, du hast nur einen Zeitkontrakt?«
   »Nein, ich mache bei ihm Probearbeit. Das Jobcenter bezahlt mich und ich bewähre mich gewissermaßen beim ihm.«
   »Das heißt, mir soll jemand die zu verrichtende Arbeit zeigen, der selbst noch gar nicht offiziell zur Firma gehört. Das ist ja interessant. Du musst aber schon lange auf Bewährung sein, dass du so gut Bescheid weißt.
   »Seit knapp vier Monaten. Heute Nachmittag will er mit mir über meine Zukunft reden. Ich bin guter Dinge.«
   Ich schüttelte nur den Kopf und zündete mir eine Zigarette an. Ich schüttelte in letzter Zeit irgendwie häufig den Kopf.
   »Sag mal, warum steht hier an der Türe zum Büro M. & G. und nicht J.?«
   »Herr J. hat den beiden den Laden abgekauft. Er war früher bei denen angestellt und dann hatten die zwei Vorbesitzer keine Lust mehr und J. war zur Stelle.«
   »Wie lange ist das jetzt her?«
   »Das war kurz bevor ich mit der Probearbeit bei ihm angefangen habe.«
   »Wie viele Hausmeister hat er denn?«
   »Harry und mich. Harry ist schon was älter, aber cool. Vorher gab es da noch einen, ich weiß nicht mehr, wie der hieß, aber den hat J. gefeuert. Der Mann hat jahrelang für M. & G. gearbeitet und war der Kollege von J. Die beiden konnten sich nicht riechen und dann hat er ihn wegen Arbeitsverweigerung rausgeworfen.«
   »Ich glaube, ich kenne die Geschichte schon. War er denn faul?«
   »Nein, J. wollte nur, dass er mit so einem alten Ding Rasen mäht, du weißt schon, so ein Mäher ohne Elektronik. Und es ging da nicht um eine kleine Wiese, sondern um eine gigantische Fläche, gleich neben einem Hochregallager. Da hat er gestreikt und gesagt, dass könne er nicht täglich leisten. Das gehe zu sehr an seine Substanz. Der Einwand war richtig, finde ich.«
   »Und bei dem willst du einen Arbeitsvertrag. Oh Mädel, du hast Nerven ...«
   Nach einer weiteren halben Stunde und einigen Zigaretten bog J. endlich um die Ecke. Er trug ein heftgroßes Schild bei sich, auf dem ›Rechtsanwalt S.‹ stand.
   »Ah, Fräulein Susanne, schön Sie zu sehen«, sagte er zu meiner Kollegin für diesen Tag und starrte ihr auf die Titten. Mich beachtete er nicht.
   »Schau mal, was ich hier habe.«
   Er zeigte ihr das Schild und sie gaffte ihn ratlos an.
   »Kannst du lackieren und pinseln?«
   Sie antwortete, sie könne es ja versuchen.
   »Dann lackiere das Ding mal hellgrün und schreibe mit dem Pinsel ›Hausmeister J. & Kollegen‹ drauf. Soll ich es Dir aufschreiben? Und schreib ordentlich, ja ...«
   Er lavierte vom Du zum Sie und Susanne tanzte nach seiner Pfeife.
   »Sie sind ja auch da«, sagte er, nachdem er mich endlich wahrgenommen hatte.
   »Die Fahrt mit Susi muss heute ausfallen. Es sei denn, Sie wollen warten, bis sie ihren künstlerischen Auftrag erledigt hat.«
   Ich schüttelte den Kopf und empfahl mich.
   »Warten Sie bitte noch einen Moment«, rief er mir nach.
   »Was ich vergessen habe Sie zu fragen: Beziehen Sie eigentlich Arbeitslosengeld?«
   »Nein«, log ich. »Wieso?«
   »Das ist schlecht. Ich hätte Sie mal für zwei oder drei Tage auf Probe arbeiten lassen. Aber ohne Bezug von Sozialleistungen werden Sie ja wohl kaum bereit dazu sein, oder?«
   »Nein, ich bin nicht bereit dazu.«
   »Verstehe … ich rufe Sie diese Woche an, dann machen wir nochmal einen Termin aus. Vielleicht geht ja trotzdem was. Und Sie freuen sich doch sicherlich auf eine Ausfahrt mit Frau Susanne.«
   Er lächelte zu ihr hinüber, als er das sagte. Und sie lächelte zurück. Sie sahen aus wie ein verliebtes Paar. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass es dieser eigenartige Arsch mit ihr trieb.
   »Melden Sie sich einfach«, sagte ich und zog fort.
   Ich hörte noch, wie er Susanne Komplimente machte und sie kicherte und mir tat es leid um das hübsche Ding.
   Von J. und seiner Praktikantin hörte ich nie mehr was.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 21. April 2015

»Gerade an der Geistesgeschichte Europas lässt sich der Unsinn von einem etwaigen Reinheitsgebot fast schon bildhaft nachzeichnen. Das heutige Europa wäre ohne arabische Einflussnahme und Wissensübermittlung gar nicht denkbar; unter anderem Aristoteles' Werke, die dazu führen sollten, dem abergläubischen Europa des Mittelalters philosophische Grundlagen zu erteilen, auf denen später Humanismus und Aufklärung gedeihen konnten, gelangten über arabische Kontakte zurück nach Europa, oder wie es Sigrid Hunke formulierte: »Folgendschwer und verhängnisvoll wurden die verkehrsmäßige Absperrung und die geistige Selbstisolierung gegenüber der islamischen Welt, die Europa wirtschaftlich und kulturell um Jahrhunderte zurückwarfen. In dem Augenblick erst, als trotz ... offizieller Feindschaft das Abendland sich dem arabischen Orient und Orienthandel öffnete, begann sein wirtschaftlicher Aufschwung. Indem es ... nach und nach sein großes geistiges Erbe übernahm, erwachte der abendländische Geist aus jahrhundertelanger Erstarrung und Lethargie ...«
Die allgemeine Stimmung des Kulturkampfes aber leugnet die Koexistenz, tut so, als habe stets eine strikte Trennung geherrscht. Die Koexistenz der Kulturen war natürlich nicht immer friedlich, aber nichtsdestotrotz fand sie statt. Leitkulturen sind Hirngespinste; zu lange lebte man neben- und miteinander, um noch fein säuberlich in christliche oder jüdische oder islamische Reinheiten unterteilen zu können - mit den Worten Goethes gesprochen: »Wer sich selbst und andre kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.«
- Roberto J. De Lapuente, »Auf die faule Haut« -

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Das höllische Paradies

Montag, 20. April 2015

Urlaub am Mittelmeer. Man kann ihn buchen. Via Internet oder wenn man mal an den Schaufenstern von Reisebüros vorbeigeht. Das Binnenmeer lockt wie eh und je. Adria, Côte d’Azur, Playa del Sol. Schön ist es dort ja auch. Es gibt wenige Friedhöfe, die so attraktiv angelegt sind.

Es werden immer mehr, die im Mittelmeer ertrinken. Die Europäische Union, faktisch ein Friedensnobelpreisträger, sieht dabei zu, wie ihre Abschottungspolitik Menschen über Bord wirft. Sie nimmt es mehr oder weniger hin. Achselzucken. Schließlich verlangt von diesen Afrikanern und Arabern keiner, dass sie übersetzen. Sie hatten doch die freie Wahl, oder etwa nicht? Jeder ist seines Glückes Schmied - und seines Ersaufens Initiator. Die Europäer machen weitestgehend weiter wie immer. Arbeit, Familie und Urlaub planen. Gerne auch im mediterranen Raum. Bis zu den Knöcheln ins Wasser. Das Nass genießen. Ein Nass, das einige Kilometer weiter draußen Flüchtlinge verschlingt. Dieselbe Brühe, in der europäische Kinder schwimmen lernen, lässt guten afrikanischen Schwimmern keine Chance. Selten war der Begriff von der »Insel der Seligen« zutreffender. Nur dass Elysion jetzt keine Insel mehr ist, sondern ein ganzer Kontinent.

Dieses Meer taugte fast als Metapher, wenn es nicht tatsächlich ein Massengrab darstellte. Denn wir stehen alle im selben Gewässer. In der Welt gibt es keine isolierten Bereiche oder Regionen. Alles was geschieht, spielt eine globale Rolle. Das Meer, das tötet, ist ja auch dasselbe Meer, das Urlaubskarten gebiert, nahtlose Bräune und erholsame Wochen erschafft. Wir Europäer können also nicht so tun, als gehe uns das dauernde Ertrinken nichts an. Wir stehen im selben Wasser. Hin und wieder spült es Leichen an europäische Strände. Dann wird weggeschaut. Es ist doch Urlaub, wir wollen uns nicht sorgen. Und der arme Kerl da, der hat doch auch keine Sorgen mehr.

Heraklit soll mal gesagt haben, dass man niemals zweimal in denselben Fluß steige. Denn es »fließt anderes und wieder anderes Wasser zu«. Die Europäer scheinen ihren Heraklit respektive Platon gut gelesen zu haben. Wenn sie denn überhaupt noch solche Sachen lesen. Aber sie benehmen sich so. Sie tun so, als sei das Wasser ihrer Urlaubsfreude nicht in demselben interkontinentalen Bottich, in dem Frauen und Männer und Kinder jämmerlich absaufen und mit ihnen ihre Hoffnung, doch nochmal etwas zu haben, was an ein halbwegs würdevolles Leben erinnert. Ohne Hunger, Not, Verfolgung und die Aussicht, in jungen Jahren an eigentlich heilbaren Erkrankungen zu sterben.

Kritiker warfen der deutschen Öffentlichkeit neulich vor, dass der Abgang eines Bundesligatrainers mehr Interesse zeitigte, als die fast zeitgleich geschehene Katastrophe im Mittelmeer. Es ist aber mitnichten so, dass die Deutschen nicht auch auf das Mittelmeer schauen würden. Sie haben Interesse daran. Sie blättern hübsch in Katalogen und suchen sich schöne Strände und Unterkünfte aus. Oh, ist das Wasser nicht herrlich blau, Schatz! Ein Paradies. Dabei war das Paradies mal als der Ort beschrieben worden, wo es kein Leid und kein Elend mehr gibt. Kann es sein, dass die Hölle manchmal paradiesisch aussieht?

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Der Vater des lateinamerikanischen Linksrucks

Freitag, 17. April 2015

Am Montag ist ein großer Literat verstorben. Ein wortgewaltiger Mann. Seine Themen waren der Kolonialismus und sein Kontinent. Und die Einsicht, dass der Reichtum Südamerikas die Armut beflügelt. Er war nicht ganz so berühmt wie der, der am selben Tag wie er starb. Schade eigentlich.

Der am Montag verstorbene Günter Grass habe die Bundesrepublik geprägt, las man in den Nachrufen. Stimmt wohl. Der Mann war tatsächlich der Chronist von Krieg, Wiederaufbau und Wiedervereinigung. Ein Kollege von Grass dürfte seiner Heimat aber weitaus mehr seinen Stempel aufgedrückt haben. Und wie es ein trauriger Zufall wollte, starb der Mann am selben Tag wie sein deutscher Kollege. Sein Name: Eduardo Galeano – Autor von »Die offenen Adern Lateinamerikas«, einem monumentalem Werk, das die Kolonialgeschichte seines Kontinents zum Gegenstand hatte. Seine paradox klingende Theorie bringt die ganze Misere von Schwellen- und Entwicklungsländern in der modernen Welt auf den Punkt. 

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Zu Ohren gekommen

Mittwoch, 15. April 2015

Nicht erst seit gestern liest man Schlagzeilen, die in etwa so loslegen: »Griechen errechnen ...«, »Griechen wollen ...« oder »Griechen sind wütend ...«. Diese Ausformulierung der politischen Geschehnisse ist nervig. Es ist eine Sprache, die die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern eine neue Sicht von Wirklichkeit in die Köpfe derer pflanzt, die sich dieser Sprachregelung unterwerfen.

Zuletzt las man, dass die Griechen noch höhere Reparationen errechnet haben. Die Griechen? Wer genau? Das griechische Finanzministerium oder Panagiotis, der arbeitslose Müllmann? Irgendwelche Erbsenzähler im Gefolge von Varoufakis oder Stavroula, die langbeinige Hure, die es günstig macht? Waren griechische Schulklassen, die in ihrem unterfinanzierten Schulkomplex unter der Fuchtel von fast mittellosen Lehrern pauken, an der Berechnung beteiligt? Was hat eigentlich Eleftheria mit der Sache zu tun? Sie war am Tag der Berechnung gar nicht zugegen, wechselte ihren alten Vater die vollen Windeln. Und der Typ, der drüben in Darmstadt in einem griechischen Restaurant Teller jongliert - hat der auch mitgerechnet? Das wäre schon kurios, denn der Mann schafft es nicht mal, die 18, die 27 und die 38 richtig zu addieren, weil er die Speisekarte nicht richtig im Kopf behält.

Das Nationalkollektiv ist eine alte Erfindung. Es macht die Sache so herrlich einfach. Da kommt gleich Ordnung ist weltliche Chaos. Da sind die, die so sind - und dort sind die anderen, die anders sind. Und so wird aus einigen Vertretern einer Nation gleich die ganze Nation. Ein ganzes Volk. Damit kann man praktisch generalverurteilen und gleich alle in die Pfanne hauen, ohne sich die Mühe machen zu müssen, vielleicht doch ein wenig tiefgründiger an die Sache heranzugehen. Man kann so tun, als sei das Attribut keine subjektive Charaktersache, sondern ein Umstand, der sich aus der Nationalität errechnet. So wird es übersichtlicher.

Die Deutschen, das waren doch die, die alle Hitler nachliefen und Nazis waren, nicht wahr? Alle. »Deutsche wählen Hitler«, hätte eine griechische »Bildzeitung« damals schreiben können. Sie hätte in etwa so richtig gelegen, wie die Zeitungen, die heute den Griechen alles Mögliche nachsagen.

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Ich mochte Günter Grass nicht

Dienstag, 14. April 2015

Ich mochte Günter Grass nicht. Das heißt: Sein Werk. Als Mensch kannte ich ihn zu wenig. Sein Stil sprach mich nicht an. Er war schwerfällig und hatte einen eigenartigen Rhythmus. Ein bisschen so wie ein Rasenmäher, dessen Surren mehr verspricht, als es dann leistet. Die Inhalte machten seine Schreibart nicht besser. Ständig geschah Phantastisches, verwebte sich Realität mit Luftschlössern und man fragte sich, warum Nazis flashmoben und Kinder einfach nicht erwachsen wurden.

Nun gut, man muss wenigstens diesen Aspekt gelten lassen. Schließlich war Grass Vertreter des magischen Realismus. Und vielleicht bin ich da als Europäer unfähig - ganz nach den Worten von Carpentier -, das »Erleben des wunderbar Wirklichen« zu akzeptieren, weil mir die Aufklärung dazwischenkam. Jedenfalls denke ich an das Vorwort, welches Bukowski mal für Fantes »Ich - Arturo Bandini« schrieb. Darin erzählte er, wie er als junger Mann durch die Bibliotheken lief und viele große Autoren las. Alle langweilten sie ihn. Sie erzählten Stories aus einer anderen Welt. Sie nannten die Dinge nicht beim Namen oder schrieben erst gar nicht über das, was er als armer Schlucker so auszubaden hatte. Dann fand er Fante und erstmals schrieb da einer so, wie auch Bukowski das Leben empfand. So ähnlich habe ich Grass konsumiert. Ich fand ihn auf der Suche nach Lektüre, die mir entsprach. Und so las ich ihn und wusste nicht, wo er mich treffen wollte. Und tatsächlich traf er mich nur äußerst selten. Es berührte mich nicht, was er mitteilte. Oft langweilte es mich. Und bei aller Literaturbeflissenheit. Wenn einer nicht unterhält, dann hilft alles nichts. Da bin ich ganz bei Reich-Ranicki. Aber ich habe natürlich auch keine Ahnung von Kunst.

Ja, ich glaube wirklich, es gibt nicht wenige deutschsprachige Schriftsteller, die viel bessere literarische Qualitäten aufwiesen - und die es noch immer besser drauf haben. Aber dennoch muss man einsehen, dass mit Grass eine wichtige Gestalt der deutschen Kultur abtrat. Für mich persönlich weniger wegen seiner Kunst selbst - eher, weil er einer war, der Kunst und politisches Engagement verband, wie kein anderer. Dass da einer phasenweise nicht nur weinselig an seinem Schreibtisch stand und Texte skizzierte, sondern auch klare Aussagen traf, das war aller Ehren wert.

Grass war gleichwohl ein großer Autor, nicht weil er etwa abgedrehte Geschichten schrieb oder einfach nur fesselnd war. Er war es, weil er das, was er da tat, mit einer Würde betrieb, die ihm einflüsterte, es nicht zu abstrakt zu halten. Seine Texte waren es teilweise schon. Abstrakt und ungelenk. Aber das, was er den Menschen erzählen wollte, das hat er auch als reale Person in die Waagschale geworfen und sich so Bewunderer wie Kritiker geschaffen. Er war eine Stimme, die sich auch physisch in den Ring und auf das Podium begab. Nicht immer lag er dabei jedoch richtig. Aber er engagierte sich gegen den Mief und setzte Hoffnungen auf die Sozialdemokratie. Zuletzt hat ihn die SPD allerdings ordentlich verarscht. Wie uns alle. Er sollte ein Manifest mitunterzeichnen, eine große Zeitungsanzeige, in dem einige Prominente den Reformkurs der Schröder-Regierung als notwendig deklarierten. Er tat es. Man muss annehmen, dass er von Hartz IV noch nichts wusste. Wahrscheinlich glaubte er, dass die neue »linke Regierung« mit dem Kohl aufräumen wollte. Das dachten ja viele seinerzeit.

Sein Geständnis, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen, habe ich ihm hingegen nie zum Vorwurf gemacht. Er war jung, sozialisierte durch den Hitlerismus. Woher hätte er es besser wissen sollen? Die Moralisten haben ihn dafür schwer attackiert. Es sind dieselben Moralisten, die jede gegebene Moral aufsaugen wie ein Schwamm und die die Moral des Nationalsozialismus mindestens so unkritisch aufgetunkt hätten, wie die des aktuellen Zeitgeistes.

Man muss nicht betroffen sein, weil er jetzt gestorben ist. Das ist das Normalste von der Welt. Mit 87 kann man sterben und sollte ein Leben gehabt haben, von dem man sagen kann: Mehr kommt eh nicht mehr. Obwohl ich seine Literatur ablehne, muss ich zugeben, dass dennoch einer ging, den man noch immer gut gebrauchen konnte als Widerstreiter gegen den postdemokratischen Wahnsinn und gegen die Jasager-Kultur. Es kommt halt eben nicht nur darauf an, ob einer gut schreiben kann oder nicht, sondern was er daraus macht oder nicht.

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An Tagen wie diesen

Montag, 13. April 2015

oder Ein großer Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus.

Vorgestern jährte sich mal wieder was. Nicht rund. Aber das muss ja auch nicht sein. Vorgestern vor 47 Jahren. Fast fünf Jahrzehnte ist es jetzt her. Einer der größeren Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus. Eine Sternstunde regelrecht.

Bachmann hatte nachmittags Dutschke niedergeschossen. »Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen«, schrieb die »Bildzeitung« einige Wochen zuvor. Bachmann nahms wörtlich. Er war ein frommer Leser. Also übernahm er die Drecksarbeit und schoss dreimal auf den studentischen Aktivisten. Man musste schließlich was tun. Die Aufwiegelung klappte ganz gut. Es findet sich immer ein Würstchen, das den Senf der »Bildzeitung« auftunkt. Es findet sich immer ein Schwachkopf, der es für eine Offenbarung hält, was dort geschrieben steht. Schon damals. Jedenfalls war das eine der schrecklicheren Stunden, die uns diese Art des deutschen Journalismus schenkte. Einige Stunden danach geschah das Gegenteil von Schrecklich. Es wurde richtig gut.

Aufgebrachte Menschen zogen vor das Springer-Haus. Sie warfen Steine, verhinderten die Auslieferung der nächsten Ausgabe, stoppten Lastwagen und zündeten Stapel von Bildzeitungen an. Nebenbei wehrte man sich gegen die anrückende Staatsmacht. Die Zornigen stellten ihre Wagen so ab, dass es kein Vorbeikommen für die Auslieferer gab. Auch das Auto von Ulrike Meinhof stand in der Barriere. Einen Tag später philosophierte sie über die Ereignisse: »Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung. Werden Hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion.« Sie lag richtig. Was hier geschehen war, war nicht einfach nur ein krimineller Akt oder so. Es war eine politische Aktion. Ein Statement. Das Bekenntnis einer Generation, die es satt hatte, von diesem »privaten Staatsorgan« belogen und als Freiwild ausgegeben zu werden.

Selbst die Staatsdienste schienen die Zeitung abzulehnen. Zynisch betrachtet jedenfalls. Denn es flogen Molotowcockails. Beinahe kam es zur Explosion. Mitgebracht hatte sie ein gewisser Peter Urbach - ein Provokationsagent, der mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete. Auch das gab es immer schon in dieser netten Republik. Leute, die man einschleust und die die Aufgabe haben, die ganze Sache eskalieren zu lassen.

Die »Bildzeitung« gibt es immer noch. Springer ist noch immer nicht enteignet. Aber die Zeitung ist nicht mehr so mächtig wie damals. Jedoch mindestens so dreckig. Viele Kioske fangen nun an, sie nicht mehr in ihren Regalen anzubieten. Das macht Hoffnung. Die Auflagezahlen gehen seit Jahren zurück. Aber die Sternstunde schlechthin war dieser Abend, als sich die ganze Wut über ein Blatt entlud, das nichts anderes im Sinn hatte, als Menschen, die von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machten, schmählich zu verunglimpfen und zu kriminalisieren. Wo ist der notwendige Zorn heute?

Zugegeben - es war nicht die feine Art. Überhaupt keine Frage. Aber es war eine deutliche Ansage. Ein Meilenstein in der Geschichte des deutschen Journalismus. Und je mehr man heute die Medienlandschaft beobachtet, desto sicherer weiß man, dass dieses Urteil nicht übertrieben ist. Denn auch, wenn die »Bild« an ihrer Hegemonialstellung eingebüßt hat, sie lebt in der Seele vieler anderer Medien weiter. Die Bildzeitungisierung hat alle erfasst. Blome sitzt sogar beim »Spiegel«. Man müsste heute schon viele, sehr viele Autos vor den Verlagen aufbieten, um das unter Kontrolle zu bringen. Und wie formt man aus Autos Barrieren, um Onlineausgaben zu verhindern?

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Das Kopftuch ist auch nur so ein Hut

Freitag, 10. April 2015

Schreib doch was über dieses Kopftuch-Urteil und die Folgen, sagte mir neulich eine liebe Freundin. Aber ich lehnte ab. Denn das Kopftuch ist auch nur so ein Hut. So ein alter Hut. Sich über die Auswürfe aufzuregen, die von konservativ-ewiggestriger Seite immer und immer und immer wieder kommen, lohnt sich doch nicht mehr.

Kanakentussi aus
der Bibel
Vor einigen Jahren war das noch ein Thema. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich mich auch mehrmals dazu geäußert und gegen die Anti-Kopftuch-Bewegten was ausformuliert. Damals hatte jeder so seine Ansichten. Als es mal wieder um die gemeingefährlichen Bestrebungen Bekopftuchter ging, krochen ganz viele Gegner aus dem Quark. Vieles was man so hörte war irgendwie wirr, falsch oder einfach nur hetzerisch. Frauenrechtlerinnen zum Beispiel wollten es vom Kopf gerissen sehen, weil sie es als Zeichen der Unterdrückung ansahen. Xenophobe hatten Angst um das Bild auf Deutschlands Straßen. Sie hatten mal wieder vergessen, dass ihre Omas noch vor einigen Jahrzehnten selbst oft mit Kopftuch über den Kartoffelacker hoppelten. Und sie haben verdrängt, dass die heilige Jungfrau auf Abbildungen so aussieht, wie eine dieser - O-Ton - »Kanakentussis«, über die sie sich aufregen. Dann gab es natürlich noch die Konservativen, die ein bisschen vernünftelten und sagten, dass man halt moderner sein oder sich anpassen müsse. Man müsse prüfen, ob man das Kopftuch noch mit in die neue Zeit hinübernimmt.

Meine Großmutter landete mal in einer Bibelstunde, die ein seltsam motivierter älterer Herr leitete. Er war kein Geistlicher, aber er sah es als seine Erfüllung an, alte Leute wöchentlich zum gemeinsamen Lobpreisen um sich zu scharen. Die Alten drückten auch was für die Kollekte ab und der Kerl tat immer so, als wollte er die Kohle gar nicht. Aber in diesem Kreis saßen viele Banater Schwäbinnen. Die trugen immer Kopftuch. Als fromme Christinnen gehöre sich das schließlich so. Sie konnten nicht ganz verstehen, wieso die Christinnen anderer Herkunft in der Runde kein Läppchen um den Scheitel trugen. Die Frauen trugen es freiwillig, als Zeichen der Demut und wer weiß wieso noch. Keiner hat es ihnen aufgesetzt. Und genau das war ein Ansatzpunkt, den viele liberale Zeitgenossen damals anbrachten.

Die Muslimas selbst hat bei der damaligen Debatte keiner gefragt. Oder eher selten. Und die liberale Ansicht, die meinte, dass man in erster Linie davon ausgehen müsse, dass die Frauen das Tüchlein ja vielleicht auch gerne tragen könnten, wurden niedergeplärrt. Dem Zeitgeist stand der Sinn nicht nach Liberalismus in solchen Dingen. Nicht auf dieser Ebene. In der Ökonomie gerne. Dass etwaige Kopftuchverbote verfassungswidrig sein könnten, eben exakt aus dem Grund, haben Kritiker damals bereits orakelt. Es hat lange gedauert, bis mal wieder Klarheit geschaffen wurde.

Und prompt kriecht das Klientel von Pegida und AfD auf denselben Holzwegen herum, wie noch vor Jahren, als man sich noch nicht unter den Lettern netter Kürzel versammelte. Wieder dieselben Scheinargumente. Wieder derselbe Unsinn, der damals schon ungefähr die Orginalität von Lanz von Liebenfels oder Alfred Rosenberg hatte. Muss es da sein, dieses Ewiggestrige erneut zu thematisieren? Wieder entkräften, wo Karlsruhe jetzt schon entkräftet hat? Lohnt sich das alles noch? Den alten Hut wieder aufsetzen? Den ollen Fummel wieder um den Kopf binden? Irgendwann hat man genug von der Scheiße.

Klar, all diese Kerle haben jetzt wieder ein Argument dafür, dass die Islamisierung voranschreitet. Dass ihre Kinder zum Kopftuchtragen erzogen werden. Dass Beeinflussung stattfindet. Dass der Islam in die Kinderköpfe einsickert. Langsam. Unkontrolliert. Und im Namen des Grundgesetzes. Und wir können wieder entgegenhalten, dass das Quatsch ist, dass es hehre Werte gibt, die man vertreten muss. Freiheit des Willens und all sowas eben. Dann ist die Sau durchs Dorf, bis wieder einer anfängt zu hetzen. Und so geht es weiter und weiter. Für nichts. Während wir über ein Stück Stoff auf dem Kopf von Frauen quatschen, geschehen wichtigere Dinge. Freihandelszone, europäische Armee und weiß der Teufel was.

Und das ist der Hauptgrund, liebe Freundin, weshalb ich zu diesem Thema nichts Ausführliches mehr sagen will. Denn über Kopftücher zu sprechen, wo sie Leichentücher bereitlegen: Auch so ein alter Hut. Um abzulenken. Um die Agenda zu manipulieren. Man sollte manchmal nichts sagen, damit man das Wichtige hören kann.

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