Nomen non est omen

Mittwoch, 15. Juli 2009

Heute: "Naturkatastrophe"

"Früher war die Naturwissenschaft ein Mittel zur Abwendung von Naturkatastrophen. Heute zur Anwendung."
- Dr. phil. Jeannine Luczak -
Das Wort Naturkatastrophe setzt sich aus dem lateinischen Wort "natura", die Geburt, und dem griechischen Begriff "katastrephein" für umwenden zusammen. Als Naturkatastrophen werden Vulkanausbrüche, Erdbeben, Fluten, Stürme, Waldbrände und Bergeinstürze bezeichnet. Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es bis heute nicht. Vielfach wird die Naturkatastrophe als ein Ereignis definiert, das negative Auswirkungen auf den Menschen und dessen Infrastruktur und Wirtschaft zeitigt. Der Terminus suggeriert, als seien diese Katastrophen rein natürlichen Ursprungs und der Mensch sei lediglich Opfer dieser Ereignisse. Dabei wird verschwiegen, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel entschieden dazu beiträgt, Naturkatastrophen zu forcieren.

So sind Vulkanausbrüche und Erdbeben für die Natur selbst meist keine Katastrophen, da sich die Natur schnell von solchen Ereignissen erholt. Für den Menschen sind es indes Katastrophen da es häufig viele Tote und große wirtschaftliche Schäden gibt. Nebenfaktoren solcher Katastrophen sind vor allem auch die globale expotentielle Bevölkerungszunahme, die Konzentration der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Infrastruktur in Großstädten sowie eine starke Besiedlung und Industrialisierung in Küstennähe. Seit 1950 gibt es eine weltweit starke Zunahme von Naturkatastrophen.

Sie werden auch heute noch in weiten Teilen der Erde als religiöse Zeichen, vielmehr als den Zorn der Götter gedeutet. Ob diese Ereignisse tatsächlich religiösen Ursprungs sind, sei mal dahingestellt. Fakt ist, dass der Mensch durch seine Lebensweise wesentlich für die Zunahme von Naturkatastrophen mitverantwortlich ist. Insofern verschleiert der Begriff hier die Mitschuld des Menschen.

Dies ist ein Gastbeitrag von
Markus Vollack aka Epikur.

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Ich habe versagt

Dienstag, 14. Juli 2009

Neulich beim Belauschen eines Gesprächs zwischen zwei famosen Müttern. Man hatte den Eindruck, beide wüßten haargenau wovon sie redeten, man glaubte beinahe, Kindererziehung sei eine exakte Wissenschaft, die Patentrezepte zulasse und Theoretika erlaube. Beide haben eine Handvoll Kinder, beide haben Karriere gemacht - richtige Kraftfrauen, muskulöse Amazonen, die am Midas-Komplex leiden, alles zu Gold verwandeln, wenn sie es auch nur anhauchen. Es geht ihnen alles locker von der Hand, sie erziehen zudem vorbildlich, sind Mütter par exellance. Ihre Kinder müssen glückliche Wesen sein, konnte man erahnen, bekommen stete Aufmerksamkeit, verbringen viel Zeit mit ihren Eltern, haben die Tugend der erzieherischen Weisheit direkt vor ihrer Nase sitzen.

Und da wurde es mir offenbar: Ich bin ein Versager! Ich habe als Vater versagt! Mit dieser Menge, vorallem aber mit dieser Qualität erzieherischen Sendungsbewußtseins, bin ich nicht ausgestattet. Ich bin nicht der immer souveräne, immer gelassene, immer überblickende Vater, der da zwischen den Zeilen der beiden verbrauchten Damen lümmelt. Es kommt schon vor, dass ich laut werde, auch mal richtig schreie; es kommt vor, dass ich meine Kinder ungerecht behandle; es kommt vor, dass ich meinen Kindern keine Aufmerksamkeit schenke, wenn sie wieder einmal in ein Gespräch hineinzuplatzen versuchen; es kommt vor, dass ich meinem Sohn empfehle, er möge seinen alltäglichen Schulhofpeiniger einfach mal eine verpassen, wenn dieser das nicht anders kapieren will; es kommt vor, nicht zu knapp, dass ich meinen Kindern auch das Nein gegenüber deren Obrigkeit lehre. Ich habe nicht nur versagt, ich versage täglich erneut, immer wieder, beinahe zielgerichtet. Den Eindruck, ich würde ausgewogen nach pädagogischem Plan, involviert in die exakte Lehre des Erziehens, meine Kinder durchs Leben geleiten, habe ich nicht, hatte ich nie. Stattdessen scheint es, als herrsche das Chaos.

Ich bin nicht der standfeste Vatertyp, in der Wut bestrafe ich gerne mal voreilig, nehme die Strafe aber schnell wieder zurück - die Damen hätten mich fehlender Standfestigkeit bezichtigt. Meine Kinder dürfen mich auch schief von der Seite anquatschen, solange sie nicht beleidigen, ich quatsche sie ja wohl auch oft genug schief an: verspiele ich da nicht meine gottgegebene Autorität? Erziehe ich mir da keine kleinen Anarchisten groß? Und wie erzieherisch wertvoll ist es, wenn ich in einem Moment lauthals schimpfe, um bereits drei Minuten später mit ihnen herumzublödeln? Da lauscht man zwei vornehmen Damen, beide standfest in ihre Allwissenheit vernetzt, legen dar, wie vorbildlich ihr Elterndasein verläuft, mit wieviel Gelassenheit und Ruhe sie erziehen - und dann sehe ich mich: so gar nicht perfekt, so gar nicht ausgewogen, mal der zürnende, mal der kumpelhafte Vater; oft im Irrtum, oft voreilig wütend, manchmal auch vernachlässigend wenn Schelte angebracht wäre; hier milde, dort hart - Ausgewogenheit als Fremdwort.

Was beide hier unwissentlich, als Marionette höherer Interessen, veranstalten, ist die Gleichschaltung des modernen Menschen. Unausgewogenheit ist eine Charaktereigenschaft meinerseits, ich bin nicht launisch, aber es entspricht meinem Wesen, zwischen guter Laune und Melancholie zu schwanken. Aber dann stellen sich Erziehungsritter vor die Republik und predigen einen Typus Vater oder Mutter, der in allen Facetten einem stilisiertem Ideal zu folgen habe. Alles was den Menschen, denn das Elternteil bleibt ja Mensch, ausmacht, seine Neigungen und Wesenszüge (eben auch die Unausgewogenheit), haben in den Hintergrund zu treten, um Erziehungsarbeit leisten zu können. Da wären wir schon beim Punkt: Erziehungsarbeit! Die Erziehung ist zur Arbeit degradiert, zur Leistungstat, zur Fließbandtätigkeit, die scheinbar immer den gleichen Handgriff erfordert. Dass Erziehung etwas ist, was nebenher geschieht, keine konkrete Tätigkeit, mehr ein Mitleben innerhalb einer Familie, ein unbewußter Vorgang, der nur in den seltensten Fällen bewußt wird, verschweigt die Begrifflichkeit von der Erziehungsarbeit. Denn wo gearbeitet wird, da braucht es Disziplin. Das Elternteil muß diszipliniert sein, muß sich selbst zurückstellen, muß alle Konzentration auf das Kind lenken, muß nach Plänen aus den Köpfen von Pädagogen belehren und steuern, muß liebevoll führen, aber nicht zu liebevoll an seinem eigenen Charakter, an seinen eigenen Mängeln kleben. Denn am Arbeitsplatz hat Privates fernzubleiben. Perfekte Eltern sollen herauskommen, weil in diesen Zeiten nur das Perfekte Geltung haben soll, Professionalität zum Ausdruck von Qualität umgedeutet wurde.

Bei Kleinigkeiten geht es los, wenn man den Kleinen beispielsweise erklären soll, dass dies oder jenes nicht ihnen, sondern irgendeinem Spielkameraden gehöre. Kommunitäre Eigentumsauffassungen haben in der modernen Erziehung unserer Gesellschaft nichts verloren, stattdessen wird von Kindesbeinen an antrainiert, die Eigentumsverhältnisse zu dulden, als unantastbar erscheinen zu lassen. Man lehrt ihnen immer noch, wie zu Urgroßvaters Zeiten, dass Widerworte gegen Autoritäten ein Tabu sind, wenn Lehrer, Pfarrer oder Vater spricht, soll andächtige Stille herrschen, selbst dann, wenn das Gesprochene offenbarer Unsinn ist. Man hat nach einem Masterplan zu erziehen, nach Werten dieser Gesellschaft. Und wer diese Werte nicht vertritt, zudem seinen Erziehungsauftrag nicht steril ausführt, sondern seinen elterlichen Charakter offen zuläßt, der soll sich an den Gesprächen solcher Muttertiere geradezu ernüchtert fühlen, sein Versagerdasein begreifen lernen. Es ist nicht die gute Absicht der beiden Damen, die sich in solchen Gesprächen niederschlägt - (von der Leyen weicht ja auch ziemlich plump der Frage aus, ob es denn materielle Armut gäbe, Saalfrank läßt das Schwammige unkommentiert, bestreitet zudem angeblich auch Wahlkampf für die SPD, in der sie Mitglied ist, seitdem Schröder notwendige Sozialreformen durchgepaukt hat, so ihr O-Ton kürzlich) -, es ist kühle Kalkulation. Seht her, so wird erzogen und nicht anders! Erziehung ist nicht individuell, es ist eine kollektive Tätigkeit. Die Individualität der Kinder soll ein wenig berücksichtigt sein, aber das Elternteil ist Teil eines gesellschaftlichen Kollektivs, hat zu erziehen, wie wir uns das vorstellen!

Es gibt genug Menschen, die sich den eitlen Sonnenschein dieser beiden Damen schwer zu Herzen nehmen, die dadurch ihre eigene unzulängliche Erziehungsmethode als Ausdruck ihrer Kläglichkeit erkennen. Nicht nur ihres erzieherischen Versagens, sondern des kompletten Versagens, des Versagens auf ganzer Linie, des In-den-Sand-Setzens ihres gesamten Lebens. Dabei wird vergessen, dass die Erziehungen von der Leyens und Saalfranks zu großen Teilen auf Kindermädchen beruhen, um die Karriere zu schützen, und was noch viel wichtiger ist: es wird verschwiegen, dass die beiden Damen sicherlich nicht gelassen und mit vollem Überblick über ihre Kinder regieren. Es wird auch dort Chaos herrschen, wie beinahe überall, wo Kinder leben - das macht auch den Reiz aus, mit Kindern leben zu wollen. Die Erziehungsideologie, die sich in solcherlei belanglosen Gesprächen niederschlägt, ist die Ideologie, des durchgeregelten Kindes. Als müsse alles vorab geplant und entworfen sein, Erziehung dazu da sein, das Kind möglichst bald einfügsam zu machen, damit es funktioniert.

Es ist oft sehr anstrengend, keine zu angepassten Kinder zu haben, es ist mühsam, raubt Zeit - aber man weiß, es ist so angelegt worden, damit aus ihnen einmal mündige Erwachsene entschlüpfen und keine Ja-Sager und Kopfnicker, die nichts mehr hinterfragen, weil sie bereits in der Pubertät seelisch verstorben sind, nachdem man sie jahrelang in allzu perfekten Erziehungentwürfen gefangensetzte. Ja, aus deren Sicht bin ich sicherlich ein Versager, kein endgültiger, weil ich mich ja um meine Kinder kümmere, nur eben anders als andere, charismatischer vielleicht, auch mit drastischeren Worten als andere Elternteile. Aber ein gemäßigter Versager bin ich doch - kann es ein größeres Lob geben, als jenes, nicht ins bürgerliche Erziehungsmuster zu passen?

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De dicto

Montag, 13. Juli 2009

"Kein Zweifel: Es ist etwas faul im Abkassierer-Staat. Die Senkung von Steuern und Abgaben ist deshalb kein Luxus; sie ist überfällig."
- BILD-Zeitung, Hugo Müller-Vogg am 13. Juli 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Nun betätigt sich Müller-Vogg als Sloterdijk für Minderbemittelte, stellt den ellenlangen Aufsatz, den der Philosoph neulich in der FAZ abdrucken ließ, auf BILD-Niveau um, streicht, kürzt, läßt Passagen weg, zieht die bloße Quintessenz. Und siehe da: Zwölf Sätze, fünf Absätze, von Rousseau wird gar nicht mehr gesprochen, aber das Fazit ist unumstößlich: Wie leben in einem Abkassierer-Staat! Mehr braucht der Leser nicht wissen, keine Spur vom Landraub und solchem Schnickschnack, keine Darlegung historischer Fäden, die erklärbar machen könnten, warum der Diebstahl zur Grundlage der Macht und des Besitzes wurde. Seine Dialektik ist keine hinführende, sondern eine plump behauptende - das unterscheidet, bei aller finalen Gleichheit, Sloterdijk dann doch noch vom wortverklemmten Schwulstikus.

Der Staat sei unersättlich, läßt er verlauten. Als ob der Staat eine Maschine wäre, die nur Geld zerreiße. Das tut er zwar auch, man muß nur auf Verschwendung von Steuergeldern blicken, auf die Mitnahmementalität diverser Herrschaften aus den Niederungen der politischen Welt. Aber trotz allem sind das geringe Summen. Wohin aber die Unsummen gehen, läßt sich täglich erkennen. Die Müller-Voggs dieser Republik erfreuen sich an der hiesigen Infrastruktur, die sie in Anspruch nehmen können, sie lassen ihren Reifenabrieb auf öffentlichen Straßen zurück, führen ihre Rotznasen in Kindergärten und Schulen - und vielleicht kommt auch einmal eine Zeit, da solche Müller-Voggs ihren arroganten Rüssel in ein Arbeitsamt stecken müssen, damit man sie dort alimentiert. Solange müssen andere versorgt sein, damit Müller-Voggs in Frieden ihren Unsinn schreiben können, ohne an jeder Straßenecke überfallen zu werden. Der böse Staat, der fressende Staat: das ist das Credo dieser nebligen Gestalten. Dabei leben sie ganz gut vom großen Fressen der Staatsmaschinerie. Und wenn es dann darum geht, dass Ruhe und Ordnung geschaffen werden soll, werden diese Westentaschen-Anarchisten, anarchistisch inspiriert nur in Fragen des eigenen Geldbeutels, diese Staatsfeinde aus Gründen der Selbstsucht, zu gläubigen Jüngern der Staatsautorität. Da ist der Staat dann wieder gut, das Maß aller Dinge, unbedingte Notwendigkeit.

Wenn der Apologet beginnt, seine Zeilen mit "kein Zweifel" oder "eines ist unleugbar" oder "daran kommt keiner vorbei" beginnt, dann ist meistens der Zweifel berechtigter Gast. Mit Floskeln leitet ein, vorallem auch bei Texten im voggschen Kurzformat, wer keine Inhalte zu bieten hat. Da werden selbst zehn oder zwölf geplante Sätze zur Ewigkeit, da rettet einen jede sinnfreie Phrase, die außerdem auch noch auf Linie trimmt und Gegenfragen beseitigt. Es ist wahrlich nur die Quintessenz des Sloterdijks, die uns Müller-Vogg hier präsentiert, dumpf paroliert, ohne Argumente, einfach nur hinausgeplärrt in die Welt des Geizes. Fein säuberlich mit ein, zwei Sätzen aufhetzend, dass man ab dem morgigen Tage auch wieder für den eigenen Geldbeutel arbeite. Er wird genug Dummköpfe finden, in prekären Arbeitsverhältnissen steckend, die Müller-Voggs Elaborat als aufgeklärtes Wort zur rechten Zeit feiern, Steuersenkungen für jedermann fordern, und nachher arbeitslos werden und gekürzte Bezüge erhalten, weil die Kassen nichts mehr hergeben.

Man muß keine Analysen aus den Federn von Ökonomen lesen, keine Prognosen überfliegen: es reicht im Feuilleton quer durch die Republik zu lesen, es reicht Kommentatoren zu verfolgen und deren krudes Schaffen - dann weiß man, wie schlecht es um dieses Land bestellt ist. Hätten wir solche Müller-Voggs nicht, wir könnten in dem Irrglauben leben, es stehe noch nicht so schlimm um uns...

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Ich kenne einen...

Die Hartz IV-Regelsätze sind nicht zu niedrig, meint er. Er kenne auch einen Hartz IV-Empfänger, ganz persönlich, ein Intimus quasi, und der lebe immerhin in Saus und Braus, der rauche sogar und käme ab und an auf ein Bier in die Kneipe herüber. Ich kenne einen, leitet er dann seinen Satz ein, ich kenne einen Arbeitslosen, dem geht es gut. Er kenne einen Arbeitslosen, der ein schönes Leben habe, Zeit und ausreichend Geld, genug Jammerkraft habe er zudem. Aber schuld sei der Erwerbslose an der Misere nicht, viele wollen ja arbeiten, bestimmt die Hälfte der Arbeitslosen, meint er mitmenschlich. Er sei ja kein Unmensch, aber man müsse schon deutlich sagen, dass jemand, der nicht arbeitet, auch keine zu hohen Ansprüche stellen dürfe. Schon gar nicht, wenn es denen eh so gut geht.

Die wollen sich nur in unserem Sozialstaat einnisten, meint er. Er kenne selbstverständlich auch Asylbewerber, nicht zu persönlich, aber immerhin. Alleine schon, dass man sie erstmal aufnimmt, sie wochen- und monatelang auf Verfahren warten läßt, sie in dieser Zeit durchfüttere - sind wir Deutschen denn des Wahnsinns? Die säßen alle nur in ihrer afrikanischen Steppe, warten darauf, endlich ihrer Heimat zu entfliehen und dann reißen sie sich unseren Wohlstand unter den Nagel, meint er. Er wisse das, sein bekannter Asylant habe ihm das in aller Deutlichkeit gesagt. Eine Mauer würde er errichten lassen, sich abkapseln von diesem faulen Pack jenseits des Mittelmeeres, Selbstschussanlagen installieren. Man sollte mehr Spendenaktionen ins Leben rufen, schließlich sei man trotz alledem Mensch und Christ. Und denen, die eine humanere Verwahrung von Asylstellern fordern, gehöre ordentlich die Fresse poliert. Man halte die Hoffenden zwar sehr spartanisch, aber es gehe ihnen doch gut, sie bekämen Suppe und Aspirin - mehr wollen die eh nicht. Nicht Arbeit, nur Sozialhilfe sei das Ziel, bekräftigt er, dies sagte ihm sein asylierender Bekannter.

Drückeberger, und das seit Jahrhunderten, schimpft er. Er kenne einige Sinti und Roma, hoffnungslose Faulpelze, laut und ordinär seien sie, empörten sich ständig darüber, dass sie in ganz Europa unbeliebt sind, im Osten und Süden würden sie laut Eigenangaben sogar regelrecht gejagt. Sie bräuchten sich gar nicht so künstlich zu entrüsten, denn sie zahlten ja auch keine Steuern, weiß er. Sie würden sich ja willentlich der Solidargemeinschaft entziehen und sind daher nicht besonders liebenswert. Anders sein wollen und auch noch Extrawürste braten, das habe man ja gerne. Er hätte nichts gegen Zigeuner - er sagt Zigeuner zu Sinti und Roma -, aber sie machen es einem nicht besonders leicht. Eine laute und schmierige Bagage sei das, die nichts mit dem Leben innerhalb geordneter Bahnen zu tun haben wolle. Das wisse er alles aus erster Hand, direkt aus Zigeunermund, der zwar selten Wahrheit kund täte, aber in diesem besonderen Falle würde er eine Ausnahme machen und dem Gesagten Glauben schenken.

Und wen er noch so kennt: Mikrokredit in Anspruch nehmende Rumänen, die natürlich allesamt ein Haus in Deutschland finanziert hätten, rentenerschleichende Russen, einen in Luxus lebenden deutschen Kleinrentner, kindergeldsüchtige Alleinerziehende und allerlei Kuriositäten mehr. Er kenne Gott und die Welt, zu jedem sozialen Brennpunkt könne er einen Zeitgenossen benennen, der die Diskussion entschärfe, weil letztlich keine Suppe so heiß geschlürft würde, wie man sie zur Zubereitung erhitze. Weil er vielleicht solche menschlichen Fallbeispiele kenne, vielleicht auch nicht, das kann man nur schwerlich beurteilen, weil er also ein Exemplar jeder Art aus dem Hut zaubern könne, seien Rückschlüsse auf die Gesamtheit erlaubt. Statistiken und Erhebungen, Berichte mehrerer Einzelfälle, addiert zu einem Bild der Gesamtheit - wer braucht das schon? Die eigene Erfahrung am lebenden Objekt, das Kennen irgendeines fernen Nachbarn, macht die Bewertbarkeit des Weltbildes erst möglich. Weil man oberflächlich erkennt, dass der Arbeitslose einen Rest seiner Würde bewahrt hat, folgert man daraus, es gehe ihm blendend; weil der Asylsuchende nicht aufbegehrt in der Kargheit seiner geweißten Zelle, glaubt man, er sei zufrieden und fühle sich im Garten Eden; weil der Sinti gerne schwungvolle Balladen singt, deshalb müssen die Berichte verfolgter und verfolgungsbetreuter Genossen nichts als Lüge sein.

"Ich kenne auch einen..." beginnt er seine Vorträge. Und so schließe ich hier: Ich kenne einen, eigentlich kenne ich eine Handvoll solcher Menschen, die immer wieder jemanden kennen. Ich kenne einen, der erzählt mir im gröbsten Jargon solche Dinge, manchmal bierdunstig unterlegte Worte, manchmal in Wolken von Schweißmief verpackt. Abends besucht er seinen Stammtisch, vormittags und nachmittags trägt er das Niveau dieses Tisches mit sich herum, lädt jeden arglosen Passanten ein, sich auf sein Niveau hinabzubegeben. Dann nimmt er Anlauf, erzählt von seinen ominösen Bekanntschaften, kehrt den Menschenfreund heraus, er sei ja kein Unmensch, aber genug sei eben genug und das müsse man doch sagen können. Ein tiefgründigeres Gespräch ist nicht machbar, spricht man von Kant, glaubt er, man meine den Markennamen eines Winkel- und Kantenschleifers, zitiert man Marcuse, fragt er sich, was Doktor Mabuse zur Sache tut. Kant und Marcuse kennt er schließlich nicht, aber er kennt andere, wichtigere, bedeutendere, seinen kleinen Kosmos immanentere Typen - oder auch nicht: wer will ihm seine Bekanntschaften widerlegen?

Ja, auch ich kenne einen, eine trübe Gestalt, entgeistigt und vollkommen isoliert in seiner Welt des Ich-glaube und Ich-meine und Ich-kennen-einen. Der, den ich kenne, ist Deutscher. Ich kenne auch einen Deutschen!, könnte ich nun hinausschreien. Die sind gar nicht dichtend und denkend, eigentlich sind das plumpe Leute, vollkommen verblödet, sitzen viel um Stammtische herum, lassen kein gutes Haar an Schwächeren, ja, eigentlich sind sie immer noch Nazis. Verkapptere Nazis als einst! Aber alle Nazis! Alle Deutschen ausnahmslos! Nur dann... dann wäre ich nicht besser wie diese Alles-und-jeden-Kenner, dann wäre ich das Spiegelbild der Dummheit. Ich kenne einen, aber der steht nicht für alle; ich kenne einen, der verblödet ist und dabei leider auch noch redselig. Er ist zufällig Deutscher, ist nicht dumpf, weil er Deutscher ist, sondern ist dumpf und deutsch. Ich kenne ihn als einen Freund schwarzer Dialektik, als einen Feind aufklärerischer Positionen, als einen Selbstdarsteller, der auch noch meint, er würde aufklärerische und fortschrittliche Gedanken an den Mann bringen, der von sich selbst überzeugt ist, ein mündiger, selbstdenkender, autonomer Charakter zu sein.

So einen Kerl kenne ich. Eigentlich kenne ich viele solcher Menschen. Nicht nur Kerle, sondern auch grobschlächtige Frauen, die sich schwerfällig an den Nächsten heranmachen, um ihre Dummheit als Belesenheit zu verkaufen. Manche Menschen will man einfach nicht kennen, aber man kann über seine Bekanntschaften oft nur schwer verfügen. Der Arbeitslose, der auf Asyl Hoffende, Sinti und Roma haben sich ihre Bekanntschaften mit solchen Dampfplauderern auch nicht aussuchen können...

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Journalistischer Umgang mit Diktaturen

Samstag, 11. Juli 2009

Ersterer läßt sich nach zweifelhaften Wahlen zum Präsidenten ausrufen - zweiterer wird immer wieder gewählt, weil ihn sein selbstgefälliges Haus- und Hofmedienimperium stets erneut reinwäscht. Der eine läßt Demonstranten mit Gewalt niederknüppeln - der andere hat zur Rottenbildung ermuntert, läßt Bürgerwehren zu, die mit Stahlrohren an Minderheiten und Migranten Zivilcourage üben. Dieser spricht sich für eine drakonische Gesetzgebung aus, bei der auch Hände dem Säbel zum Opfer fallen dürfen - jener erläßt per Gesetz Selbstamnestien, die ihn nach seinem Machtmißbrauch als unschuldigen Mann aus Amt und Würden entlassen. Der eine läßt religiöse Mystiker, fremde Glaubensgemeinschaften und Sekten verfolgen - der andere verfolgt eine rigide Politik des Rassismus, behandelt Afrikaner wie streunendes Vieh. Hier weint man um Neda Agha-Soltan - dort um Carlo Giuliani.

Was Berlusconi und Ahmadinedschad verbindet ist der Umstand, dass demokratische Strukturen gut zu ihnen waren. Die freie Wahl hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind. Beide sind Volkstribune, weil sie ihre Macht auf legitime Wahlen begründen; beide können sich nicht Diktatoren nennen, weil sie die Macht nie ergriffen, ihrem Volk nie aufdiktiert haben, sondern nur dankbar annahmen, als das Volk sie ihnen in den Schoß warf. Sie diktieren ihrem Volk Untragbarkeiten auf, diktieren ihnen die Spielregeln von Meinungsfreiheit und Oppositionsarbeit vor, sind aber keine diktierenden Diktatoren. Der Faschismus und das Totalitäre sind in demokratischen Fahrwassern angekommen. Es gibt keine Diktatoren mehr, nicht weil die Welt besser geworden, nicht weil das Diktatorische ausgestorben wäre - nein, weil sie - die Welt - demokratischer geworden ist, weil sie den Ruch demokratischer Legitimität kultiviert hat. Wenn das Volk einen Lumpen auf den Thron setzt, dann ist er kein Tyrann mehr, dann ist er der Mann des Volkes. Oder, frei nach Roosevelt, und damit das Motto US-amerikanischer Außenpolitik zitierend: Dann ist er zwar ein Hurensohn, aber deren Hurensohn, der Hurensohn des Volkes.

Was sie trennt ist indes schwieriger zu definieren. Unrecht bleibt Unrecht, etwaige mildere Vorgehensweisen der Menschenverachtung sind ohne Aussagekraft, weil das Unrecht immer ungerecht für denjenigen bleibt, der davon betroffen ist. Wenn hier schwingende Stahlrohre nur auf Extremitäten knallen, während sie dort auch Schädelknochen zum Bersten bringen, dann ist die erstere Variante nicht demokratischer, nur weil man weniger lebenswichtige Körperstellen traktiert hat. Müßte man sie aber wirklich unterscheiden, die beiden Diktatoren, die keine sind, qua definitionem gar nicht sein können, weil sie sich dem Volk nicht aufdiktiert haben, sondern das Volk sie sich selbst auferlegt hat - (eine seltsame Variante der Diktatur des Proletariats) -, dann sollte man in die Zeitungen unserer bundesrepublikanischen Zivilisation blicken, dann sollte man hierzulande in die Blätter des großen Meinungsmachers schauen.

Und in diesen aus Skandalgeschichtchen und politischer Dummheit ranzigen und speckigen Blättern findet sich ein Berlusconi, der so gar nicht an den kleinen Mann aus der Emilia-Romagna erinnert, der einst als Duce Weltgeschichte für italienische Journalisten ersonnen hat. Stattdessen winkt er mit Blondinen und Brünetten vom Aufmacher herunter, darf sich als gealterter, aber dennoch freudig penetrierender Casanova produzieren und die Skandale um ihn vergessen machen. Man liest bei Springer nichts von den Squadri, die mit Stahlstangen durch italienische Stadtteile mit rumänischer Bevölkerung ziehen, nichts vom Antiziganismus des Regimes, von der strengen Registrierungs- und Depressionspolitik gegen Sinti und Roma. Nein, Berlusconi bumst sich durchs BILD, darf sein geliftetes Gesicht als Antlitz des Italian Stallion darbieten und sein altersschwaches Genital zum Sujet der Berichterstattung küren.

Der Menschenfreund aus dem Mittleren Osten wird weniger freundlich behandelt. Jeder Artikel, der sich mit ihm befaßt, wird mit den journalistisch neutralen Worten "Neues vom Irren aus Teheran" eingeläutet. Was folgt ist das übliche Theater vom Atombombenbau, vom Regime der Mullahs, von der Unterdrückung der Frau, vom Geist des Mittelalters, der in dieser Weltregion herrsche, vom rückständigen Islam und von Ahmadinedschads Absicht, Israel den Erdboden gleichzumachen - und diese Mär vom aus der Welt gebombten Israel, obwohl mehrfach erklärt wurde, dass die Übersetzung, die eine solche Mission in die Welt setzte, fehlerhaft gewesen sei. Viele der Vorwürfe mögen sogar stimmen, Opposition wird im Iran nicht gerne gesehen, Menschen werden unterdrückt - aber warum trifft das dann nicht auch für Italien zu? Gerade für Italien, Mitglied der EU, quasi ein Nachbarland unsererseits? Mangelt es dem Iran, mangelt es Ahmadinedschad an Modepüppchen, die er gassiführen könnte?

Mit dem Nachbarn Italien legt man sich nicht an, selbst wenn dort der Sensenmann wütet. So hielten es einst schon die biederen Demokraten der Weimarer Republik, die sich ihrerseits ebenso wenig um die Belange jenseits der Alpen kümmerten. Aber der Iran, auf dem Objekt der Begierde sitzend, mitten in einer geostrategisch wichtigen Weltregion, muß noch teuflischer als der Teufel selbst umschrieben werden. Die Interessen sind die altbekannten. Wer Diktator ist und wer nicht, das entscheidet hierzulande nicht die (journalistische) Objektivität, sondern die wirtschaftliche Interessenlage, das entscheidet maßgeblich das Verlautbarungsorgan des deutschen Stammtisches, das entscheiden Diekmann und Konsorten. Da können noch so oft menschenunwürdige Zustände auf Lampedusa auftreten, noch so oft Sinti und Roma aus den Städten Norditaliens vertrieben werden, noch so oft Bürgerwehren unerwünschte Köpfe in Neapel oder Mailand demolieren - für uns hat Italien demokratisch zu sein. So wie der Iran schon in der Zeit vor Ahmadinedschad als totalitär und rückständig gegolten hat, obwohl in dieser Ära die Alphabetisierungsrate anstieg, gerade auch immer mehr Frauen lesen und schreiben lernten, obwohl zeitgleich - und als Resultat der Alphabetisierung - sich die Geburtenkontrolle bemerkbar machte und Wahlen immer wieder zu Regierungswechseln führten - all das, als Spiegelbild sich demokratisierender Zustände, spielte seinerzeit schon keine Rolle. Indem man den Iran trotz tendenzieller Demokratisierung international ächtete, hievte man einen Mann wie Ahmadinedschad auf den Chefsessel der Nation. Der angeblich Irre aus Teheran ist durchaus als Reaktion auf diese Ächtung zu verstehen.

Der zeitgenössische Diktator wird nicht an den Zuständen in seinem Land gemessen, er wird nach dem Nutzen für unsere Gesellschaft kaschiert und gedeckt, so wie Demokraten zuweilen zu Tyrannen umfunktioniert werden, wenn sie sich zu demokratisch gebärden. Der Grund, warum Berlusconi sich in der BILD erigiert, ist sicher nicht seine unbremsbare Libido - weil Knochen knacken, weil Blut fließt, weil die dortige Polizei rüde auf unliebsame Menschen eindrischt, Leberwursttaktiken anwendet, wie einst die Polizei Berlins, nur noch rüder, noch gewaltsamer, daher ist Berlusconis senile Geilheit Thema. Er hat kein Diktator zu sein, weil es nicht in unserem Interesse liegt, dass er ein solcher ist. Darum spielt er den notgeilen alten Bock, als Gegenentwurf des demokratischen Diktators...

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Liberal sein bedeutet, alles zu belassen, wie es ist

Freitag, 10. Juli 2009

Quatsch! Was uns an dieser sozialistischen Gleichmacherei stört ist doch weniger der Umstand, dass alle ungefähr im gleichem Rahmen verdienen würden. Das stört uns jedenfalls insofern nicht, wenn wir von denen sprechen, die diese Gesellschaft arbeitend oder verwaltend am Leben halten. Leistungsträger sollten selbstverständlich nicht im engen Korsett fast gleichhoher oder besser –niedriger Löhne entlohnt werden. Aber was darunter, unter dem Leistungsträger geschieht, da sind wir doch liberal. Wenn die Menschen Gleichmacherei des Lohnes wollen, na bitte, dann stehen wir dem nicht im Wege. Es ist ja auch gelebter Liberalismus, die zum Himmel schreiende Dummheit der Werktätigen und der Unterschicht zu akzeptieren.

Aber Liberalismus hat Grenzen. Das muß man wissen. Gleichmacherei kann nicht überall geduldet werden. Wenn fünfundneunzig Prozent der Menschen einen Pauschallohn wollen, dann bitte, das verstehen wir zwar nicht, aber wir dulden es, ganz im Geiste unserer liberalen Ahnherrn. Doch wenn durch Gleichmacherei Strukturen verschwinden, Hierarchien bröckeln, die Ordnung erlischt, ja dann kann man doch selbst als Liberaler nicht mehr freiheitlich gesonnen bleiben, dann muß man erst mal unfrei denken, damit man frei bleiben kann.

Man stelle sich nur mal vor, der Angestellte, der sich ein eigenes Büro erarbeitet hat, würde sich nicht mehr besser und wichtiger fühlen, als solche Angestellten, die sich in Gruppen- und Großraumbüros selbst überwachen; diese wiederum wären sich dessen nicht mehr bewusst, einen höheren Stellenwert zu haben, als die armen Trottel die in hitzedurchfluteten Werkshallen Fließbändern hinterherhetzen. Letztere fühlten sich nicht stärker als solche, denen die Fließbänder längst enteilt sind, die also erwerbslos wurden; während die Erwerbslosen selbst nicht mehr mit stolzer Miene auf Obdachlose herabsähen. Und wer ohne Dach ist, der labt sich eben an der Rechtlosigkeit von Asylanten, erfreut sein eigenes Vegetieren am Siechen der Asylhoffenden.

Wenn nun all diese Gruppen, andere freilich auch, die ich hier der Kürze wegen nicht erwähnt habe, einen ziemlich gleichen Lohn hätten, der Angestellte in etwa so viel verdienen würde, wie ein Erwerbsloser, dann wäre das zwar durchaus seltsam, aber irgendwo noch begreiflich und beherrschbar. Wenn aber die sozialistische Gleichmacherei diese Herrschaftspyramide kippt, eine horizontale Hierarchie installiert, die vielleicht nicht perfekt funktionieren, die aber die Dialektik der Massen schleifen würde, so dass diese sich nicht mehr von oben herab führen oder zügeln oder aufwiegeln ließe, dann ist ein Maß an Freizügigkeit gegeben, welches selbst wir Liberalen nicht mehr dulden können.

Zahlt man ihnen einen Lohn in den Grenzen von Gleichmacherei, läßt dabei die Leistungsträger, also die Herren dieser wunderbaren Welt, außer Achtung, so ist diese altruistische Mentalität am Ende vielleicht sogar barer Vorteil für die stillen und lauten Anführer unserer Welt. Man könnte sich große Summen sparen, die kostentreibende Berechnung der Löhne fiele weg, so wie die Arbeitskräfte, die solche Berechnungen betrieben haben. Aber wenn die Hierarchie kippt, und sei es nur die Hierarchie innerhalb des Fußvolkes, so kippt früher oder später – wahrscheinlich früher – auch die Potenz der Herren.

Was wäre denn los, wenn ein Bürohengst nicht mehr verächtlich auf einen schwitzenden und stinkenden Fließbandritter hinunterblicken würde? Wie soll das denn gut gehen, wenn der Arbeitende nicht voller Argwohn seinen Nachrücker, der Nachhut der industriellen Armee, den Arbeitslosen entgegentreten könnte. Am Ende begriffen diese Menschen, dass es keine Menschen mit Mehrwert gäbe, selbst dann nicht, wenn sie Mehrwert schafften. Wie soll denn diese Gesellschaft noch vorwärts kommen, Fortschritte machen, wenn man den verschiedenen Gruppierungen nicht mehr drohen könnte? Wenn man beispielsweise einem Sachbearbeiter nicht mehr fragen kann, ob er denn zukünftig so stinken möchte, wie sein Kollege in der Montagehalle? Oder den Erwerbslosen nicht mehr sachlich darauf aufmerksam machen dürfte, ob er denn nicht Angst habe, einmal so rechtlos zu werden, wie sein sudanesischer oder nigerianischer Mitmensch, der seine Rechte ja schon in der Wüste, auf der Ladefläche der Menschenschlepper zurückgelassen hat? Wie sollten wir vorankommen, wenn nicht mit diesem Schlangengift?

Geld ist da nur Randerscheinung. Hierzulande arbeiten Menschen für Aufwandsentschädigungen. Sie arbeiten teilweise höchst motiviert, weil man ihnen Hoffnung macht, weil man sie wissen läßt, dass sie besser sind als solche, die nicht einmal die Aufwandsentschädigung in Anspruch nehmen möchten. Sie arbeiten ohne Lohn, aber sie arbeiten: das läßt sie in der gesellschaftlichen Hierarchie aufsteigen. Wir haben erkannt, dass der Verdienst nur ein Faktor ist, denn wichtig ist die Hierarchie – die Hoffnung hofft nicht auf dicke Gehaltsschecks, sie hofft auf den Aufstieg in der Pyramide. Arm sein und naserümpfend einige Treppenstufen hinabblicken zu können: so läßt es sich leben. Aber wehe der Gesellschaft, die auch nur daran denkt, diese Stufen abzutragen, Häuser nur noch ebenerdig zu bauen!

Und nicht auszudenken, wenn diese Spinnerei vom Gleichmachen auch noch global angewandt würde. Wenn man ganze Völker auf gleicher Augenhöhe behandeln würde. Unser Wohlstand wäre dahin. Nicht unserer in dem Sinne, denn wir Leistungsträger sind unantastbar, aber der relative Wohlstand der fünfundneunzig Prozent würde schwinden. Damit könnten wir noch leben; uns ist es egal, ob jeder Erwerbslose auch satt wird. Aber wenn er nicht mehr erfüllt von Dankbarkeit seinem Gott huldigt, der ihn in Europa und nicht in Afrika auf die Welt beförderte, dann bröckelt alles, dann gehen wir alle zugrunde. Und dieses Wir sind dann wir alle, auch und vorallem wir Leistungsträger.

Nichts gegen Gleichmacherei, wo sie angebracht ist, das heißt, wo sie keinem wehtut oder bestenfalls eine Modeerscheinung ist. Aber Ordnung muß nicht nur sein, sie muß bleiben. Liberal zu sein bedeutet, alles so zu belassen, wie es ist. Wir können uns keine Welt vorstellen, in der wir nicht anhand von Treppenstufen aufhetzen, motivieren und mundtot machen können. Mit einer Lohnerhöhung haben wir bis heute kaum Leistungssteigerungen bewirkt, aber wenn wir dem Angestellten einen Mitmenschen vorführen, der seit Jahren in Arbeitslosigkeit lebt, dann blüht er auf, dann merkt er erst, wie gut es ihm in seiner Not doch eigentlich geht. Dann lächeln wir verständnisvoll, nicken großzügig, weil wir ihm Meinungsfreiheit zugestanden haben, aber schleudern im knallhart ins Gesicht, dass er auf hohem Niveau jammert. Wie sollen wir die Not denn anders verwalten, wenn nicht mit den Nöten der Anderen, die wir dem Notleidenden vor Augen führen? Wir können den Armen dieser Gesellschaft ihr mieses Leben nur dadurch erträglich machen, indem wir auf noch miesere Lebensentwürfe deuten. Wenn ein liberal gesitteter Mensch glaubt, er müßte die Not im Keime ersticken, dann ist er kein Liberaler, dann ist er Gleichmacher, Sozialist, irgend so eine Form von Kommunist, ein Roter eben, ein Träumer und Phantast, ein Terrorist letztlich, der unsere Gesellschaft zerdeppern will. Man muß solche Leute unfrei machen, damit sie die Freiheit nicht beflecken.

Wenn der Penner Geschichte wird, dann wird auch der Leistungsträger Geschichte. Daher brauchen wir den Penner, damit wir auch weiter gebraucht werden. Wir sind ihm dankbar, wir sind froh, dass es ihn gibt – zeigen dürfen wir es ihm aber nicht. Voll Dankbarkeit treiben wir ihn an, damit er gefügig bleibt; voll Dankbarkeit verweisen wir auf ihn, nennen ihn ein Negativbeispiel, fragen Kinder, ob sie denn mal so werden wollen, wie diese abgerissene Gestalt; voll Dankbarkeit benutzen wir ihn als Treibstoff des Fortschritts. Würde nicht ständig die Not des endgültigen Abstiegs, diese zu Fleisch gewordene Ausweglosigkeit des Niedergangs, in den Köpfen der Menschen herumspuken, wäre die Hierarchie auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet und mit ihr, lägen auch wir dort. Und früher oder später – wahrscheinlich auch in diesem Falle früher – läge dort die ganze Menschheit. Denn was wäre sie ohne uns?

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Sit venia verbo

"O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte ...
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann ...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser --?
Ja, dann ...
Ja, dann verdienst dus nicht besser."
- Kurt Tucholsky -

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Jung und feige

Mittwoch, 8. Juli 2009

Die Tapferkeit, gerade jene vor dem Feinde, ist wieder salonfähig geworden in dieser Gesellschaft. Zumindest arbeitet man darauf hin, sie wieder zum Diskussionsstoff auf rauschenden Festen und Bällen unserer Eliten zu erheben. Es ist Ihr Verdienst, ungeliebter Herr Jung, wenn Herrschaften von Rang und Namen - sie im Abendkleid, er im Smoking - mit militärischen Vertretern parlieren, dabei den heldenhaften Mut „unserer Jungs“ loben und voller Ehrfurcht der blutigen Geschichten lauschen, die man sich dann an solchen Abenden, die übrigens dann auch mit Uniformen und allerlei Orden durchzogen sein werden, über sich ergehen lassen muß. Ja, Sie sind der Verwirklicher und Visionist der uniformierten Gesellschaft, einer Militärgesellschaft, in der wieder Märsche gespielt und Orden poliert werden dürfen. Ein billiger Visionist freilich, weil Sie ja eigentlich keine Visionen haben, sondern nur ordinär im preußischen Geschichtsbuch herumblätterten, um historische Leichname wiederzubeleben – aber zu mehr reicht es scheinbar in jenen gesellschaftlichen Regionen, in denen Sie, Herr Jung, paradieren, ohnehin nicht mehr.

Sie lassen also Orden verteilen, mit denen die soldatische Tapferkeit hervorgehoben werden soll. Was zudem auffällt ist, dass Soldaten nicht mehr getötet werden, nein, heute fallen sie wieder – und es ist eine Frage der Zeit, wann man sie erneut blumig im Felde zurückläßt. Stellen Sie sich nur vor, Herr Jung, das Publikum würde begreifen, dass Tapferkeitsorden direkt mit dem Tode verbunden sind. Das wäre für Sie eine Katastrophe! Denn vom gestanzten Blech tropft das Blut nur so herunter. Afghanisches Blut ebenso wie deutsches, menschliches wie tierisches, Greisenblut wie Kinderblut, weibliches und männliches – die Tapferkeit des Soldaten, die Erbarmungslosigkeit des Krieges, kennt keinen Unterschied. Die von Ihnen postulierte Tapferkeit ist die große Gleichmacherei des Schlächterhandwerks - Gleichmacherei im Namen der westlichen Gesellschaft, der Gesellschaft des gelebten Individualismus. Und weil dem so ist, weil der rote Lebenssaft nur so rinnt, sterben eben keine Soldaten mehr, sie werden nicht einmal getötet oder gar zerrissen oder enthauptet, nein, sie fallen, sie fallen einfach um. Das wirkt unblutig, wenn gefallen wird, als habe einfach das Herz zu schlagen aufgehört. Dies ist die Tapferkeit deutscher Soldaten, sie fallen unspektakulär – paßt irgendwie nicht zusammen, es ist schwer, einem (hin-)fallenden Soldaten Tapferkeit attestieren zu wollen. Aber Sie werden schon nicht wissen, was Sie da tun.

Nun häufen sich ja die Berichte, wonach sich die Bundesregierung, deren Bestandteil Sie ja auch sein sollen, verstärkt auf soziale Unruhen einstellt. Nebenher fordern Leute aus Ihren Reihen, die Bundeswehr, dieses Heer tapferer Krieger, verstärkt ins Inland zu holen. Was darf man sich denn erhoffen, Herr Jung? Wie läuft das dann? Wenn meinesgleichen auf die Straße tritt, verärgert und im Gefühl des Verarschtwerdens und -seins, vielleicht sogar mit knurrendem Magen, wenn dann Soldaten auflaufen, Gewehr im Anschlag, mutig auf Köpfe, heldenhaft auf Bäuche, tapfer auf Aorten zielend - werden Sie dann auch Medaillen verleihen? Wie ist das, Herr Jung, wenn ein pflichtbewusster Soldat mir, dem protestierenden Teilnehmer eines Massenmarsches, todesmutig auf meinen Oberschenkel zielt, dabei versehentlich meine Schädeldecke durchlöchert? Bekommt ein solcher Kerl die Tapferkeitsmedaille? Weil er meine Person, Vater zweier Kinder, aus der Welt geschossen hat? Gilt dies auch noch, wenn herauskommt, dass er eigentlich nicht tapfer meinen Kopf durchschießen wollte? Und habe ich, das heißt meine Erben, Anteil an der Bonusprämie? Ohne mich hätte es ja dann diese Tapferkeit gar nicht gegeben...

Also, wie ist es nun, Herr Jung? Wenn Sie es für notwendig erachten, deutschen Soldaten fern der Heimat, im Kampf gegen eine schlecht ausgerüstete Miliz, eine Handvoll Streithammeln, zu ehren, dann müßte doch der deutsche Soldat an der Heimatfront, Auge in Auge mit Hunderttausenden oder Millionen von Demonstranten, mit dieser Übermacht des Feindes, erst recht honoriert werden. Und natürlich darf geschossen werden! Tapferkeit setzt das voraus. Und wie ist das dann eigentlich, wenn ein Taliban in Afghanistan einen deutschen Soldaten meuchelt? Wie ist das eigentlich, wenn man einen Tapferen ermordet? Ist man dann nicht tapferer als der Tapfere? Gilt dies dann auch für Demonstranten sozialer Unruhen? Oder nennen Sie das dann Heimtücke, Herr Jung? Und überhaupt: Ist nicht der Wüstentaliban ein artverwandter Typus des deutschen Straßentaliban, der demonstrierend an der Obrigkeit rüttelt?

Ich kann mir jedenfalls nicht helfen, für mich sind beide, meuchelnder Taliban oder tapferer Soldat, mörderische Bestien. Und dann diese Uniformen! Mich erinnert das alles an Zeiten, die ich nur von Bildern her kenne. Es ist sicher unfair, einem jungen Kerl in Uniform die deutsche Geschichte unter die Nase zu reiben. Er ist viel zu jung und zu naiv – Sie nennen das freilich tapfer, was ich naiv nenne – um zu begreifen, dass er im Bunde steht mit uniformierteren deutschen Zeiten. Nein, das wäre unfair. Aber unfair ist es auch, dass ich mich in der Nähe solcher Uniformen krank fühle, am liebsten flüchten möchte, Angst bekomme. Wenn ich eines Tages, wenn das Pulverfass Deutschland doch innerlich scheppert, auf die Straße gehe, mich einreihend in eine soziale Unruhe, mich einer Legion von Uniformen entgegenwerfe – Herr Jung, bin ich dann nicht tapfer, weil ich meine Angst, meine Uniformen-Phobie, überwunden habe? Bekomme ich dann aus Ihrer Hand einen Orden?

Sie indes bekommen keinen Orden, denn Sie sind ein Angsthase. Bei Ihnen wird nicht mehr gestorben, bei Ihnen wird gefallen. Sie haben keinen Mut zur Wahrheit, keinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein solcher Schisser bekommt keine Orden. Sie sind, wenn man es recht bedenkt, der falsche Charakter, um Tapferkeiten zu ehren. Sie sprechen auch nicht von den vielen zivilen Opfern solcher Einsätze. Sie schweigen, haben den Schneid nicht, das afghanische Blut in aller Öffentlichkeit aufzuwischen. Stattdessen tun Sie so, als gäbe es eine solche Blutlache gar nicht. Und dann nennen Sie diesen Einsatz eine Friedensmission – glauben Sie ernsthaft, es macht die Frauen, Kinder und Männer glücklicher, wenn sie wissen, dass sie eine verirrte (oder zielgerichtete?) Kugel im Namen des Friedens getroffen hat? Nein, jemand wie Sie erhält keine Orden, keine Tapferkeitsauszeichnungen. So wie einst Tapferkeit ausgezeichnet wurde, so wurde Feigheit bestraft. Bestrafen Sie sich selbst, Sie armseliger Feigling, treten Sie zurück! Und zuvor überreichen Sie dem afghanischen Volk die Tapferkeitsmedaille - und zwar dafür, dass es seit Jahren zu ertragen hat, von der westlichen Welt tyrannisiert zu werden; dafür, dass die Weltöffentlichkeit das Sterben unschuldiger Afghanen als Kollateralschäden abtut; dafür, dass kleinmütige Schreibtischfeldherrn wie Sie, von Friedenseinsätzen sprechen, während das Blut des Krieges die staubigen Straßen Afghanistans rötet.

Feigheit wurde in Kriegszeiten - und im Krieg sind wir - drakonisch bestraft. Das würde ich nie fordern, denn auch Sie, als personifizierte Furchtsamkeit vor dem Herrn, dürfen in den Genuss der Menschlichkeit kommen. Hasenfüße sind mir als Menschen oftmals sogar viel lieber, nur dürfen sie dann nicht auf solchen Positionen nisten, wo sie sich mit gespieltem Draufgängertum selbst verleugnen müssen. Also, Herr Jung, Ihre Konsequenz? Achso... Sie bleiben feige auf Ihrem Sessel kleben – das war zu erwarten, Sie Held!

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Ökonomisierte Kinder

Montag, 6. Juli 2009

Die bayerischen Grundschulen informieren, dass es „Hitzefrei ab 27 Grad Außentemperatur“ zukünftig nicht mehr gibt. Stattdessen entscheiden nun die Schulleiter selbst, wann bei „besonders großer Hitze“ der Nachmittagsunterricht ausfallen soll, zudem die Hausaufgaben erlassen werden dürfen. Der Vormittagsunterricht bleibt unangetastet – jedenfalls in den meisten Grundschulen. Der Schulleiter kann in Ausnahmefällen aber dennoch das Unterrichtsende verfügen, was aber mit Rücksicht auf arbeitende Eltern tunlichst vermieden werden soll. Selbiges gilt auch für Bayerns Hauptschulen, auch für Ganztagsklassen, die den Unterricht dann in gemilderter Form, bis 16:00 oder 17:00 Uhr über sich ergehen lassen müssen.

Während ältere Schulgebäude mitsamt ihren kühlenden Gemäuern als antiquiert aussortiert werden, gleichzeitig architektonische Funktionalbauten mit gigantischer Frontverglasung und dünnen, leicht aufzuheizenden Außenwänden (nicht Mauern) entstehen, kippt gleichzeitig die Möglichkeit, das überhitzte Kind aus dem Unterricht zu entlassen. Das alles geschieht aus ökonomischer Vernunft, weil man das Kindsein zum reibungslosen Szenario für die Eltern umgestalten will.

Die bayerische Schulordnung wurde nicht nur auf Betreiben der Politik alleine um den Hitzefrei-Paragraphen erleichtert, dahinter standen vorallem Elterninitiativen, die sich für die Abschaffung von Hitzefrei stark machten. Man könne in der bisherigen Form seinen Arbeitstag nicht planen, müßte dann spontan eine Aufsichtsperson finden oder selbst die Aufsicht übernehmen, hätte halt einfach keine Planungssicherheit. Daher hinfort mit Regelungen, die im Wege stehen, hinfort mit der elterlichen Vernunft, hinfort mit medizinischen Bedenken. Wichtig ist zunächst, dass der eigene Spross dem Beruf nicht im Wege steht. Dass es womöglich die gleiche Sorte Eltern ist, die dann bei der Neueröffnung des neuen, modisch verglasten Schulgebäudes überschwängliche Ahs! und Ohs! und Ist-das-schöns! hervorblöken, will man sich gar nicht erst ausmalen.

Auf Bayern Realschulen und Gymnasien, so argumentiert man tautologisch, würde das schon lange so gehandhabt; manche behaupten, dort sei es gar schon immer ohne Hitzefrei gegangen. Als würde es die Unvernunft einer solchen Forderung, die ja nun Realität wurde, in irgendeiner Weise schönen, wenn andernorts ebenso unvernünftig gehandelt wird. Ausgerechnet Bayerns Gymnasien als Vorreiter und Beispiel, ausgerechnet jene Schulform also, die aus Kindern Lernmaschinen macht, ihnen alle Freizeit raubt und sie zu kleinen Kosten-Nutzen-Primaten degradiert!

Was sich abzeichnet ist die vollkommene Ökonomisierung der Alltags, vor der selbst unbedarfte Eltern nicht mehr zurückschrecken. Kinder zu haben soll zukünftig heißen, sich als Erwachsener, als Elternteil, nicht gestört zu fühlen; Kindsein hat zu heißen, in einen Rahmen gepresst zu werden, schnell zu lernen, schnell selbstständig zu werden, schnell nützlich zu sein. Darauf arbeitet der Zeitgeist hin, besonders engagierte Eltern und deren Initiativen werkeln munter mit, beschleunigen den Willen der Eliten, wollen nur das Beste für ihre Kinder, bewirken aber immer wieder schlechtere Zustände, die dann als Verbesserungen präsentiert werden. Anstatt die Politik in die Pflicht zu nehmen, per Gesetz solche Arbeitsplatzmodelle zu erstellen, die den Eltern mehr Freiraum und Zeit ließen, paßt man sich willig den Mißständen an. Das heißt also, anstatt die Veränderung bei den Kindern zu fordern, die so sein sollen, dass sie sich möglichst mit der herrschenden Ökonomie vertragen, sollte an der Ökonomie selbst angepaßt werden - aber das sehen die undogmatischen Dogmatiker aus Initiativbewegungen als Frevel am freien Markt an. Immer wieder beweisen Elterninitiativen, dass sie nichts am Zustand verändern wollen, sondern möglichst pragmatische Lösungen anstreben, die schnelle Problembehebungen versprechen - ohne Rücksicht auf Kinder und Mitmenschen. Die übliche Elterninitiative, meist angeregt von besonders engagierten, beruflich fixierten Eltern, die im Beruf wie auch im Privaten zu einer besonderen Art Großtuerei neigen, ist ökonomisiert, mit elitären Forderungen durchzogen, auf Kosten-Nutzen-Denken getrimmt. Wären sie es nicht, würden sie von Politik und Wirtschaft nicht ernstgenommen. Initiativen, die sich um wirkliches Kindeswohl kümmern, werden als Ausdruck von Anspruchsdenken weggewischt.

Unlängst war zu lesen, dass eine Schulleiterin der Ansicht sei, spätestens, wenn eine Klassenlehrerin aufgrund Hitze ohnmächtig wird – wie kürzlich geschehen -, sei das ein Anzeichen dafür, auch die Kinder heimzuschicken. Diese Aussage klingt in Zeiten ökonomischer Vernünftelei fast schon philosophisch und aufklärerisch, dabei ist sie im rechtem Lichte besehen, doch nur ein Armutszeugnis. Muß denn erst jemand umkippen? Muß sich erst Überhitzung einstellen, um vielleicht doch mal eine Ausnahme zu machen? Gerade das wollte der Hitzefrei-Paragraph präventiv vermeiden. Es ging nicht darum, wie das die berichtenden Medien immer wieder gerne erklären, den Kindern eine freie Spielzeit zu erlauben, sondern um die Tatsache, dass bei großer Hitze nicht gelernt werden kann, zudem ein Risiko auf Überhitzung entsteht. Und in Zeiten hoher Ozonwerte, von denen kaum noch jemand spricht, wäre eine Rückzugsmöglichkeit zu den heißen Mittagsstunden nur allzu vernünftig. Wenn aber dann mehrfach Kinder mit Anzeichen von Überhitzung heimkehren, dann verbünden sich entrüstete Eltern, die vormals schon in Sachen Planungssicherheit verbündet waren, dann lasten sie es den Lehrern an und fühlen sich (wieder einmal) alleinegelassen...

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De dicto

Sonntag, 5. Juli 2009

"Bei uns sitzt man mindestens 15 Jahre, durchschnittlich sind es 17, aber eben nicht lebenslänglich, wie es uns das Wort vorgaukelt.
Dann schon lieber 150 Jahre als Rekordstrafe für einen Rekordbetrüger, selbst wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint."
- BILD-Zeitung, Peter Hahne am 5. Juli 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Wieder einmal befleißigt sich die BILD als Rächer im Namen der Gerechtigkeit, wieder einmal steht die bundesrepublikanische Auslegung von lebenslanger Haft zur Diskussion, und wieder einmal muß der übliche Kinderschänder herhalten, um die angeblich zu lockere Haftmoral dieses Landes zu geißeln. Man fühlt sich an gesellige Stammtischrunden erinnert, in denen solche Themen bei Weißwurst und Brezen, hinuntergespült von einem kühlen Weißbier, in die Runde gebrüllt werden. Auch dort wird der Kinderschänder zum Sujet, damit aus juristischer Vernunft, aus den Rückgriff auf die Menschenrechte, eine emotionale und herzergreifende Debatte entstehen kann. Wie kannst Du nur einen Kinderschänder verteidigen?!

Hahne will in seiner sonntäglichen Philippika allen Ernstes erklären, dass fünfzehn Jahre Haft ein Pappenstiel seien, quasi auf einer Backe abgesessen werden können, während im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch unbegrenzte Haftstrafen erlassen würden. Und mit der gleichen Ernsthaftigkeit ist er bemüht zu erklären, dass mit richtigen Gutachtern und teuren Anwälten, die sowieso schon laxe Strafe nochmal ermäßigt wird. Sowas gilt hierzulande sicher für Ackermanns und Zumwinkels, aber für einen Sexualstraftäter sicherlich nicht - einerseits aus Mangel an der nötigen Finanzierung eines teuren Anwalts, andererseits aber auch, weil man der Justiz nicht ernsthaft vorwerfen kann, sie würde mit voller Absicht, um Eltern potenzieller Kinderopfer zu ärgern und in Angst und Schrecken zu versetzen womöglich, Täter zu früh auf freien Fuß setzen. Die richtigen Gutachter, so könnte man Hahnes Deutung von "richtig" erklären, sind solche, die sich ein positives Menschen- und Weltbild bewahrt haben, in dem ein Sünder nicht zwangsläufig bis in alle Ewigkeit mit seiner Sünde durch sein Leben rennen muß, sich bessern kann, eine zweite Chance erhalten sollte. Und solche richtigen Gutachter lassen fürwahr viele gebesserte Charaktere aus der Haft, ohne dass jemals wieder ein Rückfall stattfindet - natürlich gibt es Ausnahmen. Gutachter geben Prognosen ab, sie können nicht in die Zukunft blicken.

Die Möglichkeit einem Straftäter eine zweite, vielleicht auch eine dritte und vierte Chance zu erteilen, ist keine Willkürtat der deutschen Justiz. Sie fußt auf den Menschenrechten, die lebenslange Haft ohne Aussicht auf Resozialisierung und einem zukünftigen Leben in Freiheit, nicht zulassen. Dieses Denken wiederum rührt geradewegs aus den Fundus christlicher Nächstenliebe, in der es von jeher ein Zeichen von tiefer Menschenliebe war, auch den Sündern nicht ewig ihre Sünden vorzuhalten, sie in die Arme zu schließen und wieder an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Es dürfte ja nicht verwundern, dass sich jene bigotte Tageszeitung über solche Aspekte des Christentums hinwegsetzt, man weiß ja, wie gerne man dort den Papst feiert, über Kirchliches berichtet, aber im gleichem Atemzug gegen vieles wettert, was ein wirklich jesuanisch inspirierter Christ nicht verurteilen dürfte. Es ist eben das Kampfblatt des Klein- und Spießbürgertums, das sich zum ritualisierten Schönwetter- und Sonntagschristentum bekannt hat, und daher nichts weiter als eine Ausgeburt von Bigotterie. Aber wenn sich der Theologe und sich sonst so fromm gebende Hahne so äußert, dann muß man sich fragen dürfen, in welcher Lotterie er sein abgeschlossenes Theologiestudium gewonnen hat.

Was aber die theologische Sophisterei betrifft, das großkotzig geschwungene Wort, das bedeutungsvolle Formulieren von aussagefreien Sätzen und dergleichen, da hat Hahne viel vom Studium profitiert - am Inhalt fehlt es aber... mal wieder. Es ist das Gequatsche eines Laienpfaffen, der viel von Nächstenliebe fabuliert, aber nicht alle Menschen als seine Nächsten betrachtet.

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