§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

Freitag, 29. Mai 2015

Also heuerte ich doch nochmal bei einem Pizza-Service an. Ich brauchte die Kohle und das Jobcenter brauchte mich außerhalb der Statistik. Und der Boss brauchte dringend jemanden, drückte mir bei meinem Vorstellungstermin seinen Autoschlüssel in die Hand und ich fuhr prompt Pizza über die Ortschaften am Rande der Stadt. Ich hatte selten so widerliche Zeug gegessen wie das, was aus seiner Küche kam. Der Stundenlohn war ein Witz. Aber ich wollte eben meine Ruhe vom Jobcenter, weniger Termine dort über mich ergehen lassen und nicht dauernd mit Maßnahmen gedroht bekommen.

Nach meiner spontanen Fahrt stellte er mich ein. Er hieß Heinrich und ich sollte ihn duzen. Sein Laden war nicht sehr sauber. Er auch nicht. Der Typ war sicherlich jenseits der Sechzig oder einfach nur verbraucht. Gelernter Koch. Jetzt pantschte er Pizza zusammen und brachte sie an den Mann. Heinrich war vielleicht kein Nazi, aber einer dieser Alltagsnationalisten war er sicherlich. In seinem Büro hing eine Deutschlandfahne und auf seinem Handy-Display prangte ein unförmiger Reichsadler. Von Ausländern hielt er nicht viel, dass ich aber so gut Deutsch gelernt hätte, rechnete er mir groß an.
   »Ich finde gut, dass du so ordentlich unsere Sprache sprichst.«
   »Wieso auch nicht, Heini?«
   »Wegen deiner Herkunft.«
   »Ach deswegen meinst du … du, ich bin hier geboren.«
   »Wie sollen wir hier zu dir sagen?«
   »Wie meinst du das?«
   »Könnten dir ja einen deutschen Namen verpassen. Das macht die Sache für uns hier einfacher.«
   »Was ist an meinem Vornamen kompliziert?«
   »Papperlapapp, ich werde dich Berti nennen. Wie findest du das?«
   »Mach das, Adolf.«
   Heinrich grinste. Das gefiel ihm und er tätschelte mir den Hintern. Möglich, dass er schwul war. Keine Ahnung. Ich habe das nie so richtig herausgefunden.
   »Ach Berti … ich kannte mal einen Berti. Ich mochte ihn wirklich sehr.«
   »Wer kennt keinen Berti?«, antwortete ich.
   »Ja, ich mochte den Berti wirklich sehr. Hat mir viel bedeutet ...«
   Das Telefon klingelte und ich bereitete alles für meine Abfahrt vor, während Heinrich Pizza buk, las ich im Stadtplan, wohin die Reise mich führte. Über seinen Berti sprach er nie wieder. Ich war nun sein Berti.

Zwei Tage später schickte er mich in eine Kaserne, die im Umland lag. Der Wachdienst hatte mehrere Pizzas bestellt. Es waren wohl Stammkunden. Als ich dort ankam, war der Offizier vom Wachdienst und zwei weitere Handlanger damit beschäftigt, einen Flaggenappell abzuhalten. Alle benahmen sie sich wie die Roboter und behandelten das Stück Stoff wie ein Heiligtum. Ich eilte mit meinen Kartons zum Wachhäuschen, in dem ein Soldat steif stillstand, und klopfte ans Fenster. Er schaute sich mit giftigen Blick zu mir um.
   »Hallo, Sie haben Pizza bestellt.«
   »Nicht jetzt«, zischte er.
   »Hat vielleicht ein Kollege von Ihnen bestellt?«
   »Ruhe!«
   »Bin ich hier falsch?«
   »Hier findet ein militärisches Zeremoniell statt. Warten Sie einfach einen Augenblick.«
   Der Offizier hatte die Flagge jetzt gefaltet und trug sie wie ein Tablett mit Spiegeleiern vor sich her. Die beiden Tölpel marschierten hinter ihm her.
   »Leider habe ich keinen Augenblick.«
   Er sagte nichts. Rührte sich auch nicht.
   »Dann nehme ich die Sachen halt wieder mit. Schönen Tag noch.«
   »Bleiben Sie da, verdammt nochmal.«
   Der Offizier betrat jetzt das Wachhäuschen und übergab den Fetzen einen Kollegen. Dann trat er an mich heran:
   »Gibt es hier ein Problem?«
   »Haben Sie Pizza bestellt?«
   »Der Mann wollte den Appell nicht abwarten«, fiel der Typ, der die Pizza vorher nicht haben wollte, uns ins Wort.
   »Sie sollten auch als Zivilist Respekt vor den Hoheitszeichen unseres Landes zeigen. Das Einholen der Flagge ist eine zentrale Dienstvorschrift. Etwas Achtung würde nicht schaden.«
   »Wissen Sie, ich habe nicht das Glück, eine Stelle zu besetzen, in der ich mir solchen Schnickschnack erlauben kann. Wenn ich hier eine Viertelstunde warte, entgeht mir Trinkgeld und mein Chef löchert mich ewig, was ich solange angestellt habe.«
   »Schnickschnack?«
   »Na, ich meine halt, wer in trockenen Tüchern sitzt, der kann sich Vaterland und so ein pomadiges Einholen der Flagge erlauben.«
   »Ich werde mich über Sie beschweren.«
   »Haben Sie nun bestellt oder nicht?«
   Die Typen bezahlten, gaben mir kein Trinkgeld und ich setzte mich wieder in Heinrichs Auto und fuhr davon.

Im Laden eilte Heinrich auf mich zu und raunzte mich noch am Türabsatz an.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«
   »Ich kann das erklären. Die Typen hatten dort die Ruhe weg, weil ...«
   »Hör mir mit den Ausreden auf«, fiel er mir ins Wort und kniff mir in den Arsch.
   »Das sind keine Ausreden, die haben sich nicht beeilt ...«
   »B-e-e-i-l-t? Ja, spinnst du denn völlig? Beim Einholen der Flagge beeilt? Warst du denn nie beim Bund?«
   »Nein, ich habe verweigert.«
   »Ach, du liebes Bisschen. Ein Zivi in meiner Küche!«
   »Das ist doch schon lange her.«
   »Na und? Der Bund ist die Schule des Lebens und wer die nicht absolviert hat, kriegt nie ein Bein auf den Boden.«
   Heinrich ging auf und ab. Das Telefon schrillte, aber er nahm den Hörer nicht ab. Sein Gesicht wurde rot, er stiefelte von einer Ecke in die andere.
   »Das hättest du mir vorher sagen sollen. Und ich dachte, da mache ich was Gutes, hole mir einen Ausländer in den Laden, der fast fehlerfrei Deutsch spricht.«
   »Fast fehlerfrei?«, rief ich belustigt.
   »Es ist doch immer dasselbe … nein, Kollege, so geht das nicht. Man muss vor staatlichen Einrichtungen Respekt haben. Du entschuldigst dich jetzt bei denen.«
   »Nein, Heinrich, das kannst du vergessen.«
   »Fahr hin und entschuldige dich – oder du brauchst nicht mehr kommen.«

Ich traf meine Entscheidung, holte meine Fahne ein, ließ mich auszahlen und Heinrichs Pizza-Service tat es mir etwa drei Monate später gleich und holte ebenfalls seine Fahne ein.

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Gute Idee im schlechten Umfeld

Donnerstag, 28. Mai 2015

Nach dem Volksentscheid und seinen Folgen für die homosexuelle Ehe in Irland, sehen einige jetzt wieder mal die Zeit gekommen, auch in Deutschland mehr Volksentscheide zu initiieren. An sich eine gute basisdemokratische Sache. Nur die Rahmenbedingungen machen skeptisch.

Natürlich hat man als Linker ein Faible für starke Elemente der Mitsprache in allen möglichen Bereichen. Wenn links sein überhaupt etwas bedeutet, dann dass man vehement dafür ist, dass sich Menschen selbst verwalten, organisieren und dementsprechend partizipieren müssen an notwendigen Entscheidungsfindungsprozessen. Referenden sind besonders unter Linken klassische Mittel, für die man grundsätzlich eintreten sollte. Ich finde die Argumente dafür auch völlig nachvollziehbar. Aber die ganze Sache bereitet mir Bauchschmerzen. Denn aus irgendeinem Grund gehen wir von einem optimalen Zustand aus, der da lautet: Belesener und klug abwägender Bürger trifft seine Entscheidung. Und exakt an dieser Stelle kommt die hübsche Theorie ins Trudeln. 

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Das Vergasen und der »Zwei-Minuten-Hass«

Mittwoch, 27. Mai 2015

Ich will diesen idiotischen Videoblogger, der die Lokomotivführer ins Gas schicken wollte, nicht verteidigen. Was gäbe es da auch zu verteidigen? Aber dass gewisse Menschen ihre sonderbare Charakterlosigkeit in diesem gesellschaftlichen Klima, das wir gerade erleben, gar nicht mehr in Zaum halten können, darf doch eigentlich nicht verwundern.

Die allgemeine Stimmung ist eindeutig. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer ist eine Bande von Saboteuren. Weselsky ein Hundsfott. Alle, die den Streik nicht in Bausch und Bogen verurteilen, gefährden das Gemeinwohl. Man führt detailliert und minutiös auf, was die Lokomotivführer veranstalten und wie gemeingefährlich sie und ihre Administration sind. Diese Gewerkschaft sei eine kleine Diktatur, die das ganze Land in Sippenhaft nehme und der Chef zeige anständigen Autofahrern auf der Autobahn auch noch den Mittelfinger. Zwischen Nordkorea und GDL scheint kein großer Unterschied zu herrschen. Jeder schlechte Comedian macht Witze über die faulen Lokomotivführer. So gut wie jeder Radiomoderator spult billige Streikwitze ab. Die Stimmung ist eindeutig. Das Klima bereitet. Das ist das Milieu, aus dem Typen wie dieser Videoblogger kriechen.

Solche denken ernsthaft, dass sie die Zeichen der Zeit richtig deuten. Die Indoktrination des Mainstreams ist so total, ja so totalitär, dass eine alternative Sichtweise quasi nur noch als Anzeichen gröbster Spinnerei deklariert wird. Weil ganz Deutschland nur eine Meinung und Ansicht zu haben scheint, werden auch unflätige Vorschläge nicht mehr versteckt. Man wünscht der GDL ja alles mögliche. Ins Gas zu schicken ist natürlich nicht nur geschmacklos, sondern auch geschichtsvergessen und unmoralisch, aber für gewisse Leute mit beschränkter Haftung im Oberstübchen, scheint auch so eine Hasstirade noch in Ordnung zu sein. Warum auch nicht, schließlich hasst ganz Deutschland diese Verbrecher auf Schienen.

Das ist ja der Grund, warum man öffentliche Wut nicht medial anfachen sollte. Sie endet immer mit solchen Auswüchsen. Es gibt immer Typen, die nicht wissen, wann das Maß voll ist. Die noch einen draufsetzen, weil die allgemeine Stimmung im Lande ihnen gewissermaßen eine Legitimität zu noch wütenderer Wut und noch hassenderem Hass verleiht. Der Videoblogger ist nicht Breivik, nicht Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe. Aber das Prinzip ist dasselbe. Alle verwechselten sie die Wut, die im Mainstream ausgeschlachtet und noch mal pervertiert wurde, mit einem Freifahrtschein.

Der nicht enden wollende »Zwei-Minuten-Hass« konditioniert manche Menschen regelrecht, diesen Hass zur Grundlage ihres Handelns und Argumentierens zu machen. Dann fallen alle Hemmungen und jede Unmenschlichkeit scheint angesichts dieses Fundaments gerechtfertigt. Man darf sich also nicht wundern, wenn manche in dieser Form an der öffentlichen Schlammschlacht teilnehmen. Worüber man sich wundern darf ist, dass es immer noch so wenige Spinner sind, die sich in dieser Art und Weise auslassen.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 26. Mai 2015

»Mit zwölf ist man in Asien zu alt zum Teppichknüpfen für IKEA, weil die Hände zu groß sind. Man darf aber erst mit 14 bei NIKE anfangen. Da entsteht eine Versorgungslücke von 2 Jahren, die meistens mit Prostitution gestopft wird.«

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Sie müssen sich mich als glücklichen Menschen vorstellen

Freitag, 22. Mai 2015

oder In eigener Sache.

Wie sich das Linke in einer Welt erschöpft, die sich zunehmend nach rechts orientiert, sehen wir am Beispiel der griechischen Regierung. Es ist schwierig, vielleicht fast unmöglich, innerhalb einer Union mit linken Ansätzen zu delegieren, wenn diese Union ungefähr so links angesiedelt ist, wie das Gaspedal in einem handelsüblichen Wagen.

Wieso also dann weitermachen mit dem ganzen Linksdiskurs? Warum über Dinge schreiben, die nur theoretisch bleiben und die sich in der Praxis schleifen? Was treibe ich hier eigentlich? Und verdammt nochmal, welchen Blumentopf glaube ich damit noch zu gewinnen? Die linke Isolation ist doch so offenbar. Man kann sie förmlich anfassen. Sie schneiden wie dicke Luft. Sie werden Syriza hinhalten, bis Neuwahlen unumgänglich sind. Das Streikrecht ist nur noch eine Frage der Zeit. Zwangsschlichtung ist das neue Zauberwort. Standhafte Gewerkschafter werden zu Hitlern erklärt. Der Mindestlohn wird zum Hemmnis publiziert. Was bleibt von linken Ansätzen noch? Außer das hier. Außer Kommentatoren und Blogs? Außer mir und einigen anderen, die noch Hoffnungen hegen? Außer das, was zuletzt stirbt - aber eben stirbt?

Linke Wirtschaftskonzepte haben keine Epoche. Derzeit? Gar nicht mehr? Das kann man nicht beantworten. Wir sehen gerade zu, wie der letzte Funken linker Auffassung erstickt wird. Und einige verlorene Seelen schreiben dagegen an. Ich bilde mir nicht ein, dass meine Schreibe irgendwas ändern könnte. Als junger Mann war ich kurzzeitig so vermessen, dass ich das glaubte. Aber auf mich wartet keiner. Ich sitze hier an meinem Rechner und tippe und weiß, dass es völlig egal ist, ob ich es tue oder nicht. Sie machen Syriza nieder. Mit mir - und ohne mich. Sie diabolisieren streikende Gewerkschaften. Mit mir - ohne mich. Es ist einerlei. Aber ich mache es halt trotzdem. Wirklungslos wie eh und je. Man muss sich diesen Kerl als glücklichen Menschen vorstellen. Nun gut, vielleicht nicht völlig. Doch hin und wieder schon. Es ist halt mein Gesteinsbrocken, den ich da rolle.

Lieber Leser, wenn Du magst, so darfst Du ad sinistram unterstützen. Entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Ich teile Dir gerne meine Kontodaten mit. Und wer noch keines hat, kann auch gerne eines meiner bislang zwei Bücher bestellen. Vielen Dank. Gedankt sei auch all jenen, die mich immer wieder unterstützen.

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Das Aussitzen und seine Folgen

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer bewege sich keinen Zentimeter. So jedenfalls der Tenor der meisten Medien. Dass aber auch die Deutsche Bahn stur ist, erwähnen sie eher nicht. Das hat seine Gründe. Denn Aussitzen ist in diesem Land zu einer anerkannten Herrschaftsmentalität geworden.

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) lässt einfach nicht locker. Wie kann man nur so stur sein! Gut, die Deutsche Bahn legt dieselbe Haltung an den Tag. Und doch ist es nicht dasselbe. Denn was die Deutsche Bahn tut, ist etwas, was man in Merkel-Deutschland perfektioniert hat, wenn man für irgendwas verantwortlich ist: Man sitzt aus. Gnadenlos und ohne Hemmungen. Wird man unter Druck gesetzt, müsste man eigentlich reagieren und endlich aus dem Quark kommen, lehnt man sich zurück, verschränkt die Arme oder macht mit den Fingern eine Raute und sitzt und sitzt und – genau: sitzt. Außerdem sagt man nicht viel, wenn man so in der Gegend hockt. Man wird kleinlaut, redet nur das Nötigste. Und je mehr von einem erwartet wird, dass man sich zur Sache äußert, desto leiser und zurückhaltender, ja unsichtbarer wird man. Diskretion wird just dann zu einer Tugend, wenn man eigentlich auf die Bühne sollte.

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Neue Menschen für die Liberalen

Mittwoch, 20. Mai 2015

Die FDP hat wirklich alles versucht. Jedenfalls ihrem Selbstverständnis nach. Jetzt hat die Parteispitze endlich eingesehen: Nicht die Partei muss sich ändern, sondern die Menschen müssen so werden, dass sie die Partei wählen können. Die damalige Abwahl war kein Schock. Sie hat den Größenwahn nur noch vergrößert.

Martin Schutt / DPA
Die vielen Tieflagen bei den Umfragen, als man noch Koalitionspartner war, hatten die Liberalen in Bewegung versetzt. Jedenfalls rhetorisch. Man wollte mehr Profil zeigen und wieder beweisen, wofür man stehe. Gut, kapiert hat keiner so genau, wofür denn nun eigentlich. Oder sagen wir so: Man dachte sich einfach, dass die Bande nichts anderes mache wie immer. Steuersenkungspolitik für Reiche, Verklärung von Ausbeutung und Heiligsprechung jeglichen Unternehmertums. Aber rhetorisch tat man wenigstens noch so, als habe die FDP nun zu liefern, sich zu bewegen und sich neu auszurichten. Man zeigte oberflächliche Demut und wollte ein klein wenig geläutert herüberkommen. Geglaubt hat denen das damals freilich keiner. Man kannte sie ja. Aber die Partei war noch feige genug, nicht völlig die Bodenhaftung zu verlieren.

Tja, die FDP war dann plötzlich nicht mehr im Bundestag. Und mancher glaubte, jetzt formierte sich ein neuer Liberalismus. Ein Werteliberalismus, den man lange vermisst hatte. Einer, wie ihn Gerhard Baum vertrat und der »liberal« als ein Lebensgefühl und nicht als Geschäftsgrundlage verstand. Aber nichts da! Der Größenwahn packt manchmal genau die, deren Größe in etwa auf den Niveau eines Fliegenschisses liegt. Und so will sich jetzt dieses letzte Aufgebot dieser Bande nicht mehr verändern, um wieder wählbar zu werden. Nun sollen sich die Menschen ändern. Die Menschen sollen ihre Mentalität reformieren, meint der Messias mit dem blonden Seitenscheitel. Nur so wäre die FDP wieder eine Option.

Nicht übel! Wo andere sich Gedanken machen, was sie falsch gemacht haben, outsourct der ausrangierte Flügel des Wirtschaftsliberalismus einfach das eigene Versagen und macht die Leute dafür verantwortlich. Weil sie von der Mentalität her so fehlerhaft programmiert sind, kam es für die FDP zum Desaster. Und nur wenn man Mentalitätsreformen einleitet, kann Lindners kleine Privatpartei wieder punkten. Der neue Mensch machts. Der neue Menschentypus war immer schon die letzte Flucht derer, die keiner verstanden hat. Eine Portion Megalomanie muss dann schon sein, um den neuen Menschen zu propagieren. Auch wenn es gar nichts mehr gibt, was irgendwie mega wäre. Gerade dann!

Diese Partei ist nicht therapierbar. Sie ist Ausdruck eines Größenwahns, der einst an den Börsen begann, über die Realwirtschaft und Sozialstandards herfiel und nun noch als außerparlamentarischer Zappelphilipp herumalbert. Das ist das Profil dieser Partei: Größenwahn. Den hat man hinübergerettet in die mandatslose Zeit. Und je schlimmer die eigene parteiliche Situation, desto lauter die Durchhalteparolen aus dem gelben Bunker. Kapitulation ist nicht. Die Menschen sollen kapitulieren und eine bessere Mentalität annehmen. Oder sie gehen halt unter, weil sie es nicht wert gewesen sind. Ach, wie lächerlich sich die Rhetorik deutscher Wichtigtuer doch manchmal gleicht.

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Auf den ersten Blick

Dienstag, 19. Mai 2015

Heute: Der ewige Gewinner, der auch mal verlor, Josep Guardiola.

Quelle: FAZ
Der Mann hatte alles, was man für einen deutschen Sportreporter haben musste. Er wirkte agil, wie eine Gazelle der Coaching-Zone und hatte nebenbei Erfolg. Wobei Erfolg meint: Der Kerl hat einfach alles gewonnen, was es so zu gewinnen gab. Meisterschaften, Champions Leagues und hin und wieder als Trostpflaster und zur Aufwertung der persönlichen Bilanz ein nationales Pokalchen. Und weil dem so war (und eigentlich noch so ist), hat man Guardiola stets als jemanden bildlich dargestellt, der wie der geborene Sieger aussah. Selbstbewusst und stark. So ging es über Jahre. Jetzt stiert er in den Boden, weil die Saison nicht ganz so erfolgreich abgeschlossen wurde. Es gab Niederlagen, wie es sie in jedem Sport mal gibt und der Siegertyp wird abgebildet wie einer, der noch nie eine Ahnung vom Siegen hatte.

Quelle: Focus
Vorher war er die Lichtgestalt des deutschen Vereinsfußballs. Und so sah er aus neben den Artikeln, die seiner Person gewidmet waren. Nun ist sein kahler Kopf nicht mehr die Ablage für einen Heiligenschein, sondern in Schatten getunkt. Er sitzt im Halbdunkel und nur sein von Sorgen geplagtes Gesicht blinzelt hervor. Was war der Himmel blau, als er von Sieg zu Sieg eilte und jeder Titel denkbar schien. Der Himmel lachte im Hintergrund azur und er stand strotzend neben dem Spielfeld, ein Hüne von einem Erfolgsmenschen. Unantastbar. Das war natürlich übertrieben, denn wer den Fußball kennt, der weiß, dass man immer verlieren und scheitern kann. Da kann man den Trainer noch so verherrlichend an die Seite eines Textes pappen. In ihm ruht immer auch der Verlierer. Und eines Tages ist es so weit. Und dann hagelt es Niederlagen und miese Pressefotos.

Quelle: Frankfurter Rundschau
Dann sitzt der arme Mann, der sonst nie alleine war, der immer Freunde um sich hatte, jetzt ganz alleine auf seinem Stuhl. Verlierer mag keiner. Auch wenn sie gar keine richtigen Verlierer, auch wenn sie eigentlich eher sowas wie Gewinner mit beschränkter Erfolgsgarantie sind. Der nicht absolute Erfolg macht einsam. Heute mehr denn je. Man ist so unzufrieden geworden. Und Lichtgestalten sind so schnell die letzten Deppen. Auch auf Fotos. Gerade dort. Klar doch, nach einer Niederlage wird man schwerlich Bilder von einem lachenden Trainer machen. Aber warum überhaupt welche? Man weiß doch wie er aussieht. Es gab doch über zwei Jahre nur diesen einen Trainer im Lande. Alle anderen waren Lehrlinge. Er der Meister. Das war er vielleicht doch nicht. Auch nicht auf den Pressefotos, auf denen er als Lichtgestalt in Szene gerückt wurde. Er kochte auch nur mit Wasser. Man hätte das erwähnen sollen früher. Dann sähe der Mann jetzt nicht ganz so traurig aus.

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Wo gearbeitet wird, fallen Streiks

Montag, 18. Mai 2015

Manchmal sind es Kleinigkeiten, auf die man hinweisen sollte. Preziosen, die untergehen im Alltagsbombast. So das wirklich sehr kurze Interview mit Torsten Bewernitz im letzten »Spiegel«. Der ist Herausgeber des Buches »Die neuen Streiks« und setzt den GDL-Arbeitskampf in Relation und noch ein wenig mehr.

Der Mann rückt mit wenigen Sätzen wieder zurecht, was Medienanstalten über Wochen und Monate mit viel »Überzeugungsarbeit«, im Volksmund auch Hetze genannt, in Schieflage gebracht haben. Streik ist eben keine Absonderlichkeit, erklärt Bewernitz. Und der GDL-Streik ist nicht mal besonders schwerwiegend, sondern »kurz und harmlos«. Er erinnert an frühere Streiks, die viel größer waren. 1956 kämpften 30.000 Arbeiter über hundert Tage für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. 1948 sollen mehr als neun Millionen Menschen gestreikt haben. Weshalb muss man den Mann fragen oder halt jemanden, der damals schon denken konnte. Ja, selbst im alten Ägypten gab es schon Streiks. Und die waren sicherlich nicht so zaghaft wie jene der Lokführer. Bewernitz geht leider nicht sonderlich auf diesen Umstand ein. Wie gesagt, das Interview ist kurz und verloren und fiel mal wieder kaum jemanden auf.

Aber dass der Streik eben nicht die Laune von Angestellten ist, denen es offenbar zu gut geht, sondern eine dem homo laboris immanente Eigenart, das sollte man schon nochmal gesondert festhalten. Wo gearbeitet wird, da fallen nicht nur Späne, sondern da liegt der Streik als Mittel der Durchsetzung der Arbeiterwürde in der Luft. Das war nie anders. Wenn es nicht mehr passte, legte man die Arbeit nieder. Jetzt so zu tun, als sei Weselsky ein alter Betonsozialist, ist sowas von an medias res vorbei, dass es zum Heulen ist. Streik gibt es länger als Arbeitervereine und Sozialismus. Und ich wette, dass irgendein ägyptischer Chronist damals in eine Steinplatte hämmerte, dass die Streiks der Pyramidenarbeiter die Wirtschaft gefährde und der Nilregion Standortnachteile bringe. Manches ändert sich nie.

Schlechte Nachrichten hat Bewernitz aber dennoch. Je länger ein Streik dauert, desto mieser das Resultat. Irgendwann sind die Mittel alle und die Ziele verpasst. Konnte man sich denken. Aber gesagt wollte er es sicher mal haben.

Es ist mitnichten so, dass es nicht auch reflektierte Beiträge der Medien zur allgemeinen Anti-Streikwelle gäbe. Die gibt es sogar ganz sicher. Aber halt nur verborgen. Und in aller Kürze. Was in diesem speziellen Fall aber richtig erfrischend ist, denn diese Kürze beweist, dass es manchmal nur vier bis sieben Sätze braucht, um den ganzen Hype zu entlarven, den eine Presse erzeugt, die nicht mehr nachdenkt, sondern mit dem Schwanz wedelt, wenn die Wirtschaft darum bittet. Man muss nicht mal besonders profund aufklären und schon stehen die Streikrechtseinschränker vor ihrem intellektuellen Tellerrand. Sie reden nur so laut und so viel. So muss man das wohl, wenn man nur Unsinn verzapft. Die, die was zu sagen haben, fassen sich kurz und sprechen viel zu leise.

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Der Teufel im Detail

Freitag, 15. Mai 2015

Claus Weselsky drängelte auf der Autobahn und brave Bürger empören sich darüber bei »Bild«. Putin verheimlicht der Welt gerüchteweise seine Mama und die »Zeit« stürzt sich drauf. Wir tun alles, damit unsere zeitgenössischen Teufel vollumfänglich diabolisch aussehen. Lückenlos verdorben und durchtrieben. Jede kleine Episode, jedes Gerücht hilft, um dem Leser die Welt im hübschen Schwarz und Weiß zu halten.

Der Volksglauben ist so eine Sache. Er füllt sich nur schwerlich durch Dogmen, die feine Kirchenleute ersponnen haben in ihren Elfenbeintürmen. Er möchte bereichert werden durch Geschichten und Erzählungen »aus dem Leben«; Geschichten, die leicht im Kopf bleiben und eindeutig einzustufen sind - und das freilich ganz ohne exegetische Befähigung. So war es auch mit allen Teufelsgeschichten, die am Rande des offiziellen Kanons so entstanden. Den Teufel kannte man zu gut. Man wusste, was dieser Lump aus der Unterwelt so an der Waffel hatte und ahnte, dass er überall lauerte. Aber dass der ganze Spaß so richtig lebensnah wird, dazu brauchte man Kommunikation. Wenn nicht mit ihm, dann eben über ihn. Und so bastelte man drumherum Märchen und Sagen. Das machte zum einen Freude, reicherte die Boshaftigkeit des Antichristen mit handfestem Erzählstoff an und verstärkte zum anderen die Furcht der Menschen.

Exakt aus diesem Grund ließen es sich die Herren Theologen auch gefallen, dass das Volk die offizielle Kirchenlinie um Volksfrömmlerisches anreicherte. Und wenn sich Angst besser einstellte, wenn man den Teufel angeblich hier oder dort gesehen hatte, er einem armen Jungen den Arm ausriss, aus dem Mund eines Mädchen herauskrabbelte oder Steine bei einem Kirchenbau verschwinden ließ, um sie drei Straßen weiter an eine Hausecke zu donnern, dann nickte man mit theologischem Kalkül und nahm es eben hin. Solange Horrormärchen kursierten, blieb der Pöbel auf Linie. Und nur darauf kam es letztlich an.

Ja, Menschen brauchen vermutlich das Böse. Es macht die Welt zu einem selektiven Ort und erlöst sie aus der Grauzone und der Monotonie. Das wirklich Böse ist der Topseller jeder Epoche. Man liebt es, weil man es so praktisch hassen kann. Und die Menschen brauchen Geschichten vom Bösen. Nicht nur Adjektive. Sie wollen die Adjektive in einer Story aufgehen sehen, zuhören wie sie sich aktiv austoben. Geschichten von schlechten Taten und von seltsamen Bewandtnisse, die das Böse lebendiger wirken lassen, erhöhten immer schon den Nervenkitzel und polarisierten. Mit einem Feedback, das bestätigt, dass das Böse nicht nur einfach ein festgestellter Zustand ist, sondern eine Wahrheit, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen lässt, integriert man das Böse in den Alltag.

Das ist durchaus in Ordnung, weil menschlich. Müssen diese Aufgabe aber heute die Medien übernehmen? Ist Journalismus dieser Tage nur noch das Unterfüttern mit Geschichten, um die Legende am Köcheln zu halten? Heißt journalistische Arbeit heute, das Böse nicht mehr erklären und analysieren zu wollen, sondern es mit kleinen Anekdokten zu untermauern?

Zeitungen geraten in diesen Zeiten, da an jeder Ecke ein Gesellschaftsfeind lauert, zu einer Chronik moderner Volksfrömmigkeit. Der Teufel hat heute natürlich viele Gesichter bekommen. Den Teufel gibt es nicht mehr. Wir sind modern. Arbeitsteilung ist das Stichwort. Und auch die Teufelsarbeit übernehmen viele Schultern. Jedem dieser Teufel will Leben eingehaucht werden. Also kratzen sie sich Stories über Gewerkschaftsbosse zusammen, kleine Anekdoten, die verraten, dass der Teufel im Detail steckt. Rasende Bosse von Kleingewerkschaften auf der Autobahn, das sind dieselben Geschichten wie jene, wonach der Teufel Steine entwendet hatte, um die Vollendung der Kirche zu verhindern. Weniger phantasievoll natürlich. Phantasie war ja der Eintrittspreis in die Mediokratie. Wir helfen uns mit authetischeren Geschichten ab, um das Böse zu porträtieren und fassbarer zu machen. Aber das Prinzip ist dasselbe. Es ist zur Erzählkunst aufgeblasene Unwesentlichkeit, die die gähnende Langeweile eines Teufels ein bisschen spannender machen soll.

Wir haben so viel gelesen. Über Weselsky. Über Putin. Kleinigkeiten aus deren Alltag - ob wahr oder nicht -, die diesen modernen Teufelsgestalten ein diabolisches Leben einhauchten. Wenn wir wüssten, wie normal und alltäglich all diese Teufel doch wohl letztlich sind, wir müssten eine Stufe zurückfahren und die Welt als weitaus komplexer und als reicher an Schattierungen akzeptieren. Und dann würde es verwickelter. Moralische Selektion ist ein schwieriges Geschäft, wenn man abwägen muss. Das wussten auch schon die Theologen damals. Also ließen sie Teuflisches zu. Sie wussten, der Teufel war auch nur einer, der abends seine Füße auf den Strohsack legte und hoffte, dass ihn jemand mochte. Und warum auch nicht?

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