Postkarten aus Arkadien

Samstag, 22. November 2014

Und dann war wieder eine im Briefkasten. Eine Postkarte meiner Tante. Aus ihrem Feriendomizil in Ungarn. »Leute nett. Wetter schön. Essen gut. Bis bald, eure Tante«, stand auf der Rückseite einer Naturaufnahme des Balaton. Wir lachten. So klangen alle ihre Karten. Aus Barcelona schrieb sie uns ein halbes Jahr zuvor: »Leute nett. Wetter schön. Essen gut. Bis bald, eure Tante.« Und als sie im Schwarzwald war, lautete ihr Text ... ihr könnt es euch ja denken.

Diese Postkarten, die unsere allgemeine Stimmung hoben, weil sie uns kündeten, was wir erwarteten, dieses wiederholte Abspulen fester Kurzsätze, die Gewissheit, dass man adäquat einen Überblick über die Lage bekam, wie man sie ohnehin vorzufinden glaubte, all das war ein Mosaiksteinchen unserer Kindheit. Eine lustige Konstante, die mir als blöde Erinnerung bleibt. Diese Postkarten hatten Kultcharakter. Sie machten Spaß, weil sie eben gar nicht spaßig gemeint waren. Wir lachten, weil es ihr voller Ernst war. Das erzeugte Laune. Keiner fragte vorher was sie wohl geschrieben haben könnte; wir wussten es ja eh. Aber wir lasen trotzdem voller Spannung. Wollten die Erwartung bestätigt haben. Und nebenbei kam so die weite Welt zu uns. Eine Welt, die ja überall gleich zu sein schien. So erfuhr ich als Kind recht schnell, dass es überall Leute, Sonne und Nahrungsmittel gibt. Die Welt war letztlich auf diese drei Dinge reduzierbar. Man hatte einen netten Überblick.

Ich denke in letzter Zeit wieder oft an Tantes Karten. Sie kommen mir in den Sinn, wenn ich die Verlautbarungen zu Merkel-Deutschland höre. »Leute glücklich. Klima mild. Alle satt. Alle finden Arbeit. Bis bald, eure Kanzlerin.« Ja, diese Wasserstandsmeldungen sind nichts anderes als Postkarten aus dem hiesigen Arkadien. Sie klingen alle immer gleich. Beständig dieselben Sätze, derselbe kurze Überblick über die Lage. Ich lausche den Klängen und denke an die Karte vom Balaton. Tante fuhr weg und wollte vielleicht nicht protzen, aber sie wollte unsere und ihre Erwartungen zementieren. Alles war gut und das musste auch fixiert werden. War es mal nicht so gut, schrieb sie es nicht. Auch das ein Vorgriff auf die Postkarten, die man uns heute wöchentlich reicht. Man schreibt nur auf, was jeder zu erwarten hofft. Bestätigung, nicht Information.

Der Chef der Arbeitsagentur erzählte diese Woche, dass Hartz IV das beste Programm aller Zeiten sei. Und Vollbeschäftigung stehe auch vor der Türe, fügte er hinzu. Ach, der Chef der BA. Der Weise. Der heißt nur so. Aber Postkarten aus Merkel-Deutschland kann er schreiben. Das ist seine Qualifikation. »Leute glücklich. Klima mild. Alle satt. Alle finden Arbeit. Bis bald, i.A. der Kanzlerin, euer Frank-Jürgen.«

In Arkadien gab es mal einen, der versprach, er würde die Steuererklärung auf Bierdeckelgröße schrumpfen. Das ist Jahre her und mittlerweile haben die Mikrokosmologen diesen geplanten Sprung ins Winzigkleine getoppt. Sie reduzieren jetzt den Gesamtzustand der Republik auf Postkartengröße. Mal schreibt der Weise eine, mal der Wirtschaftsweise, mal jemand auf unnachahmliche Weise. Selten waren Nomen so wenig Omen. Aber wir haben uns entwickelt. Von Höhlenmalern zu Kartenschreibern, von Postkartenmalern, die früher mal Amtsgeschäfte übernommen haben, zu Postkartenschreibern, die sie heute erledigen.

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Katzen und Hunde und Resignation

Freitag, 21. November 2014

Anni hat mir einen entsetzlichen Schreck verpasst. Anni ist eigentlich eine ziemlich ruhige Kollegin. Die gute Seele, die immer ein offenes Ohr hat. Zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Sie ist sanft. Hört zu. Ich habe nie erlebt, dass sie unter die Gürtellinie geht. Ich mag sie. Wenn alle so wie Anni wären, dachte ich mir, dann wäre die Welt einen Schritt weiter. Aber letzte Woche hat sie mir dann wirklich zugesetzt.

Wir waren mehrere Kollegen, standen im Pulk zusammen und quatschten. Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet und irgendwie landeten sie thematisch bei den Rumänen, die in Deutschland angeblich nur Sozialhilfe abstauben möchten.
   »Die Richter haben da ganz richtig entschieden«, sagte Anni.
   Ich spitzte die Ohren, wollte es aber nicht vertiefen und inhalierte den Rauch.
   »Kommen alle zu uns, nur um Leistungen zu kassieren.«
   »Mensch, Anni, bist du etwa rassistisch«, fragte sie Joe augenzwinkernd. Joe zog immer alles ins Lächerliche.
   »Na hör mal, es herrscht immer noch Meinungsfreiheit«, rief ein anderer dazwischen.
   »Ich meine ja nur, dass eine Katze unter Katzen und Hunde unter Hunden bleiben sollten«, rechtfertigte sich Anni.
   »Mein Kampf«, sagte ich.
   »Bitte?«
   »Die Passage musst du aus ›Mein Kampf‹ haben. Man könnte fast meinen, dass dieser Satz genau so drin steht. Ich glaube allerdings mit Hasen und Füchsen.«
   Es waren Füchse, Gänse, Tiger, Katzen und Mäuse. Ich habe später nachgeschaut. Eine kommentierte Ausgabe habe ich mir mal auf dem Flohmarkt gekauft. In einer Passage zur Rassenreinheit gibt sich der Bestsellerautor tierlieb.
   »Achso?«
   Anni gab sich ratlos und lächelte und eilte wieder an die Arbeit.
   Alle anderen schauten mich bedröppelt an und wechselten dann das Thema. Ich drückte meine Kippe aus und ging weg und klemmte mich über die Schüssel.

Nein, ich unterstelle Anni nicht, dass sie solche Bücher liest, sich ihre Freizeit mit Biologie, der Evolutionstheorie oder Rassenkunde vertreibt. Was ich sagen will: Das Gift wirkt. Es fließt durch alle Adern, dachte ich mir, als ich später nochmal über sie nachdachte. Es zeigt sich täglich mehr. Anni war letzte Woche auch nur so ein Symptom des allgemeinen konservativen Rollbacks, des Abgleitens der Gesellschaft ins rechte Lager.

Unter meinen vorletzten Text für das »Neue Deutschland« notierten einige Leute bei Facebook ihre Kommentare. Leute, die ganz offenbar ein »linkes Feedback« haben und sich trotzdem beim Thema Integration in Vorurteile suhlen. Einer schrieb, dass Boko-Haram wörtlich »westliche Bildung ist Sünde« bedeute. »So denken die meisten von denen«, beschloss er. Ein anderer schimpfte auf das Bild, das den Text flankierte. Man sehe ja, wie integriert die beiden Frauen mit dem Kopftuch seien. »Gülcan Kamps und Nazan Eckes als Beispiel, daran sollten sich diese Frauen orientieren.« Der Mann ist Linker, in einem anderen Kommentar zu einem anderen Thema betrauert er, dass es im Bundestag zwar eine linke Mehrheit gäbe, die aber nicht genutzt würde, um soziale Gerechtigkeit durchzusetzen.

Das sind freilich nur Auszüge. Aber sie werfen ein Bild auf den Zustand in diesem Land. Auch Linke stecken sich an. Ja, die Linke gerät mehr und mehr ins Hintertreffen. Sie verliert im alltäglichen Kampf um die Deutungshoheit beständig an Boden. Ich mache mir da nichts mehr vor. Wir sind am Verlieren. Der Rechtsruck ist doch schon lange kein zögerlicher Ruck mehr. Er rückt uns aber förmlich auf den Pelz. Anni ist bestimmt keine Linke. Aber eine Frau, von der man denkt, dass sie eher linken Positionen zugeneigt ist. Selbst diese milden, diese eigentlich guten Menschen, die unpolitisch sind, verfallen diesem Wahnsinn.

Überall geht es rechts um. Rechte Straftaten mehren sich. Hakenkreuze sind wieder öfter zu sehen. Antisemitismus und Islamophobie sind die neue Eleganz. Neonazis mobilisieren Fußballfans und Wutbürger. Halten Mahnwachen ab und kriminalisieren Döner-Verkäufer und türkische Gemüsehändler. Die »Alternative für Deutschland« zeigt, dass Rassismus und Spießertum wohl die Alternativlosigkeit für Deutschland sind. Dieses Land kommt früher oder später immer wieder darauf zurück. Die europäische Freizügigkeit ist schon das Opfer dieser Haltung. Auf der Grundlage der Xenophobie werden die letzten Brocken von europäischer Völkerverständigung zertrümmert. Es ist einfach nur grauenhaft, was da passiert.

Und dann kam auch noch Anni, die milde Anni um die Ecke. Da möchte ich resignieren. Wenn schon Leute wie du ... ja, wenn schon die netten Leute Hass versprühen und nichts dabei finden, dann falle ich vom Glauben ab. Täuscht sich die Linke wirklich so sehr, wenn sie glaubt, dass Wissen und Aufklärung die Methoden sind, die die Welt etwas erträglicher machen? Oder haben wir Linken uns getäuscht und der Mensch bleibt denkfaul und dumm, selbstgerecht und schlecht? Ist alles umsonst? Emotional intelligent ist Anni ja durchaus. Aber auch diese Intelligenz stößt an ihre Grenzen und haut dann Sätze raus, die aus des Führers Repertoire zu kommen scheinen.

Der Rechtsruck ist keine steile These. Er ist da. Mitten unter uns. Fängt an unser Leben zu bestimmen. Da rauchste eine Zigarette und du hörst Passagen über die Rassenreinheit. Hörst sie und hörst nicht, wie jemand dagegen was sagt. Alles ganz normal mittlerweile. Wir haben gelernt, diesen Hass in unserer Mitte zu akzeptieren. Ich werde lernen müssen, dass auch die guten Seelen den Duktus der Bosheit annehmen. Der Rechtsruck integriert fast alle. Auch die netten Leute, die man so kennt. Wenigstens eine Integration, die in diesem Lande eine Erfolgsgeschichte ist.

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Die Freizügigkeit und die neoliberale Soziologie

Donnerstag, 20. November 2014

Der »Sozialtourismus« hat sich nicht bewahrheitet. Trotzdem hat diese unbegründete Angst einen juristischen Erfolg davongetragen. Ein Urteil, das die Freizügigkeit nicht eingeschränkte, hätte auch keine Auswanderungswelle bewirkt. Denn Emigration ist keine Kosten-Nutzen-Frage.

Der Europäische Gerichtshof hat geurteilt, dass Deutschland EU-Ausländern keineswegs Hartz IV gewähren muss. Die Freizügigkeit innerhalb Europas ist damit nachhaltig geschädigt, wenn nicht sogar deaktiviert. Denn das Urteil zieht die Gräben einer kontinentalen Zweiklassengesellschaft noch tiefer. Während die starken Industriestaaten die Vorzüge der europäischen Zollunion genießen können und sich die »Wettbewerbsvorteile« der ärmeren EU-Staaten sichern, werden die Menschen ohne Mittel aus schwächeren Ländern des Kontinents faktisch festgesetzt. Jetzt wäre der richtige Augenblick, über eine europäische »Sozialunion« zu verhandeln. Sie muss auf die Agenda. Denn ein Europa, das die Freizügigkeit als bloße Theorie führt, ist nur ein weiteres gebrochenes Versprechen, dass das europäische Projekt zu Grabe weist. 

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... dann fahre darein mit gepanzerter Faust

Mittwoch, 19. November 2014

oder Die deutsche Weltpolitik, die stets etwas Gutes will und stets das Böse schafft.

Der mit dem »Platz an der Sonne«, den die Deutschen sich sichern müssten, das war der von Bülow. Der vierte Reichskanzler. Seiner berühmten Äußerung schob er allerdings vor, dass man »niemand in den Schatten stellen« wolle. Handel wolle man treiben, keine Händel beginnen. Wirtschaftsimperialismus eben. Und der braucht den Frieden und nicht den Krieg. Aber eines war klar, »sollte es irgendeiner unternehmen«, die Deutschen an ihrem »guten Recht zu kränken oder schädigen [...], dann fahre darein mit gepanzerter Faust.«

Alles wurde im wilhelminischen Zeitalter zur Weltsache. Weltpolitik trieb man jetzt. Denn man wollte Weltgeltung. Eine Weltmacht werden. Ein Weltreich. Verantwortung in der Welt sozusagen. Darunter ging nichts mehr. Man sagte, dass man die Lebensart der Völker in potenziellen Kolonien und in denen, die man schon hatte, gar nicht besonders antasten wolle. Es ging ja um Rohstoffe, um das Geschäft. Aber »das Evangelium [...] im Auslande zu künden, zu predigen jedem, der es hören will, und auch denen, die es nicht hören wollen«, war doch wohl das Mindeste. Mit Evangelium war nicht unbedingt die Bibel alleine gemeint. Eher den Kanon, den man damit verband, all die calvinistischen Tugenden, die man der Welt zu bringen trachtete. Sie waren viel eher der Exportschlager. Vortrefflichkeiten wie Sparsamkeit, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit. Wir kennen diesen Katalog noch immer. Man spricht ja wieder Deutsch in Europa.

Die Deutschen scheinen mehr oder weniger immer dieselbe Haltung anzunehmen, wenn sie in die Welt hinaustreten. Sie tun es mit der Rede von Frieden und Wohlstand, von Partnerschaft und Freundschaft und setzen immer noch Nebensätze dran, wie jenen von der gepanzerten Faust. Sie geben sich friedlich, aber warnen gleich vorab, falls das Objekt der Friedensliebe nicht wie gewünscht spurt. Bellizisten sind sie nicht. Sie benötigen den Frieden ja. Unter Kanonendonner machen sich Geschäfte nicht gut. Es ist ihnen also mit Sicherheit ernst. Und daher sind sie gewissermaßen »Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.«

Merkel klingt ein wenig wie Bülow, wenn sie die Zukunft der Ukraine plant. Gauck trägt keinen Zwirbelbart, man muss ihn sich hinzudenken. Steinmeier oder von der Leyen wollen die Welt bestimmt nicht in den Krieg tunken, aber sie fahren darein, wenn notwendig. Man darf diese Leute nicht so einseitig sehen. Mit dem Krieg gehen sie nicht hausieren. Sie wollen das Gute, oder sagen wir, damit es eher stimmt: sie wollen »etwas Gutes« - aber ihre Nebensätze klingen bedrohlich. Deutsche Weltpolitik bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass man die volle Eskalation möchte. Bei dem Kriegsmaterial ja auch völliger Unfug. Sie kommt als Anwalt der guten Sache daher. Und wie ein windiger Anwalt nimmt sie gleich eine gespannte Haltung ein, setzt zur Drohung an, wenn die Gegenseite nicht darauf eingeht.

Man sollte die Figuren des heutigen Deutschland nicht mit SS-Jacke karikieren. Das passt inhaltlich nicht so gut. Sie sind Gestalten, die aus dem Wilhelminismus erwacht scheinen. Bülows und Tirpitzens. Kalte Krieger, die es ja auch schon im Zeitalter des Kolonialismus gab. Kraftmeier, die Welttheater spielen wollen. Ihnen gehört eine Pickelhaube und ein gewichster Bart verpasst. Keine Runen. Ihr Auftreten gleicht den Zeitgenossen, die vor dem ersten Weltenbrand die Zügel in der Hand hielten. Wir blicken auf das Hunderjährige dieser Urkatastrophe zurück, begehen Gedenkstunden, sprechen uns gegen ein Europa unter Waffen aus. Aber das wären nicht die primären Lehren, die wir ziehen sollten. Denn der Krieg war lediglich die Konsequenz. Dareinfahren und pathetisches Parolieren führten zu ihm. Und genau das zu erkennen wäre aller Lehren wert.

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Auf den ersten Blick

Dienstag, 18. November 2014

Heute: Der diktatorische Fiesling, Claus Weselsky

Quelle: manager-magazin.de
Der GDL-Vorsitzende war mit Sicherheit trotzdem nicht der meist gehasste Mann im Land. Der Zuspruch vieler Menschen war enorm. In den sozialen Netzwerken konnte die Gewerkschaft Lob ernten. Viele zeigten sich solidarisch und nannten Weselsky einen aufrechten Gewerkschafter, einen fähigen Funktionär. Aber es sollte für eine einflussreiche Interessensgruppe und ihre Lohnschreiber und -berichterstatter so aussehen, als würde der Mann gehasst, wie keiner sonst. Neben veröffentlichen Telefonnummern und Bildern seines Hauses, musste man den Chef der GDL daher so in Szene rücken, dass er wie ein überheblicher, snobistischer Fiesling wirkte. Wie einer, der barfuß über Leichen steigt und es einen Verdauungsspaziergang nennt. Und aus diesem Grund lachen er und seine Mitstreiter fies im Gerichtssaal, weil sie »durchgekommen« sind. »Deutschland darf Einheit feiern - Weselsky gestattet es«, steht drüber.

Quelle: n-tv.de
Das Ebenbild eines feixenden Diktators, der großherzig einen kleinen Gnadenakt erlässt, hat viele Bilder gehabt in der vorletzten Woche. Mit der Arroganz einer Person auf Diskreditierungstour zu gehen, ist nicht besonders schwer. Wenn man den vermeintlichen Großkotz aber als jemanden vorstellt, der heiter in die Welt blickt, der schmunzelt oder gar lächelt, dann ist es fast ein Selbstläufer. Denn dann sieht die Person selbstgefällig, triumphierend aus, als ob sie sich ins Fäustchen lacht, um es sprichtwörtlich zu nehmen. Ein arroganter Typ widert einen an. Ein Snob, der fröhlich kokettiert, weckt das Gefühl, dass er einen verarschen will. Dass also bestimmte Medien Weselsky als lachenden Gewerkschafter abdruckten, das war kein Zufall. Sie wollten vermitteln, dass er ein gemeiner Mensch ist, der Freude an seiner Gemeinheit hat und auch noch damit durchkommt.

Quelle: Tagesspiegel
Und wenn er seine Gemeinheit nicht gerade genießt und das Land mit seiner fiesen Mimik verspottet, dann zeigt er stolz auf sein Werk. Auf die Anzeigetafel, die das Resultat seiner Abscheulichkeit notiert. »Schaut mal da, das war ich«, scheint er zu sagen, während unter dem Bild steht, »kein Erbarmen«. Das Bild und der dazugehörige Artikel ist schon drei Jahre alt. Schon damals las man: »GDL-Chef Weselsky nimmt eiskalt in Kauf, dass Millionen Fahrgäste nicht zur Arbeit kommen oder Fabriken der Nachschub ausgeht.« Schon damals wusste man, wie man das Bild eines gnadenlosen und eiskalten Gewerkschafters zeichnet. Schon damals kein offizielles Pressefoto, sondern ein Bild, das provokativ die niedersten Instinkte von Leser und Betrachter ansprechen soll.

Man muss Weselsky gar keine Hörner auf den Kopf setzen, so wie es »Der Postillon« tat, um ihn zu verteufeln und als Person zu charakterisieren, die man hassen sollte. Die, die ihn hassen, hassen vermutlich nur das Abbild, das man in den Medien sah. Das Konterfei, das fröhlich Zähne zeigt. Sie hassen wieder mal eine Kunstfigur, wieder mal einen Mann, den es so gar nicht gibt.

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Strippenzieher des sauberen Lebensgefühls

Montag, 17. November 2014

»Dass Gott eben Gott ist, des bin ich Ursache«, schrieb Meister Eckhart schon im Mittelalter. »Wäre ich nicht, so wäre Gott nicht Gott.« Der Ursprung dessen, der über uns steht, ist immer der, der darunter ist und vor allem: seinen Status als »der, der darunter ist« akzeptiert. Manchmal habe ich mich schon ertappt, wie ich das Zitat auf all die Niedriglöhner beziehe, ohne die die »Leistungsträger« und »Eliten« nicht so wären, wie sie gerne wären. »Dass die Leistungsträger eben Leistungsträger sind, des sind die Niedriglöhner Ursache; wären sie nicht, so wären diese Eliten nicht Eliten.«

Nun ist natürlich »Leistungsträger« und »Eliten« recht hoch gegriffen. Es handelt sich ja auch meist nur um Leute aus der besser betuchten Mittelschicht, die vom Heer des Prekariats zehren. Auch sie treffen in ihrem täglichen Leben auf Menschen, die für niedrigen Lohn, mit wenigen Arbeitnehmerrechten oder in Scheinselbständigkeiten arbeiten. Der ganze Apparat würde zusammenbrechen, wenn es diese Armee an billiger Arbeitskraft nicht gäbe. Und damit soll nicht gesagt sein, es wäre vernünftig gewesen, dass seinerzeit ein Niedriglohnsektor geschaffen wurde. Damit soll ausgedrückt werden, dass die Ursache für diesen mittelschichtigen Wohlstand - nach Art von »Geiz ist geil« und  »Unterm Strich, zähl ich« - diejenigen sind, die an diesem Wohlstand nur in Form von Gesinde teilnehmen dürfen.

Sie sind der Grund dafür, dass sich Deutschland einer »stabilen Wirtschaft« erfreut. Diese vermeintliche Stabilität ist nur durch die Instabilität der Prekarisierten gewährleistet. Man hat dafür gesorgt, das diese Arbeiterschaft am Tropf der Sozialhilfe hängt, die von der besitzenden Klasse immer wieder neu zur Diskussion gestellt und von der Mittelschicht als überflüssig und zu teuer empfunden wird. Darüber vergisst diese Mittelschicht, dass sie von dieser Sozialhilfe so abhängig ist, wie der Empfänger dieser Transferleistungen selbst. Denn wer verkauft ihr sonst die Brötchen? Wer bringt Pakete? Die, die an der Kasse sitzt, lebt sie etwa rein vom geringfügigen Gehalt ohne Zubrot? Einer muss doch dreimal die Woche im Landgasthof Schnitzel an Tische tragen. Und wer soll das für mickriges Geld machen, wenn nicht Leute, die nebenher noch vom Jobcenter aufstocken lassen?

Irgendwie haben sie es geschafft, dass sich dieser »Ursprung der Mittelschichtszufriedenheit und des sorglosen Lebens« schämt und versteckt, statt sich selbstbewusst wahrzunehmen. Ein solcher Umgang mit der eigenen Stellung kommt nicht vor. Obgleich sie das »Rundum-Sorglos-Paket« für Menschen mit guten Einkommen sind, wollen sie nicht auffallen, ziehen sich zurück und kommen als Faktor in der Arbeitsmarktpolitik so gut wie nicht vor. Falls doch, geht es aber nicht um wirkliche Verbesserung ihrer Situation, sondern um Makulatur. Man will schließlich denen, die man als Leistungsträger lobt, keine Sorgen bereiten. Auch morgen muss die Gouvernante noch erschwinglich, der Typ, der den ganzen erkauften Haushalt in Pakete an die Türe schleppt, noch billig genug sein, um »unsere Art zu leben« nicht zu gefährden.

Diese deutsche Sorglosigkeit ab dem oberen Segment der Mittelschicht weiter aufwärts, die wir heute erleben, erinnert fatal an die Selbstzufriedenheit der amerikanischen Gesellschaft in den Fünfzigern. Sie ist ein urbanes Vorortidyll ohne Veranda. Schon damals geschah dieser Wohlstand auf Kosten einer Schicht von Menschen, die für wenig Geld viel taten. Die jede Zumutung als Arbeit annahmen und sich aufrieben für eine fröhliche Schicht von guten Bürgern, die nicht mal ansatzweise Verständnis für die Nöte ihres »indirekt gehaltenen Gesindes« hatten. Bukowski berichtet unter anderem darüber. Céline und Fante ebenfalls auf ihre Art und in ihrer Zeit.

Einer wie Bukowski war der Macher des amerikanischen Traums. Auch wenn in der Beschreibung dieses Traums keine entstellten Gesichter wie seines zu sehen waren. Er und das »befreite Gesinde des freien Marktes« kamen in den Hochglanzprospekten des Wohlstandes nicht vor. Sie waren die Strippenzieher dieses sauberen Lebensgefühls mit weißem Kragen. Eine Gattung, die auch heute immer mehr im Kommen ist. Leute, die für wenig Geld viel machen, dreckig werden, Widrigkeiten auf sich nehmen, unternehmerisches Risiko auf ihre eigene Kappe privatisieren, arbeitend ins Elend abgleiten, während die feine Gesellschaft auf ihre Kosten frisst und ihre Kinder versorgen lässt. Sie pennen nicht mehr in der Treppenkammer, so wie damals bei seiner Lordschaft. Das ist der Fortschritt. Aber sie sind immer noch eine Schicht entrechteter, kleingehaltener, in ihrem Milieu gefangengehaltener Personen. Das ist der Stillstand.

Am Ende bröselte das Idyll und die Schicht derer, die das gute Leben genießen konnten, schmolz dahin. Tut sie auch heute in Deutschland schon. Noch leugnet man es gekonnt weg. Die Wachstumsprognosen klingen ja immer recht hübsch. Und wenn Experten sagen, dass das Wachstum nun doch nicht so anschwelle, wie man zunächst meinte, dann berichtet man davon einfach so gut wie nicht. Darauf kann man doch bauen. Schießlich wachsen wir als Wirtschaft, als Wohlstandsgesellschaft, als Prekariat. Stets zu Diensten ...

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Ein anderes Wort für Sabotage

Freitag, 14. November 2014

Saboteure bei der Arbeit
Fast täglich erfährt man, wie Menschen unter diesem Regulierungsterror, der sich Zeitmanagement nennt, leiden. Ich schrieb kürzlich darüber und nannte es »den Plan«. Im Kleinen, wie im Großen spielt er sich ab. Viele überspielen das. Merken es selber kaum. Sie schauen nur immer auf die Uhr. Gehen im Geiste schon den nächsten Termin durch und gelten alles in allem trotzdem als ausgeglichene Menschen. »Agenda-Menschen« nannte Friedhelm Hengsbach diese Leute mal. Sie leiden mal bewusst, mal unbewusst im täglichen Dickicht der Ereignisabfolge ebenso, wie in der gesamten Lebensverplanung. Kinder leiden unter dieser Planungswütigkeit besonders. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der AOK ist nur ein weiteres Indiz dafür.

Schon der Tagesablauf von Kindern soll heute im optimalen Falle Struktur haben. Weil alles getaktet sein soll, schicken viele Eltern ihre Kinder schon vorzeitig in die Schule, wehren sich gegen die Zurückstellung und ordnen ihre Kinder schon frühzeitig dem Ernst des Lebens unter. Sie haben sich eben ihre Vorstellungen gemacht und wollen jetzt nicht aus dem Plan geraten. Frühe Einschulungen, so sagt die oben genannte Studie aber, führen häufiger zur Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Nicht etwa, weil diese jungen Schüler wirklich eine »psychische Störung« mit diesem Namen hätten, sondern lediglich, weil sie noch zu verspielt sind, noch nicht schulreif. Eltern wie Schulen gehen auf den Spieltrieb nicht ein. Der Zeitplan ist straff, für Spielereien bleiben da keine Zeitressourcen. Konventionen verlangten zudem funktionierende Kinder. Für Kindereien sichert auch die Politik keine Räume. Kindliches Spiel ist schließlich Sabotage am Mehrwert, an der Wertschöpfung, an der Ökonomie. Also wirft man den Spielkindern Ritalin in den Schlund, damit es ohne Störungen planvoll weitergehen kann.

Aus meiner langjährigen Karriere als Vater eines schulpflichtigen Kindes weiß ich, dass es bei Elternabenden immer in erster Linie darum geht, die Kinder untergebracht und eingeplant zu wissen. Wie und wo ist zweitrangig. Wie zum Beispiel der Ablauf von Ganztagsklassen geschieht, ist weniger wichtig, als dass es zu einem solchen Ganztagsklassenangebot überhaupt erst kommt. Der Plan macht die Vorgaben, er diktiert den Eltern, dass sie nicht über Qualität zu sprechen haben, sondern nur darüber, dass es überhaupt zur Planungssicherheit kommt.

Bei einem Treffen der Klassenelternbeiräte musste ich mich zum Beispiel mal anfeinden lassen. Es ging um eine Abstimmung, die der Rektor vornehmen wollte. Wäre eine Mehrheit für eine Ausweitung der Ganztagsklassen entstanden, hätte er beim Kultusministerium Gelder beantragen können. Ich war der einzige, der nach seinen Vorstellungen gefragt hat. Ich wollte wissen, ob er beabsichtige, die nächste Stufe des Ausbaus des Ganztagsangebotes auch noch zu nehmen. Das hätte weitere Gelder bedeutet und einen durchgehenden Unterricht bis in den späten Nachmittag hinein. Freizeit- und Spielangebote wären in einem solchen Modell nicht mehr vorgesehen. Ich nervte ihn und die anderen Eltern sichtlich. Aber ich wollte es genau wissen. Sie aber wollten abstimmen, sich nicht weiter mit Informationen aufhalten. Und so gaben sie ihm seine Mehrheit, ohne auch nur etwas erfragt zu haben.

Als er mich nach getaner Abstimmung fragte, weshalb ich dem Vorhaben keine Ja-Stimme verlieh, legte ich ihm dar, dass das nicht meine Vorstellung von Kindheit sei. Wir reden ja nicht von kleinen Kindern, die man dauerüberwachen müsste, sondern von Teenagern, die auch mal Freiheit genießen sollten. Rausgehen, ein bisschen selbstbestimmt sein. Das hat Kindern vor einem Vierteljahrhundert auch nicht geschadet. Heute tun wir gerade so, als seien unbetreute Phasen einer Kindheit irgendwie eine Gefahr für die geistige und moralische Entwicklung. Er nickte und akzeptierte meine Einwände. Seine Mehrheit hatte er ja schon. Er konnte deswegen großzügig auftreten. Die Eltern keiften mich aber an. Sie wurden wütend. Gifteten. Sie konnten nicht akzeptieren, dass da einer etwas gegen die Verplanung von Kindern hatte.

Dass diese Leute natürlich auch unter Zugzwang litten, weil sie ihre Kinder untergebracht haben müssen, während sie ihrem Tagwerk nachgehen, kann ich rein von den Sachzwängen aus betrachtet ja nachvollziehen. Wobei da immer auch Hysterie dabei ist. Teenager können auch mal auf sich alleine gestellt sein. Dass sie aber einem, der ihren Zugzwang grundsätzlich hinterfragt und nicht für angebracht hält, als den Überbringer schlechter Nachrichten »lynchen« wollen, ist etwas anderes. Ich habe sie doch nicht in die Lage gebracht. Bin doch unschuldig. Wir alle haben es so weit kommen lassen; wir alle als beschleunigte und auch hysterische Gesellschaft.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass man sich der Diktatur des Schemas und des Plans unterworfen hat? Das war doch nicht immer so, dass das alltägliche Leben nach einer Skizze gelebt wurde. Ganz zu schweigen von der Frage, ob es so besonders gut ist, lückenlos ausgebucht zu sein. Wo bleibt denn da Kreativität und Selbstbestimmung? Was für Kinder ziehen wir da heran, denen dieser Drang nach Auslauf genommen wird?

Ich finde es witzig, wenn mir Leute, die zur Verschwörungstheorie neigen sagen, dass es da einen großen Plan des Kapitals gäbe, die Menschheit an Fäden zu nehmen. Daran glaube ich nicht. Interessen sollte man nicht mit Plänen verwechseln. Der Plan ist eine ganz andere Sache. Er ist nicht Ausbeutung von oben, sondern die in Kauf genommene Selbstausbeutung der Ressource Mensch. Die Eile, das Kalkül, der Trott des Schemas.

Vielleicht ist das momentan nicht aufzuhalten. Der Zeitgeist ist so, kann sich aber wandeln. Meine Hoffnung ist daher, dass die Kinder, die in diesem Klima heranwachsen, sich als Erwachsene Gedanken machen werden über das Treiben der Alten. Und dann sagen sie »Halt!« und »Gemach!« und denken um. Warum sollte die Beschleunigung nicht auch wieder entschleunigt werden können, wenn es nur genug Menschen wollten? Und dann klagen sie gegen Ärzte, Eltern und eine Gesellschaft, die ihnen Ritalin verabreicht haben, wo sie einfach nur kindliche Freiheit gebraucht hätten. Wenn der Richter selbst so ein Kind war, stehen die Chancen nicht mal schlecht.

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Die Integration hat ihren Preis

Donnerstag, 13. November 2014

Die Debatten zur Integration bauen meist nur auf Vorurteilen. Man stellt sich Ausländer auf ganz bestimmte Weise vor und wälzt zum Beispiel die allgemeine Bildungsverdrossenheit auf sie als Gruppe ab. Wer solche Ressentiments verfestigt, erhält dann auch noch einen Integrationspreis.

Es lief mal wieder das Radio. Eine begeisterte Stimme erzählte mir, dass der diesjährige hessische Integrationspreis an einen Verein gehe, der junge Migranten mit einem hohen Bildungsabschluss in Schulen schicke, um Kinder mit Migrationshintergrund zum Lernen zu motivieren. Auf diese Weise würden die Migrantenkinder erfahren, dass sich Bildung lohne. Die Paten hätten schon manchen schweren Fall auf Kurs gebracht. Als positives Beispiel dafür, wie es in Deutschland als Ausländerkind laufen kann, wären sie glaubhaft und entwickelten schnell einen Draht zu den Kindern. 

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Aus fremder Feder

Mittwoch, 12. November 2014

»Sobald du geboren bist, machen Sie dich klein.
Sie lassen dir statt dessen keine Zeit,
bis der Schmerz so groß ist, dass du gar nichts mehr fühlst.
Ein Held der Arbeit – das sollte man sein.
Held der Arbeit soll man sein.
Sie verletzen dich zu Hause, in der Schule wirst du geschlagen.
Wenn du klug bist, hassen Sie dich, bist du ein Narr, wirst du verachtet.
So lange, bis du so verdammt verrückt bist, dass du ihren Regeln
sowieso nicht mehr folgen kannst.
Ein Held der Arbeit – das sollte man sein.
Held der Arbeit soll man sein.
Nachdem sie dich 20 seltsame Jahre gequält und verängstigt haben,
erwarten sie, dass du Karriere machst.
Aber du kannst nicht wirklich funktionieren, bist so voller Angst.
Ein Held der Arbeit - das sollte man sein.
Held der Arbeit soll man sein.
Bleibt nur auf Droge mit Religion, Sex und Fernsehen.
Ihr glaubt, ihr seid so klug, passt in keine Klasse und seid frei,
aber soweit ich sehen kann, seid ihr immer noch verdammte Bauern.
Ein Held der Arbeit – das sollte man sein.
Held der Arbeit soll man sein. 
Es gibt Platz da oben, das sagen sie immer noch.
Aber zuerst einmal musst du lernen, wie man beim Töten lächelt,
wenn du sein willst wie die Herrschaften dort auf dem Hügel.
Ein Held der Arbeit – das sollte man sein.
Held der Arbeit soll man sein.
Also, wenn du ein Held sein willst – folge einfach mir.
Folge einfach mir.«

- John Lennon, »Working Class Hero«, deutsche Übersetzung -

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Nicht der Streikende ist erpresserisch, sondern die Situation, in der er streikt

Dienstag, 11. November 2014

Als Anfang Oktober die Lokführer nachts streikten, da hieß es, dass die morgendlichen Nachwehen dieses Streiks all die braven Bürger treffe, die zur Arbeit wollten. Man sollte solche Mätzchen also nicht machen. Mitte Oktober streikten sie dann zwei Tage und alle riefen: »Muss das jetzt sein, wo doch der Urlaub beginnt? Die Leute haben sich doch so gefreut!« Danach kam es bekanntermaßen zu weiteren vier Tagen im Ausstand - die »wegen guter Führung« nach zwei Tagen endeten - und der Bahn-Vorstand gab sich empört, weil sich die Menschen so gefreut hätten, am Jahrestag des Mauerfalls zu feiern. Diese letzte Aussage gefiel mir besonders, denn sie war eine Erklärungsnot, die die Wortlosigkeit überwunden hatte und in voller Blüte des Schwachsinns über uns kam. Sie liest sich so hilflos, dass ich fast Mitleid mit dieser rhetorischen Null aus der Vorstandsetage bekommen habe.

Ab nächster Woche wäre es übrigens auch etwas ungünstig für einen Streik, denn die Leute wollen in die Großstädte pilgern. Sie freuen sich doch schon so un geheuer auf die Weihnachseinkäufe und die Sonderangebote, die man jetzt schon vorbereitet, indem man die Preise, die man senken will, zunächst mal erhöht. Und in drei Wochen ist es noch schlechter, denn da eröffnen die ersten Weihnachtsmärkte, auf die sich alle Glühweintrinker und Menschen so sehnsüchtig freuen. Es gibt immer noch einen Grund zur allgemeinen Freude, den man sich durch etwaige Spaßbremsen nicht vermiesen lassen will. Irgendwas fällt denen immer ein. Und wenn es der Kanzlerinnengeburtstag ist, auf den sich alle so mächtig freuten und den sie nun nicht standesgemäß in einem Waggon mit Blümchen in der Hand Richtung Berlin begehen können.

Wenn man diesen Streikgegnern so zuhört, dann stellt man sich regelrecht vor, wie die Lebensfreunde der Menschen verwelkt, weil da eine Handvoll Menschen nicht am Arbeitsplatz erscheint. Eine wirklich absonderliche Vorstellung. Zur Freude brauchen andere Völker ein Gläschen Wein, ein Stück Schinken oder das nackte Gegengeschlecht. In Deutschland reichen schon Lokführer aus, die ihre Arbeit tun. Ist das nun bescheiden oder selbstsüchtig?

Aber in all dem steckt mehr als nur Banalität. Diese Vertrösterei trägt in nuce das Freiheitsverständnis dieses neuen Liberalismus alter autoritärer Schule in sich. Man verbietet nichts, lässt jede Freiheit bestehen. Aber sie muss natürlich theoretisch verbleiben. Etwas fürs Papier zu sein. Weil jedoch ständig etwas dazwischenkommt, was zum Gebrauch von Freiheiten weist, verlangt man dann einen »verantwortungsvollen Umgang« mit ihr. »Seid doch vernünftig!«, rufen sie genau immer dann, wenn es ernst werden soll. »Verzichtet doch auf eure Freiheit, ihr lieben Leut'.« Im gewissen Sinne ist es eine Freiheit ganz im orwellianischen Sinne; eine, die man nur als Sklaverei und Unterordnung begreift. Sie ist ein paradiesisches Jenseits oder besser noch, eine göttliche Tugend, von der man hofft, dass sie bitteschön nie hinterfragt wird. Gott ist eine gute Idee, solange man ihn nicht hinterfragt. Mit der Freiheit in diesem System ist es nicht viel anders. Man lässt den Begriff und die Aussicht darauf über den Köpfen schweben. Denn das inspiriert. Macht Mut. Ist Zuspruch. Mehr aber auch schon nicht.

Wir haben in diesem System fast alle Freiheiten, wir sollen sie uns nur nicht (oder immer weniger) nehmen. Um das zu erlangen, erpresst man. Aber natürlich ist es keine Erpessung, sondern ein Hinweis auf alle Türen, die einem offenstehen.

Was, du hältst das hier für ein sittenwidriges Arbeitsverhältnis? - Dann geh doch! Geh doch! Du bist frei. Aber sei schön vernünftig und bedenke die Sperre, die dir das Amt aufbrummt.
   Sie wollen eine Story über Leiharbeiter in den Motorenwerken schreiben? - Gerne doch, wir haben Pressefreiheit, aber halten Sie doch mal inne und fragen sich, was geschieht, wenn die Motorenwerke als Kampagnenkunde abspringt. Nützt es Ihnen etwas, wenn Ihre Kollegen und dann auch Sie arbeitslos werden?
   Ob Sie sich die Haare färben dürfen? - Oh, Sie können sich jederzeit die Haare blau färben, Herr Linke ... aber hier arbeiten Sie dann leider nicht mehr!
   Mafiabosse klingen nicht viel anders. Sie legen den Arm und deine Schulter und haben Verständnis: »Junger Freund, du bist ein freier Mensch. Wenn es wider deiner Natur ist, den Ratschlägen zu folgen, die ich dir gebe, dann musst du tun, was du tun musst. Aber denke doch mal an deine Kinder.«

Das ist die neoliberale Matrix. Sie kennt nur eine abstrakte Freiheit, die immer gerade dann nicht genossen werden soll, wenn sie genossen werden will. Schon der alte Knochen Burke meinte, dass wahre Freiheit sei, wenn man sich der amtierenden Ordnung füge. Dieses Sachzwang-Vertrösten ist ja auch nichts anderes als eine besonders perfide Ordnung. Und der alte Knochen, der derzeit in Bellevue nächtigt, nennt denselben Schmarren »Freiheit in Verantwortung«. Was für ein Zufall. Oder auch nicht. Denn wie die Sache liegt, ist der Mann genau aus diesem Grund ins Amt kooptiert worden. Und man darf annehmen, dass auch er gegen den Streik ist. Vielleicht outet er sich ja noch. Sag du doch auch mal was dazu, Joe ...

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