Repressive Toleranz

Montag, 25. August 2008

Nachdem Marcuses Essay „Repressive Toleranz“ 1965 erschienen war, wurde es binnen kürzester Zeit eine der tragenden Säulen der sogenannten Studentenunruhen in den Vereinigten Staaten und Europa. Das explosive Gehalt dieses soziologischen Kurzaufsatzes ermöglichte der studentischen Unzufriedenheit den Rückgriff auf eine wissenschaftlich herausgearbeitete Kritik, die das oft wage Bauchgefühl der Studentenschaft durch ein seriöses Fundament ersetzte. Dieses äußerte sich dergestalt, dass „des Demokraten ganzer Stolz“, die Toleranz gegenüber jeglicher Form des politischen Andersdenkens, ein Mittel der Ausbeutung und Unterdrückung ist, welches dem erstrebenswerten Ziel nach Wahrheitsfindung im Wege steht – sogar im Wege stehen will.

Um dies zu begründen, bedarf es zunächst einer historischen Betrachtung der Toleranz. Marcuse kommt zu der Einsicht, dass „die Toleranz, die Reichweite und Inhalt der Freiheit erweiterte, [...] stets parteilich intolerant gegenüber den Wortführern des unterdrückenden Status quo“ war. Dies habe sich in der Demokratie der westlichen Industriegesellschaften verändert: Organisationen, die vorgeben dem Status quo entgegenzuarbeiten, eine bessere Welt schaffen zu wollen, versuchen ihrem demokratischen Verständnis damit Ausdruck zu verleihen, sich tolerant gegenüber jenem System zu verhalten, welches sie vorgeben zu bekämpfen. Dabei versteht es sich von selbst, dass Institutionen, Parteien und Organisationen, die sich im Status quo pudelwohl fühlen, kein Interesse an der Aufhebung dieser "absoluten Toleranz" haben. Im Gegenteil, denn sie dient dazu, den „Kampf ums Dasein zu verewigen“, d.h. Unterdrückung und Ausbeutung als zwischenmenschliche Umgangsformen zu bewahren, Freiheit und Autonomie des Individuums zur Träumerei zu stilisieren.

„Toleranz gegenüber dem radikal Bösen erscheint jetzt gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum Überfluß oder zu größerem Überfluß. Die Nachsicht gegenüber der systematischen Verdummung von Kindern wie von Erwachsenen durch Reklame und Propaganda, die Freisetzung von unmenschlicher zerstörender Gewalt in Vietnam, das Rekrutieren und die Ausbildung von Sonderverbänden, die ohnmächtige und wohlwollende Toleranz gegenüber unverblümten Betrug beim Warenkauf, gegenüber Verschwendung und geplantem Veralten von Gütern sind keine Verzerrungen und Abweichungen, sondern das Wesen eines Systems, das Toleranz befördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdrücken. Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrüstet man sich laut über die Zunahme der Jugendkriminalität, weniger laut über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben – das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation.“

Toleranz entweicht somit der ethischen Kategorie und wird zum Instrument politisch-ökonomischer Nutzbarmachung; sie wird zum versteckten, aber wichtigen Produktionsfaktor, zur Grundlage einer unkritischen Gesellschaft, die Toleranz mit Stillschweigen und das Tolerantsein mit Wegsehen oder „Nicht-Wissen-Wollen“ gleichsetzt. „Im Rahmen einer solchen Sozialstruktur läßt sich Toleranz üben und verkünden, und zwar 1. als passive Duldung verfestigter und etablierter Haltungen und Ideen, auch wenn ihre schädigende Auswirkung auf Mensch und Natur auf der Hand liegt; und 2. als aktive, offizielle Toleranz, die der Rechten wie der Linken gewährt wird, aggressiven ebenso wie pazifistischen Bewegungen, der Partei des Hasses ebenso wie der der Menschlichkeit.“ Es ist insofern eine unparteiische Toleranz, die mangels Bereitschaft sich zu einer Seite zu bekennen, als „abstrakt“ und „rein“ bezeichnet werden kann, womit „sie in Wirklichkeit die bereits etablierte Maschinerie der Diskriminierung“ schützt.

Dieses - zugegeben sehr große - Feigenblatt, das Unterdrückung und Ausbeutung kaschieren soll – die Toleranz eben -, behindert das Individuum an seiner Freiheit, läßt ihm Selbstbestimmung, Autonomie in weite Ferne rücken, hält ihn davon ab, „daß man imstande ist zu entscheiden, was man tun und lassen, was man erleiden und was man nicht erleiden will“. Dabei legt Marcuse offen, dass es nicht die Diskrepanz zwischen individueller Freiheit und der Freiheit des Anderen ist, die sich uns als Problem aufdrängt, also als etwas was als „Kompromiß zwischen Konkurrenten“ zu verstehen wäre, „sondern darin, die Gesellschaft herbeizuführen, worin der Mensch nicht an Institutionen versklavt ist, welche die Selbstbestimmung von vornherein beeinträchtigen“. Demnach ist selbst für die freiesten der bestehenden Gesellschaften wirkliche Freiheit erst noch herzustellen.

Freilich ist nun eine Freiheit, in der „der Mensch nicht an Institutionen versklavt ist“, nicht aus dem Nichts zu konstruieren. Als Vorbedingung zur Freiheit bedarf es der Denk- und Ausdrucksfreiheit, benötigt man also Toleranz. „Diese Toleranz kann allerdings nicht unterschiedslos und gleich sein hinsichtlich der Inhalte des Ausdrucks in Wort und Tat; sie kann nicht falsche Worte und unrechte Taten schützen, die demonstrierbar den Möglichkeiten der Befreiung widersprechen und entgegenwirken. Solche unterschiedslose Toleranz ist gerechtfertigt in harmlosen Debatten, bei der Unterhaltung, in der akademischen Diskussion; sie ist unerläßlich im Wissenschaftsbetrieb, in der privaten Religion. Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Glück selbst auf dem Spiel stehen: hier können bestimmte Dinge nicht gesagt, bestimmte Ideen nicht ausgedrückt, bestimmte politische Maßnahmen nicht vorgeschlagen, ein bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne daß man Toleranz zu einem Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht.“

Maßgeblicher Übermittler und Speerspitze der „abstrakten Toleranz“ – von unparteiilicher Toleranz, die sich zu keiner Seite bekennen will – erkennt Marcuse in den Massenmedien der Überflußgesellschaft, in der auch die öffentliche Diskussion (via Fernsehapparat und Radiogerät) im Überfluß herrscht. Jeder Standpunkt kommt dabei kritiklos zu seinem Recht auf Artikulation; die dumme Meinung wird mit dem gleichen Respekt behandelt wie die intelligente, „der Ununterrichtete darf ebenso lange reden wie der Unterrichtete, und Propaganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falschheit. Diese reine Toleranz von Sinn und Unsinn wird durch das demokratische Argument gerechtfertigt, daß niemand, ob Gruppe oder Individuum, im Besitz der Wahrheit und imstande wäre zu bestimmen, was Recht und Unrecht ist, Gut und Schlecht.“ Dieses urdemokratische Prinzip wird aber durch die „Verwaltung“ der monopolisierten Massenmedien – „bloße Instrumente ökonomischer und politischer Macht“ – zweifelhaft, schlimmer noch: eine erzeugte Mentalität, „für die Recht und Unrecht, Wahr und Falsch vorherbestimmt sind, wo immer sie die Lebensinteressen der Gesellschaft berühren“.

„Das ist, vor allem Ausdruck und aller Kommunikation, ein semantischer Tatbestand: blockiert wird die effektive Abweichung, die Anerkennung dessen, was nicht dem Establishment angehört; das beginnt in der Sprache, die veröffentlicht und verordnet wird. Der Sinn der Wörter wird streng stabilisiert. Rationale Diskussion, eine Überzeugung vom Gegenteil ist nahezu ausgeschlossen. Der Zugang zur Sprache wird denjenigen Wörtern und Ideen versperrt, die anderen Sinnes sind als der etablierte – etabliert durch die Reklame der bestehenden Mächte und verifiziert in deren Praktiken. Andere Wörter können zwar ausgesprochen und gehört, andere Gedanken zwar ausgedrückt werden, aber sie werden nach dem massiven Maßstab der konservativen Mehrheit (außerhalb solcher Enklaven wie der Intelligenz) sofort „bewertet“ (das heißt: automatisch verstanden) im Sinne der öffentlichen Sprache – einer Sprache, die „a priori“ die Richtung festlegt, in welcher sich der Denkprozeß bewegt.“ Weil dies so ist, wird die „Logik der Toleranz“ entkräftet; verliert das Überzeugen durch Diskussion und die gleichberechtigte Darstellung gegensätzlicher Positionen ihre befreiende Wirkung - „[...] weit wahrscheinlicher ist es jedoch, daß sie die etablierte These stärken und die Alternativen abwehren.“

Objektivität erfüllt in einer „Demokratie mit totalitärer Organisation“ eine andere Aufgabe, „nämlich die, eine geistige Haltung zu fördern, die dazu tendiert, den Unterschied zwischen Wahr und Falsch, Information und Propaganda, Recht und Unrecht zu verwischen.“ So schwindet die Entscheidungsmöglichkeit, bzw. ist die Entscheidung zwischen zwei gegensätzlichen Positionen schon vollzogen, ehe es auch nur dazu kommt, sie hinreichend zu erörtern – vollzogen durch den „normalen Gang der Ereignisse, der der Gang verwalteter Ereignisse ist, sowie durch die darin geformte Mentalität“. Marcuse beläßt es hierbei nicht bei Abstraktionen, sondern versucht durch Beispiele aus dem Alltag der Medien bildhaft zu machen, wie diese vorgetäuschte Objektivität zu arbeiten versteht: „Wenn eine Zeitschrift nebeneinander einen negativen und einen positiven Bericht über den FBI abdruckt, dann erfüllt sie ehrlich die Erfordernisse der Objektivität: es ist jedoch mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß der positive das Rennen macht, weil das Image der Institution dem Bewußtsein des Volkes tief eingeprägt ist. Oder wenn ein Nachrichtensprecher über die Folterung und Ermordung von Menschen, die für die Bürgerrechte eintraten, in dem gleichen geschäftlichen Tonfall berichtet, dessen er sich bedient, wenn er den Aktienmarkt oder das Wetter beschreibt, oder mit der gleichen großen Gemütsbewegung, mit der er seine Reklamesprüche aufsagt, dann ist solche Objektivität unecht, mehr noch, sie verstößt gegen Humanität und Wahrheit, weil sie dort ruhig ist, wo man wütend sein sollte, und sich dort der Anklage enthält, wo diese in den Tatsachen selbst enthalten ist. Die in solcher Unparteilichkeit ausgedrückte Toleranz dient dazu, die herrschende Intoleranz und Unterdrückung möglichst klein darzustellen oder gar freizusprechen.“

Um den derartiger Unparteilichkeit ausgesetzten Menschen, geschult und geprägt durch die Verhältnisse in denen er lebt, zu befähigen, autonom zu werden, diesem unterschwelligen Apparat von Vorzensur zu entgehen, müßte er aus der herrschenden Schulung – die man weder als solche erkennt noch kenntlich machen will – ausbrechen; müßte demnach „diese trügerische Unparteilichkeit aufgegeben werden“. Marcuse hält hierbei fest, dass wenn Objektivität irgend etwas mit Wahrheit zu tun habe und wenn Wahrheit mehr ist als eine Sache der Logik und Wissenschaft, dann sei diese Form der Objektivität falsch und die daraus abgeleitete Toleranz unmenschlich.

Das Aufgeben der „trügerischen Unparteilichkeit“ bedeutet indes nicht, dass man nun dazu übergehen müsse, bestimmte Positionen quasi gesetzlich zu verbieten und bei Übertritt dieses Gesetzes zu sanktionieren. Notwendig ist vielmehr eine Umkehrung des Trends, mittels Massenmedien eine vorgefertigte Objektivität übermittelt zu wissen. Die Menschen hätten Information zu bekommen, die in entgegengesetzter Richtung präformiert ist. Denn die Tatsachen sind niemals unmittelbar gegeben und niemals unmittelbar zugänglich; sie werden durch jene, die sie herbeiführen, etabliert und „vermittelt“; die Wahrheit, „die ganze Wahrheit“, geht über die Tatsachen hinaus und erfordert den Bruch mit ihrer Erscheinung. Dieser Bruch – Vorbedingung und Zeichen aller Denk- und Redefreiheit – läßt sich nicht im etablierten Rahmen abstrakter Toleranz und unechter Objektivität vollziehen, weil eben sie die Faktoren sind, die den Geist gegen den Bruch präformieren.“

Obwohl Marcuse immer wieder behauptete, dass das Zeitalter der Utopie beendet sei, nicht weil sie ein uneffektiver und romantischer Traum gewesen wäre, wie Realisten es gerne anmerken, sondern weil die Utopie - dasjenige was einst der (Noch-)Nicht-Ort war - nun umsetzbar geworden ist; weil die Bedingungen erfüllt sind, die jedem Menschen auf Erden ein Leben in sozialer und materieller Sicherheit bieten könnten; trotz dieser Feststellung also, wirkt Marcuse nun selbst wie ein Utopist, wenn er verkündet, dass es möglich ist, „die Richtung zu bestimmen, in der die herrschenden Institutionen, politischen Praktiken und Meinungen geändert werden müßten, um die Chance eines Friedens zu vergrößern, der nicht mit Kaltem Krieg identisch ist, sowie einer Befriedigung der Bedürfnisse, die nicht von Armut, Unterdrückung und Ausbeutung lebt. Es ist dem zufolge auch möglich, politische Praktiken, Meinungen und Bewegungen zu bestimmen, die diese Chance befördern würden, und diejenigen, die das Gegenteil täten [...].“ Marcuse erklärt mehrmals - nicht nur im Essay "Repressive Toleranz" -, warum er die Utopie für beendet hält, nämlich weil nun ein Verhungern und ein Leben in materieller Armut nicht mehr sein müßten – und wenn wir es mit den dramatischeren Worten des ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, ausdrücken wollen -, weil Kinder, die heute an Hunger sterben, deswegen ermordet wurden, weil wir im Wissen darüber sind, dass die Weltlandwirtschaft 12 Milliarden Menschen problemlos ernähren könnte. Diese Möglichkeit von Beilegung einer Utopie, die noch nicht ergriffen wurde, sondern per System als "Kampf ums Dasein verewigt" wird, führte uns weiter im Lande Utopia, führte uns, nachdem nun alle Menschen satt und abgesichert wären, zur Autonomie des Individuums, welches nicht mehr an Institutionen versklavt sein will – anders gesagt: der Utopie folgt die Utopie.

5 Kommentare:

Anonym 25. August 2008 um 18:31  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

"[...]Die in solcher Unparteilichkeit ausgedrückte Toleranz dient dazu, die herrschende Intoleranz und Unterdrückung möglichst klein darzustellen oder gar freizusprechen.[...]"´

Ein kleiner Hinweis, in religionskritischen Kreisen wird allein das Wort "Toleranz" schon seit Jahren ziemlich kritisch gesehen - es dient als Ausrede für alles. Z.B. gerade die intolerantesten Religionen berufen sich - insofern sie nicht die Mächtigen sind - auf "die Toleranz" - sind die einmal an der Seite der Mächtigen sind gerade dieselben Religionen die intolerantesten die es gibt. Aktuell z.B. im Iran zu besichtigen....ohne islamophob zu sein, denn im Christentum gibt es dasselbe Phänomen - siehe Nordirland-Konflikt Katholiken - Protestanten....

Mehr dazu kannst du hier:

http://ibka.org/artikel/miz98/werte.html

nachlesen.

Übrigens, ich will keine religionskritische Diskussion loslösen, sondern nur daran erinnern, dass "Toleranz" gerade gerne von Ideologien aller Art als Ausrede genommen wird, insofern man nicht an der Macht ist... ;-)

Anonym 25. August 2008 um 20:36  

Dient "Toleranz" nicht oft als Ausrede für Intoleranz? Als religionskritisch eingestellter Mensch meine ich vor einiger Zeit mal was darüber gelesen zu haben ;-)

Marcel 31. August 2008 um 17:52  

Eine sehr gute Abhandlung, allerdings kann ich jedem nur empfehlen auch das Original zu lesen, welches sich hier findet: http://www.marcuse.org/herbert/pubs/60spubs/65reprtoleranzdt.htm

Marcel 31. August 2008 um 18:31  

Ergänzung:

Ein ganz wichtiger Satz, der hier leider vergessen oder bewusst übergangen (gewiss nicht aus böser Absicht heraus) wurde, ist folgender:

" [...] Aber die Verbreitung des Wortes hätte unterbunden werden können, ehe es zu spät war: hätte man die demokratische Toleranz aufgehoben, als die künftigen Führer mit ihrer Kampagne anfingen, so hätte die Menschheit eine Chance gehabt, Auschwitz und einen Weltkrieg zu vermeiden."

Klaus Baum 18. Oktober 2008 um 19:12  

>>gerade die intolerantesten Religionen berufen sich - insofern sie nicht die Mächtigen sind - auf "die Toleranz"<<

dieses zitat paßt auch sehr gut zu der geschichte von kishon. wenn man selbst fußgänger ist, wenn man unter intoleranz leidet, schimpft man auf die autofahrer, klagt man über die machthaber.
kaum sitzt man im auto, kaum ist man selber am steuer, flucht man auf die fußgänger, kann man abweichende meinungen nicht ausstehen.
die kunst bestünde nun darin, eben diesen mechanismus zu reflektieren und sich selbst verbieten, ihm anheimzufallen.

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