Der unnütze Esser

Sonntag, 15. Februar 2009

Der historische Rückgriff mag gewagt sein, man darf sich aber nicht scheuen, sich dessen zu bedienen. In diesem Lande wird viel von der Aufarbeitung der nationalen Geschichte gesprochen, alleine deshalb muß jeder rückgreifende Vergleich erlaubt und sogar erwünscht sein. Nur wenn wir das Heute am Gestern messen, können wir gefährliche Entwicklungen erahnen. Wer das Heute nur am selbigen mißt, wer ohne Vergangenheitsgeplänkel versucht ist, eine Bewertung des Aktuellen zu vollziehen, der kennt kein Vergleichspotenzial und wird daher in jeder noch so menschenverachtenden Erscheinung zunächst kaum Menschenverachtung wittern, sondern einfach den zwar vielleicht dümmlichen, aber durchaus legitimen Ausdruck des Zeitgeistes.

Dies nur als knappes Geleitwort; nun zum historischen Rückgriff. Als das nationalsozialistische Regime die sozialdarwinistischen Gedanken aufgriff, die schon seit mehr als drei Jahrzehnten in den Gehirnwindungen und Publikationen von Ärzten und Wissenschaftlern vorzufinden waren, als es dazu überging, Gedanken nicht nur aufzugreifen, sondern auch in physische Wirklichkeit zu transportieren - Sterilisationsgesetze für Kranke und später für sozial Schwache; danach sogar Euthanasie für sogenanntes "unwertes Leben" -, da wurde das nicht im Stillen vollzogen, sondern als Errungenschaft der Zeit gegenüber veralteten Positionen, wie der Nächstenliebe und dem Humanismus, gefeiert. Ein starker Staat müsse bedingungslos ausmerzen, müsse Schwache daran hindern, den ganzen Volkskörper zu versauen, indem sie selbigen mit schwachen Kindern versorgen. Um einen Konsens zu erzeugen, um Jahrgänge bedingungsloser Verfechter der Sterilisationsgesetze heranzuzüchten, war es für das Regime sinnvoll, schon Kinder im schulischen Alltag damit zu konfrontieren.

So durften sich Schüler nicht nur im Rassekundeunterricht "informieren", sondern ebenso in der Mathematik den neuen Lehren ausgesetzt fühlen. Eine Aufgabe, die so oder ähnlich in den Rechenbüchern der damaligen Zeit zu finden waren: "Wenn der Nachwuchs einer Schwachsinnigen der Volksgemeinschaft im Jahr 300 Reichsmark kostet - wieviele unterbundene solcher Schwachsinnsgeburten würden eine Sozialwohnung im Wert von 36.000 Reichsmark finanziell ermöglichen?" Bereits in den jungen Schuljahrgängen wurden Kinder auf die Positionen des Nationalsozialismus bzw. die Positionen der Wissenschaft und Medizin getrimmt; mit vorauseilendem Gehorsam widmete sich das gesamte deutsche Bildungswesen solcher praktischen Aufgabenfelder, die einerseits den Kindern Rechnen, aber viel wichtiger, andererseits unterschwellig die angeblichen Notwendigkeiten der neuen Zeit mitteilen sollten. Hat man erstmal von Kindesbeinen an vernommen, dass Sterilisation eine Normalität moderner Zeit sei, dann war das eine unumstößliche Prämisse im Leben des Heranwachsenden, die kaum mehr aus dessen Denken zu tilgen war.

Was in Volksschulen gelehrt wurde, war auch an höheren Schulen, an Gymnasien und Universitäten, Usus, wenngleich dort die Aufgabenstellungen wesentlich komplexer gewesen sein mögen. Und in späteren Jahren hat man nicht mehr nach "unterbundenen Geburten", sondern nach der Ausmerzung solcher Gestalten gefragt, besser gesagt: nach den finanziellen Mitteln, die solche Ausmerzungen ermöglichen würden. Von der "Ermordung" wurde indes kaum gesprochen, denn was heute noch die deutsche Gesellschaft hemmt, nämlich das ständige Lavieren, die Tatsache bloß nicht konkret werden zu wollen, der damit verbundene Hang zum Euphemismus, war damals Auswuchs perversester Form.

Warum dieser Rückgriff? Antwort: Egal wohin man heute auch blickt, man stellt Rechnungen auf, die die Ärmsten der Armen dieser Gesellschaft verunglimpfen. Aus dem Boden schießen freilich keine Rechnungen, die die Sterilisation heranziehen, aber Speisepläne werden errechnet, die angeblich finanziell einzuhalten möglich sind, wenn man nur möglichst diszipliniert vorgeht, sich jeden außerplanmäßigen Genuss versagt. Allerlei Stümper berechnen einseitige, oft auch widerliche Essensvorschläge, versuchen den Regelsatz als Ganzes herunterzureglementieren oder fassen ihre Berechnungen in Kochbüchern aller Art zusammen. Neuerdings entwickeln sogar Studenten - wir erinnern uns an den vorauseilenden Gehorsam des Bildungswesen von 1933 bis 1945 - Speisepläne für Langzeitarbeitslose. Das Herumrechnen an der Not der Armen ist zum Volkssport geworden. Wissenschaftler und Studenten bedienen sich dieses Aufgabenfeldes aus der alltäglichen Praxis, selbst Betroffene agieren im blinden Pragmatismus, fordern damit ein Arrangement mit den Zuständen, anstatt ihre Energie darauf zu verwenden, die Untragbarkeiten des SGB II zu verdeutlichen.

Freilich kann man jetzt einwenden, dass die heutigen Rechnungen nicht vergleichbar sind mit den Rechnungen der damaligen Volksschulen. Eins zu eins vergleichbar ist aber in der Geschichte kaum etwas, Tendenzen lassen sich aber sehr wohl deuten, gleichen sich oft auf erschreckende Art und Weise. Wenn man weiß, dass schon vor der Machtergreifung Hitlers die wissenschaftlichen Kreise Deutschlands über eine Bändigung der Massen von Schwachsinnigen und Erbkranken sinniert haben, weil sie immer noch den Irrungen des Haeckelismus folgten, die Evolutionstheorie gehörig mißverstanden, dann ist der heutige Diskurs anders, d.h. kritischer zu interpretieren. In der Diskussion der damaligen Tage, in Weimarer Tagen folglich noch, sprach man gerne von sogenannten "unnützen Essern", die die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes beeinträchtigen. Wenn es gelänge, diese "unnützen Esser" zu reduzieren, vielleicht sogar vollkommen zu beseitigen, dann würde die geschundene deutsche Nation, dieses von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges so gebeutelte Reich, endlich wieder aufstehen, mittels dann erbgesunder und rassisch einwandfreier Bevölkerung, zu neuem Glanze emporsteigen.

Heute würde niemand mehr diesen Begriff benutzen, wenngleich man nachschieben müßte, dass ihn noch niemand gebraucht - die zeitgenössische Erfahrung hat gezeigt, dass Rückgriffe in schäbigen Jargon durchaus wieder legitim erscheinen; man bedenke nur, dass ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister vollkommen ungeniert von Parasiten und Schmarotzern sprach, auch Broschüren in dieser Tonlage drucken ließ. Und auch wenn man derzeit den Begriff nicht gebraucht, so verläuft die Tendenz genau in diese traurige Richtung. Denn heute geht es (noch) nicht um die Ausmerzung "unnützer Esser", sondern um die möglichst kostengünstige Bändigung der Problemfälle. "Unnütze Esser" sollen tunlichst preiswert abgespeist werden, gerne auch mit qualitativ minderwertiger Ware. Das ist der Liberalismus dieser Zeit, der gerne generös freiheitlich tut, aber im gleichem Atemzug der Freiheit des Armen Ketten anlegt, ihn bevormundet und gesellschaftlich und politisch kaltstellt.

Der Rückgriff auf die braune Geschichte dieses Landes, aber auch auf die durch und durch braune Geschichte der deutschen Wissenschaft und Ärzteschaft, scheint nicht gewagt, sondern durchaus berechtigt. Demokratische Zustände müßten das Gegenteil dessen bewirken, was im Rahmen der "Esserfrage" derzeit veranstaltet wird; Demokratie müßte bewirken, dass man über bessere Bezüge, damit bessere Versorgung aller Menschen spricht, nicht über kostengünstiges Abspeisen der Unterschichten. Wenn in einer Demokratie eine verklausulierte und kaschierte Diskussion zu "unnützen Essern" stattfindet, dann muß man sich um den demokratischen Wert dieser Demokratie sorgen, muß sich fragen, ob das alles noch sehr demokratisch und sozialstaatlich ist, was uns da über den Weg der Medien zugeworfen wird. Wenn wir heute immer noch - oder wieder - pragmatische Rechnungen zu "unnützen Essern" anstellen, wenn wir heute Fragen stellen wie vor 70 Jahren: was hat sich dann im Wesentlichen geändert? Letztlich sind die Speiseplanberechner und Kochbuchschreiber nicht anders zu bewerten, als die pseudo-intellektuellen Kreise der Weimarer Zeit, die den "unnützen Esser" zum Schlagwort machten, der dann später zum "Schwachsinnigen, erbkranken Subjekt und Asozialen" umgemünzt wurde. Erst spricht man nämlich von Essern, dann davon, wie sie möglichst wenig, irgendwann möglichst gar nichts mehr essen sollen; erst wird das Mitessen zum Sujet, dann das "Es reicht!" und nochmals später ertönen Parolen wie "Das Essen den Leistungsfähigen!"...

13 Kommentare:

Anonym 15. Februar 2009 um 12:20  

Wieder einmal ein toller Text, der die heutigen Verhältnisse voll auf den Punkt bringt - mit Rückblick auf die Jahre der Endphase der Weimarer Republik, und dem Beginn der (!) gewählten Hitler-Diktatur.

Traurig finde ich auch, dass die heutigen "Eliten" in Deutschland dieselben sind, die damals Adolf Hitler an die Macht gewählt haben, und dies trotz 1945. Von Springer, Mohn, Quandt, Bertelsmann & Co. rede ich.

Die heutigen Enkel sind die Nachfahren derer, die damals derartige pseudo-wissenschaftliche Thesen an den Mann gebracht haben - in diesem Sinne sind die rechtskonservativen "Eliten" die würdigen Nachfolger ihrer rechtskonservativ-faschistischen Vorfahren.

Eigentlich müßte man die selbst ernannte "Elite" einmal, wenn nicht schon ausmisten, dann in punkto Demokratie- und Verfassungstreue überprüfen.

Die Ergebnisse kenne ich jetzt schon, aber ich will nicht vorgreifen - nur soviel: Siehe oben.

Traurig finde ich auch, dass die Bevölkerung in Deutschland immer noch dem wilheminisch-preußischen Obrigkeitsstaatdenken huldigt, und dies in der Öffentlichkeit immer wieder abstreitet.

Die Taten unserer "Eliten" & deren Anhänger quer durch alle Bevölkerungsschichten sprechen eine andere Sprache:

"Der Untertan" von Heinrich Mann ist ein Untoter, der immer noch existiert - im Jahre 2009 n. Chr. in Deutschland :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 15. Februar 2009 um 13:14  

Danke Roberto! Du hast es (mal wieder) auf den Punkt gebracht.

Erst in der letzten Woche durfte ich wieder bei dem (Quasi-)Hausmeister-Paar meiner (beruflich bedingten) Zweitwohnung die Folgen jahrelanger Gehirnwäsche "bewundern". (Ist am Bild des "typischen Hausmeisters" was dran, oder ist es nur so, dass die Hausmeister typische Deutsche sind?) HartzIV-lern könne man doch keine Wohnung vermieten, "weil man ja nicht weiß, ob der nicht die Arbeit verweigert und er dann keine Leistungen mehr erhält, so dass auch die Miete nicht reinkommt". Man sähe das ja dauernd im Fernsehen...

Mein Versuch klar zu machen, dass es angesichts der großen Zahl der (Langzeit-)Arbeitslosen und der äußerst geringen Zahl der offenen Stellen, sich bei HartzIV-Geschundenen weit eher um zu bedauernde als um zu beargwöhnende Opfer eines zügellosen Zeitgeistes handele, und die Medien - in der Hand der Gewinner dieses Zeitgeistes - kein Interesse daran haben (können), die Realität darzustellen, sondern stattdessen künstlich die Spaltung der Wenig-Habenden von den Nichts-Habenden betreiben, damit die wahre, abgrundtiefe Spaltung der Gesellschaft in Wenig- und Nichts-Habenden und die Überfluss-Habenden nicht wahrgenommen wird, lief auf einen Blick heraus, der "so ein Sozial-Romantiker" auszudrücken schien.

Diese Leute sind selbst arm, weil er als gesundheitsbedingter Frühpensionär mit kleinen Bezügen aufs Abstellgleis geschoben wurde. Aber sie solidarisieren sich nicht mit den (noch) Ärmeren, sondern sehen sich tatsächlich eher dem "Mittelstand" zugehörig an...

Ist das eine Illusion, die man mit aller Macht aufrecht erhalten will, damit sein eigenes Elend einen nicht erdrückt?

Beste Grüße
Omnibus56

Anonym 15. Februar 2009 um 13:27  

Guter Text. Kompliment. Der Hitlerfaschismus hat wie du dargestellt hast geschickt alle möglichen Strömungen und Denkrichtungen vereinnahmen können. Diese Gedankengut ist aber nicht per Beschluss oder Staatsgründung der aus der Welt zu schaffen. Provokant und stark verknappt könnte man sagen, in der Menschenverachtung treffen sich Sozialdarwinistische Nazis und "Standort" Politiker" heutiger Tage. Der demokratische Lack ist dünn und darunter lauert noch immer der Faschismus.

Anonym 15. Februar 2009 um 14:17  

"[...]Der demokratische Lack ist dünn und darunter lauert noch immer der Faschismus.[...]"

Irgendwo las ich mal 'ne andere Methaper, die es aber genauso auf den Nagel trifft - zum Krieg im Irak/Afghanistan, die läßt sich aber auch gegen den Krieg gegen Arme (HartzIV, Geringverdiener etc.) ausdehnen:

"Die menschliche Zivilisation läßt sich mit einem rostigen Schwert vergleichen, dass außen blitzt, aber innen rostig und alt ist".

Die Methaper soll dasselbe sagen....global....

Die menschl. Zivilisation ist wohl so?

Übrigens, ich - als jemand der in einer relativ zerstrittenen Erbengemeinschaft tätig sein muss - machte eine ähnliche Erfahrung wie Du, die wollen bis heute nicht wahr haben, dass bald jeder 2. Industriearbeitsplatz wegbricht, wenn es nach dem SPIEGEL geht, und wir auf eine Weltwirtschaftskrise II zusteuern, wenn wir nicht schon drin sind, ohne es zu ahnen.

Ich würde meine Geschwister als politisch-wirtschaftlich ungebildet beschreiben - Die schauen nur bis zur Nasenspitze, darüber hinaus existiert für die keine Welt....

...nicht einmal in einer Finanzkrise, die sich zur wahren Weltwirtschaftskrise, dank krimineller Zocker auf den Börsen/Banken/Öffentlichen Verwaltungen, auswachsen dürfte.

Ich wag die Prognose, dass es ganz genau die kleinkarierte Denkweise ist, die solchen Menschen wie mir, dir und Arbeitslosen zu schaffen macht.....

Wir sehen die Realität, die andere einfach wegleugnen wollen....

Kein Wunder, dass CDU/CSU/FDP gute Chancen haben in der Bundestagswahl die Mehrheit zu stellen - und dabei wegzukaschieren, dass die Nichtwähler wohl, oder übel, die eigentliche Mehrheit in Deutschland sind.....

Fazit:

Solange die kleinkarierte "bis-zur-eigenen-Nasenspitze-denken-und-nicht-weiter" Denkweise in Deutschland grassiert braucht sich Angela Thatcher keine Sorgen zu machen wiedergewählt zu werden! :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 15. Februar 2009 um 14:20  

Ich könnte ja noch hinzufügen, dass sogar renommierte Bewerbungsratgeber derzeit raten den Job zu behalten, da die Weltwirtschaftskrise II vor der Tür steht, aber meine "liebe Verwandschaft" immer noch der Ansicht ist, dass dies doch nicht so schlimm kommen wird.....

Irgendwie seh ich da einen Unterschied zwischen völligem Realitätsverlust und gesundem Optimismus, der in Deutschland derzeit als neue Volkskrankheit grassiert....

Seh ich das falsch? Wie denkt ihr darüber?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: So läßt sich übrigens auch erklären, dass die Sprüche: "Wer Arbeit will, der findet auch welche" auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Hochkonjunktur haben - außer bei Linken und Anhängern der Linkspartei, die es realistisch sehen - als Pessimisten....

Kowalski 15. Februar 2009 um 15:06  

Zitat Omnibus56 Diese Leute sind selbst arm, weil er als gesundheitsbedingter Frühpensionär mit kleinen Bezügen aufs Abstellgleis geschoben wurde. Aber sie solidarisieren sich nicht mit den (noch) Ärmeren, sondern sehen sich tatsächlich eher dem "Mittelstand" zugehörig an...

Das ist die crux, weil ein gewollter Zustand. Hier wird das Ersatzheer der Arbeitslosen als Waffe gegen jene gebraucht, die früher selbst zum Proletariat gehörten. Man gebe Ihnen ein Auto und eine Eigentumswohnung und lasse es Sie auf Pump finanzieren. Somit fließt noch mehr Geld in die Kassen der Ausbeuter und hält die Proleten ruhig weil sie jetzt noch mehr zu verlieren haben und gibt ihnen gleichzeitig das Gefühl was besseres zu sein.

Alles läuft doch auf die Entsolidarisierung als vom Kapitalismus gewollten Zustand hinaus. Zeig Ihnen den wahren Abschaum in den Talkshows am Nachmittag und zeig ihnen damit, dass es noch weiter runter geht.
So kann man auch das Verhalten des Hausmeister-Paares verstehen, sie haben immer noch was zu verlieren und fühlen sich immer noch als was besseres als die da unten.

Es wird Zeit die Systemfrage zu stellen.

Anonym 15. Februar 2009 um 18:39  

Dieser Text spricht mir zutiefst aus dem Herzen! Ich muß gerade selber erleben wie man sich durch die von den Medien geschürte Arroganz und Ignoranz gegenüber der wirtschaftlichen Situation im Allgemeinen und gegenüber dem Hartz-IV-System im speziellen in große Gefahr bringen kann.

Ich mußte mich, als erwerbsunfähiger und dauerhaft berenteter Grusi-Aufstocker, von meinen Eltern und der Familie wiederholt als Schmarotzer titulieren lassen, der sich von ihren Steuergeldern ein schönes Leben macht. Und da wurde ich dann auch prompt und folgerichtig enterbt. Der Riß, der durch dieses Land geht läuft auch mitten durch Familien, wie man sehen kann.

Sie sind ja auch absolut davon überzeugt das es nirgends einen so hohen Lebensstandard gibt wie in Deutschland. Und die sinkenden Löhne werden ohne rot zu werden damit abgetan, das sich das Lohnniveau innerhalb der EU ja halt angleichen müsse, weshalb die Löhne in allen anderen Ländern steigen, und in D sinken, damit sie sich in der Mitte treffen. Das nur am Rande, um zu zeigen, wie die drauf sind.

In ihrer Ignoranz haben sie nun aber folgendes Kunststück fertiggebracht: Mein Bruder (ihr Lieblingssohn) und seine Frau arbeiten als Erzieher, sind jetzt, nachdem sie ihre festen Vollzeitstellen selber und ohne Not gekündigt haben, die 200 km zu meinen Eltern ins Haus gezogen. Weil ein zweistöckiges Haus mit großem Grundstück ihrer Ansicht nach nicht reicht für vier Erwachsene und zwei Kinder (eins ist zur Zeit aber gerade noch in Arbeit), sind sie auf die glorreiche Idee gekommen, doch einfach anzubauen. Mein Bruder hat hier eine Teilzeitstelle bekommen, meine Schwägerin wird wegen des Kindes auch so bald nicht mehr arbeiten. Damit der Kredit gewährt wird haben meine Eltern die Bürgschaft übernommen (mit dem Haus als Sicherheit, vermute ich). Da wären also mein Vater mit seiner Rente, meine Mutter und meine Schwägerin haben kein Einkommen, und mein Bruder mit der Teilzeitstelle. Da man in diesem Haus aber der Meinung ist, das sei alles ganz unproblematisch, weil ja gerade im Sozialbereich immer Arbeit zu finden wäre wird denen nicht mal mulmig!

Meine Warnungen ob der absehbaren Katastrophe im Fall das mein Bruder die Arbeit verliert werden in den Wind geschlagen und man macht sich nur über mich lustig. Wirtschaftskrise? Gibt's hier nicht! Hartz IV? Betrifft nur die arbeitsscheuen Schmarotzer und ist auch ohnehin viel zu hoch! Bedarfsgemeinschaften? Nie gehört!

Ich habe nun beschlossen, ihnen gegenüber zu schweigen und die absehbare Katastrophe ihren Lauf nehmen zu lassen.

Ich frage mich wie viele Menschen sich aufgrund der medialen Verblödung, um nicht zu sagen Propaganda, in solch gefährliche Situationen bringen!

Dieses Ausmaß an Obrigkeitshörigkeit und Mediengläubigkeit mag im vorliegenden Fall schon pathologisch sein. Aber es ist in diesem Land sicher nicht untypisch! 200 Jahre deutscher Nationalismus und 150 Jahre Sozialrassismus lassen sich wohl nicht über Nacht überwinden, besonders nicht in diesem provinziellen Kleinbürgertum, in dem, ich habe es erlebt, selbst SPD-Wähler als "Kommunisten" beschimpft werden.

So hält man sich auch in dieser Familie für absolut sicher und überlegen, meint, es könne ja nichts passieren. Und trotz meiner Warnungen über den direkt voraus aufgetauchten Eisberg hält das Narrenschiff den Kurs, und es wird fröhlich weiter über die unnützen Esser und Schmarotzer, einschließlich derer in der eigenen Familie fabuliert, und das mit einer schier unbeschreiblichen Gehässigkeit.

Wie lange noch, bis sie die Wahrheit auf die harte Tour erfahren werden?

Gruß

Tantalos

otti 15. Februar 2009 um 18:59  

Bei der Überschrift des Artikels musste ich unwillkürlich an den den verhungerten Mann aus Speyer denken. Er hat einfach aufgehört zu essen. Er ist verhungert.

Dieser Vorgang wurde staatlicherseits untersucht. Aber nicht die Legislative oder die Exekutive muss sich deswegen verantworten, sondern wohl die selbst auf fremde Hilfe angewiesene Mutter des Verhungerten wegen unterlassener Hilfeleistung.

Die, die für solche Zustände verantwortlich sind, werden im so genannten Rechtsstaat natürlich nicht zur Verantwortung gezogen.

Anonym 15. Februar 2009 um 19:29  

@Otti

Ich hab den Fall auch verfolgt und bin nach wie vor der Ansicht, dass eigentlich die kriminellen PolitikerInnen, und Wirtschaftsbosse, die uns "regieren" dürfen vor den Staatsanwalt müssen.

Anklage, und da bleibe ich dabei:

M o r d

Es wäre übrigens einmal interessant eine Statistik derer aufzustellen, die aufgrund der "Reformen" im Rahmen der Agenda 2010 gestorben sind - ich bin sicher, die Dunkelziffer ist jetzt schon gewaltig, aber zur Verantwortung werden die Mörder in Berlin nicht - die haben ja die Macht....

Es wird wirklich Zeit die Systemfrage zu stellen, und die PolitikerInnen und andere HartzIV-Verbrecher abzuurteilen....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

G. G. 15. Februar 2009 um 19:51  

Was sagt die Bundeszentrale für politische Bildung:

Der Vorwurf der Arbeitsscheu diente in der NS-Zeit als Bestandteil der Sammelbezeichnung "Asoziale" zur Charakterisierung von bestimmten Angehörigen der sozialen Unterschichten (wie beispielsweise Bettler, Prostituierte, Obdachlose, Trinker, Nichtangepasste, Aussteiger), die meist keiner geregelten Beschäftigung nachgingen. Er wurde schon lange vor der nationalsozialistischen Zeit als Begründung sozialfürsorgerischer Zwangsmaßnahmen ("Arbeitshaus") benutzt. Das NS-Regime begann bereits 1933 mit der Verfolgung von "Arbeitsscheuen" und anderen "Asozialen", die ab 1937 in Konzentrationslager eingewiesen und anderen Zwangsmaßnahmen (beispielsweise Sterilisation) unterworfen wurden, weil nach Verlautbarung der "Rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Forschungsstelle" im NS-Reichsgesundheitsamt asoziale Charaktereigenschaften angeblich vererbbar sein sollten. 1938 gab es eine Verhaftungswelle mit Einweisung in Konzentrationslager (Aktion "Arbeitsscheu Reich"), die weit über 10000 Personen traf. Die Einstufung einer Person als "arbeitsscheu" war willkürlich, sie erfolgte oft durch Denunziation. Die Rechtlosigkeit des Einzelnen, die Preisgabe des Individuums gegenüber der Willkür der Behörden, die dem Wunsch der diesen Begriff Benutzenden entspricht, kommt in der Diskriminierung "arbeitsscheu" zum Ausdruck.

Quelle: http://www.bpb.de/publikationen/DONS7M,0,Arbeitsscheu.html

Das paßt doch sehr gut auf unsere heutige Situation mit H IV. Es läuft alles nur ein wenig subtiler ab. Wie definiert Wikipedia das Wort "Asoziale (NS)":

Individuen oder Gruppen – in der Regel aus den Unterschichten – als unfähig oder unwillig zur geforderten Einordnung in eine imaginär als „Kollektiv“ konstruierte soziale Gemeinschaft.[1] In der Zeit des Nationalsozialismus war der Begriff „Asoziale“ eine übliche Sammelbezeichnung für als „minderwertig“ qualifizierte Menschen aus den sozialen Unterschichten („Ballastexistenzen“), die nach NS-Auffassung sozialen Randgruppen zugehörten sowie schwere Leistungs- und Anpassungsdefizite aufgewiesen hätten. Menschen und Menschengruppen wurden so als Ressourcen verbrauchende „Schädlinge“ und „unnütze Esser“ etikettiert, für die die als „gutwillig“ und „fleißig“ bezeichnete Mehrheit der „Volksgemeinschaft“ zu ihrem Nachteil aufkommen müsse.

Und dann noch der tolle Vermerk:

Auch nach 1945 blieb der Begriff mit den dahinter befindlichen Vorstellungskomplexen („zu faul zu arbeiten“, „können sich nicht anpassen“) Bestandteil des stereotypen Alltagsdenkens in der deutschen Öffentlichkeit. „Asoziale“ wurden als NS-Verfolgte selbst von anderen NS-Verfolgten nicht anerkannt.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Asoziale_(Nationalsozialismus)

Auch das paßt perfekt auf unsere Zeit.

Der einzigste Unterschied zu damals ist, daß wir noch darüber reden dürfen und die direkte physische Vernichtung noch nicht durchgeführt werden darf. Indirekt erfolgt sie aber schon jetzt, indem man den Leuten (H IV, ...) bewußt den Geldhahn zudreht.

Es gab viele Menschen, die vor dem "Dritten Reich" gewarnt und die die Zeichen der Zeit erkannt hatten.

Heute sind wir (z. B. die Leser, die sich hier engagieren) es, die die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Werden wir die Dinge wieder zum Guten wenden können?

Anonym 15. Februar 2009 um 22:45  

@G.G.

Danke für die Begriffsbestimmung, aber eine Korrektur hätte ich - als jemand, der einen Onkel hat, der selbst Rechtsextremist der REPs war.

Der Begriff "Asoziale" wird in diesen Kreisen offen für die von dir genannten Personen benutzt - ganz ohne Historisierung.

Mein Fazit:

Allein an der Sprache erkennt man auch heutige Faschisten wieder, egal ob die REPs, DVU, NPD sind.

Das toppen war ja, dass derartige Begriffe bei renommierten Parteien aus CDU/CSU/FDP/GRÜNEN/SPD eingesickert sind, ja sogar, dass Teile von offen rechtsextremen Parteiprogrammen bei CDU/CSU/FDP/GRÜNEN/SPD gelandet sind....Vordergründig, um dem Rechtsextremismus das Wasser abzugraben, aber die "Reformen" sind schon in der marktradikalen Ecke gewachsen, denn m.E. sind Faschismus und Kapitalismus beide Seiten ein- und derselben Münze.

Gibt mit Naomi Klein sogar eine prominente Globalisierungskritikerin, die es in der "Schock-Therapie" genauso sieht....leider muss man sagen.....

Was übrigens die REPs angeht, mein Onkel hat vor Jahren schon von einem Arbeitsdienst für Arbeitslose geschwärmt, dass im REP-Parteiprogramm steht.....

Da kommen mir heute verdächtige Ähnlichkeiten zu dem Arbeitszwang für HartzIV-EmpfängerInnen, den sogenannten Ein-Euro-Jobs auf.....

Sollte man einmal Arbeitslosen mitteilen, die meinen, dass NPD, DVU, REPs & Co. auf ihrer Seite sind - das ist nicht wahr....Siehe oben....und das weiß ich eben nicht vom Hörensagen, sondern daher weil ich mit einem Onkel geschlagen bin, der selbst Mitglied einer rechtsextremen Partei ist/war (Geb's zu hab - eben wegen seinem Rechtsextremismus und seiner Sprache gegen "Asoziale" - keine große Lust auf längerem Kontakt)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 15. Februar 2009 um 23:18  

Vier kurze Anmerkungen

Die Denkfigur des unnützen Essers braucht drei Vorraussetzungen.
Identifikation von Individuen mit Nation/Rasse/Volkskörper.
Bedrohung von außen durch Rassenkampf oder Standortkonkurrenz. Die Überzeugung, nicht Individuen konkurrierten miteinander, sondern die Gruppen, mit denen jeweils eine Identifikation stattfindet (Nation...)

Der unnütze Esser kann also nur verschwinden, wenn auch Konkurrenz und Identifikation verschwinden.


Wie verbreitet das Bild vom unnützen Esser ist, kann man an den Internetkommentaren zu Artikeln über H IV der bürgerlichen Presse sehen. In der Welt z. B. gibt es keinen Artikel zu H IV, ohne den besorgten Kommentar eines Bürgers über die unkotrollierte Fortpflanzung von Arbeitslosen. Wer es nicht glaubt, soll es überprüfen.


Aber durch Geburtenkotrolle erwünschte Eigenschaften auf die nächste Generation zu übertragen, indem Fortpflanzung wertvollerer Menschen gefördert werden, ist mit der Abschaffung des Erziehungsgeldes zugunsten des Elterngeldes schon längst staatliches Programm.



Als Hartz-IV-Empfänger bleibt mir da nur, den Schwanz einzuziehen, oder das biologistische Paradigma anzuerkennen, und für jedes nicht gezeugte Kind von Sozialleistungsbeziehern ein Elitekind zu töten. Kann ja nicht sein, dass die sich durchsetzen, wa? Ich scherze.

there will be blood

hedera 16. Februar 2009 um 20:06  

Ich schließe
mich dem letzten Kommentar an. Es ist schon längst im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen, dass sich die "Asozialen" vermehren wie die Kaninchen, während die jungen Menschen aus "geordneten Verhältnissen" (die Intelligenten) keine Kinder mehr haben wollen. Warten wir mal die Entwicklung ab. Mich wundert in diesem Staat nichts mehr.

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