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In nuce

Dienstag, 23. Juni 2009

Wahrscheinlich grassiert in jeder politischen Partei ein Fünkchen Sektentum, irgendwie fühlt man sich immer als eingeschworene Gemeinschaft, die trotz aller Flügelkämpfe eine gemeinsamen Nenner besitzt: das Parteibuch. Warum man nun ausgerechnet der LINKEN vorwirft, sie sei eine "Partei der Sektierer und Spinner", bleibt ein offenes, in den Medien nicht tiefgründig erläutertes Rätsel. Wer, wenn auch noch so gemildert und im Rahmen der herrschenden Regeln wie im Wahlprogramm der LINKEN, an den Geldbeutel der Besserverdienenden herantastet, der wird pathologisiert. Das war nie anders, wurde von den Jakobinern ebenso praktiziert wie später von Stalin. Die Macht macht sich diese Methode oft zunutze, das ist also alter Käse.
Dabei hat man vor einigen Tagen erst eine wirkliche Sekte beobachten dürfen, wie sie einem grauhaarigen, bebrillten Messias ohne Charisma, dafür aber mit einer Rhetorik aus dem Schlafinstitut behaftet, zujubelte und hochleben ließ. Habemus papam! Vorab hat man ihn schon mal zum Kanzler vereidigt, obwohl sich in der wirklichen Welt abzeichnet, dass er seine Partei in ein noch tieferes Tief stürzen wird. Ein Tief, welches die Anhängerschaft des Gurus gar nicht befürchtet, weil der Gesalbte Wunder wirken kann, weil er im September seine Kräfte einsetzt, um das Unmögliche möglich zu machen. Ein bereits herrschendes Tief, welches fehlinterpretiert wird, denn man würde nur falsch verstanden, die Menschenmassen dieses Landes würden die tiefe Spiritualität messianischer Reformen nicht begreifen. Täten sie dies, sie würden frohlocken. Fanatisiertes Geschau, schweißtreibendes Geklatsche, hemmungsloses Hosianna-Geschrei, danach noch ein vereinend' Liedchen, eine geträllerte Selbstbeweihräucherung: wenn das nicht mal ein sektiererisches Treiben war, wenn da mal nicht Sektenluft verbreitet wurde!
Doch sowas nennt man dieser Tage nicht mehr Sektentum, sowas nennt man Optimismus. Sekte sind immer die anderen, die wirklich anderen, diejenigen, die anders denken und fordern - Sekte sind solche, die man nicht versteht, nicht verstehen will, nicht verstehen soll; die versponnene Sekte ist ein Kampfbegriff der herrschenden Sekte.

Vor Christoph Metzelder, Geisteskind der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), wurde bereits gewarnt. Man sollte darüber aber nicht vergessen, vor anderen Zeitgenossen zu warnen, die scheinbar als unpolitische Zeitgenossen durch die Lande schwirren, die aus der Showbranche entschlüpfen, um sich der vermeintlich edlen Sache der INSM anzuschließen. Allen voran ist da Ralf Möller, deutscher Hollywood-Exportschlager in Sachen Neben-Nebendarsteller, zu erwähnen. Eigeninitiative, Ehrgeiz und natürlich der obligatorische Schuss Optimismus, so teilt er uns mit, seien Grundvoraussetzungen, um im Berufsleben Fuß zu fassen. Wenn er dann bei Anne Will sitzt, nennt man ihn verschleiernd einen Schauspieler (dies an sich ist schon gewagt, entspricht aber wohl den heutigen Maßstäben schauspielerischer Kunst), von seinem Engagement bei der INSM, der er den Auftritt in einer solchen Sendung ja wohl verdankt, wird aber geschwiegen. So bescheiden ist die INSM. Sie will als Schenkender nicht genannt werden, hält sich wie ein Gentleman zurück, wenn sie einem muskelbepackten Schauspiel-Hinterbänkler, der öffentlich vorallem durch geistige Nullität auffiel, ein Plätzchen im Abendprogramm politischer Desinformation zum Geschenk macht.
Stefan Hagen nennt sich eine andere Werbekarikatur der Initiative. Unternehmensberater schimpft er sich und hat seit ungefähr einem Jahr eine eigene TV-Show im Privatfernsehen. Bezeichnender Titel: "Hagen hilft!" Dort gibt er sich als potenter Helfer und Mädchen für alles, rettet und saniert Kleinunternehmen, redet den Leidgeplagten gut zu, schafft Anreize zur Selbstinitiative, motiviert, staucht zusammen, schafft Hoffnung. All das klingt wie aus dem Märchenbuch des Gebruder Tietmeyer - und wieviel des Ausgestrahlten wirklich Realität ist, bleibt fraglich. Ob dieser Vater Teresa notleidender Mittelschicht wirklich nachhaltig Unternehmen saniert, danach fragt das Sendekonzept nicht. Was kümmert kabel eins das Gesendete vom gestrigen Tag? Dass Hagen geholfen hat, dass dahinter der Elan und der praktisch umgesetzte Erfolg der INSM-Dogmen vermutet wird, das ist von Bedeutung.
Und so reihen sich mehrere ein in die Riege scheinbar unideologischer Mitdiskutanten: der mit Regulierungsphobie behaftete Wetterfrosch Kachelmann, die vom Boden abgehobene Olympiasiegerin Nasse-Meyfarth oder Schlagerfetischist und Zett-De-Ef-Schwulstikus Heck. Weitere Zugänge sind in Zukunft sicherlich nicht ausgeschlossen...

Zu guter Letzt, das Allerletzte: Gerhard Schröder, ehemaliger Vorstand der Deutschland-AG und Visionist eines neuen Sozialstaates, bestreitet nun Wahlkampf für den neuen Messias der SPD. Er bringe frischen Wind in die Sozialdemokratie, wahrscheinlich, weil sich viele des alten Miefs innerhalb des neuen Miefs nicht mehr entsinnen können. Kurzum: Er bestreitet Wahlkampf für Steinmeier. Die erste Maßnahme des Wahlkämpfers Schröder: Ein Lob für Angela Merkel. Salopp sagt man ja oft, die etablierten Parteien würden sich nicht mehr unterscheiden, seien alle aus einem Guß. Und so einfach diese Einsicht klingt, sie dürfte dennoch zutreffen. Denn wie Schröder Wahlkampf betreibt, mit einem Lob für eine Unionistin, zeigt doch eindringlich auf, dass diese Leute selbst nicht mehr genau wissen, wer in welcher Partei Wirtschaftsmarionette ist.

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Montag, 23. Februar 2009

Schon desöfteren wurde hier darauf hingewiesen, dass ein sauberer Schnitt nach 1945 nie stattfand, dass das Heute noch, diese Gegenwart also, fest verankert in der Vergangenheit ist. Dieses Projekt, ad sinistram, widmet sich in großen Stücken dieses Denkens, will immer wieder daran erinnern, dass die dunklen Jahre nicht isoliert dastehen, sondern schon vorher in den Köpfen der Menschen entstanden, so wie sie auch nie ganz verworfen, sondern nur verschwiegen und vergessen gemacht wurden. Diese Einsicht wird dann und wann offenbar, wie auch kürzlich, als die Times berichtete, dass der Contergan-Skandal als Produkt der nationalsozialistischen Forschung einzustufen sei. Wer die Geschichte der deutschen Ärzteschaft und der dazugehörigen Wissenschaft kennt, den wird das freilich nicht überraschen. Was da an Giftstoffen und Teufelswerken erfunden, an Unmenschlichkeiten betrieben wurde, wird mit Worten nie ganz begreifbar zu machen sein. Demnach sei Thalidomid als Gegengift gegen Nervengifte, vom nationalsozialistischen Wissenschaftler Otto Ambros, entwickelt worden. Dieser ging nach Kriegsende zur Chemie Grünenthal GmbH, welche 1957 das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt brachte. Wahrscheinlich wurde Thalidomid demnach bereits zu Kriegszeiten an Menschen versucht - an KZ-Häftlingen?
Mit einer Entdeckung, die an Kriegsgefangenen und KZ-Insassen erprobt wurde, Karriere machen? Es klingt unmöglich, aber es gab in der Nachkriegszeit gar medizinische Wissenschaftler, die in Kriegszeiten im Konzentrationslager Versuche leiteten und auf diesen Versuchen ihre spätere bundesrepublikanische Karriere begründeten. Selbst Schädelsammlungen, die in solchen Höllenlagern zusammengehortet wurden, galten eine Weile als moralisch völlig unbelastet, weil die Menschen so oder so ermordet worden wären und weil Wissenschaft ja nicht ethisch sein darf. Wir dürfen uns nichts vormachen: Die medizinische Wissenschaft ist und bleibt vom Nationalsozialismus gesudelt, das wissenschaftliche Heute ist nicht vom Gestern zu trennen...

Einige Worte zu des Deutschen liebster Tageszeitung. Wieder einmal, aber man darf sie einfach nicht ignorieren, denn zu sehr beeinflußt sie das Klima dieses Landes. Was derzeit an Plattheiten und windigen Reportagen dort vertrieben wird, dürfte selbst hartgesottenste BILD-Leser so noch nicht erlebt haben. Mal die übliche durchsichtige Hetze gegen Randgruppen beiseite schiebend: So berichtet man über Führerwinde und positioniert sich politisch derart, dass man nicht einmal davor zurückschreckt, den iranischen Präsidenten als Irren zu bezeichnen. Von dem kann man halten was man mag, aber eine derartige Bösartigkeit innerhalb der Berichterstattung ist schon sehr plump. Andere Staatsmänner, solche aus Texas, die ganze Weltregionen ins Chaos stürzten, die Blut an ihren samtweichen Händen haben, hätten die Dieckmann-Boys nie so benannt. Und damit die obligatorische Bigotterie der BILD nicht zu kurz kommt, hegt Franz Josef Wagner, Mitglied der anonymen Intellektuellen, die also ihren Intellekt in privaten Runden suchen, Verständnis für karnevalistische Alkoholorgien. Er schreibt, oder vesucht es zumindest: "Was ist der Vorteil, berauscht zu sein? Es ist die Sehnsucht, Träume zu erhaschen – ein fiktives Paradies." - Und gleichzeitig hetzt seine Zeitung, dann und wann, wenn ihn der Hass auf Entrechtete packt, auch er selbst, gegen all jene, die ihren SGB II-Regelsatz in Alkohol investieren. Selbst wenn dieses pauschalisierte Denken grundverkehrt ist, muß man doch in der Logik der Volksverhetzer fragen: Ist es kein Vorteil berauscht zu sein, wenn man diese Hetze nicht mehr erträgt, wenn man sich wie der letzte Dreck vorkommt? Ist da das Bier nicht die Sehnsucht des ALG II-Beziehers, ein kleines bisschen Paradies zu erhaschen?
Diese Tageszeitung ist kaum mehr zu ertragen und der Schlüssel zum Umdenken liegt vorallem darin, dieses Machwerk irgendwie zum Einsturz zu bringen, dafür zu sorgen, dass immer weniger Menschen diesen zu Druckerschwärze gewordenen Haufen Dreck, lesen. Aber wie?

Die Wirtschaftskrise rettet Leben. Wer hätte das gedacht? Weil das staatliche Töten in den USA hohe Kosten verursacht, weil zudem die Kassen in Zeiten der Krise leer sind, werden wahrscheinlich einige Bundesstaaten die Todesstrafe abschaffen, zumindest aber einstellen. Hier, auf dieser Webpräsenz, wird immer wieder auf den ökonomischen Faktor des Menschen hingewiesen, dass er also immer mehr zum Gegenstand degradiert wird, den man einzig nach Kosten und Nutzen bewertet. Hier trifft dieses funktionalisierte Denken ebenso zu. Auch wenn die abgeschaffte Todesstrafe für die betroffenen Verurteilten ein Grund zur Erleichterung sein mag: Man hat sie - die Verurteilten - mit dieser Entscheidung einem rein ökonomischen Muster unterworfen. Philosophisch gesehen hat man sie womöglich unwürdiger behandelt, als bei einem Prozessmarathon, der über Tod oder Leben entschieden hätte. Auch wenn es zynisch klingt: Das Töten aus ethischen Gründen, war demnach vielleicht ein würdevolleres Auseinandersetzen mit dem Verurteilten, als das blanke Abschaffen der Todesstrafe aus ökonomischen, d.h. unpersönlichen Gründen. Freilich muß man sich darüber nun nicht philosophisch entrüsten, sollte lieber hoffen, dass diese Entscheidung aus falschen Gründen, irgendwann die richtigen Gründe in die Köpfe betoniert. Vielleicht heißt es dann einmal nicht mehr, dass man Menschen nicht aus Geldgründen nicht mehr töten darf, sondern weil der Mensch den Menschen nicht töten soll, weil Seinesgleichen ihm heilig zu sein hat, egal was er auch verbrochen hat. Ethisch einwandfreie Resultate werden aber durch unmoralische Begründungen zweifelhaft...

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Freitag, 6. Februar 2009

Der Hassredner Erdogan - so titelte BILD. Was an Erdogans Verhalten in Davos hassrednerisch war, weiß nur sie. Wozu man aber ein solches Märchen ersonnen hat, dürfte man auch außerhalb der BILD-Redaktion erkennen. Dazu seien nur die Ausführungen eines gewissen Rolf Kleine, Kommentator bei Springer, heranzuziehen; besser gesagt, sein Fazit, nach allerlei Bösartigkeiten ohne Wahrheitsgehalt: "Aber eines ist ganz sicher: Nach Europa führt dieser Weg nicht!" Da ist sie wieder, der BILD-Zeitung Türkenfeindlichkeit. Schon seit Jahren hetzt man gegen die türkischen Absichten, irgendwann einmal EU-Mitglied werden zu wollen. Dabei werden Vorurteile bemüht und die Türkei als dunkles Reich aus dem Mittelalter dargestellt. Was steckt dahinter? Warum ist man dort so türkenfeindlich?
Womöglich liegt des Rätsels Lösung, zumindest eine mögliche Lösung, in der Vergangenheit vergraben. Die BILD begriff sich immer als konservatives Medienorgan. Als Wallraff still ermittelte, berichtete er von Ehrungen, bei denen konservative Politiker aus Union und NPD gleichberechtigt nebeneinander auftraten. Alt-Nazis wurden auch schon vormals hofiert und kritische Fragen zur braunen Vergangenheit nie gestellt. Heute hat man sich zwar von den Neonazis der NPD abgewandt, nachdem Ende der Sechzigerjahre Wahlerfolge ausblieben, aber allerlei Faschisten und verbale Menschenschlächter aus den renommierten Parteien werden hochgejubelt. Vielleicht, und man wagt sich weit hervor mit dieser kleinen polemischen These, ist die BILD der Türkei immer noch böse, dass sie einstmals intellektuelle Köpfe asylierte, die in Deutschlands Konzentrationslagern vernichtet worden wären; womöglich kann man nicht verzeihen, dass man diese "bolschewisierten Kreise" aufnahm. Und später hat Ankara nationalsozialistische Größen nach dem Krieg nicht mit offenen Armen aufgenommen - welch Frevel! Ist der BILD-Zeitung Türkenfeindlichkeit etwa das Gebaren einer beleidigten Leberwurst? Muß man antitürkisch sein, um die Herrschaften die man tagtäglich hofiert, die aus faschistischen Traditionen stammen, bei der Stange zu halten?

Letzlich konnte der ansonsten doch sehr eloquent auftretende Bruno Jonas dem "Scheibenwischer" keine Qualität sichern. Immer zahnloser wurde sein Auftreten, seine Spitzen richteten sich gegen solche, die durch das agenda setting der Medien sowieso schon unterlegen waren. Nachdem Hildebrandt, Schramm, Rogler und Jonas ausgeschieden sind, leitet nun Mathias Richling den Laden. Für die nächste Sendung vorbestellt: Ingolf Lück und Markus Maria Profitlich. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis Mario Barth dort seine plumpen Frau-Mann-Vergleiche zum Besten gibt, dann vielleicht ins politische Allerlei gekleidet, also statt Mann-Frau dann eben Steinmeier-Merkel - das neue politische Kabarett wird sich am Ende am Schuhtick der Kanzlerin erfreuen.
Aber man sollte nicht überrascht sein, denn wenn man die letzten Jahre ins Publikum sah, als die Kamera mal wieder ihren obligatorischen Schwenk in die Reihen der Zuseher machte, da waren nicht selten bekannte Vertreter der FDP oder der Grünen zu sehen. Nicht dass diese Herrschaften dort nichts zu suchen hätten, aber es zeigt doch auf, welcher Güteklasse das Publikum war - es war bürgerliches Publikum. Und das war auch am Verhalten zu erkennen. Hat eine Pointe doch einmal gesessen - was selten genug vorkam -, war zudem wirklich spitz, ein kleiner Erleuchtungsmoment der Sendung, konnte Enthusiasmus hervorrufen, weil sie so direkt und komisch einen Wahrheitsmoment traf, so war der Applaus verhalten, die Lacher künstlich wirkend, waren pikierte Gesichtsmasken zu sehen. Politisches Kabarett lebt vom direkten Publikum - ist es aber lustlos und apathisch, dann ist das Kabarett tot. Anders gesagt: Der "Scheibenwischer" scheint nun bald endgültig das Zeitliche zu segnen; das dazugehörige Publikum ist aber schon seit Jahren verstorben, hat in der letzten Zeit nurmehr vor sich hin verwest. So gesehen sind die Lücks und Profitlichs, die sich bis heute niemals politisch geäußert haben, nie auch nur ein Fünkchen Hang zum politischen Kabarett aufwiesen, nicht mal mehr Totengräber der Sendung; sie sind vielmehr die Fliegen, die ihre Eier im toten Kadaver einlagern; sie betreiben ihr albernes Geschäft bald in einer leblosen Ruine, mit noch lebloseren Publikum...

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Mittwoch, 21. Januar 2009

Über drei Jahre hat er das, was er für sein großes Expertentum hielt, an seine Leser weitergegeben; hat nebenbei all jene terrorisiert, die er für die Sündenböcke der Gesellschaft ansah, weil sie ja nutzlose Subjekte seien, die Alkohol trinken und Kohlenhydrate in sich hineinschaufeln. Seit Anfang Januar sind wir von diesem eitlen Selbstdarsteller erlöst - wenigstens ein bißchen. Nachdem der ausgebleichte Grüne zur Union wechselte, sich dort bei zwei Ortsverbänden anbiederte und kaum Gegenliebe erntete, beendet er nun auch sein Engagement für den Focus-Blog - "Einspruch!", der Blog Oswald Metzgers, schließt die Pforten. Eigentlich wäre das keiner Nachricht wert, denn der geistige Unrat, den er dort ins weltweite Netz stellte, sollte nicht mit Erwähnungen geadelt werden, auch wenn man ihm - Metzger oder dem Unrat, das bleibt sich gleich - natürlich attestieren muß, dass er mit seinen Aussagen, aktiv an der Erzeugung einer Pogromstimmung gegen Arbeitslose beigetragen, den "Ballastexistenzen" das Leben schwer gemacht hat. In dieser Form hat er zur Stärkung eines braunen agenda settings viel beitragen können. Aber diese Zeilen verstehen sich als Warnung, denn was uns erwartet, könnte die schlimmsten Alpträume wahr werden lassen. Metzger hat bei der Union nicht Tritt fassen können, sein Landtagsmandat hatte er schon vorher abgegeben, ein Bundestagsmandat wird wohl zunächst kein Thema sein, zudem schließt er seinen Blog mit der Erkenntnis, dass "Einsatz und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis mehr" stünden - selbst in seiner Sprache ist Metzger damit ein witzloser Abklatsch seines neoliberalen Sektierertums -, was befürchten läßt, er bereitet etwas anderes vor. Er ist viel zu sehr Platzhirsch und Wichtigtuer, steht viel zu gerne im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, auch wenn er genau betrachtet, nur eine Randnotiz derselbigen ist, als dass er sich zurückziehen würde in einen neoliberalen Elfenbeinturm der Erkenntnis, von dem aus er zum Guru einer neuen Heilslehre würde. Womöglich müssen wir bald eines jener wichtigen Bücher ertragen, welches dann irgendwie "Reformen jetzt!" oder "Vom Segen des freien Marktes" oder, ganz aufklärerisch, "Schmarotzer-Republik" heißt. Oder er wird eine Rolle im Fernsehen übernehmen, womöglich als schwäbelnder Neoliberalen-Guru, der eosterische Heilslehren verbreitet. Gab es den nicht schon mal?
Achtung also, denn womöglich ist der Metzger groß im Anmarsch. Hoffentlich täusche ich mich!

Schon vor einigen Wochen fiel die TAZ durch eine seltsame Befragungsmentalität auf. Es scheint kein Ausrutscher gewesen zu sein. Diese renommierte, links angehauchte Tageszeitung, macht Meinung mit Umfragen. Ganz versteckt freilich, unscheinbar in ihrer Form - aber dennoch, sie manipuliert hinterrücks. Sie fragt im aktuellen Falle danach, ob Obama uns enttäuschen wird. Die möglichen Antworten deuten einen Pluralismus an, den es bei genauer Betrachtung nicht oder nur dezent gibt. Entweder wird er als Heiland eingestuft, der die Welt mobilisieren wird - was immer diese schwammige Aussage bedeuten soll; oder man findet, er wird die Welt wenigstens ein bißchen besser machen. Der einzig wählbare Pessimismus äußert sich darin, anklicken zu dürfen, dass die Erwartungen einfach "völlig überzogen" sind. Kein Wort davon, dass Obama Interessen vertritt, für die er durch die erhaltenen Wahlkampfspenden versprochen hat einzustehen; kein Wort davon, dass Obama kein Afroamerikaner aus einem Ghetto, sondern jemand aus der Oberschicht ist, der zufällig schwarz ist und daher sicherlich wenig bis gar keine Ambitionen an den Tag legen wird, dass Missverhältnis zwischen Armen und Reichen zu regulieren; kein Wort davon, dass ein umverteilender, ein gerechter Obama, ein Obama für die Armen, überhaupt nicht ins Konzept der US-amerikanischen Politik paßt. Kurzum: Die drei Antwortmöglichkeiten suggerieren Vielfalt, sind aber einfältig, weil sie in jedem der möglichen Fälle davon ausgehen, dass Obama eine reine Weste behält - egal ob er enttäuscht oder nicht, er ist quasi schon vorab entlastet, weil nicht er versagen wird, sondern lediglich die Erwartungen zu hoch angesetzt waren. Obama ist über jeden Verdacht erhaben.

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Mittwoch, 7. Januar 2009

Bereits 400 Terroristen sollen von der israelischen Armee getötet worden sein - so berichten es diverse Medien, hinterfragen dabei aber nicht, woher man sich sicher sein will, dass die Getöteten wirklich Terroristen waren. Aber Abhilfe schaffen die Vereinten Nationen, die zwei Kriterien ins Leben gerufen haben, mit welchen festzustellen sein soll, ob es sich bei den Ermordeten um "zivile Opfer" oder Hamas-Leute handelte. Die Kriterien lauten: Alter und Geschlecht - Frauen und Kinder sind demnach "zivile Opfer", während Männer im wehrfähigen Alter zunächst als Hamas-Kämpfer zu gelten haben. So einfach kann man sich Opferzahlen ein wenig schönrechnen.
Die TAZ macht diesen Umstand zu ihrer "Entscheidung des Tages" (siehe Bild), fragt danach, ob diese Zählweise nicht diskriminierend sei und bietet ganze zwei Antwortmöglichkeiten an, die beide wenig Spielraum lassen. Entweder pflichtet man der Zählweise der UN bei oder man spricht sich dafür aus, dass die Zählart zwar hanebüchen ist, aber nur, weil ja auch jugendliche oder weibliche Palästinenser potenzielle Terroristen sein könnten. Anders gesagt: Entweder kann man laut TAZ also glauben, dass nur jeder männliche Palästinenser im Wehralter a priori als Hamas-Mann gilt oder man glaubt gar, das ganze Volk steht zur Hamas. So besehen schlummert im palästinensischen Volk so oder so ein riesiges Aggressionspotenzial. Für den Lösungsweg zunächst jedes Opfer zu zählen, jeden Toten einzureihen, darauf kommt nicht mal dieses traditionelle Blatt der deutschen Linken - man gönnt eben Israel einen Krieg mit möglichst wenigen Kollateralschäden.

Henryk M. Broder ist der Mann, der die Gosse ins Feuilleton gebracht hat, der so tut, als schreibe er polemische Zeilen, während er munter beleidigt und unter die Gürtellinie austeilt. Dafür wurde er immer wieder ausgezeichnet, denn die herrschenden Kreise haben es gerne, wenn die Gosse zugunsten des divide et impera (im Falle Broders: Spaltung der Gesellschaft durch journalistisch aufgestachelten "Kampf der Kulturen" und Verklärung der Moslems zu Gewalttätern) zur Waffe erhoben wird - aber nur dann, denn wenn die Gosse ins Politische abdriftet, wenn sie den Politik- und Wirtschaftsgenossen direkt an den Kopf geknallt wird, dann ist sie nicht mehr erwünscht, dann fühlt man sich beleidigt und drangsaliert. Ebendieser Broder, dieser Prometheus des Rinnsteins, hat nun einen Prozess gewonnen. Auf seinem Blog mit dem bezeichnenden Namen "Die Achse des Guten", hat er die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Heinz Galinski, derb angegriffen und sie eine Antisemitin genannt. Immerhin sei Evelyn Hecht-Galinski, diese "hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau" israelkritisch, damit antizionistisch. Die Dame, die diesen Gossenbuben viel zu ernst nahm, zog vor Gericht, weil sie sich nicht als Antisemitin titulieren lassen wollte - und verlor. Sie muß sich demnach durchaus gefallen lassen, als antisemitisch bezeichnet zu werden. Dem kann man auch nur entsprechen, denn es soll ja nicht sein dürfen, dass man mit seiner Meinung, sei sie auch noch so verquer, zurückhalten muß, nur weil irgendein politischer Korrektheitknigge dies verlangt. Und so besehen muß man Broder auch als das bezeichnen, was er ist: Er greift eine jüdische Frau an, beleidigt sie, stellt sie öffentlich bloß - damit ist er ein unerträglicher Antisemit, der seinen zur Perfektion entwickelten Rinnstein-Dialekt als Eloquenz zu verkaufen weiß, während ihm jegliches Gefühl für Benehmen fehlt, Gefühl für Weitsicht und journalistische Klarheit sowieso.

Zum Abschluß noch einige weise Worte zum Thema Gegenöffentlichkeit, die es wert sind, hier zitiert zu werden: "Es langt nicht, Fakten zu benennen, wenn wir uns über die Bedingungen nicht im Klaren sind, die freies Denken ermöglichen - oder eben unterlaufen. Warum sind Vorurteile so attraktiv, dass sie sich wider alle Erfahrung und auch bei offenkundigen Widersprüchen immer wieder durchsetzen? Wer sich diesen Fragen nicht stellt, schreibt seine aufklärenden Texte ins Wasser. Der Aufbau einer Gegenöffentlichkeit macht keinen Sinn, wenn man sich weigert, mit der "Taucherglocke" (Harry Mulisch) zu den Abgründen zu tauchen, in denen der Teufel zu Hause ist. Aka: Jene Gründe zu Hause sind, die Aufklärung häufig so schwierig machen, weil sie symbiotisch mit dem "triumphalen Unheil" verbunden sind. Es ist sinnlos, einem Rassisten einfach Infos zukommen zu lassen. Ich dachte, wenigstens diese Banalität sei im Jahr 62 nach DdA (Dialektik der Aufklärung) so einigermaßen klar."

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Samstag, 22. November 2008

Nachdem das Versammlungsgesetz, welches in Regierungskreisen "Versammlungsrecht" genannt wird, in Bayern bereits installiert ist, fühlen sich andere Landesregierungen ermutigt, ebenso rigiden Gesetzesentwürfen den Hauch des Lebens einzuatmen. So auch die Regierung Baden-Württembergs, die das bisher gültige Versammlungsgesetz verschärfen möchte. Wie damals in Bayern, so berichten auch die regionalen Medien in Baden-Württemberg kaum davon. Wenn man aber die Politik doch damit konfrontiert, dann winkt man unheilschwanger mit vermeintlichem Terrorismus, der einen solchen radikalen Schritt rechtfertige - der Gedanke drängt sich auf, dass die Landesregierungen, die politischen Eliten allgemein, der Ansicht sind, dass das Volk zum Terroristen werden könnte. Bevor also Massen auf die Straße gehen, um gegen die Umverteilung von Unten nach Oben zu protestieren, wenn die Menschen also irgendwann einmal zur der Einsicht gelangt sind, dass die 500 Milliarden nicht zu ihren Lasten gehen dürfen, auch nicht der mögliche Kredit an Merckle oder an Opel - bevor diese Erkenntnis also in der Masse reift, muß per Gesetz geregelt sein, wie man solche Erkenntnisse wieder effektiv aus den Köpfen herausprügelt. Die Versammlungsgesetze des deutschen Südens sind also ein Akt der Voraussicht und Musterbeispiel für weitere Landesregierungen - ob das auf unionsgeführte Länder beschränkt bleibt, darf ebenso bezweifelt werden. Vielleicht nennt die SPD das Ding anders und verschärft es unter fremden Namen nochmal um einige repressive Paragraphen - ist ja nicht so, als hätte es sowas noch nie gegeben.
Noch aber kann man sich versammeln...

Vielleicht kommt ja alles nicht so schlimm, wie man das pessimistisch annimmt. Immerhin fand vor einigen Wochen eine öffentliche Versammlung statt und die bayerische Polizei ist nicht mit Knüppeln zwischen die Demonstranten hindurchgeritten. Da liefen die Angestellten der Bayern LB auf, um ihrem Chef Kemmer den Rücken zu stärken - er sollte nicht von der neuen Seehofer-Regierung ausgewechselt werden. Man wollte dem Willen Ausdruck verleihen, dass die Politik sich solche Entscheidungen zu verkneifen hat, sich also nicht in firmeninterne Angelegenheiten einzumischen habe. Die Mehrzahl der Bundesbürger sieht das übrigens ähnlich: Die Politik hätte sich da nicht mit 500 Milliarden Euro einmischen dürfen! Jedenfalls wurde protestiert, sich versammelt, aber die Staatsmacht hielt still. Man muß eben nur für das Richtige zusammenfinden, nicht für Rechte oder gegen Sozialabbau, doch für einen Millionär darf sich versammelt werden - das fördert das Betriebsklima und erzeugt den Anschein, dass der kleine Angestellte ein Teil der Bayern LB-Familie ist - bis zu einem möglichen Rauswurf, bei dem Kemmer nicht mit dem Schild vor der Zentrale aufläuft, um einem Herrn Müller oder einer Frau Meier ihr Leid zu ersparen. Und wenn sich Kemmer und seine Kollegen aus der Vorstandsetage doch versammelten, wenn sie meinten, einen Akt der Solidarität starten zu müssen: Die Polizei würde wieder nicht einprügeln, würde wieder zusehen und dem Versäumnis, eine solche Versammlung nicht 72 Stunden vorher angemeldet zu haben, mit gütigem Lächeln entgegentreten; selbst die Uniformierung - Anzug und Krawatte - der Herrschaften würde geduldet, obwohl das sogenannte Militanzverbot das nicht dulden würde. Man sieht: Alles nicht so schlimm! Es darf sich ja noch versammelt werden - nur aus richtigem Grunde muß es sein!

Ein Japaner will ein Comic-Mädchen heiraten, wurde kürzlich berichtet. Eine kuriose Neuigkeit! Da lebt einer in seiner ganz eigenen Welt. So kurios ist das aber gar nicht! Unsere Politik läuft schon seit Jahren irgendwelchen Hirngespinsten hinterher. Wenn Merkel feststellt, dass die Reformen fruchten, dass es weniger Arbeitslose gibt - die ja allesamt gut untergebracht und verstaut sind -, dann ist das dem Heiratsabsichten dieses Japaners sehr ähnlich. Und als eine ganze Wirtschafts- und Politelite vom Aufschwung fabulierte, sogar meinte, dieser käme bei den Menschen an, dann kommt das beinahe einem Beischlaf mit Biene Maja gleich. Man kann dem verliebten Mann durchaus gewähren, seine skizzierte Angebetete zu ehelichen: Wir erlauben ja unseren Eliten auch ihr Leben in ihrer eigenen Welt. Gleiches Recht für alle!

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Dienstag, 14. Oktober 2008

Was hat man nicht alles lesen müssen! Womöglich habe man den größten Terroranschlag verhindert, den es in Deutschland, ja sogar in Europa, je gegeben hätte. Gelobt hat man die Schlagkraft der Polizei, die auf dem Flughafen Köln-Bonn zwei Terrorverdächtige aufgegriffen hat - das war am 26. September. Aus den Terrorverdächtigen wurden ganz schnell Terroristen - Teufel, Mörder, Gesellschaftsfeinde, Systemfeinde sowieso. Dschihadisten der übelsten Sorte seien sie. Und man könne seinem jeweiligen Gott danken, diese Individuen aus dem Verkehr gezogen zu haben, denn es hätte wahrlich Blut und Tränen gegeben, wenn man sie nicht sofort verhaftet hätte. Es ist sowieso höchst fragwürdig, warum diese Horden von Terroristen, die angeblich hochtechnisiert sind, so relativ einfach zu durchschauen, zu verhaften sind - Terroristen der IRA oder der ETA ließen sich jedenfalls über Jahrzehnte hinweg nicht so leicht einsperren. Womöglich ist der islamistische Terrorist aufgrund seiner kognitiven Konstitution nicht fähig, seine Untaten unentdeckt im Stillen zu vollbringen.
Doch davon sei nicht die Rede. Wichtig soll uns sein, dass zwei Monster verhaftet wurden, dass dies freilich beinahe alle Medien berichteten und dass, man halte sich fest, die beiden Terroristen, die nun wieder zu Terrorverdächtigen umgedeutet wurden, bereits am 7. Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen wurden. Davon berichteten natürlich auch... naja, fast niemand...

Nachdem die Arbeitslosen von der BILD abgehandelt, dem Generalverdacht des Betrugs unterstellt wurden, ist es nur recht und billig, sich auch mal wieder den Generationen zu widmen. Immerhin leben die Rentner ja auch Kosten der Jüngeren. Dazu zitiert man natürlich den US-Forscher Kotlikoff, der aus der Tatsache, dass Senioren und Kinder versorgt werden müssen - immer von denen verständlicherweise, die produktiv sind - ,einen kleines Naturgesetz formt. Dass aber immer schon Senioren, Kranke und Kinder von den Leistungsfähigen mitversorgt wurden, auch schon zu Zeiten, da man noch Höhlen bevölkerte, ist keine exklusive Neuheit des Umlageverfahrens - daraus aber ein Naturgesetz zu entwerfen, wonach die gierigen Alten die Jungen immer nur ausbeuten mußten, weil es ihnen quasi im Blut liegt, verdeutlicht eindringlich, wes Geistes Kind Kotlikoff und seine Jünger aus dem Hause Springer sind.
Danach erteilt BILD dem Lobbyisten Miegel das Wort, der natürlich weiß, warum man diese Ausbeutungsmechanismen nicht recht durchschaut hat: Die Politik habe den Rentner nie erklärt, wie das Rentensystem funktioniert, weshalb sie nicht wußten, dass sie die Jungen ausbeuten. Aber wie gut, dass es die BILD-Zeitung gibt, die das nun erklärt. Und siehe da: "Rentner kassieren mehr, als sie eingezahlt haben!" - Mich dünkt, man weiß dort selbst nicht so genau, wie das System arbeitet. Denn beim Umlageverfahren wird das eingezahlte Geld der Arbeitenden nicht gehortet, damit diese dies irgendwann ausgezahlt bekommen - Umlageverfahren bedeutet, dass die Arbeitenden für die jetzige Rentnergeneration einzahlen. Ein gewichtiger Teil der Solidargemeinschaft - man versorgt, wer sich nicht (mehr) versorgen kann. Wenn dieses System zudem sozialstaatlichen Humanismus erhalten soll, so schreibt man eine Mindest- und Höchstrente fest, damit jeder gesichert sein kann, aber auch die Gelder gerecht verteilt werden, nicht einseitig ausgegeben werden müssen. Demnach gibt es viele Rentner, die sicherlich mehr beziehen, als sie je eingezahlt haben - wobei sich so eine Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben gar nicht als notwendig ergibt -, während andere nicht mal das Rentenalter erreichen und damit keine Rente beziehen, bzw. deren Partner nur eine geminderte Witwenrente erhalten.
Aber den Anspruch, jeden nach seinen Einzahlungen auszuzahlen, erfüllt das Umlageverfahren absichtlich nicht. Was bekäme dann jemand, der zeit seines Lebens nur geringe Summen einzahlen konnte? Ohne Umlageverfahren wäre die Altersarmut manifestiert, mit dem Umlageverfahren kann es auch Altersarmut geben, doch kann man dort gezielter entgegenwirken, indem man umverteilt und damit die Lebensqualität aller sichert. Die BILD als großer Erklärer hat das freilich nicht erwähnt. Um Aufklärung ging es aber auch nicht - wie so oft!

Freudscher Verschreiber? Man muß davon ausgehen, wenn man sich vor Augen hält, was in der BILD-Zeitung in den letzten Wochen zur Arbeitslosenbekämpfung geschrieben wurde. Welches Wort wurde hier ausgeschnitten? Was würde passen? Empfänger? - Ja, das würde passen, meinte BILD aber nicht. Es liegt doch auf der Hand: Betrüger! - Aus dem Hartz-IV-Empfänger ist der Hartz-IV-Betrüger geworden. Man schreitet voran im Umdeuten der Begriffe, aber auch im Neuschaffen selbiger.

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Samstag, 4. Oktober 2008

Die CSU steckt in einer Krise - dass durch diese Krise keine Freudensprünge seitens der Bevölkerung vollbracht werden können, nicht weil die CSU ihre Sache so gut gemacht hätte, sondern weil der nun benötigte Koalitionspartner diese - dann gemeinsame - Sache wahrscheinlich noch schlechter macht - (Man denke an den FDP-Fetisch von der Bürgergesellschaft, der den Staat verdammt wissen will; man lese die Leitlinien der FW, die lediglich Phrasen wiedergeben, wie z.B. dass "Leistung sich wieder lohnen müsse" und "Bürokratie abgebaut" werden muß!) -, dass also kein allgemeines Freudengebrüll losgehen kann, liegt auf der Hand. Wichtig ist den Medien derzeit sowieso nur, dass es in der CSU kriselt, dass Pöstchen und Ämter zu verteilen sind und welche der vielen austauschbaren Charaktermasken zu neuer Würde gelangen könnten. Diese Krise, die sich medial nicht als Krise, sondern als parteiinterner Säuberungsprozess gestaltet, macht schnell offenbar, dass die Problematiken der Christsozialen nicht sind, bei der Bevölkerung nicht mehr angekommen zu sein - zumindest nicht mehr, wie in alle den Jahrzehnten zuvor; die CSU plagt sich stattdessen mit Ämterstreit, Pöstchengeschacher, Besserwisserei und dem künstlichen wirkenden Versuch, eine Art christsoziale Einheitsfront ("Wir dürfen uns jetzt nicht zerfleischen!") zu erzeugen.
Dass bei soviel Ungerechtigkeit, die der bayerische Wähler, dieser undankbare Lump, seiner von Gott gegebenen Partei entgegenbrachte, die Sphären allen Irdischen verlassen werden, um Trost im Reiche des Herrn zu suchen, scheint da nur allzu verständlich. Und so pilgerten die CSU-Granden in die Gruft des Herrn - in die Untiefen einer Familiengruft, in der die Gottheit des bayerischen Vaters beerdigt ist. Geschlossen zelebrierte man den 20. Todestag des größten aller Bayern - Franz Josef Strauss. Und man darf sicher sein, dass dieser begangene Gedenktag mehr beinhaltete, als nur das Andenken an den Außenminister Bayerns, der nun zur Rechten des Herrn sitzt, um die Belange Bayerns auch im Paradiese gesichert zu wissen. Da wird mancher heimlich an den Gott der CSU gebetet haben, er möge ihm Kraft geben und dem bayerischen Volke wieder mehr Verstand. Und wenn er schon dabei sei, so sollte er bitte - und drei "Vater unser" danach - dafür sorgen, dass man sein Amt nicht verliere, eher vielleicht hierarchisch aufsteige. Romantisch wird man dann an die Tage zurückdenken, als Strauss noch unter den Lebenden weilte, als er zynisch beleidigen, dreist abkanzeln, unter die Gürtellinie schlagen konnte, ohne gleich einen Aufschrei der Entrüstung ausgesetzt gewesen zu sein. Das waren noch Zeiten, da konnte man noch auf den Tisch hauen und trotzdem Wahlen gewinnen!
Wenn sich der Christsoziale im Hier und Jetzt nicht mehr zurechtfindet, dann kriecht er zu Kreuze, betet zu Gott - oder zu dem, was er für den seinen Gott hält. Im Sinne des Parteiinteresses, ist auch Götzendienst erlaubt...

Was hat man doch besserwisserisch auf Finnland verwiesen, wenn wieder mal PISA-Studien an die Öffentlichkeit weitergereicht wurden, die fundamentieren sollten, wie nötig neue Reformen im Bildungswesen doch seien. Finnland das Vorzeigeland Europas! An Finnland habe sich Europa zu orientieren! Nach Finnland wanderten Bildungsminister aller europäischen Länder, um sich dort Anreize für eine "Suomisierung" des jeweiligen nationalen Bildungswesens einzuholen!
Dann geschahen zwei Amokläufe, zweimal stürmten Jugendliche eine Schule, schossen um sich, töteten Schüler, brachten sich danach selbst um. Überrascht waren die Finnen, speziell die finnischen Lehrkräfte aber nicht. Ganz im Gegenteil: Es verwunderte sogar, warum solche Amokläufe derart selten sind. Denn - und dies wird hierzulande über das finnische Schulmodell gerne vertuscht - es findet im finnischen Schulwesen eine Entfremdung des Jugendlichen statt, weil nur die reine Bildungspraxis zählt. Zudem werden die Kinder und Jugendlichen in Ganztagseinrichtungen verfrachtet, damit der finnische Kapitalismusentwurf auch funktioniert, damit beide Elternteile Karrieren anstreben können - fachlich sei das finnische Schulmodell wahrscheinlich wirklich das Beste, so urteilen finnische Experten; menschlich blieb es auf der Strecke. Dies geht so weit, dass finnische Lehrer berichten, Schüler würden sich nurmehr ihnen anvertrauen, weil die Eltern so entfremdet sind vom eigenen Nachwuchs - oder eben andersherum -, dass nur der Lehrer, den man ja täglich sieht und den man vorallem die meiste Zeit um sich hat, eine Vertrauensperson im Leben des Kindes sein kann. Mehr und mehr fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, gerade solche, die die schulischen Leistungen nicht in Bestform erfüllen können, zum störenden Faktor, zum Hindernis, zum abschiebenden Aspekt familiären Lebens - oder das, was man dann als Familie bezeichnen will - degradiert. Leistungsschwache wohl auch deshalb, weil sie sich dem Druck der Gemeinschaft ausgesetzt fühlen, weil die Eltern womöglich Vorwürfe machen, während sie einen doch weggeschoben haben und - auch das behaupten finnische Lehrer - keinerlei Interesse für den Schulablauf des Kindes an den Tag legen. Das ist die "schöne neue Welt", die uns zulächelt - das Kind als Bildungsapparat, bar aller kindlichen Neigungen und Notwendigkeiten, zur Gefühlskälte getrimmt, dafür aber leistungsstark und präpariert für einen übergangslosen Wechsel in die Berufswelt.
Das Musterland Finnland bietet also einen kalten Bildungsapparat an, der zwar schulische Höchstleistungen erzeugt, aber die Person seelisch verkrüppelt. Was in der Bundesrepublik dazu führt, überhastete Reformen in die Wege zu leiten, sorgt in Finnland dafür, alle Reformen zu unterlassen - schließlich zeigt PISA doch auf, dass in Finnland alles perfekt läuft. Warum sollte man die europäische Spitzenposition gefährden? Wen kümmern schon verkrüppelte Kinderseelen? - Und wen kümmert es im "Land der Reformen", wer sorgt sich in diesem Lande darum, dass das finnische Schulsystem seine tragischen Mängel hat? Die Reformer nicht, sie brauchen ein finnisches Schulsystem, um sich an ihrer eigenen Reformiererei aufzugeilen, um ein Musterbeispiel zu haben, an das sie sich lüstern heranreformieren können. Und der Deutschen Verdummungsblatt, als Sprachrohr der Reformer, hat auch kein Interesse an den wirklichen Gründen hinter den Amokläufen. Stattdessen konstruiert man sich wieder eine reißende Geschichte, ersinnt sich ein Amokläufer-Netzwerk, und läßt gekonnt, durch das Abdriften vom Kern der Geschichte, die Kritikpunkte am finnischen Schulmodell unter den Tisch fallen. Es soll ja bloß keiner auf die Idee kommen, dass in Finnland etwas schiefgelaufen ist, nur weil eine handvoll Schüler zu Tode kam. Solange man Einserschüler fabriziert, ist doch die Welt in Ordnung - trotz Amokläufe.

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Freitag, 19. September 2008

Erst eine Finanzkrise stoppte das seit Jahren verkündete Märchen, wonach der Rente durch Kapitaldeckung die Zukunft gehöre und das Umlageverfahren ein Relikt vergangener Tage - manche meinte gar: aus den Tagen Bismarcks! - sei. Plötzlich geben einschlägige Vertreter der Massenmedien zu, dass ausgerechnet jene Renten sicher sind, die per Umlageverfahren ausgezahlt werden. Man darf nun freilich nicht hoffen, dass die BILD-Zeitung und heute.de zugeben werden, einst selbst - manchmal unterschwellig, nicht selten aber ganz ohne Maske - einen Irrtum zum Dogma erhoben zu haben. So weit geht die Einsicht dann doch nicht; vielmehr ist es nun so, dass die großen Verdummer vergangener Jahre so tun, als wäre nichts gewesen. Und besonders dreiste Vertreter der Massenmedien werden ein "Wir-haben-es-doch-immer-gesagt"-Verhalten an den Tag legen. Obwohl die kurz aufflackernde Einsicht erfreulich ist, ernüchtert sie dennoch sehr. Denn wenn Medien lautlos dazu übergehen, das Gegenteil dessen zu berichten, was sie Jahr für Jahr als geradezu sozialromantischen Kitsch verklärt haben, dann darf man getrost an der Aufrichtigkeit der Einsicht zweifeln. Man fühlt sich an das "Ministerium für Wahrheit" erinnert, wie es uns in Orwells Dystopie begegnet, und man fragt sich unwillkürlich, wo denn die zu öffnende Klappe ist, die in die Tiefen eines gigantischen Feuers hinabführt, in welche man die Wahrheiten von heute einwerfen und damit verbrennen kann, damit sie morgen für immer von der Bildfläche getilgt sind - so getilgt und vergessen wie die neue Einsicht, daß man mit dem Umlageverfahren sicherer fährt. Denn die Einsicht von heute ist der Irrtum von gestern...

Es gibt Menschen, die können tun, was sie wollen, sie machen es doch nie jemanden recht. So auch Andrea Ypsilanti, die machen und verkünden kann, was sie will - Anerkennung findet sie kaum. Nun hat man sie ja kürzlich mittels eines Imitators telefonisch verkohlt. Der Radiosender ffn ließ einen "Müntefering" bei der Landesvorsitzenden der Hessen-SPD anrufen. Zunächst hieß es, Ypsilanti hätte das sieben Minuten lange Gespräch, bei dem sie nicht erahnte, mit einem Schwindler verbunden zu sein, mit Humor aufgenommen; man hätte sich aber dahingehend geeinigt, das Gespräch nicht an die Öffentlichkeit weiterzureichen. Kurz darauf erschien aber dennoch ein kurzer Mitschnitt bei YouTube. Dort ist zu hören, wie der falsche Müntefering Ypsilanti Posten und Pöstchen in Berlin anbietet, sie aber sofort, ohne darüber auch nur nachdenken zu müssen, ablehnt. Nun ist es so, dass man Politikern gerne nachsagt, sie seien machtbesessen - das mag in den meisten Fällen wahrscheinlich auch auf die eine oder andere Weise zutreffen. Aber jetzt zeigt die hessische SPD-Vorsitzende, dass sie eben nicht auf Macht aus ist - zumindest nicht um jeden Preis -, sondern einen Wählerauftrag in Hessen zu erfüllen hat und prompt muß sie sich mit Schelte seitens der Massenmedien auseinandersetzen. Die BILD stichelt seit Tagen unheilschwanger und mit ominöser Fragerei, warum denn die SPD wohl dieses Gespräch verheimlichen wollte - nebenbei bemerkt ist der Axel-Springer-Verlag Anteilseigner des besagten Radiosenders.
Was hätten die Medien getan, wenn Ypsilanti einen möglichen Posten in Berlin, und sei dieser auch nur ein Hirngespinst des Imitators gewesen, angenommen hätte? Sie hat es aber eben nicht getan und muß sich dafür kritisieren lassen. Aus Verantwortungsgefühl ist sie nicht in Hessen geblieben, da ist man sich einig - warum dann, bleibt aber fraglich. Vielleicht würde sie an der Spree Grüne Soße und Spundekäs vermissen. Ja, womöglich könnten sich die üblichen verdächtigen Medien mit dieser Form kulinarischen Egoismus' anfreunden, um Frau Ypsilanti als egomanische Person zu stilisieren, die Berlin nur fernbleibt, um sich im Hessischen zu völlen. Denn jemand wie Ypsilanti hat kein Gewissen...

Kürzlich habe ich ein Profil erstellt, welches dem Betrachter erleichtern sollte, seinen Gegenüber zu erkennen. Darin wurde vom Begrüßungsritual der Asozialen berichtet. Komischerweise, so habe ich mich schon lange gefragt, haben die fotografierten Schwerenöter in der BILD-Zeitung, immer den Hang dazu, besonders böse und gehässig dreinzublicken oder mittels Stinkefinger aufzufallen.
Nun hat man die angebliche Sozialschmarotzerin (hier rechts im Bild) zur Rechenschaft gezogen. Vor einigen Tagen gab man sich noch ein wenig spießbürgerlich entrüstet, weil sie "hier pöbelt". Und nun betrachte man die beiden Bilder, die hier rechts abgebildet sind. Zwei verschiedene Bilder: Die Dame scheint identisch zu sein, die Aufnahmen sind es aber nicht! Das wirft freilich die Frage auf, ob die angebliche Schmarotzerin wirklich pöbelte. Oder hat man einfach von dieser Frau verlangt, sie möge sich ein paarmal mit Stinkefinger ablichten lassen? Und wenn wir dann schon dabei sind, denn wer einmal lügt und so weiter: Womöglich ist die unverantwortliche Person, die 15 Untermieter bei sich wohnen ließ - die genaue Geschichte hat man nie so richtig begriffen -, überhaupt nicht diejenige, für die sie ausgegeben wird. Am Ende ist sie BILD-Mitarbeiterin. Immerhin: Sie hat ja mit der BILD gearbeitet, als diese von ihr verlangte, sich einigemale stinkefingerzeigend fotografieren zu lassen.
Spekulation - freilich, beweisen kann man letzteren Tatbestand nicht. Aber dass die Stinkefingerei keine spontane Pöbelaktion einer spontan mit Journalisten konfrontierten Person war, sondern eine gestellte und wohl geplante Situation, ein Fototermin also, wird an den beiden Bildern überdeutlich und bestätigt einmal mehr die dreiste Masche, mit der Springer gegen die Ärmsten dieser Gesellschaft aufgewiegelt hat.

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Donnerstag, 4. September 2008

Es ist unerträglich: Seit Tagen wird gegen sogenannte Sozialschmarotzer gewettert, werden Geschichten ins Land gesetzt, die an den Haaren herbeigezogen wirken, um alle, ausnahmslos alle, ALG II-Empfänger zu diskreditieren. An vorderster Front, wie immer wenn es um Geschmacklosigkeiten und Sozialdarwinismus geht: die BILD-Zeitung. "Der große Hartz-IV-Report" nennt sich die neueste "Serie" aus dem Hause Springer. Und was man da so lesen muß, ist derart hirnverbrannt und unglaubwürdig, dass man unwillkürlich dem Lachen verfällt - wenn es nur nicht so einen traurigen Nachgeschmack hätte! Da präsentiert man am ersten Tag dieser "journalistischen Meisterleistung" einen Arbeitslosen, der sich sogar noch fotografieren läßt - ja, sogar filmen! - und der unverblümt erzählt, wie genau er seine Leistungen erschleicht und wieviel er monatlich mit Schwarzarbeit verdient - und die arme Behörde ist vollkommen machtlos! -; tagsdrauf sind die Faulpelze und Parasiten jenseits der Oder dran, die dem braven Teutschen einfach ausbluten lassen; danach eine hanebüchene Geschichte von einer ALG II-Bezieherin, die 15 Untermieter gemeldet hatte in ihrer Wohnung - aber die Behörde könne nichts dagegen unternehmen; und dann darf freilich auch der Sex nicht fehlen, der im folgenden Teil der "sozialwissenschaftlich-springerschen Analyse" behandelt wird, welcher schmarotzende Prostituierte dokumentiert. Dass es unter anderem zweifelhaft erscheinen muß, wenn ein Arbeitsloser sich derart schamlos zeigt, dass dieser Herr entweder ein vollkommen verblödeter Aufschneider ist, oder aber - und dieser Verdacht liegt bei BILD näher - einfach ein bezahlter Laiendarsteller, muß doch geradezu ins Auge stechen; von seltsamen Geschichten über Heere von Untermietern und dergleichen mehr, ganz zu schweigen. Und dass diese ständige Wiederholung von der angeblichen Machtlosigkeit der Behörden instrumentalisiert wird, um den Behörden bald noch mehr Handlungsspielraum zu geben, dürfte auf der Hand liegen.
Gleichermaßen baut BILD das gesamte Zeitungskonzept - wenn es dort soetwas überhaupt gibt - auf diese "neue Serie" auf. Zwischendrin finden sich immer, schön in Stürmer-Manier gehalten - man will ja Traditionen wahren -, Anfeindungen und moralische Bekenntnisse zum "ehrlichen Arbeitslosen", damit auch dem letzten Idioten begreifbar wird, wie notwendig es die korrumpierbare Masse der Arbeitslosen hat, ständig ermahnt zu werden. So findet sich darin also auch heute ein seltsamer Artikel, in dem erzählt wird, dass Michel Friedman auf einen Rapper namens Sido traf - wen das interessiert, warum das einer Nachricht wert ist, bleibt schleierhaft! -, um miteinander zu diskutieren. Und dann läßt Friedman einen Satz fallen, der wunderbar ins Geflecht der BILD-Moral paßt: "Michel Friedman anerkennend über Sido zu BILD zu: „Er hat mich in vielen Momenten überrascht. Besonders, als er sagte, dass es unerträglich ist, wie einfach Arbeitslosen der Hartz-IV-Betrug gemacht wird." - Dieser Herr Sido scheint ein sehr braver Rapper zu sein. Mir war so, als ob die ganze Rapper-Gilde vor vielen Jahren als autoritätsverweigernde und teils anarchistische Clique verpönt war - scheint ein Gerücht gewesen zu sein. Herr Sido biedert sich an, rappt vielleicht bald dahingehend durch die Lande, mit seinen "Texten" den Menschen klar zu machen, dass sie nicht schmarotzen dürfen. Schließlich braucht das alimentierte Gesindel einen solchen Guru, der ihnen immer wieder eindringlich klarmacht, dass die Gesetze auf den Steintafeln strikt zu befolgen sind - sie brauchen eben ständige Überwachung und Mahnung. Hat der Name "Sido" und das Wort "Kapo" einen gemeinsamen etymologischen Ursprung?

Sarah Palin heißt die republikanische Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft. Diese Mitteilung ist so banal wie belanglos, denn das US-amerikanische Politsystem hat geschafft, was der Traum sovieler Demokraten immer war: Die Entpersonalisierung der Politik. Heute ist es in den USA - mehr denn je - gleichgültig, ob ein Präsident Obama, McCain, weiterhin Bush, (durch Aufhebung des 22. Zusatzartikels), vielleicht Schwarzenegger (durch die Schaffung eines 28. amendments) oder Jay Leno, Billy Crystal oder Robert De Niro heißt. Alle sind, im Falle einer Präsidentschaft, ihrer Persönlichkeit enthoben und praktizieren Politik so, wie es in den Vorstandsbüros diverser US-amerikanischer Global Player beschlossen wird.
Aber dies soll an dieser Stelle nicht behandelt werden, wichtiger erscheint uns an der Nominierung der "Person" Palin - besser: der Funktionsträgerin Palin -, wie sie nun in den USA, aber freilich auch im 51. Bundesstaat - der Bundesrepublik - begutachtet wird. Natürlich wird sie hierzulande härter rangenommen als Obama, immerhin verspricht man sich von letzteren eine Welt der Liebe und der Freude; immerhin müsse man den schwarzen Präsidentschaftskandidaten, der das Werk Martin Luther Kings vollenden will, beistehen - auch wenn sich King nie für eine Dominanz der Schwarzen einsetzte, ihm demnach egal war, welche Hautfarbe ein US-Präsident haben sollte, solange er sich mitmenschlich gegenüber allen Menschen - und das farbenblind! - verhält. Fundierte Kritik an Palin ist aber selten, denn die Werte, die diese Dame vertritt, sind Werte nach alter Väter Sitte - Werte, die auch bestimmte deutsche Tageszeitungen vertreten oder diverse deutsche und allzudeutsche Parteien. Und, das muß man anerkennen, diese Werte tragen Früchte im Umfeld Palins - wenigstens teilweise. So spricht sie sich gegen sexuelle Aufklärung an Schulen aus, was ihre siebzehnjährige Tochter gleich in die Tat umsetzte - sie erwartet ein Baby, war wohl zu wenig aufgeklärt. Was ihr der Vater des Kindes wohl erzählt hat, was er da mit ihr macht, als sich beide nackt im Bett tummelten? Vielleicht hat er ihr erzählt, dass nur im Kuss die Saat der Schwangerschaft liege.
Und genau das ist der Kritikpunkt, dem man sie aussetzt. Nein, nicht die fehlende Aufklärung, denn die war wundervolles Produkt konservativer Pädagogik - das Resultat stößt übel auf, die Schwangerschaft! Als ob er verwerflich wäre, dass dieses junge Ding sich ein wenig Freude außerhalb ihres ach so spießigen, erzkonservativen Elternhauses gegönnt hat - man versteht das Mädchen! Aber weiter: Palin will Programme fördern, die Jugendliche zur sexuellen Askese anhalten - ein Konzept, das natürlich im Falle ihrer Tochter gescheitert ist. Desweiteren ist sie strikte Abtreibungsgegnerin, auch in Fällen von Vergewaltigungs- und Inzestschwangerschaften - welches Glück für Tochter Palin! Oder Pech? Dass sie gleichgeschlechtliche Partnerschaften ablehnt und die Todesstrafe für eine zivilisatorische Errungenschaft erachtet, versteht sich natürlich von selbst.
Sie ist freilich keine kuriose Erscheinung innerhalb der Republikaner, aber doch Sinnbild für die Heuchlerei, die über dem Großen Teich immer noch zuhause ist. Da gibt man sich einerseits weltoffen, will mit den dortigen Konzernen die Welt erobern und die Menschen dieser Erde - die Konsumenten dieser Erde - für sich gewinnen, aber gleichzeitig steckt man in spießbürgerlichen Schuhen, flüchtet sich in semi-amische Moralvorstellungen. Und eben weil die Moral innerhalb der Palins nicht groß geschrieben wird, weil die Tochter doch tatsächlich schon sexuellen Kontakt hatte - man fragt sich wie amerikanische Konservative zu Welt kommen -, steht sie in der Kritik. Aber die Republikaner sind eben besorgt. Man stelle sich vor, ein Mitglied einer sexuell entarteten Familie bekleidet ein politisches Amt - da könnte man ja gleich einen Ex-Alkoholiker zum US-Präsidenten küren!

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Samstag, 16. August 2008

Die Hysterie um die LINKE scheint Tag für Tag schlimmere Ausmaße anzunehmen. Freilich kann es sich die BILD-Zeitung nicht verkneifen, auf schamloseste Art und Weise ins diffamierende Geschehen einzugreifen und fragt provokativ, warum sich die "SPD so viel SED antut". Was folgt ist eine Auflistung, weshalb die LINKE immer noch als SED anzusehen sei. Außerdem, und dies führt sie als Beweis auf, sei im Vereinsregister des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg klar nachzulesen, dass die LINKE 1990 SED/PDS hieß - wieder mal eine ganz große Neuigkeit aus dem Hause Springer! Es wäre langweilig, wenn man nun die Frage andersherum zurückgibt: Warum tat sich die SPD bereits zweimal auf Bundesebene soviel NSDAP an? - Aus welcher Tradition die Union kommt, welche Zeitgenossen nach dem Kriege ihre Geschäfte leitete, ist ebenso bekannt, wie die Geschichte der LINKEN.
Sie kommen einen vor wie die Grauen Herren aus Michael Endes Kinderroman "Momo". Wenn man sie beobachtet, wie sie ganz hysterisch Artikel ersinnen, Diffamierungen aufwenden, geschichtliche Tatsachen herumdrehen und neu deuten, Diabolisierungen gestalten, in scharfen Ton sich eines Jargons bedienen, der hierzulande zum guten Ton gehört, wenn man gegen die LINKE Stellung bezieht, dann kommen einem diese Herren in grau in den Sinn, wie sie hysterisch an ihren Zigarren herumlutschen und sich, erstmal in Rage, um Kopf und Kragen reden, immer schneller sprechen, beinahe hysterisch werden, sich überschlagen mit Worten. Mal abgesehen davon, dass Agitatoren wie Müller-Vogg genauso grau daherkommen, wie die Zeitgenossen aus dem Roman. Überhaupt muß Michael Ende seinerzeit die Müller-Voggs dieser Welt im Sinn gehabt haben.
Und in diesem Stile verfallen sie in eine Hysterie, müssen dringend an ihrer Zigarre ziehen - d.h. sie müssen Artikel schreiben, die nicht journalistisch neutral sind, sondern politisch klar motiviert -, damit ihre Existenz gesichert ist. Und das Ziehen an der Zigarre wird immer lebenswichtiger, in immer kürzeren Abständen muß inhaliert werden - was erklärt, warum der "schwarze Hugo" immer öfter zu seinem Lebenselixier greifen muß. Er will halt auch leben und sich nicht einfach in grauen Rauch auflösen...

Freundlich wünscht man auf einem der derzeitigen NPD-Plakaten zur bayerischen Landtagswahl einen guten Heimflug. Karikaturen wie aus dem "Stürmer" starren uns an, dümmlich und verschlagen dreinblickend, vor Klischees nur so strotzend. Drei offensichtliche Ausländer auf einem fliegenden Teppich, beinahe so aussehend, als hätte sie Julius Streicher selbst in Auftrag gegeben.
Da regt man sich hierzulande über alles auf, was von der LINKEN in die Wege geleitet wird, alleine schon das Hummeressen eines Mitgliedes dieser Partei erregt Aufsehen, aber gleichzeitig bewahrt man Zurückhaltung, wenn auf den Straßen Bayerns Stürmer-Karikaturen von den Plakaten winken, wie einst der verschlagen dreinblickende Jude, dem man die Gier förmlich aus seinen Augen ablesen konnte. Freilich gratuliert man der NPD nicht für ihren einzigartigen künstlerischen Geschmack, aber große Aufregung bleibt doch aus, obwohl es sicherlich den Tatbestand der Volksverhetzung streift, wenn nicht gar erfüllt. Nein, stattdessen stilisiert man künstliche Erregung, als einige Opfer des SGB II im Jahre 2004 jeden Montag auf die Straße gingen, um ihren Unmut kundzutun, und diese Veranstaltungen Montagsdemonstrationen nannten - man dürfe das Andenken an die Zivilcourage der DDR-Bürger nicht schänden, indem man diesen guten Namen für kleinliches Querulantentum gegen Sozialabbau benutzt! Da geben sie sich ganz traditionell, die agitierenden Kreise, während Stürmer-Figuren keinerlei Aufregung nach sich ziehen. In so einem Falle spielt die deutsche Tradition, dieses unglücksselige Sammelsurium von Spießbürgerlichkeit und menschlicher Verirrung, keine maßgebende Rolle zur Kritik. Zwar mahnt man immer wieder an, die NPD verbieten zu wollen, doch ist dies als Alibimaßnahme zu werten, um im Rahmen demokratischer Strukturen so zu tun, als habe man Interesse an jenen, die der Demokratie offenkundig entgegenstehen - denen, die nicht so offenkundig antidemokratisch sind, rückt man schon gar nicht erst auf die Pelle. Toleranz für die Wahlpropaganda der NPD.
"Diese Toleranz kann allerdings nicht unterschiedslos und gleich sein hinsichtlich der Inhalte des Ausdrucks in Wort und Tat; sie kann nicht falsche Worte und unrechte Taten schützen, die demonstrierbar den Möglichkeiten der Befreiung widersprechen und entgegenwirken. Solche unterschiedslose Toleranz ist gerechtfertigt in harmlosen Debatten, bei der Unterhaltung, in der akademischen Diskussion; sie ist unerläßlich im Wissenschaftsbetrieb, in der privaten Religion. Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Glück selbst auf dem Spiel stehen: hier können bestimmte Dinge nicht gesagt, bestimmte Ideen nicht ausgedrückt, bestimmte politische Maßnahmen nicht vorgeschlagen, ein bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne daß man Toleranz zu einem Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht.“ (Herbert Marcuse, "Repressive Toleranz")

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Donnerstag, 7. August 2008

Eigentlich ist über das Hanswurstentum innerhalb der SPD, bzw. nun auch außerhalb der SPD, genug geschrieben und sinniert worden. Freilich waren sich die Medien beinahe allesamt einig, dass ein markanter Mann wie Clement nicht aus einer Partei hinausgeworfen werden kann. Die Gründe des Rauswurfs sind freilich dürftig und arg parteizentriert, diverse bessere Gründe lägen in der jüngeren Vergangenheit, als Clement ganz ungeniert von Parasiten sprach und vom allgemeinen Schmarotzertum. Franz Josef Wagner, BILD-Briefträger, hat sich natürlich auch Gedanken gemacht und schreibt sich allerlei Seltsamkeiten von der Leber. Da heißt es: "Jemanden ausschließen heißt ja, dass wir ihn erfrieren lassen. Er soll keine Heimat mehr haben. Er soll ziellos herumirren. Im Freien leben wie ein Penner oder ein abgemagerter Wolf." Außerdem: "Sie wollen ihn nicht mehr haben. Sie wollen, dass er draußen erfriert. Ich würde ihm meine Tür öffnen. Ich würde dem hungernden Clement Buletten, Fleischwurst, Bier und alles geben, was ein SPDler gerne isst." - Deshalb engagieren sich die Medien derart für Clement: Die SPD raubt ihm nicht nur die Parteimitgliedschaft, sondern enteignet ihn auch noch, womit er dann dort steht, wo er vielleicht Anrecht auf seine vielzitierte Jahrhundertreform nach SGB II hätte. So gesehen besteht ja für die SPD doch noch Hoffnung, wenn sie einen lobbyistischen Vertreter ihrer Farben enteignet und sich zurückholt, was er sich ungerechterweise angeeignet hat. Oder verdient man als Lobbyist so wenig? Vielleicht sogar derart wenig, dass man sich nebenbei eine Parteimitgliedschaft sichern muß, um über die Runden zu kommen? Sind Lobbyisten am Ende allesamt arme Hunde?
Apropos Hunde: Ein Paar Worte zu Wagner, dieser hilfsbereiten Mustererscheinung eines Menschen. Man muß ihn einfach loben, weil er einem Vertreter der Spezies SPDler großzügigst Buletten und Fleischwurst vor die Nase wirft und den Trog mit Bier auffüllt. Er würde dem heimatlos gewordenen SPD-Hund helfen, während die Mehrheit des bösen Volkes sich ins Fäustchen lacht, weil dieser Clement mit seinem unerträglichem Gesülze endlich mal auf die Fresse gefallen ist. Einem solchen Hund würde freilich kaum einer helfen wollen. Wagner liebt die Menschen und bringt das in seinem letzten Satz, quasi als Quintessenz seines Geblubbers zum Ausdruck: "Einen Menschen zu verstoßen ist für mich wie eine Blume zertreten." - Er liebt halt die Menschen fast so sehr wie Tulpen, Narzissen, Nelken...

Während sich Wagner schon wieder von Clement, diesem verarmten Straßenköter, abgewandt hat, wartet heute eine große BILD-Rettungsaktion auf. "So ist meine SPD zu retten", verkündet Ex-Schmuse-Kriegsminister Scharping. Und er hat seine Hausaufgaben gemacht. Schön spricht er jenen nach dem Munde, die hierzulande Meinung und Profit machen. Oder kommt erst der Profit und dann die Meinung? Er fordert eine Einheitsfront, die SPD dürfe keine gegensätzlichen Positionen vertreten. Freilich, könnte man munkeln, soll die Gegensätzlichkeit nicht nur innerhalb der SPD verschwinden, sondern sich an dem orientieren, was die konservativen Kräfte als "Lösungswege" diverser Problematiken betrachten. Immerhin ist nächstes Jahr Bundestagswahl und man muß sich empfehlen, damit die Union ihren zukünftigen Koalitionspartner zwischen den dann fast gleichstarken Parteien FDP, Grüne, LINKE und SPD, auch nach inhaltlichen Gesichtspunkten auszusuchen weiß.
Dass die Sozialdemokratie falsch gelegen hat, als sie ein Reformpaket verabschiedete, dass sich gegen die Menschen dieses Landes wandte, darauf kommt auch Scharping nicht. Man fragt sich, ob man innerhalb der SPD-Eliten überhaupt die Ansicht vertritt, auch nur irgendetwas falsch gemacht zu haben. Scharping indes lobt indirekt die Agenda 2010, zieht sich 1,5 Millionen Arbeitsplätze aus der Nase, die durch die "sozialdemokratischen Reformen" - was immer daran auch sozialdemokratisch sein mag - entstanden seien. Darauf soll die SPD stolz sein, meint er, anstatt weiter über Umverteilung nachzudenken - das ist wahrlich "sozialdemokratische Politik"! Während Unternehmen Profite in einem Maße maximieren, ja nicht nur in einem Maße, sondern in großen Massen, soll die Umverteilung zugunsten aller fallengelassen werden. Zum Wohl des Volkes - oder wie war das noch?
Außerdem müsse die SPD über eine Rente nachdenken, die sich an den Beitragsjahren messen läßt - 40 Jahre + X! Klingt freilich gut - weil gerecht. Dumm nur, wenn heutige "Arbeitskarrieren" - welch ekelhaftes Wort aus der Arbeitsromantik! - immer wieder durch Phasen der Arbeitslosigkeit gezeichnet sind, die sich manchmal über einige Jahre hinziehen. Aber mit 93 Lebensjahren wird mancher Zeitgenosse ja dann doch annähernd 40 Jahre Beitrag geleistet haben - und dann heißt es: ab in den Ruhestand und sich von den Jungen als Ballast bezeichnen lassen, der doch hoffentlich bald ins Gras beißen wird - selbstverständlich sozialverträglich!
Und natürlich, bevor man es vergißt: Scharping fordert die klare Abgrenzung zur LINKEN, nährt damit jene Stimmen, die auch Ypsilanti aus der Partei haben wollen. Das paßt zum pfälzischen Schnelldenker: Die Partei retten wollen und dann indirekt Dingen in die Schuhe helfen, die ins Gegenteil schlagen können und würden. Sind sozialdemokratische Parteigerichte Utopie, die sich gegen jeden wenden, der nur ein wenig anders denkt als die sich an die Union anbiedernde Parteiführung? Eine Bolschaja Tschistka zum Wohle der Partei?

Die Wiesn, das Oktoberfest also, ist das größte Volksfest der Welt - zumindest wirbt so die Stadt München seit Jahrzehnten. Man darf es bezweifeln, denn es mag freilich das größte Fest der Welt sein, aber ob es das größte Fest für das Volk ist, bleibt aufgrund bedenklicher Zahlen offen - oder vielmehr ein Märchen. Will man sich nämlich einen Sitzplatz reservieren lassen - und dies im "billigsten" Bierzelt -, so darf man 289 Euro für ein Ticket vorstrecken. Dies inklusive einem Hendl und zweier Maß Bier, versteht sich.
Ist es noch ein "Volksfest", wenn die Mehrheit des Volkes sich gar kein Ticket leisten, sich also keinen Sitzplatz reservieren lassen kann? Oder um es mit den NachDenkSeiten zu sagen: "Da muss ein Hartz-IV-Empfänger lange sparen, bis er zu einem "Volks"-fest gehen kann." - Das "größte Volksfest der Welt" ein Schwindel! Eine Werbemasche! Ein Effekt zur Stolzmachung der bayerischen Bevölkerung, die sich dann auch noch Wunder was darauf einbildet, einem solchen Bonzenreigen beiwohnen zu dürfen. Wenn "ozapft is" wird jubeliert und man fühlt sich als Teil des dekadenten Prominentenbesäufnisses. Dabei ist das Oktoberfest, was es schon seit Jahrzehnten ist: Eine Veranstaltung für Großgschädlte und gwampate Hoisobschneida.

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Freitag, 25. Juli 2008

Es gibt keine Armen mehr, zumindest nicht in dieser Gesellschaft und in diesem Lande. Sie wurden aufgespalten in arme Deutsche und arme Ausländer. Und da letztere drei Viertel aller Armen ausmachen, ist die Armutsdebatte gar keine Armutsdebatte - sie ist eine Integrationsfrage. Jörges schreibt sich seinen nationalen Frust von der Seele und hält Ausschau nach Sündenböcken. Versteckte Quintessenz seines Schmierstücks: Hätten wir weniger Ausländer, hätten wir auch kaum Arme. Und überhaupt: "Höheres Kindergeld und andere Wohltaten könnten für Ausländer sogar den Reiz zur Einwanderung ins deutsche Sozialsystem verstärken. Auch Mindestlöhne gehen an mangelnder Qualifikation und unzureichenden Deutschkenntnissen der Migranten vorbei." - Mittels dem ausländischen Sündenbock soll Sozialabbau gerechtfertigt und eine soziale Errungenschaft, die uns vielleicht eines Tages in Form eines Mindestlohnes begegnet, verhindert werden. Tja, sieh mal an: Selbst für einen Jörges sind Ausländer für irgendetwas nützlich! Jörges ist freilich eloquent und weiß durch schöne Worte, die er bei Fernsehauftritten mit großartiger Weisenmiene in die Wohnzimmer dieses Landes hallen läßt, zu glänzen. Sollte der Inhalt seiner bizarren, kleinen Analyse, die Arme untereinander spaltet - sie sollen bloß nicht auf die Idee kommen, sich in ihrem Leid zu vereinen -, von einer Person aus dem braunen Lager mit einem Résumé kommentiert werden, dann würde der abgeleitete, weniger wortgewandte Slogan "Deutschland verarmt - Ausländer raus!" dabei herauskommen. Das ist das Verdienst Jörges': Er macht die dumpfe Xenophobie salonfähig, ersinnt eine Sprache, die scheinbar unverdächtig ist, aber dafür mit bitterbösen Inhalten konfrontiert.
Eine Sprache, die in vielen Bereichen mehr und mehr Einzug findet. Die Sprache des freundschaftlichen Aufmerksammachens. Ausländerfeindlichkeit und wirtschaftsliberale Forderungen werden ja nicht mit böser Zunge hofiert, sondern mit der vermeintlichen Stimme der Vernunft. Man müsse ja, man könne nicht anders, man sei gezwungen, "Sachzwang - Sie verstehen?" Es ist die säuselnde Stimme des Fuchses, der den Edlen mimt und dann voller Niedertracht über sein Opfer herfällt. Eine Stimme, die natürlich auch beim Agitieren an Schulen Einzug gefunden haben wird. Dort wird man mit Vernunftesstimme klarmachen, dass die Linkspartei, diese Bande von Kommunisten, der Untergang der Bundesrepublik sei. Mit solch einer Stimme betreibt man Gehirnwäsche, nicht mit der Keule, die bei jeder Gelegenheit über den Kopf gebraten wird.
Und wir waren der Ansicht, das Zeitalter des Faschismus sei dahin! Währenddessen wird in Bayern die Versammlungsfreiheit beschnitten, die Bundeswehr in die Öffentlichkeit gerückt, als Armee des deutschen Stolzes, mit liebevoller Stimme gegen Ausländer gehetzt, gegen alles was nur "nach links riecht" agitiert, die systemtreuen Eliten belohnt auf Kosten der Habenichtse und dergleichen Bräunlichkeiten mehr. Nein, weder haben wir diese unheilvolle Zeit überwunden, haben das wohl nur immer mal wieder geglaubt, mittendrin stehend im braunem Sumpf. Und kühn die anderen, diejenigen die behaupten, wir müssen uns vor dem "Angriff der Faschisten" schützen. Als ob sie noch angreifen müßten, in der Stellung in der sie schon sind - in der sie ja diese Gesellschaft maßgeblich prägen und beeinflußen und nicht selten sogar lenken.

Da hat man Walter Riester festgenagelt, hat ihn der Korruption, nicht nur verdächtigt, sondern bezichtigt, hat seine sogenannte Riester-Rente als medienwirksam gestützte Leere entlarvt, die gerade bei finanziell Schwächeren kaum Vorteile bringt, dafür aber die Versicherungswirtschaft unterstützt, hat mit Norbert Blüm jemanden gefunden, der sich mit Riester schriftlich auseinandergesetzt hat und nun? Nun ist er beleidigt und fühlt sich mißverstanden. Er hat seine Korrespondenz bei Abgeordnetenwatch beendet. Es ist schon infam, einen solch feinen Herrn so in die Bredouille zu bringen. Korrupt? - Ha! Er hat in den Jahren 2006 bis 2008 sicherlich einigemale bei Versicherungen vorgesprochen - das gibt er doch zu! -, war dort Referent, hat aber nur ein Paar knappe Tausender hinzuverdient! Ein Paar knappe Tausender und mindestens 300.000 Euro! Er hat sich doch nichts zu Schulden kommen lassen! Er hat nur zum Wohle des deutschen Volkes gehandelt - und Versicherungsunternehmer sind ja auch Deutsche!

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In nuce

Mittwoch, 9. Juli 2008

Wissenschaft muß Thesen aufstellen dürfen, die durch das Zusammensetzen einzelner Fakten ein Mindestmaß an möglicher Erkenntnis erwirken. Ob eine These verifiziert in die Geschichte eingeht, vorallem dann, wenn es sich um eine These aus den sogenannten "ungenauen Wissenschaften" handelt, bleibt im zunächst im Trüben, muß die Geschichte regeln. Die Wissenschaft lebt davon, Thesen zu erstellen, sie gegebenenfalls zu erneuern und zu überarbeiten, sie wenn notwendig zu verwerfen und durch ganz neue Gedankenansätze zu ersetzen. Professor Arnd Krüger, der Direktor des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Göttingen, hat eine solche These in die Welt gesetzt. Er behauptete indirekt, dass die israelischen Geiseln, die am 5. September 1972 am damaligen Münchener Flughafen Riem von einer palästinensischen Terrorgruppe getötet wurden, eine Form der Selbstopferung betrieben.
Nun muß man selbstverständlich nicht dieser Meinung sein, sie nicht als vollkommen fehlerlos ansehen. Daraus aber einen Eklat zu konstruieren, zeugt erneut von der political correctness, mit der man versucht ist, die Wissenschaft ideologisch zu beeinflussen. Eine vollkommen freie Wissenschaft ist in einer Gesellschaft des Zwangs - für Bakunin z.B. war jede staatliche Gesellschaft ein Zwangskonstrukt - sowieso kaum denkbar. Genau aus diesem Grunde - so schlußfolgert ebendieser -, habe niemals eine freue Wissenschaft existiert. Neu ist es außerdem auch nicht, dass man Wissenschaft mißbraucht, um die politischen Zustände quasi metaphysisch abzusegnen und zu untermauern. Es fanden sich einst ja auch Forscher, die angeblich herausfanden, dass die arische Rasse eine Herrenrasse sei. Und gerade deshalb, weil wir bitterböse Erfahrungen damit machten, sollten wir darauf bedacht sein, die Politik und jene, die sich in politischer Korrektheit dem Moralisieren gewidmet haben, aus der Wissenschaft herauszuhalten. Auch wenn das politisch Korrekte im Gewand des Guten daherkommt, weil es vorgeblich für Vernunft steht, so hat es doch keinerlei Raum in der wissenschaftlichen Arbeit einzunehmen.
Krügers These mag also nicht gefallen; mag als uferloser Quatsch abgetan werden, aber das moralische Urteilen und Verurteilen - als Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten an denen, die es weniger sind, um es mit Nietzsche zu sagen - darf sich getrost eingespart werden. Die historische Wissenschaft, und damit deren Zweig der historischen Sportwissenschaft, sind keine ausgewiesenen Paradefächer der Ethik und dürfen sie gar nicht sein, wenn sie wissenschaftliche Objektivität garantieren wollen. Dies bedeutet nicht, dass Krügers Einsichten objektiv sind, aber darüber läßt sich natürlich streiten und argumentieren. Ein Antisemit, ein Fall für das Arbeitsgericht, ein moralischer Teufel ist Krüger deswegen aber noch lange nicht. Wenn also der Historiker aus dem Dritten Reich berichtet, so darf er als Privatperson die Abscheu zur Geltung bringen, darf verurteilen und den Fanatikern der deutschen Sache den Vogel zeigen, aber als Historiker sind Moralurteile rar zu säen. Aber in Zeiten eines Moralhistorikers wie Guido Knopp, der hinter jedem unmoralischen Zitat aus dem Mund einer historischen Gestalt ein Ausrufezeichen setzt, ein "Unfaßbar" schreibt und das Wort "Verblendung" inflationär gebraucht, ist wohl objektive Betrachtung nicht mehr zu erwarten.

Zuweilen werden seltsame, geradezu ins Dreiste abgleitende Gesetze ersonnen. Besonders seltsam ist aber jener Gesetzesentwurf, der diejenigen bestrafen soll, die die "geistige Sterbehilfe" am Nächsten vollziehen. Wenn man also seinem todessehnsüchtigen Mitmenschen seelisch unterstützt, wenn man ihm vielleicht Mut zuspricht, den finalen Schritt zu wagen, wenn es denn wirlich dem eigenen Wunsch entspricht. Wenn ein Sterbenwollender darum bittet, man möge ihm aufrichtig erläutern, wie man die Sache sehe und man dann aufrichtig ist und darlegt, dass man womöglich in einer solchen Situation auch diesen Weg beschreiten würde - macht man sich dann strafbar, weil man der Meinungsfreiheit folgte?
Nun steht aber die Frage unbeantwortet im Raume, ob man solche Zeitgenossen bestrafen wird, die sich schonungslos für das Recht auf Selbstmord und Sterbehilfe aussprechen. Vielleicht sollte ich schon mal meine Koffer packen und mich seelisch auf ein wohliges Einzelzimmerchen vorbereiten. Sozusagen auf meinen geistigen Selbstmord! Denn was ist denn der Unterschied zwischen dem Beschneiden von individueller Freiheit und dem Beenden von individueller Freiheit durch Lebensentzug?

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In nuce

Donnerstag, 3. Juli 2008

Die Deutschen verarbeiten ihre Vergangenheit, heißt es. Niemals zuvor habe man soviele Lehren aus den dunklen, braunen Zeiten gezogen, die einst dieses Land in moralische Tiefen zog, heißt es. Nötig gewesen sei es ja schon lange, heißt es. Und wie fein der politischen Korrektheit in die Schuhe geholfen wird! So äußerte sich unlängst der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in seltsamer Weise zu seinen Landsleuten. Die Türken, so meint Faruk Sen, seien die "neuen Juden Europas". Jetzt kann man ja davon halten was man will, kann es für arg überspitzt oder geradezu dümmlich befinden. Aber da die Deutschen ja ihre Vergangenheit verarbeiten und den Verdauungsprozess nur schwer vollziehen, rufen umgehend einige penetrante Zeitgenossen, Sen möge von seinem Posten zurücktreten. Dies ist freilich die Lösung aller Problematiken, immer dann, wenn es um Mißgriffe dieser Art geht. Faruk Sen mag sich täuschen, mag historisch betrachtet arg danebengegriffen haben, vielleicht die Historie selbst überhaupt nicht verstehen - aber kann man ihm das so nicht sagen? Muß es gleich immer ein geforderter Rücktritt sein? Ist das etwa der Geist der Demokratie, wenn man Diskussionen ausweicht und unliebsame Zeitgenossen einfach zur Seite schiebt?
Solche Fälle überbordender political correctness finden sich noch in ganz anderer, unglaublicherer Weise. Eine Braunschweiger Zeitung bot ein Kreuzworträtsel an, dessen Lösungswort "Negerkuss" lautete. Und schon ist sie wach, die Korrektheit, die hinter jedem Wort ein Unwort wittert, die aus einer alltäglichen Süßigkeit ein rassistisches Einstiegswort macht. Der Negerkuss als Einstiegsdroge quasi, als Joint des rassistischen Jargons! Berufsentrüstete mit verschiedensten Parteibüchern stürzen sich darauf, um klarzumachen, dass derjenige, der heute noch "Negerkuss" sagt, bereits morgen einen Schwarzen verprügeln könnte. Diesen Wichtigtuern kommt gar nicht in den Sinn, dass die Person, die einen Negerkuss verspeist und dieses klebrige Teil auch als solchen bezeichnet, womöglich überhaupt keine Konnotation zu einem Afrikaner in sich verankert weiß. In meinen Breitengraden essen die Menschen Negerküsse, ohne sich dabei vorzustellen, wie ein großgewachsener Massai ihnen die Zunge in den Hals steckt. "Negerkuss" bleibt jedenfalls eine Geschmackssache, sowohl auf der Zunge als auch im Ohr...
Aber denen, die nun glauben, für die Sache der Schwarzen zu kämpfen, die sich aufschwingen, einen Mandela oder King für Arme abzugeben, weil sie einen völlig irrelevanten Begriff ethnisch bereinigen wollen, sollten sich mit den Einsichten von Alain Finkielkraut konfrontiert wissen, die ich hier nur kurz zitiere, doch womöglich bald einmal ausführlicher abhandeln werde: "Wenn der Andere ist, was er ist, hört er auf, anders zu sein. Sein Außen-sein wird eingegliedert und seine gebieterische Macht zugunsten seines Bildes vertrieben. Man befreit nicht den Anderen, indem man ihn mit einer einmaligen oder gar vortrefflichen Beschaffenheit ausstattet, man befreit sich von ihm. Kurz, ein Antlitz, das mit seiner Andersartigkeit identifiziert wird, ist ein Antlitz, das seiner Andersheit beraubt ist. Es klagt nicht mehr an, beschwört nicht mehr, weil es nicht mehr beschämt. Die Verleumdung hat die Ordnung wieder hergestellt."

Von den linken Grünen (sic!) hat er sich verabschiedet, um Sachpolitik in Reihen der CDU zu gestalten. Eine Politik, die sich an den sogenannten Sachzwängen orientiert, um die Motzereien dieses Herrn gegen Erwerbslose, Senioren und Kinderreiche in legitime Bahnen zu lenken. Und kaum war er der Union beigetreten, verkündete er schon, dass er bald im Bundestag sitzen würde. So hat er es geplant und nun liegt er auf der Schnauze: Oswald Metzger.
Man muß den CDU-Mitgliedern aus dem oberschwäbischen Wahlkreis nicht unbedingt Vernunft nachsagen. Sie haben sich ja nicht gegen Metzger entschieden, weil er ein unerzogener Flegel, sondern weil er neu in ihren Reihen ist. Sein Platzhirschgehabe stieß ab, wurde daher kritisiert. Aber zu seinen untragbaren Ausuferungen, die Erwerbslose als fressende und saufende Schattengestalten darstellten, wollte sich innerhalb der CDU einfach kein Kritiker finden. Man kann sich natürlich durchaus an der Entscheidung der Unionisten erfreuen, aber aus Helden besteht dieser Verein wahrlich nicht. Hätte man die menschliche Vernunft benutzt, einen Humanismus zum Motiv dieser Entscheidung gemacht! Aber aufgrund "fremdenfeindlicher" Tendenzen und beleidigtem CDU-Stolz? So gesehen hackten sich da die Krähen gegenseitig die Augen aus - oder ein Krähenschwarm einer einzigen Krähe. Es bleibt abzuwarten, wie Metzgers Arbeitgeber - die INSM - darauf reagieren wird. Wenn die sich einen Bundestagsabgeordneten wünscht, dann wird man Mittel und Wege finden, ihr einen zu liefern.
Vielleicht, so wird gemunkelt, wird Metzger bald einer anderen Partei beitreten. Er soll sich derzeit mit den Schriften Lafontaines und dem Ingolstädter Programm Gregor Gysis befassen und beide sehr dafür loben. Man soll ihn durch Bad Schussenried lustwandeln gesehen haben, dabei leise zu sich selbst sprechend, dass er in seinem Innersten immer Sozialist gewesen sei. Von den Grünen, so soll er einem Passanten auf Nachfrage mitgeteilt haben, sei er nur ausgetreten, weil sie ihm zu konservativ geworden sind. Die LINKE freut sich auf den neuen Genossen. Sie hofft, er gibt nicht zuviel von seinen bürgerlichen Vorurteilen auf, damit sie sich durch ihn weiter zum ernstzunehmenden Faktor deutscher Politik verwandelt.

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Dienstag, 24. Juni 2008

Über Beziehungen und familiäre oder freundschaftliche Bande, die die BILD-Zeitung pflegt, wurde ja schon hinreichend berichtet. Es ist nicht gerade neu, dass Diekmann Kohls Busenfreund - und nun auch Trauzeuge - ist und BILD-Kolumnist Müller-Vogg ausgezeichnete Kontakte zu Köhler und Merkel besitzt. Aber erwähnenswert ist es dennoch, wenn ein Sportjournalist - der nebenbei auch noch Vize-Chefredakteur der Zeitung ist - plötzlich im politischen Trübgewässer fischt. Alfred Draxler, bekannt eigentlich für seine "fein recherchierten" und in "sublimierter Sprache" verfassten Artikel, äußerte sich zur erfolgten Entschuldigung Anne Wills. Dort heißt es: "Was für eine Blamage für Anne Will (42)! Und welch ein Erfolg für den Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger (53)! (...) Hintergrund: Berlins CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger hatte die Ablösung von Anne Will gefordert und war presserechtlich gegen sie vorgegangen – mit Erfolg!" - Warum gibt sich ein "ehrenwerter" Sportreporter für diesen politischen Quatsch her? Personalmangel? Mitnichten: Draxlers Ehefrau Martina Krogmann - die selbst beim Springer-Verlag zur Redakteurin ausgebildet wurde - ist Bundestagsabgeordnete für die CDU und - man glaubt es kaum - Patentante von Friedbert Pflügers Sohn! Da hat also der liebe Onkel Alfred ein Paar liebeswürdige Zeilen dem lieben Papa Friedbert zukommen lassen - so liebevoll geht man in BILD-Kreisen miteinander um. Familiäre Nettigkeiten öffentlich ausgetauscht!

Seit einigen Tagen stehen Roland Kochs erfolglose Wahlkampfhelfer vor Gericht. Und vorBILDlich fordert Deutschlands größte Tageszeitung eine harte Bestrafung. Und auch wenn man einkalkulieren muß, warum junge Männer zuweilen so ehrlos handeln - weil sie von Kindesbeinen an mit einen steten Nein abgespeist werden, weil sie immer die verächtlich gemachten Ausländerkinder bleiben (der Autor dieser Zeilen weiß wovon er spricht), weil sie ohne Perspektiven sind und wohl bleiben -, kann man natürlich diese Form konservativer Wahlkampfhilfe nicht dulden. Insofern ist eine angemessene Strafe durchaus im Sinne eines vernünftig geführten Gemeinwesens notwendig. Ob aber eine Tageszeitung ein Gerichtsverfahren so beeinflußen darf bleibt fraglich. Und höchst suspekt ist es, dass es gerade der Springer-Primus war, der damals im Dezember 2007/Januar 2008 die U-Bahn-Schlägereien ausschlachtete, um den hessischen Wahlkampf mit ausreichend Futter zu versorgen. Damals war das grauenhafte Geschehen gerade gut genug, um Kochs billigen Rassismus mit Thesen zu untermauern. BILD lieferte natürlich willig und ohne Gewissensbisse. Heute aber erhebt man den Zeigefinger und will die Wahlkämpfer aus dem Münchner Untergrund hart bestraft sehen.
Bestraft will ich die Täter auch wissen. Gewalt darf nicht ohne Nachspiel bleiben und ist, auch wenn es Entschuldigungen dafür geben mag, nie tolerabel. Wäre ich aber ihr Anwalt, so würde ich mich auf die Immunität von Wahlkämpfern berufen. Außerdem sollte man Roland Koch kontaktieren und ihn fragen, ob er sich nicht für jene einsetzt, die ihm einst so tatkräftig unterstützt haben...

In eigener Sache: Mir scheint, dass der von mir am 17. Juni 2008 verfasste Artikel, der als Satire gedacht war, von vielen Lesern falsch interpretiert wurde. In allerlei Foren und Blogs mußte ich lesen, dass man eine Quelle ausfindig machen wollte, die die von mir aufgestellte These, wonach der anglo-irische Vertrag von 1921 nichtig sei, untermauern soll. Freilich fand niemand eine Quelle, denn die einzige Quelle, die solcherlei Fakten auswarf, war meine Phantasie, mein Gehirn folglich. Eigentlich war ich mir sicher, man würde den satirischen Unterton herauslesen können, spätestens dann, wenn man an die Textstelle gerät, in der Berlusconi sich zum äthiopischen Kaiser krönen lassen möchte.
Stattdessen stiftete ich Verwirrung und animierte zu allerlei Spitzen, die man gegen mich richtete: "In keiner Zeitung aus England oder Irland hatte ich einen Hinweis auf einen wie von ad mortem, pardon ad sinistram eingestellten Artikel gefunden. Völlig zu recht ist die Besucherzahl seiner Seite trotz mehrjähriger (sic!) Existenz so niedrig. Unseriösität (sic!) wird eben durch Nichtbeachtung gestraft." Ein Leser schrieb mich kurz und knapp an, ich möchte ihm schnellstens die Quelle senden, es eile ihm sehr. In Foren schüttelten einige virtuell den Kopf, weil sie die Vertragsnichtigkeit für bare Münze nahmen.
Nun überlegte ich lange, ob ich mich dafür entschuldigen sollte. Aber ist es eine Entschuldigung wert, wenn man Satire nicht mit dem Satireprädikat markiert? Sind nicht jene Witze, die davor oder danach als ebendiese entblößt werden, langweilig und wenig überraschend bzw. wirken aufgesetzt und wenig originell? Und ist es nicht vielmehr so, dass man heutzutage Realität und Satire kaum noch auseinanderhalten kann? - Nein, dafür entschuldige ich mich nicht, auch wenn ich bedauere, dass mein Abschweifen in Phantasiekonstrukte, wie sie manche Machthabende sicher ebenso ersonnen haben, falsch verstanden und womöglich sogar nicht verstanden wurde.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle nochmal darlegen, dass ich Quellen immer angebe, d.h. verlinke. Verlinke ich nichts, so könnte es möglich sein, dass es nur eigene Gedanken sind, die Witz, Phantasie und Realität vermischen...

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