Des Zweifels beraubt

Dienstag, 12. Januar 2010

Erfreulicherweise haben wir Gutachter und Experten. Leute, die es annähernd wissenschaftlich zu bewerten und zu klassifizieren verstehen. Die uns die Welt erklären und die Dinge in der Welt fundamentieren können. Oh menschlicher Verstand, was wärst du nur ohne Gutachter?

Und so hat uns jene Gilde herausgearbeitet, dass Thilo Sarrazin, der eitle Geck aus Bänkerkreisen und Sprachrohr der neuen deutschen Mitte von rechts, rassistische Äußerungen von sich gab. Welch Erleuchtung! Vormals bedrückte die Kritiker und Erbosten, die mit diesen Äußerungen auf Kriegsfuß standen, eine Gestimmtheit zwischen vagem Vermuten und unscharfer Ahnung. Beinahe bekam man als Kritiker ein schlechtes Gewissen, weil man den biederen Herrn angriff, ohne vorher eine gutachterliche Studie eingeholt zu haben. Was, so zweifelte man an sich, wenn die Aussagen Sarrazins nur subjektiv rassistisch sind? Was, wenn sich nur mein halbspanisches, mein türkisches, mein schwarzhäutiges Ehrgefühl beleidigt fühlt, obgleich seine Aussagen objektiv betrachtet womöglich unantastbar wären?

Der Beleidigte äußerte sich zwar, manchmal sachlich und rechtschaffen, manchmal rotzfrech und kokett, betrachte daraufhin den Zulauf des Rattenfängers, Umfragewerte und den aufmarschierenden wissenschaftlichen Flankenschutz, und verfiel nach und nach in tiefste Zweifel. War es am Ende doch nur die immer dünner werdende Haut, die man sich in einer Gesellschaft, in der man sich zeit seines Lebens unzugehörig fühlte, die einen überreagieren ließ? Hat man überreagiert, überspitzt, überzeichnet, kurz gesagt, hat man selbst übertrieben? Ist man der eigenen emotionalisierten Gestimmtheit erlegen?

Nach der Kritik verlor man den Boden, zweifelte an sich und seinen hehren Werten. Möglicherweise, haderte man, seien diese Werte romantisches Geplänkel; möglicherweise, verzweifelte man, habe die ausgezerrte Biedermanngestalt eine Wahrheit ausgesprochen, die zu erkennen man nicht klug genug sei; möglicherweise, trauerte man, müsse man die Demütigungen an Schmarotzern und Moslems wie dich und mich stillschweigend ertragen lernen. Die dünne Haut, redete man sich schwankend zwischen den Positionen ein, habe überhitzt reagieren lassen; man sei geschädigt, weil man selbst nie dazugehörte, weil man immer am Rande stand, so wie Türken und Araber, diese angeblich so nutzlosen Bevölkerungsgruppen. Nachdem man gegen die Mauer sarrazinischer Befürworter geprallt war, den Wust an Beteuerungen und weiteren Ausfeilungen seiner Thesen über sich ergehen lassen mußte, zum Romantiker und multikulturellen Abendlandsfeind, zur Gestalt voller Groll gegenüber den Westen erklärt wurde, fiel der Vorhang, befiel einen der grenzenlose Zweifel.

Sie oder ich?, rätselte man. Romantiker oder Humanist?, befragte man sich. Wie herrlich, dass es Gutachter gibt, die einem auf die Sprünge helfen, die jeden Zweifel von damals beseitigen, die den Rassisten als Rassisten entblößen. Der Verstand alleine, der mit humanistischen Idealen geschliffen wurde, reicht in diesen Zeiten, in Zeiten hemmungsloser Wildheit und in Zeiten der Massenmobilisierung der Stammtische nicht mehr aus. Wer sich alleine auf seinen Verstand verlässt, auf den Edelmut seines Denkens, auf Ideale wie Gleichheit oder Freiheit, der zerreißt sich an den scharfkantigen Bruchstellen dieser Gegenwart, der zerschellt an den Mauern der Dummheit, ertrinkt in den Fluten gewaltgierigen Geifers, zerbricht in den Abgründen massentauglicher Verruchtheit.

Welches Glück, dass es Gutachter gibt, die denen den Boden unter den Füßen befestigen, die zwischen Ideal und Wirklichkeit schwankten, die sich selbst als krankhaft idealistisch, als psychisch labil entlarvt meinten. Welches Glück, dass es Gutachter gibt, die den Parteikollegen des Sarrazin nun attestieren, dass sie fahrlässig geschwiegen haben, dass sie einen Rassisten in ihren Reihen duldeten und gelegentlich beglückwünschten für seinen Heldenmut - ihr menschlicher Verstand hat sie damals im Stich gelassen, war blind und taub. Oh, menschlicher Verstand, wo bist du nur ohne Gutachter? Doch warum sich grämen? Für was gibt es denn Gutachter, die sehend und hörend machen? Und welches Glück, dass die Sozialdemokraten einen Gutachter gewählt haben, der nicht in Seeheim kreist.

30 Kommentare:

klaus baum 12. Januar 2010 um 18:38  

Du hast völlig recht, ohne Gutachter wüssten wir nicht, wie wir Sarrazin beurteilen dürfen. Nennt man das nicht eine Posse?

Mescalero 12. Januar 2010 um 18:47  

Wie immer Toll!!
Aber wie viele Sarrazin verbreiten noch unentdeckt von diesen "Sachverständigen" ihre verbale
Gülle über uns, und werden weiterhin
von Politik, Medien und angehörigen dieses merkwürdigen Volkes hochgejubelt? Und auch Sarrazin wird- nachdem er kurz in der Ecke stehen und sich schämen muß- weitermachen.
Solange in diesem Land nur gegenangeschrieben wird, wird sich nichts ändern. Leider!!!

River Tam 12. Januar 2010 um 19:03  

@Roberto:
Tröste Dich! Schon Kurt Tucholski hat gesagt, dass nichts so schwer sei, wie sich im Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut "Nein!" zu sagen.
Du bist also in bester Gesellschaft!

epikur 12. Januar 2010 um 19:15  

Hey, genau darüber wollte ich auch was schreiben, aber jetzt hast Du es ja schon gemacht ;-)

Echt lächerlich, dass wir dafür ein Gutachten benötigen. Während Clement rausgeworfen wurde, weil er direkt gegen die Partei agierte, darf Sarrazin seinen braunen Dreck in die Partei tragen. Ein Armutszeugnis für die SPD.

Anonym 12. Januar 2010 um 20:17  

Ich habe kein Problem damit, zwischen Verstand und Wertung zu trennen.

Beides fällt auseinander, auch wenn es Leute wie Habermas und K. O. Apel gab und gibt, die uns transzendentalpilosophisch Werte als intersubjektiv gültig erklären wollten. Ich fragte dann immer wo die objektive Gültigkeit der Werte bleibt, wenn sich Zwickel mit Olaf Henkel unterhält.

Gemessen an allgemeinen Definitionen von Rassismus bekommt allerdings die Beurteilung Sarrazins eine objektive Basis, jedenfalls bis zum Gegengutachten.

Es bleibt dabei: Meine Wertung zu Sarrazin ist, er hat Menschen überwiegend beleidigt und er hat gleichzeitig einige Wahrheiten ausgesprochen.

Insbesondere seine letzte Stellungnahme zum Kopftuch war für mich verstandesmäßig gesehen völlig in Ordnung. Meine Werte lassen mich diesen Mann allerdings i. a. und damit auch grundsätzlich nicht mögen. Aber Werte sind nicht interubjektiv kommunizierbar, nicht faktisch begründbar. Ein Verstoß gegen Werte zieht nicht unbedingt eine Sanktion nach sich. Im Gegenteil unsere politische Klasse zieht hohe materielle Belohnung daraus. Man kann für Werte nur werben.

Bitte weiter werben! Ich werbe auch!

Anonym 12. Januar 2010 um 21:36  

unbequemer:

Hallo Roberto, ich bin in diesem Land geboren, aber auch ich fühle mich schon lange nicht mehr moralisch diesem Land zugehörig.

Wenn ich an Henry David Thoreau denke, dann geht mir so durch den Kopf, eigentlich müsste ich ins Gefängnis gehen, freiwillig, denn nur dann distanziere ich mich von den Taten meines Heimatlandes.

Scham, mehr kann ich oft nicht empfinden.

Auch die Gnade der späten Geburt, auf die ich mich berufen kann, hilft mir da nicht, wenn JETZT im Namen des Volkes Unrecht begangen wird.

Welche Hoffnung ich doch hatte, als Ende der 60er Jahre der Muff aus den Talaren geblasen wurde.

So ein Wind wäre wieder einmal notwendig. Oder ist der Sturm, den wir erleben, die Antwort auf den damals "gesäten" Wind.

Ich fürchte JA.

klaus baum 12. Januar 2010 um 21:38  

@anonym: was man eben bei habermas und apel nicht erfährt, ist die tatsache, dass die realität nicht von der intersubjektivität transzendentalphilosophischer werte bestimmt wird, sondern von der macht, zumeist von der macht des geldes, die sprache als rechtfertigung ihrer position benutzt, also das mitunter rücksichtslose wahrnehmen von vorteilen mit pseudovernünftigen argumenten rationalisiert. die realität wird bestimmt von der verteidigung des unrechts durch die mächtigen.

River Tam 12. Januar 2010 um 22:20  

@klaus baum:
Deinen Kommentar ergänzt das russische Sprichwort das mir meine Russischlehrerin 1987 mit auf den Weg gegeben hat:
Habe eigene Gedanken, sonst redet man dir welche ein!
Ein Sprichwort, das ich zu einem persönlichen Lebensgrundsatz erhoben habe. Ich bin dieser Frau heute noch dafür dankbar!

klaus baum 12. Januar 2010 um 23:03  

ein sehr zutreffendes sprichwort.

Anonym 13. Januar 2010 um 02:05  

@Klaus Baum:

Ja ich seh das ganz pragmatisch (und nicht transzendentalpragmatisch) "eher" genauso. Aber würde nicht Habermas auf die "asymmetrische Sprechsituation" hinweisen, die die Störung des herrschaftsfreien Diskurses bewirkt? (Ich hab mich 30 Jahre nicht mehr damit befaßt, deshalb dies nur als "Gag" am Rande)

Das "eher" bezieht sich darauf, das ich immer meine, das der Staat oft vielleicht gar keine Manipulation nötig hat, um Unrecht zu verteidigen.

Denn oft ist es ja gar nicht einmal pseudovernünftig was der Staat von sich gibt, sondern einfach falsch bzw. gelogen und das akzeptiert ein Großteil bzw. der größte Teil auch. (die Medien sowieso)

Wenn der Bürger beliebig manipulierbar wäre, wäre er nämlich konsequenterweise auch "zum Guten" manipulierbar. Dagegen spricht aber meine persönliche Erfahrung und mein Gefühl.

River Tam 13. Januar 2010 um 08:51  

@Anonym 13.01. 2 Uhr irgendwas

„Wenn der Bürger beliebig manipulierbar wäre, wäre er nämlich konsequenterweise auch "zum Guten" manipulierbar. Dagegen spricht aber meine persönliche Erfahrung und mein Gefühl.“

Wofür wir unendlich dankbar sein sollten! Schließlich ist auch der Begriff „gut“ mit Inhalt zu füllen und dieser ist abhängig vom Kontext, in dem das den Inhalt beschreibende Wort gebraucht wird. Eine Erkenntnis, die übrigens keineswegs neu ist – schon Chuang Zu hat (vor schätzungsweise 2000 Jahren) darauf hingewiesen, dass jemand der unter Räubern und Wegelagerern aufgewachsen ist, stehlen und rauben als legitim und daher „gut“ ansehen wird.

maguscarolus 13. Januar 2010 um 10:34  

@epikur

Echt lächerlich, dass wir dafür ein Gutachten benötigen. Während Clement rausgeworfen wurde, weil er direkt gegen die Partei agierte, darf Sarrazin seinen braunen Dreck in die Partei tragen. Ein Armutszeugnis für die SPD.

Der Besagte hat ja nicht gegen die SPD geworben wie Clement. Und überhaupt braucht die SPD solche Wadenbeißer wie "Sarrazyn", um mit der CDU koalitionsfähig zu bleiben.

Jutta Rydzewski 13. Januar 2010 um 11:47  

Bei allem "Frohlocken" über diesen Gutachter, so ist es eigentlich schon traurig, dass es überhaupt eines Gutachters bedurfte. Es gibt doch gar keinen Zweifel daran, dass Sarrazins Äußerungen eindeutig rassistischer Natur sind. Warum das Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingestellt wurde, ist mir immer noch unklar. Vielleicht hat es etwas mit dem zu tun, was der Gutachter in Sachen Sarrazin, der Politologe Gideon Botsch, im Rahmen seiner gutachterlichen Tätigkeit angemerkt hat:

"Ich behandle nicht die Frage, ob Sarrazin ein Rassist ist oder nicht. Meine Fragestellung war, ob sich Herr Sarrazin in dem fraglichen Interview rassistisch äußert - und da komme ich zu einem eindeutigen Ergebnis: Ja."

Aha, so ist das also, Herr Gutachter, eine überaus interessante, um nicht zu sagen vorsichtig-zurückhaltende Wertung, wonach öffentliche rassistische Bemerkungen zwar rassistisch sind, aber der "Bemerker" kein Rassist ist bzw. sein muss. Tja, frau lernt immer noch dazu.;-)

mfg
Jutta Rydzewski

PS: Übrigens, lieber Herr De Lapuente, meine grundsätzlichen Vorbehalte gegen das ritualisierte Gutachter- Experten(UN)wesen bleiben dennoch bestehen.;-)

landbewohner 13. Januar 2010 um 13:28  

stimmt jutta.
leider kann man aber einen sarazzin nicht wegen volksverhetzung verklagen, denn dann wäre ein präzedensfall geschaffen, und unsere eliten von schwarz bis rosa samt zugehörigen schreiberlingen und gutachtern würden massenhaft vorm kadi landen.
zu epikur: clement hat nicht nur gegen die spd gehetzt!!!!!!!!

Anonym 13. Januar 2010 um 17:56  

@Roberto
"leider kann man aber einen sarazzin nicht wegen volksverhetzung verklagen"

Soweit mir bekannt, ist richterlicherseits festgestellt worden, das die Äußerungen Sarrazins zu "Migranten" nicht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Das würde aber heißen, das Sarrazin angezeigt, aber "freigesprochen" wurde (ich weiß nicht was formal genau ablief). Das kann ich nicht ohne weiteres bewerten, ich bin nicht juristisch ausgebildet. So weiß ich z. B. auch nicht, ob Rassismus ein juristischer Straftatbestad ist.(wahrscbeinlich nicht?)

Richter aber haben geltendes Recht zu akzeptieren, auch wenn es "Unrecht" ist. Deshalb meint auch ein bekannter Justiz-Thriller Autor, das die meisten seiner ehemaligen Justizkollegen den Beruf gerne aufgeben würden.

Ich persönlich war mal der Meinung, das Frau Clement sich der Volksverhetzung schuldig gemacht hatte, als sie meinte "In Deutschland könne jeder Arbeit haben, der Arbeit haben will"

Das ist m. E Volksverhetzung, denn es ist eine Lüge und macht eine Gruppe von Menschen gegenüber der Restbevölkerung verächtlich. Leider wurde die Dame nicht angezeigt.

Andererseits muß man sich fragen, ob der Volksverhetzungsparagraph sinnvoll ist? Er ist ja nicht in allen "freien" Ländern, sondern in Deutschland speziell wegen der "Auschwitzlüge" vorhanden. Aber auch prominente Juden setzen sich für die Abschaffung der Bestrafung der Auschwitzlüge ein, weil sie meinen, das diese "Idioten" sich selbst disqualifizieren. Diese Ansicht ist zumindest überdenkenswert.

Michel 13. Januar 2010 um 20:03  

Ganz so lächerlich finde ich es nicht, erstmal einen Gutachter zu benötigen, um festzustellen, ob Sarrazin nun rassistische Äußerungen von sich gegeben hat oder nicht.

Sprachniveau sinkt, siehe:
- Bildungsstudien
- Medien, insbesondere Fernseh-Sitcoms

Zudem schießt Sarrazin, ganz vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt an der Wahrheit vorbei, zumindest nicht an der von vielen empfundenen Wahrheit, genauer gesagt verdreht und verzwirnt Sarrazin geschickt einige ganz wenige Tatsachen, verallgemeinert sie und schafft neue Bezüge.

Natürlich kann man sich von 4,30€ ernähren und je nach medizinischen Kriterien (3.-Welt-Standards u.ä.) und Einkaufs-, Koch- und Bevorratungsmöglichkeiten (Gefrierschrank?), kann man sich von 4,30€ auch gesund ernähren. Das können aber eben nicht alle und vor allem nur ganz wenige und diese auch nur unter unrealistisch günstigen Voraussetzungen (wie große Kühl- und Gefrierschränke, Ausbildung als Koch, billigste Einkaufsmöglichkeiten qualitativ guter Lebensmittel, gut ausgestattete Küche=Micro, Gefrier, Kühl, Back, Herd, Arbeitsflächen...).
Das ist natürlich unrealistisch.

Sarrazin täuscht dann aber mit seinen Kampagnen vor, dass diese unrealistisch guten Bedingungen auch auf jeden Hartzi zuträfen.

Noch gibt sich unsere Elite wenigstens den Anschein von Mühe, ihre Schmarotzer-Faulpelze-Eigenverantwortung-Selber-Schuld-Kampagnen irgendwie zu begründen.

In England läufts übrigens auch (noch) so: David Cameron stellte allen ernstes fest, dass gute elterliche Erziehung der wichtigste Faktor beim Lebenserfolg von Menschen sei. Dass Bildung, Bücher, Spielzeug Geld kosten, dass Geldsorgen Eltern ihr Mitgefühl, ihre Zeit und damit elterliche Erziehung beeinträchtigen kann und dass auch Schulen, Sportvereine und Kinder- und Jugendkulturangebote einen Einfluss auf das Aufwachsen von Kindern haben, darauf kam er nicht zu sprechen.

Es ist schon fast peinlich, wenn der klarste Kommentar der wenigen Kommentare ausgerechnet im Boulevardblatt mirror zu finden ist.
(Der Guardian hatte auch etwas)

http://www.mirror.co.uk/news/top-stories/2010/01/12/david-cameron-tells-struggling-parents-that-money-doesn-t-help-bring-up-kids-115875-21960363/


Und das Video dazu:
David Cameron on 'good' parenting

http://www.youtube.com/watch?v=zHqIWRj2J7M&feature=player_embedded

Guckt euch mal an, wie geschickt Cameron gewisse notwendige finanzielle Voraussetzungen für gute elterliche Erziehung komplett ausblendet, indem er sagt, dass Studien gezeigt hätten, dass der wichtigste Faktor die Qualität der elterlichen Erziehung sei.
Kein Wort davon, ob oder wie die Studien (von Demos) auf die finanziellen Voraussetzungen überhaupt eingegangen sind oder grundsätzlich in der Versuchsgruppe nur nicht-arbeitslose Nicht-Niedriglöhner zugelassen haben.

So wird Meinunge manipuliert.

(England ist übrigens auch das Land, das Videoüberwachung in den Wohnungen von unfähigen Eltern installiert.)

Anonym 13. Januar 2010 um 22:55  

Für mich entscheidend ist eigentlich nur die Frage was will Sarrazin mit seinen Äußerungen?
Ob er Meinung macht? Meine jedenfalls nicht!

Bei Hartz IV will er (vermutlich) sagen, die bekommen genug, bzw, zuviel. Ich denke das ist eine Verhöhnung dieser Menschen und ist rücksichtlos gegen deren psychosoziale Situation.

Außerdem wird Hartz IV damit völlig inadäquat dargestellt. Denn das spezielle an Hartz IV ist ja, das die Menschen völlig einer Behörde ausgeliefert sind, das sie beschnüffelt werden, das sie lediglich eine Grund"leistung" bekommen und alles andere "erbetteln" müssen, sich völlig sozial entblößen müssen, durch Sanktionsdrohungen ständig unter Druck stehen, ihre Rechte meist erst einklagen müssen usw. und das alles unter dem Druck des Existenzminimums.

Und bei all diesem für mich eigentlich nicht vorstellbarem Druck sollen sie die Nerven haben, sich von 4,30 Euro gesund zu ernähren.

Hinsichtlich Hartz IV zeigt Sarrazin seine dem "Geist des Systems" gemäße Fratze, wobei mir nicht klar ist, ob ihm sein Verhalten bewußt ist. Meine Meinung beeinflußt er nicht.
Machen er und die Medien bewußt falsche Meinung? Dann müßten die ja wissen das sie lügen. Kann das sein? Das die Medien falsch liegen ist klar, aber warum?

Lutz Hausstein 14. Januar 2010 um 09:04  

Ich habe so ein gewisses Problem damit, wenn von Einigen die Machenschaften der Sarrazin und Co. jetzt ein wenig relativiert werden.

Nein, er sagt eben nicht die Wahrheit, wenn er behauptet, dass man sich von 4,30 Euro gesund und ausgewogen ernähren kann. Dies wurde auch schon in mehreren Selbstversuchen dokumentiert. Ich habe einen davon, einen sehr ausführlichen, schon vor ein paar Jahren gelesen. Er war bezeichnend.

Man kann sich von 4,30 Euro ernähren - ja. Punkt. Ohne weitere Hinzufügungen. Doch weder gesund noch ausgewogen oder gar längerfristig. Man kann auch mit dem Auskochen von Kartoffelschalen überleben, wie die ältere Generation noch von nach dem Krieg weiß. Der Gesundheit zuträglich ist dies nicht und Menschenwürde hat damit schon mal gar nichts zu tun.

So man Sarrazin zumindest das reine "Ernähren" zubilligen möchte, so bleibt er dennoch ein Demagoge übelster Prägung. Denn er vermittelt in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass seine Eingangsbehauptung des "ausgewogen", "gesund" und "abwechlungsreich" stimme.

Und wenn er dann aus dieser demagogischen "Beweis"führung seine persönlichen Schlüsse zieht, sowohl national-rassistische als auch sozial-rassistische, ist er ein Rassist. http://ad-sinistram.blogspot.com/2009/10/vorboten-eines-neuen-dreiigsten-januars.html

Für diesen einfachen Schluss benötige ich keinen Gutachter und keine wissenschaftliche Untersuchung. Wenn einfachste menschliche Logik heute außer Kraft gesetzt werden soll, weil nur anerkannte "Experten" etwas nachweisen "dürfen", weil nur ihre Feststellungen anerkannt werden, ist dies abstrus. So werde ich mir bald wissenschaftlichen Rat einholen müssen, nur wenn ich auf die Uhr schaue, um zu wissen, wie spät es ist.

klaus baum 14. Januar 2010 um 14:58  

aufgrund einer neugier, was denn so alles im internet zu und von sloterdijk zu finden ist, bin ich auf folgende äußerung des hochdekorierten mannes gestossen. es handelt sich um eine verteidigung sarrazins:
"Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen. Sobald einmal ein scharfes Wort aus einem anderen Narrenkäfig laut wird, bricht auf der Stelle eine abgekartete Gruppendynamik los. Dabei geht es zu, als gelte es, einen Wettbewerb in Empörungsdarstellung zu gewinnen: Wer schafft es, seine Konkurrenten an Würdelosigkeit beim Eifern und Geifern zu übertreffen? Einigermaßen fassungslos sieht man mit an, wie dann die Mechanismen der Trivialmoral in endlosen Schleifen abgespult werden – bis hinauf in die Spitzen der „Gesellschaft“. In der Berliner SPD heulen die Wölfe sogar von Parteiausschluss. Auf Wahrheit soll künftig die Höchststrafe stehen: Existenzvernichtung. "

um gegen den staatsphilosophen anzukommen, bedarf es dann doch eines gutachtens. :--))

Jutta Rydzewski 14. Januar 2010 um 15:58  

@Anonym 13. Januar 2010 22:55

Wenn Ihre Fragen

"Machen er und die Medien bewußt falsche Meinung? Dann müßten die ja wissen das sie lügen. Kann das sein? Das die Medien falsch liegen ist klar, aber warum?"

nicht nur rhetorischer Natur sind, überrascht mich etwas Ihre Naivität. Doch vielleicht sind Sie noch nicht lange genug hier im Blog, und müssen sich noch etwas umschauen bzw. umlesen. Wenn Ihre Fragen dann immer noch nicht beantwortet sein sollten, empfehle ich Ihnen das Buch "Meinungsmache" von Albrecht Müller.

mfg
Jutta Rydzewski

Michel 14. Januar 2010 um 17:03  

@ Lutz hausstein

Ich will Sarrazins Äußerungen keineswegs relativieren, sondern eher aufzeigen, wie sich Rassismus und Sozialdarwinismus schleichend, verkleidet und durch die Hintertür wieder einbürgern und als gesellschaftlich akzeptabel dargestellt werden sollen.

Natürlich sind 4,30€ pro Tag zu wenig, aber das man eine solche Summe an Ernährungskriterien prüfen muss und dass eben genau diese Kriterien auch in der öffentlichen Darstellung manipuliert werden können, so dass eine (Schein-)wissenschaftliche Studie am Ende zur Begründung von HartzIV herangezogen werden kann, dass müssen Menschen erstmal verstehen.

Auch mein Beispiel zu David Camerons "gute elterliche Erziehung", der ja immerhin behauptet hat, der einzig entscheidende Faktor für die Erziehung der Kinder zu berufs- und lebenstüchtigen Menschen sei die elterliche Erziehung, setzt genau da an. Cameron hat die finanzielle, soziale, kulturelle Situation von Familien damit erfolgreich ausgeblendet und kann dann zu Steuersenkungen voranschreiten, denn die von ihm angeführten Studien haben ja bewiesen, dass es nichts bringt, wenn der Staat Geld für soziale und kulturelle Zwecke für Familien ausgibt.
Cameron hat schlicht unterschlagen, dass die Qualität der elterlichen Erziehung sehr wohl von der finanziellen Situatio abhängt. Wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, der ist halt angespannter, da ist nicht mal eben ein Eis mit dem Nachwuchs drin usw. Und letzten Endes leidet darunter die Qualität der elterlichen Erziehung.

Ähnlich trift so eine Argumentation auch auf Sarrazin zu, wenn der von viele "kleine Kopftuchmädchen produzierenden Muslimen" redet.
Kopftuch alleine ist wohl kaum ein ausreichendes Zeichen für islamistische Radikalität.

Ein paar Sprachverschiebungen hier, ein paar Euphemismen da, ein paar Vereinfachungen und Verkürzungen hier, dann noch ein paar Umbenennungen und der dezente Gebrauch von momentan durch die Presse gejagten Stereotypen und schon kann ein Sarrazin seine Rassismen raushauen, ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Anonym 14. Januar 2010 um 17:52  

Es wird mir das Buch Meinungsmache empfohlen. Das aber ist die Krux. Was heißt Meinungsmache?

Ich frage mich seit langem:

Machen die Meinungsmacher

bewußt

Meinungsmache? Ich vermute, das dies unterstellt wird. Ich hingegen frage mich, warum die "neoliberale Ideologie" so erfolgreich ist, das sie kritiklos von sämtlichen Medien nachgeplappert wird.

Ist der Mensch i.a. neoliberal vorprogrammiert? Mich kann die neoliberale Ideologie nicht erreichen, da sie weitgehend auf Lügen basiert. Wie aber ist es möglich, das die Medien die neoliberalen Lügen akzeptieren.

Ist denen die Akzeptanz dieser Lügen bewußt? Oder sind sie so "vorprogrammiert", daß diese Lügen unbewußt "erfunden" werden und unbewußt akzeptiert werden?

Wenn das unbewußt abläuft findet eigentlich keine Meinungsmache statt!

In diesem Sinne würde ich eben die These der Meinungsmache von Albrecht Müller in Frage stellen!

Die meisten Lügen des Neoliberalismus sind doch so evident, daß eine bewußte Akzeptanz unmöglich erscheint.

Meinungs"mache" aber muß m. E. bewußt ablaufen! Das stelle ich in Frage!

Wem das hier zu verschroben erscheint kann es ja ignorieren, ansonsten suche ich einfach nach einer Antwort darauf, warum das Lügen-System existiert und so erfolgreich ist.

Albrecht Müller unterstellt m. E. Rationalität der Akteure.

Ich nicht!

Z. B. fragte er vor der Wahl, warum die SPD sich instrumentalisieren läßt, bzw. für fremde Interessen arbeitet?

Was wenn es der SPD überhaupt nicht bewußt ist, das sie sich instrumentalisieren ließ? Die SPD hat doch in den letzen 7 Jahren politischen Selbstmord begangen. Macht man so etwas bewußt?

Lutz Hausstein 14. Januar 2010 um 18:50  

@ Michel:

Zustimmung. Und Personen wie Sarrazin und Co. bereiten mit dem von ihnen Gesagten den Weg vor, wie in der Gesellschaft solch ein alltäglicher Rassismus wieder als gesellschaftsfähig akzeptiert wird. Und wenn dann noch solche wortgewaltigen Pseudo-Philosophen wie Sloterdijk auf diesen Zug aufspringen, wird es doppelt schwer. Denn mit Philosophie verbindet die Allgemeinheit eher geistige Größe und ein ausgeglichenes Eintreten für alle Mitglieder der Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung humanistischer Werte und nicht solch einen rassistischen Quark.

Anonym 14. Januar 2010 um 19:08  

"Kopftuch alleine ist wohl kaum ein ausreichendes Zeichen für islamistische Radikalität."

Soweit ich nachgelesen habe, ist das Kopftuch als religiös verpflichtendes Symbol nicht aus dem Koran herleitbar.

Und zum Kopftuch hat Sarrazin auch folgende unbedenkliche, bedenkenswerte Äußerung gemacht:

Das Kopftuch sei in unserer politischen Kultur inakzeptabel, weil es ein politisches Symbol sei und "für den Machtanspruch des Mannes über die Frau" (so ähnlich) stehe.

Die Gleichberechtigung mag nicht voll verwirklicht sein, aber unser System will offiziell keinen Machtanspruch des Mannes über die Frau mehr. Wenn ich lese was nach dem Krieg auch bei uns hinsichtlich der besonderen Natur der Frau so im Umlauf war, muß ich immer schmunzeln.
Es ist also überdenkenswert, das der Muslim sich in dieser Hinsicht unseren Werten anzupassen hat, wenn er denn hier leben will. Man kann ihm hier nicht alles durchgehen lassen!

Nicht alles was von einem Muslim in unserer Kultur gefordert wird ist eine unzumutbare Demütigung, auch wenn der das so versteht. Das ist dann des Problem des Muslim. Der Muslim muß sich hier sich öffnen.

Dr. Hergenstab 14. Januar 2010 um 19:13  

Der Muslim. Der Russe. Der Iwan. Der Ami. Der Türke. Der Jude.

Der Depp.

Lutz Hausstein 14. Januar 2010 um 19:24  

@ Anonym 14.01. 17:52:

Interessante Gedanken! Das lässt sich sicherlich nicht endgültig erschöpfend und erst recht nicht in 4 Sätzen erklären und nachweisen.

Meinungsmache erfolgt prinzipiell durch Jeden, der in der Öffentlichkeit irgendeine Meinung vertritt. Diese Meinungen benötigen jedoch Multiplikatoren, um auch wahrgenommen zu werden. Solche Mutiplikatoren sind in allererster Linie Medien. Deshalb sind diese ja auch als vierte Gewalt im Staat, der eine kontrollierende Aufgabe gegenüber den drei ersten Gewalten zukommen soll (und muss), benannt worden.

Warum sie dieser Aufgabe immer weniger nachkommen, ist schwierig zu beantworten. Einerseits dürften finanzielle Erwägungen der Medieneigner dahinterstehen, welche auch nicht unmaßgeblich von der Wirtschaft sind. Werbeanzeigen von Unternehmen sind ein eminent wichtiger Finanzierungsteil von Medien. Darüber sind Medien durch die Wirtschaft erpressbar.

Doch auch der einzelne Journalist ist korrumpierbar. Durch finanzielle Vergünstigungen durch die Wirtschaft wird er beeinflusst. Andernorts ist es der Druck durch seinen direkten Arbeitsgeber, das jeweilige Medium, bei nicht wohlgefälliger Darstellung seinen Arbeitsplatz zu verlieren.

PR-Agenturen beeinflussen heute immer stärker die öffentliche Meinung. Öffentlich (z.B. Kampagnen) oder inoffiziell (scheinbar unabhängige journalistische Berichterstattung, Einfluss über Lobbyistenverbände usw.) tun das Übrige.

Es existieren auch unzählig viele verdeckte PR-Kampagnen im Internet. Bekannt geworden ist z.B. die verdeckte Arbeit durch berlinpolis in verschiedenen Internetforen, um z.B. die Privatisierung der Bahn voranzutreiben und dafür die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Besonders verwerflich war dabei, dass scheinbare Privatpersonen in massiver Anzahl ihre diesbezüglichen "Meinungen" dort äußerten. Dies waren doch bezahlte Auftragsschreiber.

Die Möglichkeiten der Meinungsbeeinflussung sind extrem vielfältig und sie werden immer weiter verfeinert. Umso wichtiger ist es, diese aufzudecken und bekannt zu machen, um den Grundgedanken einer Demokratie unverfälscht zu erhalten.

klaus baum 14. Januar 2010 um 20:46  

ich kann es leider nicht bzw. nicht mehr vermitteln, welche analogie mir zu sloterdijks verteidigung von sarrazin einfällt. es gibt in kassel eine kostenlose werbezeitung namens extra-tip. laut pressegesetz dürfen solche zeitungen keine kommentare verbreiten. beim extra-tip gab es einen chefredakteur namens klaus becker, der in kassel ob seiner hetzerischen kommentare berüchtigt war. es handelte sich um übles niveau, so dass es sogar eine initiave von uni-leuten gab mit dem titel "kein kommentar".

was sloterdijk da im cicero zu sarrazin von sich gegegeben hat, ist eines philosophen unwürdig. es ist undifferenzierte hetze.

Anonym 15. Januar 2010 um 07:00  

@Lutz Hausstein

Die Problematik der Meinungsmache beinhaltet sowohl bewußte, aber auch unbewußte Prozesse.

Seit ich mal ein Referat über Gordon W. Allports "Natur des Vorurteils" machte, haben mich solche Überlegungen nie mehr losgelassen.

Für mich rückte immer der unbewußte Prozeß in den Vordergund, weil manche Meinungen so eklatant falsch sind, daß sie nicht einem bewußten Prozeß von Überlegungen entstammen
können. Diese Meinungen beruhen m. E. auf Vorurteilen und entziehen sich damit der bewußten Kontrolle sowohl derjenigen, die sie verbreiten, als auch derjenigen, die sie übernehmen, bzw. auf deren fruchtbar bereiteten Boden sie fallen. Im Letztern Fall muß Meinung eigentlich nicht mehr gemacht werden. "Macher" und Mitläufer unterliegen derselben Vorurteilsstruktur.

Ich will für unsere aktuelle Gesellschaft 2 Beispiele nennen.

Eine "Meinung" liegt Hartz IV zugrunde. Es ist das "Vorurteil", daß der Sozialstaat die Menschen davon abhält, eine Arbeit aufzunehmen. (In Wahrheit sind es nicht vorhandene Arbeitsplätze)

Diese Ansicht ist offensichtlich eine Lüge. Fast jeder Mensch kann dies an sich selbst erkennen. Denn jeder der gefragt wird, hat Angst davor arbeitslos zu werden, weil das seine Existenz gefährdet (und nicht nur das). Das kann man auch jeden Tag in der Tagesschau sehen. Wenn Entlassungen anstehen sind die Leute verzweifelt. Wie kann da die Meinung aufkommen, daß sie jetzt froh sind, in die Hängematte zu gehen und Druck benötigen?

Das ist doch abartig!

Das kann man doch nicht mehr rational erklären! Die Sozialstaatslüge muß m. E. nicht
wirklich "gemacht" werden, sie fällt auf allzu fruchtbaren Boden, was nicht heißt, das sie teilweise wiederum auch bewußt verbreitet wird (werden muß?).

Damit zur folgenden Meinung, einer
Auffrischung (vielleicht bröckelt das "Vorurteil"?) der "Sozialtaatslüge", die der letzte Hit ist und die nun wiederum so
"raffiniert" ist, das man einen voll bewußten Prozeß unterstellen muß. Ich meine Werner Sinn hat die "Theorie" entworfen und Sloterdijk
stimmt sicher zu), daß "der Langzeitarbeitslose sich über den Sozialstaat aktiv ausgliedert".

Ich will ein Fazit versuchen

a) Es gibt die Meinungsmache-Strukturen wie Lutz Haussstein sie beschreibt,

b) Manchmal ist echte "Mache" aber gar nicht nötig, da der zu Manipulierende bereits vormanipuliert "vorurteilsmanipuliert" ist.

c) Wahrscheinlich wird raffinierte
Meinungsmache aber auch erfunden. Denn auf die Sinnschen und Sloterdijkschen Ideen wäre ich
selbst nicht gekommen. Während die primitive Sozialstaatslüge und die gängigen Vorurteile gegen Arbeitslose schon immer existieren.

Lutz Hausstein 15. Januar 2010 um 11:28  

Ich denke, es ist aber auch in diesem Zusammenhang die Verantwortung, welche Medien wie auch Personen, denen öffentliche Aufmerksamkeit aufgrund ihres Amtes, Status, Bekanntheitsgrades oder ähnlichem zukommt, nicht zu vergessen. Denn diese werden in der Öffentlichkeit besonders intensiv wahrgenommen. Selbst wenn ein A-Promi die Bemerkung fallen lässt, dass er schlecht geschlafen hat, ist dies manchen Medien eine halbe Seite wert. Also kommt ihnen eine besondere Verantwortung zu, wenn sie sich öffentlich zu bestimmten Dingen äußern. Dies bedeutet, die Meinung sollte möglichst objektiv und wahrheitsgemäß sein.

Bei "normalen" Menschen, die öffentlich nicht so exklusiv wahrgenommen werden, kann ich diese harten Kriterien nicht so streng anwenden. Auch, wenn ich sie mir selbst auch auferlege.

Wenn aber unabhängig sein sollende Institute, Vereine oder "Experten" falsche Expertisen herausgeben, so muss ich von einer bewussten "Meinungsmache" ausgehen. Sie haben keinen verantwortungsvollen Umgang mit der Wahrheit gepflegt. Ich muss, inzwischen aus vielfältigen Erfahrungen, davon ausgehen, dass hinter diesen unwahren "Feststellungen" eigene persönliche (bzw. institutionelle) Vorteile verborgen sind. Häufig in materieller Form.

So kann es kommen, dass der entsprechende Meinungsmultiplikator zwar selbst keinen direkten Nutzen von der Meinungsbeeinflussung hat, über die Vergünstigungen des profitierenden Auftragsgebers aber indirekt schon.

flavo 15. Januar 2010 um 12:01  

Wir brauchen für alles eine Studie. Ohne Studien mit wissenschaftlichem Anstrich, d.h. in denen das irgendwo steht, eine Methode irgendwie zum Vollzug kommt und Ergebnisse urgiert werden, irrt die Menschheit heute umher. Das zeigt nur, weil Habermas erwähnt wurde, dass die lebenweltliche Rationalität ihre Kraft verliert und ihre Handlungslogik vom System weitgehend kolonisiert ist. Heute müßte man fragen, ob die Aufklärung, die Forderung nach dem Mut, selbstständig zu denken, zur Verkümmerung des selbstständigen Denkens geführt hat. In der Perspektivenirre gibt man sein ganzes Dasein jenen Sinnfasern hin, an denen eine wissenschaftliche Studie klebt.
Das fügt sich wunderbar mit wissenschaftlicher Forschung, deren Reflexivitätskurve flach bleibt und im Schwung üblicherweise unreflektierter Alltagsweltanschauung mitproduziert wird. Wissenschaft ist eine Ersatzbefriedigung geworden. Man braucht nicht mehr selbst zu denken, man braucht sich auch nicht selbst zu befriedigen, man kann nur die wissenschaftlichen Studien vorweisen. Die endliche (nicht der Zeitleiste nach, sondern der Verstehens- und Denkkapazität nach) Authentizität, in der wir selbst zum Vorschein kommen könnten und welches Erscheinenlassen oft schwierig ist, macht einer illusionären Wissenschaftsgläubigkeit platz. Die nur wissenschaftlich erforschbare Hinterwelt, die den alltäglichen Erlebensfluß ausfließen lässt, die verborgenen Ursachen der Erlebensmomente und aller Urteile. Aha, so ist das, das hab ich nicht gewußt. X bewirkt also in mir die Vorstellung Y, das Gefühl Y1 oder die Meinung Y2. Aha, und wegen Z, ist also diese Aussage so zu beurteilen. Bis auf weiteres lebe ich Meinungsmüll, in der sinnvolle Begründung und Urteile höchstens zufällig auftauchen können. Ein Dunkel an Erlebnisfluß mit unverständlichem Sinn, aber erstaunlichen Funktionstüchtigkeit zu Zwecken des ärmlichen Überlebens. Und wiederum zu Dank sind wir verpflichtet, den Kennern größerer Funktionszusammenhänge, den Extraktoren von Erklärungen und Präskriptoren der Ordnung, die eilig mit der Aktentasche unter dem Arm ihr Geschäft vollbringen. Auf das endlich Licht in die Welt komme.
Und der Herr Sarazzin stochert in vielen solcher Herzen umher, er gabelt sie auf an der Frage, ob sie denn nützlich sind für die Gesellschaft oder so unnütz wie die faulen Türken und hebt sie in die Höhe, in der sich viele nichts mehr zu sagen getrauen und vor der Frage verharren: Leiste ich denn wenigstens genug? Ist meine Lebensleistung würdig des Lebens auf Erden? Und wäre meine Kritik nicht Ausdruck meiner Schwäche, dass ich nicht mithalten kann mit den leuchtenden Leistungsgestalten, dass ich dann erfahren müßte, dass meine Kritik eine psychologische Ursache hat, dass ich einen Leistungsinhibitor in meinem Inneren habe, von dem ich mich besser kurieren lassen sollte, als mit Faulheit die Kur abzulehnen und derart neurotische Kritikurteile zu fällen? Ich muss mich bis auf weiteres zurückhalten mit der Kritik, bevor ich nicht selbst eine Leistungsgestalt geworden bin, bevor ich nicht selbst Macht und Geld vorweisen kann. Dann, ja dann werde ich die Wahrheit über die Welt kennen und werde sie sagen.

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