Das würdevolle Leben eines Integrierten

Dienstag, 6. Oktober 2009

Im Rahmen meiner jüngst eilig hingeworfenen Sätze zu Wagner und seinem Beifall für den "wunderbaren Rüpel" Sarrazin, wurde auf das Gästebuch der ARD-Sendung "Hart aber fair" verwiesen. Sarrazins Gehetze, so hieß es, trüge bereits Früchte, wer dort querlese, bekäme ein seufzendes Abbild von den tief verankerten Ressentiments, die dieses Land vergifteten. Ich wollte nur kurz hineinlinsen, wollte meine Zeit nicht mit Bösartigkeiten aus unberufenen Fingerkuppen vertrödeln. Leider riss ich mich so schnell nicht wieder los, wie ursprünglich eigentlich eingeplant, war an der Ballung von Vorurteilen und Ausländerfeindlichkeiten gefesselt, immer versucht, endlich ein Ende zu finden. Physisch losgekommen bin ich, wie unschwer nachzuvollziehen ist, glotze nicht mehr entgeistert in den Monitor, um dieses Geseiere irgendwie in mir einzuordnen. Aber in mir arbeitet es noch, psychisch bin noch dort, auch wenn ich die Seite schon lange zugeklappt habe.

Der Blick in jenes Gästebuch warf mich zurück, gleich diesem Land, das verstärkt zurückgeworfen wird in milchig-trübe Zeiten, in denen der Deutsche noch Herrenmensch war. Er warf mich zurück in meine Kindheit; in eine Kindheit, die nicht deutsch, nicht spanisch war, die zwischen den Welten, zwischen nationalen Fronten stattfand, zwischen dem Umstand, meiner Mutter Sohn, meines Vaters hijo zu sein. Im Gästebuch schreiben nicht wenige, dass es vornehmlich Türken und Moslems seien, die sich nicht ins Deutsche integrieren wollten, dass aber Spanier und Italiener sich seinerzeit märchenhaft einreihten. Nur die Türken stellen sich stur! Diese Feststellung empfinde ich als blinde Romantik, als unbedarften Rückblick auf Übelstände, die nun zum Idealfall verklärt werden. Blicke ich zurück, unterstützt durch die unfreundliche Hilfe der betriebsamen Schreiber des genannten Gästebuches, so vermag ich es nicht, meinen Vater integriert zu beobachten.

Mein Vater war Spanier, geboren im Baskenland, war 1962 nach Deutschland gekommen. Hier blieb er bis zu seinem Tode 1999. Siebenunddreißig Jahre Deutschland, siebenunddreißig Jahre fern seiner Heimat, siebenunddreißig Jahre Fremder. Er verstand bis zum Schluss die deutsche Mentalität kaum, hat die Arschkriecherei gegenüber Vorgesetzten, Uniformierten und Anzugträgern immer belächelt. Revolution in Deutschland? Im Land der institutionalisierten Arschkriecherei? Ich könnte nicht behaupten, dass er die Deutschen sehr mochte. Aber ich verstand von klein auf, warum das so war. Ich habe miterlebt, wie er despektierlich behandelt wurde, wie man mit ihm stammeliges Deutsch sprach, obwohl er die Sprache beherrschte und alles verstand, obwohl man mit ihm bayerisch reden konnte, ohne dass er hätte ratlos ins Weite starren müssen. Er war doch eh nur ein Kanak, ein Halbwilder, der dank seines Lebens in Deutschland, etwas Kultur und Zivilisation gelernt hatte. Gell Roberto - er hieß wie ich, das heißt, ich heiße wie er -, da hast du Glück gehabt, hast dir hier was aufgebaut, hast es zu was gebracht in Deutschland! Das Gnädige, Selbstgefällige, Überhebliche solcher Sätze bohrt sich mir noch heute ins Mark. Der reiche Onkel aus Deutschland käme alljährlich nach Spanien, vermuteten Nachbarn und Bekannte. Dabei war er immer der arme Schlucker aus Deutschland, wenn er sich neben die Ehemänner seiner Schwestern stellte, die selbstständig einiges Geld machten, während er nur immer Arbeiter in diversen Maschinenbauunternehmen blieb.

Es war ständig in jedem Gespräch latent herauszuhören, dass er gefälligst froh zu sein habe, in diesem Land leben zu dürfen, dem spanischen Schweinestall entflohen zu sein. Als er mal vom Gebirge in Spanien erzählte, wurde er ausgelacht, die ganze Welt wisse doch, dass Spanien keine Berge besitzt, Spanien sei flach, er soll nicht so aufschneiden. Und es war nicht irgendwer, der ihn in die verspottete Ebene zurechtrückte, nein, es waren seine Schwiegerleute. Dem tranigen Spanier nahm man nichts ab, auch das, was er selbst, mit eigenen Augen gesehen hatte, war gelogen - Südländer lügen immer, wie man weiß. Apropos Südländer! Später wurde ich gefragt, ob mein Vater mit mir schon im Puff gewesen sei, so wie doch jeder heißblütige Südländer bei der Volljährigkeit des Sohnes einen Bordellbesuch finanziert. Ich weiß bis heute nicht, was in den Köpfen solcher Fragesteller umherirrt. Merken sie gar nicht, zu welchen Untermenschen sie ihren Mitmenschen degradieren, wenn sie ihn so dreist befragen und behandeln. Registrieren sie es denn nicht, dass es ehrabschneidend ist, dem Sohn einen Puffvater überzuordnen? Wenn dann Bekannte antanzten, meinen Vater dümmlich im Kinderdeutsch bequatschten, wusste ich ziemlich schnell, dass wir anders waren. Wir! Da war ich (noch) familiär-solidarisch, war ich der Sohn meines Vaters und wollte nicht mit denen sein, die nicht mit ihm waren. Ich sah zu oft, wie er einsam in der Masse stand, wie er in einer Gruppe stand, die ständig an ihm vorbeiredete, ihn links liegen ließ. Irgendwie war er nie Bestandteil einer trauten Runde, war bestenfalls der knuffige und spaßige Ausländer.

Natürlich schmerzte das, natürlich fing die Scham irgendwann an, als man merkte, dass der Vater kein "gestandenes deutsches Mannsbild" ist, sondern eben nur ein Spanier, ein geringfügigeres Individuum. Im Betrieb, in dem ich lernte, arbeitete auch mein Vater. Bis zuletzt, bis er nach arbeitsamen Leben, noch mitten im arbeitsamen Leben stehend, starb. Meine Kollegen spotteten hin und wieder über die Ausdrucksart meines Vaters, natürlich konnte er seinen Akzent nie ablegen. Sie fanden es mal nur witzig, mal nur seltsam, in jedem Falle gut für einige Lacher. Andere Auszubildende hatten auch Väter im Betrieb, sie wurden anfangs aus jugendlicher Schüchternheit heraus gesiezt, obwohl man unter Werktätigen natürlich duzt. Bei meinem Vater war niemand schüchtern. Wo Kollegen gestern noch Müllers oder Meiers Vater gesiezt hatten, duzten sie tagsdrauf meinen Vater, diesen Kanaken von der Drehmaschine. Sie waren jung, so jung wie ich damals. Und überhaupt waren nicht alle so - aber genug! Ich will denen nichts Böses unterstellen, aber man sah schon deutlich, wie stramm der Wind zuhause pfiff, wie sehr man ihnen lehrte, mit Ausländern nichts gemein zu haben. Ja, ich schämte mich manchmal für ihn. Und ich bin heute wütend, dass ich mich schämte, dass man mich dazu trieb, mich geschämt haben zu müssen.

Dann kam eine Zeit, mein Vater war gestorben, in der ich Orientierung, Heimat suchte, in der ich meinte, nun sei Anpassung gefordert. Oh ja, ich bekenne mich schuldig, in jungen Jahren kurzzeitig in den Parteiprogrammen der NPD, der Republikaner herumgeschnüffelt zu haben. Mensch, ich war doch Deutscher, der spanische Vater war dahin, ihn gab es nicht mehr. Lern' endlich stolz zu sein auf dieses Land, dessen Bürger du bist, dem du alles zu verdanken hast! Welch' Irrsinn! Und ja, ich habe natürlich gehetzt, gegen Moslems, weil die waren ja keine Spanier, die waren ja sooo anders. Was heißt gehetzt? Es war nie öffentlich, innerhalb eines engen Kreises. Ich wollte doch beeindrucken, endlich mal standfester Bestandteil der deutschen Familie sein, in der ich nie eine Stellung hatte. Orientierungslos, sicherlich. Unverzeihlich ist mir diese Phase meines Lebens allerdings trotzdem.

Heute hetzen andere, sie tun es ganz ungeniert in öffentlichen Gästebüchern. Mein Glück war vielleicht, dass es damals wenig Gästebücher gab, nicht jedermann Zugang zum Internet hatte. Jeder geschriebene Satz der Menschenverachtung hätte mich schuldiger gemacht. Glück gehabt! Und nun blicke ich in dieses Gästebuch und sehe die düsteren Momente meiner Kindheit an mir vorbeirauschen, als ich stumm neben meinem Vater stand, diesem ausländischen Mann, der immer fleißig war, viel zu fleißig, so dass er mit noch geringer Anzahl an Lebensjahren, kurz vor seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr, verstarb. Ich höre in meinem Kopf, wie sie Stammeldeutsch mit ihm sprechen, "du gemacht?", "du schnell machen!", "du Pause machen!", wie sie ihn vom Olymp ihres Deutschseins herabminderten. Spanier und Italiener integriert? Dass ich nicht lache! Mein Vater hat diese Menschen verachtet, sie konnten ihn, wie er es gerne sagte, am Arsch lecken. Las cabezas cuadradas, die Viereckköpfe, wie Spanier verächtlich zu Deutschen sagen, wahrscheinlich auf die Bürstenschnitte preußisch-schnittiger Militärs zurückführend, hatten seinen Respekt kaum erlangt. Er lebte hier, arbeitete hier, aber integriert war er nie. Deutscher hätte er werden können, lange genug war er in der Bundesrepublik, um Staatsbürger zu werden, jedoch er wollte nicht, zu verächtlich haben sie ihn behandelt, zu sehr hatten sie ihn spüren lassen, dass er keiner von ihnen ist. Integrierter Spanier! Das hätten die ausländerfeindlichen Romantiker, die heute den Moslem abwatschen, wohl gerne!

Würden jene hier lesen, würden sie mir vielleicht empfehlen, ich könnte ja zurückgehen, könnte in meine Heimat abdampfen. Aber wo ist mein Zuhause? Ich bin hier geboren, direkt im Herzen Ingolstadts, in der Stadt, in der ich mein ganzes Leben lang gelebt habe; in der ich lebe, aber nur schwerlich heimisch bin. Wo ist mein Zuhause? In Spanien, Baskenland, in der Stadt Vitoria-Gasteiz, der Heimat meines Vaters, die wir beinahe jährlich besuchten, bin ich es nicht. Ich liebte sie, ich verehrte diese Stadt, die heute zum Moloch umgebaut wurde. Aber mein Zuhause ist sie nicht, dazu war ich zu selten dort. Es war eine gemütliche Großstadt, die mit jeden jährlichen Besuch größer, dumpfer wurde. Wie gesagt, heute ist sie ein Moloch, eine Hochhaus-Ansammlung. Ich erkannte sie beinahe im Jahrestakt nicht mehr. Kann es Heimat sein, wenn man seine Heimat von mal zu mal weniger erkennt? Und hier in Ingolstadt? Ich bin nie wirklich angekommen, noch immer macht man mich an meinem Nachnamen fest. Huch, Sie reden ja bayerisch! Ja, tue ich, na und? Na, Ihr Nachname! Vor Jahren kaufte sich mein Bruder einen Skoda, ich sollte mitgehen zum Verkaufsgespräch. Der nette Herr erzählte uns, dass tschechische Autos Qualitätsware seien, denn spanische oder italienische Fabrikate würden aufgrund der Faulheit der dortigen Arbeiter kaum höheren Ansprüchen genügen. Da hat einen mal der Nachname nicht gestört und dann schmiert er mir sein Ressentiment ins Gesicht. Das mag übrigens weniger an seiner Arroganz als an seiner Bäuerlichkeit gelegen haben, denn ich vermute, seine ganze Weltläufigkeit blieb im Stall, über das Euter seiner Kuh Resi kam er nie hinaus.

Nein, ich weiß nicht, wo meine Heimat ist. Ich lebe hier, habe ein begrenztes Lebensumfeld, das einem Zuhause gleichkommt. Heimat würde ich es aber nie nennen. Moslem bin ich nicht, doch bin ich nicht integriert, weil meine ganze Kindheit davon geprägt war, einen Vater zu haben, der nicht so recht ins deutsche Konzept passte. Er ist nicht mehr, aber das ihm Widerfahrene gärt in mir weiter. Ich fühle mich dem Deutschen nicht entfremdet, denn ich war ihm immer schon fremd, mußte gar nicht erst weggerissen werden. Ich war schon in der Schule der "kleine, dicke Spanier", ein Dasein als "kleiner, dicker Deutscher" war für mich nicht vorgesehen. Oh, nein, ich hasse die Deutschen nicht. Aber ich gehöre einfach nicht richtig dazu. Bis heute, drei Jahrzehnte Lebens, bin ich zerrissen, nicht angekommen. Ich kam auf Erden an, um nie anzukommen. Man erzähle mir heute also nicht, es seien nur die Moslems. Denn sie tun gut daran, ihren eigenen Kopf zu bewahren, so zu leben, wie es ihnen gefällt. Ich lebe heute am Rande eines Bereiches, den Hetzer eine moslemische Parallelgesellschaft nennen würden. Sie besteht aus meist freundlichen Menschen, wir grüßen uns, wir plaudern manchmal so weit es geht miteinander, im moslemischen Kulturzentrum kaufe ich mir Döner, mein Sohn spielt mit Kindern, die in dieser Parallelgesellschaft Schulbetreuung erhalten. Und sie streiten sich, lieben und hassen sich, so wie auch ich, nicht Kind sondern Erwachsener, mit etwaigen Türken Probleme habe - wir sind Menschen unter Menschen, leben unsere Leben, trotz manchen Ärgers, in Frieden nebeneinander. Nebeneinander! Und das geht, wenn man sich nur Mühe gibt. Die Integrationisten sprechen immer vom Miteinander. Aber wieviele Ehen leben denn wirklich miteinander? Wieviele sind viel glücklicher nebeneinander? Man muß nicht aufeinander kleben, um sich nebeneinander ein respektvolles Leben zu gestalten; man muß nicht aufeinander liegen, um zu befruchten, man kann es auch nebeneinander liegend treiben.

Ich war lange ein Kind voller Verunsicherung, hatte wenig Selbstvertrauen. Das Kind eines Ausländers gewesen zu sein, hat viel dazu beigetragen. Verunsichert bin ich bis heute, wenn ich lese, was bestimmte Menschen wieder unverblümt denken und schreiben, wie sie ihre Vorurteile offen zur Schau stellen, dann weiß ich aber voller Selbstvertrauen, dass meine Verunsicherung berechtigt ist. Deutschland und die Ausländerfeindlichkeit - es ist noch nicht das letzte Kapitel geschrieben...

41 Kommentare:

Wolfgang 6. Oktober 2009 um 18:04  

Hallo Roberto!

Zwar war meine Familie zumindest in den letzten drei Generationen "deutschen Blutes", Deine Zeilen kann ich aber sehr gut nachvollziehen, weil ich eben diese Erfahrungen quasi spiegelgleich gemacht habe. Denn mein Vater war ein echter "Deutscher". Er hat seine Gesundheit gelassen für Führer und Vaterland im eisigen Russland vor Moskau und verhelte seine Weltanschauung in der Familie nicht, wenn gleich er auch "entnazifiziert" war. Was habe ich mich als Kind in den 70ern nicht geschähmt, wenn er Farbige als "Halbaffen" titulierte und über das "Kanackenpack" schimpfte, die hier zwar zum Geldverdienen herkamen aber seiner Meinung nach alle faul und dreckig waren. Eines stand für mich ungefähr seit dem sechsten Lebensjahr fest: nur niemlas so intolerant und bösartig werden wie mein Vater, der andererseits durchaus intelligent war und mir eine hervorragende Allgemeinbidung angedeihen lies.

Als ich das Gästebuch von Hart aber Fair durchstöberte überkam mich ein Frösteln. Sollte dies alles repräsentativ sein? Wo werden wir dann enden? Und wo werde ich dann Enden? In Schutzhaft einer neuen SA, die diesesmal "Gutmenschen", "Moslems" und andere zwielichtigen Gestallten vor dem "Volkszorn" "schützt"? Ich hoffe, Morgen sieht die Welt wieder freundlicher aus.

Gruß
Wolfgang.

Anonym 6. Oktober 2009 um 18:26  

Lieber Roberto,

Du bist vielleicht nicht als Deutscher integriert. Was soll es! Eins ist mir als Dauergast in Deinem Blog gewiss.

Im Humanismus und so in der Humanität bist ganz und gar integriert. Und darauf kommt esd doch an, mon cher ami spirituel!

klaus baum 6. Oktober 2009 um 18:32  

Es ist sicher kein Trost für Dich, wenn ich Dir sage, obwohl ich Deutscher bin, ist mir die Integration nur temporär gelungen. Zeitweise war ich - wenn auch auf finanziell niedrigem Niveau - privilegiert, aber als Nicht-Arschkriecher hat man mich draußen gehalten.

thom 6. Oktober 2009 um 19:04  

Mahlzeit auch,
mal so zum sinnieren, was wir jetzt zunehmend in der Öffentlichkeit sehen werden, wird eine zunehmende Ausgrenzung und Diffamierung von Gruppen jeglicher Coleur sein, je mehr der materielle Wohlstand des großen Teils der Gesellschaft schrumpft (und daran arbeiten wir ja feste) um so extremer werden die nationalen Züge wieder zum Vorschein kommen. Eine entsprechend agierende Medienlandschaft unterstützt dies ja tatkräftig. Dies ist allerdings kein deutsches Phänomen, sondern in vielen Ländern zu beobachten, in welchen das soziale Gefälle entsprechend groß ist. Wohl aber hat man in der BRD keine Demokratie erlernt, was sich hier als stark der Obrigkeit hörig zeigen wird. Hoffen wir, daß es kein 4. Reich geben wird.

Anonym 6. Oktober 2009 um 20:50  

Als meine Eltern in den Fünfziger Jahren von einem Teil Deutschlands in einen anderen übersiedelten, erging es ihnen wie vielen anderen deutschen Flüchtlingen unter diesen anderen Deutschen hier ähnlich. Manche dieser Ex-Flüchtlinge fühlen sich noch heute nicht in unserem Ort angenommen, wenn das überhaupt geht bzw. überhaupt sein muss.

Auch meinem deutschen Vater erging es seiner späteren Berufstätigkeit in einem deutschen Unternehmen ähnlich wie Ihrem Vater. Er hatte eine sichtbare Kriegsverletzung und wurde -oft "ungerechtfertigterweise"-häufig nicht für voll genommen bzw. gehänselt.
Er war ein wunderbarer Vater und wir Kinder liebten ihn heiß und innig ... bis wir in die familär abkühlende Schule kamen, die uns klüger machen wollte als unsere Eltern und dabei überaus erfolgreich war.

Die Liste ließe sich fortsetzen, in der nächsten Generation und eben auch ohne Kriegsverletzung.

Und heute gibt es noch andere Prügelknaben. Die flexible Gesellschaft eben, die sich immer nur vermeintlich Schwächere suchen kann, anstatt selber seelisch zu erstarken.

Vielleicht ist es nicht nur Ausländerfeindlichkeit, sondern ein GRUNDLEGENDER Verhaltensmechanismus, der eben nicht immer etwas mit Ausländerfeindlichkeit zu tun hat, aber eben auch mit dieser. Im Grund haben doch die MENSCHENfeindlichen doch "nur" wahnsinnige Angst vor dem Fremden, dem Ungelebten in ihnen.

Es werden immer Ventile/ Sündenböcke gesucht, anstatt an anderer Stelle berechtigt den Mund aufzutun und/ oder sich zu ent-falten.

Warum wollen eigentlich immer alle dazugehören? Das fängt schon in Kindergarten und Schule an. Gleichmacherei und Standardisierung und später das ständige Vergleichen mit anderen und das Herdendenken.
Eigen-artigkeit ist doch etwas Wundervolles und sicher eine Bereicherung, auch wenn sie nicht immer, nein im Grunde fast nie bzw. allenfalls in einem sozialakzeptierten Exotentum (an)erkannt wird.

Und gerade die Ausgrenzung (als Mensch mit ausländischem Hintergrund oder aber als Person mit einem anderen Wesen), der ich natürlich nicht das Wort reden möchte, hat letztendlich etwas bzw. Jemanden (keinen Niemand) hervorgebracht, der ohne diese Erfahrung wohl nie so hätte schreiben und formulieren können. Das zum Troste.

HAL9002 6. Oktober 2009 um 21:14  

Tausend weitere Anmerkungen, Gedanken und zustimmmende Kommentare könnte ich Deinem Artikel über den alltäglichen Faschismus und die latente Fremdenfeindlichkeit hinzufügen.
Kann ich aber nicht, da ich zum erstenmal in meinem Leben Tränen in den Augen habe, während ich etwas schreibe.
Mein Vater kam 1963 als politischer und witschaftlicher und gottloser Flüchtling aus der Türkei.
Alle meine Geschwister und auch ich haben hier promoviert, Großes Bildungsbürger-Latrinum - trotzdem fühle ich mich nicht integriert. Ein Land, das keine Kinder mag, kann keine Mitmenschen respektieren - Ausländer schon hundertmal nicht.

Aber das versteht niemand, kann vielleicht auch niemand verstehen, der keine Distanz zum Doitschthum hat. Umso erfreulicher für mich: Es mehrenden sich die Anzeichen eines Sinneswandel in der Bevölkerung. Ich wurde vor 4 Tagen gefragt, ob mir meine Religion verbieten würde, Schweinefleich zu essen. Fand ich total lieb, auch gerade deshalb weil Bier trinken und rauchend schon 'ne Bockwurst verdrückt habe. Naja, das T-Shirt mit der Aufschrift "Gott ist tot", war wohl verknittert.

Robert Reich 6. Oktober 2009 um 21:31  

Leider haben Deutsche das Problem mit Intoleranz. Aber Italiener haben das auch und Franzosen, Amerikaner! Leider ist die deutsche Intoleranz, die eines Sarrazin oder Clement gefährlich. Diese Typen, auch der "Kolumnist" Broder, gehören für mich, da ja in Deutschland alle irgendeiner Schicht zugehören, zur ethisch-moralischen UNTERSCHICHT. Und mit bestimmten Leuten, z.B. dem Sarrazin beifallklatschenden Broder, muss man vorsichtig sein, jeglich Kritik ist Antisemitismus.
Und solche Talkrunden wie "hart aber fair" wollen die Meinung der Sarrazins in diesem Lande nur ins "rechte" Licht rücken. Beim Gästebuchlesen von o.g. Sendung kann einem nur noch schlecht werden.
Viele Grüße von einem ahnungslosen, vielleicht irgendwann mal integriertem OSSI aus Thüringen.

Anonym 6. Oktober 2009 um 21:32  

OT: Online Petition gegen Hartz4 Sanktionen

Hier https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=6785

Rainer 6. Oktober 2009 um 21:36  

Atemlos gelesen und tief luftholend beendet: es ist genau diese Ehrlichkeit, die diesem Land, den Menschen hier fehlt!

Anonym 7. Oktober 2009 um 01:36  

Ja, der schleichende Rassismus, der ist besonders erschreckend, wenn man ihn bei sich selber entdeckt, nicht aktiv gewollt, aber durch Erziehung und Gesellschaft gesät und lange Zeit nicht bewusst bekämpft. Ich kann mich noch erinnern, dass ich vor ein paar Jahren eine Frau auf der Straße sah, groß, blond, blauäugig und mit zwei ebenso blonden und blauäugigen Kindern, und spontan dachte: "Ja, die ist mal vorbildlich" (ich sehe selber auch nicht so aus!). Das hatte wohl mit der damals schon laufenden Diskussion darüber zu tun, dass angeblich nur die falschen Leute und insbesondere nur Ausländer Kinder bekämen. Ich war selber sofort erschrocken über diesen Gedanken, und gleichzeitig begann die Frau, Polnisch zu sprechen, aber ich frage mich bis heute, wie ich überhaupt auf so eine Idee kommen konnte.

Ich stamme aus einem wohl ziemlich rechtskonservativen und auch manipulativen Elternhaus, hatte mich selber aber immer für liberal gehalten (jedoch nicht die FDP gewählt!). Aber ich ertappe mich ab und an dabei, wie die subtil ausländer- und behindertenfeindlichen Einflüsse aus meiner Kindheit zum Vorschein kommen. Ich muss mir das dann aktiv bewusst machen und die Einbildung bekämpfen, dass ich meine Eltern (zu denen ich ohnehin den Kontakt abgebrochen habe) illoyalerweise "verrate", wenn ich aus voller Überzeugung anders denke als sie.

Dabei belastete diese zwanghafte Einordnung der Welt in Schwarz und Weiß (in jeder Hinsicht - es gab tausend Gründe, weshalb irgend jemand weniger "wert" sein konnte) mich ja auch selbst. Irgendwie habe ich diese Aggressivität am häufigsten gegen mich selber gerichtet, Gründe gefunden, warum ich noch minderwertiger war als alle anderen. Erst langsam komme ich auf die Idee, dass vielleicht gar keiner minderwertig ist.

Aber das Schlimme ist, dass ich solche Tendenzen, wie ich sie bei mir selber bekämpfe, mittlerweile immer häufiger auch in der Gesellschaft um mich herum entdecke. Deine Beobachtungen, Roberto, haben mich darin leider wieder einmal bestätigt.

Grüße,

Daisy

Systemfrager 7. Oktober 2009 um 09:52  

Lieber Roberto,

zum Glück hast du nicht ganz Recht. Nicht vergessen:

„Hitler kam nicht aus eigener Kraft an die Macht. Er hatte keine Mehrheit, weder unter den Wählern und damit im Volke noch im Reichstag oder in der Regierung. Es ist nicht wahr, was fast alle populären Deutungen behaupten, daß die Deutschen seine Ernennung zum Reichskanzler gewünscht hätten. Zwei Drittel von ihnen wünschten es nicht. Immerhin hatte er eine in Wahlen sehr stark gewordene Bewegung hinter sich, die ihn vielleicht mit Gewalt an die Macht hätte bringen können. Doch dieser Fall trat nicht ein, jedenfalls nicht am 30. Januar 1933.“ Jäckel, Eberhard: Das deutsche Jahrhundert, Deutsche Verlag-Anstalt, Stuttgart, 1996.

„Gewählt? Bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 erhielten die Nationalsozialisten 18,3 Prozent der Stimmen (6,4 Millionen Wähler), am 31. Juli 1932 waren es 37,2 Prozent (13,7 Millionen), und am 6. November 1932 stimmten 33 Prozent (l1,7 Millionen) für die NSDAP. Nie erreichte Hitlers Partei die 50-Prozent-Marke.“ Sternburg, Wilhelm: Warum wir? Die Deutschen und der Holocaust, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 1996

Jeder „echte“ Deutsche sollte jedem öffentlich ins Gesicht spucken, der sagt, dass sich Hitler „die Deutschen“ gewünscht hätten. Nein. Wir Deutsche haben die zynischsten, kriminellsten, verlogensten, gierigsten, brutalsten, ... Eliten der ganzen Welt. Das war und das ist unser Problem.

Roberto J. De Lapuente 7. Oktober 2009 um 10:06  

Ich verstehe nicht. Wo habe ich nicht ganz recht?

Eliten haben Fußvolk. Das Fußvolk macht ausländischen Menschen das Leben schwer, Eliten gucken dabei nur wohlwollend zu. Der Mensch lebt nicht von der Elite allein, er ist begabt zu denken, selbst Gedanken zu entwerfen. Wenn er es nicht tut, elitären Weisheiten nachäfft, dann ist nicht der Elite-Snob schuldig, dann liegt es in der Verantwortung des Einzelnen.

Wir müssen davon wegkommen, den Ursprung jedes Mißstandes alleine im Betreiben unserer Eliten zu sehen. Menschen mündig machen, bedeutet auch, Menschen schuldfähig zu machen. Mündigkeit ist keine einseitige Veranstaltung, sie besteht aus Rechten und Pflichten. Der mündige Mensch sagt nicht nur, "hier stehe ich und kann nicht anders", er sagt auch, "wenn ich nicht anders kann und es ist unrecht, dann trage ich Schuld auf meinen Schultern"...

Anonym 7. Oktober 2009 um 10:13  

Mein folgender Beitrag wurde im HaF-Gästebuch zensiert:

"Mama?! Er ist zurück. Hol' Opa's Fahnen aus dem Keller..."

Gruss,
Markus Porschen

Systemfrager 7. Oktober 2009 um 10:59  

Lieber Roberto,

ich meinte mit meinem Kommentar nur Folgendes: In diesem Aufsatz ist das Thema das tagtägliche Leben. Zugespitzt gesagt, ist die Rede darüber, was das Fußvolk (alles falsch) tut. „Eliten haben Fußvolk.“ Das klang aber sehr defätistisch und pessimistisch bei dir. Naja, ist es auch. Was sollte man aber tun? Wie ändert man das Bewusstsein des „Fußvolkes“? Diese Menschen „besser zu machen“? Ist utopisch und nicht unbedingt nötig. Die Menschen waren auch damals nicht mehrheitlich so dumm, um Hitler zu wählen. Auch heute muss man nicht so defätistisch und pessimistisch sein, was die Vernunft des „Fußvolkes“ betrifft. Die Aufklärung sollte - nach meiner Meinung - mehr in die Richtung gehen: über die Verlogenheit und Böswilligkeit der Eliten zu berichten. Da stimme ich hier mit A. Müller überein: Man muss über Eliten reden, ihre schmutzige Ideologie entlarven. Aber das machst du doch die ganze Zeit. Jawohl. Nur in diesem Aufsatz kam es nicht so klar zum Ausdruck und mein Kommentar hat nur darauf aufmerksam gemacht. Nicht weniger und nicht mehr.

Aber nicht nur A. Müller und du kämpft tapfer und großartig gegen die Eliten bzw. ihre Desinformationen: Ich gebe auch mein Bestes. Was ich bei A. Müller vermisse, ist eine Perspektive. „Früher war alles besser“, also wir sollten alles so machen, wie bei Willi - das wird nicht gelingen.

pillo 7. Oktober 2009 um 11:28  

Danke für diesen wundervollen Text, der mich wirklich sehr berührt. Ich lebe seit über drei Jahren vorwiegend in Spanien und liebe dieses Land und seine Menschen. Umso mehr schmerzt mich die Erfahrung, die dein Vater in Deutschland machen mußte. In vielen Landsleuten ist die Herrenmenschenmentalität vergangener Zeiten eben noch immer tief verankert. Fleißig, ordentlich, gebildet und tüchtig sind halt nur die Deutschen. Was können die Südländer denn schon, außer vielleicht gut essen und das Leben genießen? Das Spanier, Portugiesen, Italiener oder Griechen schon Kulturvölker waren, als man sich in deutschen Landen noch im Dreck des finsteren Mittelalters suhlte, wird dabei lieber ausgeblendet. Gerade Andalusien war über viele Jahrhunderte ein Paradebeispiel für die friedliche Koexistenz von Moslems, Juden und Christen.

Ich bin in Spanien immer offen, freundlich und mit viel Neugier aufgenommen worden. Das Deutschlandbild der meisten Spanier ist überwiegend positiv, wenn auch von Klischees geprägt - was aber auf Gegenseitigkeit beruht.

Das mit den "cabezas cuadradas" stimmt und kommt daher, das viele Deutsche tatsächlich ein ziemlich eckig aussehendes Gesicht haben - zumindest aus Sicht der Spanier. :o)
Mehr Spott ernten die Deutschen (sowie Engländer; Holländer, etc.) jedoch für ihren z.T. grusligen Mode"geschmack". Wenn man sieht, wie so manch "nordischer Herrenmensch" in Spanien herumläuft und sich aufführt, kann man sich nur noch fremdschämen. Peinlich, peinlich!

Ach ja, auch ich bin de facto heimatlos. Als Ossi und 'Halodri' mit Gerichtigkeitssinn, bin ich nie wirklich im wiedervereinten Deutschland angekommen. Wirkliches Heimatgefühl ist mir fremd. Es gibt zwar Orte, die einem am Herzen liegen, was jedoch mehr mit den dort lebenden Menschen (Familie, Freunde) bzw. mit schönen Erinnerungen (Urlaub) zu tun hat als mit dem Ort an sich.

Raisüli 7. Oktober 2009 um 11:36  

Danke für diesen Beitrag!

Anbei mal ein interessanter Absatz aus einem Essay aus 1969 von A. Mitscherlisch.

[...]
Sehr deutlich läßt sich das an der Aktualisierung der Minderheitenproblematik in zahlreichen zeitgenössischen Gesellschaften beobachten. Es besteht die Tendenz, Minoritäten, die eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft ausüben, in Gettos zu isolieren, d.h. auszustoßen, und sie zugleich zu einem für die innere Ökonomie der Mehrheit außerordentlich wichtigen Haßobjekt zu stempeln. [...]
Zum Sündenbock stempeln heißt Anpassung unmöglich machen.Der Jude, der Neger müssen die bleiben, die sie sind; er herrscht Zwang einer negativen Imagio. In Wirklichkeit produziert dann das Getto tatsächlich derformierte Persönlichkeiten, "Opfer", für die es nur aggressive Reaktionen -von wechselnder Sublimiertheit oder brutaler Direktheit - zur Erleichterung der Lage gibt. Und diese Reaktionen wiederum werden als Rassencharakter zur Aufrechterhaltung der negativen Imago schematisiert und verschärfen die paranoiden Ängste.[...]


Man ersetzte Ghettos durch Parallelgesellschaft, Rassencharakter durch Kultureigenschaft und Glauben....

Maverick 7. Oktober 2009 um 11:46  

Ich betrachte dieses Thema mit gemischten Gefühlen.
Einerseits habe ich erfahren müssen, was es heißt, ein sogenanntes Flüchtlingskind (Jahrgang 1958) zu sein. Auf die obligatorische Frage: „Wo kerschte donn noi?“ (Zu welchem ortsbekannten Familienclan gehörst du denn?) wusste ich latürnich keine Antwort. Hilfsbereit wie der Odenwälder nun mal ist wurden dann verschiedene, meinem Familiennamen entsprechende Familienoberhäupter aufgezählt. Bei jedem war ich gezwungen mit dem Kopf zu schütteln. Nach Abschluss dieser Sondierungsphase landete ich meistens in der Schublade „XY ungelöst“. Ich gehörte somit faktisch nicht „dazu“ (zu was auch immer). Die Außenseiterrolle war vorprogrammiert. Zuerst wollte ich diese Situation so nicht wahrhaben und agierte frei nach Hans Kruppa: „Wer sich in den Schubladen einrichtet, in die er gesteckt wird, hat sich selbst schon zu den Akten gelegt.“ - Vergebliche Liebesmüh. Und jetzt nach 3 abgeschlossenen Berufsausbildungen und viel harter, im Nachhinein viel zu harter Arbeit gehöre ich angeblich nicht mehr zum Humankapital, sondern nur noch zu den Humankosten. – Und Kosten müssen ja bekanntlich in der BRD (Betriebswirtschaftliche Republik Deutschland) reduziert werden. – Möglichst auf Null. Das ist schlichte Kostenminimierung! – Kein Nützlichkeitsrassismus, gelle!!!
Auf der anderen Seite habe ich aber auch schon bitterböse Erfahrungen mit „deutschen Mitbürgen mit Migrationshintergrund“ erleben dürfen und könnte mich locker auf die Seite der Bildzeitungsstammtischler schlagen. - Den Teufel werde ich tun!
Es gibt so viele Lebensphilosophien wie es Menschen gibt. Und jeder sollte seine eigene leben können, sofern er anderen Menschen damit keinen physischen oder psychischen Schaden zufügt. – Soviel Freiheit sollte möglich sein. – Doch der Mensch ist leider nicht naiv (kreativ). Der Mensch ist leider primitiv (domestiziert).

marp 7. Oktober 2009 um 12:20  

Top Artikel, da spricht jemand die Wahrheit. Ich bin Deutscher, fühle mich aber in meinem eigenen Land nie richtig zuhause - und das liegt zum großen Teil an diesen verblödeten Mitmenschen, die beispielsweise nicht verstehen (wollen), dass "Neger" nun mal keine nette Umschreibung für Schwarze ist ....
Das blöde ist aber, dass man selbst auch tief mit diesen Vorurteilen durchtränkt ist, ganz gleich wie alt und welcher politischen Richtung man sich zugehörig fühlt. Das einzige was man tun kann ist, diese Vorurteile durch ehrliches in-sich-reinschauen als solche zu erkennen und nicht versuchen, sie an andere (jüngere) weiterzugeben.

.... und natürlich auch nicht jeden Dreck zu fressen den einen die Medien hinschmeißen. Wenn in Hamburg drei Wochen über einen "Ehrenmord" lang und breit berichtet wird (sschlimm genug das ganze), dann sind da keine hundert Ehrenmorde passiert und stehen somit nicht auf der Tagesordnung, sondern trotzdem nur ein einzelner. Man muss auch lernen, seine Wahrnehmung selbst und nicht fremdbestimmt zu filtern .... Aber selber denken ist halt anstrengend ....

Maverick 7. Oktober 2009 um 14:02  

Man muß nicht aufeinander kleben, um sich nebeneinander ein respektvolles Leben zu gestalten; man muß nicht aufeinander liegen, um zu befruchten, man kann es auch nebeneinander liegend treiben.

Dafür möchte ich mich noch mal explizit bedanken. – Es ist mir wie aus der Seele geschrieben.

Anonym 7. Oktober 2009 um 14:53  

Das Hart aber Fair Gästebuch wird in eine bestimmte Richtung zensiert. Ich habe gestern Sarrazin kritisiert, aber nicht beleidigt (auf dessen Niveau lasse ich mich nicht herab). Trotzdem wurde keiner meiner Beiträge veröffentlicht - im Gegensatz zu den vor Hass, Dummheit und Ressentiments triefenden Ergüssen meiner lieben Mitmenschen. Einer schrieb: Wenn die Türken nicht wären, dann hätten die Hartz-IVler mehr Geld.... Was soll man zu einem solchen Bullshit sagen ? Das Prinzip divide et impera ist zeitlos und wird offenbar - siehe einseitige HaF-Zensur auch trefflich gespielt von unseren sog. "Eliten" (treffender wäre m. E. der Ausdruck asoziales Pack ohne Geldprobleme).

Ich bin in München als "Teutsche" geboren und überlege ernsthaft, ob ich in diesem Scheißland noch weiter leben möchte. Man hat das Gefühl, in Deutschland passiert alles immer besonders gründlich. Momentan steht halt die Endlösung der Sozialstaatsfrage an...

Es ist zum verzweifeln.....
Andrea

ArchiA 7. Oktober 2009 um 16:15  

Lieber Roberto,

ich bin zufällig auf Ihre Seiten geraten und habe dessen ungeachtet Ihren Erfahrungsbericht mit Interesse gelesen. Was Sie beschreiben, ist eine Erfahrung, die den meisten Emigranten mehr oder minder vertraut vorkommen wird. Das gilt vor allem für das, was Ihr Vater als zugewanderter Ausländer erlebte, aber natürlich auch für Ihre persönlichen Erinnerungen als Kind eines Migranten. Damit will ich sagen, dass Sie fast wortgleiche Berichte hören oder lesen können, wenn Sie sich mit den Schicksalen der Einwanderer in den meisten Ländern dieser Welt auseinandersetzen würden. Es ist wahrscheinlich schon wahr, dass der Durschnittsdeutsche vielleicht weniger weltoffen und weniger tolerant ist als etwa ein Franzose oder Kanadier. Aber auch in den klassischen Einwandererländern wie den USA, Kanada oder Australien hatten und haben die „Neudazugekommenen“ mit Vorurteilen und nicht selten mit Ablehnung zu kämpfen.

Was Sie mit dem Titel: „Das würdevolle Leben eines Integrierten“ suggerieren und am Beispiel Ihres Vaters beschreiben, lässt sich dahingehend verstehen, dass die Integration in die deutsche Gesellschaft letztlich gar nicht erstrebenswert ist, weil man am Ende doch nur ein Außenseiter bleibt.
Mein Verständnis von Integration ist ein anderes, und daher kann ich Ihre Schlussfolgerung nicht teilen. Es gibt in fast jeder größeren Stadt in Nord Amerika Stadtviertel, die China Town, Little Italy oder French Quartier heißen. Die Menschen dort hegen und pflegen Ihre Traditionen und Identitäten, die Sie aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. Dies steht aber nicht im Widerspruch dazu, dass sie sich zu ihrer neuen Heimat bekennen und die dort geltende Rechtsordnung und die gesellschaftlichen Regel respektieren. Und das ist für mich der springende Punkt, wenn man von einer gelungenen Integration sprechen will.

Nun hat Herr Sarrazin unter anderem die „Integrationsunfähigkeit“ und „Integrationsunwilligkeit“ türkischer und arabischer Bevölkerungsgruppen in Berlin thematisiert, die sich darin äußert, dass diese Menschen die deutsche Gesellschaft, ihre Regel und Rechtsordnung nicht akzeptieren. Man kann dazu sagen: „Nein, dieses Phänomen gibt es nicht“, oder man kann sagen: „Ja, es trifft leider auf nicht unbedeutende Teile der erwähnten Bevölkerungsgruppen zu“. Man kommt meines Erachtens der Wahrheit am nächsten, wenn man in den fraglichen Stadtvierteln von Berlin mit Menschen spricht, die nah an der Basis politische Verantwortung tragen, sowie mit Polizisten, Schulleitern, Lehrern und Sozialarbeitern. Eine lange Diskussion des „Ob“ wird sich meistens danach erübrigen. Was man diskutieren kann, ist das „Wie“ der Äusserungen von Sarrazin.
Daher finde ich, dass es der Zusammenhang zwischen dem Leben Ihres Vaters und Ihren eigenen Erfahrungen als Kind und den Äußerungen von Herr Sarrazin im Hinblick auf die Zustände in Berlin konstruiert wirkt und letztlich auch ist. Und zwar deswegen, weil Sie pauschal alle sogenannten „Ausländer“ in einen Topf werfen. Es gibt aber einen Unterscheid, zwischen einem sein ganzes Leben lang hart arbeitenden Spanier, der Respekt verdient aber trotzdem von seiner deutschen Umgebung nicht als Gleicher behandelt wird, und zwischen libanesischen Familienclans oder türkischen Jugendlichen in dritter Generation, für die weder ehrliche Arbeit noch eine wie auch immer geartete Integration auf der Prioritätenliste stehen, weil sie die Gesellschaft in der sie leben ablehnen.

Mit freundlichen Grüßen

ArchiA

philgeland 7. Oktober 2009 um 16:21  

Apropos "cabezas cuadradas": im brasilianischen Portugiesisch gibt es eine andere, wenn auch "härtere" Umschreibung für einen bestimmten geistigen Zustand: "cú de ferro". (Ich kenn mich im Spanischen nicht so aus, aber möglicherweise ist sie auch dort geläufig ...) Die unter der Abkürzung "CDF" bekannte bekannte Redeweise umschreibt jemanden, der es mit allem zu genau nimmt, sich ein Leben ohne genau determinierte Vorgaben nicht vorstellen kann und als ausgesprochen anpassungsfähiger Mensch gilt.
Die Redeweise ist "hart", im wörtlichen Sinne. Frei übersetzt bedeutet es ungefähr Folgendes: "eisernes Arschloch".

Anonym 7. Oktober 2009 um 18:31  

Aus reichen Wohngegenden in den USA kenne ich riesige Communities an illegal eingewanderten Mexikanern, die für die dort ansässigen Multimillionäre ganz selbstverständlich alle Schmutzarbeiten machen: Putzen, Gärtnern etc... Natürlich haben diese Leute keine Krankenversicherung. Wenn sie das Pech haben, krank zu werden, müssen sie auf einen mildtätigen Amerikaner hoffen, irgendwie in ihr Heimatland zurückkehren oder eben krepieren. Die Illegalität wird geduldet, schließlich sind diese Leute "nützlich". Bekannte von mir aus Deutschland fanden dieses Modell ansprechend und wiesen mich wegen meiner abweichenden Einstellung zurecht. Ich finde es aber erschreckend. So eine Art von "Parallelgesellschaft" mag ich nicht, wenn eine ganze "Rasse" (einschließlich natürlich ihrer in den USA geborenen Kinder) eine ganz bestimmte, niedrige Rolle in der Gesellschaft zugewiesen bekommt - auch dann, wenn sie "freiwillig" eingewandert ist. Aber wie gesagt, es ist verletzend, mit anderen Deutschen darüber zu diskutieren. Irgendwie bekomme ich dabei immer das Gefühl vermittelt, selber minderwertig zu sein, weil ich für Minderheiten eintrete.

Ich hasse auch den Rassismus aus meinem Elternhaus. Komischerweise habe ich aber immer das Gefühl, dass ich mich nach Meinung meiner Mitmenschen viel mehr dafür schämen muss, dass ich meine Eltern heute ablehne (seine Eltern muss man angeblich immer und unter allen Umständen achten!), als für die Meinungen, die mir dort eingepflanzt wurden.

Daisy

Maitol Krczstovczc 7. Oktober 2009 um 20:10  

Is mir doch Wurscht ob du Spanier bist. Ich bin bis dato noch nie im Ausland Spanien, Russland, Frankreich, Polen, USA)als "Untermensch" behandelt worden. Liegt es daran das ich Deutscher bin? Mhm, mal meine Ahnengalerie durchschauen. Nö... bin nur deutscher Staatsangehörigkeit. Der Rest ist Thüringer Roster vermischt mit Ukrainischen Boretsch. Gut der Boretsch ist jetzt auch zweihundert Jahre gut aufgekocht. Aber wie heißts so schön: Eine Suppe schmeckt erst richtig nach mehrfachen aufkochen. Die, welche sich großer Anteilnahme an Sarrazins Worten erfreuen, sollten mal zügig schauen, wo denn Ihre Vorfahren herkamen. Diese blödsinnigen Zustimmungen, wenn es gegen das "Prekariat", besser noch gegen das ausländische "Schmarotzerprekariat" geht, finde ich gelinde gesagt zum Kotzen. Schlimmer ist es nur noch, dass bestimmte "nichtrechte" Parteien und Medien dies nicht vehement bekämpfen, nein sie zündeln mit. Sie stimmen solchen dumpfköpfigen gelochten Hinterteilen auch noch zu und bestärken diese sogar in ihrem Rassismus.Da kann ich echt nur noch sagen: Armes Deutschland. Werden demnächst Arbeitslose oder Freudighungerlohnarbeitende Nichtdeutschnationale ins Arbeitshaus gesteckt? Warum bringt es Sarrazin und Wagner nicht fertig mal die wirklichen Verursacher der Armut in Deutschland und in der Welt beim Namen zu nennen und diese zu beschimpfen? Ach nee, das sind ja Leistungsträger. Wer viel verdient ist Leistungsträger, wer für dreieurofuffzisch pro Stunde arbeitet ist der letzte Abschaum. Leider sterigen viele "Mit"bürger auf diese Propaganda ein. Selbstständig denken und das Prominentengebluppse mal in Frage stellen und zu hinterfragen is nich. Aus Deutschland kann mit solchen Menschen kein halbwegs gerechter Staat mehr werden. Die die sich noch Gedanken machen werden wenn ich das Koalitionspapier des IM Schäuble mir anschaue mittelfristig Mundtod gemacht. Ich habe mal in der Schule, gut es war eine POS, gelernt das der Mensch genau deswegen ein solcher geworden ist, weil er zu Beginn seiner Entstehung/Entwicklung sich als unterstützende Gemeinschaft "begriffen" hat. Ziehe ich jetzt mal den Umkehrschluß, haben wir jetzt ein Devolution. Naja ich werde den Gang zum Jäger und Sammler nicht mehr erleben; da fehlen mir ein paar Lebensverlängernte Gendingens. Vielleicht auch besser so.Es sagt ja schon viel aus, das Gutmensch als Schimpfgwort gebraucht wird; kann ich aber gut mit leben :-(=). 'Ne li nke Zecke zu sein verschafft mittlerweile in vielen Teilen Deutschlands ein dickes Fell.

Calwer-Wildnis 7. Oktober 2009 um 20:46  

Hi Roberto

Der Beitrag hat mich über die ganze zeit bis jetzt sehr berührt. Dazugehört habe ich auch nie, sogar mein eigener Vater behauptete, ich sei aus der Art geschlagen. alles das, was Nationalität besonders in Deutschland ausmacht, hat mich aufgeregt und abgestossen.
Es ist schwer, besonders für jene, die auch noch "anders" aussehen, also nicht blond und blass sind, und auf die Sonnenbank müssen, damit sie hinterher sagen können, sie würden aussehen, als kämen sie vom Urlaub aus dem Ausland.
Rassismus oder Ausgrenzung habe ich bis heute nicht verstanden, denn wir sind auf einer Erde - alles Menschen - es müßte egal sein, wie wir aussehen, welche Sprache wir sprechen. Dass damit auch noch Politik gemacht wird, Grenzpfähle in die Köpfe verpflanzt werden, ist das Schlimmste an allem.
Wer den Mund auftut, und sichn für andere einsetzt, ist sowieso draussen - wird zum Aussenseiter gemacht.
Wenn auf andere Länder verwiesen wird, und dass diese auch rassistisch sind, habe ich nur eine Antwort: Okay, ich lebe aber hier, an diesem ort und in diesem Land, und will hier zurecht kommen. Und zwar, mit allen Menschen, nicht nur mit den Deutschen.
Dazu gehören will ich nicht, - nicht zu denen, die so sind, dass sie andere Menschen - ihresgleichen - wegen irgend etwas verachten.

Anonym 7. Oktober 2009 um 21:30  

Dabei geht es wenn du Deutscher bist nicht mal um das Deutschsein an sich. Du bist wenn du nicht bestimmten Kriterien und bestimmter Haltung, bestimmter Lebensart und Denkart entsprichst, dann bist du noch immer nicht dabei, selbst wenn ddu wirklich als Deutscher gilts.

Heute bin ich weder dabei, im Gegenteil. Ich bin auch mit Nichtdeutschen aufgewachsen, sie haben in die Familie eingeheiratet. Deutsch-Türkische Familie sind wir. Von einem Anpassungsunwillen kann ich nicht berichten. So forderte der Stiefvater Türkischer Abstammung schon immer eine Anpassung an das Land in das man wandert. Das meinte er übrigens sehr weltmännisch, nicht einsilbig aufs Deutsche bezogen. Er war Jahrzehnte auf See und dabei in vielen Ländern Gast(arbeiter) bis er eben eine Frau traf und diese heiratete. Ein Teil der Familie wird bald in die Türkei übersiedeln, die Chancenlosigkeit, die Armut an Leben in diesem Lande ist selbst den Kindern unter 10 Jahren schon aufgefallen, die liebend gern immer in der Türkei wären. Dort wo sie problemlos eine deutsche Schule mit Türkisch als Fremdsprache besuchen können, dort wo sie den ganzen Tag überall leben können, ohne von nörglerischen streitsüchtigen Rentnern angeraunzt zu werden Ruhe zu geben. Dort wo sich nach einem langen Arbeitsleben noch sehr viele ein Haus kaufen können, gerne leben und dabei echte Freude haben während sie lachend ihrer Arbeit nachgehen.
Es mag an der Mentalität liegen, aber es ist auch die Wahl eines jeden sich dagegen aufzulehnen und sich selbst zu finden und zu verwirklichen und dort anzukommen wo Menschen hingehören: Beim Menschsein. Dann werden sie auch keinen Nationalismus mehr brauchen, dann werden sie auch nicht mehr hassgeladen auf Fremdartiges sein, dann werden sie auch nicht mehr so arrogant auf den Fremden schauen müssen um sich selbst zu etwas zu erhabenen machen zu müssen. Als Mensch gilt man von Geburt an etwas, dafür braucht man weder Nationalität noch Geld.

Ich danke Ihnen Roberto für ihre offenenherzigen Äußerungen. Heute wieder sehr anregend.

G. G. 7. Oktober 2009 um 21:51  

Lieber Roberto,

ich bin Deutscher, 44 Jahre alt und in diesem Land stets ein unerwünschter Fremdkörper gewesen.

Im Augenblick schreibe ich an meinem ersten Buch. Titel: "Deutschland - Eine Abrechnung". Ich habe meine ganze Wut und Zorn über 44 Jahre deutsche Ungerechtigkeiten hingepackt. Wenn es fertig ist, schicke ich ihnen ein Exemplar als Dank für ihre inspirierenden Texte
zu.

Gruß G. G.

hedera 7. Oktober 2009 um 22:28  

Danke Roberto,
und nebenbei, "bei Sprache besehen" bist Du deutscher als viele von uns.
Jeder HartzIV Empfänger und nichtintegrierter Ossi liegt jetzt in der gleichen Schublade wie Du und diese wird bald so voll sein, dass die Kommode platzt. - Hoffe ich zumindest

Anonym 8. Oktober 2009 um 00:33  

Ein wundervoller Beitrag. Ich wünschte, ich könnte so schreiben wie Sie, dass nur so nebenbei. Ich erlebe viele Menschen, die eindeutig keine Nazis sind, dennoch dermaßen rassistische Äußerungen von sich geben, das man sie eben für jene halten könnte, wenn man/frau es nicht besser wüsste. Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit meiner Mitmenschen, sei es heimlich oder nun immer öfter öffentlich, die aus den Fingern gezogen Zahlen und Thesen des "wunderbaren Rüpels" Sarazzin bejubeln. Dafür schäme ich mich und bin über ein solches Verhalten maßlos enttäuscht.

Systemfrager 8. Oktober 2009 um 08:27  

„Ein Teil der Familie wird bald in die Türkei übersiedeln, die Chancenlosigkeit, die Armut an Leben in diesem Lande ist selbst den Kindern unter 10 Jahren schon aufgefallen, die liebend gern immer in der Türkei wären.“ - Anonym

Ist wirklich wahr! Und keine türkische Spezialität. Die Enkel der Generation, die am Deutschen Wunder teilnahm, fühlen sich unglaublich wohl in der Heimat von Opa und Oma. Und es wir dort auch immer gerner geheiratet (nicht verkauft!). Opa und Oma sind ein bisschen verwirrt, da sie gerade für ihr „du deutsch sprechen“ die richtige Konjugation herausgefunden haben und fühlen sich irgendwie doch als Deutsche - ohnen einen deutschen Pass. Die junge Generation fühlt nichts, sie lebt in Deutschland - sie Spielt die PC-Spiele und sitzt dabei „auf den gepackten Koffern“ -, bis sich eine andere Gelegenheit bietet.

Aber dies ist nicht die ganze Wahrheit. Der „richtige“ junge Deutsche hat auch keine andere Gefühle. Er sieht auch alles - auch wenn sich manchmal so gern täuschen will -, und er will auch raus. „Der Deutsche“ ist heute nicht mehr für die Welt gefährlich. (Was für ein Unsinn!) Das war das 20. Jahrhundert. Er ist für sich selbst gefährlich. Sehr gefährlich. Das ist ein riesiger Unterscheid und ein riesiges Problem. Und man beginnt dies zu spüren.

Roberto J. De Lapuente 8. Oktober 2009 um 08:50  

Damit, lieber Systemfrager, ist es aber kein ausländisches Problem. Es ist die Hoffnungslosigkeit, die fehlende Perspektive, dieses traurige deutsche Zusammenspiel aus konservativen Muff und ökonomischer Verwertungslehre, die junge Menschen nationalitätsübergreifend zur Flucht inspirieren.

Junge Ausländer erleben, wie sie nach Jahrzehnten noch schlecht behandelt werden, siehe Äußerungen und Zuspruch zu den Frechheiten Sarrazins. Junge Deutsche werden an jeder Ecke gerüffelt. Es geht los mit "Ballspiele verboten!" und endet mit "Hauptsache Arbeit, auch wenn man davon erstmal nicht leben kann!", dazwischen liegt eine Tortur aus "Du mußt!", "Du sollst!", "Du darfst nicht!"

Und Sarrazin hat beide Pole abgekanzelt, auch wenn man das heute, nach nur einigen Tagen, schon vergessen hat. Er hat Arbeitslose und Ausländer geprügelt. Statt Solidarisierung gegen diesen Unmenschen, finden es Arbeitslose, Niedriglöhner etc. in großer Zahl fein, dass nun andere als Sündenbock herhalten müssen. Und diese Unfähigkeit, sich zu solidarisieren, diese Einkehr der Selbstsucht in der Gesellschaft, erzeugt Fluchtgedanken. Fluchtwege sind indes mannigfaltig. Die einen verlassen das Land, die anderen die Zurechnungsfähigkeit, wieder andere das Leben.

Vielleicht neigen Menschen, die ihre Wurzeln einzig und alleine hier hatten, dazu, in Unzurechnungsfähigkeit zu schlittern, zu saufen, Drogen zu nehmen, spielsüchtig zu werden usw., nehmen sich das Leben. Der Ausländer träumt vom Irgendwo, vom Land der Väter. So sehen junge Türken im Islam sicher noch eine Institution (bei aller Kritik, bei aller Kritik an Religion generell), die Selbstsucht nicht fördert, die sozial abfedert, Alte und Junge in einer Familiengemeinschaft integriert, das Leben lebensfreundlicher gestaltet, zumindest auf vielen sozialen Ebenen, natürlich nicht in jedem Bereich. Das ist sicher Fundament, ist aber wie immer, wenn man träumt, eine romantische Verklärung. So wie auch ich romantisch eine Weile das mediterrane, familiäre Lebensumfeld Spaniens hochleben ließ, das sicherlich ausgeprägter ist (oder war?) wie hierzulande (obwohl es auch hier tollen Familienzusammenhalt gibt, der allerdings Mangelware ist). Irgendwann merkt man aber auch dort, dass Menschen streiten, sich nicht mehr ansehen, obwohl sie verwandt sind, dass kurz gesagt, das soziale Leben sicher in vielen Nischen einfacher, angenehmer, liebevoller ist, dass aber nicht alle Nischen Geborgenheit bieten und man als Einzelner dennoch auf der Strecke bleibt, wenn man romantischen Verkitschungen anhaftet.

Systemfrager 8. Oktober 2009 um 09:44  

Roberto: „Irgendwann merkt man aber auch dort [im Ausland], dass Menschen streiten, sich nicht mehr ansehen, obwohl sie verwandt sind, ...“

Nein, die nichtwestliche Kultur ist in der Tat keine Alternative. (Die von mir oben erwähnten Opas und Omas wissen es auch - deshalb sind sie verwirrt.) Aber auch unsere egoistische und individualistische „Kultur“ hat keine Zukunft mehr. Was tun lieber Roberto?

Ich lebe am Rande einer Stadt und gehe jeden Tag lange spazieren. Man sieht dort viele, sehr viele, meistens ältere Menschen, wie sie Bäume, Büsche, Graß, Blumen, kleine Häuschen ... pflegen. Sie machen dort einfach ihre Rente kaputt und suchen darin einen Sinn. Sie werden nichts finden. (Das alles machen auch die Alten in den armen Ländern.) Und sie haben jeden Kontakt mit der Realität verloren. Sie meinen, wenn die Jungen nur Lust hätten, so arbeiten wie sie selbst früher, dann wäre alles gut. Und sie haben bestimmt die CDU/SPD/FDP gewählt. Sie sind noch viele und deshalb habe ich keinen Sinn darin gesehen, wählen zu gehen.

Ob ich irgendwann auch bei diesen Menschen bin - egal ob in DE oder im Ausland? Man weiß es nie. Aber bis ich noch nicht so weit bin, versuche ich „die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen“ (Marx), bevor es nicht zu spät ist. Das machst auch du. Deshalb glaube ich, dass wir beide das Richtige tun. Zu verlieren gibt es sowieso nichts. Tun wir also auch weiter, was wir tun. Ich schreibe ganz bewusst am Anfang meiner Webseite:

Das alles wird nichts bringen! - hört man immer wieder. Dies ist aber nur zum Teil richtig. Es kann doch nicht stimmen, dass alle Anstrengungen immer umsonst sind. Die Gesellschaft in der wir leben ist bestimmt eine humanere als die Sklaven-, Feudal- und kommunistischen Gesellschaften. Fortschritt ist also möglich, aber er kommt nie von allein. Er wurde schon immer von entschlossenen und risikobereiten Menschen erzwungen, die sich Gedanken über eine bessere Welt gemacht, und für sie gekämpft haben.

Anonym 8. Oktober 2009 um 12:55  

Habe auf Grund der Hinweise der KommentatorInnen an dieser Stelle gestern mal bei 'Hart aber fair' reingeschaltet -wider besserer Ahnung und Erfahrung.

Ich dachte dann, ich hätte mit der Fernbedienung die falsche Taste gedrückt, denn ich wähnte mich im Dschungelcamp - von Herrn Ströbele mal abgesehen.
Habe nach 20 Minuten ausgeschaltet und bin schlafen gegangen: In meinen Träumen findet mehr Entwicklung statt als in vielen dieser scheinbar seriösen Talk-Runden auf flachem Niveau, die immer mehr zu einem Albtraum verkommen, weil sie das Schubladendenken immer noch nicht überwinden und Smptome und Ursachen immer noch miteinander verwechseln.

PS: Habe auf der Website der nunmehr ehemaligen Abgeordneten Kerstin Griese, die sich um ihre Ende Oktober erwerbsarbeitslosen Mit-ArbeiterInnen sorgt, entdeckt: Die 3Monate-Arbeitssuchend-Frist wurde für alle Abgeordneten-MitarbeiterInnen kulanterweise aufgehoben, denn "Demokratie sei nicht vorhersehbar" ...
wie die Verlängerung befristeter Verträge von sterblichen Beschäftigten in unserer Gesellschaft es auch nicht ist, oder?! DIE werden aber von Behörden dazu angehalten, für den Fall der Fälle vorzusorgen und sich rechtzeitig erwerbsarbeitslos zu melden.

Ich wünsche es Niemandem, aber ich kann ein gewisses Gefühl der Genugtuung nicht verhehlen, dass gewisse abgehobene Menschen in der Politik nun im Alltag durch eigene Erfahrung wieder ein wenig Bodenhaftung bekommen und von der Suppe(nküche) kosten dürfen, die sie anderen eingebrockt haben.

gibgasachi 8. Oktober 2009 um 13:04  

Moin. Schöner Beitrag. Mir als Halb-Türken schreibst Du in Strecken absolut aus der Seele! Ich kann vieles nachvollziehen. Wirklich integriert bin ich wohl in vielerlei Hinsicht auch nicht.

Nur ziehe ich den Begriff "Miteinander der Kulturen" dem Nebeneinander vor. Man kann auch miteinander leben, ohne sich selbst aufzugeben.

Anonym 8. Oktober 2009 um 13:49  

Hallo Roberto
Ich bin auch ein "Türkenkind", bin hier geboren und lebe seit 30 Jahren hier. Obwohl Deutschland meine Heimat ist und ich die Türkei nur aus dem Urlaub kenne, werde ich mich niemals als einen Deutschen bezeichnen. Meiner Erfahrung nach ist die Mehrheit der Deutschen( über 50%) "Kopfrassisten" und sie machen mir im Gegensatz zu den Neonazis viel mehr Angst. Dieses Land ist durch und durch vergiftet von einer Hetzkultur auf Minderheiten (Ausländer, Obdachlose, Hartz-IV Empfänger usw.) Als Jugendlicher habe ich als Reaktion auf Ausländerfeindlichkeit selber die Deutschen beschimpft und sie als "scheiß Kartoffeln" bezeichnet. Doch nach einer Zeit habe ich bemerkt, dass ich durch mein Hass auf Deutsche nicht besser war als die Nazis. Ich habe nach und nach deutsche Freunde gehabt,die antifaschistisch eingestellt waren und mir die Augen geöffnet haben. Rassisten gibt es überall und ist auch unter Türken weit verbreitet. Bei jeder Gegendemo gegen die Nazis freut es mich auch, dass es so viele Antifas gibt. Trotztdem fühle ich mich in diesem Land nicht mehr wohl und werde es wahrscheinlich verlassen. Deutschland wird immer mehr militaristisch, sozialdarwinistisch und durch und durch rechts. Deshalb Roberto muss ich immer wieder deine Texte lesen, um mich zu vergewissern, dass es in diesem Land noch progressive Menschen gibt, die sich gegen die Hetzkultur wehren und uns Ausländern signalisieren: "Ihr seid nicht alleine". Vielen Dank für deine Texte, die meiner Seele so gut getan haben.
Solidarischen Gruß
Deniz

Anonym 8. Oktober 2009 um 16:43  

Hallo!

Wie schön zu sehen, dass du dein Inneres analysiert hast und dein Gefühlszustand darzustellen weißt. Es freut mich immer wieder Menschen wie dich und Kommentare wie die obrigen, zu lesen.

Ja, du wurdest vielleicht wegen deines Vaters begrenzt. Stell dir vor, du hättest türkische Eltern, dein Vater mit einem Bart, deine Mutter mit langen Mänteln und einem Kopftuch. Stell dir vor du selber wärst eine Frau, die verschleiert ist und in die Schule geht etc.
So eine bin ich nämlich und es ist umso schwieriger sich auszudrücken, da niemand dir überhaupt zuhören möchte.
Wenn ich rassistische und engstirnige Aussagen über Türken und Muslime höre oder lese, muss ich sagen, dass ich mich kaum noch traue, auf die Straße zu gehen. Und denselben Gefühlszustand haben auch meine Freunde.

Für ausländerfeindliche oder von Islamophobia angesteckte Menschen wollen wir, die Muslime, eh nur die Herrschaft an uns reißen und aus Österreich einen Gottesstaat machen.
Für solche Personen bin ich eine unterdrückte verschleierte Frau, die sowieso diese Lebensrichtung unter Druck angenommen hat, die eine arrangierte Ehe eingehen muss und dann so tut, als ob sie diese freiwillig mache.

Manchmal frage ich mich auch, was ich in so einer engstirnigen Gesellschaft zu suchen habe, aber dann fallen mir meine österreichischen Freunde ein und ich verspür Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.

Grüße aus Österreich!
Hatice

Ömi 8. Oktober 2009 um 21:08  

Da ich in den nächsten Tagen eine wichtige Prüfung habe, wollte ich einen großen Bogen um dieses Thema machen. Jedoch konnte ich hier nach den ersten Zeilen nicht mehr loslassen, da ich eigene Erfahrungen und Gefühle wiederfand.

Das Gesagte ist nicht neu, nur wird es immer hässlicher.

Enrico C. 8. Oktober 2009 um 23:37  

Lieber Roberto
Auch ich mit italienischen Wurzeln, bin an diesen Kommentaren auf der „Hart aber Fair"Seite hängen geblieben. Je mehr ich diese hetzerischen, einfach strukturierten aber auch teils von gewisser Intelligenz geprägten Kommentare las, um so mehr überfiel mich ein seltsames Gefühl der Ausweglosigkeit und Angst. Ich fragte mich „Wo soll ich hin? In welches Land soll ich auswandern? Kann ich mein bisheriges Leben einfach so über Bord werfen?“ In Italien bin ich ein Deutscher und hier ist es In und wird mir aufgezwungen ein Italiener zu sein. Ich bin aber ein Badischer Bub der seine Heimat liebt.
Als ich deinen Bericht heute gelesen habe, kamen mir die Tränen. Auch jetzt noch habe ich schwer mit dem Klos im Hals zu kämpfen. Du hast mir meine Kindheit vor Augen gehalten, die nicht einfach war als Kind eines Italienischen Vaters. Als einziges Kind mit ausländischem Namen, 1970, in der ersten Klasse, bekam ich die ungefilterten, wahrheitsgetreuen Wertevorstellungen meiner Mitschüler zu spüren. Nach dem Motto: Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Die Einzelheiten erspare ich Dir.
Ich habe meinen Vater dafür gehasst. In meiner kindlichen Naivität, habe ich unserer Mutter, die Deutsche ist, Vorhaltungen gemacht, warum sie einen Italiener geheiratet hat. Da man verbal nicht gegen einen Mopp ankommt, bleibt im Endeffekt nur die Gewalt. --Da haben wir ihn wieder, den prügelnden Ausländer, der sich nicht integrieren lassen möchte. – Ich bekam es nur so in den Griff, mir etwas Ehre und Würde zu bewahren, was mir heute beschämend vorkommt.
Heute bin ich stolz ein Halbitaliener zu sein. Und ich bin Stolz einen solchen Vater gehabt zu haben. Er hat seine Würde nie verloren. Er war seiner Heimat immer verbunden. Und er hat nie seine italienische Staatsbürgerschaft zugunsten der Deutschen eingetauscht. Er war eben ein toleranter Demokrat, der uns Kinder schon früh sensibilisiert hat, die Vorurteile und Ausländerfeindlichkeiten zu erkennen.
Die Siemens AG holte damals 1960 Massen von Italienern nach Bruchsal um sie für billigen Lohn (58 Pfennig/Std) arbeiten zu lassen. Siemens steckte sie zu Zwanzigst in Baracken direkt vor die Werkstore. Ich hab den Geruch immer noch in der Nase, wenn mein Vater mit mir seine alten Freunde besuchte. Einen Raum voll gestellt mit Etagenbetten, jeder hatte einen persönlichen Schrank, eine Gemeinschaftsdusche und eine Gemeinschaftsküche. Basta e finito. Heute würde Amnesty international auf die Barrikaden gehen. Ich hatte dort immer ein bedrückendes Gefühl.
Ich werde deinen Beitrag auf bruchsal.org veröffentlichen, damit noch mehr Leute deine Erfahrungen lesen können.
Danke Roberto für den Spiegel aus der Vergangenheit der noch immer Real ist.

BlueLion 10. Oktober 2009 um 10:49  

Hallo Roberto,
deine Zeilen machen wieder betroffen und regen zum Nachdenken an.
Ich denke, das Problem per se ist nicht Ausländerfeindlichkeit.
Wir leben in einer Gesellschaft, die keine Solidarität mehr kennt - Ellbogenmentalität, "Freiheitlichkeit" (was für ein verlogener Begriff), Ökonomisierung aller Lebensbereiche sind dominant.
Viele, auch und vor allem die Mittelschicht, fühlen die Bedrohung des eigenen Lebensstandards. Und es liegt scheinbar in der Natur des Menschen, der "Schwächere" begehrt nicht gegen den Starken auf, sondern sucht sich noch (scheinbar) Schwächere, auf die er herabsehen kann - sozial, kulturell, ethnisch. Nach oben buckeln, nach unten treten, man kennt das Prinzip.
Ich denke auch, daß solche Phänomene nicht auf Deutschland beschränkt sind - man blicke auf Frankreich und die muslimischen Einwanderer, man schaue nach Osteuropa und die dort lebenden Sinti/Roma, man schaue auf nach Estland und die Russen.
Ich fürchte, hier treffen wir auf eine grundsätzliche Fehlentwicklung humanen Sozialverhaltens.
Was tun? Zähne zusammenbeißen und weiter offen widerstehen.
"Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst, nehme Tag für Tag sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert oder sich doch schweren Schaden zufügt?"

Anonym 11. Oktober 2009 um 23:06  

Danke Roberto für Deine Worte und Dein wunderbares Schreiben.

Nicht nur kann ich Deine Erfahrungen nachvollziehen, sondern auch zum Teil die Deines Vaters - denn als "Nicht-Hier-Geborene" werde ich, trotz nahezu perfekter Aussprache, 3 bis 4 Mal in der Woche gefragt, "wann ich denn zurück gehe". Manchmal stelle ich, trocken aber freundlich, folgende Frage zurück: "Sehe ich aus wie eine Touristin?". Manche sind dann beleidigt.

Dass diese Menschen sich selbst das Recht geben, zu fragen und zu beurteilen, jedoch keineswegs eine Reaktion auf Ihre Handlung annehmen möchten, ist problematisch und ärgerlich. Es bleibt also nur das bestimmte, geduldige und gewaltfreie Revoltieren - und die Hoffnung, dass längst überholte Nationalkategorien irgendwann an Relevanz verlieren, wenn es darum geht, gemeinsam eine Gesellschaft zu gestalten.

xenetic

SarahA. 25. Oktober 2009 um 09:58  

Hallo Roberto,
ich habe die Erfahrung gemacht, dass souveräne Menschen gleich welcher Gesinnung weniger Probleme haben, das Andere zu akzeptieren als solche mit schwacher Identität. Somit sehe ich in den derzeit wieder aufkeimenden Rassismus als Ausdruck einer 'nationalen Identitästkrise.' Die Kunst läge nun darin, die Identität der Deutschen zu stärken ohne sich auf Kosten anderer zu profilieren.

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