Ins gute Gewissen gebettet

Montag, 7. September 2009

Ich bin erleichtert. Jedenfalls für den Moment, bis man mir das Gegenteil beweist. Aber derzeit bin ich nur heilfroh, dass sich der Verdacht wohl doch nicht bestätigt. Die Bundeswehr, im Auftrag des Bundestages - der wiederum im Namen der deutschen Bevölkerung spricht -, hat keine Zivilisten getötet. Wir haben uns nicht an der Würde des Menschen versündigt, wir sind gerade noch ethisch davongekommen. Welche Befreiung! Welche Erleichterung! Deutschland kann aufrechten Ganges durch die Welt stiefeln, muß sich keines unmoralischen Vergehens schelten lassen.

Keine Zivilisten! Nur Taliban! Es waren nur Taliban! Keine Menschen, nur Taliban. Keine Väter und Söhne, ausschließlich Taliban. Bärtige, in Kleider gehüllte Menschennachäffer. Zivilisten mit Waffen, aber keine friedfertigen Zivilisten. Taliban eben. Wildgewordene Verrückte. Das kann man ethisch ertragen, da kann man sich frohgemut zurücklehnen, wenn es nur Körper stinkender, grunzender Gestalten sind, die aufplatzen, wenn es deren Gedärme sind, die durch die Lüfte schwingen, Blutfontänen spritzen, Knochen knacken, wenn deren Herzschläge noch zwei-, dreimal klopfend außerhalb ihres zerrissenen Körpers schwirren. Damit kann man doch leben. Es waren ja keine Zivilisten. Es waren nur Aufständische, wie man es uns rechtfertigend darlegt. Aufständische! Menschen, die in ihrer Heimat gegen Besatzer aufbegehren. Frevler am Sendungsbewusstsein des Übermenschen. Nörgler am Menschlichen. Aufständische, die nicht Mensch werden wollen, lieber das Vieh bleiben, das sie sind. Hauptsache, es waren keine Zivilisten!

Ein gutes Gewissen sei uns sanftes Ruhekissen. Blutlachen von Taliban, aufgeplatzte Leiber von Taliban, rundherum drapierte Innereien dieser Taliban, aus der Taliban Körper ragende Knochenenden: gute Nacht, träume süß, Deutschland, mach dir nicht zu viele Gedanken, das war eine gute Tat, das war notwendig. Aber das gleiche Bild mit der blutigen Unterschrift von zivilen Menschen, nicht von abschlachtbaren Vieh, und die Republik steht Kopf, fordert Untersuchungsausschüsse und Erklärungen, hinterfragt Verantwortlichkeiten und will rollende Schädel sehen. Aber wenn es nur Taliban getroffen hat, wenn das Schlachtfest an diesen Menschenimitaten vollbracht wurde, dann schüttelt die Kissen zurecht und bettet euch zufrieden ins Kuschelige. Welche Erleichterung! Es waren nur Taliban. Keine Zivilisten. Es weinen nur die Frauen und Mütter dieser Wilden, es bleiben nur vaterlose Kinder aus Talibanhöhlen zurück. Angehörige dieses Viehs, Kinder von tierischen Eltern, Hundesöhne. Keine Zivilisten. Der erholsame Schlaf ist uns sicher.

Dann verrecken deutsche Soldaten. Sie verbluten, drängen den sich verselbständigenden Darm mit ihren zittrigen Händen in die Bauchhöhle zurück, scheißen sich in ihrer letzten Stunde nach ihrer Mutter rufend in die zerrissene Hose, können ihre Körperfunktionen nicht mehr beherrschen. Wer geht hierzulande zu Bett und betet sich beruhigend ins Gewissen: Es war nur ein Soldat. Gott sei Dank, nur ein Soldat. Kein ziviler Mensch, kein Sohn, kein Vater, kein Bruder, kein Geliebter! Nur ein Soldat, nur ein bezahlter Angestellter des Staates, der ihn des Mordens beauftragt hat. Wer besänftigt sich hierzulande in dieser menschenverachtenden Weise? Nein, da stülpen wir den Menschen aus dem Opfer. Nur ein Soldat: das gibt es nicht! Er trägt einen Namen, wird Bruder und Ehemann, seine Mutter weint gut sichtbar, sein Vater unterdrückt die Tränen, er hatte Hobbies und Vorlieben. Nur ein Soldat? Nur ein Mensch! Ein Zivilist in Uniform. Doch zerreißt es in Afghanistan Nichteuropäer, unterscheidet man zwischen dortigen Zivilisten und Taliban. Der Talibantod wird nicht menschlich ausgeschlachtet - er wird zum Erfolg. Und wehe dem Taliban, der sich wehrt, der einen aus unserer besatzenden Zivilarmee tötet - so ein Monstrum! Unser Junge hatte doch Familie! Erkennt dieses Vieh das nicht?

Es wird eine besinnliche Nacht, unseren Jungs sei Dank, dass es keine Zivilisten waren. Nur Taliban! Nur Schlachtvieh!

14 Kommentare:

Frank Benedikt 7. September 2009 um 03:07  

Harte Worte zu einem harten Thema! Es sollte Dich aber nicht zu sehr verwundern, daß die Springerpresse hinter Jung und dem Luftangriff steht; die JW hat's auch schon angemerkt:
http://www.jungewelt.de/2009/09-07/016.php

Beste Grüße
Frank

schneidersitz 7. September 2009 um 03:31  

Und noch besser! Es geht nicht mal um tote Taliban.

Es geht um die „eventuelle“ Verletzung der Einsatzregeln für (NATO-)Luftschläge in Afghanistan! Das ist noch viel, viel schlimmer!

Falsches Spiel auf der Luft-Gitarre , das ist die Freveltat!

christophe 7. September 2009 um 09:40  

Es gibt inzwischen gute Literatur von ehemaligen russischen Afghanistankämpfern, die fast bis ins Detail den Wahnsinn beschreiben, der sich heute wiederholt. Auch die sowjetische Armee setzte auf technische Überlegenheit gegen die 'Steinzeitmenschen' und wollte die Herzen der Bevölkerung durch 'gezielte Luftschläge gegen Terroristen' gewinnen. Heute setzt man, in Anlehnung an den Vietnamkrieg, auf 'bodycount': Solange mindestens dreimal so viel 'Terroristen' wie eigene Leute getötet werden, wird es als Erfolg verbucht. Irgendwann wird man dann erklären, dass das Regime in Kabul nun selbst in der Lage sei, das Land zu befrieden, um dann 'ehrenvoll' abzuziehen. Nach drei Monaten wird man dann mit Bedauern festzustellen, dass die afghanische Regierung sich leider doch nicht gegen die 'warlords' und 'Aufständische' habe halten können. Dann wird man einen 'cordon sanitaire' um das Land ziehen und es sich selbst überlassen.

Anonym 7. September 2009 um 10:22  

und falls es, aus „versehen“, doch „richtige“ menschen waren, dann wird es das merkel ganz ganz doll bedauern! aber nur dann!

/watch?v=QPg3zpAJzUM

Sepp Aigner 7. September 2009 um 10:40  

Dein Text reisst den politisch Verantwortlichen die Neusprech-Verkleidung vom Wanst. Ich hab heute in meinem Blog einen Eintrag zum selben Thema und bei der Gelegenehit auf Deinen Beitrag verwiesen. Alle Relativierer und Wegschauer sollten ihn lesen, damit ihnen bewusst wird, was sie tun.

HAL9002 7. September 2009 um 11:04  

Ich habe für nach der BTW ein Blog-Sterben vorausgesagt, wenn jedem Denkenden klar wird, dass ..... ach, Ihr wisst schon warum.
Ich hoffe, dass der Deinige nicht darunter sein wird!
Das Töten von Menschen ist drastisch. Deshalb sind dastische Worte absolut nicht unpassend.

fletcher2 7. September 2009 um 11:41  

Ja, es waren nur Taliban! Und dieser Perversling Jung weiß das ganz genau! Na, ja - vielleicht der ein- oder andere Sympathisant; aber Zivilisten werden von uns nicht getötet! Wo kämen wir denn da hin? Nein, wir führen einen sauberen Wiederaufbau.

Obwohl ich kaum noch Hoffnung habe - vielleicht wacht der ein- oder andere Deutsche vor der Wahl doch noch auf und straft diese Kriegstreiber ab. Vielleicht, so eine andere kleine Hoffnung von mir, werden die Verantwortlichen von ganz unten bis ganz oben, in nicht ferner Zukunft, von MENSCHEN zur Rechenschaft gezogen.

Anonym 7. September 2009 um 11:56  

Hallo Roberto,

welch treffende Worte.

Die Nachricht ist übrigens nicht allein wegen dem Springer-Organ Bild mit Vorsicht zu genießen.

Auch aus Afghanistan selbst gibt es Stimmen, die gewisse Provinzgouverneure als ziemlich unglaubhaft abstempeln.

"Ich erhebe meine Stimme: Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan" von Malalai Joya z.B. die in Karsai, und den Warlords, auch nix anderes als korrupte "Taliban" sieht - nur eben mit den westl. Besatzern verbündet.

Frau Joya lebt übrigens neuerdings unter Leibwächterschutz, weil die sich mit ihren Äußerungen im letzten afgh. Paralment Todfeinde geschaffen hat - eben nicht nur bei den Taliban, sondern auch bei Karsai und Co.

Noch eine Anmerkung zu Frau Joya, deren Buch ich gelesen habe, Frau Joya wurde, im Gegensatz zu mancher Kollaborateurin der westl. Kräfte, so z.B. bei Anne Will zum Thema Afghanistan, noch nie in eine Talkshow der neoliberalen Einheitsmedien eingeladen. Warum? Frau Joya bestreitet vehement, dass es Frauen unter Nicht-Taliban besser geht, im Gegenteil, es hat sich absolut nichts geändert für die Frauen, die nicht in Kabul leben. So eine Kabulerin war bei Anne Will zu Gast, und lag voll "auf Linie" - im Gegensatz zu Frau Joya. Den Namen dieser, man muß es so hart sagen, Kollaborateurin weiß ich nicht mehr, aber man muß es im Hinterschädel behalten. Auch in Afghanistan gibt es Kräfte, die den Kurs der westl. Truppen stützen sowie solche wie Malalai Joya, die zwischen allen Fronten stehen.

Es wäre interessant was Frau Joya zum Vorfall sagen würde. Beim Provinzgouverneur meine ich, dass die den als korrupt abstempeln würde, und dass der alles sagt was ihm seine "Verbündeten" in den Mund legen.

Ich dachte gestern übrigens an Kurt Tucholskys berühmten Satz, der wieder hochaktuell sein dürfte, seit die Bundeswehr die Schamgrenze überschritten hat, und den ich gerne öfters auf Transparenten der Friedensbewegung sehen würde: "Soldaten sind Mörder!"

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Peinhard 7. September 2009 um 12:19  

'Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat erstmals öffentlch zivile Opfer bei dem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf Taliban bei Kundus eingestanden. Eindeutig scheine ihm, „dass der überwiegende Anteil Taliban gewesen sind“, sagte Jung am Montagmorgen im ZDF.'

So ist es aktuell bei der FAZ zu lesen. Nach einem Kommentar ist mir gerade nicht zumute, er erübrigt sich wohl auch...

pillo 7. September 2009 um 19:46  

@fletcher2
[...]Obwohl ich kaum noch Hoffnung habe - vielleicht wacht der ein- oder andere Deutsche vor der Wahl doch noch auf und straft diese Kriegstreiber ab.[...]

Da wird es wohl bei der vagen Hoffnung bleiben. Zu sehr ist der von Roberto so treffend skizzierte Ungeist in weiten Teilen der Bevölkerung schon wieder (oder immer noch?) verankert. Die Opfer waren eben "nur" Afghanen. Auch wenn es natürlich kein Offizieller jemals so offen aussprechen würde, so hält man die Afghanen halt doch für primitive Untermenschen. Wer die Segnungen der westlichen Zivilisation ablehnt, der kann doch nur geistig minderbemittelt sein, oder?

Um beim Deutschen Michel einen Denkprozeß anzustoßen, müßten wohl die Taliban ihrerseits zwei Tanklastzüge in die Luft jagen und dabei etwa 100 BW-Soldaten ins Jenseits befördern. An die alle paar Monate eintreffenden Meldungen, daß es mal wieder ein, zwei oder drei Deutsche erwischt hat, scheint sich die tumbe Masse ja schon gewöhnt zu haben.

Th. Hausen 7. September 2009 um 19:55  

Konnte mir einen Verweis auf diesen hervorragenden Text auch nicht verkneifen...

Anonym 7. September 2009 um 20:03  

Ich möchte noch auf einige Widersprüchlichkeiten aufmerksam machen:
Einerseits tut man hierzulande so, als ob Deutschland in höchster Gefahr ist und sich daher am Hindukusch verteidigen müßte, andererseits wurde kein Kriegsrecht verhängt. Nun würden die Kriegsparteien das damit begründen, daß die heutigen Kriege keine Kriege im klassischen Sinne wären, da der Gegner Terrorist sei mit anderen Möglichkeiten und Strategien. Gleichzeitig wird der Krieg in Afghanistan aber auf sehr klassische Weise mit klassischen Waffen geführt. Auch hier wirkt die Meinungsmache, um über diese Diskrepanzen hinwegzutäuschen.

Eurohasenbär, SZ-Leserforum

mo 7. September 2009 um 22:31  

ich betrachte diesen angriff zumindest für d-land als menetekel für die nahe zukunft.

(wobei es meiner meinung nach nicht reicht, sich bei der skizzierten entwicklung auf einen reinen pazifismus zurückzuziehen. darum verstehe ich die intention Ihres beitrags zwar - zumindest glaube ich das -, kann sie aber nicht völlig unterstützen.)

pillo 7. September 2009 um 22:32  

@Eurohasenbär
[...]Einerseits tut man hierzulande so, als ob Deutschland in höchster Gefahr ist und sich daher am Hindukusch verteidigen müßte, andererseits wurde kein Kriegsrecht verhängt.[...]

Das kommt noch, da kannst Du Gift drauf nehmen. Schäubles und Jungs beständige Vorstöße für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren sind ja kein Zufall. Spätestens wenn in Deutschland die erste Bombe hochgeht (von wem auch immer gezündet), werden die letzten Dämme brechen.

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