Literarische Feigenblätter

Donnerstag, 7. Januar 2010

Orwell war ein Stümper, Huxley eine Niete! Zwar gleichen sich die beiden Dystopisten und ihr Werk nur sparsam, haben mehr Gegensätze als Gemeinsamkeiten, aber eine Komponente teilen sie sich. Einstweilen in Orwells Welt der Gehorsam autoritär erzwungen wird, schreiten im Kosmos Huxleys die Menschen vorauseilend in die Folgsamkeit; bei Orwell wird technisch überwacht, bei Huxley überwachen sich die Menschen gegenseitig; in 1984 wird die Vergangenheit in die Vergessenheit geregelt, in der schönen neuen Welt entschwindet den Menschen die Geschichte zwischen ihren alltäglichen Rauschorgien. Ähnlich waren sie sich nur in ihrem Hang zum Eskapismus - die jeweiligen Hauptprotagonisten entfliehen aus ihrer diktierten Welt, finden eine Nische, wenn auch nur für eine bestimmte Zeitspanne. Die Flucht, so beschrieben es beide Briten, war machbar, planbar, umsetzbar - das große Glück stellte sich zwar nicht ein, aber die organisierte Tyrannei, dieses in Recht und Ordnung gegossene Gemeinwesen des Terrors, war umgehbar. Man konnte ausbrechen, von seiner Stellung desertieren oder wenigstens versuchen, ein kleines Glück zu erleben. Winston Smith fand sein flüchtiges Liebesnest, der Wilde sein später zum Sensationsreport gewordenes Reservat.

Stümper alle beide, Nieten alle zwei! Freilich, beide haben erkannt und beschrieben, dass man dem entflohenen Glück nicht einfach Atem einhauchen kann in einer Welt, die Glück so ganz anders, materieller, rauschhafter definiert, die Glück als ein Resultat aus Gehorsam und Mitläufertum empfindet. Aber gepfuscht haben sie, auch wenn man sie aufgrund der Gnade des frühen Ablebens in Schutz nehmen muß - sie haben geschludert und geschlampt, weil sie zu gutmütig phantasierten, weil sie sich in ihren traurigen Zukunftsentwürfen Freiräume vorstellen konnten. Sie haben es verbummelt, eine ganz andere Gesellschaft zu ersinnen, eine, die weder orwellianisch gehorsam und knechtisch ist, eine, die ebensowenig huxleyianisch berauscht und besoffen ihrem Alltag nachläuft - sie haben die hysterische Gesellschaft unterschlagen, eine Mischung aus Orwell und Huxley, in der vorauseilend marschiert wird, in der Demokratie zum toten Ritus geworden ist, in der sich die Menschen zwar in ihrer schönen neuen Welt gegenseitig kontrollieren und bei der Obrigkeit verraten, obgleich gleichzeitig Kameras, Überwachungsschikanen, Datenerfassungsdateien, mit dem Stempel 1984 versehen, den Alltag bedrücken.

Stümper! Simpel! Aber man darf die beiden nicht zu hart beschimpfen! Wie konnten sie ahnen, was da auf die Menschheit zurollt? Wobei sie es ja geahnt haben. Nur das Ausmaß war ihnen unvorstellbar. Sie waren Dilettanten der Zurückhaltung, bescheiden in ihren Visionen, gemäßigt und an einen Ausweg glaubend. Beide Entwürfe, Orwells wie Huxleys Dystopie, gelten heute als mahnende Beispiele; in so einer Welt, so stellt der Leser betroffen fest, möchte er nicht leben. Er möchte in keiner Welt leben, in der bis auf die Haut geröngt wird, in der Krieg Frieden ist, in der personenbezogene Daten gespeichert, in der DNS-Proben entnommen, in der bestimmte Volksgruppen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens generalverdächtigt und überwacht werden. Und sie wollen schon gar nicht in einer Welt sein, in der überall, auf öffentlichen Plätzen, in Kaufhäusern und am Arbeitsplatz, Überwachungskameras alltäglich sind, in der Demonstrationen gefilmt und ausgewertet werden dürfen. Nein, der Leser, sein 1984 fest umklammert, neben sich die schöne neue Welt auf dem Nachtischchen abgelegt, will in so einer Welt nicht leben.

Zurückhaltende Dilettanten? Oh nein, wäre man dreist, müßte man den beiden Granden des niveauvollen Science-Fictions, etwas viel Schlimmeres nachsagen. Man müßte ihnen unterstellen, dass sie das heutige Feigenblatt der Polizeistaatler sind, der bedeckende Mantel der Überwacher, das Ablenkungsmanöver der Scanneure. Dank ihnen erntet diese Gesellschaft nur entrüstete Leser - keine entrüsteten Bürger. Der Überwachungsstaat wurde zum literarischen Stoff entfremdet, der Wirklichkeit enthoben - Orwell und Huxley haben der Realität den Wind aus den Segeln genommen, weil sie sie durch die Phantasie ersetzt haben. Natürlich können sie dafür nichts, aber irgendwen muß man in seiner Hilflosigkeit ja anplärren!

Kein 1984!, rufen die ehemaligen Leser von Orwell; bloß keine schöne neue Welt!, stimmen alle mit ein, die Huxley bevorzugen - und dann bezahlen sie ihre Bücher mit DeutschlandCard und erklären großkotzig, man dürfe sie auf Flughäfen ruhigen Gewissens durchleuchten, immerhin habe man ja nichts zu verbergen. Das ist die Zerrissenheit der hysterischen Gesellschaft, die zwischen kulturellen Werten und aufgestachelten Sicherheitsdenken laviert, die literarische Beispiele ins Feld führt, aber auf dem Feld der alltäglichen Kontrolle die Überwachungsmentalität gar nicht mehr erkennt; die einerseits den gläsernen Menschen verabscheut, andererseits im Namen polizeilichen Denkens aber immer bereit ist, das Gläserne noch einen Schritt, nur noch diesen einen, diesen kleinen, diesen allerletzten Schritt zu erdulden, diesen allerallerletzten Schritt des Zugeständnisses an die Überwacher, nur um demnächst einen weiteren kleinen, einen weiteren allerletzten Schritt mitzugehen. Ein Lavieren zwischen Was ich verdiene, geht niemanden was an! und Ein elektronischer Entgeltnachweis ist sinnvoll!; ein Lavieren zwischen Mein Schlafzimmer ist mir heilig! und Durchsucht die Wohnungen von Sozialschmarotzern!; ein Lavieren zwischen Meine Krankenakte bleibt unter Verschluss! und Arbeitgeber sollten wissen dürfen, welche Krankheiten Bewerbungskandidaten regelmäßig quälen!

Ach George! Ach Aldous! Die hysterische und zerrissene Gesellschaft habt Ihr nicht gewittert. Wie auch? Es ist schon ein Hohn: Da entstammt Ihr einer barbarischen Zeit, in der Weltkriege beinahe auf der Tagesordnung standen, habt den Mord an Millionen, Soldaten wie Zivilisten, Männer wie Frauen wie Kinder, erleben müssen - und dann habt Ihr doch so brav, so zurückhaltend, so gemäßigt in die Zukunft geblickt und Euch die neue, die technologisierte, die unter Kontrollzwang stehende moderne Barbarei nicht imaginieren, Euch die moderne, aufgeklärte, welt- und geschichtserfahrene Gesellschaft nicht in Eure Arbeitszimmer herholen können. Eine Gesellschaft, die derart im Wahn ist, dass kaum mehr ein Ausweg bleibt, eine kleine, unkontrollierte Nische, ein Fünkchen Eskapismus. Ihr habt nichts von dieser Gesellschaft gewusst, die sich etappenweise zupflastert, die sich fröhlich den Beton über den Kopf gießt und dabei auch noch glaubt, wenn alles ausgehärtet ist, mit neuem Elan zur alten Bewegungsfreiheit zurückkehren zu können. Wenn sich die Glaubenden, diese sektiererische Sicherheitsgemeinde, wenigstens für sich alleine zubetonieren würde - aber sie gießt jeden mit in ihr enges, starres, langsam verfestigtes Fundament. Ach George! Ach Aldous! Ihr zwei helft dabei, reicht den Machern aus Euren Gräbern die Hand, ungewollt natürlich, ohne gefragt worden zu sein. Polizeistaat, erklären sie, ist Science-Fiction, feiner Unterhaltungsstoff von Dir, George und von Dir, Aldous - aber in der Wirklichkeit gibt es keine polizeistaatlichen Gruselmärchen, sagen sie arrogant und halten sich den spöttisch lachenden Bauch. Ich bitte Sie, lachen die Polizeistaatler, lesen Sie doch nicht soviel Schund vom Anfang und der Mitte des letzten Jahrhunderts! Das ist doch alles nicht mehr aktuell, damals schien es, als würde sich vieles anders entwickeln!, verbreiten sie. Nicht mehr aktuell? Wie wahr! Wir sind darüber hinaus; wir haben die infantile neue Welt und das kindische 1984 bereits hinter uns...

6 Kommentare:

Tim 7. Januar 2010 um 02:19  

Treib das Prinzip noch etwas auf die Spitze - und schreib dein 2. Buch!

In 20 Jahren schreibe ich dann einen Blog-Eintrag über diesen De Lapuente, der damals zwar die richtige Ahnung hatte, aber alles noch viel zu harmlos darstellte und mit seiner Fiktion den Menschen den Blick für die grausige Realität verstellte.

;-)

Jan Perlak 7. Januar 2010 um 06:35  

Obwohl Huxleys Dystophie älter ist als die von Orwell, beschreibt sie die heutige (und zukünftige) Realität um einiges besser. Und etwaige Abweichungen der Realität von der Dystophie sind nicht etwa darauf zurückzuführen, dass die Eliten bei der Umsetzung des enthumanisierten Kontrollsystems gescheitert sind, sondern dass andere - effizientere Wege - gefunden wurden.

So funktioniert die Indoktrination heute ganz ohne "Brut- und Normzentrale", wie sie am Anfang des Buchs präsentiert wird. Fernsehen, Kino, Musik und andere Medien verbunden mit dem Glauben an eine vermeintliche Freiheit und Pluralität reichen heute aus. Und dass die Menschen nicht herangezüchtet und in Alpha, Beta-, Gamma- und Epsilon unterteilt werden, ist vielleicht garnicht nötig. Einige Menschen werden zur Produktion garnicht mehr benötigt (siehe "Tittytainmeit") und werden daher vom Staat unterhalten und zwangsverwaltet und ernährt (Hartz IV).

Bis jedoch alle Menschen Drogen wie "Soma" nehmen (ausgenommen von dem schon lange existierenden Alkohol), um sich eine andere Realität vorzutäuschen, dürfte noch ein paar Järchen ins Land ziehen. Die Umsetzung dieser Vision scheitert vielleicht noch an phyisikalischen Grenzen.

Heiko 7. Januar 2010 um 14:33  

Ach Roberto,da weckst du mich wieder einmal aus dem unbekümmerten Schlaf.

Ich bin mal dem Link zu "Krieg Frieden" gefolgt und ahnte schon schlimmes: Welt-Online. Es ist mir bewußt das dort eine Menge Auftragsschreiber unterwegs sind, gerade auch bei den Kommentaren. Aber eben nicht nur. Das Ganze erzielt seine Wirkung, weil der Einzelne ja gerne in der Masse aufgehoben sein möchte und übernimmt demzufolge auch die Meinungsmache. Ein dortiger Kommentar ist dermaßen beispielhaft, das mir so ziemlich alles dabei hochkommt:

"Bisher war es Links- und Rechtsextremisten vorbehalten, den Abzug aus Afghanistan zu fordern. Die Umsetzung der Forderung würde extreme Konsequenzen für die weltweite Sicherheitslage haben und für Millionen afghanischer Frauen und Mädchen eine existentielle Katastrophe darstellen (völlige Entrechtung, Ausgeh-, Arbeits-, Lernverbot, Prügelstrafe und sonst. barbarische Strafen bis hin zur Todesstrafe bei kleinsten Vergehen).
Die Ziele der Extremisten sind gleich: die Bundeswehr diffamieren, die NATO zerschlagen und unsere Sicherheit destabilisieren.
Dazu ist jedes Mittel recht, auf die Befindlichkeiten der weiblichen Bevölkerung Afghanistans wird keinerlei Rücksicht genommen.
Die SED-Nachfolgepartei zeigt ihre menschenverachtende und bei Bedarf extrem ausländerfeindliche Substanz. Elementarste Menschenrechte von Ausländern sind nur solange von Interesse wie das der Partei nutzt. Das Leben und die Freiheit afghanischer Frauen und Mädchen sind absolut vernachlässigbar.
Wer den Abzugsforderungen der Extremisten zustimmt unterstützt die Mörder und Frauenunterdrücker. Begriffe wie Betroffenheit, Lichterkette, Frieden und Solidarität sollten sie nie wieder in den Mund nehmen. Die Evangelische Kirche sollte dringend überlegen, ob sie sich von Personen wie Frau Käßmann -nach Deutschen Christen und Kirche im Sozialismus- erneut zu Handlangern von Extremisten machen will."

Anton 7. Januar 2010 um 14:57  

George Orwell 1984 - da fällt mir gerade ein, auf den Straßen und Plätzen findet man derzeit überall großflächige Werbung für die neue "Big Brother"-Staffel. Warum soviel Werbung für ein ausgelutschtes Format - und soviel aufklärerischen Sinn von RTL? Eher werden die Leute durch die dort präsentierte Total-Überwachung abgestumpft, damit die Menschen die reale Existenz eines Überwachungsstaates eher akzeptieren und an sie gewöhnt sind. Predictive Programming nennt man das.

memoon 12. Januar 2010 um 11:59  

Du tust George unrecht (Aldous ist zu lange her, ich erinnere mich nur schlecht). Tim, der erste Kommentator hat Dich auf den Fallstrick Deiner Argumentation hingewiesen. 1984 ist in seiner Drastik nicht zu überbieten. Instrumentalisieren kann man alles, wenn sich ein Dummer findet, der es frisst. Das kann man aber dem Instrument nicht vorwerfen.

Dystopien funktionieren nur, wenn sich der Mensch vorstellen kann, wie es dahin kommen kann.

Wir leben in einer Zeit, in der die Zukunft nichtmehr interessiert, weil wir die Kontrolle verloren haben.

Die Kontrolle zurückzugewinnen, meiner Meinung nach nur möglich, wenn wir die gesellschaftlichen Charakter unserer Reproduktionsbedingungen durchschauen, sollte allen Menschen das höchste Ziel sein - im unmittelbaren und im mittelbaren Umfeld.

philgeland 12. Januar 2010 um 14:33  

Fairerweise muss man anmerken, dass es sich bei beiden Büchern um fiktionale Literatur handelt. Was die Visionen angeht: Nobody is perfect. Die Kernaussagen sind aber nach wie vor gültig, wie ich finde.
Neil Postman hat es mal treffend auf den Punkt gebracht: "In 1984 kontrolliert man die Menschen dadurch, dass man ihnen Schmerz zufügt. In "Schöne Neue Welt" kontrolliert man sie dadurch, dass man ihnen Vergnügen zufügt."

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