Dem Ende entgegen

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu und es folgt ein nächstes, ein anderes, ein neues Jahr; dem Jahresende folgt kein Anfang, es folgen neue Enden. Das weitere Beenden von Solidarität, das Vollenden der Entsolidarisierung, das endgültige Ende von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, das Verenden von Humanität und Nachsicht.

Ein neues Jahr nimmt seinen Anfang und wir verabschieden uns vom zurückgelassenen, vom vergangenen, vom alten Jahr; dem Jahresanfang schritt kein Ende voran, es waren alte Anfänge die vorwegmarschierten. Der ehemals genommene Anfang von Entsolidarisierung, das lange schon angefangene Spiel von Entmenschlichung und verratener Nächstenliebe, das anfangs so erlesene Auftreten getöteten Gemeinsinns und erdolchter Fürsorglichkeit.

Die Ellenbogengesellschaft böllert sich ans Jahresende heran, donnert, schießt, läßt es knallen, krault den Zeitgeist vermöge Kriegsgeräusche liebevoll am Kinn, rattert und schnalzt wie ein rostiges Schießeisen in neue Zeiten, in verendete Zeiten. In Zeiten des Erschießens und Erdrosselns wird sich vorangeschossen, sich eingeschossen auf dicke Enden. Auf Enden, die wie Naturgewalten über uns gestülpt, die nicht hinterfragt werden, weil Katastrophen kommen und gehen wie sie wollen und nicht wie wir es gerne hätten.

Die über Leichen wandelnde Gesellschaft blickt knallend dem Jahresanfang entgegen, feuert, pulvert, läßt es schmettern, tätschelt dem Zeitgeist durch Kriegskulisse gefühlvoll das Haupt, dröhnt und pafft wie eine rostzerfressene Knarre alten kriegerischen Zeiten zur Ehre. Zeiten zur Ehre, in denen erschossen und erwürgt, in denen Attentate auf jeden noch so kleinen aufklärerischen Anflug verübt wurden, in denen das Ende seinen Anfang nahm. Anfänge, die wie Flutwellen und Sturmböen über uns kamen, die nie angezweifelt wurden, weil Unglücke eben kommen und gehen wie sie wollen und nicht wie wir es gerne hätten.

Das Jahresende ist kein neuer Anfang! Oh nein, es ist das Fortfahren ins Ende, zum Endpunkt, ins schrittweise Endgültige; ist die sukzessive Vollendung längst befürchteter Tatsachen. Das Verenden von Sozialstaat, von solidarischem Gemeinwesen, das Verenden von Verständnis und Rücksichtnahme, das endliche Vorankommen derer, die seit Jahren und Jahresenden eine solche enthumanisierte Gesellschaft wünschen und säen.

Der Jahresanfang ist nicht des Alten Ende! Nein, ganz sicher nicht, es ist das Weiterrudern in längst vollzogenen Anfängen, in angefangenes Drangsal. Das schrittweise Ausbauen anfänglicher Ideen, wie der Abbau von Sozialstaat und Solidarwesen, das schon anfangs in Kauf genommene Zertrümmern von Einfühlungsgabe und Respekt, das Voranschreiten derer, die damit angefangen haben, jahrelang ein derart entmenschlichtes Miteinander zu fordern und zu entfesseln.

Wenn Enden wie Anfänge riechen und Anfänge nach Ende stinken: wo setzt man dann einen Wegstein? Ist dann der letzte Tag des Jahres, festgelegt in einer montierten und menschgemachten Zeitenskala, ist dann Silvester feiernswert? Heute endet Altes und gleich danach beginnt Neues - Altes, das neuer Grausamkeit gleicht; Neues, das wie alte Barbarei wirkt. Und weil dem so ist, bleibt alles wie immer - nur ein bisschen schärfer, schlimmer, hoffnungsloser vielleicht. Wenn das neue Jahr so beschissen bleibt wie das alte, dann sollten wir uns glücklich schätzen - das bedeutet Optimismus in Zeiten der Pest und der Cholera!

21 Kommentare:

Tim 31. Dezember 2009 um 03:02  

"Wenn das neue Jahr so beschissen bleibt wie das alte, dann sollten wir uns glücklich schätzen - das bedeutet Optimismus in Zeiten der Pest und der Cholera!"

Wirtschaftswissenschaftler, Analysten, Politiker, Unternehmer und selbst die Gewerkschaften sind sehr optimistisch gestimmt, weil die große katastrophe der Krise (bis jetzt) nicht ganz so schlimm wurde wie erwartet.
Wenn es im Sommer 2010 noch einen Sozialstaat gibt, dann sollten wir auch sehr optimistisch sein, weil alles nicht schlimm kam wie erwartet. ;-)

Anonym 31. Dezember 2009 um 06:37  

Ich frage mich immer war es wirklich mal besser? Man neigt dazu, die gute alte Zeit zu verklären. Aber es war wohl tatsächlich mal besser! Aber warum war es besser? Waren die Menschen besser? Oder waren es nur die wirtschaftlich relativ problemlosen Zeiten, die es besser sein ließen?

Natürlich hätte man es und könnte man es in den schlechteren Zeiten vermutlich auch menschlich gestalten.

Aber es ist nicht der Fall! Die erste wirkliche wirtschaftliche Dauerkrise der Nachkriegszeit hat zu totaler Enthumanisierung geführt.

Ist das spezifisch für Deutschland, oder ist es in allen westlichen Gesellschaften hinsichtlich der Solidarität mit den Erwerbslosen so unmenschlich wie in Deutschland?

Und was bedeutet das dann allgemein?

Heißt das nicht, das der Durchschnittsmensch nun einmal so ist, das er in einer wirtschaftlichen Dauerkrise die Menschlichkeit über Bord wirft.

Dann bräuchten wir uns keine Hoffnung mehr zu machen!

Und welche Menschlichkeit existierte zuvor? Existierte sie rein zufällig, weil die Zeiten nicht so schwierig waren, einfach nur deshalb weil mehr zu verteilen war und man nicht so genau drauf achten mußte?

Einerseits helfen Menschen sich in Not ganz besonders. Aber das scheint nur ganz spezielle, extreme Notlagen zu gelten.

Für wirtschaftlich schwierige Zeiten, in denen im Grunde trotzdem der gesamtgesellschaftliche Reichtum noch steigt, aber bestimmte Menschen nicht mehr erreicht, gilt das leider nicht.

Wenn das allgemeinn so ist, Dann würden moralische Appelle nie helfen.

Dann würde nur noch eine bessere Bildungpolitik helfen, die mehr Menschen qualifiziert, damit sie wieder aus eigener Kraft teilnehmen können.

Die Umgang mit der Erwerbslosigkeit ist derzeit i. w. ein ethisches Problem und wird es vielleicht in Zukunft auch bleiben, aber die Erwerbslosigkeit ist natürlich auch ein ökonomisches Problem.

Eine nachfrageorientierte Politik als Alternative zur perverserweise so genannten "angebotsorientierten" wird die Lösung nicht bringen.

Bernd Kudanek 31. Dezember 2009 um 09:09  

Lieber Roberto,

Deine Gedanken zum Jahreswechsel sind bei weitem das Beste, was ich seit langem gelesen habe! Besonders der erste einleitende Absatz. Deiner Analyse und dem Fazit möchte ich gerne in fast allem zustimmen. In nur "fast" allem deshalb, weil mir darin die Botschaft des Widerstands, des Ankämpfens gegen Unrecht und Ungerechtigkeit etwas zu kurz kommt bzw. fast gar nicht zu entdecken ist.

Dabei ist kämpferischer Widerstand gegen das menschenverachtende Sytem des Beendens von Solidarität, des Vollendens der Entsolidarisierung, dem womöglich endgültigen Ende von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, dem augenscheinlichen Verenden von Humanität und Nachsicht - kurz: gerade der wortmächtige und damit wirkungsvolle - weil Sandkorn um Sandkorn zerstören letztendlich jedes noch so titangehärtete (Macht-)Getriebe - Kampf gegen all diese Menschenfeindlichkeiten ist doch Dein (und unser!) Markenzeichen!

Kürzlich las ich einen Offenen Brief von Yossi Wolfson, einem israelischen Menschenrechtsanwalt, an die deutsche Linke, der mich sehr berührt hat, vor allem sein Satz: "Ich tue, was Linke tun: Ungerechtigkeit bekämpfen." Dieser Satz hat mich so sehr beeindruckt, daß er jetzt als Signatur unter meinen Beiträgen in meinem Forum steht. Sein Offener Brief ist übrigens nachzulesen unter http://www.carookee.com/forum/freies-politikforum/2/25525770#25525770

Im Sinne von "Ich tue, was Linke tun: Ungerechtigkeit bekämpfen" wünsche ich Dir und allen LeserInnen auch im neuen Jahr Mut und Kraft zum ruhig kämpferischen Widerstand gegen Unrecht und Ungerechtigkeit!

Bernd Kudanek 31. Dezember 2009 um 09:48  

Nachtrag:

den ersten Satz meines obigen Kommentars möchte ich wie folgt vervollständigen:

"Lieber Roberto,

Deine Gedanken zum Jahreswechsel sind bei weitem das Beste, was ich seit langem an NEUJAHRS-BETRACHTUNGEN gelesen habe! ..."

Roberto J. De Lapuente 31. Dezember 2009 um 09:49  

Lieber Bernd,

der Nachtrag war nötig, sonst wäre ich erschrocken! Denn wenn das schon das Beste wäre... ich möchte alles andere nicht lesen müssen!

pillo 31. Dezember 2009 um 09:50  

Vor genau einem Jahr hatte ich tatsächlich noch ein wenig Hoffnung auf Besserung, sprich einen gesellschaftlichen Wandel hin zum Positiveren. Ja, ich hatte die Hoffnung, daß die so genannte Wirtschaftskrise viele Menschen zum Innehalten und Nachdenken! bringen würde. Ja, ich hatte tatsächlich eine zeitlang die irrige Hoffnung, daß vielen Mitmenschen doch nun langsam einmal die Augen aufgehen müßten und sie erkennen würden, daß es ein weiter so nicht geben kann - nicht geben darf!

Da habe ich wohl die Mehrzahl meiner lieben Mitbürger über- und die Systembetreiber unterschätzt. Wer sich von Abwrackprämie und/oder Kurzarbeitergeld blenden läßt und die schlimmsten Pyromanen per Wahl auch noch zu Feuerwehrleuten bestellt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Der hat das, was nun kommt, auch nicht anders verdient. Das Schlimme ist nur, das auch unsereins den sich seit langem anbahnenden Wahnsinn ertragen muß, obwohl man ihn nie wollte und schon seit Jahren (meist ergebnislos) versucht, seinem Umfeld die Augen zu öffnen und vor den sich vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklungen zu warnen.

Mir jedenfalls hat das nun zu Ende gehende Jahr wieder ein Stück Hoffnung und Glaube an meine Mitmenschen geraubt. Wenn es das Internet mit blogs wie diesen nicht gäbe, hielte ich mich wahrscheinlich mittlerweile selber schon für einen sonderbaren, weltfremden Spinner.

maguscarolus 31. Dezember 2009 um 11:51  

@Anonym

Ist das spezifisch für Deutschland, oder ist es in allen westlichen Gesellschaften hinsichtlich der Solidarität mit den Erwerbslosen so unmenschlich wie in Deutschland?

In diesem Deutschland haben wir seit mehr als 20 Jahren eine gnadenlose Lohn-und Preisdrückerei, die den Binnenmarkt lähmt, und alles nur, um als "Exportweltmeister" mit Ländern wie China Weßrussland usw. mithalten zu können. Wohin das führt kann man am Beispiel Japans studieren. Und sogar in China setzt das Kapital mittlerweile schon auf mehr Automatisierung, um die steigenden Lohnkosten auszugleichen.

Wie unendlich bescheuert ist dieses ganze Wirtschaftssystem, das den Menschen nur als Problem und nicht als Focus aller wirtschaftlichen Anstrengungen wahrnimmt.

Anonym 31. Dezember 2009 um 12:21  

Hallo Roberto. Darf man den Text ohne Probleme als Kommentar setzen? Urheberrecht? Aber Platon ist schon lange tot. Seine Dialoge passen aber noch Heute:

Zitat Anfang:

Über die Demokratie

SOKRATES: Wir müssen nun noch die beste Regierungsform untersuchen, Sehen wir also, lieber Freund, wie sich eine tyrannische Regierung bildet. Hier gilt an erster Stelle, es ist augenscheinlich, daß sie ihre Entstehung der De-mokratie verdankt.

ADIMANTES: Wieso?

SOKRATES: Was man in der Oligarchie als das höchste Gut ansah, was sogar die Ursache für das Entstehen dieser Regierungsform war, das ist ein Übermaß an Reichtum, nicht war?

ADIMANTES: Ja.

SOKRATES: Und wodurch sie zugrunde gerichtet wurde, das war das unersättliche Verlangen nach Reichtum und die Gleichgültigkeit für alles andere, welche die Habgier einflößt.

ADIMANTES: Das ist war.

SOKRATES: Wird aus dem gleichen Grund nicht auch dem demokratischen Staat das unersättliche Verlangen nach dem, was er für das höchste Gut hält, zum Verderben gereichen?

ADIMANTES: Und welches wäre dieses höchste Gut?

SOKRATES: Die Freiheit! Du wirst in der Tat in einem demokratischen Staat von allen Seiten hören, daß die Freiheit das kostbarste aller Güter sei und daß aus diesem Grunde allein in solchem Staat ein frei geborener Mensch würdig leben könne.

ADIMANTES: In der Tat hört man das sagen.

SOKRATES: Ist es nicht diese bis zum Exzeß getriebene Freiheitsliebe, begleitet von einer extremen Gleichgültigkeit für alles andere, was die Regierung verändert und dazu führt, daß sie einen Tyrannen braucht?

ADIMANTES: Wieso?

SOKRATES: Wenn ein demokratischer Staat, der von Durst nach Freiheit verzehrt wird, an seiner Spitze schlechte Mundschenke findet und er die Freiheit ganz rein trinkt, bis er sich daran berauscht, wenn dann seine Lenker ihre Nachgiebigkeit nicht so weit treiben, daß sie ihm jede Freiheit geben, die er verlangt, dann wird er sie anklagen und als Verräter züchtigen, weil sie nach der Oligarchie strebten.

ADIMANTES: Das tut er in der Tat. Er behandelt alle, die noch Achtung und Gehorsam gegenüber den Behörden haben, mit äußerster Verachtung. Er wirft ihnen vor, minderwertige Leute und freiwillige Sklaven zu sein.

SOKRATES: Ja, mein lieber Freund, da ist nun mal so, daß von dieser jungen und schönen Regierungsform die Tyrannis ihren Ausgang nimmt, wenigstens, wie ich denke.

ADIMANTES: Aber was wird danach kommen?

SOKRATES: Dieselbe Geißel, die in der Oligarchie zutage getreten ist und sie zugrunde gerichtet hat, wird stark und stärker zugunsten einer allgemeinen Zügellosigkeit und richtet auch den demokratischen Staat zugrunde und verwandelt seine Freiheit in eine Sklaverei. Denn das Wort ist wahr, daß ein Extrem regelmäßig das entgegengesetzte Extrem auslöst. Das gilt so beim Wetter, in der Pflanzenwelt, in unseren Körpern und erst recht bei den Staaten.

ADIMANRES: Das soll wohl so sein.

SOKRATES: So muß ein Übermaß an Freiheit sowohl für den einzelnen wie für den Staat ihn in ein Übermaß von Sklaverei bringen. Daraus ergibt sich die notwendige Schlußfolgerung, daß die Tyrannis bei keiner anderen Regierungsform Platz greifen kann als bei einer Volksregierung, daß heißt, daß auf die extremste Freiheit der absoluteste und intoleranteste Despotismus folgt.

ADIMANTES: Auch das wird so sein müssen. Das ist der Gang der Dinge.

Zitat Ende!

Und wir sind schon lange, sehr lange auf dem Weg in die Diktatur des Kapitals. (Also der Besitzer des Geldes) Jeder hat seinen Preis, bei mir hat es bisher keiner versucht mich zu kaufen!

Anonym 31. Dezember 2009 um 12:22  

Deswegen ist der Kampf gegen die neoliberale Ideologie so wichtig, und wir sollten uns nicht unterkriegen lassen von diesen vermeintlichen neoliberalen Alpha-Tieren.

Maggy Merkels, und G. Westerwelles, Ideologie widerspricht diametral der menschlichen Natur....

...weiterverbreiten...

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Alexander Tetzlaf 31. Dezember 2009 um 13:46  

Neues Jahr? Neues Jahrzehnt! -nach einem verschenkten eben solchem. Machen was draus!

http://www.egon-w-kreutzer.de/Ressourcen/Freimut_Kahrs_2010.pdf

Anonym 31. Dezember 2009 um 14:16  

Roberto, wir müssen KÄMPFEN und dürfen nicht in Selbstmitleid baden !

Überlege Dir doch bitte, was für einer Propaganda die Menschen ausgesetzt sind. Es wäre doch naiv zu glauben, dem könne ein "Normalbürger", der sich nur für sein eigenes kleines Umfeld interessiert, einfach so widerstehen. Die meisten Menschen sind meiner Ansicht nach gut, aber leider auch schwach. Aber es brodelt schon im Volk! Überall Unzufriedenheit und teilweise blanker Hass gegen "die da oben".

Ich bin überzeugt davon, dass die marktradikale Bande über kurz oder lang abgewirtschaftet hat - die halten das Volk doch für völlig meschugge und sehen in ihrer unglaublichen Arroganz nicht, dass es gärt! In den Umfragen sind die meisten GEGEN den Krieg in Afghanistan, FÜR einen Mindestlohn, FÜR eine umlagefinanzierte Rente, GEGEN die Kopfpauschale usw. und dass OBWOHL sie einer ständigen Propaganda ausgesetzt sind!

Wenn die sog. "Mittelschicht" 2010 ihre Jobs und ihren kleinen Wohlstand verliert und das in einem solchen Ausmaß, dass es nichts mehr bringt, Arbeitslosenstatistiken zu frisieren, dann rummbst es gewaltig in Deutschland. Die Französische Revolution ging auch nicht von den Armen und Unterdrückten aus, sondern vom Bürgertum!

Kopf hoch und Brust raus Roberto! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!

Liebe Grüße

Andrea

maguscarolus 31. Dezember 2009 um 21:00  

@Andrea
Wenn die sog. "Mittelschicht" 2010 ihre Jobs und ihren kleinen Wohlstand verliert und das in einem solchen Ausmaß, dass es nichts mehr bringt, Arbeitslosenstatistiken zu frisieren, dann rummbst es gewaltig in Deutschland. Die Französische Revolution ging auch nicht von den Armen und Unterdrückten aus, sondern vom Bürgertum!

Es ist völlig richtig, dass eine soziale "Erneuerung" in Deutschland nur vom Bürgertum ausgehen kann, und dass es diesem dafür noch nicht dreckig genug geht. Nur wer wenigstens eine Ahnung vom Ausmaß des Betruges hat, dem die Solidarsysteme hier zu Lande zum Opfer fallen wird auch den Zorn aufbringen, dagegen etwas zu organisieren. Ich hatte in diesem Sinne von der neuen Studentenbewegung mehr erwartet.

Bernd Kudanek 1. Januar 2010 um 08:16  

Prosit Neujahr, lieber Roberto!

Deine Neujahrs-Betrachtungen halte ich für so ausgezeichnet, daß ich sie anderen LeserInnen nicht vorenthalten wollte. Deshalb habe ich sie der Online-Zeitung "scharf-links" als Artikelvorschlag gesendet - und - sie haben's gebracht! :-)))

Schau mal hier rein: http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=8166&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=1c3b84a061

Diese Nachricht ist eigentlich als private Mail an Dich gedacht, sie dient also weniger dazu, veröffentlicht zu werden. Doch tu, was D' magst. :-)))

Anonym 1. Januar 2010 um 11:37  

@ Andrea et al:

"Wenn die sog. "Mittelschicht" 2010 ihre Jobs und ihren kleinen Wohlstand verliert"

Manchmal frage ich mich, ob es die sog. Krise überhaupt gegeben hat, sie nicht viel mehr ein gerissener Coup der sie (un)bewusst initiierenden Eliten- und Möchtegerneliten-Herde war, um von langsam aber sicher errötenden Auftragsbüchern, roten Bilanzergebnissen, usw. abzulenken und eben Staatshilfen, Kurzarbeitergeld, usw. zu kassieren zu können und Lohnverzichte durchzusetzen und angesichts eines natürlich verlangsamten Wachstums das (Prämien)Gesicht nicht zu verlieren.

Sicher, es gab viele Verlierer dabei, die nicht in den Statistiken auftauchen und ganz real betroffen waren und sind, z. B. Erwerbstätige in Kurzarbeit und frische Erwerbsarbeitslose und deren Familien und auch kleinere Zulieferbetriebe. Für mich ist es dabei übrigens nicht durchschaubar, welches Unternehmen wirlich betroffen war oder sich nur drangehängt hat.

Wäre es ohne die sog. Krise anders gekommen?

In den Medien wechseln sich die miraculösen Vorhersagen von "nahendem Aufschwung" bis hin zu einer "längeren Durststrecke".
Träte auch letztere nicht ein, wäre das Volk so erleichtert, dass es die Politik(erInnen) dann als erfolgreich wähnt und feiert, Wiederwahlen gesichert wären, usw..

Das konstruierte Übel wäre abgewendet, die eigentlichen Ursachen (z. B. Deregulierung, tunnelblickfördernde Prämiensysteme auf allen Hierarchieebenen in Unternehmen, Lohndumping auch durch Minijobs, Ehrenamt, Leiharbeit, usw.)) immer noch nicht angegangen - aber nur wenige würden sich daran noch stören ... denn es hätte ja noch weitaus schlimmer kommen können.

Prognose: Der wirkliche, echte Knall kommt erst noch, aber erst nach einer kurzen Phase der Konsolidierung und vermutlich nicht schon 2010, da die Ursachen ja kaum angegangen wurden, weil die Politik bzw. viele PolitikerInnen erpressbar und häufig selber gierig nach Folge- oder Nebenjobs sind und Angst vor noch mehr Arbeitsplatzabbau hat.

Oder wie würden sich Schüler mit schlechten Zensuren verhalten und entwickeln, denen man verspricht, die Fünfen und Sechsen in eine Bad-Noten-Bank zu deponieren und entsprechend die Statistk der Schulergebnisse schönt, damit Deutschlands Schulen auf einem oberen Platz der Hitliste landen und Politik und Schulen (also Unternehmen) als erfolgreich gelten können?
Ein bisher funktionierendes Zusammenspiel, weil BürgerIn z. B. durch Informationsüberflutung abgelenkt und durch Stress im Job, lange Pendelwege, selbst eingegangene Ratenkredite, zunehmendem Wissen, aber abnehmender Bildung, usw. isoliert ist.

maguscarolus 1. Januar 2010 um 17:48  

@Anonym
In den Medien wechseln sich die miraculösen Vorhersagen von "nahendem Aufschwung" bis hin zu einer "längeren Durststrecke".

Es ist eine gängige Methode der Meinungsmache, die Befürchtungen und Zukunftsängste der kleinen Leute durch sich widersprechende Nachrichten - oft auf derselben Seite - zu neutralisieren: "was soll man eigentlich noch glauben? - glaubt man halt, was einem angenehmer ist."

Was den realen Charakter der Krise angeht, so stellt sich mir die Frage, ob nicht das Geld selber als "Realität" am meisten eingebüßt hat.

Anonym 1. Januar 2010 um 19:00  

"[...]Prognose: Der wirkliche, echte Knall kommt erst noch, aber erst nach einer kurzen Phase der Konsolidierung und vermutlich nicht schon 2010, da die Ursachen ja kaum angegangen wurden, weil die Politik bzw. viele PolitikerInnen erpressbar und häufig selber gierig nach Folge- oder Nebenjobs sind und Angst vor noch mehr Arbeitsplatzabbau hat[...]"

Hoffen wir, dass der Knall dennoch bald kommt, die "Elite" - z.B. Mr. Leiharbeit Clement - kommt mir nämlich immer mehr vor wie die "Elite" um Ludwig XVI kurz vor der Französischen Revolution.

Übrigens, ich muss mich korrigieren, ich hielt meine Mitbürger in Deutschland immer für "Untertanen" und Revolutionsfaul, aber nach einer neuen Untersuchung ist da nix dran. Wir brauchen etwas länger als andere Länder, dass mag stimmen, aber ewig lassen wir uns auch nicht ver.... und wenn der große Knall kommt, in Deutschland, dann aber richtig. Beispiele gibt es mehr als genug, dass auch in Deutschland Aufstände gegen Unterdrückung stattfanden - Die "Eliten" halten dies aber von den Kindern im Geschichtsunterricht fern, da dies nur den revolutionären Geist - bei dem ein- oder anderen - bestätigen dürfte.

Was Frankreich angeht, da geht der Mythos von der Nation der Großen Französischen Revolution ja leider zu Sarkozys Zeiten auch wieder in Richtung Bonarpartismus.

Vergessen darf man auch nicht, es gab in Frankreich auch schon ein faschistisches Vichy, dass ganz ohne dt. Beeinflussung Faschismus lebte - als nicht-besatzter Teil Frankreichs.

Die Grausicht wäre hier wohl richtig:

Weder ist Frankreich immer das Land der Aufstände und Revolutionen gewesen noch ist Deutschland immer das Land von Preußentum und Untertanengeist gewesen.....

Das macht Hoffnung, dass auch die Neoliberalen in Deutschland bald Gegenwind spüren dürften....zumal die im neoliberalen Elfenbeinturm immer wieder meinen ihre "Reformen" hätten was gebracht, für alle, und wären daher "alternativlos"....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Andreas 1. Januar 2010 um 23:47  

Ich lese hier immer vom Kämpfen gegen diesen Irrsinn. Wer kämpft denn? Und wo? Und mit welchen Mitteln?

Die "marktradikale Bande" mag irgendwann abgewirtschaftet haben. Das Problem ist jedoch, dass sie, bis es soweit kommt bzw. wenn es überhaupt soweit kommt, die Gesellschaft mehr oder weniger zugrunde gerichtet hat. Jedenfalls dann, wenn man wartet, bis diese Form des Marktradikalismus ihr "natürliches Ende" erreicht hat. Denn wie man an der aktuellen Wirtschaftskrise sieht, scheuen sich die Staaten nicht, gigantische Geldsummen aufzubringen, um den Status Quo erhalten zu können.

Nein, also solange der "Kampf" in Internetforen und Blogs stattfindet, wird sich nicht sehr viel ändern. Zumal Blogs wie dieser nur eine gewisse, an sozialpolitischen Fragen interessierte Minderheit erreicht.

Die große, tumbe Masse hört nichts, sieht nichts und sagt nichts. Und auf einen "großen Knall" würde ich weder warten noch auf sein Eintreten hoffen. Denn der langsame Abstieg einer Gesellschaft mit all den zersetzenden Einflüssen macht mürbe. Und sowas fördert Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit. Da knallt nichts mehr. Es sei denn, es kommt extrem schlimm. Aber das wird es nicht, denn davor haben die selbst ernannten Eliten Angst.

Anonym 2. Januar 2010 um 01:32  

"[...]Ich lese hier immer vom Kämpfen gegen diesen Irrsinn. Wer kämpft denn? Und wo? Und mit welchen Mitteln?
[...]"

Und? Wenigstens gibt es hier noch Menschen, die sich Kants Motto zunutzen machen - auch außerhalb des Netzes. Welches? Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Eine Tugend, die nicht einmal mehr bei CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNEN vorhanden ist, aber im Volk dennoch schon.

Was genau daran paßt Ihnen nicht?

Mfg
Garibaldi

Andreas 2. Januar 2010 um 16:57  

Was genau mir darin nicht passt? Sich des eigenen Verstandes zu bedienen kann nur ein erster, wenn auch wichtiger Schritt sein. Wenn daraus keinerlei Konsequenzen folgen, dann wird es eben nicht zum Kampf gegen die herrschenden Zustände kommen, wie auch immer der aussehen mag. Es wird keinen "Knall" geben. Es wird einfach gar nichts geben.

Oder ist der Begriff "Kampf" lediglich eine Metapher und meint das sich-auskotzen in Foren und Blogs? Falls das so ist, dann zeigt das die Zweischneidigkeit des Internets: auf den ersten Blick eine tolle Plattform für engagierte Menschen, eine gute Möglichkeit der Aufklärung, auf den zweiten Blick verpufft auf diese Weise eine Menge Wut, indem man einfach, allein vor dem PC sitzend, seinen ganzen Frust nieder schreibt. Ich bin an anderer Stelle einmal auf die meiner Meinung nach bestehende Wirkungslosigkeit von Demonstrationen eingegangen. Das Internet setzt in dieser Hinsicht noch einen drauf.

Anonym 2. Januar 2010 um 19:07  

@Andreas

Ihre Sicht der Dinge, ich seh's nach wie vor anders, auch wenn ich Ihnen - jedoch nur teilweise - zustimme.

Blogs wie z.B. Nachdenkseiten haben schon einiges bewegt, und Protest muß nicht immer in Gewalt ausarten.

Wohin dies in der Demokratur Deutschland führt, dass hat Merkel ja in Heiligendamm gezeigt.

Putin verbat sich eine Einmischung in russische Angelegenheiten hinsichtlich Demonstrationsfreiheit - seine Aussage: "Frau Merkel Sie sind auch nicht besser."

Und wer, wenn nicht 2 Anti-Demokraten, die sich gegenseitig deswegen kritisieren ist der beste Beweis dafür, dass Protest eben doch etwas bewirkt?

Mfg
garibaldi

Andreas 3. Januar 2010 um 23:53  

Bitte nicht missverstehen: ich bin keinesfalls für die Anwendung von Gewalt. Ziviler Ungehorsam, das wäre eher etwas, das ich mir wünschen würde. Ich wäre für ein breites Aktionsbündnis von engagierten Menschen, um neue Protestformen nicht nur zu diskutieren, sondern auch um entsprechende Handlungsvorschläge zu erarbeiten, die dann auch umgesetzt werden.

Was passiert statt dessen? Es werden Eitelkeiten gepflegt. Es wird an Aktionen nicht teilgenommen, weil sie nicht aus eigener Feder sondern von "den anderen" stammen. Die Gewerkschaft X vermeidet einen Hinweis auf eine Großdemo (ich bin immer noch der Meinung, die bringen es nicht, aber immerhin) auf ihrer Webseite, weil die Initiatoren von Gewerkschaft Y sind und Gewerkschaft Y bereits etwas eigenes in Planung hat. So wird das nichts.

Aber immerhin sind in dieser Hinsicht bereits Verbesserungen in Sicht. Was jetzt noch fehlt, ist die Mobilisierung der Betroffenen. Und das ist leider sehr schwer.

Aus den Einsichten, die z.B. die nachdenkseiten oder auch Blogs wie dieses liefern, müssen letztlich Handlungen folgen. Handlungen - keine Gewalt. Aber wenn das nicht passiert, dann ist das für die Katz'.

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