Mantel oder Kürbis?

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Halloween mehrt seit Jahren seinen Anspruch, auch als eine Festlichkeit der Deutschen zu gelten. Mehr und mehr findet dieses Fest Einzug in den Kalender der hier lebenden Menschen - und dies, obwohl es keinerlei Tradition gibt, auf die sich dieses Fest stützen könnte. Eine andere Festlichkeit schwindet währenddessen, wird verstärkt ausgehöhlt oder einfach verworfen - der Martinstag. Dass ein Fest obsiegt, während ein anderes ins Hintertreffen gerät, ist natürlich kein einzigartiges Phänomen, zumal die beiden erwähnten Festtage zeitlich eng zusammenfallen. Und wenn man bedenkt, dass es beispielsweise im Ingolstädter Raum Kindergärten geben soll, die ganz basisdemokratisch die Kinderchen fragen, ob sie denn lieber dem Heiligen Martin huldigen oder um einen Kürbis tanzen wollen, dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, dass der Martinstag langsam aber sicher zum Relikt anderer, vergangener Tage wird.

Welche Wahl man den Kindern läßt ist einfach zu erläutern - es ist die Entscheidung zwischen Maskenball und Unmengen von Süßigkeiten oder Laternenbasteln und singendes Wandern durch einen kalten Novemberabend. Man könnte es auch philosophischer zur Auswahl bereiten: Es ist der Widerstreit zwischen plumpen Materialismus und zwischenmenschlichem Idealismus. Oder wenn wir die Terminologie Erich Fromms heranziehen: Eine Auseinandersetzung zwischen der Charakterstruktur des Habens und des Seins. Dass der kindliche Egoismus, der in dieser Phase des Lebens freilich notwendig ist, sich für das Haben entscheiden wird, d.h. für Süßigkeiten und Freude durch Verkleidung, ist nicht weiter verwunderlich. Die Kritiklosigkeit der Eltern und Erzieher zeichnet aber ein treffendes Gemälde dieser Gesellschaft.

Stellen wir die beiden Festlichkeiten einmal gegenüber: Auf der einen Seite haben wir als Grundlage das Teilen, das Abgeben, das Entbehren. Martin teilt seinen Mantel mit einem Frierenden; er teilt, weil er seinen Nächsten nicht in den Kältetod entschlummert wissen will. Er klammert sich nicht an seinen Besitz, sondern gibt ab, läßt teilhaben an seiner Besserstellung. Stattdessen auf der anderen Seite: Man überrumpelt einen Menschen, klingelt bei ihm, läßt ihn wissen, dass er nun Süßes rauszurücken habe - tut er dies aber nicht, darf er mit Saurem rechnen. Dabei wird nicht gefragt, ob die Person, die man gerade mit Erpressung nötigt, überhaupt die Mittel zum Abgeben hat. Während Martin nicht fragt, was der Obdachlose für ihn tun kann, falls er ihm ein Stück seines Mantels reicht, wollen die kindlichen Rabauken bezahlt sein, wollen eine Gegenleistung dafür, friedvoll zu bleiben, wollen "Schutzgeld" in ihrem Beutel sehen. Bei Martin lernen die Kinder Selbstlosigkeit, an Halloween das "Prinzip der Gegenleistung"; Martin lehrt Rücksichtnahme, "der Kürbis" Ansichnahme. Während Martin alleine mit seiner praktizierten Mitmenschlichkeit steht, er einer jener seltenen Menschen ist, die nicht blind am Notleidenden vorbeigehen, treten die kindlichen Erpresser in der Gruppe auf, sind durch ebendiese stark genug, um rücksichtslos und ignorant loszuschlagen - hier Stärke im Alleinsein, dort Stärke durch entfesselte Gruppendynamik.

Die Halloween-Praktik paßt in unsere Zeit, in unsere Gesellschaft wie die Faust aufs Auge. Während wir den Kindern einmal im Jahr einen solchen zügellosen Freiraum lassen, scheint in der Welt der Erwachsenen der Halloween-Geist losgebrochen zu sein. Es ist eben nicht nur der kindliche Egoismus, der mehr Freude an Halloween als am Martinstag entstehen läßt, sondern auch die Tatsache, dass ersteres Fest einfach besser ins Hier und Jetzt paßt. "Süßes oder Saueres!" könnte auch "Lohnkürzung oder Arbeitsplatzabbau!" heißen; oder "Integration oder Ausweisung!"; oder in ganz misanthropischer Form "Arbeit oder Hunger!"; und in weltpolitische Formel gegossen: "Erdöl oder Krieg!". Dies sind die üblichen Erpressungsverhältnisse, die man dann mit Sachzwängen abstrakt rechtfertigen will. An Halloween legt man das Fundament einer solchen Weltsicht - nur im Kleinen freilich, nur begrenzt und mit kindlicher Naivität gewürzt, aber doch in einer solchen Weise, dass auch den Kindern klar wird, dass man mit Erpressung und unfreundlicher Miene, grußlosem Verhalten, dreisten Sprüchen etc. zum materiellen Erfolg kommt. Verziehung die man als Erziehung tituliert!
Im Gegenlicht steht da dann der Heilige Martin - wenn man ihn überhaupt noch zur Kenntnis nimmt -, der abgibt und am Ende mit weniger dasteht als ursprünglich. Aber, und das unterschlägt die materielle Gesinnung gerne, an diesem Weniger nicht leidet, sondern bereichert ist, weil er die Bande des Miteinander geknüpft hat, weil sein Teilen ein Akt nicht nur des Gebens war, sondern auch ein solcher des Entgegennehmens - die Hilfe ist für Martin nicht nur ein Akt des Weggebens, sondern ein Zustand der angenommenen Mitmenschlichkeit.

Das Schwinden des Martinstag zugunsten von Halloween ist sicherlich keine isolierte Erscheinung, sondern geht Hand in Hand mit der geistig-moralischen Umstrukturierung unserer Tage, in denen Nehmen seliger denn Geben ist. Wir zeigen unseren Kindern sowieso schon viel zu häufig, dass nur das Materielle von Bedeutung ist, man sich vorallem am Haben zu orientieren habe. Der Sozialarbeiter ist nichts, aber der Rechtsanwalt alles - solche Einteilungen lehren wir schon unsere Kinder. Und an Halloween zeigen wir ihnen, wie man es zu was bringt in dieser Welt, während es der Heilige Martin, dieser armselige Trottel, zu nichts gebracht hat, weil er aus seinem Mantel nicht zwei oder drei machen konnte, sondern diesen auch noch halbierte.

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Danke, lieber Gerhard...

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Wir sind entrüstet! Da gratuliert der amtierende SPD-Vorsitzende dem ehemaligen Bundeskanzler für seine gute Arbeit, für die gute Zeit, die er den Menschen und unserer Demokratie beschert hat, und keiner von uns durfte sich dabei zu Wort melden. Dabei hätten wir soviel zu sagen, hätten unsere Gratulationen mit wahllosen Erlebnissen und Anekdötchen dieser ach so guten Zeit anzureichern, so dass eigentlich wir - und nur wir! - die wahrhaftigsten Gratulanten wären, wenn man uns nur ließe. Während der derzeitige SPD-Vorsitzende nur vom Schreibtisch aus, weit entfernt also vom herrlichen Wirken der schröderianischen Arbeit, herumphantasiert, kennen wir die Wirkungen haargenau, die uns unser Väterchen Deutschland, nun im Auftrage von Mütterchen Rußland, geschenkt hat. Auch wir wollen uns für diese köstliche Zeit bedanken, wollen dem Großen Vorsitzenden herzlichste Gratulationen zukommen lassen.

Wir, die Opfer der Agenda 2010, wollen ihm Huldigungen entgegenbringen. Durch ihn und mit ihm und in ihm, wurden wir für den Arbeitsmarkt aktiviert, wurden durch Repressionen und zwangsverordnete Hungermaßnahmen zu duldsamen Sklaven unmöglichster Arbeitszustände. Weil es ihn gab, dürfen wir heute arbeiten, dürfen ein Leben in Leiharbeit, in prekären Arbeitsverhältnissen fristen; weil dieser große Visionist für uns Politik betrieb, dürfen wir heute Probezeiten von bis zu sechs Monaten über uns ergehen lassen. Unser GröKaZ hat uns Sicherheit gegeben - die Sicherheit, dass nichts mehr sicher ist. Wir danken Dir, großer Schröder, dass wir keine Familienplanung mehr machen müssen, dass Du uns die Entscheidung eine Familie zu gründen dermaßen erleichtert, sie uns regelrecht abgenommen hast - weil Du warst, ist das kinderlose Familienmodell, gar das Einzelgängerdasein dank Arbeitsnomadentum, noch salonfähiger geworden. Ohne Dich wäre der mobile Wanderarbeiter bloß eine romantische Vorstellung aus Zeiten derbsten Manchester-Kapitalismus' - mit Dir wurde diese Anleihe an die Geschichte der Ausbeutung wieder Realität.

Und auch die sozialen Randgruppen wollen nicht wortlos am Rande stehen. Auch sie wollen dem großen Mann der deutschen Sozialdemokraite mit Ehrungen bedenken: Heiliger Schröder wir danken Dir! Unter Deiner Ägide wurden wir wieder öffentlich wahrgenommen. Durch Hatz, durch Diffamierung und Diskreditierung, durch Pogromstimmung hast Du die Augen der Öffentlichkeit wieder auf uns Rentner und auf uns Arbeitslose gelenkt. Endlich wurden wir wieder als lebendige Wesen wahrgenommen - allzu lebendig für manchen. Devot werfen wir uns zu Boden und lobpreisen Deine Weisheit, die sich darin äußerte, unsere Existenzberechtigung anzweifeln zu lassen, uns zu Freiwild zu machen, uns als Schmarotzer und Parasiten zu verunglimpfen - ohne diese Segnungen schröderianischer Arbeit wären wir womöglich unbeachtet oder lediglich von solchen beachtet, die es ja wirklich nicht gut mit uns meinen. Durch Deine Politik erkennt nun die Öffentlichkeit der Arbeitslosen Anliegen: Mehr Bier, mehr Faulheit, mehr Schmarotzertum! Du hast uns der Masse nähergebracht!

Erhöre auch uns, gesegneter Kanzler früherer Tage! Auch wir, die Opfer Deiner Deregulierungspolitik wollen nicht schweigen müssen, während Deiner so liebevoll gedacht wird. Das Prinzip der Deregulierung hast Du entfesselt wie niemand zuvor. In der Arbeits- und Sozialpolitik genauso wie auf dem Finanzmarkt. Maßlosigkeit hast Du zwar als Todsünde entlarvt, aber maßlos hast Du die Maßlosigkeit erst entfesselt. Steuersätze für Konzerne wurden beseitigt, Spitzensteuersätze herabgesetzt - Deiner Weisheit ist es heute zu verdanken, dass wir sicher in Unsicherheit ausharren, dass wir nicht mehr wissen, wo wir morgen unser täglich Brot verdienen dürfen, dass unsere Ersparnisse von einer gierigen Bankerschaft aufgefressen werden. Wir verdanken es diesem Politiker der ruhigen Hand, dass Heuschreckenplagen über unser Land zogen und noch ziehen; wir verdanken ihm den Ausverkauf gesellschaftlichen Besitzes; wir verdanken ihm PSA und legitimierte Leihsklavenschaft. Vorallem die Unsicherheit ist sein Erbe - Du, gütiger Sozialdemokrat, warst es, der in unsere Köpfe die Angst und Ungewißheit eingepflanzt hat, Du hast uns damit Beine gemacht und uns zur Unterwürfigkeit in allen Lebenslagen erzogen, hast uns Demut gelehrt, hast uns deutlich gemacht, dass wir keine Ansprüche mehr zu stellen hätten, dass wir selbst dem größten Ausbeuter vor die Füße zu fallen haben.

Friede sei mit Dir, Gerhard! Wir Pazifisten wollen in nichts nachstehen. In Deiner Amtszeit wurde die Bundeswehr wieder mächtig. Friedensarmee nanntest Du sie - und für dieses Wort muß man Dir pazifistisch-demutsvoll danken. Als Wegbereiter jungscher Pläne, war es Dir gegeben, uns Deutschen wieder einen Platz an der Sonne zu sichern. Der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr seit 1945, danach die Teilnahme am Angriffskrieg gegen Afghanistan und natürlich die große Friedensgeste, als der Irak nicht von deutschen Soldaten erobert werden sollte, zeichneten die Ära Schröder als friedvolle, auf Diskussion nicht auf Aggression bedachte Zeitspanne aus. Der Friede sei mit Dir, weil Du ein Friedensengel warst und bist, weil Du selbst in suspekten Staatsmännern "lupenreine Demokraten" witterst - soviel Liebe zum Menschen, auch Liebe zum vermeintlich Bösen, kommt einer jesuanischen Lebensauffassung gleich! Ohne Dich, wären wir zwar friedlich, aber militärisch unbedeutend auf dem Erdenrund.

Nun haben wir aber geradegerückt, was von der deutschen Sozialdemokratie nicht erläutert wurde, was der hochgeliebte SPD-Vorsitzende in seiner Eile wohl vergessen hat - er hat womöglich nicht viel Zeit, wie in letzter Zeit viele SPD-Vorsitzende nur kurz Zeiten in Anspruch nahmen -; nun haben auch wir uns bedanken dürfen für diese herrliche Zeit in Deinem Regime, welches das heutige Regime so erstklassig befruchtet hat. Soviel Mut und Entschlossenheit muß man einfach lieben, auch wenn die Wirkungen und Folgen von Schröders Arbeit uns nicht sehr liebevoll entgegenschlagen - er hat es ja trotz allem gut gemeint mit uns. Und wir wollen auch dem Stümper, der gute Absichten hatte, an denen er aber schlußendlich böse scheiterte, respektvoll dankbar sein. Es hätte ja schlimmer kommen können: Wir hätten damals weiterhin eine konservative Regierung haben können, die soviel Mut und Entschlossenheit niemals auf die Beine gestellt hätte. Daher: Hoch soll er leben, unser allseits geliebter Volkstribun, dieser maximo líder der deutschen Sozialdemokratie. Ganz im Sinne des derzeitigen SPD-Häuptlings: Pack' wieder kräftig mit an! Laß uns noch mehr Deiner Gütigkeiten zukommen! Wir können es kaum mehr erwarten...

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Eine Haltung die NS-Vergleiche verbietet?

Dienstag, 28. Oktober 2008

Sind Vergleiche, zu denen man die Mißstände im Dritten Reich heranzieht, moralisch und statthaft? Oder muß man, wie eine Kommentatorin - Margarete Limberg - des Deutschlandfunk einfordert, eine Art selbstauferlegte Verbotshaltung einnehmen, die jeglichen Vergleich mit dieser Epoche deutscher Geschichte verbietet?

Die menschliche Historie ist keine stumpfe Ansammlung menschlicher Erlebnisse und Ereignisse, sondern ein Repertoire an solchen Erfahrungen, an denen man sich bedienen kann und geradezu soll. Die darin enthaltenen Inhalte sind zuweilen viel komplexer als ersonnene Geschichten, daher finden sich in der menschlichen Geschichte immer konkrete Beispiele, die man als Vergleichsmaterial rekrutieren kann, um den aktuellen Zustand der Geschichte - die Gegenwart - zu durchleuchten. Ein solches Heranziehen mag manchmal nicht ganz passend sein, kann in vielen Nuancen auch als vollkommend unpassend erachtet werden - Geschichte wiederholt sich eben nicht, schon gar nicht in identischen Bahnen. Was sich aber manchmal wiederholt sind Prozesse, die sich in ihrer Grundausrichtung ähneln. Sich an dem Repertoire menschlicher Geschichte zu bedienen, um die Gegenwart zu begreifen, sie faßbar zu machen, sie mit der Vergangenheit zu ermahnen, stellt eine Kulturleistung dar - sie ist kein hilfloser Versuch des Mahners, sondern ein möglicher Akt des Begreifens, ein möglicher Akt der Bildung, ein möglicher Akt des Lernens.

Würde man nun einen Kodex implantieren, der besagen würde, dass eine bestimmte Epoche menschlicher Geschichte niemals mehr als Vergleichspotenzial herangezogen werden dürfte - ganz gleich, ob dies nun der Nationalsozialismus ist oder nicht -, so würde man sich selbst verbieten, aus einer festumrissenen Zeitspanne menschlicher Geschichte, die Lehren ziehen zu dürfen. Diese Verbannung einer geschichtlichen Epoche würde auf einem geheiligten Altar stehen, dürfte nicht mehr kritisch begutachtet, nicht mehr in den öffentlichen Diskurs geworfen werden. Man könnte beinahe annehmen, dass jene, die solche selbstverpflichtenden Haltungen verlangen, zu der Erkenntnis gekommen seien, dass aus der "verbotenen Epoche" alle Lehren gezogen wurden. Deshalb: Klappe zu! Ausgelernt! Dem Neuen entgegen, ohne Rückgriffe auf mögliche Parallelen!

Nun ist es mir im konkreten Fall kein Anliegen, die Aussagen des Professor Sinn reinzuwaschen. Denn geschichtliche Reflexion kann zuweilen mißbraucht oder einfach nur falsch verstanden werden. Man kann also diese Kulturleistung umsetzen wollen und trotzdem ganz unkulturell daran scheitern. Dies muß nicht nur einem ideologisch verfangenen Professor zustossen, sondern kann jeden treffen - dann spricht man freilich von Geschmacklosigkeiten und Verfehlungen, moralisiert also. Aber dennoch, trotz dieser vermeintlichen Verfehlungen, kann der Lösungsansatz solcher Debatten nicht darin bestehen, die Geschichte des Dritten Reiches und auch - ganz speziell - die der Shoa als sakrosanktes totes Stück Historienfetzen einzustufen. Und gerade die Shoa ist die Geschichte eines zum Himmel schreienden Unrechts, die Geschichte von der Niedertracht und Bösartigkeit des Menschen am Menschen, sie ist zudem der mörderische Schlußakt einer langen abendländischen Irrung, die aus dem Juden einen rassischen - nicht mehr religiösen - Untermenschen gemacht hat. In der Schrecklichkeit der Shoa findet sich alles, was das Unrecht so grausam erscheinen läßt - warum soll dieses Mahnmal der Geschichte nicht vergleichbar sein dürfen, gerade auch wenn heute Unrecht begangen wurde?

Es ist schwer zu konkretisieren, wann Unrecht größer, wann es kleiner ist - Unrecht ist zunächst immer Unrecht. Für denjenigen, den Unrecht ereilt, steht sein erfahrenes Unrecht als bittere Erfahrung in der persönlichen Geschichte. Wir sprechen zuweilen von Ungerechtigkeiten, die sich auf dieser Erde abspielen, aber genau genommen ist es eine große, einzige Ungerechtigkeit - die Einzigartigkeit des erlittenen Unrechts ist widersinnig, ist Ausdruck einer Primatshaltung des einen Leidenden über den anderen. Um also das unbeschreibliche Unrecht an Europas Juden als Vergleich heranzuziehen - ein Unrecht das ja vielschichtig ist, weil es zwar in Mord endete, aber mit vielen kleineren und größeren Repressionen seinen Anfang nahm -, muß die Vergleichssituation Unrecht in sich tragen. Darf man historisches Unrecht denn nicht mit gegenwärtigen Unrecht vergleichen? Sie heranziehen um zu mahnen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, zu warnen? Es muß doch kein Akt der Verhöhnung der damaligen Opfer sein, ganz im Gegenteil, zeigt es doch auf, dass man das einstige Unrecht vollauf erkannt hat - der Mißbrauch dieser Einsicht, wie vielleicht im Falle des Professor Sinn, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Es stellt sich gegenteilig dar: Wer fordert, man dürfe aus dieser Ära keine Vergleiche rekrutieren, der fordert somit, aus der Geschichte nicht mehr lernen zu wollen, läßt in einer unsäglich Arroganz erkennen, schon alles aus diesem Geschichtsabschnitt gelernt zu haben. Doch ausgelehrt hat uns keine Epoche, auch keine der früheren Epochen - immer wieder finden sich darin Lehren und Einsichten, die man für die Gegenwart als wertvoll erachten kann. Wer also fordert, das Vergleichspotenzial dieser braunen Ära zu verwerfen, der drängt in einen Geschichtsfaschismus hinein, der totalitär alles unter sich begraben will, was sich mit dieser Zeit auseinandersetzt, der aus lebendiger Geschichtsbetrachtung eine tote Wissenschaftlichkeit machen will; ein Faschismus, der den Kritiker verächtlich machen will, der ihn zum Unmenschen erklären will, weil er angeblich keinerlei Respekt vor den Opfern der damaligen Zeit habe.

Die Explosivität von Sinns Äußerungen lag darin, dass er aus Tätern Opfer machen wollte, und dass man herauslesen mußte, dass auch die einstigen Juden Opfer ihrer Täterschaft waren. Dies ist der (absichtliche?) Irrtum seines Vergleichs. Er hat nicht Opfer mit Opfern verglichen, sondern Täterschaften - nicht alle sind Täter - hinter Opferstatus verbergen wollen und damit wirklich das Andenken an jene beschmutzt, die einst Opfer waren...

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De dicto

Sonntag, 26. Oktober 2008

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."
- Frankfurter Allgemeine, Hans-Werner Sinn zitierend am 26. Oktober 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Freilich zieht man nun einen ganzen Berufsstand in den Dreck, macht ihn für Auswüchse verantwortlich, an denen ebendieser Berufsstand mitgewirkt hat. Man darf sich aber nicht davon blenden lassen, dass auch Unternehmer und überallem die Politik ihren großen Teil dazu beitrugen - soweit könnte man Sinn noch folgen. Aber ihm geht es ja gerade nicht darum, die Bankergilde ihrer Alleinverantwortung zu entheben, um gleichzeitig auch andere Schuldige heranzuziehen - für ihn ist ein Abstraktum schuld und die Manager sind die bemitleidenswerten Opfer. Und um ihren derzeitigem Status auch gerecht zu werden, kann man diese nurmehr mit den verfolgten und ermordeten Juden des Dritten Reiches gleichsetzen - nur dieses geschichtliche Beispiel macht laut Sinn das "Leid" der heutigen Banker fassbar.

Als seinerzeit aus verschiedenen Richtungen die Anklage laut wurde, dass das Hartz-Konzept aus den Arbeitslosen Verfolgte und offensichtlich Mißliebige mache, dass man damit die betroffenen Menschen in eine Position hineindränge, die man durchaus mit der Position der Juden aus antisemitischeren Tagen dieses Landes gleichsetzen könne, da erhoben die inoffiziellen Institutionen der politischen Korrektheit sofort ihre mächtige Stimme. Soetwas dürfe man nicht verkünden, so ein Vergleich sei unhaltbar, beleidigend, würde die eigene, aktuelle Position der Arbeitslosen in dieser Gesellschaft nur grob verfälschen, würde sie zu Opfern machen, die sie offensichtlich, in einer kultivierten Zeit wie der unseren, nicht sind - gar nicht sein können, denn wir leben ja in einem Sozialstaat! Darüberhinaus rieche dies nach Volksverhetzung! Da liefen alle Berufsbetroffenen der verschiedenen Parteien auf und meinten, dass es eine krasse Form der Geschichtsklitterung sei, verfolgte Juden mit verfolgungsbetreuten Erwerbslosen in einen Topf zu werfen. Und wir erinnern uns: Selbst eine Bezeichnung wie "Montagsdemonstrationen", die von Gegnern des Hartz-Konzeptes nach ostdeutschen Beispiel so benannt wurden, sollten laut Aussage besonders korrekter Politiker, diesen Namen aus Respekt vor der "friedlichen Revolution" nicht mehr tragen dürfen.

Sind beide Vergleiche haltbar? Dies scheint schwer zu beantworten, denn Geschichte wiederholt sich nicht - und wenn es doch danach aussieht, dann wiederholt sie sich als Farce, sagt man, sagte Marx (in "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte"). Aber man darf Geschichte heranziehen, darf in ihr Ähnlichkeiten mit der Gegenwart suchen und finden, sich an ihr bereichern oder an ihr - allzuoft leider - verzweifeln. Jedenfalls ist der Vergleich mit den Erwerbslosen eher zutreffend, als jener Sinn'sche Vergleich, der die Manager zu verfolgten Opfern macht. Bei den Erwerbslosen handelt es sich um eine beinahe rechtlose Bevölkerungsgruppe, die öffentlich diffamiert und verächtlich gemacht wird, während die Bankerschaft noch nicht einmal mit ihrem Privatvermögen für ihre Gier herangezogen wird, stattdessen ein Milliardenpaket gewährt bekommt, dieses fast ohne staatliche Auflagen. Die Banker fielen nun vom hohen Roß - nicht mal das ist gewiss -, während die Erwerbslosen schon vorher im Dreck lagen. So besehen ist das mediale Verbalflatulieren des Sinn eine unerträgliche Verdummung und Zurechtstutzung, eine Form des Mundtotmachens derer, die die Ackermänner auch bestraft sehen wollen.

Man darf gespannt sein, wann die Saubermänner und -frauen, die Verfechter politischer Korrektheit auflaufen, um die Ausführungen Sinns als Frechheit und Beleidigung an den Opfern des Holocausts zu entlarven. Ob sie aber überhaupt auflaufen werden?

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Solche und solche Nonkonformisten

Ob man Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich gleichermaßen als Nonkonformisten einstufen kann, ist höchst zweifelhaft. Immerhin - und da hat Grass nicht ganz unrecht - war Reich-Ranicki lange Zeit Teil des von ihm kritisierten Apparates und hat die Literaturkritik durch Trivialisierung medientauglich gemacht. Was vorallem diesen Zweifel nährt ist sein Auftritt bei der Plauderrunde mit Thomas Gottschalk. Als Reich-Ranicki beim Fernsehpreis einen "Eklat" bewirkte, da konnte man ihm noch beistehen, konnte sich trotz aller außereinandergehenden Ansichten noch auf seine Seite schlagen - was er aber danach bot, war an Inhaltslosigkeit kaum noch zu überbieten. Konkret wurde er gegenüber Thomas Gottschalk nie, und wenn doch, fabulierte er von Brecht und Schiller und meinte mit denen - und nur mit denen - sei wertvolle Unterhaltung gesichert.

Vielleicht bot man auch daher Reich-Ranicki ein öffentliches Forum, weil man wußte, dass dieser Mann trotz aller sprachlichen Begabung, trotz der Fähigkeit mittels Sprache die Malaise auf den Punkt zu bringen, eigentlich selten konkret wird - nicht weil er nicht wollte, sondern weil diese Form der Schwammigkeit zu seinem Wesen gehört. Man wußte, erahnte es aber zumindest, dass er das greifbare Wort scheut, die direkte Konfrontation nicht suchen wird - man konnte voraussehen, dass er sich in seiner überheblichen Art nicht dazu herablassen wird, konkrete Sendekonzepte an den Pranger zu stellen. Zwar hat er seine Finger in den wunden Punkt der Unterhaltung gelegt, aber dies nur sehr zögerlich, wie es zuweilen seine Art ist - erst lospoltern, aber dann nicht deutlich werden, nicht darlegen, was eigentlich genau den Unmut erzeugte. Einem solchen Zeitgenossen, der es gerne in Schwammigkeit beläßt, räumt man zwar nicht gerne ein Forum ein, aber man tut es dennoch, denn man muß keine Angst haben, dass aus dem "Eklat" eine regelrechte Sinnkrise folgern könnte. So können sich die Medienanstalten mit Kritik arrangieren; so wissen sie sich sicher innerhalb oberflächlichen Kritikgeplappers und haben damit den Eindruck erweckt, als hielte man viel von basisdemokratischer Gesinnung.

Anders im Falle Heidenreichs. Sie wurde deutlich, überdeutlich geradezu. War nicht auf dumpfe Diplomatie aus, die es erlauben würde, der Verdummung und Verblödung auch nur den Anstrich von Legitimität zu erteilen. Heidenreich warf den Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten vor, sie seien "verknöcherte Bürokarrieristen, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso" - das saß! Eloquente Worte fand auch sie, doch waren diese eindeutig positioniert und Heidenreich wüßte, wenn man sie nur ließe, wenn man mit ihr einen "gegebenen Anlass" in Szene setzen würde, auch wohlweislich deutlich und konkret zu werden. Die Gefahr, dass sich eine Heidenreich nicht in den Fluten schöner, aber nutzloser Worte werfen würde, wäre einfach zu groß für das Fernsehen. Sie könnte, würde sie Sendeplatz für eine Kritik erhalten, womöglich eine Sinnkrise bewirken, Sendekonzepte aus den Dreck herausholen, in dem sie schon liegen, um sie in den öffentlichen Diskurs zu werfen. Heidenreich könnte ich aller Direktheit bewirken, dass sich mehr Menschen der Abartigkeit und Perversität somancher Sendekonzepte bewußt würden. Sie könnte womöglich Casting-Shows als das bezeichnen, was sie sind - Prostitution; politische Talkshows als das, was sie seit Jahren sind - gezielte Verblödung; Realityshows als solche, die sie ganz offenbar sind - als konzeptlose Abstumpfungssendungen.

Sowas kann sich das Fernsehen, ganz unabhängig davon, ob wir hier das private oder öffentlich-rechtliche meinen, nicht gefallen lassen. Von einer solchen Kritikerin geht Gefahr aus, eine solche Kritikerin muß mundtot gemacht werden - muß also entlassen werden aus ihrem Vertragsverhältnis und nach Möglichkeit ohne weiteres öffentliches Engagement bleiben. Während Reich-Ranicki den Nonkonformisten in verdaulicher Form gibt, ja während er den Nonkonformisten vielleicht sogar nur in schlechter Großsprecherei mimt, könnte hinter der verärgerten Fassade Heidenreichs eine wahre Nonkonformistin stecken, die man freilich nicht behalten will.

Gleichschaltend gibt sich das Fernsehen, geben sich alle Medien, seit Jahren - und wer nicht gleichgeschaltet werden will, wer sich die Frechheit einer eigenen Meinung erlaubt, wer nicht wie Thomas Gottschalk - dieser Fahnenträger öffentlich-rechtlicher domini canes ("Hunde des Herrn") - nach oben, dem Zeitgeist entgegen buckelt, der hat einfach keine Berechtigung mehr, einen Sendeplatz zu behalten. Der Sendeplatz ist zu wertvoll, könnte mit Zeitgenossen wie Beckmann ausgefüllt werden, der ja brav Werbung für eine Privatversicherung leistete; der zudem vorbildlich wie sein Berufsgenosse Johannes B. Kerner, jede Sau durchs Dorf der öffentlichen Diskussion jagt, nur um seine unerträgliche Talkquatscherei einigermaßen interessant zu gestalten - interessant im Sinne seiner Auftraggeber, ob es die Zuschauer sehen wollen oder nicht. Derlei gleichgeschaltete, oft farblose Abziehbilder, gibt es im Fernsehen zu viele - man kann und will sich die Namen solcher austauschbaren Irgendwers gar nicht merken.

Reich-Ranicki jedenfalls hat die Wahrheit nur angedeutet und so wirr umschrieben, dass sie keiner mehr erfassen konnte - daher durfte er in einem öffentlichen Gespräch nachlegen. Heidenreich war konkreter, benannte die Wahrheit beim Namen, war überdeutlich, nicht wirr sondern präzise, so dass man in den Sendeanstalten Angst haben mußte, durch sie eine Sinnkrise heraufzubeschwören, wenn man ihr nur den nötigen Raum ließe, in dem sie ihre Kritik ausführlicher darlegen dürfte - daher wurde sie mundtot gemacht. (Man denkt unwillkürlich an Marcuses Ausarbeitung der "Repressiven Toleranz".) Im Deutschland 2008 atmet man weniger den frischen Duft der Meinungsfreiheit ein, als den modrigen Gestank stalinistischer Reinigungsprozesse. Fehlt nur noch, dass Heidenreich öffentlich ihrer Häresie abschwören muß, dabei weinend und sich selbst geißelnd...

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Sit venia verbo

"Sogar Experten mit großem Fachwissen beschreiben Nordkorea gern als "Land jenseits der Spiegel", wie eine Szene aus "Alice im Wunderland" oder eine "Kreuzung" zwischen Lewis Carroll und George Orwell. Diese Art der Analyse nährt die Auffassung, Nordkorea sei der böse Gegenspieler und es handele sich bei ihm um eine Art "orientalische" Tyrannei.
Natürlich hat Nordkorea ein paar Besonderheiten, wie jedes andere Land auch. Aber viele Dinge, die als besonders ungewöhnlich gelten, verlieren einen großen Teil ihrer Eigenheit, wenn man sie in drei sich überschneidenden Kontexten betrachtet: der koreanischen Geschichte, den kommunistischen Systemen und der ostasiatischen Gesellschaft. Nehmen wir zum Beispiel die Juche-Zeitrechnung, die mit der Geburt Kim Il Sungs beginnt. Sie ist nicht ungewöhnlicher als die Zeitrechnung nach den Regierungsdevisen der Tenno, die in Japan auch heute noch Verwendung findet. Kim Il Sungs Mausoleum lässt sich mit Lenins Grab vergleichen und sollte im Rahmen desselben Konfuzianismus betrachtet werden, der dem Bau der Gedächtnisstätte für den Antikommunisten Chiang Kai-Shek in Taipeh zu Grunde liegt. Die riesigen Museen für die Geschenke, die Kim Il Sung und Kim Jong Il gemacht wurden, werden vor dem Hintergrund vieler hundert Jahre obligatorischer Tributzahlungen Koreas an den chinesischen Kaiser verständlich: Wer wahrhaft unabhängig ist, dem wird Tribut gezollt, sagen die Nordkoreaner. Eine staatlich gelenkte Wirtschaftsentwicklung, wie sie nach dem Koreakrieg so erfolgreich war, ist nicht nur sinnvoll, was die kommunistische Strategie des Aufbaus einer Schwerindustrie angeht, sondern auch angesichts der staatlich gelenkten Wirtschaftsentwicklung in Japan, deren Beispiel auch Südkorea folgte."
- John Feffer, "Nordkorea und die USA" -

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Die moderne Variante des Eichmann

Freitag, 24. Oktober 2008

Kürzlich wurde ein zwölfjähriges Mädchen von der Deutschen Bahn, das heißt: von einer Mitarbeiterin derselbigen, an die frische Luft gesetzt. Das Mädchen hatte seine Fahrkarte vergessen, versprach aber sie nachzureichen - die Schaffnerin kannte allerdings kein Erbarmen und schmiss den blinden Passagier an der nächsten Bahnstation über Bord. Die Bemühungen anderer Fahrgäste wurden freilich auch ignoriert, denn einen "Fahrschmarotzer" auch noch zu schützen, kam für die Bahnangestellte nicht in Frage. Problematisch an der Aktion der pflichtversessenen Person war: Das Mädchen wurde in abendlicher Dunkelheit, fünf Kilometer von ihrem Zuhause, ohne Geld - die vergessene Fahrkarte war ja im vergessenen Geldbeutel - ausgesetzt.

Ein moralischer Aufschrei ging durch den Blätterwald. Sogar zurecht - was bei vielen Aufschreien ja nicht der Fall ist. Und als es dann hieß, dass der dienstpflichtige Eichmann suspendiert wurde, da zeigte man so etwas wie Erleichterung: Die Bahn sei doch nicht so schlecht, kenne also Moral und Anstand!

Ein moralisches Unternehmen? Sowas gibt es? Die Frage scheint berechtigt, wenn man einen der Mitgründe der Suspendierung beachtet: Man sah sich zu dieser Handlung gezwungen, weil die Bestimmungen der Bahn vorsehen, dass Minderjährige nicht des Zuges verwiesen werden dürfen. So sieht es also aus: Die Schaffnerin war nicht unmoralisch, kannte nur den Maßnahmenkatalog des Arbeitgebers nicht exakt. Sie wurde suspendiert, weil sie gegen eine Dienstanweisung verstieß, nicht weil sie ein unerträgliches Maß an fehlender Mitmenschlichkeit aufgezeigt hatte. Stellen wir uns vor, die Bahnbestimmungen würden einen solchen Passus nicht kennen: Die "Fanatikerin für Recht und Ordnung" wäre vielleicht noch im Dienst.

Die Schaffnerin ist ein Eichmann-Typus mit Mängel. Denn der "beliebige Hanswurst" (Hannah Arendt) hatte sein Regelwerk exakt im Kopf, wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er seine eigenen Spießbürgerlichkeiten zum Maßstab seines Handelns küren könnte. Nein, dazu gab es Vorschriften, die er strikt und ohne Hinterfragen anwandte. Er war nur der Hammer, der den Nägeln zum Eindringen verhelfen sollte - derjenige, der das Ziel des Einhämmerns markierte, war er nicht. Einmal soll er ein Konzentrationslager besucht und sich dabei übergeben haben - fortan war der moralische Aspekt, d.h. das eigentliche Motiv seines Tuns, aus dem Denken verbannt; fortan war sein Schreibtisch das Schlachtfeld seines bürokratischen Treibens. Bei aller Kritik an Eichmann, muß man Arendts Betrachtungsweise zu seiner Person doch zustimmen: Er war nicht unmoralisch, er war nicht getrieben von Judenhass, er war einfach nur "schier gedankenlos" und "realitätsfern" - er war nur alltäglich, nur banal, war nur Ausdruck der "Banalität des Bösen".

Unsere Schaffnerin ist auch nur alltäglich, sicherlich kein Aushängeschild mitmenschlicher Lebensphilosophie - aber ein Eichmann im klassischen Sinne ist sie nicht. Sie hatte das Regelwerk nicht im Kopf und hat ihre eigene verkrüppelte Unmenschlichkeit zum Maßstab gemacht, der es ihr erlaubte, so herzlos gegen dieses "schmarotzende Kind" vorzugehen. Zudem kann in einer Gesellschaft, die medial aufbereitet an jeder Ecke Schmarotzer und Parasiten vermutet, eine solch degenerierte Humanität nicht verwundern. Die Unmenschlichkeit ist solchen bornierten, zur eigenständigen Denkweise unfähigen Zeitgenossen auch nur ins Handeln eingepflanzt, quasi zur gesellschaftlichen Konvention erhoben, die sie dann in jedem alltäglichen Bereich aufbereiten, immer versteckt hinter Regelwerken und Gesetzen. Nur diesmal irrte sich einer dieser Eichmann-Typen, konnte sich nicht hinter Bestimmungen verstecken, weil diese nämlich das glatte Gegenteil dessen ausdrückten, was der Eichmann schlußendlich tat.

Was also bei der Schaffnerin zum Tragen kommt, ist womöglich die Verschärfung des eichmännischen Prinzips, denn zum Handeln gesellt sich nicht "geistiger Stillstand" und damit kritikloses Vorgehen, sondern die kleinkarierte Bösartigkeit des Alltags, mit der es erlaubt ist, seine eigenen Vorurteile, seine Aversionen, seine Unmenschlichkeit und Härte zum Imperativ innerhalb eines Büros, eines Zugabteils oder eines Klassenzimmers zu machen. Dieser Typus des bürokratisierten Technokraten, der uns in Amtszimmern genauso begegnet wie im Zug oder schlicht an der Tankstelle, ist die Zuspitzung des Adolf Eichmann, die Verschlimmerung des vormals schon Schlimmen. Er ist der Alltagsfaschist, der aus jeder Lappalie einen Verwaltungsakt, aus allen Nichtigkeiten bürokratische Kraken formt. Und im Gegensatz zum historischen Eichmann hat dieser moderne Typus, frustriert durch ein oftmals erbärmliches Leben im (zwar satten) Materialismus, verdummt durch Medien und verblödet durch Gleichschaltung, oft depressiv ob eines unterdrückten Individualismus, eine wahre Freude an der praktizierten Misanthropie, an der Niedertracht und Hinterlistigkeit, an der Boshaftigkeit am Nächsten.

Eichmann kümmerte sich nicht um seine Opfer - ihm war egal ob sie brennen oder frei herumlaufen durften. Nur die Vorschrift verband ihn mit seinen Opfern. Der neue Typus des alten Trottels allerdings, sieht sich mit seinem Opfer durch mehr verbunden. Freilich auch durch die Vorschrift, aber diese dient vorallem dazu, die eigene ethische Verkrüppelung zu verschleiern. Er fühlt sich seinen Opfern verbunden, weil er an ihnen seine Sadismen ausleben darf, dafür auch noch bezahlt wird - darin liegt die Würze seines erbärmlichen Daseins. Ohne seine Opfer, wäre er ein großes Nichts, könnte er nicht einmal die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit ausleben, wäre auf ewig nur derjenige, der "ganz unten" steht.

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Das Fundament des elitären Klassenbewußtseins

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Ist eine Gesellschaft, die offen von "sozial Schwachen" und "bildungsfernen Schichten" spricht, eingebettet in ein sozialdarwinistisches Fundament? Meint eine solche Gesellschaft etwa damit, dass Armut und mangelnde Bildung vererbte Mängel sind? Oder handelt es sich bei solchen und ähnlichen Begrifflichkeiten nur um unglücklich gewählte Wortkonstrukte?

Dazu ein kurzer Abriss zur Geschichte der Evolutionstheorie: Charles Darwin weigerte sich viele Jahre, seine gewonnenen Erkenntnisse zu veröffentlichen. Er scheute den Konflikt mit der Religion, die ja seit Jahrhunderten von der Unveränderbarkeit der Natur und der Kreaturen predigte - Darwin aber hatte erkannt, dass diese Unveränderbarkeit ein Märchen sein muß. Als er sich dann doch dazu entschloss, seine Theorie offenzulegen - vielmehr wurde er dazu genötigt, weil ein anderer Laienwissenschaftler Darwins Theorie unabhängig von ihm erahnte - entstand tatsächlich ein wissenschaftlicher Disput darüber, inwiefern die Evolutionstheorie mit der Religion vereinbar sei.
Während sich diese Form der religiösen Auseinandersetzung nur in England verbreitete, wurde um den Darwinismus - wie die Theorie nun immer öfter genannt wurde - in Deutschland ganz anders gerungen. Ernst Haeckel vertrat die Positionen der Evolutionstheorie, während Rudolf Virchow sie strikt leugnete. Dies tat letzterer nicht, weil die Theorie womöglich irrig wäre, sondern weil sie nicht ins politische Konzept paßte, besser verschwiegen werden sollte, um den Status quo nicht zu gefährden. Der begeisterte Darwinist Haeckel baute die Theorie allerdings aus und verband sie mit dem damals grassierenden Nationalismus. Er radikalisierte Darwins Theorie dahingehend, in der Vererbung die Grundlage allen Existierenden erkennen zu wollen - und vorallem hievte er die Theorie in Sphären menschlicher Gesellschaft. Darwin hatte sich strikt geweigert, die Evolutionstheorie anhand des Menschen zu erklären. Aus dieser Radikalisierung erwuchs überdimensionales Herrenmenschengehabe, offener Rassismus und die ersten Anklänge einer Untermenschentheorie. Da Blut alles war, da auch Intelligenz, Fleiß, Leistungsfähigkeit und dergleichen vererbt würden und nicht Produkt der Lebensverhältnisse seien, so schlußfolgerte man aus dem Haeckelismus, könne man durch eine gelenkte Zuchtwahl die positiven Erbanteile expandieren, gleichzeitig die negativen und unwerten Erbträger zurückdrängen. Dies habe mittels Sterilisationen und "erbgesunden Eheverhältnissen" zu geschehen. Die Evolutionstheorie in Deutschland hatte also keinen wirklichen Verfechter, die Diskussion war geprägt von Leugnern der Theorie und von denen, die die Theorie aus ihren niederträchtigen Gefühlen heraus interpretierten.
Der Schritt von der Sterilisation zur Tötung minderwertigen Lebens war nurmehr ein kleiner, wenngleich dieser erst mit Etablierung des Dritten Reiches zur realpolitischen Möglichkeit wurde. Davor wurde aber munter darüber spekuliert, wie man "erbungesunde Subjekte" entfernen könnte. Jetzt war der Sozialdarwinismus deutscher Schule nicht mehr auf Deutschland alleine beschränkt, sondern fand im angelsächsischen Raum Anklang. Ab 1907 verabschiedeten viele US-amerikanische Bundesstaaten Sterilisationsgesetze, die es erlaubten, "Epileptiker, Schwachsinnige und Geistesschwache" von Nachwuchs zu befreien. In einigen Fällen wurden sogar Kastrationen vorgenommen. Die Eugenik war Kind seiner Zeit, nicht alleine nationalsozialistisches Sektierertum, sondern schon vormals, seit geraumer Zeit, geisterten Herrenmenschengehabe und Untermenschentum in den Köpfen der Eliten herum. Und dies nicht nur in deutschen Köpfen, sondern überall in der industrialisierten Welt.
Der Sozialdarwinismus, Hand in Hand mit seinem Bruder, dem Evolutionsrassismus, wurde zur Weltanschauung des Bürgertums. Eines Bürgertums, welches sich mehr und mehr als Elite verstand, als Prätorianergarde ihrer jeweiligen Nation. Hierbei berief man sich vorallem auf die Schriften Herbert Spencers, in denen er Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft am Armen als Zeichen von Schwäche wertete. Denn damit würde man den "Kampf ums Dasein" und das "Überleben des Stärksten" unnatürlich beeinflussen und dem Armen (durch Vererbung) zu Vorteilen verhelfen, die für ihn von Natur aus nicht vorgesehen waren - man würde also die Natur verfälschen. Noch Jahrzehnte nach Spencers Tod, würde ein "böhmischer Gefreiter" ganz im Sinne Spencers argumentieren - manchmal so wortgetreu, dass man davon ausgehen muß, dass Hitler Spencers Schriften kannte. Durch Spencer war die Gesellschaftstheorie zum Naturgesetz erklärt worden und die Eliten aller Herren Länder konnten sich wohlig von jeglicher sozialen Verantwortung drücken, konnten weiterhin ausbeuten und Pression ausüben, weil dies ja ausdrücklich dem Naturgesetz entspräche.

Wenn heute selbsterklärte Eliten von "sozial Schwachen" und "bildungsfernen Schichten", wenn sie zudem von sogenannten "Sozialhilfekarrieren" sprechen, die "generationenübergreifend fortgeführt" werden, dann sieht es doch sehr danach aus, als ob eine altbewährte Theorie wiederbelebt worden wäre. Während Friedrich Merz frohen Mutes von "Sozialhilfefamilien" sprechen darf, in denen der soziale Status quasi vererbt würde, fabuliert Oswald Metzger davon, wie Menschen den ganzen Tag betrunken und vollgefressen vor dem Fernsehgerät sitzen, und ihre Kinder zukünftig in gleicher Weise vor sich dahinvegetieren werden. Gleichzeitig erklären die Eliten, dass das deutsche Bildungssystem durchlässig sei, dass jeder eine Chance erhielte, wenn er nur qualifiziert genug sei - dabei außer Acht lassend, dass gerade in Deutschland - so wie nirgends sonst in Europa - kaum Kinder aus der Unter- oder Arbeiterschicht in den Genuss eines Studiums kommen. Die frühe Selektion derer, die auf das Gymnasium gehen werden, der damit vorgezeichnete Weg bereits ab dem zehnten Lebensjahr, will sich die Elite zudem bewahren - eine Einheitsschule, mit der Möglichkeit später höhere Schulen - vielleicht ab der achten oder neunten Klasse - zu besuchen, kommt für sie nicht in Frage. Ihre Kinder sollen dem Elitestatus gemäß geschult werden.

Im Wirken der Eliten, gerade im letzten Punkt betreffend dem Schulsystem, wird erkennbar, dass sie nicht im System oder den Lebensverhältnissen die Grundlage der Ungleichheit erkennen. Mutig genug, im Blut, in den Genen, kurz: in der Vererbung, die mögliche Ungleichheit zu vermuten, sind sie freilich in Zeiten politischer Verbalkorrektheit nicht. Aber der Unterton schwingt mit, wenn sie ganze Familien als faules, nichtsnutziges Gesindel stilisieren, wenn sie Arme zu "sozial Schwachen" degradieren, wenn sie das Schulsystem trotz aller offensichtlichen Mängel als funktionierend betrachten. Schuld ist in ihren Augen nicht die Welt, wie sie ist - nicht das System, nicht Ausbeutung, nicht Unterdrückung, nicht die Armut. Schuld hat das Individuum - in ihm liegt der Grund der Schuldigkeit. Es liegt ihm quasi im Blut, ist seine persönliche biologische Konditionierung und ist, so muß man schlußfolgern, eben Ausdruck seiner Vererbung. Er ist leistungsschwach, weil sein Vater nur Hilfskraft war; er ist dumm, weil seine Mutter die Hauptschule abbrach oder die Sonderschule besuchte - dass Leistungsschwäche und "Dummheit" womöglich auf ein falsches Schulwesen, auf die Armut der Eltern oder auf die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Unterschichtenkindern zurückzuführen ist, auf diese Idee kommen die Eliten freilich nicht. Dürfen sie gar nicht kommen, wenn sie ihr selbsterrichtetes Weltbild nicht zerstören, wenn sie darin weiter in wohliger Weltentrücktheit leben wollen. Und wie sie eine Karriere, wie die des Albert Camus, erklären wollen, bleibt im Nebel ihrer bornierten Weltsicht gefangen. Denn Camus war Kind einer Analphabetin, die zudem nicht mit großem Intellekt gesegnet war - als Camus 1957 den Literaturnobelpreis erhielt, konnte seine Mutter nicht verstehen, was dies genau bedeuten soll. Würde die Erblehre zutreffen, die so unterschwellig das Weltbild unserer Eliten kennzeichnet, so wäre Camus niemals über den Status eines Hilfsarbeiters hinausgekommen.

Aber man muß es in drastischer Form klar formulieren: Wer heute so auftritt, wer leugnet, dass die reale Welt die Hauptschuld für soziale Ungleichheit trägt, wer damit einem (meist) latenten Sozialdarwinismus frönt, in dem er die Schuld in den Genen des Dummen, Armen, Kranken oder Leistungsschwachen sieht, der ist Bestandteil einer alten Tradition, in der von "Erbungesunden" gesprochen wurde und in der es kein Tabu mehr war, von eugenischen Radikalschritten zu schwärmen. Auschwitz nahm seinen Anfang eben nicht mit Hitlers Machtergreifung, sondern schon lange vorher - der Massenmord an Juden, Sinti und Roma, an Homosexuellen, Kranken und Behinderten, fand bereits Jahrzehnte vorher in den Köpfen der Eliten statt. Und noch etwas ist zu erwähnen: Politische Gegner und Oppositionelle wurden im Dritten Reich verfolgt und als krank betrachtet, als gesellschaftszersetzende Elemente begriffen - der Sozialdarwinismus hat es erlaubt, aus jedem Mißliebigen einen "erbkranken Idioten" zu machen. Mit dieser Scheinwissenschaftlichkeit läßt sich das elitäre Bürgertum seit mehr als einem Jahrhundert blenden - und heute wieder mehr denn je.

Wer sich also in solcher Weise äußert, genauer: wer sich in solcher sozialdarwinistischen Weise äußert, der muß sich gefallen lassen, dass man ihn als Jünger von Auschwitz bezeichnet - als jemanden, der aus der Geschichte nicht gelernt, für die Zukunft nichts begriffen hat. Freilich werden solche Zeitgenossen einen solchen Einspruch nur schwerlich dulden, werden sich soetwas nicht gefallen lassen wollen. Aber hätte man jene Sozialdarwinisten vor der Auschwitz-Ära mit Auschwitz konfrontiert, mit der Zukunft also, die aus dem Sozialdarwinismus erblühte, so hätten sie sich einen Vergleich mit den Zukünftigen auch verbeten. Auch hier stehen die heutigen Jünger ihren Vorfahren im Geiste, in nichts nach...

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Nomen non est omen

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Heute: "Sozial schwach/bildungsferne Schichten"
„Angesichts der gestiegenen Energiekosten-Lasten gerade für sozial schwache Menschen werde voraussichtlich ein Bündel von Maßnahmen geschnürt."
- Handelsblatt am 5. Juni 2008 zum Vorhaben der SPD -
"Es scheint für bildungsferne Schichten interessanter zu sein, in etwas zu investieren, was sich lohnt."
- Jörg Dräger, Wissenschaftssenator Hamburgs, bei Spiegel Online am 8. April 2008 -
Um das Wort der Unterschicht und damit ein neues altes Klassendenken zu vermeiden, werden Wortphrasen wie "sozial schwache Menschen" oder "bildungsferne Schichten" bevorzugt. Schließlich gäbe es, laut dem ehemaligen SPD Arbeitsminister Müntefering, in Deutschland keine Unterschichten, sondern nur Menschen, die es schwer haben. Das Schlagwort "sozial schwach" wird als Bezeichnung für Menschen mit wenigen finanziellen Ressourcen verwendet. Da der Begriff jedoch impliziert, dass ein Mensch mit wenig Geld zugleich auch soziale Probleme schürt oder besitzt, wie z.B. Kriminalität, Alkoholkonsum oder mangelnde Kommunikationskompetenzen, ist der Begriff diskriminierend. Einen generellen kausalen Zusammenhang herzustellen, dass wenig Geld gleich wenig Mensch bedeutet, ist menschenverachtend. Ähnlich verhält es sich bei dem verwandten Begriff der bildungsfernen Schichten. Hier werden finanziell schwachen Menschen zugleich unterstellt, sie seien dumm. Bei beiden Begriffen geht es darum finanziell ärmeren Menschen generelle Eigenschaften zuzuweisen ohne sie direkt als arme Menschen oder Unterschicht klassifizieren zu müssen. Sozial schwach sind im eigentlichen Sinne des Wortes eher Menschen, denen das Leid anderer völlig egal ist. Denn sozial bedeutet eben nicht grenzenloser Egoismus und Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und Altruismus. Der Begriff der bildungsfernen Schichten würde eher zu vielen Politikern und Unternehmern passen, deren Sinn für Realität völlig verzerrt ist und die offensichtlich sämtlicher Bildung fern geblieben sind.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Fördern und Fordern

Dienstag, 21. Oktober 2008

Man sollte nicht zu lange zögern, die von Wirtschaftsminister Glos eingeforderte Demut der Banker, auch in einen Gesetzestext zu gießen - nur so kann man Demut auch wirklich erwarten, muß nicht auf eine vage Möglichkeit hoffen, sondern weiß diese rundum gesichert. Dies entspricht übrigens dem herrschenden Menschenbild, das seit Jahrzehnten klarmacht, dass der Mensch eben nicht aus freien Stücken hilfsbereit und gut ist, sondern nur unter Androhung verschärfter Sanktionen. Im Hartz-Konzept nennt man sowas "Anreize schaffen", was soviel heißt wie: den Arbeitslosen mit finanziellem Würgeeisen reizen, ihm die existenzielle Daumenschraube anlegen. Überhaupt wäre das Ausarbeiten eines Demutsgesetzes gar kein großer Aufwand, vielmehr Anpassung als Ausarbeitung, bietet doch das Sanktionierungsrepertoire des Hartz-Konzeptes bereits Grundzüge einer möglichen Verfahrensweise an - man muß also das Rad nicht neu erfinden, hat es im Wesentlichen schon entdeckt.

Zunächst ist der Verzicht auf die Boni freilich ein selbstloser Akt, den wir moralisch honorieren wollen - aber auch nicht zu sehr, denn es ist nur zu selbstverständlich, dass man nach dem Fördern nun auch das Fordern großschreiben sollte. Und dementsprechend erlaubt uns das Hartz-Konzept die Anrechnung von Vermögen. Im § 12 SGB II wird dargelegt, welche Freibeträge zu gelten haben - diese sollen Bemessungsgrundlage sein. Um konkreter zu werden, ziehen wir "das Beispiel Josef Ackermann" heran, und errechnen, wieviel Vermögen diesem Banker bleiben darf, bevor er überhaupt wieder ein Gehalt beziehen dürfte. Da Herr Ackermann knapp nach der Bestandsschutzgrenze (1. Januar 1948) geboren ist, darf er pro Lebensjahr anstatt 520 nur 150 Euro einbehalten. Dementsprechend kämen wir auf ein berechtigtes Vermögen von 9.750 Euro - alles was darüber liegt, muß in den nächsten Monaten - wohl eher Jahren - aufgebraucht werden, bis ihm wieder ein Jahresgrundgehalt zusteht. Bevor Herr Ackermann diese Vermögensobergrenze nicht erreicht hat, ist er also als "nicht anspruchsberechtigt" einzustufen.

Sollte Herr Ackermann wider aller Erwartungen tatsächlich unter dieser Vermögensgrenze liegen, so muß folgend überprüft werden, ob er nicht über seinen Verhältnissen lebt. Dazu wird berücksichtigt, ob Herr Ackermann einen "angemessenen Hausrat" besitzt, ein "angemessenes Kraftfahrzeug (Höchstwert von 7.500 Euro)" und "angemessenen Wohnraum im Privatbesitz" - sollte hierbei unangemessene Verhältnisse vorgefunden werden, z.B. ein Kraftfahrzeug, welches mehr als 7.500 Euro wert ist, so ist der Mehrwert als Vermögen zu berechnen. Dem Hilfebedürftigen wird demnach nahegelegt, sein Kraftfahrzeug zu verkaufen, um sich eines zuzulegen, welches unter der Wertgrenze liegt.

Würde auch nach dieser Prüfung die Obergrenze unterschritten - wider Erwarten natürlich -, so hätte Herr Ackermann Anspruch auf Fortzahlung seiner Gehaltsbezüge. Allerdings abzüglich seiner Nebentätigkeiten und des Gehalts derer, die mit ihm in der Bedarfsgemeinschaft leben. Sollte Herr Ackermann erklären, in keiner Bedarfsgemeinschaft zu leben, so hat er den Beweis hierfür zu erbringen - dies deckt sich natürlich mit dem negativen Menschenbild, wonach der Mensch nur durch Pression zur Ehrlichkeit und Verantwortungsbewußtsein getrieben werden kann. Hierfür bietet das SGB II die Beweislastumkehr an - dieses ist problemlos auch auf das neue Demutsgesetz anwendbar. Anzumerken sei auch: Falls Herr Ackermann meint, er müsse sein spärliches Gehalt durch Nebentätigkeiten aufpolieren, sind diese umgehend den Behörden zu melden, damit diese sein zugesprochenes Gehalt um den in Nebentätigkeit erzielten Verdienst reduzieren. Hierbei gilt, dass 100 Euro/Monat nicht angerechnet werden, während ein Gehalt von 100 bis 800 Euro/Monat mit 80 Prozent, bzw. ein Gehalt zwischen 800 und 1500 Euro/Monat mit 90 Prozent angerechnet würden. Die Behörde behält sich vor, stichprobenweise zu überprüfen, ob der Bedürftige Schwarzarbeit betreibt.

Generell sollte das Demutsgesetz klar regeln, dass Kontrollen in allen möglichen Bereichen des Bankerlebens stattfinden dürfen - ganz im Sinne der Solidargemeinschaft, die nicht betrogen sein will. Dies bedeutet auch, dass die Privatwohnungen der Bedürftigen durchsucht werden dürfen, Zuwiderhandlungen diesbezüglich mit einer "Sanktion wegen einer Pflichtverletzung" (Mitwirkungspflicht) geahndet werden. Sollte "Sozialmißbrauch im Sinne des Demutsgesetzes" durch eine Wohnungsdurchsuchung nachgewiesen worden sein - eventuell durch gehortete Vermögensbestände oder aufgefundenen Lohnzetteln von nicht angegebenen Nebentätigkeiten -, so hat der Bedürftige ebenso mit einer Gehaltsminderung von 30 Prozent zu rechnen. Bei einer erneuten Pflichtverletzung sogar mit 60 Prozent - ab einer Minderung von 30 Prozent können allerdings bei der Behörde Sachleistungen - z.B. Lebensmittelgutscheine - beantragt werden, die auch erteilt werden, sofern in der Bedarfsgemeinschaft Kinder leben. Zusätzlich sollen "Verstösse gegen die Mitwirkungspflicht" durch Strafanzeigen wegen Leistungsbetruges geahndet werden.

Dies soll nur ein kleiner Rahmen sein, in welchem sich ein solches Gesetz einbetten ließe. Nun liegt es an der Politik, ebenso schnell tätig zu werden, wie beim Beschluss, das Milliardenpaket zur Verfügung zu stellen. Lange Vorarbeit müßte gar nicht geleistet werden, denn die Hartz-Kommission von 2002 hat hervorragend vorausgearbeitet - viele Passagen des SGB II könnten 1:1 übernommen werden. Warum also nur an den guten Willen appellieren, wenn man diesen mit allerlei Pressionsmittelchen erzwingen kann? Dieses Hartz-Konzept könnte in vielen Bereichen gelten - auch bei der Grundsicherung für Banker. Man hat gefördert, nun soll auch noch verbindlich gefordert werden. Nicht um Demut bitten, sondern abnötigen; nicht vom Guten und Vernünftigen im Menschen ausgehen, sondern vom Verschlagenen und Hinterlistigen in ihm; nicht Freiwilligkeit, sondern Zwang - das SGB II könnte dafür Pate stehen!

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De dicto

Montag, 20. Oktober 2008

"Die viel gescholtene Große Koalition zeigte Größe und verzichtete auf kleinliches Gezerre, wem das größte Lob gebühre: der CDU-Kanzlerin oder dem SPD-Finanzminister. [...] Die oppositionelle FDP ließ sich – anders als Grüne und Linke – in die Pflicht nehmen und stimmte zu."
- BILD-Zeitung, Hugo Müller-Vogg am 19. Oktober 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Als vor Monaten über die steigenden Lebensmittelpreise berichtet wurde, und in Verbindung damit mit den kaum noch schulterbaren Lebenshaltungskosten für Rentner und Empfänger des Arbeitslosengeldes II, da hat Müller-Vogg nicht zur Eile getrieben, sondern zu Bedachtsamkeit geraten, als Stimmen laut wurden, die eine Anpassung von Renten und Arbeitslosengeldern forderten. Da waren die langwierigen Wege, die so ein Beschluss in Anspruch nimmt, nicht relevant, sollten keinesfalls verkürzt und verknappt werden. Man wolle eben ruhig prüfen, nichts überstürzen, langsam aber korrekt nachrechnen - und dann schauen wir eben weiter. Den Beziehern von kleinen Renten und den Arbeitslosen ging und geht es immer noch um die Existenz, während die Existenzen der Banken innerhalb einiger weniger Tage gerettet waren.

Welche Vorstellung von Demokratie im Kopfe des Müller-Vogg herumspukt, läßt sich eindeutig aus seinen Zeilen herauslesen. Das Parlament hat sich demnach nicht aus verschiedenen politischen Sichtweisen zusammenzusetzen. Trifft dies aber doch zu, so haben alle an einem Strang zu ziehen und die schwächeren Positionen - überlicherweise die der Opposition - haben ihre Bedenken aufzugeben und sich einzureihen. Deine Weltsicht ist nichts, Einigkeit und Burgfrieden sind alles! Weil sich die beiden Koalitionspartner ausnahmsweise nicht stritten - was sie sowieso selten tun und wenn, dann nur um den Bürgern deutlich zu machen, dass man doch noch nicht eine Einheitspartei darstellt -, weil sie schnell und ohne Umwege das Rettungsgesetz einleiteten und verabschiedeten, sei diese Demokratie funktionstüchtig. Ob im Schnellverfahren sachliche Fehler gemacht wurden, womöglich bestimmte Kritikpunkte gar nicht erst aufgeworfen wurden, in aller Eile für solche irgendwann einmal teueren "Nebensächlichkeiten" keine Zeit mehr war, interessiert das Kanzler-Zäpfchen natürlich nicht.

Was Müller-Vogg hier als Demokratie durchgehen lassen will, ist jene konservative Verunglimpfung des Parlamentes, wie sie in der Weimarer Republik stattfand. Da sprach man von der "Plauderbude", von denen, die viel reden aber nicht handeln, von der "schwachen Demokratie", die es nicht erlaube, einen starken Führer zu installieren, der die Lethargie der Republik mit einem Handschlag hinfortwischt. Es erinnert in besorgniserregender Art und Weise an solche hartgesottenen Antidemokraten der damaligen Epoche, wenn Müller-Vogg nun so tut, als sei eine Demokratie nur dann funktionstüchtig und wirksam, wenn in ihr nicht geredet, gestritten, beratschlagt und sich auch einmal nicht geeinigt wird, sondern nur eine solche, in der man keine Parteien mehr kennt, sondern nur noch die Einigkeit zugunsten der Wirtschaft - kurzum: anstatt demokratischer Streitkultur, ist nur der kritiklose Konsens als Demokratie zu werten. Das Parlament also nicht mehr als Sammelbecken verschiedener Interessen, sondern als Gleichmacher politischer Weltanschauungen; als Gleichschaltungsinstitution, die vorgaukelt, dass subjektive Sichtweisen keinerlei Anrecht habe im Angesicht des herrschenden Klimas.

Und nachher sind es ausgerechnet solcherart feine Herren, die in Lafontaine und Gysi vulgäre Antidemokraten erblicken wollen...

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Mehr Sokrates wagen...

Ich weiß wenig - dessen bin ich mir bewußt. Manchesmal weiß ich auch gar nichts. Obwohl ich wenig, manchmal nichts weiß, bin ich doch nicht unwissend. Was mir in meinem beschränkten Wissen bleibt, ist die Einsicht, dass ich nicht alles was es zu wissen gibt, auch wirklich wissen kann. Dies ist nicht nur ein kümmerlicher Trost, reaktiviert aus der antiken Philosophie, sondern eine Weisheit, die darüber hinwegtröstet, dass wir alle - alle Menschen die es je gab, gibt und noch geben wird -, niemals alles wissen können, was sich an möglichem Wissen in der Welt herumtreibt. Diese beschränkende Tatsache, dieser "Trost im Negativen", verbindet den Obdachlosen mit Albert Einstein, Thomas Mann mit Dieter Bohlen, ist unser aller "täglich Brot". Irgendwann stoßen wir alle auf unsere Grenzen; wissen individuell betrachtet vielleicht viel, doch auf die Gesamtheit der Wissensmöglichkeiten gerechnet, äußerst wenig, nur einen verschwindend geringen Anteil. Die Gewißheit, nicht alles wissen zu können, die eigene Beschränktheit also, tröstet sich damit, dass man nicht alleine in seiner Begrenztheit ausharren muß, sondern diesen Mangel mit jedem Menschen teilen darf.

Zuzugeben etwas nicht zu wissen, scheint heutzutage ein Frevel am Zeitgeist zu sein. Zu jedem Thema werden Prominente, durchaus nicht nur Menschen aus der Politik, sondern querbeet durch alle Nischen der Alltäglichkeit, befragt und um "Analyse" gebeten. Kaum einer von denen, vielleicht sogar keiner, gibt zu, dass er zu bestimmten Themen keinerlei Ansichten hat, weil es einfach an Informationen mangelt, weil das Wissen also spärlich ist. Dabei kommen nicht selten unqualifizierte Aussagen heraus; Scheingedanken, die besser nie den Weg zur Schallwelle angetreten hätten. Und wieviele Politiker gibt es, die ihr Nichtwissen hinter hohlen Phrasen und maßgeschneiderten Sinnsprüchen verstecken? Oder die sich zu Diskussionsgegenständen, von denen sie offensichtlich wenig wissen, über den sophistischen Ausweg der Themenverfehlung herauswinden, Diskussionen in andere Richtungen bugsieren, um bloß nicht beweisen zu müssen, dass sie in Unwissenheit darben? Hat man schon einmal gehört, dass sich einer dieser Zeitgenossen dahingehend äußerte, zu diesem Thema keine Aussage treffen zu wollen, weil erst noch Informationsbedarf das Nichtwissen verdrängen soll? Hat man schon mal wahrgenommen, dass einer dieser Immerwissenden zugab, sich einstmals geirrt zu haben?

Und so wie vermeintlich wichtige Menschen dieser Gesellschaft zu jedem Thema ihren Rüssel in die Kameralinse drücken, so versucht man den Bürgern auch im Kleinen, in Alltag, das Nichtwissen auszutreiben. Nicht indem man sie bildet, somit Wissen aufblühen läßt, sondern indem man sie dazu ermutigt, das Nichtwissen penibel zu kaschieren. Bewerbungsratgeber erklären einem dann, dass man bei einem Bewerbungsgespräch Fragen nicht mit einem "Ich weiß es nicht" beantworten soll, sondern sich aus der Situation winden muß - herumlavieren und ja nicht zu konkret werden. Das Nichtwissen sei ein Makel, den man sich bei einer Bewerbung nicht leisten dürfe. Andere Ratgeber in Buchform trimmen für das Berufsleben, erklären lang und breit, wie man fehlendes Wissen ausgleicht, wie man ohne ein peinliches Eingeständnis seinen Arbeitstag bewältigen kann, kurz: wie man Nichtwissen als Kompetenz verkauft. Bloß keine Schwäche zeigen, heißt es da, als ob das Wissen über die eigene Wissensbeschränktheit ein abnormer Makel sei, mit dem nicht jeder herumzukämpfen habe - eine Schwäche die als unerlaubt zu gelten habe. Die Wissensgesellschaft, wie sich diese Gesellschaft arroganterweise selbst bezeichnet - obwohl öffentliche Berichterstattung eher auf Verdummung, d.h. Nichtwissen aufbaut -, erklärt jene, die offenherzig genug sind ihr Nichtwissen zuzugeben, zu Schwächlingen und Verlierern.

Wie beschränkt fühlen sich Menschen, wenn sie täglich mitansehen müssen, dass prominente Zeitgenossen zu jedem Thema Wissen versprühen. Dass die dann geäußerten Aussagen nur peinliche Beweise für deren zum Wissen stilisiertes Nichtwissen ist, bleibt freilich unkommentiert. Wünschenswert wäre, dass auch einmal jemand in der Politik zugäbe, er wäre derzeit ohne Wissen in einem bestimmten Bereich des öffentlichen Diskurses, hätte sich erstmal zu informieren. Diese sokratische Einsicht würde sicherlich nicht abstossen, sondern die Abgehobenen zurückführen zu denen, für die sie eigentlich engagiert sein sollten. Ach, wüßten sie doch einmal, dass sie nicht wissen - das würde die öffentliche Diskussion befruchten, wäre demokratischer als jenes Wissensgetue, mit dem wir heute ständig konfrontiert werden. So aber schweben sie über allen Sphären, liebkosen ihre immer gleich klingenden Phrasen, reden viel und sagen nichts, wähnen sich wissend in allen Themenkomplexen. Aber in der heutigen Form von Meinungsmache, die ja verdeutlichen will, dass man zu jedem Problem eine Antwort anbieten könne - Antwort, die die Machthabenden vorgeben, deren Interessen fördern -, wird aber ebendiese Hoffnung, wonach auch mal gesagt werden dürfe, dass man nichts wisse, unbefriedigt bleiben müssen. Dies wäre ja, mit den Wortes Sokrates' - in Platons Politeia -, der Staat der Philosophen - etwas, was in dieser Phase der menschlichen Historie nicht umsetzbar scheint.

Kurzum: Der Mensch sollte in diese Tagen sozialer Eiseskälte, in der er wie eine Nummer behandelt wird, sich dazu bekennen, auch wieder menschliche Schwächen zugeben zu dürfen. Denn diese gehören zum Menschsein, wie die objektive Analyse zur Wissenschaft gehören würde. Aber ohne menschliche Schwächen, die auch Schwächen sein dürfen, wird der Mensch mehr und mehr zu einem Maschinendasein verurteilt, in dem nur die Leistungskraft und Stärke relevant ist. Der Weg in die Opposition wider dem Zeitgeist, ist ein Eingeständnis des sokratischen Ausspruches, wonach man wisse, dass man eigentlich nichts wisse. Die Abkehr von der medialen Massenverdummung setzt Zweifel voraus, aber auch die bittere Einsicht, jahrelang wahrscheinlich nichts wirklich und wahrhaft gewußt zu haben. Der Zweifel wird dann - als in Opposition stehender Mensch - zum steten Begleiter und flüstert einem immer wieder ins Ohr, dass man wissen sollte, eigentlich nichts zu wissen. Skepsis muß uns immer wieder zum Nachdenken, Überprüfen und notfalls Verwerfen führen. Mit dem Wissen von menschlicher Wissensbeschränktheit entlarvt man auch jene als peinliche Gestalten, die immer und überall den Wissenden mimen, zu jedem Thema das Gesicht in die Kamera halten, um ihre unerklärliche Allwissenheit zu präsentieren.

Trotz ihrer vorgegaukelten Stärke, trotz dieser Allwissenheit die zur Schau gestellt wird, sind sie genau genommen keine Exponenten der "Schwächenkaschierung", sondern frönen selbst einer menschlichen Schwäche - der Eitelkeit! Es gibt kaum etwas Verlachenswerteres, als einen erwachsenen Menschen, der sich in seiner offensichtlichen Eitelkeit zu wichtig nimmt...

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Ablaßhandlungen

Samstag, 18. Oktober 2008

Drei Beispiele - drei Fälle von Symbolik. Folgend drei aktuelle Geschehnisse, die den Anschein von Toleranz aufrechterhalten, Ausdruck von repressiver Toleranz sind. Dreimal wird dem Zeitgeist Ausdruck verliehen, wird er mit der beruhigenden Scheintatsache genährt, wonach der öffentliche Diskurs als Grundlage demokratischer Veränderungsmöglichkeit noch funktioniere und auch Früchte trage. Dreifach erzeugte Bestätigung dafür, dass das Ausleben differenter Meinung und damit einhergehend die "Vernunft der Minorität" eine Heimstatt in dieser Gesellschaft habe.

Erster Fall: Nun hat Marcel Reich-Ranicki gründlich darlegen dürfen, was ihm am Fernsehen so übel aufstößt. Sagen wir so: Er hätte es gedurft, wenn er nur konkret geworden wäre. Doch er sprach lediglich davon, dass sich die Fernsehmacher "mehr Mühe geben" sollten - alleine damit meinte er seine Kritik begründet zu haben. Kein Wort zu den Sendekonzepten, die das tiefgründig Blödsinnige erst an die Oberfläche lassen, die Menschen zu immer profunderen Scheußlichkeit animieren; kein Wort zu Modelsuchereien, zu mit Bohlen-Sprüchen verunglimpften Jugendlichen, zu Konzepten die da lauten "Drei Bewerber, eine Stelle" - von den wirtschaftlichen und politischen vorgeprägten Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten war sowieso gar keine Rede. Statt über die soziologischen Folgen dieser Fernsehenlandschaft zu sprechen, anstatt die offensichtliche Konditionierung der Zuseher aufzugreifen, wurde eben nur banal über Wert oder Unwert des Fernsehprogrammes gesprochen, jede Konkretheit derart vermieden, wie der Teufel das Weihwasser meidet. Aber einerlei: Bewiesen wurde hiermit, dass differente Meinung auch ins Fernsehen transportierbar ist, dass sich dieses nicht abschottet, sondern offensiv an Kritik herangeht und Kritikern auch ein Forum bietet. Gegenöffentlichkeit sollte damit bewiesen werden! Ob es wirklich Gegenöffentlichkeit war, ob demokratische Strukturen Wirkung zeigen werden, indem kritische Anmerkungen zur Besserung des "kranken Mannes" weitergeleitet werden, steht wiederum auf einem anderen Blatt - wahrscheinlich aber eher auf gar keinen Blatt. Reich-Ranickis halbstündiges Nichtkonkretwerden war der Ablaßhandel des Fernsehens gegenüber dem kritischen Betrachter.

Zweiter Fall: Da verzichtet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, auf seine Bonuszahlungen in Millionenhöhe und kehrt dies freilich auch zielgerichtet in die Öffentlichkeit. Jeder soll schließlich erfahren, wie geläutert die Bankenbranche doch ist, wie einsichtig man nun zu Kreuze kriecht. Das ackermannsche Heldenstück soll verdeutlichen, dass gerade jene, die die Krise mitverursacht haben, fortan spartanischer leben werden, nurmehr einen einstelligen Millionenbetrag einstreichen werden, anstatt - wie es zur Gewohnheit wurde - einen zweistelligen. Die Millionenzahlungen der letzten Jahre, die Ackermann und seine Kollegen sich eingeschoben haben - 2004 waren es z.B. 10,1 Millionen Euro; im Jahre 2005 gar 11,9 Millionen Euro! -, finden im öffentlichen Diskurs um die Reue der Banker freilich keine Erwähnung. Dass mit dem Ersparten dieser Herren, den Summen, die sie sich selbst erteilt haben, während ihre Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze fürchten mußten, ein Großteil des staatlichen Geldpaketes bezahlt werden könnte, wird nicht als mögliches Thema der Öffentlichkeit angeschnitten. Und warum auch? Offensichtlich funktionieren die demokratischen Mittel dieser Gesellschaft wunderbar - die Reue beweist es! Man hat jahrelang geplündert und wurde dafür auch noch von Seiten einer orientierungslosen Politik verteidigt - und nun da die Lage prekär wird, leistet man öffentlich Abbitte, bezahlt seinen Ablaß, und ist abermals der Held.

Dritter Fall: ARD und ZDF haben sich entschieden, die Tour de France im nächsten Jahr nicht mehr zu berücksichtigen. Die jüngsten Dopingskandale haben die Einsicht entstehen lassen, dass man einem solch schmutzigen Sportspektakel keine Beachtung mehr schenken sollte. Natürlich ernten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender dafür Zuspruch und Lob, sogar von Mut wurde gesprochen. Dass dieses Aus der Berichterstattung zu einem Zeitpunkt geschieht, da Deutschland keinen hoffnungsvollen Gewinnertyp im Radsport vorweisen kann, in einem Moment, da die deutsche Gewinnergeneration entweder im Ruhestand ist oder eine Dopingsperre absitzt - oder auf selbige wartet -, findet in der Öffentlichkeit kein Sprachrohr. Wäre es der ARD und dem ZDF um die Sauberkeit des Radsports gegangen, hätten sie sich spätestens im Jahre 1998 zurückziehen müssen. Damals, dem Siegerjahr Marco Pantanis, überführte man das gesamte Festina-Team des Dopings, traten alle spanischen Radfahrer die Heimreise an, weil sie sich von der französischen Polizei mißhandelt fühlten (nächtliche Durchsuchungsorgien, brutale Verhaftungen etc.). Doch seinerzeit gab es einen deutschen Hoffnungsträger, der während der Tour 1998 auch noch der amtierende Toursieger des Vorjahres war - Jan Ullrich. Zudem hatte dieser auch noch Siegchancen für das Rennen 1998; und Radsportexperten sagten dem jungen Talent eine glorreiche Zukunft voraus, die ihn womöglich zum Rekordsieger der Tour de France machen könnte. Zwar wurde aus dieser Prognose nichts und nach 1997 folgte kein Tour-Sieg mehr, aber damals konnten die öffentlich-rechtlichen Sender dies nicht wissen. Warum also damals aussteigen, wenn Ullrichs Zukunft eine maßlose Sendequote bescheren konnte? Jedenfalls war 1998 das Skandalpotenzial genauso groß wie heute. Aber jetzt, da Deutschland niemanden mehr hat, der irgendetwas bei der Tour gewinnen kann, und sei es "nur" ein grünes Trikot - Stefan Schumacher wird wohl gesperrt, Erik Zabel ist in Rente etc. -, rückt man von der Berichterstattung ab. Aber wen kümmern die wahren Motive? Hauptsache ist doch, dass die beiden Sender Moral bewiesen haben , dafür selbst auf die horrenden Zuschauerzahlen - die wegen fehlender deutscher Siegchancen gar nicht mehr so horrend waren - verzichten. Mit dem vorgeschobenen Dopingargument betreiben die beiden Sender ihre Form des Ablaßhandels und winden sich aus einer Berichterstattung, die ihnen mangels deutscher Gewinnchancen nurmehr lästig erscheint.

Drei Beispiele für scheinbar gegenöffentliche Positionen in der Öffentlichkeit, die bei genauem Hinsehen deutlich machen, dass nichts davon gegenöffentlich ist - sie sind Ausdruck der gleichen Eindimensionalität, mit der der Konformismus vollzogen wird. Sie glänzen mit derselben Inhaltslosigkeit, mit der die konformistischen Positionen glänzen; sind nicht Ausdruck gegenöffentlicher Denkweise, sondern Öffentlichkeit von der anderen Seite; sind Mahnmale der repressiven Toleranz, die uns vorgaukelt, es stünde demokratischerweise alles zum Besten, während an der Aushöhlung des Rechts- und Sozialstaates fleißig weitergewerkelt wird. Dreifacher Ablaßhandel gegenüber der Öffentlichkeit - verkauft als basisdemokratische Gesinnung; dreifache Reinwaschung im Angesicht der Öffentlichkeit.

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Ridendo dicere verum

"Von der Opposition in die Regierung
Eine Allegorie mit zwei Eseln

Vor einigen Wochen oder Jahren eilte ich die belebte Hauptstraße hinunter, denn ich hatte einen äußerst wichtigen Termin, und plötzlich, ganz plötzlich stellte ich mit Entsetzen fest, welche Ausmaße der Verkehr genommen hat. Ich mußte meinen ganzen Mut zusammennehmen, um mich über eine Kreuzung zu wagen, denn unsere übergeschnappten Autofahrer halten Fußgänger offenbar für Freiwild. Arrogant lümmeln sie hinter dem Steuer, während sie grundlos auf die Hupe drücken, nur, um sich am Schrecken der Fußgänger zu weiden. O Gott, fast hätte mich dieser schwarze Wagen überfahren. Ein Sprung rückwärts. Ein Sprung vorwärts. Wie ein besoffenes Huhn. Stop. Mit ohrenbetäubendem Kreischen hält dieser Depp. Wo brennt's denn? Wieso hat der's denn so eilig? Ich verstehe kein Wort von dem, was der Idiot mir zubrüllt. "Esel", schreie ich sicherheitshalber zurück. "Einen Fahrer wie dich sollte man notschlachten!" Was, er hält an, er steigt aus? Ach, das ist doch mein guter Freund Jossele, Schalom Jossi, wie nett. Er will mich mit nehmen. Wirklich lieb von ihm. Ich setze mich neben Jossi, na los, gib Gas, mein Junge. Ich bin schon spät dran. Kannst du nicht ein bißchen schneller fahren?
Natürlich kann er nicht. Wenn Jossi nur ein klein wenig aufs Gas drückt, springt ihm an der Kreuzung gleich irgendein übergeschnappter Fußgänger vor die Räder, vorwärts, rückwärts, wie ein besoffenes Huhn. Habt ihr denn keine Augen im Kopf? Was habt ihr's denn so eilig? Wo brennt's denn? O Gott, fast hätte sich dieser Kerl überfahren lassen! Wie ein Schlafwandler rennt der herum. Da hilft nur noch lautes Hupen. Hup noch lauter, Jossi. Stop! Im letzten Moment konnten wir mit quietschenden Bremsen anhalten. Jetzt fällt der Depp doch glatt auf die Schnauze. Wie witzig. Und wagt es auch noch, den Mund aufzumachen. "Idiot!" schreit er. Man sollte dich wirklich alle Fußgänger notschlachten. Ich verstehe kein Wort von dem, was der brüllt, aber ich schreie "Esel!" zurück, sicherheitshalber..."
- Ephraim Kishon, "Wer's glaubt, wird selig" -

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Neues Heldentum

Freitag, 17. Oktober 2008

Wen die Medien, so wie sie seit einigen Jahren berichten und unterhalten, reinwaschen und hofieren, muß gerade in diesen Tagen, da das Fernsehen in zaghafter Kritik steht - (Es wird ja nur der "Eklat" Reich-Ranickis behandelt, nicht aber der Grund der Kritik, der sich in stumpfsinniger Unterhaltung und oberflächlicher Berichterstattung deutlich macht.) -, ausgesprochen werden. Wer sind die Sieger einer solchen TV-Landschaft, oder besser: wer sind die Sieger einer solchen Medienlandschaft als Ganzes? Da gibt es viele Gruppierungen, die als Saubermänner und Weltenretter stilisiert werden. Politiker werden kaum noch kritisch beäugt, sofern sie nicht Mitglieder der LINKEN sind; Wirtschaftsbosse werden, wenn überhaupt, nur dezent kritisiert und dann auch nur, wenn sie sich krimineller Handlungen hingeben; angeblich unabhängige Wissenschaftler können ihre Thesen ohne Gegenwehr hinausposaunen. Weniger offensichtlich, doch durchaus erkennbar, wird jene Gruppe hofiert und medial geadelt, die den Interessen dieser Herrschaftskasten unmittelbar untergeben ist - der Büttel!

Kaum ein TV-Sender, der in seinem Programm nicht einen Büttel beim Dienst begleitet. Da werden Widrigkeiten behandelt, Sanktionen ausgesprochen, manchmal nur von oben herab vermahnt, in seltenen Fällen sogar Handschellen angelegt. Meist handelt man dabei gegen die Wehrlosen, Ausgebeuteten und Armen dieser Gesellschaft. Gleichheit in ihrer stumpfsinnigen Sanktionierungswut beweisen lediglich diverse Politessen, die jeden mit Verwarngeldern belegen, unabhängig vom gesellschaftlichen Status. Und freilich mag mancher Fall gerechtfertigt, manche Handschelle am richtigen Handgelenk befestigt sein - doch ob dies Entertainment sein soll, und ob nicht oftmals der lieben Kamera wegen grober verfahren wird als nötig, bleibt zu fragen. Was aber deutlich wird: Der Büttel ist salonfähig geworden, seine Dienste haben Vorbildfunktion bekommen, werden im Wohnzimmer bejubelt und gefeiert, sind Ausdruck freiwilliger Unterordnung unter herzlose Paragraphen und eiskalte Gesetzestexte.

Der Büttel, der willfährige Helfer und Helfershelfer von Herrschaftsinteressen hatte einstmals keinen guten Ruf. Er war als tumber Bediensteter, war als gefügiger Lakai berüchtigt, der immer dann Männchen machte, wenn es sein Herr von ihm verlangte. Eigenständiges Denken, Skrupel oder Mitleid waren nicht seine Stärke, ganz konträr sogar: ein freidenkerischer und mitleidiger Büttel galt als schwacher Vertreter seiner Zunft. Mit schrittweiser Umsetzung des bürgerlichen Staates sollte dieser Typus des Helfers verschwinden - zumindest theoretisch. Jetzt sollte er Dienst am Bürger tun, nicht bevormunden und bestrafen, sondern als hilfreicher Partner desjenigen, der ein Anliegen an der Gesellschaft hat, zur Seite stehen. Da der bürgerliche Staat immer der Staat der Bourgeoisie, nur sehr geringfügig solcher des Citoyens war, war für die armen und ausgebeuteten Bittsteller selten Freundlichkeit und Partnerschaft zu erwarten. Die Eiseskälte der Büttelei von einst, hatte sich in die Dienstzimmer der Beamtenschaft geschlichen und wie eine Konstante durch die Zeiten gezogen - Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Und ausgerechnet jetzt, da man allerorten von höheren Druck spricht, mit dem man den Bittsteller belasten sollte, da man von höherem Sanktionierungspotenzial schwelgt, da man härtere Strafen für allerlei Taten fordert, wird der Büttel zum allabendlichen Helden umgedeutet. Wenn die Kamera ihn begleitet, dann werden Stromleitungen gekappt, Regelsätze beschnitten, Ordnungswidrigkeiten mit aller Härte des Gesetzes geahndet - und nebenbei werden aus Opfern der Gesellschaft die Verbrecher und Totengräber derselbigen kreiert. Wenn dann mit eiskalter Mimik und noch kälteren Hindeuten auf das Gesetz - wofür man als Büttel ja nichts kann - Mitschuld von sich weist, dann erzeugt man ein Szenario der Schadenfreude, anstatt zu fragen, warum der gerade sanktionierte alkoholisierte Leistungsempfänger möglicherweise dem Alkohol zuneigt. Wenn man der gesellschaftlichen Eiseskälte ausgesetzt ist, wird mancher vielleicht nur im Schnaps ein wirksames Wärmemittel entdecken. Passend dazu reichert man die Reinwaschung dieser Zunft auch damit an, dass man terminologische Neuschöpfungen schafft - Euphemismen, die z.B. einen "Fall-Manager" auferstehen lassen, der vermuten läßt, der zuständige Büttel würde sich eines Falles - eines Bittstellers also - mit allem Interesse widmen, würde jeden speziellen Fall konkret und nicht mit Gleichmacherei begegnen.

Opfer oder Täter? - Diese Frage wird heute nicht mehr als selbstverständlich in den Diskurs der Gesellschaftskritik geworfen. Ist der, der Helfershelfer perverser Herrschaftsstrukturen ist, selbst nur Opfer? Oder ist er qua seines Standes als Vernunftsträger, als mündiger Mensch, bewußt und daher "semi-kriminell" involviert? Aber die humanistische Einsicht, dass jemand der klaren Verstandes ist, nicht teilnehmen will an Enteignung, Drangsalierung und Bestrafung, kann man nicht einfach von der Hand weisen. Und das stete Hindeuten auf Gesetzespassagen und Regelwerke, auf die man ja keinen Einfluß habe, die man nicht einfach umgehen könne, weil Ordnung eben sein müsse, scheinen eine billige, freilich auch willkommene Ausrede zu sein. Es ist, in aller Radikalität formuliert, das "Eichmännertum" des heutigen Büttels, welches gefügig ohne Widerrede denen folgt, die menschenverachtende und undemokratische Verfahrensweisen ersinnen. Da wird dann nicht selbst durchdacht, bewertet und mit dem Gewissen ausgefochten, sondern einfach abgesegnet und zynisch umgesetzt. Freilich, sie schicken nicht wie jener Technokrat aus anderen Tagen, Menschen massenhaft zur Vernichtung - sie handeln nicht mit Massen, sondern behandeln Schritt für Schritt, Fall für Fall, Mensch für Mensch. Und sie vernichten auch "nur" auf Raten, gerade so langsam, dass man juristisch nicht von Mord sprechen kann. Sie entziehen nur das Brot, lebenswerte Wohnverhältnisse, erschweren medizinische Versorgung, entziehen Mitmenschlichkeit, treiben manchmal zum Selbstmord - stossen aber kein Messer zwischen die Rippen.

Es ist schon ein seltsamer Held, der da medial verbreitet wird. Einer, der dem Heldentum aus der Literaturgeschichte so gegensätzlich gegenübersteht, dass keinerlei Gemeinsamkeiten mehr zu verzeichnen sind. Der Held alten Typus war rebellierend, revolutionär, hatte sein eigenes Denken zum Maßstab seines Handelns erkoren. Dies hat ihm die Feindschaft der ganzen Gesellschaft eingebracht, weswegen er verschmäht wurde, verachtet und verstossen! Zu guter Letzt erkannte diese Gesellschaft aber - manchmal allerdings schon nach Ableben des Einzelgängers -, dass dieser Individualist richtig gehandelt hatte, dass er heldenhaft zu seinem Einzigartigsein stand. Der Held des Vorabends, der Protagonist des Büttel-Fernsehens, stand im Gegensatz dazu, niemals der Gesellschaft kritisch gegenüber oder war gar von dieser ausgestossen. Er agiert im Namen dieser Gesellschaft, verurteilt und sanktioniert im Namen des Volkes. Sein eigenes Denken ist nie Maßstab - dies übernimmt der Vordenker, der Gesetze und Regeln entwirft, nach denen er sich strikt zu halten hat. Der Vorabend-Held ist daher ein Anti-Held - kriecherisch, fern eigener Denke, menschenverachtend und zynisch. Der alte Typus des Heldentums handelte, weil sein Handeln ihm als einzig richtiger Weg erschien; er nahm dafür Nachteile ihn Kauf; das Büttel-Heldentum allerdings tut und macht, um diese Nachteile nie am eigenen Leib erfahren zu müssen.

Es wirft ein trauriges Licht auf die Gesellschaft, wenn man stupide sanktionierende Büttel zum Vorbild stilisiert, quasi die verbeamtete Eiseskälte zum neuen Leitbild des neuen Menschen, der neuen Gesellschaft verklärt. Das Ekelhafte der TV-Landschaft rekrutiert sich vorallem daraus, das Nicht-Denken und den alltäglichen Nihilismus zum Zentrum der Unterhaltung zu machen, aus welchem sich wiederum eine Stimmungslage heranzüchtet, die auf eine gesamte Gesellschaft übergreift - die Stimmung der sozialen Kälte und der obrigkeitstreuen Mitläuferschaft. Was damit außerhalb jeglichen öffentlichen Diskurses bleibt, ist kritische Betrachtungsweise, Verweigerungshaltung, ethische Kategorien und der Mut, sich auch einmal seines eigenen Verstandes zu bedienen. Neben der Verdummung durch Nichtigkeit, erwächst aus dem Unterhaltungsapparat, der verdummte, kriechende und nihilistische Bürger einer schönen neuen Welt. Wie John Locke ein Vordenker der Aufklärung, oder Jean-Jacques Rousseau des Sozialismus war, so ist der gemeine Büttel der Vormacher des neuen Menschentypus, wie ihn sich die Herrschenden dieser Erde vorstellen...

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In vino veritas?

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Die Globalisierung ist nicht der neueste Schrei der Weltgeschichte, kein noch nie dagewesenes Ereignis. Dies belegen nicht nur Albrecht Müller und Robert B. Marks nachdrücklich, auch viele Globalisierungskritiker - diese Bezeichnung ist hier irreführend - legen dar, dass die Verstrickungen des Welthandels bereits seit Jahrhunderte andauern. An der mangelnden Einsicht, bei der Globalisierung keinem gänzlich neuem Phänomen gegenüberzustehen, scheitert zudem oftmals das Engagement der organisierten Globalisierungskritik, die Glauben machen will, sie stände einem neugeborenem, plötzlich auftretenden Feind gegenüber. Freilich hat der Welthandel sich beschleunigt, freilich vollziehen sich Prozesse meist nicht mehr schleichend, sondern mit rasender Geschwindigkeit - doch die Welt stand immer schon miteinander im Kontakt, war immer schon handelnd nahegerückt.

Und gerade dieses Nahegerücktsein ist das Hauptargument derer, die Globalisierung schönreden. Sie sprechen nicht vom entfesselten Markt, und schon gar nicht von der entfesselten Habgier - nicht von der Freiheit der Devisen oder der schrankenlosen Profitmaximierung. Sie sprechen von Chancen, von Pluralismus und Vielfalt - davon, dass die Welt näher zusammenrückt, man damit begonnen habe, eine große Weltgemeinschaft zu werden, in der zwar nationale Identitäten bewahrt blieben, aber ein einiges Wirtschaftssystem für den Wohlstand aller Menschen sorge. Und gerade dies sei ja Grundlage jeder friedlichen Welt. Der Kontakt mit Geschäftspartner in fernen Weltgegenden wird aber nicht nur als Chance, sondern eben auch als Neuigkeit der menschlichen Historie verkauft. Das dies bereits seit Jahrhunderten in einem gigantischen Ausmaß der Fall ist, wird strickt verleugnet - denn dann müßt man allerdings fragen, warum der Welthandel als historische Konstante keinen Frieden, keinen Wohlstand, keine glückliche Weltgemeinschaft hervorbrachte, und warum ausgerechnet die Apologeten des heutigen maßlosen Welthandels glauben wollen, eine Gewähr für die Umsetzung dieser hehren Ziele geben zu können.

Uns ist heute selbstverständlich bewußt, dass die Begrifflichkeit "Globalisierung" der Freiheit des Kapitals dient, dass man mit diesem Schlagwort bemächtigt war, einen unvorstellbaren Demokratie- und Sozialabbau zu betreiben, damit ganze Staats- und Gesellschaftsstrukturen ins Taumeln zu versetzen. Aber davon sprechen die Befürworter nicht - sie rufen schwammig formulierte Chancen ins Leben, altbewährte Strukturen folglich.

Und doch erstreckt sich in der sogenannten Globalisierung womöglich eine neue Tendenz, die vielleicht in dieser Form noch nicht Bestandteil einer zusammengerückten Welt war: Es ist der Hang zum Einheitsbrei. Wenn diese Form einer globalisierten Welt etwas bewirkt hat, dann die Angleichung ans Westliche, die Gleichschaltung der Lebensstrukturen. Nicht nur, dass wir versucht sind, das westliche Demokratiemodell in den Teil der Welt zu exportieren, der schwach genug erscheint, sich nicht dagegen wehren zu können. Die Gleichschaltung durchzieht nicht nur das politische Leben, sondern findet Platz in jeder nur erdenklichen Nische des Alltags: Man mästet sich rund um die Welt in Fastfood-Restaurants, die überall dieselben Mahlzeiten, mit exakt denselben Geschmacksempfinden anbieten - egal ob in New York oder Neu-Dehli: der Burger, die Pizza, das Steak schmeckt identisch; man trägt dieselbe Kleidung und hört denselben kommerzialisierten Singsang einer globalisierten Popindustrie; westliche Schönheitsideale schleichen sich ins Leben von Menschen anderer Kulturkreise; Menschen aus Gesellschaften, die noch traditionell und durch Natur ihren Tagesablauf gestalten, werden zum Konsum von für sie oft unnötigen Gebrauchsgütern gezwungen; Ideologien - vornehmlich die herrschende Ideologie der Maßlosigkeit - werden auch dort verbreitet, wo sie dem traditionellem Leitbild der Bevölkerung diametral entgegengesetzt sind - seit Jahrtausenden kommunistisch organisierte Indianerstämme d.h. solche, die kein Privateigentum kennen, werden demnach zu "Kapitalisten" umerzogen. Diese kurze Aneinanderreihung ist beliebig erweiterbar.

So berichtet der in Cannes ausgezeichnete Dokumentarfilm "Mondovino", wie das Weingeschäft dieser Vereinheitlichung des globalen Geschmackes unterworfen wird. Man berichtet vom bekannten Weinkritiker Robert Parker, die Institution schlechthin in seinem Metier, wie er Weine durch seine Kritik erfolgreich werden oder ins Nirvana schicken läßt. Dabei gibt er unumwunden zu, seinen persönlichen Geschmack zum Maßstab zu machen - Kritik ist ja immer subjektiv gefärbt -, womit sämtliche Weine, die die Weinkonzerne gerne erfolgreich sähen so verfälscht werden, dass man damit Parkers geschmackliche Vorliebe abdeckt - Parkerisieren nennt man diesen Vorgang in der Fachwelt. So entstehen auf der ganzen Welt Weine, die ähnlich oder identisch schmecken und keinerlei regionale Würze mehr aufweisen. Der Önologe Michel Rolland, ein Freund Parkers, erklärt rundheraus, dass Spitzenweine mit der heutigen Technik in jedem Teil der Erde produziert werden können. Plötzlich spielen also klimatische Bedingungen, Bodenstruktur und traditionelle Produktionstechniken keine Rolle mehr - stattdessen vereinheitlicht man den Wein und damit die geschmackliche Vorprägung der Weintrinker auf der ganzen Welt.

Natürlich wehren sich Traditionalisten gegen diesen globalisierten Wahnsinn der Weinkonzerne. Durchaus auch erfolgreich, aber natürlich finanziell immer zurücksteckend. Denn wenn der Markt mehr und mehr eine bestimmte Vorstellung vom Weingeschmack entwickelt, dann hat derjenige Weinproduzent, der einen Wein mit einer speziell gefärbten Note, aufgrund Klimas, Bodens und Mineraliengehaltes des Weinberges - "Terroir" nennt man dieses Zusammenspiel, das von den Konzernen als zweitrangiger Faktor der Weinproduktion verklärt wird -, mit Benachteiligungen bzw. mit fehlender Nachfrage zu kämpfen. Was bliebe wäre der Weg zum Einheitswein, die Aufgabe von Tradition und regionaler Identität. Der Winzer müßte sich, wollte er sein Produkt genauso erfolgreich in die Welt hinaustragen wie z.B. der kalifornische Weinkonzern Mondavi, seines Weines entfremden; sich als Schöpfer seines Weines ablösen lassen durch die industrielle Gleichschaltung. Der oft rituelle Akt der Herstellung müßte dann weichen, um einer entfremdeten Produktionsweise Raum zu verleihen. Traditionelle Weinkritiker und Connaisseure berichten immer wieder davon, wie Weine aus einer bestimmten Region plötzlich anders, einheitlicher schmecken, was bei Weinen aus manchen Regionen mit mittelmäßigen Terroir zunächst kein qualitativer Nachteil sein muß. Allerdings werden dann die regionalen Aromen nicht mehr kultiviert, kein aufrichtiger Wein mehr hergestellt, sondern ein Abklatsch eines Spitzenweines - der Profit heiligt die Mittel!

In vino veritas? Mit Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit hat dieser Wein dann nurmehr wenig zu tun...

Der Prozess, der im öffentlichen Diskurs "Globalisierung" genannt wird, ist beileibe mehr als die fadenscheinige Ausrede für Sozial- und Demokratieabbau - sie ist ein Prozess der Gleichmacherei, atomisiert kulturelle Eigenheiten; von der von ihr geförderten Erwartungshaltung, auch individuelle Anpassung von jedem Einzelnen abzufordern, ganz zu Schweigen. Die Globalisierung, wie sie uns deutlich wird, ist ein uniformierender Vorgang - was sich auch an dem Uniformierungswahn der Konzerne ablesen läßt, wenn sie ihre Mitarbeiter dazu zwingen, sich allesamt in einheitlicher Wäsche zu kleiden. Sie bedeutet eben nicht Vielfalt und Pluralismus, wie es ihre hartnäckigsten Befürworter gerne kundtun...

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Nur der Irre übt Kritik

Dienstag, 14. Oktober 2008

Wer nicht mit dem Massenstrom schwimmt, wer sogar noch versucht ist, gegen die Strömung anzuschwimmen, quasi einen Wasserfall von unten nach oben bezwingen möchte, dem macht man es gemeinhin schwer. Schlimmer noch, man erklärt solche Zeitgenossen dann und wann für geistig verwirrt, verschroben, vielleicht psychisch schwer angeschlagen, weswegen er die Segnungen des Massenspektakels nicht beherzigen will. Wenn einer nicht tut was alle tun, dann kann er nicht sein wie alle - und wenn sich diese Allgemeinheit als höchst vernünftig und weltzugewandt bezeichnet, vereinfachend gesagt als "normal" wahrnimmt, dann muß derjenige, der nicht gerne in der Wanne der Allgemeinheit badet, höchst unvernünftig, weltfremd und damit "unnormal" sein. Und da man heute vornehm ist, da man niemanden der Idiotie bezichtigen will, strickt man sich daraus das Szenario, wonach der Entgegenschwimmer ein neurotischer Notfall sei, der eigentlich anders wäre, wenn es ihm seine gesundheitlichen Zustände nur erlaubten.

Marcel Reich-Ranicki ist ein solcher Neurotiker - einer der zu einem solchen stilisiert wird. Seine Kollegen aus den Weiten der Fernsehlandschaft - obwohl jemand wie Jenny Elvers oder Verona Feldbusch sicher keine Kollegen von Reich-Ranicki sind - fühlten sich teilweise angegriffen, gar beleidigt. Anmaßend sei es von ihm gewesen, so klare Worte zu finden, die Veranstaltung derart zu entweihen. Tageszeitungen nennen die offene Kritik sogar einen Eklat, einen regelrechten Skandal. Wenn einer also das ausspricht, was sich für ihn als Wahrheit aufdrängt, wenn er freimütig ist, dann ist er bereits eine Skandalnudel. Immerhin hat er sich nicht ungehemmt in den Sog des Veranstaltungsabends fallen lassen. Dass Reich-Ranickis Kritik zwar unverblümt und geradeaus ins Gesicht der TV-Macher war, er aber ganz Mann von Welt blieb, mit zuvorkommender Wortwahl, ohne beleidigende Worte, die Schuld sowieso eher bei sich selbst suchend, als bei den Anwesenden - denn schließlich habe er an einem solchen Ort auch nichts verloren, gehöre nicht dorthin -, er den Anwesenden zudem ihr Recht auf oberflächliches Preisverleihen und gehirnfreies Klatschen nicht abgesprochen hat, wurde aber kaum öffentlich thematisiert. Außerdem war deutlich zu spüren, dass es ihm sehr unangenehm war - von Dreistigkeit, anmaßender Arroganz oder intellektueller Chuzpe keine Spur.

Dennoch, trotz seiner wortgewandten, aber doch sehr braven Kritik, war er außenstehend, erlaubte sich eine Freiheit, die sich keiner der anwesenden Herrschaften in ihrer angezüchteten Kritiklosigkeit erlaubt hätte. Und eingebettet in dieser Sichtweise, indem der Kritiker oder Oppositionelle nicht ganz gesund sein kann, weil er ja dem "gesunden Menschenverstand der Masse" nicht folgt, erlaubte sich die Intendantin des WDR - Monika Piel - ein Urteil: "Man darf es ihm nicht verübeln. Er ist 88 Jahre alt, er ist krank und ich denke, dass der Abend für ihn einfach zu lang gewesen ist."

Da hat sie also frei von der Leber weg ausgesprochen, was diese ganze Gesellschaft ausmacht: Der Andere ist der Kranke! Wer nicht spurt, wer sich nicht einreiht, wer nicht abnickt, was man eigentlich gar nicht abnicken möchte, der muß krank sein. Wenn der Kritiker noch dazu einige Lebensjahre auf dem Buckel hat, dann ist sein Kranksein ja offensichtlich und als feststehende These quasi abgesegnet. Wer aus der Masse rückt, wer seine Stellung innerhalb der Masse verrückt, der ist ebendies - verrückt. Kurzum: Man spricht jedem, der nicht so ist wie der "gezüchtete Mensch der Massengesellschaft", den Verstand ab. Man macht aus ihm einen Zeitgenossen, der nicht mehr richtig wahrnimmt; in Krankheit schwelgend nur noch vernebelte Bilder sieht, weswegen sein Urteil ebenso vernebelt ausfallen muß. Der Kritiker ist krank, meist sogar psychisch angeschlagen, leidet unter Verfolgungsängste oder ist ein neurotischer Verschwörungstheoretiker. Der andere Blickwinkel auf eine Sache ist der Allgemeinheit - denen, die Allgemeinheit formen - höchst fragwürdig. Der Blick von oben oder unten, von der anderen Seite, von Innen heraus, ist Verrat an der Allgemeinheit - sie gibt vor, von welchem Blickwinkel aus zu betrachten ist; aufgrunddessen: wie zu bewerten und zu reagieren ist.

Und wenn die Schwimmenden im Massenstrom eben klatschen und dürftige Fernsehsendungen prämiert sehen wollen, dann tut man, was in aller Zwanglosigkeit verlangt wird - aber wehe dem, der es nicht tut! Wir sperren keinen solchen Kritiker ein - zumindest keinen, der nur das Fernsehprogramm kritisiert -, diese Zeiten sind passé, zumindest meistens! Aber krank und nicht recht bei Sinnen ist er allemal, und dies will man auch in aller Öffentlichkeit formuliert haben. Sein Gefängnis ist die Verächtlichmachung seiner Person, dort sperrt man ihn in aller Öffentlichkeit ein bzw. aus. Nur der Verblödete übt Kritik, heißt es dann. Oder der Kranke und psychisch Ungesunde. Ein Vernunftsmensch hätte sich artig bedankt und viel gelobt. Schade nur, dass man laut Grundgesetz das Recht auf ein eigene Weltanschauung hat, sonst könnte man diese kritisierenden Irren in eine Anstalt stecken...

Ob allerdings Menschen wie Monika Piel, die so schamlos aus einem Kritiker ein orientierungslos gewordenes Menschlein stilisieren, nicht in einer solchen Anstalt gut aufgehoben wären, wird die Geschichte noch zu klären haben. Womöglich wird man die Jünger des Verächtlichmachens niemals internieren, weil sie dann - in ferner Zukunft - nicht mehr unter den Lebenden weilen. Aber verlachen wird man die Dummheit derer, die so zielgerichtet Kritiker abgekanzelt haben, mit aller Arroganz der jeweiligen Gegenwart gegenüber der Vergangenheit, mit der Ruppigkeit des dann aktuellen Zeitgeistes gegenüber den vergangenen Geistern. Und man wird klarmachen, was eine solche Behandlung eines Freidenkers ist: ein Verbrechen an seiner Persönlichkeit - aber auch an der Gesellschaft, die man mittels solcher Tricks von einer gegensätzlichen Sichtweise entfremden will.

Wahrscheinlich sind diese Zeilen als Ausgeburt eines Irren zu betrachten. Man schnüre mir schnell die Zwangsjacke fester, damit ich meine (mitlesende) Umwelt nicht in die Irre führe...

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In nuce

Was hat man nicht alles lesen müssen! Womöglich habe man den größten Terroranschlag verhindert, den es in Deutschland, ja sogar in Europa, je gegeben hätte. Gelobt hat man die Schlagkraft der Polizei, die auf dem Flughafen Köln-Bonn zwei Terrorverdächtige aufgegriffen hat - das war am 26. September. Aus den Terrorverdächtigen wurden ganz schnell Terroristen - Teufel, Mörder, Gesellschaftsfeinde, Systemfeinde sowieso. Dschihadisten der übelsten Sorte seien sie. Und man könne seinem jeweiligen Gott danken, diese Individuen aus dem Verkehr gezogen zu haben, denn es hätte wahrlich Blut und Tränen gegeben, wenn man sie nicht sofort verhaftet hätte. Es ist sowieso höchst fragwürdig, warum diese Horden von Terroristen, die angeblich hochtechnisiert sind, so relativ einfach zu durchschauen, zu verhaften sind - Terroristen der IRA oder der ETA ließen sich jedenfalls über Jahrzehnte hinweg nicht so leicht einsperren. Womöglich ist der islamistische Terrorist aufgrund seiner kognitiven Konstitution nicht fähig, seine Untaten unentdeckt im Stillen zu vollbringen.
Doch davon sei nicht die Rede. Wichtig soll uns sein, dass zwei Monster verhaftet wurden, dass dies freilich beinahe alle Medien berichteten und dass, man halte sich fest, die beiden Terroristen, die nun wieder zu Terrorverdächtigen umgedeutet wurden, bereits am 7. Oktober aus der Untersuchungshaft entlassen wurden. Davon berichteten natürlich auch... naja, fast niemand...

Nachdem die Arbeitslosen von der BILD abgehandelt, dem Generalverdacht des Betrugs unterstellt wurden, ist es nur recht und billig, sich auch mal wieder den Generationen zu widmen. Immerhin leben die Rentner ja auch Kosten der Jüngeren. Dazu zitiert man natürlich den US-Forscher Kotlikoff, der aus der Tatsache, dass Senioren und Kinder versorgt werden müssen - immer von denen verständlicherweise, die produktiv sind - ,einen kleines Naturgesetz formt. Dass aber immer schon Senioren, Kranke und Kinder von den Leistungsfähigen mitversorgt wurden, auch schon zu Zeiten, da man noch Höhlen bevölkerte, ist keine exklusive Neuheit des Umlageverfahrens - daraus aber ein Naturgesetz zu entwerfen, wonach die gierigen Alten die Jungen immer nur ausbeuten mußten, weil es ihnen quasi im Blut liegt, verdeutlicht eindringlich, wes Geistes Kind Kotlikoff und seine Jünger aus dem Hause Springer sind.
Danach erteilt BILD dem Lobbyisten Miegel das Wort, der natürlich weiß, warum man diese Ausbeutungsmechanismen nicht recht durchschaut hat: Die Politik habe den Rentner nie erklärt, wie das Rentensystem funktioniert, weshalb sie nicht wußten, dass sie die Jungen ausbeuten. Aber wie gut, dass es die BILD-Zeitung gibt, die das nun erklärt. Und siehe da: "Rentner kassieren mehr, als sie eingezahlt haben!" - Mich dünkt, man weiß dort selbst nicht so genau, wie das System arbeitet. Denn beim Umlageverfahren wird das eingezahlte Geld der Arbeitenden nicht gehortet, damit diese dies irgendwann ausgezahlt bekommen - Umlageverfahren bedeutet, dass die Arbeitenden für die jetzige Rentnergeneration einzahlen. Ein gewichtiger Teil der Solidargemeinschaft - man versorgt, wer sich nicht (mehr) versorgen kann. Wenn dieses System zudem sozialstaatlichen Humanismus erhalten soll, so schreibt man eine Mindest- und Höchstrente fest, damit jeder gesichert sein kann, aber auch die Gelder gerecht verteilt werden, nicht einseitig ausgegeben werden müssen. Demnach gibt es viele Rentner, die sicherlich mehr beziehen, als sie je eingezahlt haben - wobei sich so eine Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben gar nicht als notwendig ergibt -, während andere nicht mal das Rentenalter erreichen und damit keine Rente beziehen, bzw. deren Partner nur eine geminderte Witwenrente erhalten.
Aber den Anspruch, jeden nach seinen Einzahlungen auszuzahlen, erfüllt das Umlageverfahren absichtlich nicht. Was bekäme dann jemand, der zeit seines Lebens nur geringe Summen einzahlen konnte? Ohne Umlageverfahren wäre die Altersarmut manifestiert, mit dem Umlageverfahren kann es auch Altersarmut geben, doch kann man dort gezielter entgegenwirken, indem man umverteilt und damit die Lebensqualität aller sichert. Die BILD als großer Erklärer hat das freilich nicht erwähnt. Um Aufklärung ging es aber auch nicht - wie so oft!

Freudscher Verschreiber? Man muß davon ausgehen, wenn man sich vor Augen hält, was in der BILD-Zeitung in den letzten Wochen zur Arbeitslosenbekämpfung geschrieben wurde. Welches Wort wurde hier ausgeschnitten? Was würde passen? Empfänger? - Ja, das würde passen, meinte BILD aber nicht. Es liegt doch auf der Hand: Betrüger! - Aus dem Hartz-IV-Empfänger ist der Hartz-IV-Betrüger geworden. Man schreitet voran im Umdeuten der Begriffe, aber auch im Neuschaffen selbiger.

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Armut für alle!

Sonntag, 12. Oktober 2008

Viele Jahre lang mußte man verärgert zusehen, wie um des shareholders value willen prekäre Lebensverhältnisse, und damit in letzter Konsequenz Armut, erzeugt wurden. Von Lohnzurückhaltung wurde gepredigt, ebenso von notwendigem Personalabbau und der unumgänglichen Verschlankung des Sozialstaates - alles des großen Zieles wegen: des Wohlstandes. Dieser Wohlstand war aber nur Lebensrealität einer kleinen Schicht, die sich nach oben hin abgesetzt hat - für "die da oben" wurden Wohlstände geschaffen, die man eigentlich allen versprochen hatte. Maßlosigkeit war das Leitmotiv jener Wohlständler, die immer engere Gürtel predigten, um weitere Schichten Goldes über ihre Türgriffe und Wasserhähne überziehen zu können. An ihr Verantwortungsgefühl hat man zuweilen appelliert, etwas mehr Verteilungsgerechtigkeit eingefordert, die wenigstens ein kleines Stück des Wohlstandes auch an "die da unten" ermöglichen sollte. Man hat gewarnt, gehört wurde man aber nicht - und wenn doch, dann hat man keck gelächelt und einen ewiggestrigen Sozialromantiker aus dem Moralisten stilisiert.

Dass sich die Mitspieler der Oberschicht dagegen gewehrt haben, mag zwar nicht moralisch sein, ist aber in Anbetracht der ideologischen Verblendung, in der sie wie Vieh gehalten wurden, wahrscheinlich nachvollziehbar. Was aber weniger nachvollziehbar war, was aber stets Hand in Hand mit der Propaganda "von oben" ging, war die Tatsache, dass die sogenannten Mittelschichten, Menschen die in Lohnarbeit standen, sei diese auch noch so dürftig, zu großen Teilen die hoheitlichen Dogmen schluckten und sogar noch nachbeteten. Die Hetze gegen Arbeitslose, die zuweilen ein unerträgliches Maß an Menschenverachtung annahm, ist nur dann zu begreifen, wenn man sich bewußt macht, dass sie gerade bei den Mittelschichtlern nicht auf taube Ohren stieß. Gerade aus diesem Lager wurde gerne mit dogmatischen Sinn- und Merksprüchlein der Oberschichten herumgeschmissen, wurden Anfeindungen goutiert und täglich auch umgesetzt. Eine breite Front innerhalb der sogenannten Mittelschicht hat sich, egal aus welchen Gründen - ob aus Dummheit, Boshaftigkeit, Mitläufertum -, zum Handlanger und Büttel der herrschaftlichen Maßlosigkeit aufgeschwungen.

Nun bricht eine Krise über die Weltgesellschaft herein, vorallem über die westlichen Industriegesellschaften, wie sie von denen, die die Warnungen nicht hören wollten, nie erwartet worden wäre. Die maßlosen, jetzt aber nach dem Staat rufenden, ansonsten aber in Schweigen gehüllten Oberen dürften relativ gesichert sein und keine lauernde Armut befürchten müssen. Aber die Büttelschicht, diejenigen, die einst auf die Ärmsten der Gesellschaft gespuckt haben, die dürfen sich nun die Dogmen ihrer Herrn selbst vorbeten und versuchen nach dieser "Philosophie des Egozentrismus" selig zu werden, wenn man ihnen den Arbeitsplatz nimmt, und später ihren Besitz oberhalb des Existenzminimums. Sie dürfen, sollte es so schlimm kommen, wie mehr und mehr befürchtet wird, in kleinen Wohnlöchern lebend von Eigeninitiative sprechen, die man an den Tag legen muß, wenn man bei den "Tafeln" ganz vorne in der Warteschlange landen will. Und wenn das fade Mittagessen nicht vollwertig ist, der Hunger über Nacht bleibt, dann können sie sich selbst die Leviten lesen, weil die Müdigkeit und der leere Magen den Eindruck von Antriebslosigkeit und Faulheit entstehen läßt.

Was waren da oftmals die Argumente, mit denen man die Armen drangsaliert hat! Man müsse selbst arbeiten gehen, also soll auch der Hartz-IV-Empfänger gefälligst seinen Hintern hochkriegen, um dieses Prinzip der Gleichheit umzusetzen. Von den Gründen der Empfängerschaft wurde am "Stammtisch Bundesrepublik" nur sehr selten gesprochen. Ob sich das ändert, wenn die Finanzkrise langsam die realen Märkte erreicht und aus den Legionen von Arbeitslosen eine ganze Armee macht? Ob man dann nicht mehr von den Gründen als vom Sollen oder besser: "Sollten" spricht? Dann ist immerhin die Gleichheit erreicht, mit dem der Spießbürger seine Mitmenschen verächtlich gemacht hat - dann haben alle gleichviel vom "nichts mehr". Ob dann dem ehemaligen Handlanger der Oberen in den Sinn kommt, dass er ein Opfer des üblichen divide et impera war? Braucht es immer erst den Unglücksfall, um zu erkennen, dass der Nächste auf der Straße einem näher steht, als der Weitentfernte in seiner Luxusvilla?

Nicht dass man auf "Armut für alle" hoffen sollte, nur weil "Wohlstand für alle" aufgrund Spaltung und Zerrüttung innerhalb des Volkes nicht erwirkt werden konnte - aber wenn es ganz schwarz über uns kommt, wenn die Millionen der Erwerbslosen wöchentlich Zuwachs bekommen, weil das gesamte Wirtschafts- und Finanzsystem an der Habsucht verreckt, dann könnte daraus zeitweilig ein Besinnen resultieren, welches wieder sichtbar macht, wer zueinanderzustehen hat, wenn man mehr Gerechtigkeit erreichen will. Als Handlanger der Oberen ist das Durchsetzen von Verteilungsgerechtigkeit nicht umsetzbar - man muß die Basis, die Habenichtse ins Boot holen, wenn man eine harmonischere Gesellschaft möchte. Denn wenn man die Armen aussperrt, dann nutzen sie die Machthaber, um damit Ressentiments zu schüren, Sündenböcke zu kreieren. Kurzum: Womöglich liegt in der drohenden Kollektivarmut des Volkes die "List der Vernunft", wonach aus einem Mißstand eine Verbesserung des Daseins entstehen kann.

Und vielleicht bedarf es gar keine wirklich eintretenden Armut für alle, vielleicht reicht das drohende Gespenst schon aus, um ein wenig mehr kritisches Denken und Skeptizismus ins politische Leben zurückzuholen...

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Über Haiders Ende oder: der Ingolstädter Mescalero

Samstag, 11. Oktober 2008

Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen, heißt es - aber was, wenn der Tote kaum, vielleicht sogar nichts Gutes an sich gehabt hat, worüber man sprechen kann? Meine Gefühle, als ich vom tödlichen Unfall Haiders gelesen habe, sind knapp geschildert: mich ließ sein Ableben kalt, ich konnte nicht einmal einen Funken Mitleid empfinden. Wie oft habe ich diesen Typen hetzen gehört? Er war immer ganz vorne dabei, wenn es darum ging, in Österreich lebende Ausländer zu kriminalisieren, sie als faules Gesindel zu brandmarken, während er im gleichen Atemzug überzeugter Reinwäscher brauner Gesinnung war, SS-Veteranen als "anständige Menschen" einstufte.

Es war keine Freude, kein klammheimliches Händereiben, als ich erfuhr, dass dieser Hetzer sein irdisches Gastspiel beendet hat. Mit gleichgültiger Gefühllosigkeit begegnet man der menschenverachtenden Dummheit am gerechtesten - wenn Freude, Spott oder Haß aufkreuzen, widmet man der personifizierten Engstirnigkeit zu viel Aufmerksamkeit, betreibt deren Geschäft von der anderen Seite. Natürlich bekämpfe man solche Ausgeburten des Wahnsinns, aber bitte ohne Gefühl! Diese hebe man sich für wertvollere Personen des eigenen Lebens auf.

Was mich aber dennoch mit Wut erfüllt, was mich Kopfschütteln macht, dass sind die Legionen von Menschen, die nun in Kärnten durch die Lande pilgern, um aus dem politischen Karrieristen, egoistischen Taktierer und grobschlächtigen Misanthropen einen Heiligen zu erschaffen. Was da an Weltuntergangsfloskeln formuliert wurden! Selbst die Sonne soll nun in Kärnten nicht mehr scheinen! Und überhaupt sei die Welt nun nicht mehr so, wie sie einst war - als ob das nicht täglich zutrifft. Andere nannten ihn gar einen "großen Europäer" und sogar vom "Staatsmann" war die Rede. Blumen säumen Regierungsgebäude, dümmliche "Wir-werden-dich-nie-vergessen"-Briefchen ebenso. Aus Haider dem Rechtspopulisten wird ein kurzzeitiger Halbgott! Sein Auftreten, seine in charismatisches Karrieristentum gepackte Unkultur, sein Herrenmenschengehabe - alles vergessen? Oder nie Gegenstand kritischer Betrachtungsweise für diese Horden hellbrauner Kondolierender gewesen?

Man kennt das ja - Stalin wurde beweint, ebenso Franco, Pinochet erst kürzlich. Nicht das man Haider soviel der ehrenvollen Unehre zuteilen sollte: er war ja nur ein kleiner, relativ unbedeutender Landeshauptmann, zudem freilich Hauptmann seiner rechten Rotten. Ein Darmwind der politischen Geschichte seines Landes eben - kurz gestunken, danach unwiederbringlich vergessen. Aber was sich wieder einmal deutlich erkennen läßt: im Moment des Todes eines Menschen scheinen alle Unverzeihlichkeiten, alle Menschenverachtungen und Auswüchse mangelnder Aufklärung vergessen. Natürlich könnte man einwenden, dass jene Trauernden nie von ihm beleidigt wurden. Und das mag schon stimmen: Haider war ein feiner Kerl - wenn man Österreicher in Österreich war. Aber als Österreicher in der Welt muß man in ihm doch nichts anderes als einen schmierigen Machtmenschen erkannt haben, der die Ressentiments und Beschränktheiten aufgriff, um sich auf ihnen zu politischen Würden tragen zu lassen. Wer also dort kondoliert, kann nur Österreicher in Österreich sein - regional, abgekapselt, in seinem kleinen Kosmos lebend! Solche Figuren verzeihen die widerlichen Ausbrüche dieses Herrn, oder besser: hatten nie etwas zu verzeihen...

Man soll also nichts Schlechtes über Tote sagen? Von wegen! Wann, wenn nicht in der Stunde, da uns seine Existenz durch seine eben vollzogene Nicht-Existenz erst richtig bewußt wird, sollte man denn sonst die Dinge beim Namen nennen? Wenn es über Tote nichts Schlechtes zu sagen gibt, so sage man nichts Schlechtes - wenn aber ein ganzes Leben aus Schlechtem am Mitmenschen besteht, dann greife man das auf und formuliere es, gleichgültig wie geschmacklos man das finden mag. Wer hat sich um die Gefühle derer geschert, die er diffamiert, unterdrückt, geohrfeigt hat? Da hat auch der Hauptmann seine Geschmacklosigkeiten nicht aufgespart, sondern sie ohne falsche Scham in die Welt hinausposaunt. Jetzt, in den ersten Stunden seines Fortseins nicht über seine Verfehlungen und Frechheiten zu schweigen, ist daher sicher nicht pietät- und würdelos, sondern nur bestes Haider-Prinzip - man haue drauf, ohne Rücksicht, ohne Menschlichkeit, ohne falsche Scheu.

Eine Welt ohne Haider ist gewiss nicht ärmer am Geiste. Solche Kreaturen der politischen Welt, die nur um ihres eigenen Vorteils willen in die Politik drängen, gibt es zuhauf, sind immer und überall ersetzbar. Karrieristen dieser Sorte bereichernd die Politik nicht, ihre Abwesenheit ist wahrlich kein Rückschritt - nicht für das Volk, nicht für frei und ethisch denkende Menschen. Für seine Familie sieht das natürlich anders aus...

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Sit venia verbo

"Die Worte "aktiv" und "passiv" sind jedoch sehr mißverständliche Worte, da sich ihre heutige Bedeutung grundlegend von jener unterscheidet, die sie von der klassischen Antike und dem Mittelalter bis zu der Zeit, die nach der Renaissance begann, hatten.
[...]
Aktivität im modernen Sinn bezieht sich nur auf Verhalten, nicht auf die Person, die sich in einer bestimmten Weise verhält. Es wird nicht differenziert, ob ein Mensch aktiv ist, weil er wie ein Sklave durch äußere Mächte dazu gezwungen wird, oder weil er wie ein von Angst getriebener Mensch unter innerem Zwang steht.
[...]
In der philosophischen Tradition der vorindustriellen Gesellschaft wurden die Begriffe Passivität und Aktivität nicht im heutigen Sinn gebraucht. Das wäre kaum möglich gewesen, da die Entfremdung der Arbeit noch kein Ausmaß erreicht hatte, das dem heutigen vergleichbar wäre. Das ist der Grund, warum Philosophen wie Aristoteles gar nicht klar zwischen "Aktivität" und bloßer "Geschäftigkeit" unterscheiden.
[...]
Daß Aristoteles unsere heutige Auffassung von Aktivität und Passivität nicht teilte, wird unmißverständlich klar, wenn wir uns vor Augen halten, daß für ihn die höchste Form von Praxis, das heißt von Tätigsein - die er sogar noch über die politische Aktivität stellt - das kontemplative Leben ist, das sich der Suche der Wahrheit widmet. Die Vorstellung, daß Kontemplation eine Form von Inaktivität sei, wäre ihm unvorstellbar gewesen.
[...]
In Spinozas Menschenmodell ist das Attribut der Aktivität untrennbar mit einem anderen verbunden: mit der Vernunft.
[...]
Die Affekte teilt er in aktive und passive ein (actiones und passiones). Erstere wurzeln in den Bedingungen unserer Existenz (den natürliche, nicht den pathologischen Einstellungen), letztere werden von inneren oder äußeren deformierenden Einflüssen verursacht. Die ersteren sind in dem Maß vorhanden, in dem wir frei sind; die letzteren sind das Resultat inneren und äußeren Zwangs.
[...]
Für Spinoza ist psychische Gesundheit in letzter Konsequenz eine Manifestation richtigen Lebens, psychische Krankheit hingegen ein Symptom der Unfähigkeit, in Einklang mit den Erfordernissen der menschlichen Natur zu leben. "Dagegen, wenn der Habgierige an nichts anderes denkt als an Gewinn und Geld, und der Ehrgeizige an Ruhm usw., so gelten diese nicht als wahnsinnig: weil sie lästig zu sein pflegen und für hassenswert erachtet werden. In Wahrheit aber sind Habgier, Ehrgeiz, Wollust usw. Arten des Wahnsinns, wenn man sie auch nicht zu den Krankheiten zählt" (Ethik, Teil IV, Erläuterungen zum 44. Lehrsatz). In dieser Äußerung, die dem Denken unserer Zeit so fremd ist, bezeichnet Spinoza Leidenschaften, die den Bedürfnissen der menschlichen Natur widersprechen, als pathologisch; er geht sogar so weit, sie als eine Form vom Geisteskrankheit zu klassifizieren.
Spinozas Auffassung von Aktivität und Passivität ist eine überaus radikale Kritik an der Industriegesellschaft. Im Gegensatz zur heute herrschenden Überzeugung, daß Menschen, die in erster Linie von der Gier nach Geld, Besitz und Ruhm angetrieben werden, normal und angepaßt seien, hält Spinoza sie für äußerst passiv und im Grunde krank. Der aktive Menschentyp in Spinozas Sinn, den er selbst verkörperte, ist inzwischen zur Ausnahme geworden und wird häufig verdächtigt, "neurotisch" zu sein, da er so wenig an sogenannte normale "Aktivität" angepaßt ist."
- Erich Fromm, "Haben oder Sein" -

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Blattkritik

Donnerstag, 9. Oktober 2008

„Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute den großen Kunstschaffenden und Intendanten Hendrik Höfgen zu begrüßen. Er hat sich freundlicherweise dazu bereiterklärt, die heutige Blattkritik zu übernehmen. Wir, die Mitarbeiter unseres Hauses, sind uns der Ehre wohl bewußt, die Herr Höfgen uns mit seiner Anwesenheit und Kritik entgegenkommen läßt.
Wir wären dann soweit und dürfen nun das Wort an Sie übergeben. Bitte, Herr Höfgen, seien Sie schonungslos offen.“

„Vielen Dank, Herr Chefredakteur D., für die einleitenden Worte. Ich werde, so wie Sie es von mir verlangten, schonungslos und offen mit der heutigen Ausgabe Ihrer Tageszeitung ins Gericht gehen, was aber zweifellos nicht ganz einfach sein wird, bei der Fülle an wichtigen und mitteilenswerten Informationen, die Sie den Lesern täglich anbieten. Wenn die Damen und Herren bereit sind, werde ich nun beginnen. Entgegen der weitverzweigten Eigenart der Leser Ihrer Zeitung, werde ich aber von vorne nach hinten abhandeln.

Der heutige Aufmacher hat sofort Lust zum Weiterlesen gemacht – „Papa Göring – Hier hält er seinen Nachwuchs auf dem Arm!“ Dazu natürlich ein idyllisches Bild von einem stolzen Vater. Informativ sind dann auch die Zeilen, die erklären, dass das kleine Mädchen „Edda“ heißen soll, verbunden mit dem Anreiz an die Leser, auch ihren Nachwuchs für den Führer mit nordischen Namen auszustatten. Schön sind auch die Glückwünsche der Hebamme – „Im Namen des deutschen Volkes gratuliere ich zu einem reinrassigen Kinde!“ - , die dem Leser übermittelt werden. So fühlt man sich mitten unter den Görings, vielleicht wie ein Familienmitglied, und nimmt Anteil an deren Glück.

Leider etwas verunglückt scheint mir der relativ kleine Artikel, der sich mit des Führers Volkswagen-Projekt auseinandersetzt. Verunglückt, weil man jetzt erst von dieser Sache berichtet und dann auch nur sehr halbherzig, lediglich mit einem kurzen, kaum wahrzunehmenden Artikel. Man erfährt zwar von der Grundsteinlegung, unterstreicht nochmal des Führers Weitblick, durch den er eine mobile deutsche Gesellschaft schaffen möchte, vergißt aber, die Leser gezielter darauf einzuschwören. Da ich selbst ein großer Befürworter des Volkswagens bin und des Führers Vision als eine göttliche Eingabe bewerte, würde ich vehement darum bitten, in Zukunft mehr Enthusiasmus in dieser Frage an den Tag zu legen. Fesseln Sie Ihre Leser, machen Sie Ihnen klar, wie wichtig dieses Vorhaben ist, damit wir als deutsches Volk standhaft in der Welt stehen können. Mehr Mut, Herr Chefredakteur!

Lobenswert ist der Bericht des Professors für deutsche Geschichte und Staatskunde, der sich auf der zweiten Seite befindet. In einfach Worten erklärt dieser integere und fähige Wissenschaftler, dass die Tschechoslowakei als Konstrukt des Diktats von Versailles keine Existenzberechtigung habe. Und beachtlich ist natürlich die historische Aufarbeitung, die er gekonnt kurzhält, um den Leser mittels weniger Zeilen vollwertig zu informieren. Die Schlußfolgerung ist ein Meisterstück journalistischer Arbeit: „Daher, weil das Areal der heutigen Tschechoslowakei immer schon deutsch war, muß selbige zerschlagen werden und in den Besitz des deutschen Volkes zurückgelangen.“ Hier wird ganz klar, was die Notwendigkeiten der Zeit sind; hier gibt es keine journalistische Schwammigkeit – meisterhaft!

Ehrlicherweise gebe ich zu, dass ich über Seite drei und vier beinahe hinweggeflogen bin. Das hat aber nichts mit der Qualität der Artikel dort zu tun, sondern mit meinem mangelnden Interesse für Wirtschaftsangelegenheiten. Das kurze Essay des Ethnologen habe ich aber doch gelesen. Obwohl ich keine Ahnung von Wirtschaftszusammenhängen habe, mich deswegen auch kaum dafür interessiere, hat es dieser Mann fertiggebracht, mir in kurzen Sätzen die schockierenden Zusammenhänge von Wirtschaftskrise und Weltjudentum zu erklären. Zum erstenmal besehe ich die Probleme dieser Welt in einem höheren Lichte – dafür kann man auch nur loben. Einzige Kritik: Wir brauchen mehrere solcher Erklärungen, damit der gesamte Volkskörper Aufklärung erfährt.

Die Seiten für die deutsche Frau überfliege ich, sollen bei Gelegenheit von anderen Blattkritikern, vielleicht weiblichen, begutachtet werden. Traurig ist nur, dass man die Leserinnen scheinbar immer noch dazu animieren muß, sich nicht zu üppig zu schminken und das Rauchen zu unterlassen. Schade eigentlich...

Dann natürlich das Herz Ihrer Tageszeitung: Die Seiten des Herrn Dr. Goebbels. Das ist Pflichtlektüre für jeden Deutschen und das ausgerechnet Ihre Zeitung das Glück hat, eine Kolumne dieses genialen Mannes drucken zu dürfen, zeigt doch auf, wie großartig Sie Ihr Handwerk verstehen. Sie sind, und als Künstler darf ich das freimütig kundtun, ein Virtuose der schreibenden Zunft. Zum Inhalt der Kolumne kann man nur großartig sagen. Wenn der deutsche Leser heute noch nicht begreift, dass der Jude dem Volkskörper fremd ist, wann dann? Aber ich bin mir sicher, dass das Volk den Plan der SS, alle volksfremden Juden nach Madagaskar zu übersiedeln - so wie es die Polnische Kommission letztes Jahr empfohlen hat – für notwendig erachtet. Es ist eine humane, aber rassisch notwendige Vorgehensweise, für die sich Dr. Goebbels erneut ausspricht. Sehr schön, wie Sie diesen großen Humanisten ins rechte Licht rücken.

Sehr informativ sind auch die Sportnachrichten. Endlich kann die Schmach von 1936 getilgt werden. Deutsche Wissenschafter haben herausgefunden, dass der Arier doch leistungsfähiger ist als der Afrikaner. Pfiffig finde ich Ihren Sportkolumnisten, der nun feststellt, dass Jesse Owens' Olympiatriumph deshalb nur einer Betrügerei zu verdanken sein kann, so wie sie dem afrikanischen Typus innewohnt in dunkler Seele. Der Ausblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft in einigen Wochen, vorallem der Artikel „Hurra, wir tragen das Hakenkreuz!“ hat mich begeistert. Die darin enthaltene Vorstellung aller deutschen Spieler, die in Frankreich dabei sein werden, war wieder einmal ein genialer Einfall. Fesch ist auch die Aufmachung der Sportseiten: wohlgeformte Männerkörper, schön proportioniert – da wird einem der deutsche Sportsmann schmackhaft gemacht.

Herausragend ist auch das Engagement Ihrer Tageszeitung zur Vereinigung. Wie Sie da jeden Tag einen kleinen, aber bedeutungsvollen Artikel anbieten, der Kleindeutsche und Österreicher zusammenführen soll, ist schon bewundernswert. Hier wird Journalismus nicht aus Eigennutz betrieben, sondern zum Wohle des deutschen Volkes. Alleine schon der Titel dieser Serie ist treffend: „Damit zusammenwächst, was immer schon zusammengehörte!“ Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass man Ihnen hierfür das Goldene Parteiabzeichen verleihen wird.“

„Vielen Dank, Herr Höfgen, Sie waren sehr gnädig mit uns. Viel Lob und viel Ehr von Ihrer Seite – es war uns ein Vergnügen. Damit ist die heutige Blattkritik beendet. Morgen haben wir einen ganz besonderen Kritiker im Hause, der aus dem näheren Umfeld des Führers entstammt. Seien sie gespannt!“

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Trau, schau, wem!

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Im jenem Moment, da der Präsident eines Fußball-Bundesligisten vor die TV-Kameras tritt, um das uneingeschränkte Vertrauen dem seit Wochen sieglosen Trainer auszusprechen, um klar und unmißverständlich zum Ausdruck zu bringen, dass man trotz der langen Durststrecke und des drohenden Abstieges, im derzeitigen Trainer genau den richtigen Mann unter Vertrag weiß, sollten dem Vielgelobten alle Lichter aufgehen. Denn immer dann, wenn Verantwortliche eines Fußballvereines von Vertrauen sprechen, sich symbolisch hinter den Erfolglosen stellen, ist es mit dem Vertrauen als Basis für weitere Zusammenarbeit nicht weit her. Dabei ist die Sprache auch hier wieder verräterisch, deckt sie doch auf, wes Geistes Kind eine solche Vertrauensduselei ist und sollte spätestens jetzt ermöglichen, dem Betroffenen die Gefahrenlage vor Augen zu führen. Denn wenn man sich erstmal hinter seinen Trainer gestellt hat, dann steht man genau an der richtigen Stelle, um ihm hinterrücks einen Dolch in den Körper zu treiben.

Wenn sich Politiker vertrauensvoll an "ihr" Volk wenden, um ihnen zu versichern, dass keine Mauer quer durch die Stadt gezogen werden soll; wenn vormalige Exemplare dieser traurigen Zunft sich das Vertrauen des Volkes sichern wollten, indem sie kundtaten keinen zweiten großen Weltenbrand mehr entfesseln zu wollen; wenn andere, der neuere Typus dieser eigenartigen Berufsgruppe sich Vertrauen durch Wahlversprechen erschleichen, dann sollte eigentlich sichtbar werden, dass immer dann, wenn man um das Vertrauen ringen muß, wenn es nicht von alleine entsteht, wenn es also nicht still und leise quasi von selbst geschieht, sondern erzwungen werden muß, etwas im Argen liegt. Verliert man das Vertrauen zu einem Menschen, so kann dieser noch so darum kämpfen, noch so sehr Vertrauen erflehen, noch so viele Zwangsmaßnahmen zur Wiedererlangung einleiten: das Vertrauen entsteht erst nach und nach wieder - wenn überhaupt. Den Vorgang des Sichanvertrauens, der niemals von jetzt auf gleich geschieht, sondern ein langsamer, manchmal sogar quälender Prozess ist, kann nicht angeschoben werden, kennt kein beflügeltes Vorpreschen.

Das "Vertrauen" entstammt der Wortgruppe um "treu", was einst soviel wie "stark", "fest" oder "dick" bedeutete. Das "Vertrauen" beinhaltet folglich Stärke und Festigkeit, und am salopp dahingesagten "Ich bin dicke mit dem oder dem", wird erkennbar, dass Vertrauen, zumindest aber Vertrautheit, ein Zustand ist, in dem zwei Parteien fest und dicht beieinanderstehend sind - sich eben treu ergeben sind. Solch ein Zusammenwachsen ist freilich nicht ohne weiteres umsetzbar, nicht durch ein Paar Worte der Vertrauensschaffung zu erwirken. Das Vertrauen ist ein bedächtiger Akt, die Zurückgewinnung oftmals ein noch viel langwierigere Prozedur.

Die Kanzlerin aber will nun das Vertrauen in die Wirtschaft - ins Finanzwesen konkret - sichern. Ihre Botschaft zur Finanzkrise bleibt im schwammigen Bereich der Vertrauensbildung, beinhaltete nichts über Mittel und Wege. (Sie spricht lediglich davon, dass das Vertrauen erhalten bleiben muß, wie das geschehen soll, bleibt aber schleierhaft. Sie spricht daher wie in Hebräer 10, 35: "Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.") Daher bleibt es zunächst bei Worten ohne Taten. Finanzexperten hegen seitdem die Hoffnung, dass durch Merkels Vertrauensarbeit auch wirklich Vertrauen zurückgewonnen werden kann - dass Merkels schöne Worte wichtig, ja existenziell sind, um das Mißtrauen zu überwinden. Dass durch die Maßlosigkeit und die lebensverachtende Profitgier Vertrauen zerstört wurde, dass das Treueverhältnis zwischen zwei Parteien - wir erinnern uns: Vertrauen kommt aus der Wortgruppe um "treu" - einseitig aufgekündigt wurde, dies schon seit Jahrzehnten, scheinen die Hoffenden vergessen zu haben. Für sie, gleichermaßen wie für die Kanzlerin, ist Vertrauen eine Ware, die man mit wohlfeilen Worten erkaufen kann. Aber das deutsche "Vertrauen", anders als z.B. das spanische "confianza", beinhaltet eben die "Treue", macht also einen steten, intensiven und langen Prozess zur Grundlage eines Verhältnisses, während es im Spanischen wesentlich geschäftlicher zugeht, da dort die Bürgschaft (fianza) im Raume steht, die auch zwischen zwei gänzlich fremden Parteien, durch Sicherheiten und Kaution, erwirkt werden kann - bezeichnenderweise spricht man im Spanischen auch bei einer Kaution von fianza.

In Augenblicken also, in denen mit ein Paar losen Worten Vertrauen erwirkt werden will, ist der Vorgang der Schaffung des Vertrauens schon gescheitert. Denn durch einen Schnellschuss kann es nicht zur vertrauten Basis kommen, dazu bedarf es der Ausdauer - Zeit, die der freie Markt sich nie nehmen wollte, sich nie nehmen kann, wenn er weiterhin nach seinem Selbstverständnis weiteragieren soll. Wenn ein fremder Versicherungsagent an der Türe klingelt, um ein Vertragsverhältnis durchzusetzen, wird er viel von Vertrauen fabulieren, welches man als Kunde in das Unternehmen setzen sollte. Aber sein feiner Duktus, das Säuseln schöner Worte und sein modischer Strick um den Hals, werden nicht bezwecken, dass sich der Vorgang des Sichanvertrauens verschnellert. Hier ist die fehlende Zeit des entfesselten Marktes goldwert - würde man sich Zeit nehmen, wäre es mit der gemeinsamen Basis - wenn man erkennt, wie wenig dem Unternehmen am Kunden liegt, lediglich an seinem Geldbeutel - schnell vorbei.

Für Merkel und jene, die vom neuen Vertrauen schwärmen, kommt natürlich erschwerend hinzu, dass sie in Zeiten, in denen die eine Partei die Treue mit Füßen trat, in der sie maß- und verantwortungslos war - den Kunden und dem Gemeinwesen gegenüber -, geschwiegen haben. Damals hat kaum einer von Habgier und Vertrauensbruch gesprochen, wenn dann nur zögerlich und mit Bedacht, ja keine Taten den Worten folgen zu lassen. Sich also jetzt dazu hinreißen zu lassen, Vertrauen zu erzwingen, ist weder glaubhaft noch wahrhaft. Denn das Sichanvertrauen ist ein langwieriger Vorgang, aber die Beibehaltung des einmal gewonnen Vertrauens, ist eine Lebensaufgabe. Einmal gewonnenes Vertrauen sichert man sich am besten dadurch, das Vertrauen nicht zu mißbrauchen - so hätte man in diesem Lande das Vertrauen in die Wirtschaft sichern können: indem man erst gar nicht einen Bruch begangen, sondern das Vertrauensverhältnis gepflegt hätte.

Wenn also erstmal das "Vertrauen" zur Debatte steht, dann sollte man skeptisch werden. Genauso skeptisch, wie man es ist, wenn man Menschen begegnet, die es immer besonders gut mit einem meinen - letzteres endet nicht selten an der Front...

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Nomen non est omen

Heute: "Die (freie) Marktwirtschaft"
„Wer glaubt, die Marktwirtschaft könne für eine gerechte Einkommensverteilung sorgen, hat die Grundprinzipien dieser Wirtschaftsform nicht verstanden.“
- Hans-Werner Sinn, Ökonom und neoliberaler Vordenker -
„Wir sind dabei, die Welt zu reduzieren auf Angebot und Nachfrage.“
- Gertrud Höhler, Managment- und Kommunikationsberaterin -

"Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“
- John Maynard Keynes, britischer Ökonom -
Gemäß Walter Benjamins These, nach welcher der Kapitalismus als eine Religion fungiert, ist der Markt der Gott aller (Neo-)Liberalen. Diese Vergöttlichung des Marktes erlaubt es, ihm allerlei Kräfte und Wunder zuzuschreiben. So treffen sich Menschen auf vermeintlicher Augenhöhe, regeln ihr Leben selbstbestimmt und stillen ihre Bedürfnisse nach einem vermeintlich freien Prinzip von Angebot und Nachfrage, schließen faire Verträge miteinander, handeln stets nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül und haben das Recht auf Eigentum. Am Ende entspringt Wohlstand, Glück und Zufriedenheit, quasi als Nebeneffekt für alle Menschen heraus. Soweit das Ideal der freien Marktwirtschaft.
Ob zunehmende Verdichtung und Konzentration von monopolartigen Konzernen, wie z.B. Microsoft, das tausendfache Schlucken, Aufkaufen und Zerschlagen von Unternehmen, um selbst der Veto-Spieler auf dem Markt zu bleiben oder die systematische Verdrängung, Bestechung oder Korruption von Unternehmen weltweit – die freie Marktwirtschaft ist ein Konstrukt (neo-)liberaler Träumer. Die EU, die WTO, die Weltbank und der IWF regeln und steuern weltweit den Transfer von Gütern und Waren zugunsten der reichen Industrieländer. Die Entwicklungsländer werden in postkolonialen Abhängigkeitsverhältnissen gehalten. Die vier großen Stromkonzerne in Deutschland - EON, Vattenfall, RWE und ENBW - haben sich die Bundesländer in Deutschland untereinander aufgeteilt. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert, wie es bei Privatisierungen von großen staatlichen Unternehmen immer wieder zu beobachten ist. Banken die sich verspekuliert haben, rufen auf einmal nach dem Staat, welcher für die Schulden aufkommen soll. Auch sorgt der freie Markt ganz sicher nicht für weniger Armut und mehr allgemeinen Wohlstand, wenn nicht zugleich eine Verteilungsgerechtigkeit des gesellschaftlichen Reichtums sichergestellt ist – wie z.B. die steigende Armut in Deutschland in den letzten Jahren beweist. Staatliche Subventionen für Unternehmen in Millionen- und Milliardenhöhe führen jede Ideologie des „freien ungehemmten Marktes“ ad absurdum. Die Beispiele ließen sich hier endlos weiterführen.
Frei ist die Marktwirtschaft nur für die, die über ausreichend Kapital, Einfluss und Macht verfügen. Alle anderen müssen sich dem Gott-Leviathan-Markt ehrfürchtig ergeben, um genug Ressourcen zum eigenen Überleben zusammen zu bekommen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Moralische Garrotte

Dienstag, 7. Oktober 2008

In diesen Tagen ist häufig vom Wert oder Unwert menschlichen Lebens zu hören und zu lesen. Auch wenn man dieses menschenverachtende Sujet nicht immer unverblümt ausspricht, erkennt derjenige, der hinhört, mitliest, zusieht, dass es letztendlich lediglich um die Verwertbarkeit des Menschen geht, um den bloßen Kosten-Nutzen-Faktor, der herangezogen wird, um menschliche Individuen in Kategorien einzuteilen. Diejenigen, die nicht (mehr) verwertbar sind, die keinen offensichtlichen Gewinn für die Gesellschaft darstellen, die also in Nutzlosigkeit verharren, finden ihren Platz bei den Unwerten. Zwar spricht man nicht offen aus, dass der Unverwertete - drastisch formuliert - eine Form "unwerten Lebens" darstellt, aber immerhin darf seine Existenz angezweifelt werden - wenn nicht er als Ganzes, dann zumindest seine Rechte, seine Würde, sein Menschsein. Aus "einem von uns" wird "einer von denen"!

Zwischen den Zeilen ist der Unwert immer herauszulesen, die Ton- und Stimmlage des Reporters läßt die Anzweiflung gegenüber der wertlosen Lebensberechtigung erahnen, die gefilmten Bilder die ins Wohnzimmer transportiert werden, bilden schamlos den Ekel gegen die Wertlosen ab. Dabei begrenzt man die Wertlosigkeit nicht auf den Marktwert eines Menschen, was an sich schon schlimm genug wäre - vielmehr ist die Wertlosigkeit der rote Faden des gesamten Lebensentwurfes, wird zur Konstanten erhoben. Der Wertlose ist nicht nur am Arbeitsmarkt wertlos, weil er dort keinen Fuß in die Türen von Personalbüros bekommt, sein ganzes Dasein, seine Kinder, die Unkosten die er der Gesellschaft auferlegt, manifestieren sein Atmen zur unnötigen Tätigkeit, der man keinerlei Wert beimessen sollte.

Da ist die finanzielle Not, in die man den Wertlosen geworfen hat. Jene Not, die einen qualitativ dürftig essen, alte Kleider auftragen läßt, die einen des sozialen Lebens fernhält, ausschließt und an zu zahlenden Rechnungen verzweifeln läßt. Und doch ist dies nur die Spitze des Eisberges. Denn wenn man täglich lesen muß, zwischendrin aus dem Radio vernimmt, aus einem nachbarschaftlichen Plausch heraushört, im Fernsehen beobachten muß, wie eine ganze Gesellschaft dabei ist, das Leben des Geplagten zur wertlosen Existenz zu erklären, dann ist die Resignation ein immer wieder erscheinender Weggefährte, einer der in immer kürzeren Abständen zu Besuch kommt. Das eigene Leben erscheint ohne Wert, weil es Außenstehende immer und immer wieder vorbeten - und wenn man dem eigenen Leben keinen neuen Wert einimpfen kann, indem man verwertet wird von der Wirtschaft, scheint es nicht mehr lebenswert.

Man zieht sich zurück, meidet Nachbarn und Freunde, meidet irgendwann sogar Fremde, fühlt sich verfolgt, erkannt, entblößt, glaubt einen markierenden Stern auf der Kleidung zu tragen, der jedem ersichtlich werden läßt, welch inkarnierter Wertlosigkeit man gerade gegenübersteht. In den Blicken der Anderen glaubt man Vorwürfe zu erkennen, Empfehlungen, die einen nahelegen wollen, sich endlich das Leben zu nehmen, um die Solidargemeinschaft - die ja dann nurmehr ein toter Begriff ist - zu entlasten. Jedes Wort der Doppeldeutigkeit wird negativ aufgefaßt. Man beißt die Zähne und Lippen zusammen, wenn man sich an seiner Wertlosigkeit gemessen fühlt, will dem vermeintlichen Peiniger die Freude nicht bereiten, vor seinem Angesichte zu weinen. Erst zuhause liegt man dann in nassen Kissen, sehnt sich nach einem wertvollen Leben, selbst wenn es offensichtliche Werte im eigenen Leben, fern der wirtschaftlichen Verwertbarkeit, gäbe. Irgendwann schwindet das Weinen, das Gefühl der Traurigkeit und man resigniert, verbittert, sieht in sich selbst keinen Wert, ist sich kein Selbstzweck mehr. Selbsthaß keimt auf, das Abbild im Spiegel widert einen an - man erkennt in sich selbst jenen Feind, den auch alle anderen in der personifizierten Nutzlosigkeit erkennen.

Während sich hoffnungslose Optimisten damit brüsten, dass hierzulande (noch) ein intaktes Sozialsystem installiert ist, wird zeitgleich das Schüren eines Klimas geduldet, in dem Menschen sich ihres Selbstwertes beraubt fühlen. Selbst wenn Regelsätze, Renten, Arbeitslosengelder und dergleichen mehr erhöht würden, wäre dies nur ein kleiner Schritt, der dieses Land zurückbringt in die Bahnen eines aufgeklärten Sozialstaates. Denn neben der finanziellen Guillotine ist auch die moralische Garrotte ein Folterinstrument inhumanster Sorte - der finanzielle Engpaß läßt materielle Not entstehen, aber die indokrinierte Wertlosigkeit, dieses Spiel mit den Gefühlen eines Menschen, erzeugt Minderwertigkeitskomplexe und läßt erlahmen. Es ehrt Sozialverbände, die ihrer Aufgabe doch einmal gerecht werden, indem sie höhere Bezüge für die Ausgestossenen fordern, aber solange es nur dabei bleibt, solange das Klima innerhalb dieses Landes - dieser westlichen Gesellschaft generell - nicht kritisiert und aktiv bekämpft wird, bleibt die materielle Forderung nur ein Ästchen, welches man beschneidet, während der Baum der Unmenschlichkeit an allen anderen Stellen maßlos wächst und wuchert.

Packt man nicht die Dominanz des Kosten-Nutzen-Denkens am Schopfe, um es aus dieser Gesellschaft herauszuwerfen, so sind alle gutgemeinten Ratschläge nur Beiwerk, Erleicherung zwar für die Betroffenen, aber nicht Lösung der Problematik. Solidargemeinschaft, für denjenigen der diese Tradition noch ernstnehmen möchte, beinhaltet mehr als die monatliche Überweisung eines Geldbetrages. Sie muß sich auch darin manifestieren, Menschen nicht in psychische Not zu stürzen, sie nicht ihrer Lebensfreude zu berauben. Sprüche, die dreist erklären wollen, dass Arbeitslose keine Lebensfreude in ihrer Situation verspüren sollten, stehen daher dem Solidarprinzip entgegen. Denn wenn der Hilfebedürftige auch noch seine Lebensfreude verlieren soll, die Freude an seinem Privatsein, warum sollte er überhaupt noch am Morgen das Bett verlassen wollen? Wer die Lebensfreude ächtet, der ächtet das menschliche Leben, der schürt das Tote...

Solange den Wertlosen nicht erklärt wird, dass sie genauso wertvoll sind, wie die vermeintlichen Wertvollen dieser Gesellschaft - (die es qua ihrer Funktion oftmals nicht sind; siehe Ingenieure, die an der Entwicklung von Hybridsaatgut mitwirken und damit Landwirte abhängig machen, Lebensmittel qualitativ verschlechtern, die also objektiv betrachtet geradezu wertlose Arbeit im Sinne einer aufgeklärten und gerechten Gesellschaft leisten) -, solange ist das Solidarprinzip aufgehoben. Was ist daran solidarisch, ganzen Bevölkerungsgruppen indirekt die Lebensberechtigung anzuzweifeln?

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Gewählte Befreier?

Montag, 6. Oktober 2008

Vor einer Woche, so behaupten es derzeit die Massenmedien, sei in Bayern eine neue Ära angebrochen. Das Ende der Alleinherrschaft sei besiegelt, dafür drängen neue Parteien in den Landtag. Unter diesen Neuen, unter den Siegern der Landtagswahl, findet sich eine Partei, die gar keine Partei sein will, die sogar bei Kommunalwahlen mit diesem Nichtwollen wirbt. Von Plakaten herunter wird berichtet, dass man nicht zu denen gehört, die Parteibücher verteilen, wenn man bei ihnen mitspielen will. Diese "Nicht-Partei", die sich bezeichnenderweise die "Freien Wähler" nennt - der Wähler soll folglich frei sein von parteilicher Vorkonditionierung -, hatte also am Abend des Wahltages einen parlamentarischen Triumphzug erstritten, übersprang erstmalig die Fünf-Prozent-Hürde und taten damit ihren Anteil daran, die CSU abzuwatschen. Schnell waren sich die Medien darüber einig, dass das Prinzip der Freien Wähler, die keine Partei darstellen wollen, dafür aber Bürgernähe und Pragmatismus auf ihre Fahnen geschrieben haben, ein Erfolgsmodell auch für andere Bundesländer sein könnte. Getreu der Einsicht: Wenn die Volksparteien schon sterben, dann sollen eben Bürger ohne Parteibuch die Geschicke in die Hand nehmen!

Wen hat sich der bayerische Wähler da selbst vor die Nase gesetzt? - Zunächst ist der vielbemühte Ausspruch, wonach man keine Partei sei, äußerst zweifelhaft, höchstens juristisch relevant. Denn ein anarchistischer Haufen von Politikern sind die Freien Wähler ja nicht gerade. Man muß ihnen sogar beitreten, um mitmischen zu dürfen - und selbst eine Jugendorganisation können sie ihr Eigen nennen. Bisher war es der Protest gegen "die da oben", gegen die nur anzukommen sei, indem man pragmatische Bürger an die Fleischtöpfe der Macht, in die Verantwortung bringt, damit das Parteipolitikertum ablöst. Keine vertrockneten Strukturen mehr, keine verknöcherten Parteitraditionen, sondern freie Politiker für parteiverdrossene freie Wähler! Im Gegensatz zu der LINKEN, die man immer wieder als Partei frustrierter Wähler kategorisiert, sind die Freien Wähler wirklich eine Protestpartei. Protest gegen das Parteiwesen - auch wenn es den Tatsachen kaum, bestenfalls oberflächlich entspricht! Nun aber wird man eine Legislaturperiode lang selbst Teil von "denen da oben" sein dürfen und schrittweise sich an das Verknöcherte und Morsche heranschleichen. Parteistatus hin oder her: die Freien Wähler werden als Partei wahrgenommen werden, zumal der Parlamentarismus letztendlich aus jedem zwanglosen Verband eine Einheit formt, die dann als Partei auftritt - man denke nur an die Grünen.

Originell sind die inhaltlichen Ansätze der Freien Wähler sowieso nicht - was nicht überraschen soll, denn wer vom deutschen Bürgertum mit offenen Armen empfangen wird - wie am Wahlabend von Pofalla, der die Wahlniederlage der CSU als gar nicht so schlimm einstufte; hat doch das bürgerliche Lager insgesamt sogar noch zulegt -, der kann nicht völlig differente Anschauungen vertreten. Wenn man sich in den Inhalten einig ist, dann spielt auch der populistische Köder vom "Wir-sind-gar-keine-Partei" keine Rolle mehr, obwohl diese Masche den bürgerlichen Parteien, die auch wirklich Partei sein wollen, eigentlich viel feindseliger gegenübersteht, als die Opposition beispielsweise der LINKEN. Denn die LINKE, bei aller Gegensätzlichkeit zur Einheitsfront der etablierten Parteien, leugnet nicht das Parteienwesen, sondern sieht sich selbst als Teil desselbigen - man bewegt sich also im gleichen Kosmos. Die Freien Wähler geben aber vor, dass dieser Kosmos ein Irrtum sei, doch solange die Marschrichtung "angebotsorientierte Wirtschaftspolitik", "Sozial- und Demokratieabbau" und des Üblichen mehr erhalten bleibt, kann man sogar vom Abgesang des Parteienwesens predigen, ohne in die Schußlinie der Verknöcherten zu geraten.

Die Inhalte indes müssen nicht einmal in ein Wahlprogramm gegossen sein. Nicht gegossen zu haben: darauf sind die Freien Wähler ebenfalls stolz. Sie brauchen kein Wahlprogramm, merzen diesen Mangel - den sie als solchen nicht verspüren - durch pragmatisches und bürgernahes Handeln aus. Dennoch hat man sich natürlich hinreißen lassen, die Schwerpunkt-Themen der eigenen Weltauffassung darzulegen. Denn dass jeder Abgeordnete nach seiner Façon handeln und umsetzen darf, so weit ist man auch in der unparteilichsten aller Parteien noch nicht. Auch dort gibt es einen festgelegten Kodex - andere würden Parteizwang dazu sagen. Was sich innerhalb dieses festgelegten Programmes, das ja kein Programm sein soll, weil es sich nur in losen Stichpunkten, nicht aber in ausführlichen Erzählungen darstellt - wobei die Parteiprogramme anderer Parteien, die wirklich Partei sind, zwar ausführlich gestaltet, aber gleichermaßen blaß und ohne Aussagekraft sind -; was sich also in dieser Stichwortsammlung findet, ist keine Sensation, sondern vielmehr ein Sammelsurium verschiedenster Schlagworte und Parolen, die sich aus den Programmen anderer Parteien rekrutiert zu haben scheinen. Ja, man hat den Eindruck, dass sich hier das neoliberale, wirtschaftstreue Spießbürgertum vereint hat, um den spiegelbildgleichen Zeitgenossen, die innerhalb der CSU oder FDP Parteilichkeit ausüben, eine Konkurrenz aus dem "eigenen Ideologiegebäude" zu sein.

Darin wird dann aufgeführt, dass Schulabgänger zukünftig fit für den Beruf sein sollten, anders gesagt: dass Bildung eine vorab arrangierte Ausbildung zu sein hat, während man gleichzeitig das G8 - diese Entkindlichungseinrichtung, aus christlichem Hause! - als richtigen Schritt darstellt, an dem einzig herumgedoktert werden muß, damit die Rahmenbedingungen einigermaßen stimmen - wichtig ist den Freien Wählern ebenso nur, dass Kinder schnellstmöglich ausgebildet werden, damit sie flott effektiv verwurstet werden können. Vom humanistischen Bildungsideal atmet die Stichwortsammlung jedenfalls nicht - lernen um des Lernens willen, Freude am Wissen, auch an jenem Wissen, das zunächst nur den Menschen, nicht aber den Angestellten befruchtet, will man nicht vermittelt haben. Und selbstverständlich habe sich "Arbeit wieder zu lohnen" - dieses Ausruf kleinbürgerlicher Borniertheit, wonach der Arbeitende ja immer der Dumme sei, darf freilich auch bei den Freien Wählern nicht fehlen. Damit dieser Ausdruck von Populismus - obwohl in diesem Lande ja nur die LINKE das populistische Monopol innehat - auch abgerundet wirkt, reichert man die Schwerpunkte einfach um Parolen wie "Abbau der Überregulierung", "Senkung der Lohnnebenkosten", "Leistungsbereitschaft fördern" und "Leistungsverweigerung sanktionieren" an - man will sich ja als Nicht-Partei in die gleichgeschaltete Parteienlandschaft integrieren! Sollte also jemand Leistung verweigern, nicht so spuren, wie es sich die Parteilosen von den Freien Wählern vorstellen, dann rufen auch sie nach deutscher Manier nach der Polizei und nach Bestrafung! Und wenn der kurze Katalog der Stichpunkte auch nur wenige Ziele aufzählt, zum Schrei nach Sanktionen hat es immer noch gereicht. Ebenso freilich der Punkt, dass man das Privateigentum, speziell im Erbfall, gesichert sehen will. Bei der Klientel die man bedient, versteht sich der kategorische Schutz des Privateigentums von selbst.

Was sich der bayerische Wähler da angetan hat, kann ihn aber nicht erschüttern. Jahrzehnte der CSU-Herrschaft, Jahre des Sozial- und Demokratieabbaus im gesamten Lande, haben ihn ja schon an solche Parteien herangeführt und ihn daran gewöhnt. Dass man ihm aber nahelegt, er müsse sich über die neuen Fraktionen im Landtag auch noch freuen, weil sie neuen Wind ins alte Geschäft brächten, grenzt an Verblödung. Die Freien Wähler jedenfalls sind kein Modell für andere Bundesländer, und wären auch keines für Bayern - die Protagonisten dieser Wählervereinigung, die alles sein wollen, nur nicht Mitglied einer Partei, entstammen vorallem dem Unternehmertum, was sich auch in den programmatischen Stichpunkten ablesen läßt. Sie wollen soziale Ungerechtigkeiten weder beseitigen noch abmildern - "soziale Ungerechtigkeit" erscheint auch nicht als Begriff im Katalog der Schwerpunkte -, sondern einfach dort weiterwursteln, wo die CSU seit Jahren herumbastelt. Von den Ködern für die Wähler, - der wahre Populismus, der an die Ressentiments der Bürger appelliert! - Verdummungen wie jener, keine Partei sein zu wollen oder anstatt eines Programmes lieber Pragmatismus walten zu lassen, mal ganz abgesehen.

Man könnte auch festhalten: Wenn die CSU mit der FDP koaliert, dann sitzt der Großteil der Christsozialen in der Regierung, während eine kleine Meuterertruppe desselben Vereins in der Opposition das gleiche Geschäft von der anderen Seite her betreibt - immerhin sind ja auch viele Mitglieder der Freien Wähler ehemals CSU-Mitglieder gewesen. Von einer Befreiung der Bürger von Parteigehabe und einer bürgerfernen Politik für Konzerne und Unternehmen, die man hinterlistigerweise als Politik für die Bürger stilisiert, kann keine Rede sein. Mit den Freien Wählern hat sich der bayerische Wähler sicherlich nicht befreit...

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Wer ist wer?

Sonntag, 5. Oktober 2008

Nun soll es auch den Kranken an den Kragen gehen, nicht denjenigen Kranken, deren ganze Krankheit aus Faulheit und fehlender Motivation besteht - die hat man ja schon vor einigen Wochen durch das Land gejagt! Nein, nun soll es solche Kranke betreffen, denen laut SGB II ein Mehrbedarf zusteht, weil sie aus "medizinischen Gründen eine kostenaufwändige Ernährung" benötigen. Bis dato betraf das unter anderem Diabetiker und Menschen mit erhöhten Fettwerten. Dieser Mehrbedarf könnte nun wegfallen, bzw. wird von offizieller Seite angezweifelt. Wenn es doch nur von offizieller Seite wäre! Denn wer die Kürzung quasi einfordert sollte eigentlich auf der Seite derer stehen, die Hilfe benötigen, die innerhalb dieser Gesellschaft schwach sind - es ist der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, die Dachorganisation der Wohlfahrtsverbände, die diesen Schritt zur Kürzung empfiehlt.

Begründet wird diese Empfehlung dadurch, dass bei Diabetes und anderen Volkskrankheiten, nach dem heutigen Stand der Wissenschaft, keine Diät mehr erforderlich sei. Ausreichend sei demnach eine gesunde Ernährung. Nun soll an dieser Stelle aber nicht darüber gestritten werden, ob ein Diabetiker nicht doch einen Mehraufwand aufbringen muß, wenn er sich zuckerfreie Lebensmittel leisten möchte, die freilich teuerer sind. Und auch die medizinische Analyse der Empfehlung soll hier nicht diskutiert werden - vielmehr soll an dieser Stelle erneut die Frage gestellt werden, wie weit die Gleichschaltung schon vollzogen ist? Denn wenn eine Organisation, die eigentlich für die Schwachen dieser Gesellschaft einstehen soll, nun diesen Schwachen auch noch die Feindschaft ins eigene Haus trägt, dann kann doch nicht mehr von Interessensvertretung gesprochen werden. Dann ist selbst eine Wohlfahrtsorganisation nicht mehr als einer der zahlreichen Büttel der Wirtschaftsinteressen, ohne Rücksicht gegenüber der eigentlichen Klientel.

Die Frage lautet also (wieder einmal), ob wir es mit Schwein oder Mensch zu tun haben?

Wenn die Menschen keinen Unterschied mehr zwischen den verschiedenen Interessensverbänden erkennen, weil deren namentlichen Vorstreiter Ähnliches predigen, wie diejenigen, die diametral entgegengesetzte Interessen vertreten, dann vollzieht sich eine Gleichschaltung, ein Hand-in-Hand-gehen verschiedenster Organisationen, zugunsten eines gemeinsamen Zieles, das sich hierzulande in entfesselten Profit und "Vorfahrt für Wachstum" niederschlägt. Alles was an sonstigen Interessen herrscht, sei es Mitmenschlichkeit, Verantwortungsgefühl und/oder Gemeinschaftlichkeit, hat unter diesen "Urzielen" keinerlei Rechte mehr. Erst Profit, erst die vermeintliche wirtschaftliche Vernunft, erst Funktionalität, dann der Mensch - das ist die immer wieder durchschlagene Parole des Zeitgeistes. Du bist nichts, das Ziel ist alles!

Und wenn sie dann beieinandersitzen, hier die Gewerkschafter, dort die Arbeitgeber; oder hier die Mitglieder der Wohlfahrtsverbände, dort diejenigen, die in der Wohlfahrt den Untergang des guten Geschmackes sehen; oder hier die Delegierten einer Ärztevereinigung, dort die Vertreter des Totsparens, die Krankenkassen also - wenn sie zusammensitzen und Kompromisse suchen, wenn sie sich dabei auf die Schultern klopfen und ihr dortiges Tun eigentlich nur als Beschäftigung sehen, die in ihr Privatleben nicht hineinreicht, wenn also zwischen den Kontrahenten eine Verbrüderung im Geiste stattfindet - wenn sie nicht sogar schon vor Jahren stattfand -, dann ist es für solche, die von Außen zuschauen, unmöglich zu erkennen, wer nun also Schwein und wer Mensch sei.

Bei Orwell verwandelten sich die Schweine zu Menschen, waren dann nicht mehr vom menschlichen Antlitz zu unterscheiden, weil sie durch Kleidung und Verhalten vermenschlicht wurden. Blickt man aber heute auf jene, die eigentlich die Interessen der Schwachen vertreten sollten, um sie dann feige hinterrücks zu erdolchen, so hat man das Gefühl, dass nicht beide Parteien menschlich geworden sind, sondern dass sich beide benehmen wie Schweine.

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Über Fließbandbabys

Samstag, 4. Oktober 2008

"Auf dem Markt, auf dem Arbeitsmarkt trägt der Arbeiter seine Arbeitskraft zu Markte. Auf dem Arbeitsmarkt platzieren wir den Unternehmer wie er von einem Arbeitsmarktstand zum anderen geht und Arbeitskraft einkauft. Da sehen wir den Unternehmer wie er die Ware prüft. Ob sie auch kräftig ist? Ob sie auch kein Großmaul ist? Ob sie auch nicht verbraucht ist? Ob sie auch nicht über 50 ist? Ob sie auch schön frisch ist?"

So beginnt das Lied "Auf dem Arbeitsmarkt" vom Album "Profitgeier" der Band Floh de Cologne. Zur fruchtbaren Verquickung von Musik und Politik.

Die deutsche Krautrockband Floh de Cologne wurde im Januar 1966 von Kölner Studenten gegründet. Ähnlich wie die Ton Steine Scherben verbanden Floh de Cologne ihre Musik von Anfang an mit linkspolitischen und sozialkritischen Inhalten. Sie machten auf menschenverachtende Zustände des Kapitalismus aufmerksam und verstanden es mit gekonnt rhetorischen Texten, die Menschen zum Nachdenken anzuregen: "Der Unternehmer heißt Unternehmer weil er etwas unternimmt. Der Arbeiter heißt Arbeiter, weil er arbeitet. Würden die Arbeiter was unternehmen, müssten die Unternehmer arbeiten".

Das TINA-Prinzip (there is no alternative) prägt mittlerweile nicht nur das Denken vieler Politiker in Deutschland, sondern auch viele bürgerlich angehauchte Kulturschaffende. In Opern und Theatern werden die Zauberflöte, Faust oder Parzival immer und immer wieder inszeniert. Es werden Hunderte Komödien und Dramen nach Schema F vorgeführt. Und am Ende erwartet uns stets eine Moral, die uns bestenfalls amüsiert – jedoch den Status Quo nicht antastet. Wenn Floh de Cologne in ihrem Lied "Fließbandbaby" davon singen, dass sie nicht immer arbeiten, heiraten, Fernsehen gucken, ein Auto kaufen, ein Haus bauen oder den Haushalt machen möchten – zeigen sie dem System den Mittelfinger. Denn erst dann, tun sich echte (Lebens-)Alternativen auf.

Auch wenn diese Band, die sich 1983 schon auflöste, mittlerweile gute 40 Jahre alt ist und ihre Musik etwas angestaubt und altbacken wirkt, sind ihre Texte erfrischend und hochaktuell: "Dass, was man bei uns hier Freiheit nennt, das hat man nur nach Feierabend". Es ist eine wahre Freude endlich wieder einmal authentische und glaubwürdige Musik, die eine Botschaft besitzt, zu hören. Sie zeigen auf, dass Musik mehr als Selbstzweck und Konsumgut sein kann. Mehr als ein riesiges Geschäft. Mehr als MTV, VIVA, "Deutschland sucht den Superstar" oder diverse Radiosender, die den Hörer mit Werbung zum Ohrenbluten bringen. Kurz gesagt: Floh de Cologne sind eine leuchtende Fackel, im kulturimperialistischen Einheitsbrei der jeden Tag durch sämtliche Medien auf uns niederprasselt. Denn: warum soll "die Luft nicht denen gehören, die sie atmen?"

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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In nuce

Die CSU steckt in einer Krise - dass durch diese Krise keine Freudensprünge seitens der Bevölkerung vollbracht werden können, nicht weil die CSU ihre Sache so gut gemacht hätte, sondern weil der nun benötigte Koalitionspartner diese - dann gemeinsame - Sache wahrscheinlich noch schlechter macht - (Man denke an den FDP-Fetisch von der Bürgergesellschaft, der den Staat verdammt wissen will; man lese die Leitlinien der FW, die lediglich Phrasen wiedergeben, wie z.B. dass "Leistung sich wieder lohnen müsse" und "Bürokratie abgebaut" werden muß!) -, dass also kein allgemeines Freudengebrüll losgehen kann, liegt auf der Hand. Wichtig ist den Medien derzeit sowieso nur, dass es in der CSU kriselt, dass Pöstchen und Ämter zu verteilen sind und welche der vielen austauschbaren Charaktermasken zu neuer Würde gelangen könnten. Diese Krise, die sich medial nicht als Krise, sondern als parteiinterner Säuberungsprozess gestaltet, macht schnell offenbar, dass die Problematiken der Christsozialen nicht sind, bei der Bevölkerung nicht mehr angekommen zu sein - zumindest nicht mehr, wie in alle den Jahrzehnten zuvor; die CSU plagt sich stattdessen mit Ämterstreit, Pöstchengeschacher, Besserwisserei und dem künstlichen wirkenden Versuch, eine Art christsoziale Einheitsfront ("Wir dürfen uns jetzt nicht zerfleischen!") zu erzeugen.
Dass bei soviel Ungerechtigkeit, die der bayerische Wähler, dieser undankbare Lump, seiner von Gott gegebenen Partei entgegenbrachte, die Sphären allen Irdischen verlassen werden, um Trost im Reiche des Herrn zu suchen, scheint da nur allzu verständlich. Und so pilgerten die CSU-Granden in die Gruft des Herrn - in die Untiefen einer Familiengruft, in der die Gottheit des bayerischen Vaters beerdigt ist. Geschlossen zelebrierte man den 20. Todestag des größten aller Bayern - Franz Josef Strauss. Und man darf sicher sein, dass dieser begangene Gedenktag mehr beinhaltete, als nur das Andenken an den Außenminister Bayerns, der nun zur Rechten des Herrn sitzt, um die Belange Bayerns auch im Paradiese gesichert zu wissen. Da wird mancher heimlich an den Gott der CSU gebetet haben, er möge ihm Kraft geben und dem bayerischen Volke wieder mehr Verstand. Und wenn er schon dabei sei, so sollte er bitte - und drei "Vater unser" danach - dafür sorgen, dass man sein Amt nicht verliere, eher vielleicht hierarchisch aufsteige. Romantisch wird man dann an die Tage zurückdenken, als Strauss noch unter den Lebenden weilte, als er zynisch beleidigen, dreist abkanzeln, unter die Gürtellinie schlagen konnte, ohne gleich einen Aufschrei der Entrüstung ausgesetzt gewesen zu sein. Das waren noch Zeiten, da konnte man noch auf den Tisch hauen und trotzdem Wahlen gewinnen!
Wenn sich der Christsoziale im Hier und Jetzt nicht mehr zurechtfindet, dann kriecht er zu Kreuze, betet zu Gott - oder zu dem, was er für den seinen Gott hält. Im Sinne des Parteiinteresses, ist auch Götzendienst erlaubt...

Was hat man doch besserwisserisch auf Finnland verwiesen, wenn wieder mal PISA-Studien an die Öffentlichkeit weitergereicht wurden, die fundamentieren sollten, wie nötig neue Reformen im Bildungswesen doch seien. Finnland das Vorzeigeland Europas! An Finnland habe sich Europa zu orientieren! Nach Finnland wanderten Bildungsminister aller europäischen Länder, um sich dort Anreize für eine "Suomisierung" des jeweiligen nationalen Bildungswesens einzuholen!
Dann geschahen zwei Amokläufe, zweimal stürmten Jugendliche eine Schule, schossen um sich, töteten Schüler, brachten sich danach selbst um. Überrascht waren die Finnen, speziell die finnischen Lehrkräfte aber nicht. Ganz im Gegenteil: Es verwunderte sogar, warum solche Amokläufe derart selten sind. Denn - und dies wird hierzulande über das finnische Schulmodell gerne vertuscht - es findet im finnischen Schulwesen eine Entfremdung des Jugendlichen statt, weil nur die reine Bildungspraxis zählt. Zudem werden die Kinder und Jugendlichen in Ganztagseinrichtungen verfrachtet, damit der finnische Kapitalismusentwurf auch funktioniert, damit beide Elternteile Karrieren anstreben können - fachlich sei das finnische Schulmodell wahrscheinlich wirklich das Beste, so urteilen finnische Experten; menschlich blieb es auf der Strecke. Dies geht so weit, dass finnische Lehrer berichten, Schüler würden sich nurmehr ihnen anvertrauen, weil die Eltern so entfremdet sind vom eigenen Nachwuchs - oder eben andersherum -, dass nur der Lehrer, den man ja täglich sieht und den man vorallem die meiste Zeit um sich hat, eine Vertrauensperson im Leben des Kindes sein kann. Mehr und mehr fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, gerade solche, die die schulischen Leistungen nicht in Bestform erfüllen können, zum störenden Faktor, zum Hindernis, zum abschiebenden Aspekt familiären Lebens - oder das, was man dann als Familie bezeichnen will - degradiert. Leistungsschwache wohl auch deshalb, weil sie sich dem Druck der Gemeinschaft ausgesetzt fühlen, weil die Eltern womöglich Vorwürfe machen, während sie einen doch weggeschoben haben und - auch das behaupten finnische Lehrer - keinerlei Interesse für den Schulablauf des Kindes an den Tag legen. Das ist die "schöne neue Welt", die uns zulächelt - das Kind als Bildungsapparat, bar aller kindlichen Neigungen und Notwendigkeiten, zur Gefühlskälte getrimmt, dafür aber leistungsstark und präpariert für einen übergangslosen Wechsel in die Berufswelt.
Das Musterland Finnland bietet also einen kalten Bildungsapparat an, der zwar schulische Höchstleistungen erzeugt, aber die Person seelisch verkrüppelt. Was in der Bundesrepublik dazu führt, überhastete Reformen in die Wege zu leiten, sorgt in Finnland dafür, alle Reformen zu unterlassen - schließlich zeigt PISA doch auf, dass in Finnland alles perfekt läuft. Warum sollte man die europäische Spitzenposition gefährden? Wen kümmern schon verkrüppelte Kinderseelen? - Und wen kümmert es im "Land der Reformen", wer sorgt sich in diesem Lande darum, dass das finnische Schulsystem seine tragischen Mängel hat? Die Reformer nicht, sie brauchen ein finnisches Schulsystem, um sich an ihrer eigenen Reformiererei aufzugeilen, um ein Musterbeispiel zu haben, an das sie sich lüstern heranreformieren können. Und der Deutschen Verdummungsblatt, als Sprachrohr der Reformer, hat auch kein Interesse an den wirklichen Gründen hinter den Amokläufen. Stattdessen konstruiert man sich wieder eine reißende Geschichte, ersinnt sich ein Amokläufer-Netzwerk, und läßt gekonnt, durch das Abdriften vom Kern der Geschichte, die Kritikpunkte am finnischen Schulmodell unter den Tisch fallen. Es soll ja bloß keiner auf die Idee kommen, dass in Finnland etwas schiefgelaufen ist, nur weil eine handvoll Schüler zu Tode kam. Solange man Einserschüler fabriziert, ist doch die Welt in Ordnung - trotz Amokläufe.

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Sit venia verbo

"Wagen wir die Dinge zu sehen wie sie sind. Es hat sich ereignet, dass der Mensch ein Übermensch geworden ist... Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf... Damit wird nun vollends offenbar, was man sich vorher nicht recht eingestehen wollte, daß der Übermensch mit dem Zunehmen seiner Macht zugleich immer mehr zum armseligen Menschen wird... Was uns aber eigentlich zu Bewußtsein kommen sollte und schon lange vorher hätte kommen sollen, ist dies, daß wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind."
- Albert Schweitzer bei der Entgegennahe des Friedensnobelpreises 1954 -

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Wahlverwandtschaften

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Der sechste Präsident der Vereinigten Staaten, John Quincy Adams (im Amt von 1825 - 1829), war der Sohn des zweiten Präsidenten, des Mitunterzeichners der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung - Sohn des berühmten John Adams (1797 - 1801). Benjamin Harrison (1889 - 1893) war der Enkel des Dreißig-Tage-Präsidenten William H. Harrison (1841); sein Vater John Scott Harrison war Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus. Vervettert waren die beiden US-Präsidenten Theodore Roosevelt (1901 - 1909) und Franklin D. Roosevelt (1933 - 1945). John F. Kennedy (1961 - 1963) war Sohn eines Diplomaten. Der Vorvorgänger des amtierenden US-Präsidenten war dessen Vater; die Ehefrau des vormaligen Präsidenten bewarb sich um das Präsidentschaftsamt innerhalb ihrer Partei.

Dies sind die vielleicht berühmtesten Beispiele dafür, in den USA eine aristokratische Gesinnung erkennen zu wollen. Gefördert wird die Festigung und Installierung von herrschenden Familien natürlich auch dadurch, dass die Vereinigten Staaten eine relative Kontinuität aufzuweisen haben. So heißt es immer wieder, dass die USA eigentlich ein junges Land sei, aber das stimmt so nicht. Freilich: Man ist - gemessen an der menschlichen Geschichte - eine junge Nation, aber eine junge Gesellschafts- und Herrschaftsstruktur hat man nicht aufzuweisen. Ganz im Gegenteil - während man nämlich in der Alten Welt immer wieder politische und damit gesellschaftliche Umbrüche zu bewältigen hatte, scheint die US-amerikanische Gesellschaft seit nunmehr über 200 Jahren stabil zu sein.
Der Gesellschaftsentwurf der Bundesrepublik existiert seit 1949; die Fünfte Republik Frankreichs seit 1958, nachdem man sich im 19. Jahrhundert ständigen Wechselhaftigkeiten ausgesetzt sah; die italienische Gesellschaft scheint sich heute noch zu suchen, sieht sich mit einem ständigen Hin und Her konfrontiert; Spanien und Portugal sind in ihrer heutigen Machart beinahe noch gesellschaftliche Kleinkinder. Kurzum: Die Kontinuität der USA, die keine gesellschaftlichen Umbrüche kannte, selbst den Bürgerkrieg in der Art verarbeitete, den Süden mit den Werten der Nordstaaten zu indoktrinieren - den Süden also an den Norden anschloss -, kann nicht als politisch-gesellschaftlicher Umbruch bezeichnet werden. Dass sich in so einem Klima Familien in Vorteilsstellungen hieven, mag logische Schlußfolgerung des Prozesses sein, auch wenn es mit den Werten der Demokratie nicht vereinbar ist.

Familienministerin von der Leyen ist Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht - ihr Bruder ist Präsident eines Medienkonzerns. Franz Josef Strauss' Tochter war Bildungsministerin in Bayern, ist heute noch eine im Hintergrund agierende Größe innerhalb der CSU. Thomas Goppel will es nun seinem berühmten Vater nachtun und ebenfalls bayerischer Ministerpräsident werden - Alfons Goppel war es von 1962 bis 1978. Wolfgang Schäuble ist Sohn eines CDU-Politikers, ebenso wie Merkels Faktotum Thomas de Maizière einen berühmten Vater hatte - jener war Generalinspekteur der Bundeswehr. Richard von Weizsäcker rettete ein wenig Kontinuität der vorbundesrepublikanischen Zeit in den heutigen deutschen Staat hinüber - sein Vater Ernst war deutscher Diplomat, SS-Brigadeführer und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Von der anlaufenden Karriere des Stoibers-Sohnes, der letzten Sonntag in den Bezirkstag gewählt wurde, soll hier noch nicht die Rede sein. Dass sich die Großzahl heutiger Politiker aus "besserem Hause" rekrutiert, muß nicht zusätzlich erwähnt werden - damit sei nicht gemeint, dass sich diese Riege aus "politischem Hause" rekrutiert, sondern aus Akademiker-, Juristen-, Unternehmer-, Professorenfamilien; und die Mohns und Springers, die legal kein politisches Mandat erworben haben, sollen an dieser Stelle nur am Rande erwähnt sein.

Erwähnt sei aber an dieser Stelle, dass selbst die Journalistin und spätere RAF-Aktivistin Ulrike Meinhof nicht familiär und beziehungstechnisch unbedarft war, auch wenn sie selbst wenig bis gar keine Vorteile daraus ziehen konnte. Ihre Familie war mit Heinrich Albertz verwandt, dem berüchtigten Regierenden Bürgermeister von Berlin - das war er 1967, als der Schah von Persien zu Besuch in Deutschland war. Ihre Pflegemutter Renate Riemeck, auch wenn diese keine direkte Verwandtschaft darstellte, pflegte Kontakte zu allerlei protestantischen Politikern, darunter Bundespräsident Heinemann und ein junger SPD-Politiker namens Johannes Rau, der Meinhof auch persönlich kannte. Anhand des Falles Meinhof, bzw. Riemeck, läßt sich ablesen, wie verbandelt die vermeintlichen Eliten doch sind - Riemeck war Professorin und durch ihr politisches Engagement, vorallem in der Anti-AKW-Bewegung, bekannt -, wie schwer es einem gemacht wird, die schöne Theorie zu glauben, wonach jemand aus dem Nichts zu Amt und Würden kommen kann.

Natürlich gibt es immer wieder homines novi, die in die Politik drängen und auch mehr oder minder erfolgreich ein Pöstchen oder Mandat erwerben. Dennoch bildet sich eine Kontinuität heraus, die eine Nobilität - im historischen Sinne, bezogen auf die römische Republik - entstehen lassen. Die eine Generation sichert sich einen wohligen Platz in der Gesellschaft, und prompt ist auch die Nachkommenschaft versorgt. Wenn Ursula von der Leyen von christlicher Erziehung brabbelt, die man Kindern angedeihen lassen soll - was sie mit ihrer Politik auch als Ziel hat -, dann fragt man sich, was um Himmels willen hat diese Frau noch an sich, als bloß jenen berühmten Vater? Ähnlich im Falle Goppels, der nun seit Jahren die bayerische Politik "bereichert" und nur durch dämliches Grinsen und Abnicken bekannt wurde. Drängt sich da nicht ein Erbadel an die Tröge der öffentlichen Gelder, der mit der vielpostulierten Leistungsgesellschaft überhaupt nichts gemein hat? Und ausgerechnet solche Zeitgenossen räsonnieren dann eben von Leistung, die zu erbringen sei, wenn man es zu was bringen möchte...

Vielleicht müssen wir feststellen, dass das Altern der Bundesrepublik eben auch Familien hervorbringt, die diese Republik im Stillen unter sich aufteilen. Man hat in den USA erkannt, dass das Einführen eines Erbtitels nicht notwendig ist, solange man mit finanziellen Mitteln Beziehungen aufrechterhalten kann, um den Sohn in die einstige Position des Vaters zu befördern. Die sogenannten Eliten sorgen füreinander, lassen da nichts anbrennen - dafür muß man ab und an einen homo novus gewähren lassen, schließlich will der Anschein gewahrt bleiben.

Arrogant wirkt es aber dann, wenn ausgerechnet aus Kreisen dieser Nobilität Stimmen sprechen, die den immer wieder auftretenden Vorwurf, wonach in diesem Lande - wie nirgends in Europa - die Aufstiegschancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten - ja, sprechen wir es doch deutlich aus: aus den Unterschichten - gering sind, als ein Ammenmärchen abtun. Während sie ihrer Beziehungen und familiären Bevorteilungen wegen auf einem hohem Ross sitzen, wollen sie den Menschen weismachen, dass es sowas wie "modernes Gottesgnadentum und Erbadel" nicht gibt. Nur Leistung und Kompetenz habe sie zu dem gemacht, was sie sind - nicht das politische Amt, das der Vater einst innehatte, auch nicht die Vorzüge eines Studiums, das sich die Eltern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung für ihr Kind leisten konnten. Nein, stattdessen führt man auch noch Studiengebühren ein, damit es der Unterschicht auch schwer gemacht wird, in deren Kreise vorzustossen.

Und sollte Thomas Goppel, dieser verschrobene, immer grinsende Wirtshauspolitiker, tatsächlich bayerischer Ministerpräsident werden - wahrscheinlich meldete er Anspruch an, weil er glaubt, Anrecht auf das Amt seines Vaters zu haben -, dann offenbart sich der Zustand dieser Gesellschaft in offensichtlichster Manier. Deutlicher könnte man das Elitedenken derer, die sich selbst als Elite begreifen, nicht zur Schau stellen.

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Mit dem "heiligen Kreuz" gegen den Kommunismus

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wenn man heute von Evo Morales spricht, dann in einem Atemzug mit den Größen sozialistischer Historie. Kein Wunder, denn Morales spricht sich für eine Verstaatlichung der Gasvorkommen aus, die gerade in der Region Santa Cruz reichlich vorhanden sind. Weil Unternehmer und Handelskammern aus dieser Region einen Verstaatlichungskurs nicht mittragen, weil sie weiterhin internationale Energiekonzerne die Vorkommen ausbeuten lassen wollen, forderten sie die Autonomie von Santa Cruz. Seit nunmehr einigen Jahren tobt dort ein Guerillakampf, mal mit Toten, mal nur durch jugendliche Prügeleinheiten kenntlich werdend - die Oberschicht Santa Cruz' ist sich aber sicher, dass mit dem "gottlosen Kommunismus" eines Morales, das departamento nicht mehr Bolivien einverleibt werden darf.

Und gerade um diese Oberschicht geht es ja, wenn man begreifen will, dass es nicht einzig um den Streit über Verstaatlichung der Gasvorkommen geht; Bolivien entzweit sich nicht alleine an den Rohstoffen, die einseitig auf eine kleine Oberschicht verteilt werden, während vorallem die indigenen Bevölkerungsteile unter der Armutsgrenze leben müssen. Der Widerstreit der beiden unversöhnlichen Parteien beinhaltet mehr, er umfaßt ebenso die Zerschlagung eines Lebensgefühls, wie es die Oberschichten Santa Cruz' seit vielen Jahrzehnten ungehindert praktizieren. Ein Lebensgefühl, in dem sich die deutsch-, italienisch- und kroatischstämmigen Unternehmer heimisch fühlen können. Die Vorfahren jener heutigen Herren, die sich heute in Unternehmensverbänden tummeln, fanden in Santa Cruz eine Gesellschaft vor, die ihrem Ideal aus NSDAP, der Partito Nazionale Fascista und der Ustascha durchaus nicht fremd schien. Da gab es eine offen ausgebeutete minderwertige Rasse und damit einhergehend einen zur Schau gestellten Rassismus. Und innerhalb der schwer zugänglichen Landschaften Boliviens und speziell Santa Cruz', der fehlenden Meeranbindung, wurde Bolivien nicht nur ein beliebtes Exil für Gauner wie Butch Cassidy und Sundance Kid, sondern eben auch für die multinationalen Faschisten Europas.

Sie fanden einst Herrschaftsstrukturen vor, die sofort offenbar machten, dass dies das Land sei, wo es sich im Sinne des Herrenmenschentums leben läßt. Da gab es die Schuldsklaverei, die gerade in den Gebieten Santa Cruz' sich großer Beliebtheit bei Grundbesitzern erfreute. Dabei werden die Ausgebeuteten dieser besonders bösartiger Art und Weise sogar dazu ermutigt, kontinuierlich Schulden anzuhäufen, damit sie diese dann abarbeiten müssen - und wenn der Betreffende in existenzieller Armut lebt (was der Regelfall ist), dann hat er keine Wahl zwischen Verschuldung oder Nicht-Verschuldung. Somit wird man lebenslänglich an einen Arbeitgeber gebunden - per Gesetz wurde sogar geregelt, dass Kinder die Schulden des Vaters übernehmen müssen. Damit sind ganze Familien in der ausbeuterischen Hand bestimmter Familien aus der Oberschicht. Dass innerhalb der Schuldsklavenschaft freilich keine europäischstämmigen Bolivianer zu finden waren, verstand sich von selbst - ausgebeutet wurden die indigenen Einwohner, die sich ihres eigentlichen Ursprungs und ihrer Stammeszugehörigkeit seit Jahrhunderten nicht mehr bewußt waren und die zwischen dem auferlegten westlichen Lebensentwurf und einer beinahe vollständig entwurzelten Tradition schwammen - und noch heute schwimmen -, keinerlei festen Grund mehr unter sich wissen. Ebenso mestizos konnte man unter den Schuldsklaven finden. Von der zum Himmel schreienden Armut der indigenen Bevölkerung gar nicht erst zu sprechen - und von der gezielten Ausrottung, der nicht integrationsbereiten Stämme - die nicht bereit waren und sind sich ausbeuten zu lassen, bzw. gar nicht begreifen, was man eigentlich von ihnen will - in den Urwäldern ebensowenig.

All diese Zustände, die Erhaltung des Herrenmenschentums, ist mit Morales - erster indigener Präsident eines südamerikanischen Landes - nicht mehr machbar. Der angebliche Kommunismus Morales' begründet sich auf seine gnadenlose Bereitschaft, die Ureinwohner des Landes teilhaben zu lassen an den Reichtümern der gesamten Gesellschaft. In Santa Cruz sorgt man sich freilich auch um die Verstaatlichung, die in den Augen der faschistischen Nachkommenschaft wie ein Teufelswerk wirken muß. Aber das Grundsätzliche der Opposition gegen La Paz ist, dass Morales am Fundament ihrer Herrschaftsstruktur rüttelt. Er zerdeppert ihr dünkelhaftes Lebensgefühl, läßt langsam aber sicher die ungebildete Schicht verschwinden, die diese Ausbeutungsmechanismen als gottgegeben hinnehmen und ihrem Arbeitgeber auch noch dafür danken, dass er sie ausbeutet; zerstrümmert die Vormachtstellung der europäischstämmigen Einwohner. Santa Cruz hegt nicht Angst vorm Kommunismus, auch wenn das deren Propagandaapperaturen sicherlich so verkünden, um ein klar erkennbares Feindbild zu haben - Santa Cruz hat Angst um den eigenen Lebensstil, der nun verschwinden soll, wenn nur Morales auch in Santa Cruz de la Sierra endlich Fuß fässt.

Es ist die eigene, durch Jahrzehnte gefestigte Dekadenz, die Santa Cruz in den westlichen Industrienationen wie ein Bollwerk gegen den aufkeimenden Kommunismus Südamerikas dastehen läßt. Weil man vorgibt antikommunistisch zu sein, wird jeder Akt des departamentos zum "friedlichen Akt des Protests" stilisiert, während man gleichzeitig paramilitärische Einheiten gegen La Paz vorgehen läßt und selbst Jugendliche aufhetzt, die für die "christliche Sache" - immerhin heißt man ja "Santa Cruz/heiliges Kreuz" - kämpfen sollten. Willentlich wird dabei von den westlichen Medien unterschlagen, dass man hier Partei ergreift für Nachfahren faschistischer Flüchtlinge, die von ihren Vorfahren nicht viel gelernt haben dürften. Immer noch leben sie ihren offenen Rassismus aus, immer noch sehen sie in der indigenen Bevölkerung eine minderwertige Rasse, der man die "westliche Vernunft" anerziehen muß. Und der Westen, von sich überzeugt, die faschistische Ära überwunden zu haben, distanziert sich nicht, sondern berichtet in der Weise, aus Santa Cruz eine Bastion zu stilisieren - einen Felsen, der die kommunistische Brandung abprallen läßt. Alleine dies sagt alles über das Demokratieverständnis und das Menschenbild einer gleichgeschalteten Medienlandschaft aus, die nicht mehr um der Wahrheit willen berichtet, sondern um zu legitimieren, was die Wirtschaft an Menschenverächtlichkeiten zugunsten des Profits entwirft.

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