Ablaßhandlungen

Samstag, 18. Oktober 2008

Drei Beispiele - drei Fälle von Symbolik. Folgend drei aktuelle Geschehnisse, die den Anschein von Toleranz aufrechterhalten, Ausdruck von repressiver Toleranz sind. Dreimal wird dem Zeitgeist Ausdruck verliehen, wird er mit der beruhigenden Scheintatsache genährt, wonach der öffentliche Diskurs als Grundlage demokratischer Veränderungsmöglichkeit noch funktioniere und auch Früchte trage. Dreifach erzeugte Bestätigung dafür, dass das Ausleben differenter Meinung und damit einhergehend die "Vernunft der Minorität" eine Heimstatt in dieser Gesellschaft habe.

Erster Fall: Nun hat Marcel Reich-Ranicki gründlich darlegen dürfen, was ihm am Fernsehen so übel aufstößt. Sagen wir so: Er hätte es gedurft, wenn er nur konkret geworden wäre. Doch er sprach lediglich davon, dass sich die Fernsehmacher "mehr Mühe geben" sollten - alleine damit meinte er seine Kritik begründet zu haben. Kein Wort zu den Sendekonzepten, die das tiefgründig Blödsinnige erst an die Oberfläche lassen, die Menschen zu immer profunderen Scheußlichkeit animieren; kein Wort zu Modelsuchereien, zu mit Bohlen-Sprüchen verunglimpften Jugendlichen, zu Konzepten die da lauten "Drei Bewerber, eine Stelle" - von den wirtschaftlichen und politischen vorgeprägten Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten war sowieso gar keine Rede. Statt über die soziologischen Folgen dieser Fernsehenlandschaft zu sprechen, anstatt die offensichtliche Konditionierung der Zuseher aufzugreifen, wurde eben nur banal über Wert oder Unwert des Fernsehprogrammes gesprochen, jede Konkretheit derart vermieden, wie der Teufel das Weihwasser meidet. Aber einerlei: Bewiesen wurde hiermit, dass differente Meinung auch ins Fernsehen transportierbar ist, dass sich dieses nicht abschottet, sondern offensiv an Kritik herangeht und Kritikern auch ein Forum bietet. Gegenöffentlichkeit sollte damit bewiesen werden! Ob es wirklich Gegenöffentlichkeit war, ob demokratische Strukturen Wirkung zeigen werden, indem kritische Anmerkungen zur Besserung des "kranken Mannes" weitergeleitet werden, steht wiederum auf einem anderen Blatt - wahrscheinlich aber eher auf gar keinen Blatt. Reich-Ranickis halbstündiges Nichtkonkretwerden war der Ablaßhandel des Fernsehens gegenüber dem kritischen Betrachter.

Zweiter Fall: Da verzichtet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, auf seine Bonuszahlungen in Millionenhöhe und kehrt dies freilich auch zielgerichtet in die Öffentlichkeit. Jeder soll schließlich erfahren, wie geläutert die Bankenbranche doch ist, wie einsichtig man nun zu Kreuze kriecht. Das ackermannsche Heldenstück soll verdeutlichen, dass gerade jene, die die Krise mitverursacht haben, fortan spartanischer leben werden, nurmehr einen einstelligen Millionenbetrag einstreichen werden, anstatt - wie es zur Gewohnheit wurde - einen zweistelligen. Die Millionenzahlungen der letzten Jahre, die Ackermann und seine Kollegen sich eingeschoben haben - 2004 waren es z.B. 10,1 Millionen Euro; im Jahre 2005 gar 11,9 Millionen Euro! -, finden im öffentlichen Diskurs um die Reue der Banker freilich keine Erwähnung. Dass mit dem Ersparten dieser Herren, den Summen, die sie sich selbst erteilt haben, während ihre Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze fürchten mußten, ein Großteil des staatlichen Geldpaketes bezahlt werden könnte, wird nicht als mögliches Thema der Öffentlichkeit angeschnitten. Und warum auch? Offensichtlich funktionieren die demokratischen Mittel dieser Gesellschaft wunderbar - die Reue beweist es! Man hat jahrelang geplündert und wurde dafür auch noch von Seiten einer orientierungslosen Politik verteidigt - und nun da die Lage prekär wird, leistet man öffentlich Abbitte, bezahlt seinen Ablaß, und ist abermals der Held.

Dritter Fall: ARD und ZDF haben sich entschieden, die Tour de France im nächsten Jahr nicht mehr zu berücksichtigen. Die jüngsten Dopingskandale haben die Einsicht entstehen lassen, dass man einem solch schmutzigen Sportspektakel keine Beachtung mehr schenken sollte. Natürlich ernten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender dafür Zuspruch und Lob, sogar von Mut wurde gesprochen. Dass dieses Aus der Berichterstattung zu einem Zeitpunkt geschieht, da Deutschland keinen hoffnungsvollen Gewinnertyp im Radsport vorweisen kann, in einem Moment, da die deutsche Gewinnergeneration entweder im Ruhestand ist oder eine Dopingsperre absitzt - oder auf selbige wartet -, findet in der Öffentlichkeit kein Sprachrohr. Wäre es der ARD und dem ZDF um die Sauberkeit des Radsports gegangen, hätten sie sich spätestens im Jahre 1998 zurückziehen müssen. Damals, dem Siegerjahr Marco Pantanis, überführte man das gesamte Festina-Team des Dopings, traten alle spanischen Radfahrer die Heimreise an, weil sie sich von der französischen Polizei mißhandelt fühlten (nächtliche Durchsuchungsorgien, brutale Verhaftungen etc.). Doch seinerzeit gab es einen deutschen Hoffnungsträger, der während der Tour 1998 auch noch der amtierende Toursieger des Vorjahres war - Jan Ullrich. Zudem hatte dieser auch noch Siegchancen für das Rennen 1998; und Radsportexperten sagten dem jungen Talent eine glorreiche Zukunft voraus, die ihn womöglich zum Rekordsieger der Tour de France machen könnte. Zwar wurde aus dieser Prognose nichts und nach 1997 folgte kein Tour-Sieg mehr, aber damals konnten die öffentlich-rechtlichen Sender dies nicht wissen. Warum also damals aussteigen, wenn Ullrichs Zukunft eine maßlose Sendequote bescheren konnte? Jedenfalls war 1998 das Skandalpotenzial genauso groß wie heute. Aber jetzt, da Deutschland niemanden mehr hat, der irgendetwas bei der Tour gewinnen kann, und sei es "nur" ein grünes Trikot - Stefan Schumacher wird wohl gesperrt, Erik Zabel ist in Rente etc. -, rückt man von der Berichterstattung ab. Aber wen kümmern die wahren Motive? Hauptsache ist doch, dass die beiden Sender Moral bewiesen haben , dafür selbst auf die horrenden Zuschauerzahlen - die wegen fehlender deutscher Siegchancen gar nicht mehr so horrend waren - verzichten. Mit dem vorgeschobenen Dopingargument betreiben die beiden Sender ihre Form des Ablaßhandels und winden sich aus einer Berichterstattung, die ihnen mangels deutscher Gewinnchancen nurmehr lästig erscheint.

Drei Beispiele für scheinbar gegenöffentliche Positionen in der Öffentlichkeit, die bei genauem Hinsehen deutlich machen, dass nichts davon gegenöffentlich ist - sie sind Ausdruck der gleichen Eindimensionalität, mit der der Konformismus vollzogen wird. Sie glänzen mit derselben Inhaltslosigkeit, mit der die konformistischen Positionen glänzen; sind nicht Ausdruck gegenöffentlicher Denkweise, sondern Öffentlichkeit von der anderen Seite; sind Mahnmale der repressiven Toleranz, die uns vorgaukelt, es stünde demokratischerweise alles zum Besten, während an der Aushöhlung des Rechts- und Sozialstaates fleißig weitergewerkelt wird. Dreifacher Ablaßhandel gegenüber der Öffentlichkeit - verkauft als basisdemokratische Gesinnung; dreifache Reinwaschung im Angesicht der Öffentlichkeit.

6 Kommentare:

Peinhard 18. Oktober 2008 um 15:54  

Mann kann dieser Tage aber tatsächlich auch so etwas wie 'echte' Gegenöffentlichkeit beobachten, und zwar im Auftreten des Kandidaten Sodann. Und siehe da, es wird dann auch tatsächlich nicht mehr gern gesehen.

Besonders peinlich ist dabei allerdings, dass auch die 'Linke' selbst versucht, ihrem Kandidaten den Wind aus den Segeln zu nehmen indem eine Frau Knoche ihm ausgerechnet so etwas wie 'politische Unreife' meint bescheinigen zu müssen. Deutschlands aufblasbare Linke. Jimmy und das Gummipferd.

epikur 18. Oktober 2008 um 19:51  

Sehr guter Beitrag, Roberto!

Dieses scheinbare öffentliche Gezieme, also die scheinbare öffentliche Kritik, die zeigen soll, welch ach so demokratische Meinungspluralität wir in Deutschland doch haben, erinnert mich immer wieder an Noam Chomsky´s Satz: "die bürgerlichen Medien dienen den Interessen staatlicher und unternehmerischer Macht und ihre Berichterstattung und Analyse gestalten sie auf eine Weise, welche die etablierten Privilegien unterstützt und dementsprechend Diskussion und Debatte einschränken".

In diesem Sinne wird öffentliche Kritik geradezu gebraucht, um zu suggerieren, es herrsche Meinungsfreiheit. Allerdings wird sie IMMER in einen Rahmen eingebettet sein, welches weder das System noch die Struktur antastet. Denn solange alles beim alten bleibt, kann jeder sagen was er will.

persiana 19. Oktober 2008 um 11:03  

Zu Herrn Ackermann wäre noch zu sagen:

Jeder Bürger, der wissentlich einen gefälschten Geldschein in Umlauf bringt, macht sich strafbar.

Wenn wir in einem Rechtsstaat leben würden, würde die Polizei gegen Herrn Ackermann ermitteln. Einigen Experten zufolge, muss davon ausgegangen werden, dass Herr Ackermann beim Verkauf der Kredite an die IKB gewusst haben muss, dass diese faul waren.

Also warum vermittelt die Polizei nicht gegen ihn?? Nein, man sieht ihn auch noch dauernd im Fernsehen und in Printmedien, wo er seine Meinung zur Krise zum Besten geben darf.

Lebten wir in einem Rechtsstaat, würde Ackermann in U-Haft sitzen.

Anonym 19. Oktober 2008 um 13:57  

@Persiana

Völlige Zustimmung, übrigens Herr Ackermann erinnert mich auch immer mehr an Erich Honecker. Der konnte - bis zuletzt - auch nicht glauben, dass sein autoritärer Staatssozialismus sowjetischer Prägung gescheitert war. Ackermann denkt das gleiche vom autoritär-totalitären Neoliberalismus, der dank Bankenkrise endgültig - auch von der Alltagsreligion Neoliberalismus her - gescheitert sein dürfte - Ackermann ist eben ein neoliberaler Betonkopf.

Wird Zeit, dass Herr Sodann den man - wenn auch nur symbolisch im Tatort - verhaftet.

Übrigens, Herr Ackermann hat auch kein Unrechtsbewußtsein, wie seine heutige "Empörung" über die, aus dem Zusammenhang eines ND-Interviews gerissenen, Verhaftungsabsicht von Peter Sodann beweist.

Jeder Kleinkriminelle würde verhaftet werden, aber Ackermann rennt immer noch frei rum - soviel zum (Un-)rechtsstaat in Deutschland.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Wobei ich den Kleinkriminellen Fälscher in Schutz nehmen will, der hat - im Gegesatz zum Profitgeier Ackermann - wenigstens noch ein Bewußtsein für das von ihm verursachte Unrecht.

Anonym 19. Oktober 2008 um 15:25  

Noch was zum Thema, dass ich so eben beim Surfen im Netz gefunden habe:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/137362.markt-und-moral.html?sstr=Markt|und|Moral

!!!: Lest es, hier kann man nachlesen warum die neoliberale Ideologie in jeder Hinsicht gescheitert sein dürfte.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Als Freidenker übrigens halte ich es mit dem freien Denken, und nicht mit dem Verbot der Gedankenfreiheit, die Herr Ackermann gerne hätte.

chriwi 20. Oktober 2008 um 08:14  

@nachdenkseiten-Leser: Ich sehe in dem Artikel auch, dass die Gründer dieser Ideologie einen Nobelpreis haben. Ich frage mich warum für die Wirtschafts"wissenschaften" jemals einer eingeführt wurde. Für Theologie gibt es schließlich auch keinen. Im Fall der Wirtschafter können sie sich auf hochtrabende Wissenschaft berufen und somit durch den Preis belegen das sie richtig liegen. Dass dies alles nur Modelle sind, welche für sich in Ordnung sind und durchaus Sinn haben wird nicht betrachtet. Denn Modellen liegen Annahmen zugrunde. Die Annahmen der neoliberalen sind schön und gut für ihr Modell, aber leider nur sehr begrenzt für die Realität. Das wird leider vergessen. Sie können 1000 mal schreien, dass ihre Modelle funktionieren. Das stimmt ja auch und kann keiner widerlegen. Nur wenn diese Modelle die Realität nicht beschreiben sind sie unsinnig und/oder eine Spielerei.

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