Entmoralisiert den Diebstahl!

Freitag, 7. August 2009

Eine Rechtssprechung, die jeden Diebstahl neutral betrachtet, ist als Klassenjustiz zu bezeichnen. Diese großartige Gleichheit vor dem Gesetz, die den Reichen wie den Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen (Anatole France), macht es sich einfach mit denen, die den Diebstahl benötigen, um sich mit den notwendigen Lebens- und Gebrauchsmittel des Alltags einzudecken. Für die Justiz der kapitalistischen Gesellschaft, in der das Eigentum heiliger Gral ist – und die Justiz damit Gralswächter -, ist der Diebstahl, egal ob vom Obdachlosen oder Millionär begangen, ein zu ahnender Akt, eine infame Selbstbereicherung, die sanktioniert gehört.

Nun könnte man jenen Diebstahl, der aus Mangel begründet ist, der Hunger, fehlende Teilhabe oder soziale Ausgrenzung als Wurzel hat, ja durch Behebung dieser Mängel aus der Welt befördern. Was dann an Diebstahl übrigbliebe, der Diebstahl desjenigen, der gesättigt ist, der schon hat, der sich auch kaufen könnte, wäre ein Diebstahl anderer Art, es wäre der Diebstahl der Habgier, ein Diebstahl, der sich grundlegend von hungrigen Diebstahl unterscheidet. Für die geltende Rechtssprechung sind Motive im Grunde irrelevant, für sie ist die Tat selbst, der Frevel am Eigentumsrecht, eine zu sanktionierende Untat. Wie gesagt, der Diebstahl, der dem Mangel zugrunde liegt, wäre abzuschaffen. Was aber, wenn sich die Herren einer Gesellschaft, die zudem in religiöses Fundament hineinbetoniert, durch christliches Erbe auf Tat und Untat, Gut und Böse, schwarz und weiß konditioniert sind, penetrant weigern, den Diebstahl als Notwehrsituation eines Hungrigen einzustufen? Als Notwehrsituation eines Menschen, der nur durch Diebstahl das Nötigste erlangen konnte, weil die gesellschaftlichen Umverteilungsstrukturen versagt, weil sie ihm anderweitige Teilhabe versagt haben?

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Wenn man nicht ausreichend zu Fressen erteilt, dann ist die Moral ein bigotter Zynismus, ein unmenschlicher Götzendienst im Namen des Eigentums. Wenn sich die Herrschaft nicht dazu durchringen kann, dafür zu sorgen, dass alle am Fressen teilhaben dürfen (nicht nach Knappheitsplänen aus Sozialministerien justiert, die dürftige Einkaufskörbe erstellen, die sich an Preisen von vor zehn Jahren orientieren, danach auch noch eine pauschale prozentuale Kürzung ertragen müssen), dann ist die Moralität hinfällig. Sie kann geltend bleiben, sie ist aber kein Muss mehr - juristisch gesehen natürlich schon, ethisch gesehen aber nicht. Eine Herrscherkaste, die nicht auf das Wohl und die Teilhabe jedes Gesellschaftsmitglieds achtet, braucht natürlich die Justiz umso mehr, eine Justiz, die noch strenger sanktioniert, weil die eigentliche Grundlage des Gehorsams, die Abbittzahlungen der Herrschenden, die Einzahlungen auf das Konto des sozialen Friedens, aufgekündigt wurde - weil nun der Knüppel härter denn je vorgehen muß, um den Frevel am Eigentumsrecht zu bestrafen.

Was da zu fordern ist, gerade jetzt, da die Bundestagswahlen neue Bitterkeiten, neue Exklusionen von Rentnern, Arbeitslosen, Kindern, Kranken und Behinderten erwarten lassen, sollte die Umkehrung aller Werte sein. Ihr wollt uns nicht teilhaben lassen? Dann führt wenigstens die Straffreiheit für Diebstahl ein, für jenen Diebstahl nämlich, der nicht aus Profitgier entsteht, sondern durch den knurrenden Bauch, durch das Loch in der einzigen Hose, durch die Kürzung der Mietpauschale! Eine absolute, bedingungslose Straffreiheit! Wenn Teilhabe nicht geboten wird, kann die selbstständige Teilhabmachung nicht sanktioniert werden. Das ist, ganz im Gegenteil, eine Art von Eigeninitiative, die ja seit Jahren hierzulande eingefordert wird - und es ist ganz nebenbei, ein natürliches Recht der Menschen. Wir sollten uns von unserer jahrhundertelangen Konditionierung nicht beeindrucken lassen, würde man das Thema Eigentum und Diebstahl in anderen Kulturkreisen, beispielsweise bei amerikanischen Indigenen thematisieren, würden diese sich wundern, welch verquere Ansichten wir diesbezüglich haben.

Diese Gesellschaft, in der die Export-Weltmeister zuhause sind, könnte ja anders, sie könnte umverteilen, so umverteilen, dass es für alle ausreichend genügt, lebenswert würde (nicht nur lebenswerter, sonder wirklich lebenswert!), finanzielle Not verschwünde. Aber sie treibt stattdessen den Eigentums-Fetisch auf die Spitze, läßt immer mehr Eigentum zum Eigentum gelangen, anstatt es dort hinzugeleiten, wo es kein Eigentum gibt. Straffreiheit bei Diebstahl in Notsituationen, Diebstahl als Notwehr: eine Forderung, die ich provokanterweise dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages übergeben habe, die dort aber höchstwahrscheinlich – wir leben ja in einer Demokratie, und was man fordern darf, wird vorher erst einmal von Gremien festgelegt – abgelehnt wird. Das würde nur einmal mehr beweisen, dass jegliche andere Sichtweise der Dinge, nicht im verkrusteten System des Parlamentarismus, umzusetzen ist. Einerlei, es war sowieso nur als Provokation gedacht, als demokratischer Fingerzeig, der in einer ritualisierten Demokratie, wie dieser, gar keine Chance besitzt. Man kann bei den Gremien der Eigentumsgesellschaft nicht am Eigentum rütteln - das ist Blasphemie, die Frechheit eines Gottlosen.

Lassen wir den Petitionsausschuss, dieses Feigenblatt der kapitalistischen Demokratie, beseite, sprechen wir über uns. Was uns betrifft, die wir gegen den Wahn dieser Gesellschaft anschreiben: Gerechtere Verteilung einzufordern, wurde nun lange genug praktiziert - es fruchtete naturgemäß wenig. Wir müssen andere Wege beschreiten, die Aufweichung des Eigentums-Begriffes vorantreiben, den Diebstahl des Hungers und der Not moralisch stärken. Das tun wir zu wenig, viel zu wenig - auch ich. Wir sind Kinder der Eigentumsgesellschaft, wir kennen es nicht anders, müssen uns andere Sichtweisen erarbeiten, während es in anderen Kulturkreisen den Kindern in den Schoß gelegt wird. Ja, im Gegenteil, wir finden innerhalb aufklärender Kreise, aber natürlich auch innerhalb armer Gesellschaftsschichten sogar immer wieder fleißige Moralisten, die diese Art des Diebstahls - den hungrigen Diebstahl - verurteilen, weil es ihre Herrn ebenso tun, weil man es ihnen so beigebracht hat, weil sie glauben, eine ungesühnte Tat würde die Hölle auf Erden entbrennen. Doch jene Gesellschaftsschichten, die benachteiligt werden, können nicht an den Moralvorstellungen ihrer Herrn haften bleiben, sie müssen sich eine eigene Moral entwerfen. Und sie müssen die Moral dort verwerfen, wo sie nur ein Akt der Gleichmacherei sind. Wo sie den Diebstahl des Reichen mit dem Diebstahl des Armen gleichsetzt. Sage noch einer, wir litten am gleichmacherischen Virus! Wir stehen für Pluralität, Vielheit, Individualismus. Die Gleichmacherei findet ja gerade im herrschenden System statt.

Wir müssen dem moralischen Zeigefinger dort ein Ende bereiten, wo ein knappgehaltener Erwerbsloser Lebensmittel stiehlt, wo eine verarmte Rentnerin Tabletten entwendet, wo ein Zerschlissener einen Pullover einschiebt. Das sind keine Sünder, keine Räuber, es sind Menschen, die ihre Not nicht gelten lassen wollen. Es kostete sie Überwindung, sie glauben indes auch moralisch das Falsche zu tun, sie hatten es nie anders gelernt: aber es blieb in dieser Gesellschaft ihre letzte Option. Diesen Diebstahl moralisch zu legitimieren, bedeutet nicht, ein anarchistisches Chaos zu beschwören, es bedeutet, menschlicher zu werden, weil wir endlich das Motiv des Diebes ins Zentrum unserer Bewertung stellen. Ein Diebstahl aus Freude am Stehlen, der Diebstahl eines Modellwaggons, der die eigene Modelleisenbahn im Keller bereichern soll, ist nicht duldbar. Der Diebstahl, der uns die Vernunft beibringt, solcher nämlich, der ganz vernünftig Lohnverzicht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fordert, ist nicht duldbar. Dort endet auch die Moral der Herrschaft, denn das Stehlen des Arbeitslohnes, eingeleitet durch erpresserische Reden, ist nicht die Moral derer, die ihr Eigentum durch Moralkodizes bewahrt wissen wollen.

Das mag ein Kompromiss sein zwischen denen, die das Eigentum wie ein Naturgesetz hochhalten und solchen, die nicht daran teilhaben können. Ihr besitzt, wir stehlen - und bleiben straffrei. Moralisch werden wir sogar geadelt. Welch dummer Traum, welch infame Vorstellung! Dies wäre undenkbar, mit soviel Pathos sind Machthaber nicht ausgestattet, sie sind Langweiler, die sich ihres Eigentums laben, aber keine Vorstellungen von menschlichen Antrieben haben. Das würde auch das ganze Fundament der Gesellschaft porös machen: ein Grund mehr, zukünftig im Kleinen, im Privaten, unter Freunden, jeden Dieb, der aus Not handelte, in Schutz zu nehmen, seine Straffreiheit zu verlangen. Die Moral der Herren kann in Zeiten, in denen Herren nicht mehr teilhaben lassen, nicht einmal mehr ihre Abbitte bezahlen wollen, nicht mehr gelten. Es muß eine Moral von unten ersonnen werden - und diese muß human sein, sich an den Nöten und Hoffnungen der Menschen orientieren. Sie darf keine Moral von Gottes Gnaden sein, in der ein transzendentes Wesen festlegt, was sittlich ist und was nicht. Es hat eine liberale Moral zu sein, nicht liberal im Sinne derer, die sich heute liberal schimpfen. Die Moral von unten, eine Moral, die von Menschen gelebt wird, die selbst schon Not und Elend erleben, zumindest erahnen durften, eine selbst erfahrene Moral, eine Moral des Selbst-Wissens. Moral, die nicht vor Petitionsausschüssen erzwungen werden kann. Eine Moral der Enteigneten, der Betrogenen, der Verfolgten, die nicht Gleiches mit Gleichem vergelten will, sondern die eigene leidvolle Erfahrung benutzt, um es besser zu machen. Keine Herrenmoral, eher eine Sklavenmoral, die sich aber ihrer Ketten entledigt.

Zu guter Letzt, für besonders schlaue Gesetzesjünger. Hier wird nicht zum Diebstahl aufgerufen. Das wäre anmaßend. Aber ich bin kein Herr, die Moral des zu verurteilenden Diebstahls liegt mir fern. Ich rufe nicht auf, aber ich dulde, respektiere, halte es für notwendig, für eine Notwehrsituation desjenigen, der hungert.

28 Kommentare:

Michel 7. August 2009 um 09:50  

Leider würden dir Anwälte vermutlich entgegnen, dass in einem Sozialstaat keine Notwendigkeit für Mundraub-Diebstahl besteht, weil das Existenzminimum *augenverdreh* ja von der Allgemeinheit bezahlt wird. ;-( Soweit in sich logisch, nur dass das Existenzminimum nicht existenzsichernd ist, wird ja vor Gericht nicht anerkannt. Gewaltenteilung funktioniert nicht wirklich und das höchste Gericht tut auch schön, was die Politik von ihm fordert.

Das Ganze erinnert mich an diesen Jugendlichen, 14 Jahre alt, der beim Ausrauben eines Supermarktes von der Polizei erschossen wurde. (österreich).

Oder auch an einen signifikanten Anteil der Insassen der Berliner Gefängnisse: Schwarzfahrer auf Sozialhilfe, die sich das Ticket nicht leisten konnten.

Fargurd 7. August 2009 um 10:04  

Ein sehr schöner Artikel, wie ich finde. Sehr eindringlich und gut geschrieben.

Ich denke, damit treffen Sie genau den richtigen Ton, wo es in den schwierigen Zeiten leider für die schwierig wird, die sowieso schon auf das meiste verzichten um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Denn eine Abfindung wie in anderen Hoheitsetagen ist hier nicht zu erwarten. Leider verzichten viele dann freiwillig auf Moral.

endless.good.news 7. August 2009 um 10:23  

Ein sehr schöner Artikel. Leider wird dein Aufruf scheitern. Denn in Deutschland und dem Rest der Welt zählt ein Menschenleben weniger als Eigentum. Warum sich so wenige Menschen darüber Gedanken machen weiß ich nicht. Wahrscheinlich weil sie es nicht wahrhaben wollen.

christophe 7. August 2009 um 10:29  

Dazu die neueste Nachricht aus Nantes: Hier haben gestern ca. 40 Menschen einen Supermarkt geleert; das Ganze dauerte keine 5 Minuten. Der Staat hat kriegsmaessig reagiert: Hubschrauber, Armee und natuerlich Polizei. Man verdaechtigt eine Buergerinitiative gegen einen neuen Flughafen...

Roberto J. De Lapuente 7. August 2009 um 10:48  

Lieber Christophe,

gibt es dazu evtl. einen Artikel? Würde gerne mehr darüber lesen.

Lesefuchs 7. August 2009 um 11:18  

Man könnte ja dem Staat vorrechnen was günstiger ist!
Wie ich das mal gelesen habe kostet ein Gefängnisplatz pro Tag zwischen 50€ und 120€ zzgl. Nebenkosten je nach Bundesland.
Rechne ich mal rund 80€.
Die Kosten der Verhandlung gar nicht gerechnet.
Geben wir den Bedürftigen pro Tag 25€, was ca. 750€/Monat entspricht, würde es aus meiner Sicht solche Diebstähle nicht mehr geben (es sei den als Mutprobe o.ä.)!
Ich kann mir sehr gut vorstellen dass man dann auch einige Gefängnisbauten schließen und die Kosten dafür sparen könnte!
Man wird ja mal träumen dürfen ;-)

klaus baum 7. August 2009 um 12:27  

Ich empfehle als historische Grundlage Deiner Überlegungen Schillers philosophisch reflektierende Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre", die sogar übers Internet verfügbar ist:

http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2448&kapitel=1#gb_found

Im übrigen bin ich der Meinung, dass angesichts der insgesamt hohen Lebenskosten der Hartz-IV-Regelsatz so manchen Menschen in die "Kriminalität" zwingt.

Ich habe vor zirka zwanzig Jahren einige Interviews mit Ladendetektiven gemacht Die größte Gruppe sind frustierte, wohlbegüterte Ehefrauen, deren Leben durch den sie umhütenden Wohlstand so langweilig geworden ist, dass sie den Kitzel des Klauens brauchen. Mal abgesehen von der sexuellen und sonstigen Unerfüllheit in ihren Beziehungen.

Und dann noch eine Beobachtung einer Jurastudentin aus Göttingen. Das ist auch schon Jahrzehnte her. Am meisten wird in den Fachbereichsbibliotheken der Juristen und Theologen gestohlen. Also bei denen, die dann über andere "moralisch" richten.

Anonym 7. August 2009 um 12:35  

@Roberto J. de Lapuente

Aus hochaktuellem Anlaß dazu ein Buch "Jenseits von Gut und Böse - Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind", dass demnächst der Philosoph Michael Schmidt-Salomon herausgibt.

Die Inhaltsbeschreibung findet du hier:

http://hpd.de/node/7572

Ein Auszug:

"[...]Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“ lautet der Titel des neuen Buchs von Michael Schmidt-Salomon, das am 11. September im Pendo Verlag (Piper) erscheinen wird. „Es ist mein wichtigstes Buch“, sagt der Autor selbst – und hat wahrscheinlich Recht damit: Denn wo Nietzsches „Umwertung aller Werte“ einst endete, setzt Schmidt-Salomon neu an.

Wohl nie zuvor wurde das traditionelle Weltbild so radikal in Frage gestellt, wurde die naturalistisch-humanistische Position so konsequent zu Ende gedacht und dabei zugleich derart anschaulich geschildert. hpd-Redakteurin Fiona Lorenz sprach mit dem Autor über das Buch und die Debatten, die es auslösen könnte.[...]"

!!!: Es geht mir hier nicht darum eine Diskussion anzustoßen, sondern nur auf eine Meinung hinzuweisen, die meint, dass wir eben ohne Moral (ständiges moralisieren?) besser dran wären auf unserer einen Erde.

Ich denke der Michael Schmidt-Salomon hat Recht, aber halte es für schwer ohne moralisieren auszukommen - Es ist doch eine typisch menschliche Eigenschaft? Oder? Moralisieren wir nicht alle mehr oder weniger? (Oops, sorry, jetzt hab ich doch ein paar Gedanken von mir hinzugefügt)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser
(Der echte!)

Peinhard 7. August 2009 um 12:55  

Ich hätte paar Einwände. Diese Gesellschaft könnte oder kann eben nicht beliebig 'umverteilen', solange sie unter dem Imperativ der Geldvermehrung steht, sondern die 'Bedienung' des akkumulierten Kapitals die 'conditio sine qua non' ist. Und selbst wenn sie so etwas wie 'Verteilungsgerechtigkeit' herstellen könnte und würde, wäre das auch immer noch keine echte 'Teilhabe', da die 'abhängig Beschäftigten' - der Terminus selbst macht es eigentlich schon unmissverständlich klar - auch damit noch keine wirkliche Mitsprache darüber besässen, was und vor allem auch wie produziert wird.

Das ändert freilich an der Tatsache nichts, dass 'Notwehr' längst nicht nur moralisch zu rechtfertigen, sondern sogar geboten ist... Man kann auch prima 'direkte Aktionen' daraus machen... ;)

Michel 7. August 2009 um 14:01  

Moral kommt nach dem Fressen.

Der Staat und die selbsternannte Elite dieses Landes sind ja auch nicht mehr moralisch, warum sollte die Unterschicht es dann sein.

Zu allen Zeiten hat die Elite nie kapiert, dass sie grundsätzlich stark in der Minderheit ist und ihr Eigentum nur so lange behalten kann, wie die Mehrheit es ihnen zugesteht.

Wenn der Elite das Gefühl für Gemeinschaft und Solidarität flöten geht, geht es denen unterhalb immer schlechter.

Wird aber dann die Mehrheit richtig sauer, wird die Elite entfernt.
Auf Dauer lässt sich die Mehrheit es nicht gefallen, zu verrecken.
Hoffen wir es mal.

Sephi 7. August 2009 um 14:55  

Da Sie moralisch und vom Menschenverstand aus argumentieren ist dagegen von meiner persönlichen Seite aus nichts einzuwenden.

Allerdings ist es schwer den einen Diebstahl zu legitimieren und den anderen nicht. Wo fängt Notwendigkeit wirklich an? Darf ein Alkoholiker weil er Suchtkrank ist, Alkohol entwenden? Darf eine Mutter Babynahrung und Windeln stehlen, wenn sie doch aber genug Geld hat um sich Zigaretten zu kaufen? Ich habe monatelang von 150Euro/Monat gelebt und bin nicht verhungert, hätte ich trotzdem stehlen dürfen obwohl ich unter dem Existenzminimum gelebt habe? Was braucht ein Mensch zum Leben, also was darf er stehlen?

Notwendigkeit, Notwehr oder auch Motiv - das ist schon bei der strafrechtlichen Unterscheidung von Mord und Totschlag ein äußerst schwieriges Unterfangen, wer soll darüber bei Diebstahl entscheiden? Wer kann sagen ob ein Mensch zur Tatzeit Hunger hatte oder fror?

Ich stelle nicht zur Debatte, das es vielen Menschen in Deutschland an Lebenswerten und -wichtigen mangelt. Und sicherlich wird meine Argumentation hinfällig, wenn man Rechtstaat als auch Strafrecht allein als Instrumentarium einer Herrschaft betrachtet. Da ich das aber nicht tue, muss ich nach den Grenzen fragen.

Trotzdem, thematisch als auch argumentativ ein sehr schöner Artikel.

Peinhard 7. August 2009 um 15:33  

Der hier ja auch schon oft genug thematisierte 'Sozialmissbrauch' soll ja auch eine Form von 'Diebstahl' sein. Dazu - auch wenn es etwas länger wird - ein Ausschnitt aus dem 'Schwarzbuch Kapitalismus':

"Soweit die [staatlichen] Almosen noch nicht völlig abgeschafft sind, bleibt für die Treibjagd auf Sozialhilfeempfänger dann nur noch das Feld des »Sozialmißbrauchs«, ein weiterer infamer Kampfbegriff des neoliberalen Kreuzzugs. Gemeint ist damit eine »Leistungserschleichung« von Menschen, die formal nicht bezugsberechtigt oder aus der Berechtigung ausgesondert worden sind und die vor allem anderes Einkommen »verschweigen«. Denn weil die staatlichen Bettelpfennige nur mit scheelen Augen zugeteilt werden, verrechnet die Armutsverwaltung jedes zusätzliche Einkommen oder Vermögen sofort als Abzug von der Sozialhilfe. Das gilt für die alleinerziehende Mutter, die von ihren Eltern ein paar Mark geschenkt bekommt, ebenso wie für den arbeitslosen Jugendlichen, der nebenbei noch »schwarz« einige Stunden jobbt oder den Langzeitarbeitslosen, der vielleicht ein paar tausend Mark geerbt hat.

Und wenn schon! Was hier als »Mißbrauch« gebrandmarkt wird, ist nichts weiter als das Mitnehmen eines winzigen Bruchteils an gesellschaftlichem Reichtum, der den Enterbten des Kapitalismus nach dessen verrückten Gesetzen vorenthalten wird. Auch der Asylbewerber, der illegal die Sozialämter der halben BRD abklappert und sich nach seiner Abzockerei idiotischerweise eine Rolex zulegt, nimmt sich nur einen Anteil dieses Reichtums, der ihm als Mensch nach dem Stand der Produktivkräfte in einer vernünftigeren Form hundertfach und tausendfach zustehen würde.

Die protestantische Gehässigkeit der demokratischen Bürokraten, Arbeitsideologen und Menschenschinder bannt die Potenzen des Reichtums unter die kapitalistischen Restriktionen, um sich dann gegen diejenigen moralisierend in die Brust zu werfen, die sich einen Rest von Verstand und wahrhaftem Eigeninteresse gegenüber diesem System bewahrt haben. [...]

Angesichts solcher Verhältnisse und des Fehlens jeder sozialen Gegenbewegung (wir befinden uns anscheinend in einer Phase der sozialen Unzurechnungsfähigkeit) bleibt die Kriminalität der letzte Ausweg, um die Selbstachtung der Herausgefallenen zur Geltung zu bringen. Wenn kein allgemeiner Widerspruch mehr gegen das herrschende Terror-System formuliert werden kann, schlägt die Stunde der unreflektierten individuellen Auflehnung. [...]"

www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf (S.386f)

Ja, wo liegen sie denn nun, die 'Grenzen des Diebstahls'...? Wer klaut hier wem etwas, und wo liegt dabei seine 'Not'...?

Kassandra 7. August 2009 um 15:43  

In diesem Zusammenhang eine kleine Information zum Thema Ernährung:

Es gibt Menschen (Körper), also die von Natur aus/ genetisch bedingt etwas barockeren Typen, die nehmen bei regelmäßiger MANGELERNÄHRUNG (diese aber ausgewogen/ möglichst gesundheitsbewusst) an Gewicht zu, wenn sie nicht regelmäßig auf den für ihren Körper notwendigen täglichen Kalorienmindestsatz kommen. Der Körper deutet die regelmäßige Mangelernährung als Gefahr und hortet jede einzelne Kalorie (auch die aus Gemüse) doppelt und dreifach und wandelt sie zu Fett um - eben für noch schlechtere Zeiten. Irgendwann kippt dann das Ganze doch: Der Körper beginnt, das körpereigene (Muskel)Eiweiß abzubauen bzw. ebenfalls in Fett umzuwandeln. So richtig “lustig” wird das dann, wenn dann auch der Herzmuskel davon betroffen ist, weil eben die Nährstoffe nicht ausreichend zugeführt werden. Wie das ausgeht? Nun, erfahrene Ärzte wähnen sich da hilflos und empfehlen in diesen Fällen, mehr zu essen ... .

Gesteigert wird eine Gewichtszunahme grundsätzlich noch durch Angst (z. B. Existenzangst, durch echtes Mobbing), die das Hormonsystem und den Stoffwechsel entsprechend verändert und zwar BEREITS OHNE Zufuhr von Süßigkeiten usw.. Nicht zu vergessen, die vielen erlaubten Zusatzstoffe in sog. Lebensmitteln, die den Stoffwechsel zupappen - mit den entsprechenden Folgewirkungen.

Natürlich gibt es auch Körper, die bei Stress bzw. Angst direkt abnehmen, dass sind dann aber eben andere Körpertypen.

Der Mainstream der Oecotrophologen empfiehlt in scheinbarer Unkenntnis dieses Erfahrungszusammenhanges, Sport zu treiben.
Doch Sport erhöht dann den Kalorienbedarf und führt bei regelmäßiger Mangelernährung DANN zu noch größerer Fettleibigkeit.

Bei Menschen von grundweg hagerer Körperstatur geht das vermutlich alles schneller.

Das alles scheinen aber nur noch wenige, ältere Ärzte zu wissen - wohl die, die die Nachwehen des Krieges noch erlebt und/ oder in ihrer Praxis eine enorme Erfahrung gewonnen haben. Jene, die noch Bildung erfahren haben und nicht nur Aus-Bildung.
Die Jüngeren lernen das nicht mehr bzw. werden von sog. WissenschaftlerInnen (vielen OecotrophologInnen) eines “Besseren” be-lehrt/ent-leert. Einer schreibt vom anderen ab (und dann noch die gesponsorten Auftragsgutachten mit ihrem Schubladendenken); einer liest vom anderen ab. Und in Schule wird so etwas erst recht nicht vermittelt, denn der Lehrstoff folgt dem Mainstream und dem Herdendenken bzw. dem Glauben an die stete Korrektheit der Wissenschaft. Dann noch der Einfluss der Medien … . Man sieht es ja derzeit an den vielen Wahl- und Wirtschaftsprognosen, die wohl eingesetzt werden, weil sie im Sinne einer 'Self-fulfilling prophecy' dazu dienen sollen, WählerInnen einzulullen und sie in weiteres Herdendenken zu überführen.

Es verhält sich auch bei diesem ernährungs-physiologischen Zusammenhang wohl genauso wie bei den Vorhersagen zu der derzeitigen sog. Finanz-/Wirtschaftskrise: Viele Menschen haben die Gefahren des "Immer mehr, immer größer, immer höher, immer weiter" in ihren wirtschaftlich-soziologisch-politischen Zusammenhängen seit Jahrzehnten gewusst und davor gewarnt; sie wurden aber ignoriert.

Vermutlich wird der o.g. Ernährungszusammenhang erst begriffen, wenn eigene Betroffenheit entsteht. Da die sog. Finanzkrise in ihren Ursachen ja nicht angegangen wird, stehen die Chancen dafür mittelfristig ziemlich gut.

beobachter 7. August 2009 um 18:09  

sooo lange ist es ja noch gar nicht her, daß mundraub und schwarzfahren ordnungswidrigkeiten waren und menschen, die sich zu dererlei regelwidrigkeiten hinreissen liessen, nicht kriminalisiert wurden.und auf keinen fall waren es die den supermärkten oder dem öffiverkehr entgangenen millionen, die den staat zu strengeren maßnahmen gegen diesen "täterkreis " zwangen. man hatte sich eben nur schon rechtzeitig auf härtere zeiten vorbereitet. und so konnte man soziale mißstände, die auch schon zu zeiten der alten sozialhilfe reichlich vorhanden waren, dadurch bemänteln, daß man die leidtragenden dieser ämter und politik einfach kriminalisierte. und zur kosten-nutzen rechnung: dieser staat würde lieber pro haftinsasse und monat 5000 € für unterbringung und bewachung mehr ausgeben, als zur verhinderung von kleinkriminalität oder zur wiedereingliederung strafgefangener auch nur 10 € auszugeben. es geht eben um ausgrenzung und entsolidarisierung der "nichtsnutze". und bei der deutschen bank mal eben 10 000 dm ohne karte 2 "abzuheben" war schon immer teurer - haftzeitmässig- als einen hilflosen zu verletzen oder schwer zu schädigen. zum schluß noch ein kleines beispiel zur sonderbestrafung arbeitsloser. einem neu-arbeitlosen teilte man mit, wenn er seine haftstrafe (lapalie 14 tage) innerhalb der nächsten 3 wochen antreten würde, betrüge sein tagessatz 20€, danach würde er als arbeitslos gelten, der satz sänke auf 10€. gleiche tat, gleicher täter - doppelte haftzeit!!!!!!!! klassenjustiz auch für die kleinen.

persiana 7. August 2009 um 19:04  

"Eigentum ist Diebstahl" habe ich mal irgendwo gelesen.

Allerdings glaube ich kaum, dass die herrschende Elite, die den Bürgern schon ihren Anteil am erschaffenen Reichtum verweigert, sich auf eine solche Gesetzgebung einlassen wird. Sonst könnten sie ja gleich das bedingungslose Grundeinkommen einführen, und selbst das wäre ja schon ein Diebstahl an der arbeitenden Bevölkerung, da diese dann nicht an dem von ihr geschaffenen Reichtum teilhaben würde, wie die von vielen Linken kritisiert wird, und ich würde mich der Kritik anschließen.

Immerhin wäre dann der von Arbeitslosigkeit oder von Hungerlöhnen Betroffene Leistungsempfänger von den Maßnahmen der Arge, die mich immer an Schwarze Pädagogik aus den Zeiten des Struwwelpeter erinnert, erlöst.

Nein, da sehe ich schwarz. Auch mit Appellen an die Vernunft ist da nichts mehr zu machen, meine ich. Denn sonst könnten die durchgedrehten Aktionäre, bei denen der Staat sich verschuldet hat, und denen er ein Vielfaches der Tilgung zurückgezahlt hat, die Schulden zum Beispiel erlassen, oder wenigstens auf ihre wahnwitzigen Zinsforderungen verzichten, die das Wirtschaftswachstum einfach nicht mehr hergibt (und wofür sie mit ihrer ewigen Sparerei am Arbeitnehmer ja unter anderem selbst gesorgt haben).

Diese Verrückten haben den gesamten Globus in den Bankrott getrieben, bald wird es kein Geld mehr geben, obwohl es genug Arbeitskräfte und Anlage, und auch Boden gibt, um alle Menschen zu versorgen, wird nichts mehr hergestellt werden können - nur weil die an sich wertlosen Papierlappen fehlen.

Es wäre selbst für diese Multimilliardäre eigentlich vernünftiger, den normalen Leuten die Schulden einfach zu erlassen, sie würden sogar immer noch reich bleiben dabei. Aber nein. Sie sind wie Junkies. Manchmal, wenn ich mich herausbeamen kann aus der Situation und meine Wut vergessen kann, tun mir diese armen Schweine gewissermaßen sogar irgendwie leid. Wie es in deren Kopf wohl aussehen muss, unvorstellbar wahrscheinlich.

Und es geschieht nichts, die Bürger wehren sich nicht vehement genug gegen diesen Wahnsinn. Bald werden wir nicht "mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen" wie man in Bayern so schön sagt, sondern in einen einen Gewehrlauf...

Anonym 7. August 2009 um 19:52  

Leider ist das die falsche These, die nur bitteres und böses Blut in die geteilte Gesellschaft spritzt.

Besser wäre ein Überzeugungskampf, der die tatsächlichen Belastungen von den Sozialleistungen in Kostenstellen teilt, z.B.

Kleidung
Nahrung
Stromkosten
Heizkosten
Telefon/Internet
medizinische Versorgung
Obdach
Kosten für Mobilität

entsprechend trennt.

Dies kann nur so verkauft werden, daß man davon spricht, die mögliche Eigenverantwortungspotentiale wieder zu steigern. Wer nicht ausreichend gekleidet ist, wird auch schlechter einen Job bekommen. Wer nicht ausreichend mobil ist, wird schwerer seiner Bewerbungstätigkeit nachkommen können. Wer kein Geld mehr zum Lebensunterhalt übrig hat, weil der Strom, die medizinische Versorgung und die in der Informationsgesellschaft notwendige Internet/Telefon Kapazität als Schlüsseltechnologie und ABMaßnahme für Überflüssige, als Informationscentrum, Lehrstube und soziales Betätigungsfeld ist es ein Stück Lebensqualität für alle Arbeitslosen, die ich kenne. Die einzige in den meisten Fällen, weil fast jede andere Teilhabe mehr Geld erfordert als ein GammelPC mit Internet/Chat Möglichkeit.
Man muss solche Forderungen als Sachzwang für die Bereitstellung der humanressourcen und als Sprungbrett der Eigeninitiative verkaufen.
Alles andere wird nicht fruchten.

Warscheinlich wird die herrschende Klasse nun endgültig die Maske fallen lassen.

Anonym 7. August 2009 um 20:28  

@beobachter

Danke für die Beschreibung der Ungerechtigkeiten angeht - sehe ich ähnlich, bis auf den Mundraub, als Winzersohn (wir haben leider keine Reben mehr) habe ich noch in guter Erinnerung wie manche Tütenweise Weintrauben aus dem Weinberg gestohlen haben, und Nüsse, wenn Nußbäume in der Nähe waren.

Im Herbst schon manchen, mit meinem Vater, überrascht.

Nun kommt der Clou, die die uns Weintrauben gestohlen haben, als wir noch Reben hatten (mein Vater ist leider verstorben, und das Erbe mußte aufgelöst werden) waren meist nicht Arme sondern gutsituierte Rentner.

Fazit:

Falls jemand bei Mundraub suchen wollte, der wurde damals meist bei denen fündig, die eh schon genug hatten - frei nach dem Motto: "Wer reich ist, der soll noch reicher werden."

Wir hatten auch - in einer Rebhütte - schon einmal Penner gefunden, die haben sich nicht tütenweise auf die Weintrauben gestürzt sondern mal gegessen, wenn die hungrig waren.

Wir ließen es denen meist durchgehen, da man gegen Mundraub ja eh nichts machen konnte - Dennoch wäre es mal interessant zu wissen, wer wohl am härtesten bestraft worden wäre, wenn wir es drauf ankommen hätten lassen.

Ich wag's mal zu analysieren:

Die reichen Rentner sicher nicht.

Wer bleibt da noch übrig?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser
(Der echte!)

PS: Ich schreibe mit Absicht von reichen Rentnern, da man schon an deren Auto erkennen konnte wie ihr gesellschaftlicher Status war - die haben meist kein kleines Auto im Weinberg oder in der Nähe der Nußbäume stehen lassen. Weiter unten schriebe ich ja von Verwandtschaft, die sogar einen Campingbetrieb hatten, die haben sogar Gäste gehabt, die nur zur Jahreszeit kamen, wenn die entsprechenden Früchte reif waren, und ein Gast - auch keiner der ärmsten Gäste - , so wurde mir berichtet, hat hinter seinem Wohnwagen regelrecht Nüsse gehortet.

Anonym 7. August 2009 um 20:35  

@beobachter, all

Ein Zynismus der nicht mehr zu überbieten ist, die Opfer der Agenda2010 (Arbeitslose in den Fängen von HartzIV und Ein-Euro-Job) sollen für die Parteien Wahlplakate kleben - auf Druck der ARGEN - die ihre Lage erst geschaffen haben:

Überschrift "Arme Wahlkämpfer":

http://www.jungewelt.de/2009/08-08/048.php

Ich dachte immer sadistischer geht es nicht mehr im neoliberalen Deutschland, aber die Agenda-Parteien CDU/CSU/SPD überbieten sich im Ausnutzen der Notlage Betroffener, die nun sogar für ihre Peiniger Wahlplakate kleben sollen!

Gruß
Nachdenkseiten-Leser
(Der echte!!!)

Anonym 7. August 2009 um 23:15  

Bester roberto,

in gewisser weise sprichst du mir aus der seele,
und wie so oft, weiss ich auch diesmal nicht was ich hinzufügen mag, kann, sollte …

vielleicht das ich deinen „aufruf der keiner ist“ einfach als konsequent bezeichnen würde …
zwar ändert dein gedanke nichts an der wurzel des übels aber schafft zumindest einen kleinen ausgleich, schafft eine „moralische“ legitimation für menschen die hilflos oder mittellos sind um sich mit dem nötigsten einzudecken um zu überleben, was meiner meinung nach das mindeste ist, was jedem zusteht …
etwas das eigentlich selbstverständlich sein sollte, das denen die probleme haben, welcher art auch immer, von der allgemeinheit geholfen werden damit sie ein menschenwürdiges leben haben ...

öffentliche tafeln zb. sind von manchen unterstützern möglicherweise sogar gut gemeint, aber ebenfalls nur eine flickschusterei, zudem eine bühne für solche die sich als wohltäter darstellen möchten, und ändern nichts ...

damit möchte ich dich und die anderen kommentatoren nicht kritisieren, ganz im gegenteil;
ich selber neige ja auch dazu, schnelle bzw einfache hilfestellungen anzubieten, die zumindest das leid kurzfristig lindern, was schon ein enormer gewinn sein kann …

nur stelle ich mir immer wieder die frage;
was nun ?
Und darauf habe ich leider gar keine antwort ( ohne auf die gründe für meine ohnmacht näher eingehen zu wollen )

in dem sinne,

lg,
e

beobachter 8. August 2009 um 07:06  

persiana,anonym

mundraub kam auch früher nur dann in betracht, wenn man die angeigneten naturalien in den mund stecken konnte - auch wenn es mal 3 äpfel oder 2 tafeln schokolade waren. 5 säcke nüsse oder ein karton doppelkorn waren auch damals diebstahl.
es ist nicht nur diebstahl oder schwarze pädagogik, es ist krieg gegen die armen. treffend hat das meiner meinung nach michael wolf in seiner artikelserie in der Neuen Rheinische Zeitung dargestellt.

Anonym 8. August 2009 um 08:23  

Hallo Roberto,

nach intensivem Nachdenken über Ihren Artikel muss ich mich da doch eher dem Nachdenseiten-Leser-Beitrag „@ Beobachter“ anschließen... Ich habe nämlich den Verdacht, gerade Hartz-IV-Bezieher sind eher „arm, aber ehrlich“ und hungern lieber, als zu stehlen. Wohingegen diejenigen, die es eigentlich gar nicht nötig hätten, erheblich weniger moralische Skrupel kennen. Möglicherweise besteht da sogar ein Kausalzusammenhang???

Ich erinnere mich, dass mein Schwiegervater (inzwischen ein wohlhabender Rentner, damals als ausgezeichnet verdienender Ingenieur bei einem multinationalen Konzern beschäftigt) seinerzeit traditionell den Weihnachtsbaum im Wald „besorgte“ – und er war sehr stolz auf seine Cleverness (und sparte, tätäää! dadurch Jahr für Jahr bare 12 Mark, die er inzwischen, wie so vieles andere, längst an der Börse verzockt hat).

Oder die Leute, von denen wir seinerzeit unser Haus kauften: sie verwiesen uns augenzwinkernd auf die Pumpe im Garten, die sie seit Jahrzehnten für Brauchwasser nutzten, während sie aus der offiziellen Wasserleitung nur Koch- und Kaffeewasser bezogen (im ganzen Jahr lächerliche 5 Kubikmeter). Da aber in unserem Landkreis das Frischwasser nur einen kleinen Teil der Wasserkosten beträgt und gut vier Fünftel auf das Abwasser entfallen, das sie natürlich wie wir alle über die Kanalisation entsorgten (und das 1:1 nach dem Frischwasserverbrauch berechnet wird), haben sie guten Gewissens die Wasserwerke Jahr für Jahr um mehrere hundert Mark betrogen.

Allerdings mussten sie dann das Haus verkaufen, weil die Gattin im Bäckerladen dabei ertappt wurde, wie sie ein Stück Butter mopste (auch kein Mundraub, sondern eher Abenteuerlust) – und danach konnte sie sich im Dorf nicht mehr blicken lassen. Zu peinlich!
Das erfuhren wir aber erst viel später, nachdem die Dorfbewohner Vertrauen zu uns gefasst hatten.

Ich denke außerdem, ähnlich wie „Anonym“ gestern um 19:52 schrieb, dass beim Hartz-IV-Regelsatz die eigentlichen Lebensmittelkosten zwar noch einigermaßen realistisch veranschlagt wurden, dass jedoch Telefon/Internet, Strom, Gas, Wasser, Versicherungen, Reparaturen, Medikamente, Schuhe, Kleidung und andere notwendige Anschaffungen (von nicht vorgesehenem individuellen „Luxus“ wie Tierfutter und Tierarzthonoraren, Geschenken oder Autokosten etc. ganz zu schweigen), im wirklichen Leben so viel teurer sind als vorgesehen, dass das Geld dafür letztlich nur vom Essen abgespart werden kann. Wie weit schlechte Ernährung langfristig die Gesundheit untergräbt und so letztlich für den Steuerzahler erst richtig teuer wird, interessiert dabei offenbar keinen der sogenannten Verantwortlichen.

Mit solidarischen Grüßen!
Saby

Anonym 8. August 2009 um 08:43  

„bedeutet nicht, ein anarchistisches Chaos zu beschwören“

muss man auch gar nicht beschwören. da es in diesem schönen lande ja anscheinend nur eine losung gibt, nämlich „weiter so“, steuern wir direkt darauf zu. ist doch eigentlich die einzig logische konsequenz, wenn man die entwicklungen der letzten jahre, speziell monate betrachtet. the end is near... und das ohne pessimist zu sein!

christophe 8. August 2009 um 14:25  

Salut Roberto,

das mit dem Supermarkt stand in der Printausgabe von ouest-france vom Mittwoch.

Peinhard 8. August 2009 um 16:59  

Und hier mal ein Beispiel für eine Aktion...

persiana-451 8. August 2009 um 20:36  

@Beobachter:

"Hartz IV ist Krieg gegen die Armen", na das sowieso. Nicht nur gegen die Armen, es ist eine Kriegserklärung an die gesamte Arbeitnehmerschaft. Aber verkaufen tut man das ganze eben leider als eine Art "Erziehungsmaßnahme" für angeblich faule Leute, die nicht arbeiten wollen.

Aber das ist ja nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist doch, das diese Vorgehensweise von den meisten (zumindest von denen die noch eine Arbeit haben) auch noch befürwortet wird. Obwohl gar nicht genug Arbeitsplätze da wären, um wirklich allen, die keine Arbeit haben, eine zu verschaffen, selbst wenn die Qualifikationen stimmen würden!

Das faschistoide Untertanen- Denken der Masse, die allgemeine Verblödung, das völlige Verdrängune Fakten, wie zum Beispiel nicht vorhandene Arbeitsplätze, von der Menschenwürde ganz zu Schweigen...das kann einem wirklich Angst machen....

Anonym 8. August 2009 um 23:07  

Mit deiner Erlaubniss Roberto:

http://www.harald-thome.de/impressum-01.html

http://www.harald-thome.de/media/files/Folien-SGB-II---1.07.09.pdf

Auf welchen Füssen die Gesetzgebung steht, veröffentlicht Herr Thome in seinem Folienvortrag regelmäßig topaktuell.

http://www.tacheles-sozialhilfe.de/tacheles/tacheles.aspx

Sämtliche notwendige Argumente und Richtigstellungen gegenüber den Argen sind im Folienvortrag aufgeführt - Wer es noch nicht kennt und Betroffener ist sollte sich verteidigen lernen.

Weiterhin möchte ich auf die klamme finanzielle Situation vieler Vereine zur Selbsthilfe für Hartz4 Empfänger hinweisen.

Jeder Empfänger, der sich auskennt und so sich selbst helfen kann, kann ja darüber nachdenken anderen in seinem Umfeld zu helfen, die das nicht können. Das wäre gelebte Solidarität.

Insbesondere für die Betroffenen liegen die Vorteile auf der Hand. So zynisch es ist: Sogar für die JobCenter und den Beitragszahler ist das eine Hilfe: Sobald Fälle, die vor den Gerichten landen würden präventiv durch stichhaltigen Briefverkehr geklärt werden, spart die Gesellschaft insgesamt.

Grüße

Anonym 9. August 2009 um 10:03  

@persiana-451

HartzIV ist ein Mittel zur Disziplinierung von Normalarbeitnehmern - Frei nach dem Motto: "Schau mal, so geht's Dir, wenn Du nicht spurst!"

Völlig richtig, sehe ich genauso, aber leider raffen es immer noch viel zu wenig Normalarbeitnehmer, wie die ver.... werden.

Anonym 9. August 2009 um 14:06  

Hi Persianer, völlig richtig gesehen, dass die ganze asoziale Hartz 4 Gesetzgebung vor allem ein Mittel ist, die BESCHÄFTIGTEN ARBEITNEHMER zu willigen, billigen, gehorsamen LOHNSKLAVEN zu machen, jeglicher Lohndrückerei und Rechtlosigkeit Tür und Tor zu öffnen.
Da diese Tatsache aber praktisch durch alle Systemmedien systematisch unterschlagen, vernebelt wird, rafft die Masse der Mainstream-Konsumenten dieses Faktum nicht.
Und ein anderer Teil unserer noch beschäftigten Bevölkerung(viele "Gewerkschafter", "SPD"- Wähler-Mob..) als auch viele gut versorgte Rentner und Pensionäre ahnen, wissen "irgendwie" um diesen Tatbestand, ignorieren ihn aber aus reiner Charakterlosigkeit, dem unbedingten Willen, in dieser Scheiß-Ordnung "dabei sein" zu d ü r f e n , dabei sein zu w o l l e n !

Enttäuschte Grüße von Hansi

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