Allein wie eine Mutterseele

Mittwoch, 19. August 2009

Ein Gastbeitrag des Kreisler-Begeisterten Seldon.

Vor einigen Tagen hat Roberto einen Text von Georg Kreisler veröffentlicht. Das hat mich sehr gefreut, denn ich glaube nicht, dass er allzu vielen noch ein Begriff ist. Und das ist schade. Wie kaum ein anderer Kabarettist und Liedermacher versteht es Kreisler nämlich, politische, soziale, kulturelle Erscheinungen nicht nur bissig zu kommentieren, sondern sie zu analysieren, auf den Punkt zu bringen, und das mit einer Sprachgewandtheit und einem Witz die ihresgleichen suchen.

Kreisler ist mittlerweile 87 Jahre alt und seit über 50 Jahren tätig: als Musiker, Komponist, Sänger, Dramaturg, Regisseur, Schriftsteller. Als Wiener Jude mußte er in der Nazi-Zeit in die USA emigrieren, wo er für den Film Musik schrieb und spielte (seine Klavier spielenden Hände "doubelten" mal die Hände Chaplins). Wer sich näher mit seinem Leben befassen möchte, findet in seinen Büchern oder folgenden Webpräsenzen sicher genug Stoff. Was Kreisler so einzigartig macht, ist die Mischung aus bitterbösen, makaberen Humor, einem Sarkasmus der weh tun soll, einem gerechten Zorn und einer poetischen Kraft, einer Feinfühligkeit, einer Verletzlichkeit, die Kreislers Lieder so unter die Haut gehen lassen.

Kreisler selbst sieht sich so: "Ich begreife mich natürlich als politischer Liedermacher, eigentlich fast mehr als Schriftsteller denn als Liedermacher - ich mag das Wort eh nicht sehr. Von den Produzenten, Veranstaltern und Kritikern bin ich auch immer politisch begriffen worden, wurde immer sehr vorsichtig und dosiert eingesetzt - das geht auf die vierziger Jahre zurück, bis heute... Politisch einzuordnen dürfte ich schwer sein, Partei gehöre ich keiner an, bin noch immer amerikanischer Staatsbürger, Heimat habe ich keine. . ."

Und er ist wütend und schreit seinen Zorn hinaus. Gibt damit all jenen eine Stimme, die die Kraft, den Mut oder einfach die Fähigkeit nicht haben, ihre Wut zu artikulieren.

"Sie sind so mies. Ja, sie sind so mies,
die großen und die kleineren Verbrecher.

Der schönste Platz wird kein Paradies -

sie bohren überall dieselben Löcher.

Sie schrauben dir die Blumen und die Bäume ab

und treten dich voll Freude in den Bauch.
Sie sind so mies, ach, so schrecklich mies,

und sie glauben, alle andern sind es auch."

- Sie sind so mies -

"Das Persönliche ist politisch, wie alle so verdammt gerne betonen. Wenn also irgendein idiotischer Politiker, irgendein Machtspieler, eine Politik durchzusetzen versucht, die euch oder euren Angehörigen schadet, dann nehmt es persönlich! Regt euch auf! Die Maschinerie der Justiz wird euch dabei keine Hilfe sein, sie ist langsam und kalt, und ihre Hard- und Software liegt in den Händen der Politiker. Nur die kleinen Leute leiden unter der Justiz, die Kreaturen der Macht entziehen sich ihr mit einem Grinsen und Augenzwinkern. Wenn ihr Gerechtigkeit wollt, müsst ihr sie den Machtmenschen aus den Händen reißen. Macht es zu einer persönlichen Angelegenheit! Richtet so viel Schaden wie möglich an. Macht euch verständlich! So habt ihr eine wesentlich bessere Chance, beim nächstem Mal ernst genommen zu werden. Für gefährlich gehalten zu werden. Und in diesem Punkt solltet ihr euch keinen Illusionen hingeben: Nur wer ernst genommen wird, wer als gefährlich gilt, kann etwas bewirken. Das ist für sie der einzige Unterschied, der zwischen den Machtspielern und den kleinen Leuten. Mit Machtspielern werden sie sich einigen. Kleine Leute werden liquidiert. Und immer wieder werden sie eure Liquidation, eure Verdrängung, eure Folterung und brutale Hinrichtung mit der größten Beleidigung rechtfertigen: dass alles nur das übliche Geschäft der Politik ist, dass es nun einmal so und nicht anders in der Welt zugeht, dass das Leben nicht einfach ist und dass man es nicht persönlich nehmen sollte. Scheiß drauf! Nehmt es persönlich!"
- Richard Morgan, "Das Unsterblichkeitsprogramm" -

Kreisler nimmt persönlich, und er fordert dazu auf persönlich zu nehmen. "Kommt der Kissinger morgen zu Besuch, gib ihm keinen Kaffee!"

Aber er weiß auch, wie einsam dieser Weg machen kann, "denn die Majorität ist in jedem Fall bleed" und "wer immer was andres will als die Andern,
Muß natürlich sein Bündel schnüren und wandern.

Doch wir sind nicht so roh, wir helfen ihm packen und so,
Und wir tragen sein Gepäck, winken bis zum Eck,

Lassen seine Frau mit ihm weg."

- Anders als die Andern -

Natürlich ist es frustrierend ins Leere zu rufen, keine Resonanz zu spüren, keine Veränderung.

"Ich soll immer was Lustiges schreiben.

Aber das laß ich vorläufig bleiben,
weil ich nirgends, egal, wo ich gehe,

auch nur irgendwas Lustiges sehe.

Und da biegt sich mir die Feder nicht,

es laufen meine Räder nicht.

Was ich auch schreibe, schwemmt die Wahrheit fort,

und jede Pointe verdorrt.


Doch die anderen leben wie immer.

Und sie schreiben wie immer, nur dümmer.

Und sie sagen von mir: Was soll sein?

Er ist alt, und jetzt fällt ihm nichts ein."

- Ich soll immer was Lustiges schreiben -

Der Rufer in der Wüste leidet selbst am meisten an Durst und Erschöpfung, und trotzdem kann er nicht anders als zu rufen. Die Oasen sind ihm versperrt. Er kann sie nur zu dem Preis der Selbstaufgabe erreichen, also ruft er weiter. Und obwohl er es kaum für möglich hält, erreicht seine Stimme den einen oder anderen. Karawanen ziehen vorüber, offenbar ohne ihn zu bemerken, aber seine Lieder klingen denen, die dafür offen sind, in der Seele, geben ihnen Kraft für den Rest des Weges, vielleicht gelingt es sogar manchmal, die Karawane aufzuhalten, ihre Richtung neu zu bestimmen.

Deshalb ist er wichtig. Und mit ihm all jene, die, wie er, rufen, mahnen, informieren, bloggen, demonstrieren, aussteigen, Projekte initiieren, Zeitungen machen, Artikel schreiben. Und dieser Weg ist der einzig richtige: "Allein, wie eine Mutterseele, so mach Revolution, dann ist sie Deine..warte nicht auf Lenin und Godot...." Laß Dir nichts erzählen, nichts vormachen, Dich nicht für dumm verkaufen, öffne die Tür und geh' durch! Nimm es persönlich, aber vergiss Dich selbst und den Spaß am Leben nicht dabei:

"Wenn nicht Liebe, was sonst? Nur Gehorsam?
Aus Gehorsam bin ich nicht für dich entflammt.

Und mir leuchtet viel mehr ein,

für die Liebe tot zu sein,

als für Vaterland und Bundeskanzleramt."

- Wenn nicht Liebe, was sonst -

Es lohnt sich, Georg Kreisler (wieder) zu entdecken. Ein paar Lieder gibt es bei youtube, seine Platten und CD's bei kip-media.de.

Der Verfasser ist über e-Mail erreichbar. Seine Adresse lautet: Seldon-X@web.de

5 Kommentare:

G. G. 19. August 2009 um 08:22  

Ein echter Aufrichter. Vielen Dank an die Autoren.

Anonym 19. August 2009 um 09:12  

Herzlichen Dank für die großartigen zeilen.
Ich hatte in meinem früheren Leben in München einige Male das Vergügen Georg Kreisler live zu erleben, und ich kann nur betonen:
Es war ein Vergnügen!!

landbewohner 19. August 2009 um 10:11  

hast recht, bin absoluter kreisler fan

klaus baum 19. August 2009 um 11:33  

Schöner Beitrag. Schön im Sinne von wohltuend, authentisch eben.

pax-japan 19. August 2009 um 23:46  

Nehmt's persönlich. Ich möcht' es jedem in's Stammbuch schreiben, der sagt, dass am Hunger, am Millionentod, der Atomrüstung, politischer Korruption und sozialer Verwahrlosung nichts zu ändern sei.
Wie kann man einerseits überzeugt sein, das Kreuzchen auf dem Wahlzettel mache einen Unterschied, aber sich persönlich für einen Wandel einzusetzen, ob mit Wort oder Tat, nicht?

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