Widersprüchlich und unkiritisch, aber doch so leicht zu lenken

Dienstag, 10. Februar 2009

Unternehmer: Unweltverträglichere Kraftfahrzeuge werfen uns im internationalen Wettbewerb zurück, rütteln an unserer Stellung als Exportweltmeister.Volk: Zur Wahrung unseres Wohlstandes sollten wir erstmal alles beim Alten belassen.

Lobbyist: Atomkraft und Braunkohletagebau sind vielleicht gefährlich bzw. umweltbelastend, aber wir müssen an unsere Wettbewerbsfähigkeit denken.Volk: Das ist schade, aber wir sind es unserem Lebensstil schuldig, weiter alles Mögliche zur Energiegewinnung zu tun.

Landespolitiker: Zur Erschließung weiterer Ressourcen müssen wir bestimmte Dörfer dem Erdboden gleich machen, wir würden ansonsten Ressourcen vergeuden.Volk: Die armen Menschen, die da ihre Heimat verlieren, aber immerhin sichert das Einstampfen solcher Dörfer Arbeitsplätze und läßt vielleicht sogar neue entstehen.

Ökonom: Wir müssen noch mehr Kraftfahrzeuge verkaufen, müssen zwei Milliarden Chinesen mobil machen, um unsere Wirtschaft florieren zu lassen.Volk: Unsere Straßen sind schon verstopft, eine Mobilmachung von aufstrebenden Ländern und Entwicklungsländern würde den Kollaps der Welt bedeuten, aber für unsere Wohlstandswahrung ist es dringend notwendig, diesem Ziel zu folgen.

Personaldienstleister: Ohne Leiharbeit im Niedriglohnsektor könnten wir den Welthandel nicht so erfolgreich bewerkstelligen.Volk: Die Leiharbeiter können davon nicht leben, aber sie sollen froh sein, dass sie überhaupt Arbeit haben; es ist ihr Einstieg in einen besserbezahlten, sichereren Job.

Global-Player: Wir dürfen „Kinderarbeit“ in Indien nicht mit selbiger in Deutschland vergleichen. Indische Kinder gelten als kleine Erwachsene, tragen zur Ernährung ihrer Familien bei. Volk: Es bringt den indischen Familien ja auch Wohlstand, wenn ihre Kinder arbeiten; und Bildung erfahren die Kinder ja so oder so nicht, dann können sie auch gleich nutzvoll eingesetzt werden.

Geostratege: Keiner will Militäreinsätze im Ausland, will Menschen bombardieren, aber wenn Ressourcen in Gefahr sind, wenn Erdgas und Erdöl von dortigen Regimes knapp gehalten oder überteuert verkauft werden, dann muß man handeln.Volk: Wir wollen ja auch keine kriegerischen Einsätze, wollen nicht, dass Menschen sterben müssen, aber was wäre denn hier los, wenn die Energiemittel rar würden?

Gesundheitsreferent: Der Flughafen X, der erst im Jahre 19xx in der Nähe des Dorfes Y gebaut wurde, hat tatsächlich zu vielen Gehörverlusten, aber auch zu psychischen Erkrankungen bei der dortigen Dorfbevölkerung geführt.Volk: Tragisch! Aber man darf auch nicht vergessen, dass ein solcher Flughafen viel Segen mit sich brachte. Immerhin entstanden dort Arbeitsplätze.

Krankenkassen: Wir können auf Dauer nicht die horrenden Kosten für chronisch Kranke schultern.Volk: Schlimme Einzelschicksale, aber man muß auch rational denken und daher ist es legitim, bei denen einzusparen, die hohe Kosten verursachen.

Jurist: Ja, die besagte Firma hat im afrikanischen Ausland für die Verbreitung ihres Milchpulvers geworben, obwohl ihr bekannt war, dass das zur Anreicherung benötigte Wasser dort stark verunreinigt ist. Todesfälle wurden daher bewußt in Kauf genommen.Volk: Unverantwortlich! Hast du schon gehört, besagte Firma hat eine neue Sorte Schokolade im Angebot?

Wissenschaftler: Es gilt als erwiesen, dass Mobiltelefone gesundheitliche Schäden hervorrufen können.Volk: Das kann man glauben oder nicht; im Zweifel für die ständige Erreichbarkeit.

Sozialkritiker: Wir erziehen unsere Kinder im falschen Geiste, bezirzen sie mit Konsumwelten, verfrachten sie vor den TV-Apparat, kümmern uns wenig bis gar nicht um ihre Bildung.Volk: Ja, das ist ein großes Problem. Übrigens: Kevin, der gerade im Nebenzimmer mit KiKa beschäftigt ist, hat jetzt eine neue Spielekonsole von mir geschenkt bekommen.

Umweltaktivist: Zum Schutz der Umwelt gehört ein Gewissen, welches uns immer wieder fragen und zweifeln läßt, ob der Einsatz einer bestimmten Energie, der Einsatz des Autos, der Einsatz von Giftstoffen etc. jetzt in diesem Moment auch wirklich und unbedingt nötig ist.Volk: Ich verstehe was damit gemeint ist, muß aber erstmal zum Bäcker, Brot holen – wo sind denn die Autoschlüssel?

17 Kommentare:

Backwoods 10. Februar 2009 um 10:25  

Innenweltaktivist: Zum Schutz dessen, was sich in den Gehirnen unserer Kinder und Jugendlichen bildet, brauchen wir ein gesellschaftliches Mediengewissen und eine Steuergesetzgebung, die schädliche Produkte wie z.B. Gewalt-Computerspiele verteuert. Volk: Das ist schon schlimm mit den Killerspielen und den Amokläufern, aber diese Medien sind halt in der heutigen Zeit ein Kulturgut.

ben 10. Februar 2009 um 10:32  

Chef:
Auch in diesem Jahr müssen wir wieder noch mehr leisten als im letzten Jahr, noch härter zupacken, unsere Ziele erreichen und wenn möglich übererfüllen. Darum steht in Ihrer Beurteilung 100% Zielerreichung auch nur in der Mitte, da es noch zwei Stufen der Übererfüllung Ihrer Ziele gibt.
Laufen Sie, Rennen Sie, in heutigen Zeiten gibt es dafür auch bestimmt weniger Bonus....

Mitarbeiter:
Macht doch nichts Chef. Sie stehen ja auch unter Druck und ich fahre ja abends auch noch ein paar Mal um den Block, wenn ich bereits daheim bin. Beim 10 KM Lauf renn ich auch noch nach dem Ziel zwei Kilometer weiter, weil es so sinnvoll ist. Und das Essen lasse ich auch noch ein paar Minuten länger kochen, wenn es gar ist.....
Und das mit dem Geld ist ja nicht so schlimm, ist doch toll, dass ich überhaupt einen Job habe.

Anonym 10. Februar 2009 um 12:58  

ist die Schädlichkeit von Mobiltelefonen wissenschaftlich bewiesen? Wenn ja würde ich mich über einen Link zu einer entsprechenden Publikation freuen.

Roberto J. De Lapuente 10. Februar 2009 um 13:02  

Zitate:
"ist die Schädlichkeit von Mobiltelefonen wissenschaftlich bewiesen? Wenn ja würde ich mich über einen Link zu einer entsprechenden Publikation freuen."

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht sicher. Das liegt aber einfach daran, dass es Studien für beide Positionen gibt. Aber darum ging es mir auch gar nicht. Was ich ausdrücken wollte und will ist: Es gibt erhebliche Zweifel, ob Mobiltelefone und dazugehörige Telefonmasten, gesundheitsschädlich sind oder nicht. Anders: Wir wissen es nicht sicher, könnten es uns aber durchaus vorstellen, dass es Schäden herbeiführt. Aber kaum jemanden interessiert es, alle Vorsicht wird verworfen - andererseits: wir lassen eine übertriebene Vorsicht im Bereich "Terrorschutz" walten... da ist uns das Mindestmaß Vorsicht gerade gut genug.

Anonym 10. Februar 2009 um 13:12  

Noch so ein Gegenstück - heute bei Nachdenkseiten - Punkt 12:

"FDP will gesetzliche Krankenkassen abschaffen"

Anmerkung von Wolfgang Lieb:

"FDP die einzige Garantie für soziale Marktwirtschaft und Freiheit"....

treffend....

...die "Partei der Besserverdiener" (War das nicht auch schon Guido Westerwelle?) verkauft sich nun als "einzige Garantie für soziale Marktwirtschaft"....

...Fazit: Mit Kurzzeitgedächtnis des Wahlvolkes gewinnt die FDP die Wahlen - "Viel Spaß mit Schwarz-Gelb" (Zitat: Wolfgang Lieb).

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 10. Februar 2009 um 14:44  

Sehr schön auf den Punkt gebracht, wie das Spiel funktioniert: Jeder einzelne Aspekt hat seine Absurditätn, die aber Inhalt von Einzelabwägungen bleiben, ohne Bezug zum Ganzen. Ein System zerlegt in Einzelphänomene, die ihre eigenen Antinomien haben, an denen sich der "kritische Geist" abarbeiten kann. Die Sprengkraft der Kritik verpufft so auf den Nebenkriegsschauplätzen des Systems.
Man könnte das für ein "teile und herrsche" des Denkens halten und tatsächlich macht sich die Propaganda solche Denkfiguren reichlich zu nutze.

Roberto J. De Lapuente 10. Februar 2009 um 15:02  

"Jeder einzelne Aspekt hat seine Absurditätn, die aber Inhalt von Einzelabwägungen bleiben, ohne Bezug zum Ganzen."

Dies versuchte ich anhand der Medienlandschaft und ihrer "Und jetzt"-Mentalität zu erklären. Neil Postman schrieb seinerzeit dazu:

"Mit "Und jetzt..." wird in den Nachrichtensendungen (...) im allgemeinen angezeigt, dass das, was man soeben gehört oder gesehen hat, keinerlei Relevanz für das besitzt, was man als nächstes hören oder sehen wird, und möglicherweise für alles, was man in Zukunft einmal hören oder sehen wird, auch nicht. Der Ausdruck "Und jetzt..." umfaßt das Eingeständnis, dass die von den blitzschnellen elektronischen Medien entworfene Welt keine Ordnung und keine Bedeutung hat und nicht ernst genommen zu werden braucht. Kein Mord ist so brutal, kein Erdbeben so verheerend, kein politischer Fehler so kostspielig, kein Torverhältnis so niederschmetternd, kein Wetterbericht so bedrohlich, dass sie vom Nachrichtensprecher mit seinem "Und jetzt..." nicht aus unserem Bewußtsein gelöscht werden könnten."

Mit dieser Form des Berichtens stumpft man den sich Informierenden ab, raubt ihn jeden Bezugspunkt... es ist wahrlich eine besondere Form des divide et impera.

Anonym 10. Februar 2009 um 16:41  

"ist die Schädlichkeit von Mobiltelefonen wissenschaftlich bewiesen? Wenn ja würde ich mich über einen Link zu einer entsprechenden Publikation freuen."

Eine sehr gute Übersicht zu diesem Thema gibt Klaus-Peter Kolbatz

http://www.klimaforschung.net/gehirn/index.htm

Anonym 10. Februar 2009 um 18:28  

Der Mensch ist dazu gemacht sich selbst belügen zu müssen.
Die Psychologie der Selbsttäuschung gehört zu unserem Naturerbe.
Kassandra wird nicht gehört.

Backwoods 10. Februar 2009 um 21:31  

"und jetzt..." ? Nun, was kommt nach infotainment, Mr.Postman? Das Geschäft natürlich. Das hat niemand so knapp auf den Punkt gebracht wie Patrick La Lay, der inzwischen gechasste Chef des französischen Privatsenders TF-1, der in einem Interview 2006 zu den Prinzipien der Programmgestaltung seines Senders gefragt wurde und antwortete: "Ce que nous vendons à Coca Cola c'est du temps de cerveau humain disponible". In lingua tedesca ca: Aufnahmebereite menschliche Gehirnzeit ist, was wir Coca Cola verkaufen. Alles Fernsehprogramm ist nur Rahmen für den Kommerz. Was dem schadet, wird nicht gesendet.

Anonym 10. Februar 2009 um 22:58  

Hier ein Hinweis zum Thema Handystrahlung

besuchen Sie die Adresse:

http://www.netzkritik.de/art/166.shtml

Diese Seite informiert Sie sehr ausführlich über diese Thematik (Strahlung, magnetische Felder, Elektrosmog)

Gruß Harry (Berlin)

Hans Wurst 11. Februar 2009 um 05:42  

Habt ihr eigentlich auch manchmal das Gefühl, diesen ganzen Irrsinn nicht mehr auszuhalten?

Nach diesem unglaublichen neoliberalen Desaster schöpft man kurz Hoffnung, daß das Volk wenigstens jetzt mal irgendwas begreift und als Resultat bekommt die FDP das beste Umfrageergebnis aller Zeiten!

Übrigens eine wirklich tolle Seite, hier hab ich wenigstens noch das Gefühl, ein paar Leute benutzen noch ihr Gehirn, obwohl das ja heuer MEGA-OUT ist.

Ich träum nur noch von dem Habermas'schen Ideal, "spontaner und gegenseitiger Austausch von Argumenten zu relevanten Themen auf Basis hinreichender Informationen".

Habt ihr sowas noch in der Realität?

Anonym 11. Februar 2009 um 11:24  

"[...]Nach diesem unglaublichen neoliberalen Desaster schöpft man kurz Hoffnung, daß das Volk wenigstens jetzt mal irgendwas begreift und als Resultat bekommt die FDP das beste Umfrageergebnis aller Zeiten![...]"

Siehe oben meinen Hinweise darauf, dass die FDP sich nun als "Die Partei für soziale Marktwirtschaft und Freiheit" profiliert, und auf unser Kurzzeitgedächtnis hofft bzw. darauf, dass Guido Westerwelles Partei FDP einmal als "Die Partei der Besserverdiener" gelten wollte.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

edgar 11. Februar 2009 um 11:49  

Hallo Hans Wurst,
das mit der FDP hat mich erst auch gewundert. Habe mich dann aber an die Vermögensverteilung erinnert.

Also 20% aller Haushalte besitzen 80% des Gesamtvermögens.
Und die wählen mit der FDP ja schon richtig. Die FDP wird für sie kämpfen.
Nur nicht für uns. :)
Ob die es schaffen ist natürlich eine andere Frage, aber jedenfalls haben sie Angst dieses ungerechte Vermögen zu verlieren.

Schlimmer finde ich in diesem Zusammenhang:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3758
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,606389,00.html

Anonym 11. Februar 2009 um 13:05  

"Anonym 10. Februar 2009 18:28

Der Mensch ist dazu gemacht sich selbst belügen zu müssen.
Die Psychologie der Selbsttäuschung gehört zu unserem Naturerbe.
Kassandra wird nicht gehört."

selbsttäuschung, naturerbe??? das ist doch vollkommen zusammenhangslos! was du (anonym) beschreibst ist selbstschutz zur sicherung des fortbstands. zum selbstschutz gehört auch anpassung und durchsetzung. selbsttäuschung ist hier allerhöchstens eine unterkategeorie, die wenn es nötig wird, aber durchbrochen wird oder zur selektion führt. kassandra wird also gehört werden, aber auch nur von denen die es wollen.

Geschreibsel 11. Februar 2009 um 15:36  

Schöner Artikel. Beschreibt das, was ich seit Jahrzehnten "Schizophrenie der Gesellschaft" nenne. Und es wird irgendwie immer schlimmer. Und ebenfalls: ich bin selber zu oft keine Ausnahme.

@Hans Wurst: Ich habe in der Tat oft genug das Gefühl den ganzen Irrsinn nicht mehr auszuhalten. Meinen eigenen, denn ich bin auch nur ein Mensch, und den gesellschaftlichen.

Irgendwie scheint es ein natürlicher Zustand für den Menschen der Neuzeit zu sein. In solchen Momenten werde ich immer Misanthrop. Ob und wie Mensch da raus kommt? Keine Ahnug? Aber Erkenntnis ist ein Anfang, ohne den nix geht.

@Anonym wegen Kassandra: Ob das was nützt?

Ich meine, vielleicht rennen wir auch weiter in den Untergang. Dann ist aber wenigstens, hoffentlich irgendwann Schluß mit der Veranstaltung Mensch und Zivilisation auf diesem Planeten. - und etwas Neues kann entstehen. Vielleicht nicht unbedingt besser, aber immerhin anders.

Hans Wurst 11. Februar 2009 um 21:47  

Zitat von Geschreibsel:

"Ich habe in der Tat oft genug das Gefühl den ganzen Irrsinn nicht mehr auszuhalten. Meinen eigenen, denn ich bin auch nur ein Mensch, und den gesellschaftlichen."


Da muß ich für meinen Teil widersprechen. Ich bin ebenfalls ein Mensch und sicher nicht vollkommen, aber ich überprüfe mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln schon darauf, inwieweit ich damit zum von mir kritisierten (manchmal unerträglichen) Irrsinn beitrage.

Ansonsten verliere ich meine Glaubwürdigkeit mir gegenüber und dürfte auch nicht mehr ernsthaft kritisieren.

Grüße
Hans Wurst

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