"Und jetzt..."!

Montag, 19. Mai 2008

Angesichts kollektiver Beeinflussung und gezielter Desinformation seitens der Sendeanstalten, stellt sich die Frage über Wert oder Unwert des Fernsehens. Zwar bietet Fernsehen ein reichhaltiges Angebot, informiert in seltenen Fällen wirklich unabhängig und im Sinne einer Erkenntnisschaffung für den Zuseher, doch sind dies nur seltene Früchte der journalistischen Berichterstattung. Im Regelfall werden Informationen unter den Tisch gekehrt, Aussagen aus Führungsetagen - aus Wirtschaft und Politik gleichermaßen - ohne hinterfragen aufgetischt, Berichte und Diskussionen zur Stimmungsmache arrangiert. Zusätzlich fördert oder justiert man das Konsumverhalten, bleut den Menschen tröpfchenweise ein, wie sie zu sein haben, damit diese Gesellschaft am Leben bleiben kann und fördert stumpfe Unterhaltung zur Ablenkung von aufkeimenden Denkprozessen. Obwohl das Fernsehen eine höchst vielfältige Apparatur zur Gestaltung und Formung des Massenwillens ist, finden sich Raritäten informativer Berichterstattung dazwischen; finden sich zwischen der Suche von Topmodels und Gesangesbarden, zwischen Anne Will und "Hart aber fair", Dokumentationen oder Berichte, die dem Massenstrom entgegenrudern.

Ist Fernsehen nun also Fluch oder Segen? Oder kann man zumindest behaupten, dass Fernsehen ein Segen sein könnte, wenn man damit sinnvoll umzugehen weiß? Der Medienkritiker Neil Postman verneint dies, denn er argumentiert, dass Fernsehen immer und überall Unterhaltung ist. Selbst die Berichterstattung zu einem Erdbeben oder zu einem Massenmord ist ein Teil dieser Unterhaltungsindustrie. Postman führt dazu aus:
"Mit "Und jetzt..." wird in den Nachrichtensendungen (...) im allgemeinen angezeigt, dass das, was man soeben gehört oder gesehen hat, keinerlei Relevanz für das besitzt, was man als nächstes hören oder sehen wird, und möglicherweise für alles, was man in Zukunft einmal hören oder sehen wird, auch nicht. Der Ausdruck "Und jetzt..." umfaßt das Eingeständnis, dass die von den blitzschnellen elektronischen Medien entworfene Welt keine Ordnung und keine Bedeutung hat und nicht ernst genommen zu werden braucht. Kein Mord ist so brutal, kein Erdbeben so verheerend, kein politischer Fehler so kostspielig, kein Torverhältnis so niederschmetternd, kein Wetterbericht so bedrohlich, dass sie vom Nachrichtensprecher mit seinem "Und jetzt..." nicht aus unserem Bewußtsein gelöscht werden könnten."
Die Macher des Fernsehens behaupten, ein Abbild der Welt, so wie sie sich in ihrer Gesamtheit zeigt, zu präsentieren. Dieses Abbild ist aber zerklüftet und auseinandergerissen. Was einst die sozialistische Theorie schuf ("Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf die ökonomische Basis." - Autorenkollektiv, "Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus"), d.h. die Gesamtheit aller Abläufe, die in der Welt getätigt werden, die sich von selbst vollziehen, als einen einzigen Prozess zu begreifen, der nicht in tausenderlei Teilbereiche und Sektoren gesplittert werden kann, widerlegt das Fernsehen in gekonnter Perfektion. Man hat den Eindruck, als habe die Dokumentation zum Sextourismus nichts mit der Berichterstattung über den Tsunami in Thailand gemein; das oberflächliche Küren vermeintlicher Laufstegschönheiten nichts mit dem Bericht über einen ALG2-Bezieher; die Werbung von McDonalds oder BurgerKing nichts mit dem Dokumentarfilm der übergewichtige Kinder zum Thema hat; die Nachricht vom Rekordgewinn eines Unternehmens nichts mit den bei "Hart aber fair" dargelegten Nöten einer sechsköpfigen Familie. Ja, man glaubt kaum, Nachrichten aus einer Welt zu vernehmen, sondern kommt unwillkürlich zu dem Schluß, dass es Nachrichten aus mehreren Welten sein müssen, die man ins Haus geliefert bekommt. "Und jetzt..." zerreißt die Gesamtheit des Abbildes der Welt, bewirkt eine Zersplitterung und Isolierung des zur Schau gestellten Objektes.

Wenn den Menschen der Bezug fehlt oder diese unkenntlich gemacht werden, den die zur Schau gestellten Objekte zueinander haben, dann erscheint ihnen das Dargelegte wie ein isoliertes, nur für sich allein stehendes Ereignis. Berichtet man über die Widrigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, stellt aber diesen Bericht nicht in ein Gefüge von Gesamtheit, dann offenbart sich die Not des am Arbeitsmarkt Suchenden, wie die Not eines Einzelnen - eines Verlierers vielleicht. "Und jetzt..." heißt es kurz nachdem über den Arbeitsmarkt informiert wurde und da wird auch schon von der Exportweltmeisterschaft berichtet, die zwar errungen ist, aber natürlich weiterhin unbedingt gehalten werden muß (die Sinnhaftigkeit eines solchen Zieles soll hier nicht ausdiskutiert werden). Danach ein erneutes "Und jetzt...", welches mit sich bringt, dass ein Gewerkschafter von den kontinuierlich sinkenden Löhnen und der Lohnzurückhaltung der letzten Jahre spricht - ein Zusammenhang zum fadenscheinigen Titel "Exportweltmeister" wird aber nicht hergestellt. Sobald der Zuseher versucht ist, beide Nachrichten in Relation zu setzen, heißt es einmal mehr "Und jetzt..." - ein wenig Komisches, Tragisches oder eine Mischung daraus lenkt erneut ab.
"Die Welt im Fernsehen ist Dada in Reinkultur, eine "Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden", wie es in Walter Serners "Dadaistischem Manifest" heißt. Es geht nicht um Logik, Vernunft, Zusammenhänge, Folgerichtigkeit. Es geht um Sparpakete, Völkermord und Michael Jackson. Es geht um alles. Mit Dagmar Berghoff schaffen wir die Welt in 15 Minuten. Eine solche Haltung bezeichnet man in der Psychiatrie als Schizophrenie, im Theater als Varieté. Im Fernsehen ist sie das Normale."
- Udo Marquardt -
Es geht also um alles - und daher um nichts. Dies ist keine Antinomie, denn wenn in 15 Minuten die Welt umrundet wird, nie aber in der Form, dass man das Tagesgeschehen als Einheit eines Ganzen betrachtet, sondern aufsplittert in Nachrichten aus "Wirtschaft, Politik und Sport" oder verteilt in regionale Kategorien wie "Deutschland, Europa und Welt", dann sieht man sicherlich Vieles, labt sich an allerlei optischen Eindrücken, begreift aber doch keine Zusammenhänge - begreift folglich nichts. Zwischen jeder Nachricht schiebt sich ein "Und jetzt...", welches verdeutlicht, dass das eben erblickte gerne vergessen werden darf, damit einer neuen Information Platz geschaffen werden kann. Und nicht nur zwischen jeder Nachricht, sondern zwischen jedem einzelnen Sendekonzept: Nach der Selektion mehr oder weniger untalentierter Laiensänger, die als Paradebeispiel einer effektheischenden, voyeuristischen und anstandslosen Gesellschaft begriffen werden können, in der jener im Trend liegt, der seinem Nächsten mit frechen Beleidigungen begegnet und wo gelehrt wird, dass nur der Konformist ein Karrierist ist, wird - nach einem deutlichen "Und jetzt..." - eine Dokumentation über einen erfolgreichen Unternehmer präsentiert, der natürlich nicht vergißt, über die "Selbstbedienungsmentalität des deutschen Arbeitnehmers" zu wettern. Konstanten und "rote Fäden" werden aber durch den Löschmechanismus der unterteilten Fernsehwelt ausgemerzt, gar nicht erst zur Denke gebracht. Um den einsetzenden Denkprozess des Zusehers zu verhindern, bombadiert man ihn mit "Und jetzt..."-Informationen, die immer und überall präsent sein müssen, die immer nur einen Teilaspekt widerspiegeln, nie aber die Stellung der Nachricht in genere darlegen.

Der Zuseher ist fern von Erkenntnis, weil er nur sieht, doch nicht verarbeitet - gar keinen Anreiz zur Verarbeitung erhält. Er ist weit davon entfernt, zwischen verschiedenen Nachrichten Verknüpfungen herzustellen, die aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild schaffen würden. Sehend aber entfernt von Einsicht - fernsehend! Diesem Dilemma kann nicht einmal ein aufgeklärter Fernsehkonsum und eine vermehrte informative Berichterstattung im Sinne von Erkenntnisgewinn entgegenwirken. Fernsehen ist folglich weder Fluch noch Segen, sondern schlicht und ergreifend - und dies in jeder Form und in jedem Konzept: Unterhaltung. Selbst finster dreinblickende Jan Hofers und Jens Riewas, die einen Bericht zu einem Völkermord ankündigen, sind Protagonisten und damit traurige Clowns des dekadenten Unterhaltungsmechanismus Fernsehen.

1 Kommentare:

Geschreibsel 11. Februar 2009 um 15:52  

"Sehend aber entfernt von Einsicht - fernsehend!" Wow! DAS ist gut, und so treffend.

Durch Deinen Kommentar in einem neueren Artikel bin ich auf diesen älteren Artikel aufmerksam geworden. Und es ist schon komisch: viele Menschen die ich kenne, die erstarrt sind in ihrem Menschsein, sind fernsehsüchtig. Sie haben meist auch verlernt sich mit "dem Großen Ganzen" (das alles mit allem zusammenhängt) zu befassen. Diese Menschen sind meist unheimlich gelähmt. Erkennen manchmal noch das irgendwas nicht stimmt, man kann sogar mit manchen noch Recht gut diskutieren. Nur das ist alles weg, sobald es wieder an die Flimmerkiste und zur Unterhaltungsindustrie geht.
Sollte wohl vielmehr "Dummhaltungsindustrie" heißen.

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