Wegbereiter - ein kurzer Nachtrag

Sonntag, 22. Februar 2009

Das kommentierende Völkchen innerhalb des Axel Springer-Konzernes, das eine eigene Sparte innerhalb der dortigen Gazettenwelten besitzt, sich dort den Standesdünkel von der Seele schreiben darf, setzt nun zur Ehrenrettung des jugendlichen Wegbereiters an. Denn eigentlich, wenn man es recht bedenkt, ohne zu großen moralischen Eifer an den Tag zu legen, ist der betreffende Karrierist doch ein feiner Kerl - er traut sich eben auch mal unangenehme Themen aufzuwerfen, traut sich künstliche Hüftgelenke für Rentner und die Suchterkrankungen von Leistungsbeziehern zu thematisieren. Das dürfe man ihm nicht als Fehler anrechnen.

Und, das scheint der wesentliche Leitgedanke des Mißfelder-Hagiographen Lambeck zu sein, er hat sich vorallem um die Kinder gesorgt, die ihm scheinbar schon immer am Herzen lagen. Denn um sich sein Studium selbst finanzieren zu können, schrieb er einst ein Kinderbuch. Doppelt soll hier hervorgehoben werden, dass dieser flegelhafte Musterknabe sein Studium selbst bezahlt hat, niemanden auf der Tasche lag und dass er nebenher auch noch etwas für Kinder getan hat, sich Kindern so sehr gewidmet hat, dass er ihnen sogar ein Buch schrieb. Das besagte Buch, das berichtet uns Lambeck nicht, nennt sich "Money" und trägt den bezeichnenden Untertitel "Tipps, wie du dein Geld vermehren kannst". Ein phantasievolles Kinderbuch, so wie es sich der Leser des lambeckschen Heiligentextchens vorgestellt hat, ist dies Machwerk sicherlich nicht. Es paßt zu Mißfelder, ein höchst mittelmäßiges Konsumstück für Jugendliche abgeliefert zu haben - als jemanden, der sich in Kindergedanken und -welten hineinversetzen kann, kann man sich Mißfelder auch nur schwerlich vorstellen. Mit Finanztipps für Jugendliche hat er also sein Studium finanziert - aber das klingt in einer Reinwaschungskampagne freilich nicht sehr liebevoll und würde auch nicht zu dem passen, was Lambeck da an Hervorhebungen und Bauchpinselungen in die Welt setzt.

Und freilich wäre Peter Hahne kein Mann Gottes, würde er sich nicht für die Sache des (Selbst-)Gerechten einsetzen. Wer sich nun über die Worte des Mißfelders aufrege, wer nun den moralischen Zeigefinger schwenke, der sei nichts anderes als ein Gutmensch. Solche Stimmen kennen wir üblicherweise aus Kreisen der Republikaner, der NPD und der DVU, die jeden als Gutmenschen abtun, der sich gegen die zweifelhaften Thesen dieser nationalen Einheitsfront stellt. Wenn man deren Ansicht nicht wahrhaben und akzeptieren will, wonach beispielsweise ausländische Mitbürger die Kriminalitätsrate Deutschlands derart in die Höhe treiben, dann ist man ein unverbesserlicher Gutmensch, der an multikulturellen Irrtümern festhält, nur um im bequemen Genuss zu leben, ein "guter Mensch" zu sein. Diejenigen, die Mißfelder nun entgegentreten sind Gutmenschen, Hahne geht noch weiter, es sind "weichgespülte PC-Politiker" (PC = political correctness). Es ist freilich keine Überraschung, wenn sich Männer Gottes, ob nun Kleriker oder Theologen ist einerlei, nicht für die Sache der Entrechteten und Geknechteten einsetzen - so etwas hat das Abendland immer wieder erlebt, häufiger erlebt als andersherum. Aber es verdeutlicht doch immer wieder, wie man Ideologien zum Machtmißbrauch heranziehen kann, selbst wenn diese Ideologien direkt vom Machtzentrum abgeschnitten sind. Mit seiner kuschelweichen Sonntagsrhetorik lobt Hahne Mißfelder, zieht sogar Sarrazin als Musterbeispiel heran, auch Steinbrück erhält Lob - man muß fürchten, dass dieser Prediger viele Menschen erreicht, wenn er das Repertoire seiner theologischen Verbalgiftküche gebraucht. Und am Ende steht die Erkenntnis, Politik sei Lebenshilfe, weshalb der praktische Ratschlag dazugehöre. Aber dass das alles nicht zu praktisch werden darf, erzählt uns Hahne irgendwann in den nächsten Wochen, wenn er uns erklären will, dass die Regierung nicht zu praktisch Steuern für Besserverdienende oder Unternehmen erhöhen darf, weil zuviel praktische Staatsintervention purer Sozialismus sei, die gesamte Wirtschaft zu Boden ringe - eine Wirtschaft, die nun am Boden liegt, obwohl seit Jahren Steuern gesenkt wurden. Aber das wäre ja Logik, die hat im theologischen Kosmos nichts zu suchen.

Kurzum: Wir, die wir uns entrüsten, sind Gutmenschen, die den wahren Wert des Herrn Mißfelders nicht erkannt haben. Der liebevolle Kinderfreund und Kinderbuchautor hat nur praktische Ratschläge erteilt, habe sich damit als Politiker empfohlen, weil er auch unbequeme Wahrheiten ausspricht - (Man spricht nicht von Thesen oder Ansichten, sondern von Wahrheiten. Mißfelders Auswurf ist bereits zur Wahrheit geworden. Die Wahrheit, dass Leistungsbezieher saufen und rauchen, ihre Kinder vernachlässigen und das Sofa dauerbelagern.) - und sich durch der Gutmenschen Intervention nicht aus seinem Konzept bringen läßt. In all dem ist wiederum ein Wandel zu spüren, wiederum eine Verschärfung der Zustände, die auch schon vor der Krise ein unerträgliches Maß angenommen hatten. Vor einiger Zeit mußte man sich für solche Aussetzer entschuldigen, auch wenn dies nur pro forma, ohne Inhalt, nur Floskel war. Heute laufen die Gazetten zur Höchstform auf, einen solch elitären Schwachkopf in Schutz zu nehmen, ihn aufzupolieren, ihn zum mutigen Vordenker zu küren.

Man feiert die Sozialdarwinisten und es ist eine Frage der Zeit, bis man härtere Maßnahmen als willkommene Vorschläge zur Behebung des Problems feiert; es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die heutigen Worte verhallen, nur um dann zu Taten geworden zu sein. Wenn erst der "unnütze Esser", in Zeiten des vorgeschlagenen Hamsterkaufens, zur Parole geworden ist, dann ist die Drosselung der unnützen Esser keine Utopie mehr...

11 Kommentare:

Manul 22. Februar 2009 um 13:45  

Wenn erst der "unnütze Esser", in Zeiten des vorgeschlagenen Hamsterkaufens, zur Parole geworden ist, dann ist die Drosselung der unnützen Esser keine Utopie mehr...

... bis die 'Leistungsträger' im Zuge der Krise selbst zu 'unnützen Essern' werden und merken, dass sie die Peitsche gegen sich selbst gedreht haben. Solange wird nämlich keiner merken wie kontraproduktiv solche Hetze ist.

Anonym 22. Februar 2009 um 13:53  

"[...]Man feiert die Sozialdarwinisten und es ist eine Frage der Zeit, bis man härtere Maßnahmen als willkommene Vorschläge zur Behebung des Problems feiert; es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die heutigen Worte verhallen, nur um dann zu Taten geworden zu sein. Wenn erst der "unnütze Esser", in Zeiten des vorgeschlagenen Hamsterkaufens, zur Parole geworden ist, dann ist die Drosselung der unnützen Esser keine Utopie mehr...[...]"

Der angebliche Sozialdarwinismus, so las ich mal in einem Arbeitslosenforum ist keiner - man müßte eigentlich von Sozialrassismus sprechen, da Darwin diese Theorien nie gepredigt hat.....

Ansonsten was du über "Gutmenschen" schreibst stimmt, in der Umkehrlogik müßte man dann alle die diesen Begriff als Schimpfwort benutzen als DVU, REP, NPD-verdächtig abqualifizieren, und zwar egal in welcher Partei die sind....

Ich weiß, unsere neoliberalen Einheitsmedien werden dies nie tun, die bereiten lieber einem erneuten Faschismus den Boden als das die uns verteidigen....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

linke Hemisphäre 22. Februar 2009 um 14:13  

Lieber Roberto,

wahre Worte, die aber leider von der Realität schon wieder überholt wurden. Verfolgt man diverse Foren und Leserkommentare in den einschlägigen Onlinemedien (SpOn, Welt) so weiss man nicht, ob es eines Lambeck oder Hahne bedarf, ihren geistigen Müll der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders junge Kommentatoren erweisen sich als dankbare Claqueure dieses mißratenen Lümmels, der ihnen anscheinend tief aus der Seele spricht. Die Spaltung der Gesellschaft ist schon lange da. Die jetzige "Führungsriege" der Politik ist bereits nur noch mit Humor zu ertragen, wobei dieser schon an seine Grenzen stößt. Wenn solche sozial-emotionale Tiefkühlschränke demnächst das Zepter übernehmen, wird mir speiübel.

Im Übrigen wage ich aus eigener Erfahrung zu bezweifeln, dass ein Herr Mißfelder sein Studium selbst finanziert hat. Wer es sich erlauben kann, fast 8 Jahre zu studieren und parallel dazu ergeizig seine Politkarriere verfogt, der geht bestimmt nicht noch 2-3 mal die Woche jobben. Und von einem Buch ist noch keiner reich geworden. Da werden Mami und Papi oder die Partei schon ausgeholfen haben. Aber wenn die Eltern buckeln müssen, damit der Sohn munter 8 Jahre studieren kann, hat man ja keinem auf der Tasche gelegen.

Kowalski 22. Februar 2009 um 14:34  

Es steckt Methode dahinter solche Aussagen zunächst zu relativieren um sie dann salonfähig zu machen. Von da ab ist es nur noch ein kurzer Weg zum normalen Sprachgebrauch. Wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt wird sie irgendwann zur Wahrheit. Aber: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!" So sitzen die Verbrecher also zu tausenden in den Redaktionsstuben und vergehen sich täglich an der Wahrheit. Wie erbärmlich Herr Hahne und Konsorten.

christophe 22. Februar 2009 um 14:36  

Man weiß nicht, ob der junge Unionist vor seinem Wechsel in die private Wirtschaft noch eine Ehrenrunde auf einem Minister-fauteuil drehen darf (die Personaldecke der Parteien ist schließlich knapp), die einschlägigen Einwürfe weisen klar auf einen Posten bei einem privaten Krankenversicherer bzw. deren Verband hin. Vorgänger Wissmann hat sich schon früh für die individuelle Mobilität engagiert und ist heute der Chefpropagandist für die krisengeschüttelte Autoindustrie. Der Evangelist Hahn füllt die Marktlücke des Sozialcalvinisten. Diese religiösen Darwinisten sind in Europa (der heiligen römischen Kirche sei Dank!)noch suspekt. In den USA müßte sich dieser good-looking guy einen job in der Werbung suchen, es gibt zu viele! Zudem hat der Durchschnittsamerikaner die Lehre schon vollkommen verinnerlicht. Wo man als Europäer noch ein gewisses Unbehagen empfindet, wenn zerlumpte Bettler auf dem Parkplatz einen 'buck' erbetteln, sagt der amerikanische Schwager souverän: Der sollte besser mal arbeiten gehen. Bleibt zu hoffen, dass wir uns unserer europäischen Traditionen rechtzeitig bewußt werden!

Anonym 22. Februar 2009 um 15:21  

Wer an der "Vita" von Mißfelder interessiert ist, dem sei die Seite des Bundestages mit den Lebensläufen der Abgeordneten empfohlen - dort steht die Wahrheit, der gute Mann hat nur studiert vor seinem Amt, der hat noch nie gearbeitet:

[...]Veröffentlichungspflichtige Angaben1.

1. Berufliche Tätigkeit vor der Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag

Student,
Technische Universität Berlin, Berlin

2. Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat
teNeues Verlag GmbH & Co.KG, Kempen,

Historiker, 2008, Stufe 3

4. Funktionen in Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts
FFA - Filmförderungsanstalt, Berlin,

Stellv. Mitglied des Verwaltungsrates

5. Funktionen in Vereinen, Verbänden und Stiftungen
Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V., Berlin,

Mitglied des Parlamentarischen Beirates

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., St. Augustin,

Mitglied

NUMOV Nah- und Mittelost-Verein e.V., Berlin,

Mitglied des Kuratoriums

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn,

Stellv. Mitglied des Kuratoriums

Für die Höhe der Einkünfte sind nach den Verhaltensregeln die für eine Tätigkeit zu zahlenden Bruttobeträge unter Einschluss von Entschädigungs-, Ausgleichs- und Sachleistungen zu Grunde zu legen. Unberücksichtigt bleiben insbesondere Aufwendungen, Werbungskosten und sonstige Kosten aller Art. Die Höhe der Einkünfte bezeichnet daher nicht den wirtschaftlichen Gewinn aus einer Tätigkeit oder das zu versteuernde Einkommen.

Zum Inhalt der Veröffentlichung vgl. im Übrigen auch die "Hinweise zur Veröffentlichung der Angaben gemäß Verhaltensregeln im Amtlichen Handbuch und auf den Internetseiten des Deutschen Bundestages".[...]"

Quelle und mehr:

http://www.bundestag.de/mdb/bio/M/missfph0.html

Den "Historiker" könnt ihr getrost in ".." setzen - es ist nämlich nicht sicher, ob Herr Mißfelder sein Studium beendet hat bevor er Abgeordneter des Bundestages geworden ist....

Fazit:

Ein stinkf... S... urteilt über HartzIV-EmpfängerInnen diese wären versoffen, stinkfaul und Kettenraucher.

Würde mich nicht wundern, wenn Herr Mißfelder von sich auf andere schließt....

Soll er diese Äußerung nicht in trauter Runde bei einem Glas Bier und einer Zigarette geäußert haben? Wundern würde es mich nicht! ;-)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

klaus baum 22. Februar 2009 um 18:11  

Der Hahne hat 'ne Klatsche.

Bitter 22. Februar 2009 um 22:25  

Zu Peter Hahne: http://notatio.blogspot.com/2009/01/biedermann-als-brandstifter.html

Und natürlich enger Freund der INSM: http://www.initiative-links.com/initiative-links/berichte/themenabend-ueber-die-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft-insm.html

Anonym 22. Februar 2009 um 22:49  

Hahne spricht einen Punkt in seinem Artikel an, der zum einen nachdenkwürdig ist, den er aber auf der anderen Seite für seine Zwecke missbraucht: nicht-geldliche Sozialleistungen.

Die Idee, dass man es bedürftigen Kindern ermöglicht, kostenlos

- öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen (immer und nicht nur für den Schulweg),
- eine ordentliche warme Mahlzeit und Obst zu erhalten (bspw. in der Schulmensa),
- sämtliche Schulmaterialien erhalten zu können (in ordentlichem Zustand),
- an Klassenfahrten und Tagesausflügen teilnehmen zu können,
- außerschulische Kultur- und Sportangebote wahrnehmen zu können,
- u.U. Nachhilfeunterricht erhalten zu können,
- usw.

ist grundsätzlich richtig.

Das Problem, wenn die Idee über die gespaltene Zunge der 'Leibwerdung Christi himself' kommt, ist allerdings, dass er diese nicht-geldlichen Leistungen anstatt der finanziellen Leistungen möchte. Vor diesem Hintergrund bekommt dieses Argument natürlich einen äußerst üblen Beigeschmack und ist in dieser Form nicht zu unterstützen. Denn beides muss her: Erhöhung der nicht-geldlichen, sowie der geldlichen Leistungen.

Das sollte im übrigen auch für Azubis und Studenten gelten. Wobei dort der Weg ja zur Zeit genau in die andere Richtung geht.

Nico 25. Februar 2009 um 18:49  

Na, also "Republikaner, NPD und DVU" ist nicht ganz richtig.
Tatsächlich macht die NPD sich ja gar nicht erst die Mühe, ihren Unsinn irgendwie rechtfertigen zu wollen - bei denen ist der Ausländerhass (also im Endeffekt der Hass auf alles und jeden) ein Dogma.
Aber Repsen und DVU passen, ja. Und der rechte Flügel von CDU und CSU halt.
Whatever, "politische Korrektheit" ist so was Ähnliches wie "Täterschutz" - ein Argument, das man bringt, wenn man verschleiern will, dass man keine hat.

Anonym 10. März 2009 um 13:58  

http://www.spiegel.de/img/0,1020,1459111,00.jpg

;-)

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