Nomen non est omen

Mittwoch, 25. Februar 2009

Heute: "sozial verträglich"
"HypoVereinsbank will weitere 1.500 Stellen sozialverträglich abbauen."
- FAZ vom 6. Februar 2009 -

"Die Deutsche Telekom will den Umbau ihrer Geschäftskundensparte T-Systems vorantreiben und schließt dabei betriebsbedingte Kündigungen nicht aus."
- Meldung bei tagesschau.de vom 23. Juli 2008 -

Die Begriffe der "Sozialverträglichkeit" bzw. der Formulierung vom "sozial verträglichen Stellenabbau" sollen suggerieren, dass im Sinne der ethischen und sozialstaatlichen Normen Menschen gekündigt, gefeuert bzw. aus der Firma geworfen werden. "Sozial verträglich" vermittelt eine Metapher des "weichen Fallens" aus der Firma bzw. dem Arbeitsplatz. Insofern ist es in erster Linie ein Euphemismus, welcher die individuelle Situation des soeben Gekündigten ausblendet.

Ob es für den Einzelnen überhaupt "sozial verträglich" sein kann, seinen Job zu verlieren, ist mehr als fraglich und ignoriert diese Formulierung. Stattdessen verweist sie auf die Struktur der Sozialstaatlichkeit, die das schon irgendwie anständig regeln würde. Zum Beispiel in Form von Abfindungen oder ähnlichem. Außerdem ist der Terminus ein gutes Beispiel für eine Methode der Sprachmanipulation von der Verbergung, Kaschierung und Beseitigung des handelnden Menschen aus der Sprache. In der Formulierung des "sozialverträglichen Stellenabbaus" verschwinden gleich zwei Subjekte: der Verantwortliche, der die Arbeiter gekündigt hat und der Gekündigte selbst. Dadurch wird zum einen die Verantwortlichkeit für die Kündigung und zum anderen das individuelle Schicksal der Gekündigten verborgen. Außerdem findet eine Versachlichung der Entscheidung statt, nicht der Mensch wird gefeuert und verliert seine Lohnarbeit, sondern: "die Stelle wird abgebaut".

Ein weiterer ähnlicher Satz, der einen Euphemismus darstellt und ebenfalls die Verantwortlichkeit des Unternehmers außen vor lässt, ist die der "betriebsbedingten Kündigung". Hier wird suggeriert, dass der Unternehmer durch einen "Sachzwang" keine andere Wahl hatte, als den Mitarbeitern zu kündigen. Ob "sozial verträglich", "betriebsbedingt", "Personalanpassung" oder "den Mitarbeiter freistellen" – der Arbeiter wird gefeuert und steht ohne Einkommen da. Letztendlich sollen diese Satzkonstruktionen die Kündigungsentscheidungen des Unternehmers legitimieren und einen Widerstand gegen die Kündigungen schon im Wortlaut unterbinden helfen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

5 Kommentare:

otti 25. Februar 2009 um 10:41  

Eine weitere entsprechende Wortschöpfung: Atommüll entsorgen. Auch hier wird so getan, als ob man sich zukünftig keine Sorgen mehr machen müsse.

Oder Rechtsstaat! Auch so eine verlogene Veranstaltung.

Oder Demokratie. Nur noch zum Kotzen.

Anonym 25. Februar 2009 um 11:42  

Über das Wort "sozialverträglich" in diesem Zusammenhang rege ich mich schon seit 10 Jahren auf. Natürlich trifft den einen die Entlassung weniger hart als den anderen - andererseits ist jeder wegfallende Job eine Chance weniger für einen Arbeitslosen, und wer das dann "sozialverträglich" nennt, offenbar damit nur, dass er die Arbeitslosen schon gar nicht mehr als zum Sozialsystem zugehörig auf der Rechnung hat.

So fing's an. Und heute haben wir Missfelder.

klaus baum 25. Februar 2009 um 12:12  

Interessant wäre hier eine Art Sprachvergleich zwischen sagen wir Shakespeare und der entsubjektivierten Entlassungssprache. Diese tut so, als wäre nicht der Manager und auch nicht eine bestimmte Ideologie an den Entlassungen schuld, sondern eine höhere Macht, die man heute säkularisiert Sachzwang nennt. Im Epitheton "betriebsbedingt" steckt ja der gesamte komplexe Zusammenhang globaler kapitalistischer Wirtschaftsweise. Diese wird nun nicht kritisch analysiert, sondern verschleiert mit dem Wort "betriebsbedingt".
Interessant ist nun, daß die Beschreibung von Handlungsabläufen seit Homer immer stärker die Ursache der Handlung in das Subjekt, das Ich verlegt.
In der griechischen Antike handelt einerseits das Ich, andererseits einer der Götter. Das Subjekt handelt im Namen eines Gottes (siehe Aischylos: Orest. Er tötet seine Mutter, weil Apoll als Vertreter des Vaterrechts ihm das so aufgetragen hat (seine Mutter hatte seinen Vater ermordet); er tötet seine Mutter aber auch, weil er sonst den Besitz des Vaters, Land, Haus, Hof, Herrschaftsanspruch verlieren würde.
Bei Shakespeare, im Macbeth, handelt nun nicht das Subjekt allein, sondern in der Schlußszene sagt im Kampf gegen den Tyrannen Macbeth sein ehemaliger Freund, der Zorn führt mir das Schwert, d.h. durch die Menschen hindurch agieren die Leidenschaften, was so viel besagt, daß die Menschen keine autonom handelnde Subjekte sind.
Die Aufklärung hat den Menschen immer stärker als potentiell autonom handelndes Wesen gesehen.
Heute verstecken sich die Macher, und das zeigt letztlich ihre Unselbständigkeit, hinter Allgemeinbegriffen. Nicht die Subjekte handeln, sondern die Wirtschaft usw.
In der Tat sind es nicht die gereiften Persönlichkeiten, die handeln, sondern es ist ihre unreflektierte, regressive Triebstruktur.

B. Schülke 25. Februar 2009 um 14:11  

ein Sahnehäubchen:

sozialverträgliches Ableben

Def. sozialverträglich: Vorhaben, die die Humankosten senken. Also Gesundheitskosten, Arbeitskosten usw... Menschen sind Kosten.

Alles Neusprech.

Margitta 25. Februar 2009 um 17:13  

Es war einmal...,
während meiner Schulzeit (8 Jahre Volksschule im schönen Bayernland)wurde großer Wert auf gute Deutschkenntnisse gelegt. Zur Benotung standen Rechtschreibung, Ausdruck, Schrift. Nur wer in Deutsch gut war, wurde zum Englischunterricht zugelassen. Das war sicher nicht das Optimum. Jedoch der verflachte Deutschunterricht der dann etabliert wurde, zeigt schon lange seine Auswirkungen.

Das deutsche Volk wird seiner Sprache beraubt und merkt es nicht. Diejenigen die dagegen Sturm laufen, werden als "ewig gestrige" verunglimpft.
Da fällt mir gerade ein Ausspruch von Victor von Bülow ein: "Die Rechtschreibreform ist vollkommen - wenn man weder lesen noch schreiben kann."

Wenn ich mich recht erinnere, wurde mit dem Argument, den ausländischen Schülern den Deutschunterricht besser vermitteln zu können, die deutsche Sprache vereinfacht. Als Ergebnis könnte über kurz oder lang eine Sprache herauskommen, mit der es nahezu unmöglich sein wird konkrete Aussagen zu treffen.

Nach meinem Empfinden, ist schon viel zu viel Neusprech in unsere Sprache eingegangen und ich bin immer wieder den Menschen dankbar, die mir solchen Begriffe erklären und mich immer wieder veranlassen genauer hinzusehen.

Liebe Grüße
Margitta Lamers

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