Der homo sovieticus in dieser Gesellschaft

Sonntag, 25. Mai 2008

Es steht geschrieben, dass die Welt sich bis Anfang der neunziger Jahre in einem ideologischem Ringen befand. Ein "Kalter Krieg" genannter Widerstreit zwischen zwei sich grundsätzlich unterscheidenden Gesellschaftsformen, die sich als miteinander unvereinbar verstanden. Kapitalismus und Kommunismus standen sich als Antinomien gegenüber, wurden - und werden noch heute - als differente Positionen im Zeitalter der Massenideologie proklamiert. Die Verteidigung der jeweiligen Position rechtfertigte das Ansammeln von Atomwaffen genauso, wie das Ausspionieren des jeweiligen Gegenspielers. Um die speziellen Eigenheiten des eigenen Systems zu wahren, wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Die dem System immanente Seinswelt - die Lebensentwürfe der Menschen, die sich innerhalb des Systems derart gestalten mußten - durfte keinesfalls verraten, dem Gegner ausgehändigt werden, sondern galt als heiliges Gut, welches mit Blut und Eisen zu verteidigen war.

Nun ist es so, dass heutige Sozialisten, gerade auch in der LINKEN, die Sowjetunion - den Lenker des Weltkommunismus - nicht verherrlichen, ohne gleichzeitig mit Schamesröte im Gesicht aufzutreten. Sie wissen, dass im Paradies der Werktätigen etwas schief gelaufen ist, ganz distanzieren kann und will man sich aber letztendlich nicht. Grundsätzlich, so vernimmt man unterschwellig, habe man im kommunistischen, also sowjetischen Part für mehr Gerechtigkeit gesorgt, die gerade den Werktätigen zugutekam. Freilich habe man hart arbeiten, eine respektable materielle Grundlage schaffen müssen. Doch war es nicht Wesenszug des homo sovieticus, sich selbst nur auf den Faktor Arbeitskraft zurückzustutzen. Des Menschen Zelebrierung der Notwendigkeit von Arbeit, so argumentiert man heute in Kreisen der westlichen Establishment-Linken, ist Bestandteil des kapitalistischen Charakters. Darüber wird vergessen, oder wissentlich vertuscht, dass dieses Wesen ebenso im sogenannten Realsozialismus verankert war.

Es ist lohnenswert, sich auf Helmut Altrichters Beschreibungen der sowjetischen Arbeitswelt zu zu beziehen. Der Osteuropa-Historiker beschreibt mehrfach, wie sich die glorreiche Idee von einer gerechten Arbeitswelt wandelte, dem kapitalistischen Zwilling in nichts nachstand, sogar in der Radikalität überholte. So heißt es bei Altrichter, dass bereits in den zwanziger Jahren überall dort, wo es möglich war, von Zeit- auf Akkord- und Stücklohn umgestellt wurde. Die Gleichheit geriet schnell außer Mode, da man sich entschloss, Fachkräften mehr zu bezahlen als Ungelernten - hinfort die sozialistische Einsicht, dass niemand aufgrund seiner begrenzten Auffassungsgabe benachteiligt werden dürfe! - und zu diesem Zweck regelrecht Parolen ins Land posaunt wurden, die diese Ungleichheit zur sozialistischen Notwendigkeit verklärten. Außerdem äußerte sich diese Ungleichheit nicht nur in höheren Löhnen für Fachpersonal, sondern zeigte sich auch an Zusatzvergünstigungen, wie z.B. bevorzugte Vergabe von industriellen Konsumgütern, bevorzugte Zuweisung von Neubauwohnungen und zusätzliche Verköstigung in besonderen Kantinen. Ein Prämiensystem, gestaffelt nach der Leistung der erbrachten Arbeit, gab es nur in den Kreisen dieser Besserverdienenden, das Gros der Werktätigen - gerade auch jene, die vom Land in die Stadt kamen - blieb von zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten ausgeschlossen. Die Disziplinarverordnungen innerhalb der Betriebe wurden verschärft und Verstöße von der Betriebsleitung exekutiert. So konnten z.B. Arbeitsfehler als Sabotageakt ausgelegt werden, was drakonische Strafen zur Folge hatte. Zu spät zum Arbeitsplatz erscheinende Arbeiter wurden als "Arbeitsdeserteure" behandelt - dies konnte ab den dreißiger Jahren sogar strafrechtlich verfolgt werden. Mangelnde Disziplin, als die man diese nichtigen Vergehen betrachtete, konnte zur fristlosen Kündigung führen, die oftmals eine Entlassung aus der Betriebswohnung nach sich zog. Zudem verlor man in jenem Moment auch den Sozialversicherungsschutz. Deportation oder Einweisung in ein Zwangsarbeitslager schwebten wie Damoklesschwerter über dem Betroffenen. Die Einführung des Arbeitsbuches, das jeder Arbeiter und Bauer mit sich zu führen hatte, perfektionierte die lückenlose Dokumentation jedes einzelnen Arbeiterschicksals.

Dies alles lief nicht im Stillen ab, sondern wurde stilgemäß ins rechte Bild gerückt. Parolen wurden verbreitet und Merksprüche formuliert. Die Glorifizierung der Arbeit bedeutete "den Sozialismus zu leben". Besonders makaber wirkten dabei sogenannte "sozialistische Arbeitswettbewerbe", bei denen nicht mehr die Notwendigkeit des Übels im Zentrum der Überlegung stand, sondern die Pein und die Mühen um ihrer selbst Willen gefeiert wurden. Die sich daraus rekrutierenden "Arbeitshelden" wurden zu sozialistischen Helden schlechthin, zu Zeitgenossen, die nicht arbeiteten, weil es notwendig erscheint, sondern weil in der Arbeit selbst mehr als Schaffensprozess steckt, quasi eine Art metaphysische Wahrheit. Konträr zur Meinung der "sozialistischen Urväter", die eine Gesellschaft eingerichtet wissen wollten, in der Arbeit vielleicht notwendig ist, aber nicht geheiligt, war nun Arbeit zum Adelsprädikat propagiert worden. Der sozialistische Mensch definiert sich durch seine Tätigkeit im Betrieb, kann nicht ohne Arbeit sein, weil er dann keinen Wert mehr besitzt, sich förmlich langweilen muss. Ein Leben ohne Arbeit ist ihm unvorstellbar. Alle Maßnahmen zur Erhaltung der Arbeitskraft, die im Realsozialismus durchaus so eingerichtet waren, dass einem Werktätigen eine Krankheit nicht finanziell zurückwarf, waren in diesem Kontext zu sehen. Sie waren keine altruistische Maßnahme seitens der Machthaber, wohl aber auf reines Kosten-Nutzen-Kalkül zurückzuführen.

Wenn heute von "zu viel DDR" fabuliert wird - gerade auch im Lager der Liberalen -, dann ist das durchaus in der Weise zutreffend, dass wir dabei sind - besser schon mittendrin sind! -, Arbeit als ein wertvolles Gut zu feiern, vollkommen enthoben von der leidigen Notwendigkeit, des Menschen Energie mit stumpfen Handbewegungen zu vergeuden. Die Arbeit wird zum Objekt ohne Prädikat, denn wenn von "Arbeit" gesprochen wird - (Arbeitslose suchen bezeichnenderweise Arbeit, keine Verdienstmöglichkeit! Auf die Frage in Bewerbungsgesprächen, warum man sich für das Unternehmen X entscheidet, antworten sie nicht damit, dass sie unter dem Zwang sind, Geld zu erwerben, sondern erfinden hehre Motive, warum die Arbeit gerade dort um ein Vielfaches besser ist.) -, ist jede Eigenschaft hinfällig, denn im Wort "Arbeit" steckt bereits, was jahrelange Prägung in uns wachrüttelt. "Arbeit" steht für Teilhabe, für Verdienst, für soziale Integration. Rationalisieren Betriebe aufgrund von Automatisierungen, verfallen wir in Wehklagen, erinnern uns an die schönen alte Zeiten, in denen noch Schweiß rann, als die menschliche Arbeitskraft noch gebraucht wurde. Wie gerne würde man wieder selbst unter Tage in engste Schächte klettern, damit menschliche Arbeitskraft auch dort die Maschine zurückdrängt. Hinfort mit Straßenreinigungsmaschinen, die eine Person bedient; her mit Hunderten von Besen! Keine Gefahr und keine Mühsal hält uns ab, keine Effizienz und Produktions- und Wiederholgenauigkeit ist von Belang, wenn das wertvollste Gut des Menschen, seine Arbeitskraft, nur wieder expandieren könnte und sich nicht auf einen immer enger werdenden Markt beschränken müßte. Ja, wer kommt denn auf die Idee, durch Automatisierung verlorene Arbeitsplätze zu bejubeln? Wir betrauen das zutiefst, anstatt uns klarzumachen, dass dies eigentlich ein positiver Aspekt ist, der nur in einem negativen Umfeld verhaftet bleibt. Nicht die verlorenen Arbeitsplätze sind zu beweinen, sondern der Umstand, dass dieses System bei allen Arbeitsplatzabbau immer noch arbeitslastig organisiert ist. Nicht der schwindende Arbeitsplatz ist das Problem, sondern das System, in dem er organisiert ist! Und obwohl dies so ist, bleibt "Arbeit" ein Heiligtum - unantastbar und rein. Wer von des Menschen Hang zur Faulheit spricht - doch Faulheit ist es nicht, denn der Mensch widmete sich anderen Aufgaben, die ihm Freude bereiten würden; es ist nur Faulheit innerhalb des Apparats, aber nicht davon enthoben betrachtet -, sein Recht auf Müßiggang in Szene rückt, der wird argwöhnisch betrachtet. Man nehmen dem homo oeconomicus, der eine liberalere Abart des homo sovieticus darstellt, bloß nicht sein Götzenbild!

So gesehen ist der "kapitalistisch motivierte Realsozialismus" nicht tot. Wie die westlichen Innenminsterien sich die "ertragsreichen Innovationen" von TscheKa und StaSi unter den Nagel reißen - man denke an Schäubles "Idee", Geruchsproben von verdächtigen Demonstranten zu sichern -, so tun es die wirtschaftlichen Eliten des Westens diesen gleich, und sichern sich des homo sovieticus' Arbeitsliebe, bauen die in der kapitalistischen Welt schon immer vorhandene Freude an der Arbeit aus, um aus dem nur Freudigen, einen geradezu Liebenden zu modellieren. Der Kapitalismus hat eben nicht gesiegt, weil er a) nie ein abgeschlossenes, für sich alleine dastehendes Gesellschaftsmodell war, sondern im Realsozialismus einen Bruder - nicht einen Feind - hatte, und b) die Errungenschaften seines Brudermodells, die oft rabiater anmuten, sich brutaler und rücksichtsloser äußern - wohl auch kulturell bedingt -, in sich selbst assimiliert, sich der nutzvollen Werte der Roten hemmungslos bedient und somit nicht übriggeblieben ist, sondern eine Mischform darstellt.

Ich wiederhole mich, stelle aber erneut die Frage, die ich mir immer wieder stellen muß. Wenn in einer (Welt-)Gesellschaft keine Unterschiede zwischen zwei Gegenpositionen feststellbar sind, wenn sie also faktisch gar keine Gegenpositionen sein können, weil sie sich eben gleichen, weil sie vielleicht sogar komplett identisch sind, sich bestenfalls in der Farbe unterscheiden - wie man oft so salopp feststellt, dass irgendwas oder irgendwer "dasselbe in grün sei" -, dann muß doch die orwellianische Frage aufgeworfen werden, wer nun eigentlich Mensch und wer Schwein ist. Eine Frage, die sich vorallem die staatstreuen Linken und Trend-Sozialisten aller Parteifarben stellen sollten. Worin unterscheiden sie sich denn eigentlich von jenen, die sie via Medien ständig attackieren?

3 Kommentare:

alexander 25. Mai 2008 um 17:02  

"Und obwohl dies so ist, bleibt "Arbeit" ein Heiligtum - unantastbar und rein. Wer von des Menschen Hang zur Faulheit spricht - doch Faulheit ist es nicht, denn der Mensch widmete sich anderen Aufgaben, die ihm Freude bereiten würden; es ist nur Faulheit innerhalb des Apparats, aber nicht davon enthoben betrachtet -, sein Recht auf Müßiggang in Szene rückt, der wird argwöhnisch betrachtet."

Mit ganz ähnlichen Hintergedanken verfolge ich die alljährlichen Debatten, wenn jeden Herbst die angeblich zu geringe Zahl an abgeschlossenen Ausbildungsverträgen beklagt wird.

Sicherlich gibt es junge Menschen, die gerne beschäftigt sind und es fort von unserem defizitären Bildungssystem in die Arbeitswelt zieht. Und die sollen dann auch ihrer gewünschten Tätigkeit nachgehen können. Ob sich ihre hohen Erwartungen an den neuen Lebensabschnitt schließlich erfüllen oder nicht, sei einmal dahingestellt. Viele Menschen neigen dazu, immer das zu begehren, was ihnen im Moment verwehrt ist. Kein Wunder, dass sich spätestens nach ein, zwei Jahren etliche wieder sehnlichst in die Schulzeit zurückwünschen und ihren Mangel an freier Zeit beklagen.

Und hier muss man ansetzen: Ein System, welches die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger zwangsweise auf dem Höhepunkt ihrer Jugend in einen Vollzeitjob - von Beruf kann da oft keine Rede sein - drängt, ist abzulehnen. Von wegen duale Ausbildung - die Schule hat hier weitgehend ergänzenden Alibicharakter. Wer finanzstarke Eltern hat und lieber noch ein Jahr mit sich selbst beschäftigt ist, wird nicht nur schräg angeschaut, sondern bringt sich häufig selbst um die spätere Chance eines beschränkten Aufstiegs auf der Karriereleiter, sofern er keine plausible Entschuldigung für die "vergeudete" Zeit im Lebenslauf vorbringen kann.

Ich bin jedenfalls froh, dass mir ein solcher Werdegang erspart geblieben ist. Das im Vergleich zu vielen Altersgenossen zusätzliche hohe Maß an freier Zeit, welches mir der Besuch des Gymnasiums bis zuletzt eingeräumt hat, möchte ich auf keinen Fall missen. Das Recht, diese Freiräume nutzen zu können, habe ich mir aber in erster Linie nicht selbst verdient, sondern einer Laune der Natur zu verdanken, die mich an den in dieser Gesellschaft entscheidenden Stellen mit ausreichend Talent versehen hat. Und da "jedes Privileg in erster Linie eine Erniedrigung der anderen ist" (Tucholsky) und ich jeden Elitegedanken strikt von mir weise, sollte diese Möglichkeit jedem offenstehen.

Peinhard 25. Mai 2008 um 17:04  

Du schreibst: "Arbeitslose suchen bezeichnenderweise Arbeit, keine Verdienstmöglichkeit!"

Dazu wäre anzumerken, dass das in unserem 'Alltagsverständnis' eben als identisch bzw zusammengehörig gedacht wird, und uns, anders als zB im Englischen mit 'work' und 'labour', sozusagen sogar schon 'die Worte fehlen', um zwischen der historisch-gesellschaftlich bedingten Form einerseits und des 'tätigen Stoffwechsels mit der Natur' als tatsächlicher 'Naturkonstante' menschlichen Daseins andererseits zu unterscheiden. Das wirft ein weiteres bezeichnendes Licht darauf, wie weit wir diese Dinge (und Zwänge) längst verinnerlicht haben, wie sehr für die allgemeine Form gehalten wird, was doch eine sehr spezielle und historisch sogar noch recht 'junge' Form ist.

Hier finden sich einige weitere erhellende Gedanken dazu:

http://www.streifzuege.org/texte_str/str_98-1_schandl_feierabend.html

Roberto J. De Lapuente 25. Mai 2008 um 21:48  

Lieber Peinhard,

vielen Dank für den aufschlußreichen Link zu den Streifzügen.

Zur Sprache äußerte ich mich vor einiger Zeit. Allerdings wäre es einmal spannend, die Alltagssprache innerhalb der Arbeits- und Arbeitsuchendenwelt zu analysieren. Also all jenes, was gesagt wird, wenn Menschen "Arbeit" nicht "Lohn" suchen.

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