Des Westens süßer Traum

Mittwoch, 14. Mai 2008

Es darf darum gestritten werden, ob man das Aussetzen des Nilbarsches im Viktoriasee - welches in den sechziger Jahren geschah -, als "Darwins Alptraum" bezeichnen darf oder nicht. Betrachtet man freilich die Folgen, die diese Aktion mit sich brachte, die damit verbundene Ausrottung von über 400 kleineren Fischarten - der Nilbarsch, der ja nun zum Viktoriabarsch wurde, ist ein Raubfisch -, die unter anderem für die Beseitigung des Algenwuchses verantwortlich waren, so könnte man freilich zum dem Schluß kommen, dass es sich um einen dreisten und unnötigen evolutionären Eingriff seitens des Menschen handelt - um eine Anmaßung eines Wesens, das sich selbst zum Gott erhebt. Unnötig ist er - der Eingriff - durchaus gewesen, unethisch sowieso, denn er zerstörte nicht nur das Gleichgewicht innerhalb des Sees, hat ihn nicht nur eutrophiert und den Sauerstoffgehalt in tieferen Seeschichten ständig sinken lassen, sondern auch die Menschen, die an den Ufern des Sees leben, schwer beeinträchtigt. Ob es aber ein Alptraum im Sinne Darwins ist, wenn der Mensch - eine aus Evolution entstandene und in ihr fortschreitende Kreatur - evolutionistisch-schöpferisch tätig ist, darf als Frage offen gelassen werden, ist wohl Sachbestand ethischer, nicht aber naturalistischer Sichtweisen. Denn wenn, soviel sei dazu noch angemerkt, der Mensch sich evolutionistisch verkalkuliert, somit beweist er damit im Sinne der Evolution doch nur, dass er aus freien Stücken nicht überlebensfähig ist, den survival of the fittest irgendwann verlieren wird - verlieren muß. Die Evolution kennt eben keine menschlichen Züge, daher keine moralischen Bedenken.

Der gleichnamige Dokumentarfilm Hubert Saupers befaßt sich mit den Menschen Tansanias, die an den Ufern des Victoriasees leben, die an der Deformation ihrer unmittelbaren Umwelt leiden und an der Kommerzialisierung des Speisefisches zugrundegehen. Natürlich sind nicht alle betroffen, denn die großen fischverarbeitenden Unternehmen behaupten auch in Tansania, sie würden den Fortschritt auf dem Schwarzen Kontinent forcieren, denn sie böten Arbeitsplätze, schaffen gelegentlich sogar neue dieser begehrten Einrichtungen. Und während die Medien Tansanias berichten, dass eine Hungersnot im eigenen Lande bis zu zwei Millionen Menschen bedroht, liefert das Unternehmen Tausende von Tonnen Victoriabarsches nach Europa und Asien. Es ist, wie Jean Ziegler in seinem "Imperium der Schande" beschrieb, diese ewige westliche Märchenerzählung, es gäbe bei einer Hungersnot keine Lebensmittel an Ort und Stelle, die man verteilen könne. Ziegler beschreibt, wie im Norden Äthiopiens Lebensmittel vergammeln, weil sie überschüssig sind, während im Süden des Landes gehungert wird. Alleine die fehlende Infrastruktur und die nicht existierenden logistischen Mittel verhindern eine gerechte Verteilung. Vielleicht lebt es sich hierzulande mit der Autosuggestion, man könne nicht ernsthaft helfen, wenn keine Lebensmittel an Ort und Stelle seien (oder quasi direkt vor der Haustüre), leichter und weniger selbstvorwurfsvoll. In Tansania schlägt sich diese Gewißheit brutaler nieder. Da müssen zwei Millionen Menschen hungern, und obwohl Victoriabarsch in ausreichenden Mengen vorhanden wäre, gieren die Industrienationen nach diesem wertvollen Lebensmittel - ohne Rücksicht auf hungernde Einheimische. Aber ganz so schlecht sind wir ja nicht, ein wenig Generosität können wir uns schon noch leisten: Wir lassen den Einheimischen die Fischskelette zurück; und am gerösteten Fischkopf "laben" sich die Menschen rund um den See. Dem Kameramann der Dokumentarproduktion riet man, er solle den Lastwagen mit den Skeletten lieber nicht filmen, denn - man traute seinen Ohren kaum - diese seien ebenso für den menschlichen Verzehr bestimmt. Wer nachher sah, in welchem Dreck man die Fischkadaver zum Austrocknen aufhing, der wußte, wieso man davon abriet.
Hier bestätigt sich die oft angemahnte Selbstgerechtigkeit der Menschen im Westen, die glauben, indem sie einige Münzen - manchmal auch Geldscheine - für eine Hilfsorganisation abdrücken, dem Unrecht in Afrika ein wenig die Stirn geboten zu haben. Da wird sich nicht selten auf die Schulter geschlagen, sich selbst gratuliert ob der eigenen Menschlichkeit, um sich kurz danach ein schönes Filet vom Victoriabarsch zu leisten. So macht sich jeder Konsument früher oder später zum Mittäter, kann seiner Rolle auch gar nicht entfliehen - alle Alternativen sind ausgeschlossen.

Solcherlei Töne sind in Saupers Dokumentation aber nicht zu vernehmen. Still präsentiert er viele Geschichten und Einsichten, die sich an den Gestaden des Viktoriasees tummeln. Es ist ein Bild zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen zum Himmel schreiendem Unrecht und der Gier nach Lebensfreude, selbst wenn diese im Elend zu ihrem Recht kommen muß. Da begegnet man einem Geistlichen, der in seinem Dorf, welches keine 400 Einwohner beherbergt, monatlich zwischen 10 und fünfzehn Todesfälle zu betrauern hat. Darunter natürlich viele, die der Aids-Seuche erliegen. Fast makaber wirkt der Priester, als er kundtut, dass er nicht für Kondome wirbt, seinen Schäfchen keine Präservative empfiehlt, weil der sexuelle Akt eine Sünde ist und er nicht für eine Sündentat mit Ratschlägen parat stehen kann und will. Hier bestätigt sich der bekannte Vorwurf, den viele Kritiker der katholischen Kirche erheben, wonach der Vatikan mit seiner dogmatischen Borniertheit, eine Mitschuld am Tode von Millionen Afrikanern trage, die aus Treue zum Glauben Präservative verteufeln und sich damit mit HIV infizieren. Der "papale Virus" zerrüttet einen ganzen Kontinent, läßt Menschen wie Fliegen sterben und die Pharmaindustrie wehrt sich weiterhin mit Händen und Füßen, billigere Aidsmedikamente zu fertigen.

Die Lehren der Kirchen, die die Menschen teils unmündig, teils mit fadenscheiniger Argumentation in Unwissenheit belassen, werden nur noch von den falschen Heilserwartungen des Kapitalismus überboten. Allerorten spricht man dort vom "big business", von Arbeitsplätzen, die aus Tansania ein fortschrittliches Land machen sollen, von einer Anpassung an westliche Standards. Es profitieren aber nur wenige Menschen davon, allen voran natürlich die besitzenden Klassen. Die Spitze des zynischen Spiels ist spätestens dann erreicht, wenn in "Darwins Alptraum" EU-Delegierte aufmarschieren, die sich selbst zu den wunderbaren Fortschritten innerhalb des Landes gratulieren, dabei verkünden, dass man mit Tansania und seinem heißgeliebten Victoriabarsch eine stabile Partnerschaft erreicht habe. Vom Leid der kleinen Fischer, die im moribund darniederliegenden See keinen ausreichenden Fang mehr machen können, von den obdachlosen, teils verkrüppelten Kindern, die hier Legion sind, spricht man nicht. Keine Silbe wird auf jene vergeudet, die nicht nutzvoll in den Versorgungsapparat der Industrienationen integriert werden können. Und es sind ja nicht nur die europäischen Eliten, die sich hier realitätsfern äußern. Ein einheimischer Minister bekommt vorgeführt, welch trauriges Umweltszenario im Viktoriasee geboten ist, wie schlimm es um den See steht, der kaum noch Sauerstoff in sich birgt. Lapidare Antwort des Volksvertreters: Man sollte nicht nur die negativen Seiten des Sees aufzeigen, sondern ist geradezu dazu verpflichtet, die schönen Aspekte in Szene zu rücken.

Oben war von Alternativlosigkeit die Rede, in der alle westlichen Konsumenten gefangen sind, ob sie es sich nun bewußt sind oder nicht. Einer der russischen Piloten, die den Fisch nach Europa fliegen, erzählt von den Machenschaften, in die er verstrickt ist, wenngleich nur als ausgelieferter Lohnempfänger. Er erzählt, wie er eines Weihnachtens ins angolanische Kriegsgebiet Panzer ausfliegen mußte, um auf den Rückweg - einen kleinen Schlenker eingerechnet - Weintrauben aus Johannesburg nach Europa zu bringen. Als Weihnachtsgeschenk, so stellte er traurig fest, hat er den Kindern Angolas Waffen geschenkt, den russischen Kindern aber Obst. Dabei sieht man ihm an, wie ihm dieses Ausgeliefertsein - immerhin hat er eine Familie zu ernähren - zusetzt. Auch er hat - gleich dem Konsumenten in den Industrienationen - keine Wahl, keine ernstzunehmende Alternative, die ihn aus seiner Mittäterschaft entlassen könnte. Dies läßt sich steigern, fast in bloße Depression verwandeln, wenn uns schlagartig klar wird, dass selbst unterlassene Waffenlieferungen gar nicht als Segen, sondern durchaus als Intervention gegen die Belange afrikanischer Interessen verstanden werden muß. Die Armee bietet für viele junge Männer die einzige Möglichkeit, ein geregeltes Leben, ausreichend Essen und eine gesicherten Schlafstätte zu erlangen. Nebenher gibt es sogar noch Sold. Dieser Preis scheint uns im Westen hoch, für jemanden aus Afrika, der das Elend täglich vor Augen hat, ist dies - Krieg! - ein bezahlbarer Preis. Krieg sei business, erklärt ein Nachtwächter, der ein kleines Unternehmen mit vergifteten Pfeilen und einem Bogen bewacht. Ausbleibende Waffenlieferungen, so können wir schlußfolgern, würden diesen jungen Männern einen letzten Rest an Hoffnung rauben. Wieder offenbart sich jene Aussichtslosigkeit, in der sich Afrika befindet, und die dazugehörige Ausweichmöglichkeit, die man als westlicher Beobachter vergebens sucht.

Sauper hat keine Anklage gefilmt. Aber die Stille, mit der diese Dokumentation begreiflich macht, wie tragisch es um Afrika steht, klagt dennoch an. Es sind gerade die zurückhaltenden Töne, die fehlende Sensationsgier, mit denen der Regisseur begreiflich macht. Er zeigt, dokumentiert eben - weiter nichts. Resignation ist der Unterton des gesamtes Filmes. Für den Mainstream ist "Darwins Alptraum" wahrlich nicht gemacht. Je weiter man in das filmische Werk eintaucht, mit jeder vergangenen Minute, wird mehr und mehr sichtbar, dass das, was Sauper mit "Darwins Alptraum" bezeichnet, eigentlich der wohlige und süße Traum der Industrienationen ist. Der Traum von der weit entfernten Speise- und Rohstoffkammer, die ausgeplündert werden kann nach Belieben, weil es innerhalb ihrer an jeglicher gesellschaftlichen Struktur, an ökonomischer und politischer Teilhabe der Bevölkerung mangelt und dafür soziale Zerrüttetheit floriert. Wo keine Strukturen mehr sind, weil jahrhundertelang Ausbeutung betrieben wurde; wo Gesellschaften hinterlassen wurden, die sich an westlichen Werten orientieren, aber deren ökonomische Grundlagen nicht heranreichen an das Vorbild; wo "soziale Teilhabe" ein Fremdwort blieb, weil ökonomisch nie Mündigkeit erlangt wurde, da lassen sich Unternehmen aufbauen, die uns als Zubringer dienen. Den oft hohen Preis bezahlen nicht wir an den Kassen unserer Warenwelten, sondern die jeweils dortige Bevölkerung - nicht selten mit ihrem Leben. "Darwins Alptraum" ist der wohltuende Schlaf, der angenehme Traum des Westens. Schon alleine darum wollen viele innerhalb der Industrienationen nicht wissen, wie es wäre, wenn wir diesen wohltuenden Schlaf nicht mehr genießen könnten...

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