Sprachlosigkeiten

Dienstag, 8. April 2008

"In George Orwell's »1984« war »Neusprech« eines der zentralen Werkzeuge um die Massen zu kontrollieren. Eine quasi Sprachreform auf ganzer Linie. Die Sprache wurde stark vereinfacht, Worte wurden »ausgemerzt« und assoziative Bedeutungen der Worte sollten verschwinden. [...] Jede andere Bedeutung, welches ein Wort haben konnte, sollte verschwinden. Worte wie »Demokratie, Moral, Freiheit und Gerechtigkeit« gab es in »1984« nicht mehr. Sie wurden in dem Begriff »Undenk« zusammengefasst. Zudem wurden Worte in ihr Gegenteil verkehrt, z.B., »Lustlager« für Arbeitslager oder »Friedensministerium« für Kriegsministerium." - Mit dieser knappen Umschreibung orwellscher Sprach-Dystopie, wird das Projekt "Neusprech Heute" eingeleitet. Dieses Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die sprachlichen Mißstände, die sich im neoliberalen Alltag in eben dieser orwellschen Manier offenbaren, am Schopf zu packen, zu durchdenken und zu entblößen. Gerade heute, wo die Dinge nicht mehr beim Namen, d.h. nicht mehr beim treffenden, gebührenden Namen gerufen werden, muß eine analytische Kritik des Gesagten vollzogen werden. Am propagandistischen Reißbrett entworfene Termini, gezielt gestreute Euphemismen, der Aufklärung diametral entgegengesetzte Verdummungsbegriffe und auf Gleichschaltung abzielende Wortkonstrukte gilt es, weil sie das aktuelle Tagesgeschehen beeinflussen, zu durchschauen und aus dem Alltagsjargon zu verjagen.

Die gesprochene Sprache, wie sie sich uns heute darstellt, wie sie als Ausdruck wirtschaftlicher Omnipräsenz dasteht, wie sie also zu einer Sprache der Herrschenden degenerierte, weckt Erinnerung an Totalitarismen, von denen wir der Ansicht waren, sie wären längst im Sumpf der Historie verendet. Angelehnt an Victor Klemperers Tagebuchaufzeichnungen, die den Namen "Lingua Tertii Imperii" (LTI) tragen, kann man die Ähnlichkeiten diverser Instrumentalisierungen der Alltagssprache erkennen. Klemperer beschreibt die Sprache des Dritten Reiches: Untragbare Zustände wurden durch Verharmlosungen salonfähig gemacht, unliebsame Maßnahmen mittels Worte sentimentalisiert, Thesen durch ewiges Wiederholen zur Wahrheit verklärt, Zuständigkeitsbereiche fadenscheiniger Behörden und Institutionen durch Abbreviaturen vernebelt und gleichschaltende, auf Einheit von Volk und Vaterland abzielende Termini entworfen oder althergebrachte Worte neu gedeutet, verfälscht oder mittels neuer Vorsilben angereichert und im Sinn modifiziert. All das erinnert in fataler Weise an die Sprachkultur der heutigen Massengesellschaft, wie sie durch Wirtschaft und Staat vorgegeben, zumindest aber vorgeprägt wird.

Herbert Marcuse wird Jahre nach Klemperers Tagebuch schreiben, dass der Sprache der modernen Gesellschaft, der historische Bezug fehlt, womit sie zu einem eindimensionalen, operationellen Instrument der herrschenden Klassen wurde. Indem die Sprache jegliche geschichtliche Komponente ausklammert, wird sie ein Werkzeug, um das vorgegebene, aufgezwungene und abverlangte Tun ethisch schadlos zu halten und, quasi nebenbei, die historisch entwickelte Konstellation von Ausbeuter und Ausgebeuteten zu verschleiern.
In diesen beiden Kategorien dürfen wir die Sprache der neoliberalen Vereinnahmung begreifen. Einerseits als Mittel, die Menschen - zueinander und im Bezug auf die Wirtschaft - auf Linie zu bringen; sie in ein festgefügtes, terminologisch abgesichertes Umfeld zu setzen. Sie in einen eng umrissenen Kanon von gemeinschaftlich benutzten Ausdrücken zu zwängen; sie von den Mißständen abzulenken, sie stattdessen mit einer bewußt optimistischen und verklärenden Sprechweise zu beeinflußen. Andererseits als geschichtliches Narkotika, welches die historischen Kausalitäten verdeckt oder gar entwurzelt.

So gesehen erlaubt es diese Instrumentalisierung der Alltagssprache niemanden, dass es ihm ebendiese verschlägt. Verschlagen ist nur die Sprache selbst - verschlagen und arglistig, stets auf Täuschung, Verdrehung, Verdummung bedacht. Das betrifft historische Termini, wie "freie Marktwirtschaft", "Arbeitnehmer und Arbeitgeber" und "Wettbewerb" ebenso, wie jene, die im aktuellen Tagesgeschehen, also quer durch die Reformdebatte les- und hörbar sind. Wobei der Begriff "Reform" selbst schon einer Umdeutung zum Opfer gefallen ist: Weg von der Modifizierung von Systemstrukturen, um den Menschen Vereinfachung, Teilhabe und Transparenz zu bieten; hin zur eine einfachen Umstrukturierung zugunsten von Wirtschaftsinteressen. Wir sprechen mit einer Selbstverständlichkeit von "angebotsorientierter Politik", "Sozialer Gerechtigkeit", "Privatisierung", "Eigeninitiative" und "Deregulierung", ohne uns ständig bewußt zu machen, welch repressiver Charakter diesem Sprachgebrauch immanent ist. "Angebotsorientierte Politik" klingt eben nicht wie "Politik zugunsten einer Wirtschaftselite"; "Eigeninitiative" nicht, wie "friss oder stirb"; "Privatisierung" nicht wie "Ausschlachtung und Arbeitsplatzvernichtung zugunsten eines entfesselten Profits". Arbeitgeberinitiativen schmücken ihren Namen mit der "Neuen Sozialen Marktwirtschaft" und implizieren damit Gerechtigkeit, Teilhabe und Wohlstand für alle, während sie ungeniert vom Abbau des "Kündigungsschutzes" und der Aufhebung der "Zwangskassen" fabulieren. Überhaupt "Kündigungsschutz": Dass es sich lediglich um eine Erschwerung willkürlicher Kündigungsorgien handelt, bleibt natürlich unerwähnt, denn es soll ja so aussehen, als könne man einen unliebsamen "Arbeitnehmer" aufgrund dieses unumstößlichen Schutzes, nicht loswerden. Hierzulande wird außerdem "Personalabbau" betrieben, nicht entlassen und rausgeschmissen; sich vor "Arbeitsplatzabbau" gefürchtet, nicht vor "Arbeitsplatzvernichtung"; "Lohnnebenkosten gesenkt" anstatt der "Lohn gekürzt". Pfiffige Manager beitreiben "Rationalisierung", nehmen also die ratio für sich in Anspruch, weil es hoch anständig klingt, wenn jemand mit Vernunft entläßt, Löhne beschneidet, Kundenservice streicht und dergleichen mehr. Die Litanei ist erschreckenderweise beliebig erweiterbar.

Albert Camus sagte einmal, dass es das Unglück der Welt vergrößere, wenn man die Dinge falsch benenne. Und zweifellos hatte er damit recht. Denn wenn man die ausgestossenen, ausgebeuteten und gepeinigten Menschen einer Gesellschaft nicht als das bezeichnen darf, was sie wirklich darstellen, als die "Verarmten" oder als "Unterschicht", weil man glaubt damit die politische Korrektheit zu beleidigen, dann muß es diesen Menschen wirklich wie ein Unglück vorkommen. Ihre Belange werden bagatellisiert, geradezu als nicht existent eingestuft. Die berechtigte Kritik, die aus dem Lager der sogenannten Unterschicht stammt, wird als Gejammere, als Auswuchs dekadenten Wohlfahrtsdenkens verunglimpft. Wenn jemand aus der "Unterschicht" kritisiert, so könnte die Gesellschaft aufgrund der lesbaren sozialen Herkunft wegen Mitleid bekommen; übt aber eine Person aus dem "Prekariat" Kritik, so attestiert man schneller,- aufgrund der bagatellisierten Stellung des Kritikers -, man habe es mit selbstgerechten Gejammere zu tun.

Die unhistorische, gleichschaltende Funktion der Sprache innerhalb dieser Massengesellschaft, die sich auf das Fundament eines totalitären Wirtschaftsystems baut, entfremdet das Gesagte von den realen Tatsachen. Es entspricht in verblüffender Art und Weise jenem Sprachmuster, das Orwell als "Neusprech" zu bezeichnen wußte. Ansatzpunkt jeglicher Kritik sind Worte. Sind aber diese derart degeneriert, dass man damit keine einwandfreie Kritik mehr formulieren kann, so prallt die Kritik als Nullsummenspiel am kritisierten Objekt ab. Die Zu- und Mißstände sind in aller Deutlichkeit zu formulieren. Dies ist mit dem Sprachgebrauch der Herrschenden nicht umsetzbar.

3 Kommentare:

alexander 8. April 2008 um 16:26  

Dazu kommen noch irgendwelche (Schein)Anglizismen, die inhaltlich oft wenig über die Person oder den Gegenstand aussagen, den sie beschreiben sollen und noch seltener von der Mehrzahl der Menschen verstanden werden, aber ungemein modern, innovativ und kompetent klingen...

Anonym 11. April 2008 um 12:53  

Mußte beim Lesen sofort an Scientology denken, wo ja wohl stark über Neudefinition und Neuschöpfung von Wörtern indoktriniert wird.
Die Umdefinition von "sozial" ist ja nun fast flächendeckend abgeschlossen: "sozial ist, was Arbeit schafft" (Hurricans und Erdbeben eingeschlossen?)

Bernd 11. April 2008 um 13:01  

Das ist ein hervorragender Beitrag, ein hervorragendes Projekt!

Könnt Ihr mir mal sagen, wie es kommt, dass kluge und engagierte Leute oft nur allein vor sich hin arbeiten, ohne die Möglichkeit der Netzwerkbildung?

Auch hier sage ich: 'divide et impera', das funktionierte vor 2000 Jahren, das funktioniert auch heute.

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