Von der Vernunft überrumpelt

Dienstag, 18. Mai 2010

Mit Bitte haben Sie Verständnis! endet der Aushang. Verständnis, dass wir in unserer Arztpraxis keinen Handschlag mehr anwenden. Schließlich würden Infektionskrankheiten auch von Hand zu Hand übertragen. Patient!, so steht da pathetisch zu lesen, auch wenn es dort nicht lesbar ist: Patient! Sei doch vernünftig! Es ist zu deinem Wohl, zu unser aller Wohl! Für die Gesundheit muß das Begrüßungsritual über Bord gehen.

Dafür kann man doch auch auf diesen Happen Verbundenheit verzichten, den man mit dem Händeschütteln eingeht. Für das Wohlbefinden wird auch anstandslos mal auf gutes Benehmen gespieen - muß das Band zwischen Arzt und Patienten, das im gegenseitigen Reichen der Hände seine Bildlichkeit erhält, auch mal kommentarlos zurückstehen. Patient, zeig' Vernunft! Mensch, sei doch gescheit! Und natürlich ist er das, natürlich gräbt er seine Hände ins Hosentaschenfutter, nickt stattdessen zögerlich, betritt unkörperlich, unbetastet das Sprechzimmer - wer drängt schon gerne seine Hand auf, wer zwängt seine Hand schon gerne mittels brachialer Etikettensucht in die Händfläche eines anderen?

Täte er dies aber, man tippte mit vernünftigem Blick und ernstlich-aufrichtigem Mienenspiel auf den etwas stümperhaft gefertigten Aushang. Sieh' Patient! Hier weilt in Schriftzeichen gedruckt die Vernunft, hier ist zu lesen, dass unser Wohlergehen vor Anstand kommt! Wer will schon weichen, wenn es um das Überleben der Gattung geht? Wer getraut sich, die Vernunft per Sitzstreik aufzuhalten? Schweigen also. Händeringend, mit ungeschüttelten Händen betritt man den Raum, dabei schrecklich einsichtig, abscheulich reif und gelehrig aussehend, lückenlos vernünftig wirkend. Für die Gesundheit kein Handschlag!, murmelt man sich selbst zu, das ist doch nur vernünftig, weitsichtig, aufgeklärt.

Von der Vernunft überrumpelt nimmt man zur Kenntnis, nimmt man hin. Dabei vergisst man, dass es nicht das Händeschütteln als solches ist, das hier entschlummert, nicht nur dieses Ritual also, das Menschen, die miteinander zu tun haben, sinnbildlich verbindet und kurzzeitig körperlich kurzschließt: es entschläft im Namen einer offenbaren Vernunft jedwede Form von Kultur, Benehmen, Anstand und Würde. Die Vernunft effektiviert den menschlichen Alltag, zertrümmert in ihrem geheiligten Namen menschliche Traditionen und Bräuche, macht im Auftrag der Hygiene selbst die Hand des Nächsten zum unberührbaren Körperteil. Alles ganz vernünftig, alles erklärlich, alles mit hehren Motiv behaftet. Willst du an der Vernunft zweifeln, Patient? Sei doch nicht fahrlässig!

Als stürbe die Welt daran, ergriffe man weiterhin die Hand! Hysterie bemäntelt in Vernunftreden; Neurose therapiert, indem man sie neu tauft, sie mit Vernunft ruft; Überspanntheit als angemessene und vernünftige Reaktion aufgeklärter Geister. Vielleicht mag es Infektionen mindern, reicht man sich die Hände nimmer. Das kann schon stimmen - muß es aber nicht. Die Frage ist im Zeitalter der massentauglichen Vernünftelei nur: was sind wir bereit an zwischenmenschlichen Traditionen und Bräuchen aufzugeben? Muß die Nähe zum Nächsten verschwinden, damit eine sterile Gesellschaft zu ihrer sterilen Blüte, zu dieser welken Distel gedeiht?

Eine durchrationalisierte Gemeinschaft kann körperlich gesünder sein, jedenfalls hypothetisch und unter Umständen - seelisch gesünder, vereinsamend, isolierend, Komplexe speisend ist sie allerdings auch. Als die Vernunft Einzug hielt in die europäische Geistesgeschichte, hat sie den Aberglauben, repressive Vorgaben und Bigotterie demoliert. Das wurde zum Nährboden der Wissenschaft, der relativen Religionsfreiheit, der sexuellen Freizügigkeit - aber es war auch der Nährboden einer neuen, irdischen, laizistischen Religiosität, die sich die Vernunft zur transzendenten Herrin ersonnen hat. Das Allerbarmende jedoch, das Zwischenmenschliche vorvernünftiger Tage: es blieb auf der Strecke und ist innerhalb des Vernunftkultes nicht mehr zu beatmen. Menschlichkeit ist keine vernünftige Kategorie, sie ist ethisches Spezialfach und nur schwerlich der Vernunft unterzuordnen.

Bleiben die Hände in der Hosentasche kleben, gilt man als unanständig. Spricht man dabei aber von Infektionsgefahr, so wird man ob seiner Vernunft gelobt. Auf dem Credo der wissenschaftlichen Vernunft fußte die Massenvernichtung des letzten Jahrhunderts - man kann jede Sauerei begehen, man kann jedes Verbrechen rechtfertigen, wenn es nur an keinem Vernunftsgrund mangelt. Mord ohne Motiv ist niederster Instinkt - Mord mit vernünftiger Erklärung, er kann akzeptabel werden. Heute Händeschütteln und morgen Auschwitz: das ist blanker Unsinn! Aber dass es heute der verwehrte Handschlag ist, der uns als Menschen trennt, damit morgen neue Trennungs- und Entfremdungsgedanken entstehen: das ist die Bestie, mit der diese kälter werdende Gesellschaft zu ringen hat. Heute, lieber Patient, steht auf dem Aushang, reichen wir uns nicht die Hände! Aus Vernunftgründen wohlgemerkt. Und morgen ziehen wir eine Glasscheibe zwischen uns! Hadere nicht, Patient, es liegt nicht an uns, die Vernunft machts!

14 Kommentare:

klaus baum 18. Mai 2010 um 12:50  

ichn habe immer eine sprühdose mit desinfektionsmittel dabei. handeschütteln, brrr, ekelhaft. :--))

neuerdings wird auch nicht mehr die hand geschüttelt, sondern gleich die rechnung präsentiert: zuzahlung nennt ich das.

Jens Arne Männig 18. Mai 2010 um 13:06  

Da haben die Arzthelferinnen (der Herr Doktor war ja leider meist wegen dringender Angelegenheiten verhindert) so lange am neuen Qualitätsmanagement-Handbuch der Praxis gesessen. Alle Prozesse wurden optimiert und dokumentiert, alle Hygienevorschriften implementiert. Und ganz vorn im Handbuch, da steht das Leitbild der Arztpraxis. Es beginnt, sofern sich die Arzthelferinnen an die üblichen Musterhandbücher gehalten haben, mit den Worten Bei uns steht der Patient im Mittelpunkt und es wurde von allen Mitarbeitern unterschrieben. Das ist sie, die moderne Freundlichkeit 2.0, die menschliche Wertschätzung auf einer neuen Metaebene. Und da wollen Sie verantwortungsloser Mensch wirklich noch einen vollkommen anachronistischen Händedruck einfordern?

Anonym 18. Mai 2010 um 13:26  

Was könnte denn passieren beim Händeschütteln:

1. Nichts, weil Doc ein gutes Immunsystem hat.

2. Doc könnte sich mit etwas anstecken, weil er ein schlechtes Immunsystem hat.

3. Wenn 2 eintritt und Doc selber erkrankt, könnte er sich mit den Mitteln, die er den PatientInnen verschreibt selber heilen.

4. Wenn 2 eintritt und Doc selber erkrankt, könnte es passieren, dass er sich selber nicht heilen kann. Dann bräuchte man aber auch keinen Doc.

5. Wenn er nach dem Händeschütteln nur Überträger ist und seine anderen PatientInnen infiziert, die ein schlechtes Immunsystem haben (durch z. B. schadstoff- und zusatzstoffreiche Lebensmittel, medikamentiertes Trinkwasser, Plastikwasserflaschen mit löslichen Schadstoffen, Umweltverschmutzung, eigenes ungesundes Verhalten, usw.), dann könnte er sie mit seinen Mitteln heilen ... oder auch nicht.

Kathrin 18. Mai 2010 um 14:22  

@ Klaus Baum:

zu: Rechnung statt Händeschütteln:

Ich habe vor einiger Zeit meinen alten Vater wegen seines GRAUEN Stars zur Augenärztin in einer Nachbarstadt begleitet. Es war der allererste Termin bei ihr.

Kaum waren wir an der Theke dran, wurde uns nach unserer Vorstellung und unserem Hinweis, dass wir einen Termin vereinbart hatten, als erstes ein Din-A-4-Formular zum Lesen und Unterschreiben in die Hand gedrückt: Der Patient sollte sich damit einverstanden klären, die Kostenübernahme für eine Diagnose-Untersuchung 'GRÜNER Star' selber zu bezahlen - hat Vattern aber nicht getan.
Als wir dann bei der Ärztin drin waren, schüttelte sie auch nicht die Hand und begründete dies mit der Schweinegrippe. Ein entsprechender Aushang im Wartezimmer hatte dies bereits angekündigt.

Im letzten Jahr hat mein Vater bei einer Augenärztin in unserem Ort die Erfahrung gemacht, dass eine andere Diagnose-Methode schon wichtig sei, "um Schlimmeres zu verhindern. Sie wollen doch sicher auch beruhigt sein, ob da was ist, Herr XY". Diese Untersuchung kostete mal eben 150,-- Euro und solle regelmäßig wiederholt werden.

Händeschütteln würde da nur zuviel Nähe erzeugen und das Gewissen des Arztes/ hier der Ärztin belasten.

Anonym 18. Mai 2010 um 15:13  

Ich habe den Zahnarzt gewechselt, weil dieser nach Kenntnis meiner Hepatitis C Infektion (die ich mir höchstwahrscheinlich vor 30 Jahren bei einem Zahnarzt holte)eine Wurzelbehandlung ablehnte. Sein junger Assistent, bei dem ich jetzt in dessen neuer Praxis Patient bin, ging sofort unerschrocken zur Sache und hat mich sehr gut behandelt.

Er hat nämlich eingesehen, dass es angesichts der hohen Dunkelziffer ein viel größeres Risiko bedeutet, wenn er Patienten behandelt, die von ihrer Infektion (noch) gar nichts wissen. Es genügen nämlich insofern grundsätzlich die normalen Schutz- und Desinfektionsmassnahmen.

Was ich sagen wollte: Es gibt auch positive Beispiele. Arzt und Sprechstundenhilfe begrüßen mich mit Handschlag und geben mir nach Entfernung ihrer Gummihandschuhe noch einmal zum Abschied die "Flosse"!

Mediziner, die mir nicht die Hand geben, würde ich wegen ihrer Arroganz nicht mehr konsultiern.

Apparatemedizin und die Delegation vieler kleiner Untersuchungsmaßnahmen an die Sprechstundenhilfen leisten auch ihren Beitrag dazu, dass der Arzt seine Patienten gar nicht mehr berührt.

Kapiernix 18. Mai 2010 um 15:53  

Man könnte fast denken die Ärzte würden sich nie die Hände waschen und Desinfektionsmittel wäre unbezahlbar.
Und Haptophobie ist scheinbar auch ansteckend ...


MfG

Unknown 18. Mai 2010 um 16:32  

... und nicht nur Ärtze. Als ich anfing in den alten Bundesländern zu arbeiten, musste ich erst einmal lernen, dass sich auch Kollegen keine Hände schütteln, wie ich das gewöhnt war. Ich kam mir immer irgendwie unhöflich vor.

res_inutilis 18. Mai 2010 um 16:46  

Wenn das nun Schule machte?

Stellen Sie sich vor, unsere allseits beliebten Politiker blieben, die Hände tief in den Taschen vergraben, vor den TV-Kameras der Reporter stehen und tauschten nur noch ihre falschen Lächeln (Plural!) aus!
Und das mit der Begründung, sie könnten sich ja gegenseitig anstecken – mit der Schweinegrippe, versteht sich!

Würde Sie das wundern? Mich nicht!

misfit

landbewohner 18. Mai 2010 um 17:08  

ob nun ärzte wegen der schweinegrippe nicht die hand geben, zahnärzte sich wegen aids maskieren, vermieter wegen mietnomaden häuser leer stehen lassen, arbeitskollegen ihr gehalt geheimhalten, versicherungen gegen alle möglichen gefahren abschliessen und was weiß ich noch alles.....
die menschen werden von der nackten angst beherscht und vergessen darüber einfach vernünftig zu leben und sehen die WIRKLICHEN gefahren, wie z.b. die zerstörung alles menschlichen, nicht. einfach blöd!!!!!!!!!!!

D.Venabili 18. Mai 2010 um 19:40  

Hm , soviel linguistische Mühe auf ein soziokulturelles Verhalten?
Ist meine Spareinlage sicher, weil mir der Finanzberater die Hand gleich beidhändig massiert?
Gibt's da eine klitzekleine Voreingenommenheit , die die Reflexion ausschaltet um mal verbal die Sau rauszulassen?
Ich fürchte diese Gesellschaft bekommt die Ärzte (m/w) , die sie verdient!
Vielleicht ist deswegen der Begriff "Arzt" auch schon verpönt und wird durch die Unmenschenvokabel "Leistungserbringer" ersetzt.
Vae victis!

klaus baum 18. Mai 2010 um 19:46  

ich habe heute einen totengräber (Friedhofsgärtner) in der stadt getroffen. er hat immer schwitzehände. nach der lektüre deines artikel heute mittag habe ich ihm nicht die hand gegeben.

Anonym 19. Mai 2010 um 11:35  

Orwells Neusprech
Für uns wollen sie das Beste, jawoll! Oder doch eher nur für sich selber?
Wie oft wird uns Unvernünftiges als vernünftig untergejubelt und wie oft fallen wir darauf herein!

Unsere finanzdiktatorische Demokratie hat ihre ungezügelte Unvernunft beeindruckend unter Beweis gestellt.
Gelernt haben die daraus rein gar nichts.
Wo Egoismus regiert, bleibt für Gemeinsamkeit kein Platz.
Wo einzig Rendite zählt, bleibt der Mensch auf der Strecke.

Wo der Mensch auf der Strecke bleibt, bleibt keine Zukunft, keine Menschlichkeit.

landbewohner 19. Mai 2010 um 13:21  

klaus baum
der typ ist der letzte mensch, den du treffen wirst, bevor du diese schöne welt verlässt. da solltest du dich doch anders verhalten!!!

Kassandra 19. Mai 2010 um 13:56  

@ landbewohner

zu: "die menschen werden von der nackten angst beherscht und vergessen darüber einfach vernünftig zu leben und sehen die WIRKLICHEN gefahren, wie z.b. die zerstörung alles menschlichen, nicht."

Es ist die unbewusst abgewehrte Angst vor der eigenen Sterblichkeit, die nicht zugelassen, sondern verdrängt wird. Ja, dann eben nicht mehr nackt ist, sondern verkleidet (er)scheint:

Statt des (Aus)Haltens der eigenen STerblichkeit, versuchen die Menschen alles zu kontrollieren, also eben auch die eigene Sterblichkeit - und zwar an erster Stelle.
Sie machen deshalb alles messbar, vereinfachen, weichen aus, controllen, zertifizieren, stigmatisieren Minderheiten, delegieren Schicksal an Minderheiten oder andere Völker, bewundern sog. Idole, geben sich dem Herdendenken und -handeln hin, usw., um das trügerische Gefühl zu haben, über alles und speziell den Tod die Kontrolle zu haben.
Und Medizin-Ingenieure (früher Ärzte) machen es ja auch immer leichter, sich wie Gott zu fühlen.
Diese/r ist ja unverwundbar und unsterblich. Und wenn die Menschen gottgleich sind, wären sie unsterblich ... meinen sie.

Dass sie dabei zu Robotern degenerieren, merken sie gar nicht mehr, weil sie sich selber das Menschliche ausgetrieben haben.
Untote eben.

Der Preis ist hoch und kostet auch das Leben.

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