Intensive Klassengegensätze

Freitag, 2. Mai 2008

Das scheinbare Verschwundensein entgegengesetzter Partikularinteressen innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges, ist der Grundpfeiler der herrschenden Zustände. Indem die ökonomischen Verhältnisse, in die jedes Individuum verschiedentlich gebettet ist, kaschiert werden, verfestigen sich die festgefahrenen Herrschaftsstrukturen täglich mehr. Künstlich - mit materiellem Ausgleich bezahlend - suggeriert man den Menschen, dass alle innerhalb der Gesellschaft, an ein und demselben Strick ziehen, dass differente Individualbedürfnisse ein Relikt sozialistischer Klassenkämpferei sei. Verschwunden ist der Gegensatz aber keineswegs, vielmehr äußert er sich im scheinbaren Kollektivismus des kapitalistischen Lebensgefühls. Einer "unmündigen Mündigkeit" des Einzelnen, die auf dem individuellen Bauchgefühl basiert, frei das Angebot dieser Warenwelt, frei die Lebensentwürfe, frei die gesellschaftlichen Strukturen wählen zu können. Ein Bauchgefühl, welches nicht kenntlich macht, dass dieses Ausmaß an Freiheit in Ketten gelegt ist, weil es nur innerhalb vorgegebener Rahmen und Modi abrufbar ist. Dazu Herbert Marcuse:
"Die Menschen treten in dieses Stadium als langjährige Empfänger ein; der entscheidende Unterschied besteht in der Einebnung des Gegensatzes (oder Konflikts) zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen, zwischen den befriedigten und den nicht befriedigten Bedürfnissen. Hier zeigt die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede ihre ideologische Funktion. Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen."
Die vorgegaukelte Angleichung der Gesellschaftsklassen und das damit suggerierte Verschwinden, macht faßbar, warum Kundgebungen am Tag der Arbeit als sang- und klanglose Rituale abgegolten werden, obwohl soziales Dynamit an jeder Ecke dieser Gesellschaft vorhanden wäre; erklärt desweiteren, warum die "Kämpfer des Sozialen" in Schlips und Kragen erscheinen, genauso gut - meist schlecht - gekleidet, wie jene, gegen die in Bierlaune und mit markigen Stammtischsprüchen gewettert wird; erklärt auch, warum diese "Biertisch-Revoluzzer" beim Anschein eines Regenschauers das soziale Gewissen zugunsten der Trockenheit vergessen, warum sie es also für belanglos halten, ob jemand dem Palaver von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit folgt oder nicht.

Und es macht begreiflich, warum die Menschen dem Allheilmittel des sogenannten Intensivlohnes folgen, warum sie einen weiteren Schritt in scheinbare Gleichschaltung gesellschaftlichen Fortstrebens vollziehen werden. Auf einer Augenhöhe stände man dann seinem Unternehmer gegenüber, Kapitalist sei man plötzlich, hätte dasselbe Anliegen am Erfolg des Unternehmens, wie die Leiter und Besitzer desselbigen. Und nebenbei erfülle es reale Chancen, seinen sonst spärlichen Lohn aufzubessern, indem man quasi durch die eigene Arbeit an der Wertschöpfung des Unternehmens aktiv mitarbeiten und mitverdienen darf. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wie ein Mann in den globalen Wettbewerb geworfen! Diese "Aufhebung" beider Gegensätze - Arbeitgeber und Arbeitnehmer - will glaubhaft machen, dass beide Parteien für das gleiche Ziel ringen, schwitzen, arbeiten. Der Intensivlohn intensiviert die Anhänglichkeit des Angestellten zu seinem Unternehmer. Oder anders: Der Intensivlohn intensiviert die Unmündigkeit des Arbeitenden zu seinem Unterdrücker.

Denn trotz allen Jubelierens bleibt er Vorgesetzter, Anschaffer, Antreiber, Lohnzahler, gibt den Ton an. Und der Arbeitende bleibt derjenige, der seinen Schweiß, seine Zeit, seine Körperkräfte einsetzt, um weiterhin Lohnempfänger zu bleiben. Hier hat das schöne Spiel von der Gleichheit der Gegensätze ein Ende. Nicht nur hier, denn das berauschende Mittelchen, welches den Mitarbeiter zur profitgeilen Arbeitsbestie mutieren lassen wird, läßt dem angeblichen gleichwertigen Partner Nachteile in Kauf nehmen. Er wird beteiligt und seine Gelder werden im Falle einer Firmenpleite verloren sein, somit der Lohn gar nicht intensiv auf dessen Konto gutgeschrieben. Wir dürfen darauf warten, bis die ersten Unternehmen einen geringen Sockellohn einführen, den man durch Provision, d.h. Intensivlohn aufstocken kann. Auch darf man damit rechnen, dass Psychologen und Nervenärzte noch intensiver beschäftigt sein werden; noch intensiver, wie sie es dank Mobbing und anderen repressiven Maßnahmen innerhalb der Unternehmen eh schon sind. Ein gemütliches Arbeitsklima wird da herrschen, wenn jeder auf die Arbeit des anderen blickt, ihn kontrolliert, ihm nachstellt, seine Arbeitszeiten überprüft, wenn ein Kollege einen schlechten Tag hat, einen Kaffee zuviel trinkt, mit nervösem Magen zu oft auf die Toilette muß!

All das ist die sogenannte Aufhebung der Klassengegensätze, die durch Intensivlohn einen weiteren Anstrich von Realität erhalten soll. Doch die Gegensätze, die sich hier anziehen, um gemeinsam bestimmte Ziele und Vorstellungen zu verwirklichen, rumoren latent im Gefüge der Gesellschaft. Jemand der ein Unternehmen führt, kann nicht die gleichen Ziele haben, wie jemand, der einen mickrigen Lohn für eine stupide Arbeit erhält. Es sind vorgegebene, eingeimpfte Ziele, die man den unteren Klassen zum Leitbild gibt. Diese unsichtbaren Fesseln bewirken, dass sich die Menschen im Status quo gegen die Alternative organisieren, den Ist-Zustand mit seinen Ist-Normen und Ist-Werten zu einzigen aller möglichen Welten küren.

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