Mehrheit ist kein Maßstab

Samstag, 17. April 2010

Nur weil die Mehrheit es wünscht? Mehrheiten sind das Blut der Demokratie - fürwahr. Aber zur Grundlage eines militärischen Rückzugs taugt sie nicht. Darf sie nicht taugen! Die Mehrheit darf nicht allseligmachende Essenz der Demokratie sein, selbst dann nicht, wenn sich die romantische und schwärmerische Verzückung beim Lobpreisen des Majoritätsprinzips, landauf landab als unantastbare oppositionelle Haltung herauskristallisiert hat. Opposition zu sein bedeutet nicht, wie es heute viel zu oft der Fall ist, der Regierung mit dem Willen der Mehrheit in die Parade zu fahren - das ist unzulänglich, reicht nicht aus. Die vox popoli heranzuziehen ist populistisch im buchstäblichen Sinne.

Freilich sind basisdemokratische Strukturen erwünscht und auch auf Mehrheiten zu bauen ist per se nicht zu verurteilen. Doch in Tagen, da Mehrheiten vorallem deswegen Mehrheiten heißen, weil sie sich mehrheitlich manipulieren lassen, kann das Majoritätsprinzip nur mit Skepsis beäugt werden. Die Intelligenz der Masse, die von Francis Galton experimentell bewiesen schien, ist natürlich nicht ausgestorben - sie schlägt hin und wieder durch. Aber in großen Fragen der Wirtschaft oder Politik, wo objektive Berichterstattung heute nicht mehr eingeplant wird, ist die Mehrheit nurmehr eine manipulierte Grundlage demokratischen Handelns. Die Intelligenz der Masse heißt eben auch, dass Trommler, wie jener trostlose Ex-Senator aus Berlin, Applaus einsammeln, wenn sie muslimischen Mitbürgern verbal ins Gesicht spucken. Zwar waren es lediglich die Mehrheiten von BILD, Spiegel, Stern und Konsorten, die dem schnieken Herrn gratulierten und beipflichteten - aber die Tendenz einer politischen Mehrheit war zu riechen, stank himmelweit. Und die deutsche Mehrheit, die sich als Intelligenz der vernünftigen Sozialstaatswahrer wähnte, als sie manierlich die Agenda 2010 als gelungenen Einfall zur Rettung eines sozialen Gemeinwesens abnickte, ist noch immer im Gedächtnis - diese gesellschaftliche Mehrheit, die widerstandslos den Sozialabbau duldete und befürwortete, darf als fahrlässiges Bekenntnis zur manipulierten Majoritätshörigkeit empfunden werden.

Rückzug aus Afghanistan, weil die Mehrheit es fordert? Nochmals: das darf nicht ausreichen! Dass die Politik wankelmütig ist im Verhältnis zur Mehrheitslegitimation, liegt auf der Hand, gehört zum Flickzeug jener Gilde. Einmal beruft sie sich auf Mehrheiten, streicht das eigene Vorhaben populistisch aus, um zum nächstbesten Zeitpunkt zu erklären, dass man auch gegen die Mehrheit so und nicht anders entscheiden müsse - unpopuläre Entscheidung, nennt sich das dann. Wären nur alle unpopulären Entscheidungen populär!, wünscht sich die Politik klammheimlich - aber wenn Interessen durchgesetzt werden müssen, dann ist auch das Unpopuläre populär. Und auch wenn es unpopulär ist, so muß es hier doch eindeutig geschrieben werden: dieses Verhalten, nicht auf Mehrheiten Rücksicht zu nehmen, es ist grundsätzlich richtig! Mit einem Unterschied zur Politik: diese taumelt zwischen Populismus und Unpopularität hin und her, wie es gerade genehm ist. Sich der Mehrheit nicht zu beugen, muß aber eine Konstante des eigenen Denkens und Bewertens sein. Man kann sich nach Prüfung eines Sachverhalts zwar der Mehrheit anschließen, nur als Kriterium der Entscheidungsfindung ist sie reichlich ungeeignet, gar gefährlich.

Selbstverständlich ist ein Rückzug aus Afghanistan dringlich. Das heißt, es hätte erst gar keinen Einmarsch geben dürfen. Doch kann als Grundlage nicht der Mehrheitswille stehen. Wäre dies so, so wäre der Krieg legitimiert, wenn eine Mehrheit ihn wollte. Wäre dies so, wäre ein Einfall in Polen demokratisch, wenn eine Mehrheit ihn forderte. Wäre dies so, könnte eine brutale Vergewaltigung mit einer lebenslangen Rente belohnt werden, wenn sich nur eine Mehrheit dazu fände. Nein, es sind andere Kategorien anzuwenden, nüchterne ethische Kategorien nämlich, die sich im internationalen Recht verbergen. Das Völkerrecht spricht sich für Pluralität aus, ist wesentlich nicht eurozentristisch. Der Einsatz in Afghanistan aber ist von Anfang an ein Missverständnis der Kulturen, besser gesagt, ein manipuliertes, ein willentlich herbeigeführtes Missverständnis, veranlasst von einem Kulturkreis, der mit seinen Maßstäben selbstgerechte und großspurige Weltpolitik betreibt.

Schon zu Beginn des afghanischen Abenteuers: nichts als kulturelle Engsicht - die Taliban, in der Mehrzahl Paschtunen, verweigerten die Auslieferung Bin Ladens. Dass Paschtunen selbst gegenüber Mördern Gastfreundschaft zeigen müssen, dass es ein alter Brauch ist, einen Gast nie seinen Häschern auszuliefern, selbst wenn dieser Gast ein bekannter Verbrecher ist, wollte der westlichen Welt nicht in den Sinn kommen. Mit dem westlichen Normenkatalog unter dem Arm, sich über solche regionalen Gepflogenheiten hinweggesetzt, wurde aus dem einstigen Handelspartner der USA, quasi über Nacht, eine Horde tollgewordener Bestien. Man muß der Taliban Treiben freilich nicht befürworten oder loben, sollte es aber akzeptieren. Gleichwohl die Zielsetzung, die da lautete, man wolle die Demokratie ins Land bringen, gerade so, als wäre Demokratie europäischen Zuschnitts ein Exportartikel wie eine Jeans. Schon Jeans lehnen traditionelle Afghanen ab - wieso sollten sie also die Demokratie, die man ihnen diktatorisch aufbürdet, mit Freude empfangen? Demokratie, Herrschaftssysteme überhaupt, haben sich zu entwickeln, müssen aus dem Volk heraus erkämpft und kultiviert werden. Eine islamische Demokratie kann deshalb für die abendländische Variante immer wie Diktatur aussehen - andersherum gilt das gleichfalls. Genauso im Falle der unterdrückten Frauen Afghanistans: man kann Gleichberechtigung, nicht einmal erste Schritte dorthin, nicht einfach planen - die Frauen dieser Weltregion müssen sich ihre Recht erstreiten, wenn sie es denn wollen. Burka tragen afghanische Frauen immer noch - es gab sie vor den Taliban und wird sie danach geben. Am Tragen oder Ablegen eines Kleiderstücks kann muslimisches Frauenbewusstsein ohnehin nicht gemessen werden. Selbst in den edelsten Kriegsmotiven lungert der Eurozentrismus - ob nun Demokratiefreunde oder Frauenrechtlerinnen: sie alle projizieren europäische Werte in eine Weltregion, die wesentliche Aspekte der abendländischen Geistesgeschichte nicht erlebt hat, dafür andere historische Erfahrungen machte. Und sie verbergen, dass frühere Eingriffe europäischer Großmächte, die historische Entwicklung dieser Region gehemmt, untergraben oder gar ganz abgebrochen haben.

Das Völkerrecht ist sich des Umstandes bewusst, dass es nur wenige gemeinsame Werte gibt, die universell anwendbar sind. Friede und Autonomie, so verkündet es optimistisch, sei das Begehr aller Völker. Der Rest ist Schweigen - oder: der Rest ist Toleranz, gewürzt mit Ignoranz, die uns immer dann zuteil werden sollte, wenn fremde Völker uns gegenüber gänzlich fremde Verhaltensmuster an den Tag legen. Das Völkerrecht baut dabei auf Kants "Zum ewigen Frieden" und auf dessen Ethnologie, die er vollkommen wertfrei und ohne abendländischen Dünkel seinen Studenten vermittelte. Was kann ich tun?, war eine der vier kantischen Fragen, war jene Frage die Ethik betreffend - Kants Schriften sind ohne jene Fragen nicht denkbar, auch im "ewigen Frieden" fanden sie Anwendung. Kein Volk, keine Kultur kann sich anmaßen, einem anderen Volk, einer anderen Kultur die Leviten zu lesen. Man mag staunen über fremde Lebens- und Gesellschaftsentwürfe - das ja, das ist menschlich! Aber sie ändern, sich einmischen, mit Gewalt die eigene Lebensphilosophie durchsetzen - das ist unmöglich und unsittlich! Denn sich besser als andere glauben, überheblich zu sein, das ist ein ethischer Mangel. Demnach ist der Einsatz in Afghanistan ein unmoralischer Vorgang durch und durch, in vielen, in unzähligen Facetten. Der Abzug ist dringend zu fordern: jedoch nicht, weil es die Mehrheit will!

Denn besieht man es dialektisch, so könnten umschlagende Mehrheitsverhältnisse die moralische Ödnis des Afghanistaneinsatzes einfach fortfegen, den Krieg für gerechtfertigt erklären. Mehrheiten können sich aber nicht zum Richter moralisch zu bewertender Konstellationen machen und willkürlich darüber entscheiden, ob sie einen Zustand mit dem Prädikatsstempel "ethisch" oder "unethisch" versehen wollen. Ethik ist philosophische Kategorie und sofern Mehrheiten nicht philosophieren, durchdenken, selbst Erkenntnisse züchten, sondern sich von einer relativ gleichgeschalteten Presse am Nasenring herumziehen lassen, sind sie als Entscheidungsträger ohnehin hinfällig. Immer wieder in der Afghanistan-Frage auf den Mehrheitswillen zu pochen, es läßt die dortigen ethischen Mißstände ins Hintertreffen geraten. Ein populistischer Rückzug, wäre immerhin ein Rückzug - sicher. Aber es wäre ein Rückzug unter falschen Vorzeichen. Der Rückzug hat zu erfolgen, weil man unter falschen Prämissen zur Besatzungsarmee wurde, weil man eurozentrische Maßstäbe anlegt und dabei in Kauf nimmt, zur Befriedigung der europäischen und westlichen Eitelkeit, Menschen zu töten. Es gibt eindeutige und universelle Gründe für einen Abzug - was die Mehrheit will, ist allerdings vollkommen unerheblich. Denn wollte sie den Krieg: er wäre deshalb nicht richtiger.

Die Demokratie war für antike Philosophen das Eingangstor zur Diktatur. Genau aus oben genannten Gründen! Oder aus sehr ähnlichen Gründen! Damals waren die Massen vom Wissen abgeschnitten. Mühsal und karge Lebensverhältnisse erlaubten es dem Einzelnen kaum, sich hinreichend zu informieren, ihm Zeit zur Wissensbildung zu gewähren. Eine Mehrheit, die ohne Grundlagen zum maßgeblichen Entscheidungsgremium würde: es war zurecht der Graus der damaligen Intellektuellen. Natürlich blickten sie mit der Arroganz der Gelehrten herab - aber das ändert nichts an der Erkenntnis, dass die Mehrheit eine Tyrannei entstehen lassen kann, gerade dann, wenn es eine verführte Mehrheit ist. Heute stehen die Wege des Wissens offen, sind frei zugänglich, werden aber mit allen Mitteln der Interessenspolitik - Hauspolitik nannte man das im Mittelalter - belagert und verhindert. Wissen wird nicht objektiv vermittelt, sondern ideologisch angereichert, wird manipulativ beigebracht. Zudem werden ethische Normen verspottet und für unzeitgemäß erklärt, weshalb die Schau durchs Objektiv der Mutter aller Wissenschaften, nicht mehr betrieben wird. Obwohl Wissen heute frei verfügbar ist, bleibt die Mehrheit daher eine gefährliche Masse. Eine Masse, die zwar edel, hilfreich und gut mehrheitlich gegen den Krieg sein kann, die aber ebenso mehrheitlich den Türken als gleichberechtigten Mitbürger schmäht.

Basisdemokratische Strukturen sind nur sinnvoll, wenn das Meinungsmonopol der wirtschaftlichen Herrschaft schwindet. Aber selbst dann wäre ein Truppenabzug nicht aufgrund von Mehrheitsverhältnissen zu rechtfertigen - auch dann entscheiden andere, hehre, immer gültige Faktoren, die Kant schon kannte und nach uns, so darf man hoffen - fast auch eine kantische Frage! -, auch noch gekannt werden. Denn auch dann gilt noch: nur weil die Mehrheit unüberhörbar plärrt, muß sie noch lange nicht recht haben.

20 Kommentare:

Anonym 17. April 2010 um 09:14  

Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.

Friedrich Schiller

Inglorious Basterd 17. April 2010 um 09:16  

Ich kann jede Zeile nur fett unterstreichen. Wieder mal eine satte, philosophische Punktlandung.

Der Versuch, Frauenrechte in Afghanistan zu implementieren muss scheitern, weil er eine paternalistische Politik darstellt, die bereit in anderen Krisenregionen erfolglos blieb.

Ich möchte mir auch nicht vorstellen, was bei einer Volksabstimmung über die Frage , ob für Kinder"schänder" wieder die Todesstrafe eingeführt werden soll, herauskommen würde. BILD würde schon für das "richtige" Ergebnis sorgen.

Mein Lieblingskommentar zu diesem Thema: Demokratie ist, wenn 9 Wölfe und ein Lamm darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt.

maguscarolus 17. April 2010 um 10:24  

Man modifiziere "Mehrheit" zu "Mehrheit des Geldes". Dann stimmt's wieder.

Anonym 17. April 2010 um 11:23  

Diesem politisch-philosophisch-ethisch sehr tief schürfenden Artilel gibt es wohl kaum noch viel hinzuzufügen.
Daher an dieser Stelle nur eine kleine Anmerkung: Mehrheiten sind - gerade weil sie sehr häufig eher auf Meinungen und aktuellen Gefühlen als auf umfänglichen obkektiven Wissen beruhen - immer auch sehr schwankende Angelegenheiten, "heut so und morgen so".
Sie sind daher auch im erheblichen Umfang manipulierbar.

mfg Bakunin

Mister Moto 17. April 2010 um 12:13  

Nur eine Frage:

Wenn also die Mehrheit zu unwissend und manipulierbar (und tatsächlich manipuliert) ist, um moralisch vertretbare Entscheidungen treffen zu können, wer entscheidet dann, was ethisch und unethisch, vertretbar und unvertretbar, wahr und falsch ist, wo doch Entscheidungen vielfach ethisch ambivalent sind ? Du, die "Philosophen" (wie es Platon vorschlägt), die Partei, der Führer, oder wer ?

Roberto J. De Lapuente 17. April 2010 um 13:22  

"Du, die "Philosophen" (wie es Platon vorschlägt), die Partei, der Führer, oder wer ?"

Es klingt im Text nur kurz an: es braucht einen Fall des Meinungsmonopols und damit eine gesellschaftliche Bewußtseinsänderung. Das ist nur der erste Schritt. Desweiteren sind Verwaltungseinheiten mit Millionen von Menschen, per se nie demokratisch. Es braucht also dann wirkliche basisdemokratische Zustände, die überschaubar bleiben müssen.

Anonym 17. April 2010 um 15:37  

Wow, das erste Mal bin ich von einem Deiner Texte enttäuscht. Besonders schlecht: "Wäre dies so, könnte eine brutale Vergewaltigung mit einer lebenslangen Rente belohnt werden, wenn sich nur eine Mehrheit dazu fände." Was würde der vielzitierte Kant wohl dazu sagen? Ach ja, die KZs und Gulags wurden mittels demokratischer Mehrheiten unter Begleitung von Stürmer und Prawda errichtet.

Gruß
Harry Haller

Mister Moto 17. April 2010 um 15:37  

Ich fürchte, ich verstehe Deine Antwort nicht.

Für meine Begriffe sind Meinungsmonopole Kennzeichen moderner totalitärer Diktaturen wie Stalinismus oder Nazismus, die jede Meinung außer der "offiziellen" gewaltsam unterdrücken, also gerade das Gegenteil von Basisdemokratie, die - nach meinem Verständnis zumindest - auf der freien Diskussion aller Bürger, also "Millionen von Menschen" beruhen.

Du forderst Basisdemokratie, sagst aber gleichzeitig, dass "Verwaltungseinheiten" von Millionen Menschen niemals demokratisch sein können.

Wie soll außerdem eine Basisdemokratie, also die gleichberechtigte Beteiligung aller, jemals "überschaubar" bleiben, ohne dass es Kommunikations- (Massen-) medien gibt, die wieder in Gefahr wären, als Mittel der Meinungsmanipulation zu dienen ?

Für meine Begriffe ist Deine Antwort in verschiedener Hinsicht in sich widersprüchlich und deshalb für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Sorry ...

Roberto J. De Lapuente 17. April 2010 um 16:23  

KZ wurden nicht von einer demokratischen Mehrheit errichtet - sie wurden von einer breiten Mehrheit toleriert und gutgeheißen. Es schade ja keinem, hieß es unisono, mal umerzogen zu werden, damit aus ihm ein besserer Bürger wird. Der vielzitierte Kant, könnte nur unterstreichen, dass Mehrheit alleine keine Komponente ist, mit der man "Was kann ich tun?" beantworten könnte.

Es ist mitnichten widersprüchlich bzw. sicherlich birgt es Widersprüche, die man aber dialektisch zusammenfassen muß. Basisdemokratie wäre sinnvoll, nicht aber in einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche und politische Entscheidungsfindung von Presseherolden flankiert wird, d.h. wo objektive Nachrichten und Informationen gar nicht mehr bestehen. Am Beispiel Hartz IV ließ sich das nachzeichnen, ebenso am Eintritt Irlands in den Lissabon-Vertrag. Wenn das Trommelfeuer der Medien nur üppig genug ist, nimmt die Masse deren Thesen auf, gleich ob sie vernünftig sind oder nicht.

Und ja, Massengesellschaften sind undemokratisch - das wäre dann aber das Abgleiten in den Anarchismus, der uns lehren würde, dass direkte Demokratie immer im Kleinen stattfindet.

Mir ist aber klar, dass hier in eine empfindliche Stelle gestochen wird. Das ist, ich schrieb es, unpopulär. Aber die Lehre, dass Mehrheiten keinen Anspruch auf Wahrheit oder auf Umsetzung ihrer Überzahl haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer dem nicht so: Was schreibe ich hier? Was ärgern sich die Besucher dieser oder ähnlicher Seiten über die Machthaber, die satte Mehrheiten hinter sich wissen? Dann laßt uns schweigen und uns der Mehrheit beugen...

Roberto J. De Lapuente 17. April 2010 um 16:35  

Noch ein Nachtrag, nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Ich halte es tatsächlich mit Churchill: "Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform, ausgenommen all diese anderen, die man von Zeit zu Zeit ausprobiert hat."

Anonym 17. April 2010 um 17:43  

Sehr guter Text, würde nur anmerken wollen, das ein Bildungssystem wie in Skandinavien auch eine gute Maßnahme gegen Meinungsmanipulation sein kann.

Grüße Bobson

Anonym 17. April 2010 um 23:44  

"KZ wurden nicht von einer demokratischen Mehrheit errichtet - sie wurden von einer breiten Mehrheit toleriert und gutgeheißen. Es schade ja keinem, hieß es unisono, mal umerzogen zu werden, damit aus ihm ein besserer Bürger wird."
Woran das wohl lag? Weil die Gegenstimmen tot, im KZ oder im Ausland waren? Es keine Meinungsfreiheit gab? Einfach "Mehrheiten" mit "Demokratie" gleichzusetzen ist falsch. Es braucht wenigstens Meinungsfreiheit, sonst ist es keine Demokratie.
"Am Beispiel Hartz IV ließ sich das nachzeichnen, ebenso am Eintritt Irlands in den Lissabon-Vertrag. Wenn das Trommelfeuer der Medien nur üppig genug ist, nimmt die Masse deren Thesen auf, gleich ob sie vernünftig sind oder nicht."
Zu Irland und dem Lissabon-Vertrag kann ich wenig sagen. Aber Hartz IV zeigt (zumindest aktuell in Ansätzen) doch wie Demokratie funktioniert: Ein zentrales Merkmal ist die Reversibilität. Gesetze können zurückgenommen werden. Die Demokratie "schützt" nicht automatisch vor Fehlern, Irrtümern und Lügen, nur sie können korrigiert werden (Tote werden dadurch natürlich nicht wieder lebendig). Bei Hartz IV sind doch dafür schon Ansätze (wenn man ein wenig optimistisch ist) erkennbar, s. die Gründung/Erfolge der Linkspartei. Warum haben Diktaturen eine gleichgeschaltete Presse und Zensur? Weil eine allgemeine Meinungsfreiheit mit die größte Gefahr. Ich stimme dabei mit Dir völlig überein, was die Presselandschaft in D angeht... Obwohl ich z.B. bei der SZ eine gewisse Besserung (mit Ausnahme von Beise) mir einbilde.
"Und ja, Massengesellschaften sind undemokratisch - das wäre dann aber das Abgleiten in den Anarchismus, der uns lehren würde, dass direkte Demokratie immer im Kleinen stattfindet."
Was die undemokratische Massengesellschaft angeht, würde Dir jeder (alte) CDU-Mann/Frau sagen: Deswegen gilt das Subsidiaritätsprinzip in D und EU.
"Mir ist aber klar, dass hier in eine empfindliche Stelle gestochen wird. Das ist, ich schrieb es, unpopulär. Aber die Lehre, dass Mehrheiten keinen Anspruch auf Wahrheit oder auf Umsetzung ihrer Überzahl haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer dem nicht so: Was schreibe ich hier? Was ärgern sich die Besucher dieser oder ähnlicher Seiten über die Machthaber, die satte Mehrheiten hinter sich wissen? Dann laßt uns schweigen und uns der Mehrheit beugen..."
Was mich ärgert ist die überall zu findende Beleidigung von Mehrheiten ( z.B. Rente für Vergewaltigung) in einer Demokratie. Ja, es gibt keine letzte Wahrheit (wunderbar beispielhaft: Eurozentrismus und universelle Werte) und einzig die Demokratie vermag Fehler tatsächlich aus sich heraus zu korrigieren.

Grüße
Harry Haller

simpel 18. April 2010 um 02:49  

grandios - gleich ausdrücken ;)

Anonym 18. April 2010 um 07:48  

@Mister Moto

der Vergleich des Stalinismus mit dem Nazismus dürfte auch unzulässig sein. Dem Nazismus liegt eine (chiliastische) Ideologie zugrunde, derzufolge durch den Genozid an den Juden ein Reich der Liebe (1000jähriges Reich) als Erlösung entstehen soll.

Dem Kommunismus ist ein Genozid fremd. Stalin hat auch keinen Genozid begangen, wohl aber entartete die kommunistische Idee, die Menschen vom Joch der Lohnsklaverei zu befreien.

An der Grundidee des Kommunismus, die Menschen von ihrem Joch der Lohnarbeit zu befreien und ihnen die Möglichkeit zur Muße und Bildung zu geben kann man jedoch festhalten.

Gruß
Bernd

Mister Moto 18. April 2010 um 08:56  

@ Bernd [Anonym]

Mir ging es nicht um eine generelle Gleichsetzung von Stalinismus und Nazismus; die ideologischen Unerschiede sind tatsächlich erheblich.

Es ging mir um die Vergleichbarkeit beider Systeme im Hinblick auf die "Meinungsmonopole", also die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, freien Information und freien Presse. Und dass das eine wie das andere System all dies massiv unterdrückt haben kann man wohl nicht ernsthaft bestreiten ...

Mister Moto 18. April 2010 um 09:56  

@ Roberto

Ich denke, ich verstehe langsam, was Du sagen willst.

Wer könnte bestreiten, dass es Meinungsmanipulation gibt und viele Leute tatsächlich darauf hereinfallen. Mein Punkt war nicht, dass die Meinung der Mehrheit immer die Beste sein muss (das ist sie nicht), sondern dass Irrtümer der Mehrheit nur durch die Veränderung der Mehrheiten korrigiert werden können, nicht dadurch, dass man die Mehrheit (da aktuell korrumpiert/desinformiert) für irrelevant erklärt - um sie womöglich durch die Meinung Einzelner zu ersetzen, die es Kraft ihrer überlegenen Weisheit besser wissen als alle anderen.

(Leider) ist das Letztere alles andere als "unpopulär". Es ist im Gegenteil höchst populär bei allen Ideologen, Fanatikersn uns Spinnern, die glauben, die höhere Moral, Gott, die Geschichte oder sonstwen auf ihrer Seite zu haben, aber wissen, dass sie in einer freien Diskussion keine Chance hätten. Also warum nicht der WAHRHEIT auf anderem Wege zum Sieg verhelfen ? Es ist doch für eine gute Sache ...

Es liegt mir fern, Dir desartige Absichten unterstellen zu wollen, aber der Artikel war in dieser Hinsicht zumindest sehr mißverständlich formuliert. Und wer in dieser Weise mit totalitären und antidemokratischen Gedankengängen kokettiert, sollte doppelt genau formulieren, um nicht mißverstanden zu werden.

Roberto J. De Lapuente 18. April 2010 um 10:15  

"Es liegt mir fern, Dir desartige Absichten unterstellen zu wollen, aber der Artikel war in dieser Hinsicht zumindest sehr mißverständlich formuliert."

Jein, ich denke schon, dass, sofern man jeden Nebensatz als Gesagtes wahrnimmt, eigentlich begreiflich werden sollte, woraufhin es hinaufläuft. Ich schrieb ja auch: "Man kann sich nach Prüfung eines Sachverhalts zwar der Mehrheit anschließen, nur als Kriterium der Entscheidungsfindung ist sie reichlich ungeeignet, gar gefährlich."

Und man sehe es noch anders: Ich schließe mich der Mehrheit, die den Abzug will, ja an. Nur reicht es mir nicht als Grund, "mit einer Mehrheit zu sein" - es müssen handfeste Gründe her, ethische in diesem Fall, weil Krieg immer der Notstand der Ethik ist.

Anonym 18. April 2010 um 17:26  

Das Meinungsmonopol muss beim Individuum liegen, sofern der Mensch schon ein Individuum ist, also etwas Ungeteiltes, Ganzes. Und das geht nur, wenn sich der Mensch entfaltet, erkennt und die Verantwortung selbst übernimmt.

Bis dahin wird es wohl bei Vertreterdemokratien oder gleich bei Diktaturen bleiben. Die "Regierungen" entsprechen leider der sogenannten Mehrheit...

flavo 19. April 2010 um 16:06  

Die Basisdemokratie braucht Überschaubarkeit, Zeit und Mühe. Vor allem aber Mühe, sich gegen den in Herrschaftsgesellschaften natürlichen Nisus der Angst vor der Selbstäußerung (entweder als stummes nicht Mitmachen oder laute Führungsambitionen) und zum Mut zur selbstgestalteten Gegenwartszufriedenheit. In Herrschaftsgesellschaften wird immer zu eine Karotte erzeugt, die den Menschen vor ihrer Nase herunter hängt und der sie nachstreben, immerzu in die Vorneigung in die Zukunft gehalten, deren Inhalte unablässig Wunscherfüllungsaufschub abzwingen. Völlige Entwertung des Sich-im-eigenen-handeln-in-der-Gegenwart-finden. Es wird schon noch! Dieses oder jenes Programm wird es richten. Nicht jetzt, irgendwann, die Revolution, das Wachstum, die Nachhaltigkeit. Das ist ein Basisakt unseres europäischen Daseins. Die Körper zwingen ihn uns zum Vollzug auf. Und er ist selbstverständlich und so selbstverständlich, dass die Rückwendung auf ihn in die Angst führt. Deshalb tut man es nicht und folgt dem Impuls der Weltwurzeln, die Gegenwart für die versprochene Zukunft zu ertragen. Entfremdet von der Gegenwart, leben wir auf der Seite der Zukunft. Alles Anthropologisch und normal. Der Mensch ist dies und das. Die Gesellschaft muss ein globales System sein. Ich als Aktor im globalen System. Basisdemokratie, die Demokratie der Basis, nicht jene der Oberen, der Unteren, Sumpf der Mühe, der Langsamkeit und das Nichtvorankommens. Der Glanz der Oberendemokratie, globales Technotop, Schikkeria und expansive Ausbeutung, Führungsgefälligkeiten zum Angebot für die umherirrenden Menschenpunkte, Strukturierung ihrer Biomasse, Inversion ihrer Gegenwart in die Karotte vor der Nase.

philgeland 21. April 2010 um 00:58  

Ob Mehrheiten das Blut der Demokratie sind, hängt davon ab, was eben diese unter Demokratie verstehen.

Es klingt so altklug, so sarkastisch, wurde schon so oft zitiert, ist aber dennoch so was von richtig:

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.

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