Sekundäre Geschlechtsmerkmale

Montag, 8. Juni 2009

In schöner Regelmäßigkeit ereifert man sich über die primären Geschlechtsmerkmale des europäischen Rechtsextremismus. Man wendet sich voller Abscheu von den schlaff herabhängenden Schamlippen beschämender Fremdenfeindlichkeit ab; rümpft die Nase, wenn der recht unorthodox gewinkelte Phallus des Autoritarismus hervorlugt; erschaudert beim olfaktorischen Gewahrwerden feucht-dampfenden Scheidendunstes muffeligen Antisemitismus’; schimpft hemmungslos über die blutpumpende Arbeitsweise des Schwell- und Volkskörpers; wendet sich voller Abneigung vom ungleich gefüllten Hodensack selbstgefälligen Ungleichdenkens ab. Kurz, alles was auf dem ersten Blick kenntlich macht, dass es sich um Rechtsextremismus handelt, wird als primäres Geschlechtsmerkmal des Phänomens herangezogen, um selbiges sichtbar und damit verächtlich zu machen.

Nun, da der Niederlanden Rechtsextremismus ins EU-Parlament einzog, wird naiv nachgefragt – wie kürzlich bei der täglichen Frage in der taz -, ob die Politiker der etablierten Parteien überhaupt wahrnehmen, dass es eine rechtsextremistische Gefahr gibt, die wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen schwebt. Natürlich verweist man in diesem Kontext auch auf die deutschen Auswüchse faschistischen Denkens, auf die schwächelnde und im Sterben begriffene NPD, auf die DVU und die Republikaner. Vorsicht vor den braunen Ratten! Mit dieser Verwarnung rechtfertigte man auch gerichtlich wieder einkassierte Versammlungsverbote – weil das Kackbraune droht, weil die Rotten schon mobilgemacht haben, sollten die Möglichkeiten sich zu versammeln und zu demonstrieren eingeschränkt oder gleich ganz aufgehoben werden. Das Rechtsextreme stellt für das, was wir die etablierten Parteien nennen, einen gigantischen Wert dar; das Rechtsextreme ist der nützliche Idiot der Etablierten.

Bereits daran läßt sich ablesen, was man gegeneinander abwägt: Rechtsextremismus mit Etablierung! Anders: Eine politische Position, wie außenseiterhaft auch immer, mit einem Status, frei von politischer Kategorisierung; Politische Position wird nicht mit politischer Position verglichen. Was das Etablierte letztlich ist, welchen politischen Wert ihm innewohnt, wird bei einem solchen Vergleich gar nicht erst thematisiert. Warum auch: denn letzten Endes bedeutete dies, man müßte sich mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen des Faschistischen, dessen was wir heute so vereinfachend Rechtsextremismus nennen, auseinandersetzen. Sekundäre Geschlechtsmerkmale, die nicht immer schon am Korpus des Faschistischen waren, die erst im Laufe der Entwicklung entstanden, die quasi den Brüsten oder der Körperbehaarung gleichkommen, die nicht nur ausdrücken, dass es sich um das Kind des Faschismus handelt, sondern auch die Geschlechtsreife des Erwachsengewordenen messbar machen.

Das etablierte Parteientum, jedenfalls der größte Teil davon, weist diese Geschlechtsreife auf, ist nicht mehr nur faschistoides Kindlein, welches am Penis oder an der Vulva von Geburt an identifizierbar war. Dies wird an der wärmespendenden Körperbehaarung heimeliger Terroristengesetze deutlich, in deren weichen Pelz jedes Individuum potenziell terroristisch, aber auch durch den Staat vor terroristischen Anschlägen abgesichert sein soll; ebenso ist dies an den prallen und feisten Vorhöfen getriezter und ausgebeuteter Brustwarzen sichtbar, ausgebeutet wie jene Völker, die auf Gedeih und Verderb dem Freihandel ausgeliefert werden, weil unser Europa sie an Brustwarzenringen durch die Welt schleift, weil das Europa der etablierten Sekundärmerkmale einen sachlich fundierten Rassismus an jenen Ländern auslebt, die qua ihrer schwachen Wirtschaft auf Schutzzölle angewiesen sind. Gleichfalls der Abfall von jeder menschlichen Sozialpolitik, diese moralische und alles ausschwemmende Regelblutung neoliberaler Misanthropie, durch die der Mensch unter Druck gesetzt wird, weil er sonst angeblich nicht aktiv wird, faul herumsitzt, sich alimentieren läßt, zu wertlosem Menschenmaterial verkommt – hier wird das Nützlichkeitsdenken, das „Du bist nichts, Dein Volk ist alles!“ oder besser „..., der Profit ist alles! Dein Arbeitgeber ist alles! Die Wirtschaft ist alles!“ zur Geschlechtsreife geführt; hier wird aus dem faschistoiden Bübchen ein harter faschistischer Kerl, aus dem plumpen Volkskörpergebrabbel sektiererischer Peinlichkeit, eine handfeste Ideologie. Eine Ideologie, die seit Jahrzehnten als Mutterbrust – eben auch ein sekundäres Merkmal! - einiger Generationen diente, an der man sich an Menschenverachtung und Leistungsdenken sattstillen konnte. Der flexible, mobile, arbeitsame Mensch, diese Kreatur des herrschenden Zeitgeistes, im Einsatz für die Gesellschaft, mit Grundrechten ausgestattet, sofern er seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann, gesund und elanvoll, kurz, dieser zum Sinnbild gewordene Übermensch Nietzsches, ausgestattet mit starken Schultern – sekundäres Geschlechtsmerkmal! – ist zum Synonym einer faschistisch-wirtschaftlichen Lehre geworden, einer Lehre, die alle gesellschaftlichen Anstrengungen dahingehend bündelt (fasci = Bündel), die Menschen der Wirtschaft unterzuordnen. Du bist nichts, die Wirtschaft alles!

Das Etablierte mit dem Rechtsextremen zu messen, ist in etwa so, als würde man einen ausgewachsenen Hengst mit einem kühnen Fohlen in Relation setzen wollen. Trotz aller Antipathie gegenüber denen, die sich im Rechtsextremismus primärer Merkmale suhlen, bleibt ihr Tun immer noch eine europäische Randerscheinung, die nur gelegentlich parlamentarische Einzüge feiert. Man taumelt wie ein junges Fohlen, plump und einzig mit jenem Mut ausgestattet, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, durch die Welt. Der Hengst aber, der etablierte Parteienschimmel, hat sich reale Grundlagen geschaffen, ist der Handlanger der wahren, der wirtschaftlichen Machtfaktoren. Nun lenkt man aber stets den Blick auf das Fohlen, kühlt dessen Mütchen mit der öffentlichen Lächerlichmachung und Ächtung, während man als potenter, geschlechtsreifer Hengst ausreichend Mut besitzt, einem Weltbild neuen Faschismus’ zu frönen und es in den Köpfen der Menschen zu installieren. Das Etablierte muß keine Angst haben, für die Gutheißung von Konzentrationslagern oder die Reduzierung des Individuums zum wirtschaftlichen Produktionsfaktor zur Rechenschaft gezogen zu werden, solange die Trottel in ihrer braunen Suppe vor sich hin dampfen und Konzentrationslager als Auschwitz-Lüge abtun, oder vom Willen jedes einzelnen Volksgenossen fabulieren.

Gäbe es die rudimentären Strukturen des Rechtsextremen nicht, würden sich die Gegner des Rechtsextremismus nicht dauernd die Hörner an dieser Sekte blutig stoßen, wäre der etablierte Faschismus in seinen Grundfesten bedroht. Aber so marschiert die Antifa gegen die seltene Gattung der ordinären Dumpfen, während jene zahlenreiche Gattung der vernunftheuchelnden Dumpfen weiterspalten und –zerstören kann, wie sie es seit Jahrzehnten tut.

11 Kommentare:

Anonym 8. Juni 2009 um 17:56  

Die Staatsanwaltschaft in Aachen beschäftigt sich mit einem Blog, weil ein Kommentarschreiber das berühmte Adorno-Zitat:"Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der ... in der Maske des...."; Vorsicht bloß nicht mehr, das ist nämlich Volksverhetzung. Die braunen Horden SIND gefährlich aber wenn sich in Städten und Gemeinden Menschen aller Politik- und Interessen-Richtungen gegen Rechts zusammentun und für eine "bunte Demokratie" demonstrieren, denn erkennt man die wirklich GEFÄHRLICHEN noch lange nicht, die, die da von Arbeitslosen als "Totes Humankapital" reden, sämtliche "Hartz4-Betrüger" mal observieren (und wenns Proteste hagelt) mal nicht so observieren wollen, weil JEDER Hartz4-Bezieher ist ja nicht Opfer, sonder Betrüger, faul in der sozialen Hängematte rumlungernder, schwarzarbeitender Sozialschmarotzer, Parasit im gesunden demokratischen Körper. Wenn die Menschen in diesem Land nur ein wenig auf solche Dinge hören würden, würden sie auch erkennen, wie sich das mit dem Adorno-Zitat verhält...

Viele Grüße von Robert Reich

antiferengi 8. Juni 2009 um 18:02  

Wow, harte Nacht gehabt hmmm?
Ich tu mich noch ein wenig schwer damit Antisemitismus als bewusste Manipulationsmethode wahrzunehmen, obwohl es zugegebenermaßen ins Bild passen würde. Ich meine ich komme aus der Ecke Bergisches land. Solingen ist meine Heimatstadt. ( Wuppertal, - Hoffmans Wehrsportgruppe, Bruderschaft der nationalsozialistischen Professoren und so. ) Aber auch das ist jetzt Jahrzehnte her. Es fällt mir aber wirklich schwer zu trennen. Rein werbepsychologisch wäre die Vorgehensweise mehr als logisch, leider sind die PublicRelation Leute von Regierungsseite nicht die Creme de la Creme, - aber die der Industrie schon.
Ich halte einfach die Augen auf und warte ab ob was dran ist. Mit dem etablierten Faschismus selber habe ich aber diese Trübung nicht.

Roberto J. De Lapuente 8. Juni 2009 um 18:05  

Meinst Du mich damit? Eine harte Nacht? Wie meinst Du denn das? :)

beobachter 8. Juni 2009 um 18:42  

ich seh die sache auch so wie adorno - und recht hat er, wenn man allein das vokabular unserer "aufrechten" demokraten näher unter die lupe nimmt. was micht verblüfft bis verärgert ist, wenn sich wirklich engagierte menschen von den "anständigen" zu gemeinsamen aktionen gegen die "rechten" instrumentalisieren lassen. das ist so wie münte in der ersten reihe bei der mai demo in berlin hoch 3.

Frank F. 8. Juni 2009 um 21:23  

Sagenhaft guter Text! Einer den man sich ruhig dreimal am Stück durchlesen sollte. Dreimal - weil er beim dritten Mal sein ganzes Bouquet entfaltet.

Hier kann man den Kaiser nicht nur völlig nackt sehen, man kann ihn förmlich riechen. Aber vorsicht! Er riecht übel. Er stinkt. Er stinkt erbärmlich, dieser Kaiser.

Anonym 8. Juni 2009 um 21:50  

recht hat er,
unser roberto mit seinem hinweis das der plakativ betrachtete stinkende braune gröhlende haufen am strassenrand, der sich grade eben noch aufrecht halten kann, seine flasche bier verschwitzt festzuhalten versucht wie auch die wenigen verbliebenen hirnzellen, viele leute abzulenken weiss, bewusst oder unbewusst ...

zwar mag ich hinzufügen, das mit denjenigen die sich zu solchen hundehaufen ansammeln nicht zu spassen ist, wie auch die politisch-motivierte-straftaten statistik belegt, doch einmal mehr sind die bewussten nutznießer dieser kranken faschisten u.a. diejenigen, die behaupten: rechts von der cdu/csu darf es nicht geben ...



schauen wir uns doch mal die gesetzgebung und meinungsviefalt der etablierten parteien der letzten 8 jahren an ...
da hätten wir so tolle schmankerl wie:
- unterbringung von asylanten in "auffanglagern" innerhalb deutschlands, oder auf lampedusa wenn sie nicht weitreichende kontakte haben ...
- deren verunglimpfung, obwohl die meisten entweder politisch verfolgte, flüchtlinge vor kriegen sind, oder sich in ihrer heimat nicht ihren lebensunterhalt verdienen können, wofür es viele gründe gibt, die meist bei den industrieländern zu finden sind ...
- die reduzierung eines menschen auf seine arbeitskraft, wobei meist ausgeblendet wird, das erstens der mensch nicht nur zum arbeiten da ist, und zweitens arbeit für alle, bzw vollbeschäftigung dank industrialisierung nicht mehr möglich oder zum glück nicht mehr nötig ist ...
- wir haben politiker, die offen gegen das grundgesetz verstossen, sogar anregen es notfalls aufzuheben insofern sie nicht ihren willen durchsetzen können ...
- wir haben einen ungebrochenen sozialdarwinismus, der sich fast durch alle regierungsorganisationen durchzieht, da diese meinung für manche riesige profite bedeutet, da "das unwürdige keine unterstützung verdient" ...
- wir haben einen innenminister der einst von der abschaffung der unschuldsvermutung schwadronierte, und dabei, kullerte doch wirklich eine träne über seine wange ...
- diskriminierung von schwulen, von geistig behinderten, von intelektuellen, von künstlern, von linken, von andersdenkenden wird nicht nur von der braunen suppe propagiert und durchgesetzt, sondern vor allem von unseren sogenannten volksparteien, nur mit dem unterschied, das die das etwas stiller machen, bessere pr-berater haben, und vor allem einen besseren friseur ...

doch was nützt es, wenn jemand einerseits zu einem kz kutschiert wird und sein mitgefühl mit den vielen tausenden getöteten menschen äussert, andererseits hilfloseren menschen günstige juristische beratung verweigert, hetzt und bedroht, diffamiert und auslacht ...



ich empfehle immer wieder einen blick auf die diskussionen im bundestag zu werfen ...
die sind nicht besonders gut ausgeleuchtet, die haare sitzen mal ein wenig fettig ab, und man findet auch mal schweissflecken wo man sie nicht sehen mag, aber dafür bekommt man auch die ungeschminkte wahrheit dieses heuchlerischen kindergartens mit ...

lg,
e

Anonym 9. Juni 2009 um 13:26  

Kleine Biologie-Nachhilfe: Unter PRIMÄREN Geschlechtsorganen versteht man ausschließlich diejenigen, die mittels Hormonausschüttung für die Ausbildung von SEKUNDÄREN Geschlechtsorganen sorgen. Primäre GO sind bei Männern ausschließlich die Hoden, bei Frauen ausschließlich die Eierstöcke. Die hier aufgezählten GO, Penis, Schamlippen etc., gehören damit zu den SEKUNDÄREN GO.

Viele Grüße

Zweckoptimist

Anonym 9. Juni 2009 um 16:52  

Eine kleine Kritik ist erlaubt?

Reizvoll geschrieben ist dieser Artikel allemal.
Doch manchmal sind Ihre Texte zu sehr auf einen literarischen Anspruch gepeitschte Schriften, denen dadurch sicher nicht der brisante Inhalt flöten geht. Das Gegenteil ist zumeist der Fall. Wohl aber verliert sich manchmal die Lesbarkeit.

Gelegentlich wäre bei der Beleuchtung wichtiger Kernfragen einfach weniger pompöses Schrifttum mehr, weil es den Vorhang auf den Inhalt schneller freigibt.
Obleich daraus dann leichtere Medien Kost würde, die schneller verkonsumiert wäre und somit möglicherweise oder gerade wegen leichterer Lesbarkeit an den nötigen Gehirnwindungen auch vorbeigehen kann.

Eventuell stört sich meine kleine Kritik auch ein wenig an den schambelastenden Begrifflichkeiten oder möglicherweise an meiner eigenen Leseermüdung? Möglich ist beides.

Es ist jedoch nicht der erste Artikel Ihrer kraftvollen aber auch manchmal nörglerisch wirkenden Eloquenz, der keinesfalls inhaltlich aber doch wegen seines speziellen Stils nicht so leicht lesbar ist.

Ich hoffe ich kann damit einen konstruktiven Beitrag leisten. Mißverstehen Sie mich bitte nicht als eloquenten Nörgler :-)

Roberto J. De Lapuente 9. Juni 2009 um 16:57  

Nein, das ist vollkommen in Ordnung. Aber ich glaube, dass es hier, bei ad sinistram, durchaus eine Ausgewogenheit zwischen leicht Lesbarem und weniger leicht Lesbarem gibt (schwer lesbar scheint es mir nie zu sein, bin ja kein hegelianischer Schachtelsatzfanatiker). Dieses Thema habe ich vor geraumer Zeit, wie ich finde, leichter ausgedrückt zum Besten geben. Sehen Sie hier.

Leider entspricht es aber auch meinem bescheidenen Anspruch, gelegentlich etwas "literarischere" Texte (Literatur traue ich mir gar nicht zu sagen, bei meinen Versuchen) zu verfassen. Jeder steckt da halt in seiner Haut... auch wenn ich weiß, dass ich damit nicht alle erreichen kann.

Roberto J. De Lapuente 9. Juni 2009 um 17:04  

PS: Keine Frage, lieber Kritiker, ich habe sicher schon Besseres geschrieben... das erkenne ich selbst aber auch ;)

Systemfrager 9. Juni 2009 um 18:47  

@kritischer Anonym

Ich glaube, trockene Texte gibt es genug - mehr als genug -, auch solche die dazu noch schwer lesbar und schwer verständlich sind. Wenn jemand literarisch mehrere Klassen darüber liegt, er sollte diese seltene Begabung auch nutzen.

In einer Hinsicht hat unser Anonym aber Recht. Es gibt nichts (aber gar nichts!) auf dieser Welt, was nicht zur Sättigung führen würde. Deshalb habe auch ich Roberto meine Meinung gesagt, dass er ein bisschen (aber nicht viel) weniger „produzieren“ sollte.

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