Ein reines Gedankenspiel

Donnerstag, 14. Mai 2009

Nehmen wir doch mal an, ein Politiker oder jemand, der bis vor kurzem in der Politik war, würde sich dieser Tage öffentlich hinstellen und darüber sinnieren, dass es notwendig sei, dafür zu sorgen, dass zukünftig nur solche Menschen Kinder kriegen können, die es sich finanziell auch leisten können. Nehmen wir das einfach nur mal an, auch wenn man sich das heutzutage nur schwer vorstellen kann, dass sich ein halbwegs gebildeter Mensch in diese Richtung äußern würde; nehmen wir es nur mal an, auch wenn heute sicherlich niemand mehr Interesse an jener Diskussion hat, die schon einmal geführt wurde, die dann in Zwangssterilisationsgesetzen und später auch in Euthanasie endete. Man braucht schon eine große, vielleicht sogar eine kindliche naive Phantasie, sich etwas derart Abwegiges vorstellen zu können und zu wollen.

Da stellt sich in unserer Phantasie so ein elitärer Zeitgenosse hin und will dafür gesorgt wissen, dass künftig Kinder nurmehr einer bessergestellten Gesellschaftsgruppe möglich gemacht werden. Kinder zu bekommen dürfe keine finanziellen Vorteile mehr bieten, Kinder zu bekommen dürfe den Lebensstandard der Unterschicht nicht steigern, so könnte so ein Kerl argumentieren, malt man sich geradezu bildlich aus. Logisch ist das freilich nicht, denn ein Kind kostet mehr, als Kindergeld und Elterngeld bieten können, doch um Logik geht es auch nicht, wir zeichnen nur ein phantasievolles Bild von einem Menschen, der sich elitär in Verachtung der Unterschichten übt. Dass solche Menschen gemeinhin nicht sonderlich logisch denken, verknüpfen wir an dieser Stelle mit dem Vorzustellenden.

Stellen wir uns einen solchen Schnösel vor, wie er arrogante Worthülsen drescht, wie er überheblich seinen gesättigten Hintern kratzt, während er eloquent den Stammtisch nährt, kurzum: stellen wir uns das Paradebeispiel des elitären Snobs vor, mit all seinen Allüren und Lächerlichkeiten. Jetzt stellt sich uns die Frage: Kann man einem solchen Kerl, der ganz ungeniert aufgreift, was hierzulande schon mal im Wahnsinn endete, kann man so jemanden begegnen, ohne straffällig zu werden? Ist es machbar, so eine Menschenverachtung stillschweigend zu ertragen, ohne eine Beleidigung, eine Unterstellung, eine grobe Äußerung fallenzulassen? Liegt da nicht das „Faschist“, „Nazi“, „Arschloch“ automatisch auf der Zunge?

Ich kann nicht von uns allen sprechen, nur von mir. Daher lege ich dar, wie es für mich ist, das heißt, wie es für mich wäre, gäbe es da einen solchen Kotzbrocken, der seinen geistigen Offenbarungseid in dieser Weise öffentlich ausbreiten würde. Mir würde das Stillhalten schwerfallen und ich glaube fast, in ethischer Hinsicht, ja auch im Hinblick auf die Gesellschaftspolitik, die im Dritten Reich praktiziert wurde, die ihren Keim aber schon davor im gesellschaftlichen Konsens fand, dass die Beleidigung kein Stilbruch mehr ist, sondern eine logische moralische Reaktion. Denken wir doch zurück, machen wir uns bewußt, dass die Politik vor Hitler schon in gleicher Weise fühlte, in gleicher Weise bestimmten Unterschichten keine Kinder zugestehen wollte. Das Ende ist uns bitter bekannt. Angesichts dieses historischen Wissens, würde eine solche Äußerung jeglichen verbalen Amoklauf rechtfertigen. Denn das ist die Beleidigung letztlich: sie ist ein unkontrollierbarer Amoklauf. Aber sie ist eben auch menschlich, denn wenn die Ohnmacht Einzug hält, schießt man hilflos wild um sich. Das ist bei den Tragödien, in denen Amokläufer hemmungslos um sich schießen nicht anders, als bei jemanden, den solche menschenverachtenden Äußerungen mit braunen Anstrich, zum Durchdrehen nötigen.

Ist es denn juristisch antastbar, wenn man einen solchen Brandstifter als Verbrecher bezeichnet? Nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern ganz offen, ganz ungeniert, so ungeniert wie ein solcher Brandstifter zuweilen selbst ist, wenn er sich darzustellen versucht. Juristisch antastbar vielleicht. Oder anders gefragt: Darf man das? Darf man jemanden als Verbrecher oder Kriminellen titulieren, wenn er ärmeren Gesellschaftsschichten das Kinderkriegen verunmöglichen will? Nein, man darf es nicht: man muß! Mag die Justiz davon halten was sie will, mag sie sich noch so sehr an Gesetze halten, die ehrabschneidende Phrasen verbieten – eine zielgerichtete Ethik verlangt es von jedem denkenden Menschen, dass er einen solchen Zeitgenossen nicht euphemistisch umschreibt, sondern beim Namen nennt. Ja, für mich wäre ein solcher Widerling ein Verbrecher, ein Arschloch sowieso, jemand um den ich sicherlich nicht trauern würde. Meine Güte, wie tief bin ich gesunken, wie tief wäre ich gesunken! Wie gerne wäre ich doch abgebrüht gegenüber solchen Dingen, doch ich fiele in tiefe Niveaulosigkeit. Was die Umwelt doch alles aus jemanden machen kann und könnte, aus jemanden, der eigentlich mit den besten Absichten durchs Leben zu gehen versucht.

Endet hier die moralische Denke? Beim Nicht-trauern? Könnte man es tolerieren, wenn erneut eine terroristische Gruppierung auf den Plan träte, um solchen Grobianen das Fürchten zu lehren? Ich spreche nur für mich, ohne Anspruch auf Objektivität: Nein, tolerierbar ist das nicht, man bombt Probleme nicht aus der Welt, weil die Bombe ein Problem dieser Welt ist – die Aufhebung des Problems mit einem anderen Problem führt lediglich zum Austausch der Problematiken. Nein, es ist nicht tolerierbar, aber erklärbar, aus der Situation heraus verständlich, begründbar - ja, das ist es allemal. Ich spreche mich da im Stile des Göttinger Mescaleros aus, wenn ich schreibe, das heißt, wenn ich schriebe, denn noch ist unser Scheißkerl ein Phantasieprodukt und wird es hoffentlich immer bleiben: „Meine unmittelbare Reaktion, meine "Betroffenheit" nach dem Abschuß des Scheißkerls ist schnell geschildert: ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich weiß, daß er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Stigmatisierung von Erwerbslosen eine herausragende Rolle spielte.“

Ja, das ist gewagt, das ist harter Tobak, ich gebe es zu. Klingt so gar nicht humanistisch. Aber was kann ich dafür, dass es mir an Mitleid fehlen würde? Mir fiele Mitleid mit einem solchen Hetzer schwer, um nicht zu sagen, ich hätte partout keines. Da fehlt es mir an Einfühlungsvermögen, da könnte ich mich in meinen politischen Gegner auch nicht hineindenken, würde mich gar nicht hineindenken wollen. Bevor man aus der Forderung, asoziale Elemente den Nachwuchs zu verwehren, konkrete Gesetze machte, wurde ganz höflich, ganz sachlich, ganz freigeistig darüber sinniert, dass es am Ende immer die falschen Gesellschaftsschichten seien, die Kinder in die Welt setzten. Wohin man kommt, wenn man solche Diskussionen auch nur im Keim toleriert, hat man letztlich gesehen. Da könnte ich mich nicht zurücknehmen, da würde es aus mir herausplatzen, da müßte ich einen solchen Geck als Verbrecher bezeichnen, ganz öffentlich, ganz gleich, was die Justiz davon hielte. Wenn man eine solche Äußerung seitens eines Selekteurs durchgehen ließe, während man denjenigen, der sich mit beleidigenden Worten der Ohnmacht (aus einem Angstgefühl heraus, in die Ecke gedrängt) wehrt, sanktioniert, dann wäre einmal mehr die Klassenjustiz bestätigt.

Ach, was soll der Quatsch? Ungelegte Eier! Wir leben in zivilisierten Zeiten, niemanden fiele es heute ein, solchen Schwachsinn von sich zu geben. Gäbe es einen solchen Fall, würden die demokratisch gesitteten Medien dieses Landes über ihn herfallen, würden einen solchen Geisteszwerg auf den Boden ringen, auf ihn eindreschen, seiner Karriere ein Ende setzen. Ich bin froh, in zivilisierten Zeiten leben zu dürfen, denn damit bleibt mir erspart, einen solchen Fatzke zu arschlochisieren, muß ihn nicht als Verbrecher bezeichnen und mir nebenbei die Justiz an den Hals hängen. Aber spannend, mal ein bisschen phantasiert zu haben – muß auch mal sein.

38 Kommentare:

Anonym 14. Mai 2009 um 09:43  

Hallo Roberto!


Dem Gesagten schließe ich mich (wie so oft :)) an. - Mit einem kleinen Widerspruch (und ich denke, diesen Widerspruch wolltest Du provozieren, denn Du weißt es längst): Wir sind bereits wieder auf dem Weg dorthin!

Wenn in wissenschaftlichen Kreisen (so bezeichnen die Medien sie gerne, auch wenn es nur völlig "normale" aber schlicht abscheuliche Menschen mit - zufällig - akademischem Grad sind) bereits wieder - ganz sachlich, versteht sich - z. B. von einem Herrn Prof. Singer unverholen über Eugenetik sinniert wird, wenn in der Politik ein Schnösel wie z. B. der JU-Vorsitzende Herr Mißfelder über die Abwesenheit der Notwendigkeit einer Hüftprothese für über 85jährige oder mit äußerster Verachtung über HartzIV-Opfer spricht, dann ist der Weg schon betreten!

Wann immer man solche Sprüche hört und liest, ist Widerspruch, ist ein ablehnender Leserkommentar, Pflicht!

Man darf den anderen nicht das Feld überlassen!Danke für Deinen Text!


Beste Grüße
Omnibus56

Anonym 14. Mai 2009 um 09:45  

Ich frage mich wann dieser "mutige" Politiker die Endlösung für die Armenfrage fordert.

Die KZs werden wieder reaktiviert. Und die Arbeitslosen übernehmen die Rolle der Juden. Sie machen Zwangsarbeit (gut für die Wirtschaft werden unsere
"unabhängigen" Medien schreiben) und wenn man sie nicht mehr braucht nun ja dann werden die Sozialkassen durch Vergasen deutlich "entlastet".

Klingt jetzt vielleicht wie übertriebene Spinnerei. Aber angesichts der Akzeptanz und mit ihn geteilten Verachtung für Arme bei den meisten Mächtigen in diesem Land ist das vielleicht schon bald keine Utopie mehr.

Gruß
Ein Bürger der zutiefst erschrocken ist über die zunehmende Verachtung in diesem Land für sozial Schwache.

P.S. Es gibt sicher sehr viele Poltiker die Sarrazins Ansichten teilen sie halt nicht laut aussprechen.

Peinhard 14. Mai 2009 um 10:14  

Fast noch 'plümeranter' wurde mir bei Lektüre des folgenden Artikels aus einer Zeitung, die sich - nach der letzten Umgestaltung weit mehr als früher - selbst als 'Avantgarde eines 'linken' Fortschritts' sieht:

http://www.freitag.de/positionen/0919-abschaffung-der-mittelschicht

Margitta 14. Mai 2009 um 10:27  

Lieber Roberto,

ALLES ist möglich.

Und deshalb ist es wichtig undenkbares zu denken. Nur wenn ich in der Lage bin dieses UNDENKBARE zu visualisieren, - meine eventuelle ANGST davor beiseite schiebe - wie Du es so gekonnt darlegst, kann ich mir Gedanken darüber machen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, dieses zu verhindern oder zu gestatten. Je nachdem.

Danke für Deinen Beitrag

Liebe Grüße
Margitta Lamers

klaus baum 14. Mai 2009 um 11:12  

meine erste reaktion war, schreiben zu wollen, der altnazi ... hat wieder zugeschlagen. aber solche unanständigen dinge schreibe ich nicht.

Roberto J. De Lapuente 14. Mai 2009 um 11:28  

Ich bin froh, lieber Klaus, dass wir beide so anständige Menschen sind.

Peinhard 14. Mai 2009 um 11:57  

Noch ein Zitat aus diesem berufenen Munde: "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster."

Jemand gestern die Dokumentation und anschliessend den Film 'Einstweilen wird es Mittag' auf 3sat gesehen (während nebenan auf arte übrigens mal wieder plumpeste 'antikommunistische' Propaganda lief)? Es wird immer gruseliger, und immer öfter fällt mir der alte Wiesengrund ein: Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten...

Wie unanständig...

antiferengi 14. Mai 2009 um 12:16  

@Roberto
Tschuldige, aber ich habe mal eine Diskussion mit einem Sozialarbeiter am Tresen gehabt, welcher es für sinnvoll erachtete Kinder von Leuten unter einem IQ von mindestens 90 direkt unter Fürsorge zu stellen.
Mir hat es Hausverbot in dieser Kneipe eingebracht.
Die Weichen sind gelegt. In einer Gesellschaft welche glaubt es gäbe irgendwo ein kalkulierbares Optimum ist auch dein Beispiel keine Unmöglichkeit.

Geheimrätin 14. Mai 2009 um 12:27  

"Ich frage mich wann dieser "mutige" Politiker die Endlösung für die Armenfrage fordert."Na da gibt es sicher schon so eine Roland Bergische Kommission, die genaustens ausarbeitet, wieviel billiges "Personal" noch gebraucht wird, und zu wieviel Schwangerschaftsabbrüchen oder aber auch Sterilisationen (aufgrund neu auftretender Risiken) dann noch geraten werden müsste.

Arbeitslose Studienabgänger und angehende SozialpädagogInnen und Gynäkologen werden nach einem mehrwöchigen Coaching als Euro-Jobber bei "Profamilia" und anderen Familienberatungsstellen eingestellt und dürfen ihr psychologisches Geschick endlich praktisch anwenden. Die Ratsuchenden werden sich angenommen und verstanden fühlen und einsichtig das einzig vernünftige tun, tun sie das nicht gibt es noch die Möglihchkeit sich bei Maischberger, Will und Illner ein paar Euro zum Kindergeld dazuzuverdienen und Antworten auf die Frage: "Warum haben sie überhaupt Kinder bekommen" zu geben...

Alexander Tetzlaf 14. Mai 2009 um 12:27  

Eine feine Persiflage findet sich hierzu beim Eifelphilosophen.

http://eifelphilosoph.blog.de/2009/05/14/briefe-leser-thilo-sarrazin-s-maul-gekriegt-schade-6112130/

Geheimrätin 14. Mai 2009 um 12:36  

@ Peinhard: Habe eben erst gesehen dass der von dir verlinkte Artikel sich über 2 Seiten zieht. Die 2. Seite hat mich bald vom Hocker gehauen!

Jan Perlak 14. Mai 2009 um 14:11  

Eugenik ist die Vollendung der hierachisch organisierten Politik. Zur enthumanisierten Kontrolle der Bevölkerung (Überwachungsstaat) gehört letztlich eben auch die Bevölkerungsreduzierung. Die Welteliten arbeiten auf dieses Ziel hin. Siehe auch den fantastischen Film "Endgame" http://www.endgamethemovie.com/trailer.html, ganzer Film unter http://www.youtube.com/watch?v=yJoIbPkRvig.

Insofern spricht Sarrazin nur das aus, was ohnehin alle wollen und was noch kommen wird.

Geheimrätin 14. Mai 2009 um 14:35  

tschuldigung dass ich aktuell ein wenig penetrant in Erscheinung trete, aber
@ Jan Perlak
da brodelt es nun einfach wieder zu dolle in mir. Wenn die globalen Eliten also diesen bösen Plan haben, dann brauchts nicht zu wundern wenn so kleine Sarrazzins und ein paar Bidermaiers und Bildungsbürger zu sozalen Säuberungen aufrufen?! Sie tun nur was alle wollen? Führen aus was ihnen eingeflüstert wird, vom Dajjal? Sind sie alle besessen? von teuflischen Globalisten? Haben die denn den fantastischen Endgamethriller nicht gesehen? Nein? ach klar, sie spielen ja mit...und wir? Sind wir Statisten? Oder nur Zuschauer? oder was eigentlich?

mephane 14. Mai 2009 um 14:58  

"Ich frage mich wann dieser "mutige" Politiker die Endlösung für die Armenfrage fordert.

Die KZs werden wieder reaktiviert. Und die Arbeitslosen übernehmen die Rolle der Juden. Sie machen Zwangsarbeit (gut für die Wirtschaft werden unsere
"unabhängigen" Medien schreiben) und wenn man sie nicht mehr braucht nun ja dann werden die Sozialkassen durch Vergasen deutlich "entlastet"."
Viele vergessen, dass in den KZs der Nazis auch Arbeitlose mit der Begründung des "unnützen Essers" ermordet wurden. Diese Tatsache wurde jedoch direkt nach dem Krieg als auch bis heute immer wieder unterschlagen, da sonst die Gefahr bestünde zu erkennen, dass weite Teile der menschenverachtenden Nazi-Ideologie noch immer in den Köpfen stecken...

romano 14. Mai 2009 um 15:21  

Wie Peinhard hingewiesen hat, schlägt der Artikel im Freitag in diese Kerbe. Beachtlich ist in der Tat, dass so was im Freitag steht und dazu noch aus der Hand einer angeblichen Schriftstellerin kommt. Diese scheint zu meinen, etwas für die Mittelschicht zu tun, wenn sie darauf hinweist, wie die Unterschicht schon haust: vom Staat Geld kassieren durch dauerndes Kinderkriegen. Diese Frau zündelt verantwortungslos herum (Der vermutlich größtenteils ehemaligen Freitagleserschaft müssen die Berge zu Haaren gestanden sein). Für eine Schriftstellerin hat sie eine auffällige Taubheit gegenüber Sinnversschiebungen und Sinntendenzen in der Menschenwelt. Wenn hier ein Funke überspringt...

Roberto, du wirst hier wohl nicht etwas ansprechen, das in der Tat nur mehr in den lauen Zonen des noch halb Ungesagten ruht, aber das ein leichter Hauch in die Welt der Menschen stoßen kann?

Die Sprache ist etwas äußerst Seltsames. In ihr liegt oft sehr viel Handlung. Und manche Handlungen und große Bemühungen finden erst im Schweigen ihre Ruhe. Und was einmal in die Sprache Eingang gefunden hat, verschwindet oft nicht mehr durch Menschenkraft und handelt stattdessen durch die Menschen hindurch. Ich hoffe, an dieser Thematik entzündet sich gar keine Diskussion. Man soll nicht wegsehen, aber man soll auch nicht einen Ort zu viel einrichten, an dem solche Gedanken ihr Unwesen treiben können.

Jan Perlak 14. Mai 2009 um 16:22  

@Geheimrätin: Niemand will den Überwachungsstaat, niemand Bevölkerungskontrolle etc. außer denjenigen, die den Bezug zu den Lebensverhältnissen der Mehrheit der Bevölkerung verloren haben und die über eine zu große Macht verfügen. Das System der "Checks and Balances" hat vielleicht mal funktioniert, es zeitigt aber dennoch einen starken Drall zur Machtzentralisierung. Exekutive, Legislative und Judikative sind nicht wirklich unterschiedliche Dinge. Auch das Parlament ist ein Ort der Machtzentralisierung.

klaus baum 14. Mai 2009 um 18:32  

georg schramm und priol haben in neues aus der anstalt schon mehrfach zur gegenwehr aufgerufen. gegen die arroganz der macht. diese hält sich, wie wir täglich erleben können, erstaunlich gut im sattel. nach einer alten redensart gibt es eine möglichkeit, sie vom hohen roß zu holen...

Anonym 14. Mai 2009 um 18:40  

Machen wir uns nichts vor: Würde jemand solche Äußerungen tätigen, befände er sich im Mainstream der öffentlichen Meinung, er würde gewissermaßen das gesunde Volksempfinden artikulieren. Der Schoß ist fruchtbar noch...

christophe 14. Mai 2009 um 19:03  

Das Schlimme an diesen Sarrazins und Misfelders: Selbst die Bildzeitung gibt sich entrüstet, aber es tritt ein fataler Gewöhnungseffekt ein: Das sind zwar Spinner, aber irgendwo haben sie doch recht!
Eines Tages werden solche Ansichten nicht mehr 'extrem', sondern legitime Meinungsäußerungen sein. Wir leben schließlich in einer Demokratie...
Im übrigen gilt die uralte Taktik: Wenn du alle Hunde einsperren willst, fordere die Tötung aller Vierbeiner. Man wird dich ob deiner Einsicht und Menschlichkeit bewundern!

Anonym 14. Mai 2009 um 20:37  

Ja, da will doch wieder jemand den kleinen Noske spielen, weil er in den Unterschichten die Gefährdung für seinen erschleimten Wohlstand vermutet.
Roberto, Du hast recht! Weißt Du übrigens, wie man in Deutschland den Anführer einer Autoschlange nennt?
A.......h? Falsch geraten, sondern Thilo!
Dieser Link zur Vertiefung!

Thilo erklärt uns die WeltGruß
carlo

hamlet 14. Mai 2009 um 20:49  

@romano
"Man soll nicht wegsehen, aber man soll auch nicht einen Ort zu viel einrichten, an dem solche Gedanken ihr Unwesen treiben können."

Sie sagen es. Es gibt solcher Orte zuviel. Schon jetzt. Schon lange. Schon immer.

Wir müssen uns gleichwohl eingestehen, daß hier und heute etwas wie ein Krieg gegen die Menschlichkeit, gegen uns, stattfindet. Monsanto sei hier als ein weiteres Beispiel unter sehr vielen genannt, pars pro toto. Ein Konzern, der es aus Profitgründen darauf anlegt, durch unberechenbare Genmanipulation die Kontrolle über die Welternährung zu erlangen. Das rührt sprichwörtlich an die Wurzeln unserer Lebensgrundlagen und der folgenden Generationen. Jene wollen daraus Profit schlagen. Koste es, was es wolle. Mythen, Monster, Mutationen. Ich weiß nicht, wie man genau eine kriegerische Handlung definiert, aber schlimmeres auf Erden als Menschen, die aus Profitgründen in unkalkulierbarer Weise an Mutter Erde selbst "rummachen", fällt mir nicht ein.

Wie um Himmels Willen sich - effektiv - dagegen wehren? Nur aufgrund des Potentials der grundlegenden und offensiven Absurdität des darliegenden Problems entstehen (diese) Gedanken, die eben aus Hilflosigkeit: besser gesagt, aus der Not violent klingen.

Gewalt ist keine (weil schon gar keine deterministische) Lösung - das wird der Autor wissen. Gewalt, wie sie in der hier erzählten Geschichte entfaltet wird, ist der oft erzählte, schöne, hoffnungslose, naive Traum, to chase the devil out of earth. - Auf einen Streich.

Eine Phantasie, die immerhin integer genug ist, FSK 16 Blockbuster hervorzubringen: ein uraltes Beispiel: das geradezu märchen-hafte Prinzip "Terminator 2": Gut gegen Böse - wenn's sein muß, mit Hilfe einer Stahschmelze (Hexenofen); nebst unzähligen Beispielen, in denen Auge-um-Auge die eigentliche dramaturgische Grundlage ist.

Der "gerecht zornige" Deus ex machina war immer die erträumte Apotheose eines phantastischen Gedankens. Pallas Athene hätte z.B. - weil: in effigie - nie mit Heckler & Koch Waffendeals getätigt, sondern, im Gegenteil, diese Herren dem Zorn des, sagen wir, gerade mürrisch heimgekehrten Odysseus ausgesetzt.

Roberto J. De Lapuente 14. Mai 2009 um 23:49  

Lieber Christophe, Springer entrüstet sich nicht, nicht wirklich jedenfalls. Es wird sich im bayerischen Stile pseudoentrüstet, so wie einst, als man auf Strauss' Machenschaften deutete und dabei anerkennend sagte: Mei, a Hund is a scho. Was soviel heißt wie: Ein ausgebufftes Schlitzohr ist er schon. Es ist entrüstende Anerkennung, die Springer hier zollt.

Peinhard 15. Mai 2009 um 09:02  

Jürgfeittin zur 'Sozialpolitik' der 'Grünen':

F: Das Erwerbslosenforum Deutschland hat Beschlüsse der Grünen zur »Nichtanrechnung des Partnereinkommens« und »Abschaffung der Sanktionen bei Hartz IV« gelobt …

A: Wir haben nur eine Aussetzung der Sanktionen beschlossen, weil ihre Praxis häufig sehr fragwürdig ist – aber keinen Verzicht. Viele Praktiker aus der Sozialarbeit sagen uns, bei einer bestimmten Schicht von Personen bedürfe es auch der Möglichkeit zu sanktionieren.[...]

http://www.jungewelt.de/2009/05-15/064.php

Wirklich, Herr Trittin? Wozu? Um all die freien Stellen zu besetzen, die sonst nicht besetzt werden können? Selbst wenn wir mal im Kosmos des 'Fetisch Lohnarbeit' bleiben - was konkret sollten Sanktionen bewirken?

Doch wohl nur, eben diesen Fetisch 'mit Macht' weiterhin durchzusetzen, auch wenn er selbst innerhalb der eigenen Logik längst witzlos geworden ist. Aus eben diesem (Un-) Geist entsteht Totalität... die dann von Leuten wie Sarrazin konsequent weitergeführt wird - nur bei 'bestimmten Schichten', versteht sich.

Und diese 'Praktiker der Sozialarbeit' haben wir im Verlauf der Kommentare hier ja auch schon kennengelernt. Zugegebenermaßen muss es ja auch frustrierend sein, wenn man ein System reparieren soll, das nicht mehr reparabel ist.

Anonym 15. Mai 2009 um 09:44  

Dazu passt (wenn auch eingeschränkt)
die Diskusion um die "Umsonst-Pille"
für Hartz 4 Empfängerinnen.

Pippilotta 15. Mai 2009 um 09:58  

Auch ich empfand diesen Kommentar von Herrn Sarrazin als äußerst bösartig und menschenverachtend. Trotz dem ich noch nicht dem stetig wachsenden Heer von Hartz-IV-Empfängern angehöre (was sich jedoch, wie wir alle wissen, von heute auf morgen ändern kann), hat mich diese Äußerung mehr als entsetzt. Gehört Sarrazin wirklich der SPD an oder ist er längst ins ganze rechte Lager der NPD gewechselt, denn für mich stand hinter dieser Bemerkung nichts anderes als 'Zwangssterilisation von Hartz-IV Empfängern'. Wo bleibt der Aufschrei der gesamten deutschen Nation? Dieser Satz hätte ohne Weiteres von Göbbels selbst stammen können. UNFASSBAR! Davon mal abgesehen mir scheint es eh, als wäre unseren Politikern der Bezug zur Realität schon vor längerer Zeit völlig abhanden gekommen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht aus irgendeiner 'Ecke' auf Rentner und Arbeitslose 'scharf geschossen' wird und die Medien mischen ordentlich mit.

Anonym 15. Mai 2009 um 10:16  

Der Grüne: Wir haben nur eine Aussetzung der Sanktionen beschlossen, weil ihre Praxis häufig sehr fragwürdig ist – aber keinen Verzicht.


Bravo....ihr Sarrazenen, und wie soll das weitergehen?

Peinhard 15. Mai 2009 um 10:35  

Habe ich wirklich 'Jürgfeittin' geschrieben...? Gemeint war natürlich 'unser aller' Jürgen Trittin...

Anonym 15. Mai 2009 um 10:40  

Gestern schon die "Junge-Welt", das Interview mit einem grünen Prommi gelesen?

Hier mehr dazu:

"[...]»Ich sehe keinen Anlaß zur Entschuldigung«

Die Grünen rufen zur Demo gegen den Sozialabbau auf, den sie selbst verschuldet haben. Ein Gespräch mit Jürgen Trittin
Interview: Gitta Düperthal[...]"

http://www.jungewelt.de/2009/05-15/064.php

Wichtiges Fazit:

Wer nach diesem Interview mit Jürgen Trittin noch glaubt, dass die grünen keine neue FDP bzw. noch schlimmer als die FDP sind, dem ist auch nicht mehr zu helfen!

Anonym 15. Mai 2009 um 11:46  

Der Freitag-Kommentar zu Sarrazins neuesten Äußerungen:

http://www.freitag.de/politik/0920-sarrazin-hartz-iv

Interessant ist auch der Kommentar dort dazu - Fazit: Wären wir schon damals, als wir noch Urmenschen waren, alle "Sarrazins" gewesen, dann gäbe es heute keine Menschen mehr - Nach neuesten Erkenntnissen der Evolutionsbiologen (sogar von Darwinisten wie Dawkins) ist der Mensch nämlich kein Egoist sondern hat schon immer Mitmenschen geholfen, die es schlechter als er hätten. Ausnahmen gab es natürlich auch früher schon, aber es waren eben dies: "Ausnahmen".

Die Mithilfe unter Menschen ging ja sogar soweit, dass sich Menschen freiwillig für's Überleben der Gemeinschaft opferten - Erwartet heute keiner von den Arbeitslosen, aber von Sarrazin vielleicht schon.....

Anonym 15. Mai 2009 um 12:43  

als ich den neuesten auswurf des herrn S. las, dachte ich spontan:

an teer,
an federn,
an fackeln,
und last but not least, an die gute alte mistgabel...

im tiefsten herzen bin ich halt ein phantasiebegabter bauer :-)

Margitta 15. Mai 2009 um 14:13  

Mich lässt es tief in die Abgründe von SPD sowie großen Teilen der Gesellschaft blicken, dass dieser Herr S...(meiner Tastatur verweigert mir jetzt prompt den Dienst)der Partei noch zugehörig sein darf.

Liebe Grüße
Margitta Lamers

Schlaubi 15. Mai 2009 um 14:44  

Ich lebe jetzt seit 53 Jahren in dieser Republik und in letzter Zeit will man uns von interessierter Seite vormachen, wir hätten einen Linksruck zu verzeichnen, aber Kommentare wie von dem SPD-Mitglied Sarrazin kannte man in den 70er Jahren von Leuten wie Richard "Rübe ab" Jaeger und Alfred Dregger, aber die waren äusserste Rechtsaussen der CDU/CSU.

Anonym 15. Mai 2009 um 17:06  

@Schlaubi

Danke für den Hinweis.

Ich denke schon lange, dass die Menschen, die der neoliberalen SPD - und den Grünen - mit Parteimitgliedschaftstreue noch die Stange halten, die anders denken als Sarrazin, Trittin, Schröder, Clement, Müntefering & Konsorten, schleunigst aus der SPD verschwinden sollten und in eine andere Partei eintreten sollten bzw. ihr eigenes Ding machen sollten, wenn die auch mit der Linkspartei nix am Hut haben.

Die SPD/Grünen wären endgültig zersplittert.

Noch besser halte ich allerdings einen anderen Vorschlag:

Die oben erwähnten neoliberalen Kanallien sollen doch gleich in die CDU/CSU/FDP eintreten - Ich bin sicher, die ostdeutsche Wendehälsin Merkel, Westerwelle und Schäuble passen besser zu denen als jeder aufrechte Grüne und SPDler, der noch an Gründungswerten beider Parteien festhält....

...und man könnte SPD/Grüne endgültig abwickeln.....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 15. Mai 2009 um 18:31  

Das sagt Wikipedia über Sarrazin:

Im Rahmen der Tempodrom-Affäre wurde ihm vorgeworfen, Landesgelder regelwidrig vergeben zu haben. Die Staatsanwaltschaft hat im November 2004 Anklage erhoben. Ermittelt wurde gegen ihn, zwei weitere SPD- und zwei CDU-Politiker, drei Unternehmer und zwei Wirtschaftsprüfer. Gegen den ermittelnden Oberstaatsanwalt stellte Sarrazin eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Das Landgericht Berlin hat es im Dezember 2004 abgelehnt, das Hauptverfahren zu eröffnen, was wie ein Freispruch wirkt, da die Anklage als unschlüssig angesehen wurde.

Mit 46 Nebentätigkeiten war Sarrazin (Stand: Juni 2008) das Senatsmitglied mit den meisten Nebentätigkeiten. Er ist unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats der Berliner Verkehrsbetriebe, der Charité, der Investitionsbank Berlin und der Vivantes GmbH

Besonders sein Verhältnis zum ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, wird als Dauerfeindschaft charakterisiert, geprägt von wechselseitigen Beleidigungen,[2] was auf Sarrazins Beschäftigung bei der DB AG zurückgeht.

Ein wesentlicher Grund für das verstimmte Verhältnis liegt in Sarrazins Entlassung aus dem Vorstand der DB Netz AG. Nach wiederholten Streitigkeiten zwischen ihm und dem damaligen Vorstandsvorsitzenden dieser DB-Tochtergesellschaft wurde seine Anstellung durch das Unternehmen beendet. Dabei bezog er für eine Übergangszeit sein Gehalt, während die Einzelheiten der Trennungsmodalitäten geregelt werden sollten. Nach Angaben von Hartmut Mehdorn habe Sarrazin mit dem Amtsantritt als Finanzsenator seinen noch laufenden Arbeitsvertrag mit dem Unternehmen gebrochen, in dem festgelegt war, dass Nebentätigkeiten nicht erlaubt seien. Der Arbeitsvertrag sei daraufhin seitens der DB fristlos gekündigt worden.[12] Sarrazin klagte durch drei Instanzen auf Zahlung der Abfindung, die in dritter Instanz vom Bundesgerichtshof abgewiesen wurde.

Dagegen wirkt Mehdorn fast schon sympathisch


Eurohasenbär, SZ-Forum

Anonym 15. Mai 2009 um 18:55  

Lieber Roberto, liebe Leut',
es gibt nur zwei Möglichkeiten
1. entweder Herr Sarrazin meint versehentlich, dass er tatsächlich beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe frisch eingestellt wurde und gleich (verfassungswidrige) Urteile sprechen darf oder
2. er hat bisher noch keine Zeit gehabt, sich in die geldpolitische Thematik einzuarbeiten und deshalb noch keine Fachvorträge halten können. Es ist auch nicht leicht, gleich Direktor zu werden und keine Ahnung von der Materie zu haben. Das sehe ich ihm gerne nach, wenn er nicht meint, nach Nürnberg fahren zu müssen. Den Volksgerichtshof gibt es nämlich nicht mehr.

PHB 15. Mai 2009 um 19:04  

Hallo Robert,
über die Nachdenkseiten bin ich auf deinen Artikel aufmerksam geworden. Den folgenden Beitrag habe ich auch als Leserbrief an die Nachdenkseiten geschickt.

Vorweg, ich empfinde diesen S. (genauso wie vermutlich Sie) mit seinem arroganten Unterschichten-Bashing als unerträglich bis ekelerregend. Dennoch: Zum Thema Kinderkriegen muss ich ihm prinzipiell zustimmen. Lassen Sie mich begründen, warum auch die politisch Links-denkenden (zu denen ich mich zähle), meiner Meinung nach, mit dem offensichtlichen Tabu bzgl. des Kinderkriegens brechen sollten, das ich auch auf den Nachdenkseiten bestätigt finde. Ich bitte vorab, um etwas Geduld bei den sehr biologisch/evolutionstheoretisch anmutenden Gedankengängen. Seien Sie versichert, dass ich politische Folgerungen daraus ableiten werde und dass das biologische Vorgeplänkel für das Verständnis dieser Folgerungen notwendig ist. Leider lassen sich nicht alle Sachverhalte konsistent in nur zwei Sätzen beschreiben.

Ja, Kinderkriegen ist ein allzu verständlicher, zutiefst menschlicher Wunsch. Niemanden kann und darf man für diesen Wunsch verurteilen. Dennoch sollten wir so ehrlich zu uns selbst sein, uns einzugestehen, dass global gesehen unsere (der Menschheit als Ganzes) Vermehrung eines der Grundübel ist, aus der sich viele weitere ableiten. Machen wir mal kurz die emotionale Kraftanstrengung und betrachten uns ganz von Außen, wie Außerirdische unser Verhalten betrachten würden, dann kommen wir zu folgendem Schluss: Vermehrung aller biologischen Spezies dieses Planeten (uns eingeschlossen) ist im Kern aggressiv, da der jeweilige Vermehrungstrieb über keinerlei interne Bremse verfügt, der Vermehrungswunsch und -versuch jeder Spezies ist uferlos. Beschränkungen der Vermehrung werden jeweils nur von außen gesetzt: Irgendwann gehen irgendwelche benötigten Ressourcen zur Neige, was der weiteren Vermehrung externe Schranken setzt. Betrachtet man den Arterhalt einer Spezies als Ziel (was natürlich nur eine Metapher ist, d.h. ein Lebewesen existiert, weil seine Vorfahren sich fortgepflanzt haben, was von außen betrachtet die Illussion zielgerichteten Verhaltens erzeugt), so funktioniert der Verzicht auf interne Kontrolle der Vermehrungsrate ausgezeichnet, da die Umwelt zuverlässig Schranken setzt (bei uns z.B. Krankheiten, Kriege) und zwar so rechtzeitig, dass sich die Spezies durch ihren ungebremsten Vermehrungstrieb nicht selbst irreversibel ihrer zukünftigen Lebensgrundlagen berauben kann. Eine Raubtier-Spezies z.B. wird sich nicht so uferlos vermehren, dass sie ihre Beute-Spezies vollständig auffrisst, also ausrottet und sich damit selbst der eigenen zukünftigen Lebensgrundlage beraubt. Trotz des Versuches alle Beutetiere aufzufressen, wird es ihr schlicht nicht gelingen, weil ein paar von denen sich erfolgreich verstecken können. In der Zwischenzeit wird ein Großteil der sich bis dahin übermäßig vermehrt habenden Räuber verhungern und die verbliebene Rest-Population der Beute wird sich erholen. Entscheidend für meine Argumentation ist, dass die Räuber ihre Vermehrung nicht aufgrund einer inneren Einsicht oder irgendeiner internen Verhaltenskontrolle reduzieren, sondern aufgrund äußerer Zwänge. Ein Großteil der Population verhungert und kann sich deshalb nicht mehr vermehren. Ich glaube, es bedarf keiner besonderen Rechtfertigung, dass wir für unsere Spezies eine interne Verhaltenskontrolle gegenüber einer von außen erzwungenen Dezimierung durch z.B. Kriege und Pandemien vorziehen sollten, alles andere wäre zynisch.

Ist es wirklich in jedem Fall so, dass die evolutionäre Strategie der inhärent uferlosen Vermehrung der Arterhaltung dient (oder ihr zumindest nicht widerspricht), weil die jeweilige Umwelt immer so beschaffen ist, dass die jeweilige Spezies gar nicht in der Lage ist, ihre eigene Lebensgrundlage durch übermäßige Vermehrung zu zerstören? Die Antwort ist eine Frage der Logik: Bei den derzeit existierenden Spezies ist dies in der Tat der Fall, denn sonst gäbe es sie ja nicht. Eine solche Spezies wäre bereits ausgestorben. Das heißt andererseits natürlich auch, dass es solche selbstzerstörerischen Spezies früher gegeben haben könnte. Nun sind sie halt ausgestorben, war eben kein Erfolgsmodell der Evolution. Noch präziser muss man folgende Einschränkung machen: Bereits lang existierende Arten ohne interne Vermehrungsbegrenzung haben bewiesen, dass sie sich nicht selbst durch ihr Verhalten zerstören können. Und das ist der Punkt: Wir sind eine Spezies, die nach evolutionären Zeitmaßstäben erst ganz kurz existiert. Es könnte sein (und genau daran glaube ich), dass sich unsere Spezies als evolutionärer Fehlschlag in dem genannten Sinne erweist: Wie andere Arten auch ist sie nicht für eine interne Beschränkung ihrer Vermehrung ausgelegt, ist aber gleichzeitig durch ihre herausragende technische Intelligenz in der Lage ihre eigenen Lebensgrundlagen irreversibel zu zerstören. Der Mechanismus der externen Vermehrungsbeschränkung funktioniert nicht ausreichend, diese Spezies läuft Gefahr auszusterben.

Mein Fazit bzgl. der biologischen Situation (aus der anschließend politische Folgerungen gezogen werden): Unsere interne Motivation setzt unser Vermehrung (im Durchschnitt der Gesamtspezies) keine Grenzen, wir vermehren uns so zahlreich wie wir nur können (bevor der Aufschrei kommt: ich werde gleich noch differenzieren). Diesen Fakt können wir aus der Entwicklung der Weltbevölkerungszahl ableiten. Wir brauchen nur einen Blick auf Afrika zu werfen, um die Wirkung dieses menschlichen Triebs klar vor Augen zu haben. Die christliche Kirche (wie die anderen Weltreligionen auch) macht sich zum Sprachrohr dieses übermächtigen biologischen Antriebs: "Seit fruchtbar und mehret euch.", "Macht euch die Erde untertan.". Wenn dies Religion einer anderen Spezies wäre, sagen wir - um es plakativ und provokant zu machen - der Ratten, wären wir uns alle einig, darin eine ungeheure Aggression zu sehen. Bei einem Blick auf uns selbst fällt uns das naturgemäß viel schwerer. Aber es bleibt dabei: Uferlose Vermehrung ist eine inhärente Aggression, egal um welche Spezies es sich handelt. Dass Vermehrung eine Ur-Aggression ist und auch wörtlich als Kriegswaffe verstanden wird (die z.B. die Palästinenser gegenüber den Israelis einzusetzen versuchen, aber die ultra-orthodoxen Juden halten kräftig dagegen) hat m.E. Gunnar Heinsohn in seinem Buch "Söhne und Weltmacht" eindrucksvoll dargelegt.

Nach diesem langen biologischen Vorbetrachtungen kann ich endlich meinen daraus abgeleiteten politischen Standpunkt vorbringen:
So verständlich der Wunsch des Kinderkriegens ist (ein unwiderstehlicher, angeborener Wunsch, dem sich niemand, zumindest nicht ohne enorme emotionale Schwierigkeiten, entziehen kann), so schädlich ist dieser Wunsch: Dieser Planet, oder genauer: wir selbst, leiden unter der Überbevölkerung unserer Spezies und dieses Problem verschärft sich ständig. Unter diesen Voraussetzungen ist global gesehen (ich komme noch zur Differenzierung bzgl. verschiedener Weltregionen) der Verzicht auf das Kinderkriegen zunächst eine Tugend, eine altruistische Leistung gegenüber der Welt-Gesellschaft (der Spezies). Natürlich muss man fragen, welche Moralmaßstäbe dieser Aussage zugrunde liegen: Als moralisch/erstrebenswert/fördernswert erachte ich ein Verhalten, das dazu beiträgt, das Leid der gerade existierenden Menschen zu mindern. Die Vermehrung (seit fruchtbar und mehret euch) ist zwar sozusagen ein Gebot der Natur aber moralisch abzulehnen (so mein Plädoyer), sofern die Vermehrung dem Ziel der Vermeidung und Minderung von Leid entgegensteht, was derzeit der Fall ist (Im Mittelalter nach dem Wüten der Pest in Europa, nachdem sich die Population enorm dezimiert hatte, war Vermehrung natürlich ein moralisches Gebot weil es im Einklang mit dem Ziel der Minderung von Leid stand: Man brauchte mehr Menschen, um wieder einen erträglichen Lebensstandard erreichen zu können, jede Arbeitskraft wurde dringend gebraucht).

Also: Global gesehen, ist derzeit der Verzicht aufs Kinderkriegen eine moralisch achtenswerte Leistung. Umgekehrt ist das Kinderkriegen ein zwar verständlicher, nichts desto trotz, egoistischer Wunsch, der tendenziell zum Schaden der Gesamtgesellschaft ist. Auch wenn es provokant klingt: Kinder in die Welt zu setzen unterscheidet sich nicht prinzipiell vom Autofahren: Man tut es, um ein persönliches Bedürfnis zu befriedigen und schadet mit dem damit verbundenen Ressourcenverbrauch grundsätzlich der Gemeinschaft. Wir sollten uns also daran gewöhnen, so mein Plädoyer, die richtige Einstellung zum Kinderkriegen zu erlangen: Mindestens global gesehen, ist es ein Privileg, eine egoistische Handlung, zum potenziellen Schaden der Weltgemeinschaft, keinesfalls eine gesellschaftliche Leistung, als die es immer hingestellt wird.

Es wird Zeit, sich der empörten Aufschreie anzunehmen, ich höre sie schon:
- Kinder kriegen ist doch nicht egoistisch. Eltern opfern sich für ihre Kinder. Das Großziehen von Kindern gehört doch zu den uneigennützigsten Taten, deren wir überhaupt fähig sind.
Meine Gegenposition: Ja, das Großziehen von Kindern mag altruistisch sein. Das Bekommen von Kindern hingegen ist höchst egoistisch: Man befriedigt eigene emotionale Bedürfnisse und sonst gar nichts. Eine simple Frage der Logik: Bei der Zeugung eines Kindes existiert dieses ja noch gar nicht. Man kann einem nicht existenten Menschen keine altruistische Liebe angedeihen lassen. Die Zeugung entspringt ausschließlich egoistischen Motiven. Die anschließende Aufzucht ist natürlich etwas anderes. Fazit: Der moralische Idealmensch (ich verlange natürlich nicht von jedem so zu sein, aber wir sollten schon wissen, was ideal wäre) verzichtet auf eigenen Nachwuchs und adoptiert fremden.

- Ja, in Afrika und anderen Regionen der Welt mag übermäßige Vermehrung ein Problem sein. Hier in Deutschland haben wir eine schrumpfende Bevölkerung, wir Deutschen laufen Gefahr auszusterben, deshalb ist hier (anders als in Afrika) Vermehrung ein moralisches Gebot, gesellschaftlich fördernswert.
Meine Gegenposition: Lehnen wir uns kurz zurück und lassen uns die rassistische Grundstruktur dieses Arguments auf der Zunge zergehen: Mag sein, dass die Welt unter einem Überbevölkerungsproblem leidet, aber sollen doch bitte die Afrikaner aufhören, sich wie die Karnickel zu vermehren. Die Deutschen dürfen nicht aussterben. Aha. Warum eigentlich nicht? Darauf gibt es nur eine Antwort: Weil wir dies aus der deutschen Brille sehen. Würde irgendein Buschmännerstamm in Afrika Gefahr laufen auszusterben, würden die allermeisten von uns dies mit einem Achselzucken quittieren. Besteht die gleiche Gefahr aber bei uns selbst, den Deutschen, da kochen die Emotionen hoch. Das darf nicht passieren. Lehnen wir uns noch einmal zurück und betrachten die Emotionen von außen: Wir erkennen, dass an diesen Emotionen nichts, aber auch gar nichts spezifisch Deutsch ist. Jede Gemeinschaft wird genauso emotional, wenn die Gefahr des eigenen Aussterbens aufkommt. Da können wir sicher sein, dass die afrikanische Buschmännergesellschaft in einer solchen Situation jede ihrer Frauen bei entsprechender persönlicher "Geburtenleistung" mit dem Äquivalent des Mutterkreuzes auszeichnet und den Bericht über das drohende Aussterben der Deutschen in Mitteleuropa mit einem Achselzucken quittiert wird. Was läuft hier? Die gängige universelle Moral auf den Punkt gebracht lautet schlicht: Wenn wir ein Überbevölkerungsproblem haben, dann sollen gefälligst die anderen ihre Vermehrung einstellen. Ja, definitionsgemäß "menschlich verständlich" diese Haltung, nichts desto trotz zutiefst rassistisch. Ich drehe mich zugegeben im Kreise: Unsere angeborene Motivation ist eben rassistisch, wie anders könnte es sein. Das Leben selbst als Prinzip ist rasssistisch. Leben ist natürlich, ist rassistisch. Die eigenen Gene sollen sich fortpflanzen, nicht die der anderen.

OK, man muss unseren angeborenen Rassismus (im obigen Sinne) als natürlich akzeptieren. Nur, und jetzt provoziere ich: "Natürlich" bedeutet eben nicht automatisch "gut/moralisch geboten" (eine Gleichsetzung, die übrigens gerne auch von Religionen betrieben wird). Eher ist das Gegenteil der Fall: Unsere Natur, ja Leben selbst als Fleisch gewordenes Faustrecht, ist zutiefst unmoralisch und wir müssen gegen die/unsere Natur ankämpfen, wenn wir es ernst meinen, mit der moralischen Zielsetzung Leid zu bekämpfen, einer Zielsetzung der vermutlich die meisten von uns zunächst einmal zustimmen, allerdings - das befürchte ich - nur bis zu dem Punkt an dem man uns zur Einsicht zwingt (wie ich das gerade versuche), dass dies dann aber beinhaltet - mindestens partiell - gegen die eigene Natur anzukämpfen.

Welche praktischen Zielsetzungen folgten für die Politik aus diesen Überlegungen?
Es ist falsch, auch in Deutschland, Kinderkriegen als moralisch geboten zu qualifizieren. Wenn die Deutschen aussterben, vollziehen sie mit ihrem Aussterben für die Weltbevölkerung eine moralisch edle Tat, weil sie mit ihrem Beitrag zur Reduktion des globalen Überbevölkerungsproblems für die verbleibende Weltbevölkerung (ceteris paribus) einen Beitrag zur Verminderung des Elends der Welt leisten. Wechseln wir kurz die Perspektive und nehmen an, ein Staat wie der Kongo würde versprechen, seine Bevölkerung würde durch Einstellung der Vermehrung langfristig aussterben: Viele von uns würden unmittelbar einsehen, dass es sich hier um eine edle Tat handele.

Ja, ich höre es: Wer soll denn unsere zukünftigen Renten bezahlen, wenn wir keine Kinder mehr haben? Ein hohles Argument, dem ich versucht bin, mit einer provokanten Gegenfrage zu antworten: Wer soll denn für den Lebensunterhalt der zukünftigen Arbeitslosen aufkommen, die wir da gerade produzieren? Wieso sehen wir in einem neuen Mitglied unserer Gesellschaft eigentlich automatisch einen zukünftigen Rentenbeitragszahler und nicht einen zukünftigen Grundsicherungsempfänger? Etwas konstruktiver: Wir müssen - mindestens in der Tendenz - versuchen, mehr Ausländer (fremden Nachwuchs) in unsere Gesellschaft zu integrieren. Da dürfen wir ruhig selektiv sein, so wie es traditionelle Einwanderungsländer wie die USA, Kanada, Australien, Neuseeland auch sind (wenn wir diese Selektivität durch ausgleichende Maßnahmen, wie z.B. gezielter Entwicklungshilfe (s.u.) moralisch rechtfertigen). So wie bezüglich der persönlichen Fortpflanzung die moralisch gebotenste Variante die Adoption wäre, so wäre es auf staatlicher Ebene die Integration von (produktiven) Einwanderern zu Lasten der Förderung der Vermehrung der eigenen Bevölkerung.

Also, ich ziehe folgende Konsequenz für eine anzustrebende Politik in Deutschland (dass eine solche niemals durchsetzbar wäre, dessen bin ich mir bewusst. Trotzdem muss endlich mal gesagt werden, was eigentlich angemessen wäre und es müssen wenigstens unsere allgegenwärtigen latenten Rassisten in ihrer moralischen Selbstgefälligkeit angegriffen werden): Kinder kriegen muss in der Tendenz sanktioniert, auf jeden Fall nicht gefördert werden. Hierin bin ich prinzipiell mit S. einig (ich wiederhole, obwohl auch ich ansonsten S. als Reizfigur betrachte).

Der nächste Aufschrei: Welch asozialer Vorschlag, ausgerechnet an Kindern, den Ärmsten unserer Gesellschaft sparen zu wollen. Meine Entgegnung: Bitte mir nicht das Wort im Mund herumdrehen: Ich wollte das Bekommen von Kindern tendenziell bestrafen, nicht das Haben. Soll praktisch folgendes heißen: Kinder, die einmal da sind, sind selbstverständlich maximal zu fördern. Schließlich sind sie nicht schuld an ihrer eigenen Zeugung. Als unfreiwillige Mitglieder dieser Gesellschaft haben sie jedes Recht der Welt, dass man gut für sie sorgt. Das halte ich für unbedingt moralisch geboten, insofern befinde ich mich in vollem Einklang mit den üblichen Forderungen nach besserer Bildung, Mehrausgaben zur Verminderung der Kinderarmut, etc.

Ja, was bedeutet denn dann meine Forderung praktisch? Hier sehe ich mich in vollem Einklang mit S.: Man muss versuchen, potenziellen Eltern den Anreiz für die Zeugung von Nachwuchs zu nehmen und gleichzeitig (des Spagats bin ich mir voll bewusst) alles für das Wohl der existierenden Kinder zu tun. So schwierig eine praktische Ausgestaltung der Politik, die ein solches Doppelziel verfolgte, wohl wäre, so hartnäckig plädiere ich für die Anerkennung dieser Zielsetzung, an der sich die Politik in diesem Bereich messen lassen sollte. Was man z.B. ausprobieren könnte, wäre finanzielle Leistungen an die Eltern (Kindergeld) möglichst weitgehend durch Sachleistungen an die Kinder zu ersetzen, z.B. kostenloses (qualitativ hochwertiges) tägliches Schulessen gegenfinanziert durch eine entsprechende Streichung des Kindergeldes. So unausgereift ein solch konkreter Maßnahmenvorschläge im Detail auch ist, so möchte ich doch die Richtung verdeutlichen, in die die Überlegungen m.E. zu gehen hätten: Es muss versucht werden zu vermeiden, dass die Eltern ihren Lebensstandard durch die Zeugung von Kindern verbessern (ein Fehlanreiz), indem den Eltern die potenzielle Möglichkeit entzogen wird, diesen zu Lasten ihrer Kinder zu erhöhen. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, was S. hier kritisiert. Ich kenne persönlich Eltern, die genau deshalb Kinder in die Welt setzten, weil es sich für sie rechnet, jedenfalls am Anfang (ein Kleinkind isst doch fast nichts, ist billig). Da wird über 10 Jahre hinweg alle zwei Jahre ein Kind in die Welt gesetzt (vielleicht etwas übertrieben, aber es geht mir darum, die Tendenz aufzuzeigen) und schon ist ein vergleichsweise hoher Lebensstandard über 10 Jahre gesichert, ein langer Zeitraum. Natürlich sind Kinder auf die Dauer teuer. Das interessiert solche egoistischen Eltern aber nicht (es gibt sie wirklich, ich wiederhole: ich kenne persönlich welche dieser Sorte), die Kinder werden es später ausbaden müssen. Dass dieses System hier funktioniert, ist in der Tat ein Skandal, den S. ausnahmsweise zu recht, kritisiert. Fazit: Eltern muss die finanzielle Gestaltungsmöglichkeit der Versorgung ihrer Kinder möglichst entzogen werden (natürlich Verhältnismäßigkeit beachten), um die Fehlanreize der Vermehrung zu Lasten der eigenen Kinder zu vermeiden.

Heißt das, dass ich dafür plädiere (wie S.), nur wer es sich leisten könne, also die Reichen, dürften sich noch vermehren?
Klares Jein: Vermehrung ist und bleibt (wie ich oben darzulegen versucht habe) eine zutiefst egoistische Handlung. Jeder von uns hat im Prinzip diesen egoistischen Wunsch und die Frage ist, wem die Gesellschaft (mindestens moralisch) dieses Privileg der egoistischen Bedürfnisbefriedigung in welchem Umfang zugestehen sollte. Die prinzipielle Antwort lautet: Man muss sich dieses Privileg grundsätzlich verdienen. D.h.: Ganz archaisch ausgedrückt, ist es moralisch geboten, dass derjenige, der Kinder in die Welt setzt, diese selbst füttern kann und nicht dafür die Hilfe der Gesellschaft in Anspruch nehmen muss. Schließlich tut er nicht der Gesellschaft einen Gefallen (da sind wir wieder bei der obigen biologisch motivierten Argumentation), sondern ausschließlich sich selbst: Er pflanzt seine eigenen Gene fort: Das ist der Ur-Egoismus, der als Egoismus gar nicht mehr steigerungsfähig ist. Also, im Prinzip wie S.: Man muss sich den Luxus der Verbreitung der eigenen Gene leisten können.

Nur - und jetzt kommt eine dicke Einschränkung, die S. vermutlich nicht teilen würde: Voraussetzung für die uneingeschränkte moralische Gebotenheit des Grundsatzes "Wer Kinder in die Welt setzen will, muss sich das finanziell aus eigener Kraft leisten können." ist, dass die finanzielle Leistungsfähigkeit eines Individuums auch seine tatsächliche Leistung widerspiegelt: Also, der Reiche hat viel geschuftet, der Arme war faul und hat deshalb nichts. Wäre es so, hätte ich nichts dagegen, dass sich der Reiche, aber nicht der Arme fortpflanzen dürfte. Aber genau dieses Prinzip ist in unserer Gesellschaft eklatant verletzt: Unsere Finanz- und Machtelite, die selbsternannten Leistungsträger dieser Gesellschaft sind in Wirklichkeit gar keine, sondern eher Parasiten. Das Thema mit gierigen Bankmanagern, angestellten Managern im Allgemeinen, korrupten Politikern, also all den Leuten, die sich in unserer real existierenden Gesellschaft Kinder problemlos leisten können, brauche ich ganz sicher nicht zu vertiefen.

Da sich in unserer real existierenden Gesellschaft viele Leute in ebenso unverschuldeter Armut befinden wie sich einige in völlig unverdientem Reichtum sonnen, wäre es einfach nur zynisch und ein Rassismus anderer Art (Fortpflanzen dürfen sich nur Manager) die Erlaubnis zur Fortpflanzung an die finanzielle Leistungsfähigkeit zu knüpfen. Diese Forderung unterstellt, ist S. natürlich sich selbst treu geblieben, und hat eine zutiefst arrogante und zynische Forderung erhoben, die auf den Nachdenkseiten und anderswo zu recht kritisiert wird. Dennoch - und das ist der Zweck meines ausführlichen Leserbriefes - halte ich es für geboten, die grundsätzliche tiefere Richtigkeit der S.-Äußerungen anzuerkennen.

Ein weiteres Politikfeld möchte ich in diesem Zusammenhang ansprechen, das m.E. nicht von der Familienpolitik getrennt werden darf: Entwicklungshilfepolitik:

Wenn wir es ernst meinten in meinem Sinne, nämlich Vermehrung als ein globales Grundübel der heutigen Zeit zu bekämpfen, müssten wir auch global auf Einschränkung der Vermehrung dringen. Gerade in den Entwicklungsländern ist dieses Problem besonders dringend, da hier die Vermehrungsrate besonders hoch ist. Ich würde so weit gehen, die Gewährung von Entwicklungshilfe an die Reduktion der Reproduktionsquote zu knüpfen. Natürlich müssten die Maßnahmen entsprechend flankiert werden, um nicht zynisch zu sein. Also: Einem Paar in Afrika, das auf die Zeugung des siebten Kindes verzichtet, sollte eine entsprechende Belohnung zu teil werden, etwa eine verbesserte Versorgung/Ausbildung der schon vorhandenen sechs Kinder. Für das Setzen solcher Anreize wäre Entwicklungshilfe m.E. gut angelegt. Und jetzt kommen wir zur Verknüpfung mit deutscher Familienpolitik: Natürlich ist es potenziell rassistisch wenn wir von anderen, z.B von Schwarzafrikanern fordern, ihre Reproduktion zu drosseln. Um moralisch glaubwürdig zu bleiben und diesem Rassismusverdacht zu begegnen, dürfen wir natürlich nicht gleichzeitig die Reprokuktion unserer eigenen Gesellschaft fördern nach dem Motto "Wir brauchen weniger Schwarzafrikaner aber mehr Deutsche". Zur Bewahrung der Glaubwürdigkeit müssten wir natürlich genauso die Reproduktion im eigenen Land - im Grundsatz - ächten und die Schrumpfung der eigenen Bevölkerungszahl positiv werten. Als Ausgleich, wie oben angedeutet, sollten private Adoptionen in Deutschland (auch finanziell) gefördert werden (es ist allemal moralisch korrekter ein Baby aus Somalia zu adoptieren, als selbst eines zu zeugen, zumal wenn man gleichzeitig die Reproduktion in Somalia über oben angedeutetes Entwicklungshilfe-Instrumentarium bekämpft (dass nicht etwa die Somalier denken könnten: Wir können unsere Gene verbreiten und die dummen Deutschen ziehen unsere Sprösslinge groß). Und auf staatlicher Ebene sollten zum Ausgleich der fehlenden eigenen Kinder möglichst gut ausgebildete Einwanderer angeworben werden (für dessen gute Ausbildung zuvor man natürlich im Rahmen der Entwicklungshilfe einen Beitrag geleistet hat).

Gesamtfazit: Ich bin mir absolut bewusst, wie lächerlich undurchsetzbar meine Ideen sind (nicht nur hier, sondern, da wette ich drauf, in jedem Staat der Welt). Zweck dieses Ausflusses soll vielmehr sein, uns Linken klarzumachen, wie eine moralisch korrektere Welt eigentlich aussehen sollte (das ist ja ein ureigenes linkes Anliegen). Ich gehe davon aus, dass auch die Mehrzahl der Linken das Kinderkriegen gut heißt oder jedenfalls nichts Negatives darin sieht. Ich werde den Verdacht nicht los, dass auch eine Vielzahl Linker allzu unreflektiert den Konservativen nachplappert, Kinderkriegen sei prinzipiell etwas Erstrebenswertes, geradezu eine gesellschaftliche Heldentat. Den Zahn möchte ich uns Linken ziehen: Kinder Bekommen (nicht zu verwechseln mit Kinder Großziehen) ist grundsätzlich verwerflich. Diese provokante These stelle ich hiermit zur Diskussion.

Anonym 15. Mai 2009 um 20:37  

@pippilotta
Als Versuch einer Beantwortung:
Seit etwa 1914 bis heute bücken sich Sozialdemokraten um ein irgendwie, naja vielleicht Weiterkommen. Mehr aber auch nicht.
Eben die reine "Radfahrerpartei".
Nach oben buckeln, und nach unten treten. Aus Tradition!

nur-noch-links-waehler 15. Mai 2009 um 21:41  

Ich habe im TV ein Interview des Regierenden von Berlin zum Abgang Sarrazins gesehen.
Wie sehr er bedauert einen solch guten Mitarbeiter zu verlieren. Er hat immer gute Arbeit gemacht! Immer streitbar und offen und er wünscht ihm viel Glück!!! (Ich hätte brechen können)
Wenn schon ein "Sozialdemokrat" einen solchen Mitarbeiter TOLL findet, kann man sich ausrechnen was in den Köpfen da Oben vor sich geht!
Aber wer ist Schuld an der Misere? Der Wähler, der sich bei jeder Wahl wieder Honig ums Maul schmieren läßt! Ich jedenfalls bin froh das es heute noch/schon DIE LINKE gibt. Da kann man ruhigen Gewissens sein Kreuz machen um den Etablierten die Füße anzubrennen. Die Grünen haben sich aus ihrer Sonderrolle seit Jahren verabschiedet (Bsp: Militäreinsatz deutscher Soldaten)! NPD ist mir zu Vergangenheitsverleugnend.
Die anderen Winzigen kennt man kaum.
Für mich ist DIE LINKE auf jeden Fall das kleinere "Übel". Aber in den nächsten Jahren NIE WIEDER CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜN !!!

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