Facie prima

Samstag, 16. Mai 2009

Heute: Der Kompromisslose, Thilo Sarrazin


Er ist bekannt für seine provozierenden, sozialdarwinistischen, immer mehr ins faschistische Lager gehenden Äußerungen. Dafür wird er, so berichten es uns die Medien, eigentlich vom Volk geliebt - von einem bestimmten Teil des Volkes mag diese Behauptung stimmen. Das kompromisslose Auftreten, diese naive Ehrlichkeit, das Sehen der Welt wie sie ist, nicht wie sie politisch gefärbt umgedeutet wird: all das hält man ihm zugute. Endlich sei da einer, der sich nicht durch Parteidisziplin und politische Korrektheit stoppen ließe, endlich mal eine ehrliche Haut, die ohne Rücksicht auf Verluste die Wahrheit ausspricht. Flankiert wird diese Mär vom geliebten Kompromisslosen durch das Bild. Wir sehen einen philosophierenden, gleichwohl mit dem Finger mahnenden Mann, der sein ganzes Wissen, seinen ganzen Wahrheitsdurst in einen Monolog wirft, der uns, der den Bürgern dieses Landes, die Augen öffnen soll. Da fabuliert nicht irgendein abgehalfteter Haßprediger von seiner Kanzel herab, sondern ein Denker, ein Sinnierender, ein Visionär.

Der visualisierte Liebling, dieses offene Buch seiner eigenen Gedanken, dieser Mann, der sein Herz auf der Zunge trägt, ist aber mehr als kühler Analytiker. Er ist humorvoll, er ist spaßig im Ernst, er lächelt verschmitzt. Seine ganze Größe wird offenbar, denn die wahre Geistesgröße zeigt sich nicht bierernst, sondern immer mit einer Portion Listigkeit, Bauernschläue, Verschmitztheit. Hier zeigt sich der Sarrazin, der angeblich so sehr geschätzt wird, hier nimmt sich einer nicht zu ernst, hier spricht einer bittere Wahrheiten aus, ohne mit einer Leichenbittermiene herumlaufen zu müssen. Das schafft Sympathie, das nähert ihn den Leuten an, die mit ihm der Meinung sein sollten, dass Rentner Ballast und Erwerbslose asozial seien. Ernste Themen - fürwahr. Aber nicht so ernst, als dass man dabei Trauerfalten ins Gesicht graben sollte. Der zynisch und gleichzeitig verschmitzt lächelnde Sarrazin wirkt beruhigend auf den Betrachter, denn er verdeutlicht schwere Themen, die ihm so ernst sind, dass er bereits die Sterilisation als Mittel der Geburtenkontrolle heranzieht, kann aber dabei immer noch das süffisante Faschistenlächeln aufsetzen, welches bittere Wahrheiten erst erträglich macht für solche, die sich in gleicher Weise "sorgen" wie er.

Sarrazin ist ein reine Medienkreatur. Er ist das medial hochgehobene Mittelmaß, bar jeglicher ethischer Denkweise, bar jeglicher Bescheidenheit, frei von Intellekt, frei von Zurückhaltung. Er ist der gröhlende und polemisierende Aggressor am Stammtisch, der seine Saufbrüder aufstachelt, sie mit ins Boot holt, um dann gemeinsam gegen Wehrlose zu wettern. Was ihn auszeichnet ist seine Banalität, er ist ein schrecklich banaler Hanswurst, ein Irgendwer, der qua seiner Skrupellosigkeit und fehlenden Moral in Position gekommen ist. Der visualisierte Sarrazin macht deutlich, dass es sich bei ihm um einen kompromisslosen Wahrheitsfanatiker handelt, der nicht humorlos ist, sondern mit bravem Lächeln anspricht, was viele denken und was vielen wehtut, weil sie Opfer seiner Eskapaden werden. Dank der Fotographie, dank der Begabung des Fotografen, wird aus einem mittelmäßigen Gecken, ein regelrechter Denker und Sympathieträger - die Banalität ins rechte Licht gesetzt, kann Führerschaften begründen.

34 Kommentare:

Jochen Hoff 16. Mai 2009 um 08:21  

Das hast du wunderbar formuliert. Ja er wird immer faschistischer. Nennt man das was er treibt, eigentlich noch immer Volksverhetzung? Seltsam das die so aktive Berliner Staatsanwaltschaft bei dem nie aktiv wird.

Ich hab sie dauernd am Hintern. Aber das ist der Unterschied. Sarrazin hat Macht.

Anonym 16. Mai 2009 um 08:42  

Sarazin hat mehrere Infarkte hinter sich. Vielleicht ist dies sein Versuch seine ihm deshalb bleibende Behinderung zu kompensieren?

sidibe 16. Mai 2009 um 09:02  

Nur ein Wort zum Ursprung seiner Karriere. Er hat unter einer SPD-Regierung die Tochter eines DGB-Chefs geheiratet.

Margitta 16. Mai 2009 um 09:52  

Jetzt wird mir klar, warum wir "Deutschland am Hindukusch" verteidigen" müssen.

Meine Definition von SPD, CDU, FDP, Grüne ist:

S ~ Saftlose
P ~ Pflaumen
D ~ Degeneriert

C ~ Clique
D ~ Dummer
U ~ Unholde

F ~ Fabrik
D ~ Der
P ~ Propaganda

G ~ Gänseblümchen
r ~ redet
ü ~ über
n ~ Natur
e ~ elitär

Die Linke, lasse ich außen vor, da sie noch nicht die Gelegenheit hatten ihr Talent zu beweisen.

Lasst uns gangbare Wege suchen, den zur Zeit herrschenden Zuständen in unserem Lande ein Ende zu bereiten.

Auf in den Kampf und uns allen viel Erfolg bei der FRIEDLICHEN Umsetzung unseres Vorhabens.

In diesem Sinne,
liebe Grüße
Margitta Lamers

Anonym 16. Mai 2009 um 10:21  

"[...]Die Linke, lasse ich außen vor, da sie noch nicht die Gelegenheit hatten ihr Talent zu beweisen.[...]"

Oh doch, Sarrazin hat mit Wowereit zusammen eine Linke/SPD-Stadtregierung in Berlin vertreten, und ganz genau diese neoliberalen Linken gehören beobachtet. Nein, nicht vom Verfassungsschutz, von uns den anti-neoliberalen Kräften.

Die Wendehälse, die nun z.B. aus der Linkspartei austreten, und zusätzlich noch zur neoliberal gewendeten Müntefering-SPD wechseln bzw. dies schamlos neben Münte in der Öffentlichkeit ausbreiten, die meine ich - Man könnte hier auch sagen, "die Ratten wechseln das Boot" - von der Linkspartei in die SPD.

Die, die in der Linkspartei bleiben, und weder mit der Berliner Linken noch einer anderen neoliberal-gewendeten Fraktion in der Linkspartei (Dresden?) was zu tun haben, die sind m.E. auf dem richtigen Weg. Oskar Lafontaine ist ja nicht umsonst von der SPD in die Linkspartei gewechselt, und anti-neoliberal.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser
(selbst Linker aber bei der Linkspartei - eben wegen dem Umgang mit KritikerInnen der Berliner Stadtregierung - oberskeptisch gegenüber Neoliberalen in der Linkspartei - ja, die soll es wirklich geben :-( ;-))

Peinhard 16. Mai 2009 um 11:03  

Auch wenn ich mich wiederhole - 'anti-neoliberal' reicht nicht. Was unter dem Label 'neoliberal' zusammengefasst wird, ist nichts als eine (weitere) 'logische' Reaktion auf eine (weitere) prekäre Geschäftslage des Kapitalismus, der (mal wieder) an innere und äußere Grenzen des systemnotwendigen Wachstums stösst und dessen ebenso notwendige weitere Akkumulation und Konzentration von Macht und Geld daher stockt. Was, bitte schön, wäre denn damit gewonnen, diese 'Logik' nur wieder in Funktion zu setzen...?

Manfred 16. Mai 2009 um 11:20  

Das grausamste daran: Die Ranzengarde, eine Fastnachtskorporation ausgerechnet aus meim goldische Meenz, hat diesen ekelhaften Faschisten zur Fastnachtskampagne 2009 mit einem Modell des Ranzengardebrunnens geehrt. Aus der "Laudatio": "Der Berliner Sparminister hat das chronische Defizit des Berliner Landeshaushaltes auf Null gebracht. Bei dieser harten Arbeit, bei der sich manch anderer Finanzminister eine Scheibe abschneiden könnte, hat er immer ein knackiges Statement, einen kessen und lockeren Spruch auf Lager, mit dem er Wahrheiten verkündet, zu denen sich andere nicht trauen." Da dreht sich mir der Magen um!

Anonym 16. Mai 2009 um 11:23  

Statt einen kompromisslosen Rechten bräuchten wir wieder mehr kompromisslose Linke. Solche, die ohne Bedingungen für die Übernahme aller Heizkosten bei ALG-Empfängern sind, solche die für die Übernahme aller Zuzahlungen im Gesundheitswesen sind oder die die Steuern für Reiche erhöhen wollen. Einen solchen Anti-Sarrazin hat die SPD aber nicht, und er würde in seiner Partei vermutlich nicht lange Freude haben.

Peinhard 16. Mai 2009 um 11:49  

"Statt einen kompromisslosen Rechten bräuchten wir wieder mehr kompromisslose Linke. Solche, die ohne Bedingungen für die Übernahme aller Heizkosten bei ALG-Empfängern sind, solche die für die Übernahme aller Zuzahlungen im Gesundheitswesen sind oder die die Steuern für Reiche erhöhen wollen."

Wenn das schon 'links' ist - sollte Roberto vielleicht den Titel seines Blogs nochmal überdenken...? Ist eine etwas großzügigere Armutsverwaltung unter Beibehaltung eben der 'Logik', die eine solche überhaupt erst nötig macht, wirklich schon alles, was man sich wünschen soll oder darf?

Die Notwendigkeit eines 'Sozialstaats' - noch dazu bei steigender Produktivität nicht etwa weniger, sondern im Gegenteil immer mehr - ist doch selbst schon das beste Argument gegen diese 'Wirtschaft'...

Roberto J. De Lapuente 16. Mai 2009 um 11:51  

Aber Peinhard, warum ich? Ich habe doch gar nichts gesagt!

klaus baum 16. Mai 2009 um 12:07  

Du hast Herr NSarrazin das Wort Wahrheit zugesprochen. Das tut so weh, daß ich wohl fortan dieses Wort nie mehr gebrauchen werde.

mzk 16. Mai 2009 um 12:12  

Ach Roberto J. De Lapuente ...
Was hat der Sarrazin in meinem Infoportal verloren ?
Nix.
Ich biete solchen Leuten keine Plattform.
Aber der Artikel ist sowas von zum Niederknien ...
Reingestellt.
Ohne Wenn und Aber.
Danke.

Peinhard 16. Mai 2009 um 12:27  

Das war ja auch nicht an dich oder gar gegen dich gerichtet - aber wenn das wie gesagt 'links' sein soll, dann muss ich mich doch fragen, ob ich überhaupt noch 'links' sein oder 'nach links' will...?

So verständlicher?

klaus baum 16. Mai 2009 um 12:52  

je länger und aufmerksamer ich mir die porträts von sarrazin anschaue, um so mehr bekomme ich den eindruck: der mann SIEHT DUMM AUS.

Anonym 16. Mai 2009 um 13:11  

@Peinhard

Mir egal was du meinst.

Ich bleib dabei was die Linkspartei angeht - die Neoliberalen sind in dieser Partei falsch aufgehoben, wie man in Berlin und in Dresden(?) sieht.

Im übrigen, als Westdeutscher bin ich eben nicht so ideologisch verbohrt rein auf Sozialismus/Kommunismus zu stehen ohne hier zwischen "demokratischem" und "autoritärem" Sozialismus zu unterscheiden, wobei letzterer ja zum Glück in der DDR und im Ostblock gescheitert ist, und der "Demokratische Sozialismus/Kommunismus" m.E. noch nie in der Praxis erprobt wurde, ergo auch nicht scheitern konnte.

D.h. so ganz stimmt es ja nicht, der "demokratische Sozialismus" wurde in Spanien schon einmal praktiziert, und wer "Land and Freedom" von Ken Loach gesehen, oder mal was über diesen Konflikt gelesen hat, der weiß, dass dieser nicht einmal den "autoritären Kommunisten/Sozialisten" Moskaus gepaßt hat, d.h. Stalin hat die damalige Spanische Revolution, die wir alle als Spanischer Bürgerkrieg kennen, verraten.....

Die Linke dort zersplitterte übrigens auch, und hat sich in gegenseitigen Grabenkämpfen - im wahrsten Sinne des Wortes - aufgerieben - Franco hat davon profitiert....

Sollen wir es - unter Merkel - auch soweit in Deutschland kommen lassen oder lieber eine gemeinsame Front gegen den offensichtlich "gescheiterten Neoliberalismus" (Zitat: Wirtschaftsnobelpreisträger J. Stiglitz) bilden? Was ist dir lieber? Also mir ist Merkel-Deutschland so lieb, dass ich diesem Land innerlich schon meine Kündigung ausgestellt habe, und wirklich schon am Überlegen war auszuwandern.....einzig die Linkspartei, egal wie auch immer....verhindert dies (derzeit) noch....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Peinhard 16. Mai 2009 um 17:06  

@Nachdenkseitenleser

"Mir egal was du meinst."

Das ist schon mal gut. :)

"Ich bleib dabei was die Linkspartei angeht - die Neoliberalen sind in dieser Partei falsch aufgehoben, wie man in Berlin und in Dresden(?) sieht."

Das ist aber eine ganz andere Frage als die, ob 'anti-neoliberal' allein schon 'links' bedeutet. Und ob die Linkspartei tatsächlich 'den Kapitalismus überwinden' will, wie Oskar mal wieder im Spiegel schalmeit, oder doch nur ein bisschen weniger unmenschlich gestalten will, das bleibt eben auch noch die Frage. Noch sind Berlin und Dresden dort sehr wohl 'aufgehoben'.

"Im übrigen, als Westdeutscher bin ich eben nicht so ideologisch verbohrt [...]"

Bist sicher...? ;)

Anonym 16. Mai 2009 um 17:48  

Übrigens, auf die Ewig-Debatte was den nun wirklich "links" oder "nicht links" ist da lasse ich mich auch nicht mehr ein, denn dies führt nur dazu, dass wir uns letztendlich genauso dämlich verhalten wie unsere neoliberalen Gegner, die uns neuerdings auch erklären wollen was wir unter "links" und "gerecht" zu verstehen haben.

Das oberlehrerhafte steht mir nicht, und ich bleib dabei, dass ich als "links" und "gerecht" definiere was ich einmal in der alten BRD darüber gelernt habe als Birne noch Kanzler war, und Neoliberale nur eine Randerscheinung der Geschichte.

Die gute alte Zeit eben - nur diesmal in West- statt in Ostdeutschland....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Beim Bimbes-Kanzler war zwar auch nicht alles wirklich "gut", aber es war immerhin eine gerechtere Zeit als unter der INSM-Kanzlerin Angela Merkel, und deren neoliberalem Anhang, welcher nix aus der schlimmsten Krise seit 1929 lernen will. Man sieht es jetzt daran, dass die uns ab 2011 androhen, dass wir "für ihre Krise" bezahlen sollen. Ich denk mal unter Kohl hätte es dies nicht gegeben 500 Milliarden an Banken - ohne irgendwelche Vorbedingungen - verschenken, und dem Restvolk, dass weitgehend zur Mittel- und Unterschicht gehört eine dreiste Mehrwertsteuererhöhung androhen. Nein, wirklich nicht! Honeckers Rache = Angela Thatcher ist schlimmer als Kohl und Honecker zusammen.

Anonym 16. Mai 2009 um 19:38  

@ Margitta ...etwas off topic

Zitat
Jetzt wird mir klar, warum wir "Deutschland am Hindukusch
verteidigen" müssen.
I wo ...alles nur ein Stabilisierungseinsatz!

Interview:
Steffen Hebestreit u.Thomas Kröter
Frage:

Wir haben gelernt, dass Deutschland am
Hindukusch verteidigt wird.
In jüngster Zeit scheint sich dort die Lage zu verschlechtern.
Wäre es nicht an der Zeit, den Einsatz endlich als das zu bezeichnen, was er in Wirklichkeit
längst ist:ein Krieg?
Franz Josef Jung[Clique Dummer Unholde]:

Ich halte es für falsch, von einem Krieg zu sprechen.
Es ist ein Stabilisierungseinsatz. Denn allein militärisch werden wir in Afghanistan keinen Erfolg haben.
Ein Krieg wird nur militärisch geführt.
Im Krieg findet kein Wiederaufbau statt, kein Bau von Schulen oder Krankenhäusern, im Krieg werden keine einheimischen Streitkräfte ausgebildet.
In Afghanistan ist kein Krieg....ooops???
...noch Fragen?
quelle fr-online

Anonym 17. Mai 2009 um 10:39  

"[...]Das ist aber eine ganz andere Frage als die, ob 'anti-neoliberal' allein schon 'links' bedeutet. Und ob die Linkspartei tatsächlich 'den Kapitalismus überwinden' will, wie Oskar mal wieder im Spiegel schalmeit, oder doch nur ein bisschen weniger unmenschlich gestalten will, das bleibt eben auch noch die Frage. Noch sind Berlin und Dresden dort sehr wohl 'aufgehoben'.[...]"

Hast Recht, aber sollte, wie schon erwähnt, die Linkspartei den Weg gehen, der mir nicht gefällt, dann bin ich auch draussen - noch eine marktradikale Partei im Bundestag ist nicht notwendig. Jetzt klar worauf ich hinaus will?

"[...]"Im übrigen, als Westdeutscher bin ich eben nicht so ideologisch verbohrt [...]"

Bist sicher...? ;)[...]"

Wie meinst du denn das, Peinhard? Also wer mich kennt weiß, dass ich - ohne gleich beliebig zu werden, wie Gerhard Schröder (SPD) - nach allen Seiten offen bin.

Übrigens, natürlich weiß ich, dass ich auch in Westdeutschland ideologisch verbohrte finde, aber sicher nicht in die selbe Richtung wie die DDR ;-)

Oder?

Apropo "Neoliberale" sind natürlich weder "beliebig" noch "ideologisch verbohrt" - ihren eigenen Worten nach, aber die Taten (HartzIV, Agenda2010 und andere Sozialabbau-Schw....) sprechen eine andere Sprache....

Ebenso wie die Tatsache, dass bekennende Marktfundamentalisten ideologisch wie die sind nix aus ihrer Ideologie lernen, wie man gestern wieder sah, und ähnlich wie alte Nazis auf Bücherpropheten ("Mein Kampf" als Beispiel für die Nazis und Hayeks/Friedmans Bücher als Beispiel für neoliberale Ideologen) stehen, und uns dies als ihr Wissen überstülpen wollen.....

Robert Misik hat dazu neuerdings ein nettes Buch verfasst, dass sich mit der "Konservativen Paranoia" der CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNEN befaßt....

Echt lesenswert weil hier jemand mal die neoliberale Ideologie als das bezeichnet hat, mit stichhaltigen Argumenten, was die ist.....Schwachsinn hoch zehn.....Danke, Herr Misik....

Was "links" angeht, ich glaube dazu habe ich dir schon eine Antwort geliefert, wie ich die Sache sehe ;-)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 17. Mai 2009 um 10:46  

"[...]Beim Bimbes-Kanzler war zwar auch nicht alles wirklich "gut",...[...]"

Eine Ergänzung noch:

Was meinst du warum nun alle 20 Jahre nach dem Ende der DDR auf dieser rumreiten, und nicht einfach akzeptieren, der autoritäre Kommunismus/Sozialismus ist 1989 - 1991 gestorben?

Meine Vermutung ist die, dass dies davon ablenken soll, dass die alte BRD unter Helmut Kohl eben auch um einiges gerechter war als das INSM-Deutschland Angela Merkels/Steinmeier....

Irgendwo las ich sogar, dass die SPD - zu Hochzeiten der "Reformen" - auch Kohls Regierung als "sozialistisch" brandmarken wollte.....

Was Neoliberale, unter Schröder und Merkel, als "Sozialistisch" verstehen, dass wissen wir nun alle, aber man sollte auch einmal sagen, dass die Republik Kohls zwar nicht "links" war, aber es ging dennoch um einiges gerechter zu als heute unter Merkel - Kein Wunder, dass Merkel-Freunde und neuerdings erklären wollen was wir unter "gerecht" zu verstehen haben....

Irgendwo....., dass gescheiterte Ideologien, um vom Scheitern abzulenken, immer wieder den Normalmenschen erklären wollen was die unter Begriffen zu verstehen haben.....

So erkläre ich mir die aufkeimende Debatte was du und ich, wenn es nach Marktradikalen geht, unter "ideologisch"; "gerecht" und "links" zu verstehen haben.....

Wie schon gesagt, wir sollten uns auf das Spiel, dass mich verdächtig an die alte Sowjetunion erinnert - dort wurden den Normalbürgern andere Begriffe schmackhaft zu machen versucht, und die Ideologie war eine andere - rein technisch nicht einlassen.

Führt zu nix....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Peinhard 17. Mai 2009 um 12:44  

@Nachdenkseitenleser

Es geht mir auch weniger um den Begriff 'links' - den schenk ich dir notfalls - als darum, dass allein 'anti-neoliberal' als Standpunkt eben bestenfalls 'nostalgisch' ist, dass er nur zurückzeigt auf eine im nachhinein 'glücklicher' und 'gerechter' wirkende Zeit - die aber, gerade auch mit Kohl und seiner 'geistig-moralischen Wende', bereits alle 'Keime' der heutigen Situation aufweist.

Und dass es darüber hinaus und von Personen unabhängig die 'kapitalistische Logik' selbst ist, die die neoliberale Ideologie quasi erfinden musste, um den bereits seit Mitte der 70er kränkelnden Geschäftsgang mit Methoden der Lohndrückerei und Auslagerung einerseits und mit Spekulation andererseits überhaupt noch am Laufen zu halten.

Und dass es also weiters auch 'keinen Sinn macht', sich auf der Zeitleiste sozusagen wieder ein Stück nach hinten setzen zu wollen, nur um denselben Mist, dieselbe Logik sich dann ein weiteres Mal entfalten zu sehen - abgesehen davon, dass das auch gar nicht geht. Und dass die Zeiten auch mitnichten so 'glücklich und gerecht' waren, wie es im Vergleich zu heute vielleicht scheinen mag.

So, da haste. ;)

Was mich natürlich auch noch interessieren täte - welches Urteil deinerseits mich so zielsicher als 'DDR-sozialisiert' ausweist.

Peinhard 17. Mai 2009 um 16:40  

Den Kommentar von heute mittag habe ich verfasst, bevor die beiden letzten beiträge sichtbar waren. Was 'in der Sache' allerdings auch keinen Unterschied macht - die 'Soziale Marktwirtschaft' ist Vergangenheit, die man weder zurückwünschen kann noch sollte. Das wiederum kann und sollte einen natürlich nicht daran hindern, auch im 'Hier und Jetzt' für vergleichsweise bessere Zustände einzutreten und weitere Zumutungen abzuwehren, aber als 'Perspektive' ist es witzlos.

Anonym 17. Mai 2009 um 17:04  

"[...]Was mich natürlich auch noch interessieren täte - welches Urteil deinerseits mich so zielsicher als 'DDR-sozialisiert' ausweist.[...]"

Hab ich das irgendwie behauptet?

Wenn ja, oder auch nur der Eindruck entstand, dann entschuldige ich mich, peinhard.

Mir kommt es so vor als wünscht du dir den ganzen Kapitalismus zum Teufel? Irre ich mich da?

Korrigier mich bitte, wenn dem so ist.

Ich selbst hätte übrigens auch gerne ein anderes System, aber irgendwie sehe ich da - auch wenn ich mich jetzt wie ein Neoliberaler anhöre - keine Alternative zum Kapitalismus.

Lateinamerika probiert derzeit einen "demokratischen Sozialismus" aus, der funktioniert dort sicher perfekt, aber bei unseren Mitbürgern in Deutschland habe ich da so meine Zweifel - auch in der Langzeitperspektive - ob der "demokratische Sozialismus" hier funktioniert.

Was deine Meinung über den Neoliberalismus angeht, die teile ich weitgehend, Peinhard, aber so alternativlos wie du meinst ist der nicht - wie Südamerika zeigt.

Ich widerspreche mir, sorry, eigentlich wollte ich nur schreiben, dass dieses System in jedem anderen Land funktioniert nur nicht in einem wo schon mit der Muttermilch der nazi-stämmige Antikommunismus/-sozialismus mehrheitlich eingesogen wird - ich meine unser Deutschland - wie das Superwahljahr 2009 sicher in der Bundestagswahl beweist. Es fängt ja jetzt schon an :-(

Was uns bleibt um doch noch einen "demokratischen Sozialismus" zu Lebzeiten zu erleben?

Auswandern nach Lateinamerika, in Deutschland wird in tausend Jahren nix draus - da bin ich pessimistisch, und dies schreibe ich trotz Linkspartei in Deutschland.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 17. Mai 2009 um 17:11  

@Peinhard

Geb dir Recht, aber ich schreib ja - als junger Mensch - von der Zeit in der ich aufwuchs, und die 1989 mit der dt. Einheit endete, was hinterher (fett) kam hat auch Helmut Kohl zu verantworten, dies ist richtig.

Heiner Flassbeck beschreibt in seinem neuesten Buch, dass ich heute fertig gelesen habe, dass eben durch die Einheit viele Fehler gemacht wurden, die wir heute noch ausbaden müssen....

Wäre die Einheit nicht gewesen, da bin ich sicher, wäre mein Leben sicher anders verlaufen, d.h. ich rede hier nicht allein vom Bücherwissen sondern von meiner Erfahrung im wiedervereinigten Deutschland, die - wie bei vielen anderen in der ehemaligen BRD - weitgehend negativ waren.

Ich bin einmal gespannt wann die Geschichte der BRD aufgearbeitet wird, wenn überhaupt...., und dies ohne nostalgischen Rückblick.....und auch mit Blick auf Lebensläufe, die - auch im Westen - dank Einheit Brüche aufweisen.....z.B. im Öffentlichen Dienst wo seither Personal abgebaut statt eingestellt wird....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Es gibt übrigens einen prominenten Buchautor, der mit mir einer Meinung ist - Ingo Schulze "Adam & Evelyn" - er bezeichnete, trotz Dauerpropaganda von INSM & Co. die alte BRD gerechter als die heutige Maggy-Merkel-Republik.

Peinhard 18. Mai 2009 um 10:27  

@Nachdenkseiten-Leser

Deinen 'Pessimismus' teile ich in gewisser Weise. Andererseits hört man genau das vielleicht auch ein bisschen zu oft - wäre ja schön, aber hier nie und nimmer oder wenigstens nicht jetzt oder in absehbarer Zeit. Nähme man allein diese Stimmen (auch AM hat sich - siehe den Streit mit Kurz - ja schon so geäußert) mal zusammen, könnte das dagegen schon eine recht breite 'Diskussionsbasis' abgeben. Nur kommt sie eben wegen dieser 'defätistischen' ;) Haltung gar nicht erst zustande... da winkt dann schon der Watzlawick um die Ecke mit seiner selbsterfüllenden Prophezeihung.

Deutschland hat ua mit der Wiedervereinigung, aber auch mit seiner dämlichen Ausrichtung auf Export natürlich seine ganz spezifischen Probleme - aber die hat jedes Land, und die 'Krise' ist trotzdem eine weltweite. Eine der mE nicht so einfach beiseite zu schiebenden Thesen dazu lautet, dass uns schlicht die (Lohn-) Arbeit ausgeht. Dazu ein kurzes Gedankenexperiment - stell dir ein 'Schlaraffenland' vor, in dem vollautomatische Fabriken alles ausspucken, was das Herz so begehrt. Aber der ganze wunderbare Krempel wäre im kapitalistischen Sinne vollkommen 'wertlos' - keine Lohnzahlungen, keine Nachfrage.

Nur bricht der kapitalistische Geldkreislauf natürlich auch nicht erst in dieser gedachten Extremsituation zusammen, sondern schon viel früher. Bereits seit den 70ern befindet sich der entwickelte Kapitalismus in der Sitauation, die ständige Prozessinnovation (Produktivitätssteigerungen, Rationalisierungen) nicht mehr durch adäquate Produktinnovation (neue Waren, die mindestens diese 'verlorenen' Arbeitsplätze neu installieren) ausgleichen zu können. Es lässt sich auch vergleichsweise einfach zeigen, dass keine der uns immer wieder gern präsentierten Chimären - Wissens- oder Dienstleistungsgesellschaft, Globalisierung etc - diese Verluste in der Verwertung der Arbeitskraft ausgleichen, geschweige denn das auch weiterhin ständig benötigte Wachstum generieren können. Abgesehen von der Frage, ob wir in dieser Hinsicht nicht auch längst die ökologischen Grenzen erreicht bzw eigentlich schon überschritten haben.

Wenn man sich diese These zu eigen macht - die mit jeder Krise, auch den 'kleineren', ständig steigende Sockelarbeitslosigkeit zB deutet auch in diese Richtung - dann ist eine 'Überwindung' des Kapitalismus auch keine rein 'moralische' Frage mehr. Man kann sich im Gegenteil ziemlich präzise 'ausrechnen', dass eine weitere Prekarisierung so gut wie das einzige ist, was der Kapitalismus unter solchen Umständen überhaupt noch hervorbringen kann.

Und da hilft es denn auch um so weniger, sich wieder in die 80er oder gar 60er 'zurückzuwünschen' - dieser fortschreitende Prozess der Rationalisierung ist eben nicht umkehrbar, und selbst wenn ein weiterer Wachstumsprozess durch neue und Arbeitskraft im großen Stil absorbierende Waren doch noch einmal in Fahrt kommen sollte, dürfte ein solcher gleich um so mehr mit der bereits reichlich angeschlagenen Ökologie kollidieren.

Das wurde im übrigen in den 70ern und frühen 80ern auch in dieser Republik insbesondere von den 'grünen Linken' (der den linken Grünen...) auch schon mal dikutiert - bis dann der 'finanzgetriebene' Kapitalismus die Illusion nährte und verbreitete, es gäbe Wachstum auch ohne die Verwertungsbasis (Lohn-) Arbeit. Aber wie wir gerade schmerzlich erfahren - und dabei wohl auch erst am Anfang stehen - war das eben nur eine Illusion, die gerade mit Pauken und Tromitten untergeht. Und so die Frage, die damit immerhin eine ganze Zeit lang wenigstens teilweise 'überspielt' wurde, nur um so dringender wieder auf die Tagesordnung setzt ('Agenda' kann man ja nicht mehr sagen...).

epikur 18. Mai 2009 um 12:34  

Sarrazin sorgt vor allem für "Teile und Herrsche". Er stachelt die wenig Besitzenden gegen die noch weniger Besitzenden auf. Eine Ablenkung der wirklichen Probleme und der wirklichen Übeltäter (Banker, Manager, Investmentbanker, Unternehmensberater etc.) ist das vor allem.

Ich wünsche mir, dass der sich stetig steigende Volkszorn endlich gegen diejenigen gerichtet wird, die ihn verursacht haben.

Peinhard 18. Mai 2009 um 13:07  

"Ich wünsche mir, dass der sich stetig steigende Volkszorn endlich gegen diejenigen gerichtet wird, die ihn verursacht haben."

Ehrlich gesagt - ich nicht. Denn erstens bringt uns eine Personalisierung der Debatte nicht weiter - es sei denn man könnte zeigen, dass vor allem der 'böse Wille' einzelner die Entwicklung vorangetrieben bzw ermöglicht hat - und zweitens läuft mir beim Wort 'Volkszorn' so ein Schauer über den Rücken...

epikur 18. Mai 2009 um 14:51  

@peinhard

Ich glaube, Du hast mich missverstanden. Eine Personalisierung der Debatte bzw. Probleme lehne ich ebenfalls ab, da sie die strukturellen Ungleichheiten ignoriert und so tut, als wären alle Probleme die Ursache von Einzelnen. Genau das wird doch aber von Sarrazin und co getan, indem Arbeitslose als Grundübel bezeichnet werden.

Eine Hexenjagd auf Banker und Manager, die Millionen verzockt haben und verantwortlich für tausende Arbeitslose und damit zerbrochene Existenzen sind - befürworte ich jedoch mehr als die jetzige auf Arbeitslose. Auch wenn ich generell KEIN Freund von Hexenjagden bin ;)

Anonym 18. Mai 2009 um 15:44  

@epikur

Hallo,

ich stimme dir zu, es wird Zeit, dass wie ich immer wieder im Zorn sage: "Nicht immer wir (die "Kleinen") "hängen", sondern, dass es auch einmal die vermeintlich "Großen" trifft.

Vor allen Dingen, wenn, wie Klaus Baum heute schreibt, die alte Sch.... so weiterlaufen soll als hätten wir keine "Neue Weltwirtschaftskrise", die ihre wahren Ausmaße wohl erst im Laufe des Jahres 2009/2010 entfaltet, und in so einer Situation rufen die neoliberalen Lobbyisten von INSM, DIW & Konsorten als Geldgeber von Maggy Merkel zu Steuererhöhungen für die Mittel- und Unterschicht, und die FDP sowie Maggy Merkel für Steuersenkungen (für wen wohl, wenn nicht die "Eliten" - 1,6% der dt. Bevölkerung - ergo wie Egon Kreuzer auf seinem Blog herausfand die "Superreichen"?) auf.

Wenn wir hier nicht noch mehr "soziale Unruhe(n)" als sonst bekommen, und die Gewerkschaften sich aus der sklavischen Umarmung der SPD lösen - siehe auch "Proteste" am Samstag letzte Woche, dann sehe ich dunkelschwarz für dieses Land, und dies schreibe ich gerade weil ich Deutschland schon längst - seit Agenda2010 und Hartz-Kriminellem - innerlich gekündigt habe.

@Peinhard

Magst schon richtig liegen, aber ich sehe für irgendeine Art von Sozialismus/Kommunismus gerade wegen der weltlichen Religion des Antikommunismus, die Adolf Hitler großgezüchtet hat, und die seine konservativen Enkel jetzt im Wahlkampf übernehmen wollen, keine Zukunft für sozialistische "Experimente" in Deutschland.

Einer der Mitbegründer von Attac Österreich plädiert für einen "Dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus/Kommunismus - ich denke einmal er meint damit was völlig Neues, und nicht die alte soziale Marktwirtschaft (=Kapitalismus).

Mehr dazu hier:

"Neue Werte für die Wirtschaft
Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus." von Christian Felber.

Übrigens, ich weiß, dass auch Attac keine Patentrezepte hat, aber immerhin denkt hier jemand mal über einen "Dritten Weg" nach der nix mit dem Schröder/Blair-Papier zu tun hat - mehr in die wohlfahrtsstaatliche Richtung.

Ich kann dir aber nicht mehr schreiben, du mußt das Buch schon selbst ausleihen bzw. kaufen und lesen.....

Die Vorschläge finde ich durchaus überlegbar....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Margitta 18. Mai 2009 um 16:15  

@ epikur,

Dein Wunsch ist verständlich und gründet meines Erachtens, in der ohnmächtigen Wut Deinerseits.

Wenn ich mir so den stetigen Verfall unserer Gesellschaft ansehe, verliere ich fast den Verstand vor lauter WUT.

Aber wem hilft es, meine Energie auf diese Weise zu vergeuden?
Was erreiche ich denn damit?

Diese Wut die mich da überfällt, kann ich auch anders nutzten.

Ich beruhige mich, indem ich mich ablenke mit Tätigkeiten die sonst noch anstehen. Notfalls lege ich mich schlafen. Wenn dann mein Verstand wieder das Kommando übernommen hat, fange ich an mir ein Gesellschaft auszumalen, in welcher ich leben möchte. Und da werde ich nicht müde, diese immer und immer wieder zu gestalten. Die Freude da zu leben, spüre ich, vom Bauch ausgehend erfasst sie meinen ganzen Körper.

Gleichzeitig versuche ich meinen Mitmenschen zu erklären, dass Gewalt immer nur Gewalt erzeugen kann.

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt dies unmissverständlich.

Zur Zeit stelle ich mir vor, wie es wohl sein könnte, wenn halb Deutschland dies ebenso machen würde?

Ich suche noch Menschen die mir dabei helfen meinem Traum zu verwirklichen.

Kann ich Dich dazu animieren? .....

Liebe Grüße
Margitta Lamers

Flying Circus 19. Mai 2009 um 09:18  

Auf die Gefahr hin, Godwins Law zu erfüllen, die stetige Hetze des Herrn Sarrazin erinnert auch mich an düstere Zeiten, als ein Sündenbock gesucht und auch gefunden wurde. Oder genauer, mehrere Sorten von Sündenböcken. Arbeitslose standen auch damals ja nicht gerade hoch im Kurs.

Aber der Herr Sarrazin wird irgendwann im Laufe seiner Sozialisierung mal gelernt haben, daß man mit solchem Geschrei eben stillen (oder weniger stillen) Respekt ernten kann. Endlich mal einer, der unbequeme Wahrheiten ausspricht! Nur, daß diese Wahrheiten nicht unbequem (und natürlich auch nicht wahr) sind. Ganz klar, eine schöne Situation: zum einen macht man sich bei den richtigen Leuten beliebt, zum anderen wird man auch noch für "mutig" gehalten. Wiewohl es in meinen Augen keinerlei Mut braucht, auf den Schwachen herumzutrampeln, die sich nicht wehren können.

Was die Debatte über Ost-West, Kapitalismus und Kommunismus hier angeht, nur ganz kurz: dieses auf Zins basierende System kann auf Dauer nicht funktionieren. Egon W. Kreutzer erklärt in seinen Büchern überzeugend, warum. Und man sieht ja auch schon die Zerfallserscheinungen. Aber: alles wird gut, denn die FDP fordert ja "mehr Netto vom Brutto". Das wird mich, der ich im Monat einen zweistelligen Betrag an Steuern zahle, aber freuen. Und bei der Sozialversicherung spare ich ja auch! Andererseits bekomme ich dann natürlich weniger Leistungen und muß privat vorsorgen. Rechte Tasche - linke Tasche? Nein, denn die private Vorsorge muß sich für die Bereitsteller derselben ja lohnen (fette Prämien) ...

Aber nochmal zurück zu Herrn Sarrazin: Ich bin ja heilfroh, daß ich nicht in Berlin wohne. Diesem Mann auf der Straße zu begegnen, hieße, meine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe zu stellen.

Peinhard 19. Mai 2009 um 11:32  

@Nachdenkseiten-Leser

"Mehr dazu hier:

"Neue Werte für die Wirtschaft
Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus." von Christian Felber.

Übrigens, ich weiß, dass auch Attac keine Patentrezepte hat, aber immerhin denkt hier jemand mal über einen "Dritten Weg" nach der nix mit dem Schröder/Blair-Papier zu tun hat - mehr in die wohlfahrtsstaatliche Richtung."

Ich weiss, ich mache mich unbeliebt - aber das ist doch auch nur Wunschdenken, ein 'schöngedachter Kapitalismus'. Da redet er erstmal ganz richtig von den verheerenden Wirkungen von Konkurrenz und Gewinnmaximierung (wobei übrigens letzteres immer aus ersterem folgt und folgen muss), um dann den 'besseren', 'nachhaltigeren' Unternehmen was zu versprechen? Ausgerechnet wieder (monetäre) 'Wettbewerbsvorteile'. Dh das Konkurrenzprinzip wie die Gewinnmaximierung bleiben die entscheidenden Größen, abgerechnet wird dann wie gehabt 'unterm Strich'. Dem ist aber nach wie vor egal, wie das Resultat zustande gekommen ist. Das ist kein dritter Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, das ist ein weiteres Mal die Illusion eines 'netten' Kapitalismus. Wenn es ihm dagegen ernst wäre mit Kooperation, müsste er das Konkurrenzprinzip schon kippen wollen. Man kann nun wirklich nicht beides gleichzeitig haben, zudem ruft Kooperation in einem Wettbewerbsumfeld auch noch sofort die Kartellbehörde auf den Plan...

Patentrezepte habe ich übrigens auch nicht, und ich will auch keine. Im Gegenteil würde mich eine solche Behauptung sofort äußerst misstrauisch machen.

@Flying Circus

Dieses System basiert aber nicht auf Zins, sondern auf der Akkumulation von durch Lohnarbeit erbrachtem Mehrwert, wobei aus Geld immer mehr Geld gemacht werden muss. Der Zins ist insofern auch nur Ausdruck des verkürzten Prinzips dieses 'Geschäftsmodells'. Mit Geldsystem und Zins wirft man sich also letztlich auch immer nur auf ein 'Symptom' statt auf die Ursachen. Was der Herr Kreuzer im übrigen auch weiss. Oder zumindest mal wusste...

Anonym 21. Mai 2009 um 19:25  

In den USA gibt es diese Eugenik schon. Nennt sich Bridecare. Bekommt eine Familie die im Sozialhilfebezug steht ein Kind, hat sie keinen Anspruch auf mehr Sozialhilfe.
Machen wir uns nichts vor. Auch Herr Sarrazin hat in unserer Bevölkerung 80% Zustimmung.

Anonym 21. Mai 2009 um 22:59  

Sehr schöne Seite zu Zwangsarbeit und Workfare:

ZwangsarbeitWorkfareDaraus ein Zitat Dahrendorfs:

Mit Blick auf die Verlierer und die Funktion der Arbeit kommt Dahrendorf zu dem Schluss, dass Arbeit immer mehr zu einem Instrument der sozialen Kontrolle werde. Habe sie bislang bereits das gesellschaftliche Leben strukturiert, entstehe nun durch die Auflösung der Normalarbeitsbiographien eine „gefährliche Leere“, die den sozialen Zusammenhalt gefährde und in den Konzepten des „Dritten Wegs“ einer Kontrollfunktion den Weg ebne.1314 Für ihn birgt dieses Konzept die Gefahr des Autoritarismus, weil hier Rechte und Pflichten zu einer „illiberalen These“ verquickt würden.1315 Rechte und Pflichten könnten aber gerade nicht voneinander abhängig gemacht werden, weil der Bürgerstatus - und um diesen gehe es an dieser Stelle - nicht an die Erfüllung von Bedingungen geknüpft werden dürfe:1316 „Doch wäre es eine merkwürdige Perversion der Thesen, (...) wenn das Reich der Notwendigkeit sozusagen als Waffe benutzt würde, um das Reich der Freiheit zu beschränken. Arbeitszwang ist wie jeder Zwang ein Schritt in die Unfreiheit. Wir sollten den Zynismus des Mottos nicht vergessen, das über den Toren von Nazi-Konzentrations- und Todeslagern stand: „Arbeit macht frei“.

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