Hör' Dir die Welt schön

Sonntag, 1. März 2009

Das regionale Zentralorgan der herrschenden Kaste verkündete kürzlich die örtlichen Arbeitslosenzahlen. Voll gutgelaunter Hingabe wurde frohlockt, dass von einer Wirtschaftskrise in der Region nichts zu spüren sei, man weiterhin die niedrigste Arbeitslosenquote Bayerns aufzuweisen habe. Überhaupt gäbe es kaum eine Steigerung der Erwerbslosenzahl, sie sei nur mäßig von ursprünglich 7.700 auf 8.100 angestiegen - dies sei eine Steigerung von lediglich 0,1 Prozent. Dass das zugegeben noch sehr kleine Heer von Arbeitslosen, durch diesen Zuwachs von 400 Personen, aber eigentlich um 5,2 Prozent angestiegen ist, konnte qua des herrschaftlichen Konditionierungsauftrages nicht verlautbart werden. Schuld daran sei übrigens der lang anhaltende Winter in der Region - diese Passage des Berichtvordruckes wird scheinbar jährlich geändert, denn vage erinnert man sich, dass in einem der letzten Jahre ein kurze Winter für schuldig erklärt wurde.

Der Moderator des besagten Radiosenders heißt Moderator, weil er sich gegenüber der Obrigkeit und den dazugehörigen Institutionen moderat verhält. Er ist unkritisch und zweifelt nie, und sollte er doch Zweifel hegen, so hat er diese verdammt nochmal nicht ins Mikrofon zu benennen. Die Hörer haben schließlich ein Recht auf gute Laune, auch wenn es wenig Grund dazu gibt. Und so wird aus dem gigantischen Völkchen der Kurzarbeiter, das sich aus 23.500 Personen zusammensetzt, der Silberstreif am Horizont. Dass derart viele Menschen kurzarbeiten sei ein Zeichen für Konstanz, ein gutes Zeichen. Firmen entlassen demnach nicht vorschnell, schicken lieber das Personal in Kurzarbeit. Zur Sprache kam nicht - wen wunderts? -, dass man Kurzarbeit auch anders bewerten kann, nämlich als erstes Lavieren und Abwarten des Unternehmers. Sollten sich weitere Wochen und Monate kaum oder gar keine Aufträge ansammeln, so dürfte ein ewiges In-Kurzarbeit-schicken passé sein, durch Entlassungen und euphemistische "Personalreduzierungen" ersetzt werden.

Natürlich ist es hilfreich zu wissen, dass es in dieser Stadt knapp 80.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gibt, womit das Kurzarbeiterheer sich in etwa bei knapp 30 Prozent einpendelt. Und man stelle sich vor, das Zentralorgan der herrschenden Zustände würde seinen Optimismus aufgeben und kritisch hinterfragen, auch mal düstere Ahnungen an die Wand malen oder einfach nur journalistische Skepsis zum Sachwalter seiner Berichterstattung küren; man stelle sich vor, was wohl geschähe, wenn man sich also zweiflerisch journalistisch fragen würde, ob es dieser Stadt zustoßen könne - und wenn ja, was es für Folgen hätte -, dass eine ganze Reihe der nun Kurzarbeitenden, bedingt durch weiterhin fehlende Aufträge, ihre Arbeit doch noch verlieren würde. Aber dann wäre der Konditionierungsauftrag dieses selbstverständlich frei berichtetenden Mediums arg gefährdet!

Was in aller Ausführlichkeit berichtet wurde, die schriftlich gelieferte Meldung ignoriert es, sind die Maßnahmen der örtlichen Arbeitsagentur. Ein eloquenter Bürokrat erklärte dabei, welche Schritte man nun zu gehen gedenke, die man nebenher als außerordentliches Krisenmanagment verkaufte, die aber wie ein schönrednerischer Umdruck des Förderns und Forderns klangen. Außerdem seien die 51.000 freien Arbeitsstellen schnell zu besetzen - man lese genau: die 51.000 freien Arbeitstellen. Woher sie kommen, woher die Zahl stammt, welche Grundlage sie hat - alles einerlei! Dieses Die gilt als Indikator, hat aus der Zahl vollkommen unkritisch einen Fakt gemacht, den nun alle Radiohörer ungefragt übernehmen können. Und was die Arbeitsagentur in vielen Jahren nicht geschafft hat, sich nämlich als Dienstleistungsunternehmen zu verkaufen, was man ihr ja nie richtig abgenommen hat, das schafft das Zentralorgan. Für dieses sind nicht 23.500 Menschen in Kurzarbeit, sondern - man höre und staune! - es nehmen "23.500 Beschäftigte diesen Service in Anspruch" - aus einer arbeits- und sozialpolitischen Maßnahme zur Eingrenzung der Wirtschaftskrise, zur Eindämmung ausufernder Arbeitslosigkeit ist eine Service geworden, gleich dem mittlerweile obligatorischen Kaffee beim Friseur oder dem Einpacksklaven an der Supermarktkasse. Von der üblichen Unkritik, die Erhebungsmethoden hinzunehmen, die fadenscheinigen Abschiebungen in "Bildungs"-Maßnahmen und Ein-Euro-Arbeitsgelegenheiten auch nur zur Kenntnis zu nehmen, soll an dieser Stelle gar nicht erst gesprochen werden.

All das, präsentiert in einem flapsigen Ton - in bester BILD-Mentalität -, der scheinbar die optimistischen Tendenzen unterstreichen soll, greift man auf Gustave Le Bon zurück, bedient sich - so darf man annehmen - wie jede manipulierende Einrichtung, wie jede demagogische Natur, bei seiner "Psychologie der Massen". Denn dieses Gebräu aus Verdrehung, Verschönerung und Weglassung wird stündlich präsentiert, wird also dauernd im gleichen Wortlaut wiederholt - so wie es der Ahnherr der Massenpsychologie schon empfahl, als er niederschrieb, dass "die Erfahrung... nur bei häufiger Wiederholung [wirke]". Dabei ist dieses örtliche Zentralorgan zur Bewahrung der Zustände, dieses freie und unabhängige Medium mit (selbst-)auferlegter Obrigkeitstreue, wahrscheinlich nicht einmal besonders konservativ - innerhalb der Redaktion mag man sich sogar als besonders liberal und sozial (selbst-)begreifen. Es ist, wie viele sind - solche Radiosender wird es in dieser Republik viele, wahrscheinlich viel zu viele geben. Aber es lohnt sich in diesen Zeiten ganz genau hinzuhören, hinzusehen, mitzulesen. Der Optimismus dominiert das Geschehen, man spricht immer wieder ganz gezielt vom Aufschwung der ja folgen müsse - was er zweifellos tut, denn wie es ein stetiges Aufwärts nicht gibt, so gibt es auch kein kontinuierliches Abwärts - doch scheint dieser Aufschwung noch in weiter Ferne, so dass ein Beschwören auf bessere Zeiten wie blanker Hohn für all jene klingt, die erstmal in Tiefen gerissen werden. Und ob jeder daran teilhaben darf, ist freilich in diesem Lande immer zweifelhaft. Und so blödeln sich diverse Moderatoren durch ihre Radioprogramme, deren ignorantes Unwissen man förmlich aus der Stimme filtern kann, und verkünden vorgefertigte Berichte, die die Menschen bei Laune halten sollen.

Nicht dass in dieser Region die Zeichen auf Untergang stünden, so weit ist es (noch) nicht. Aber Berichterstattung hat beide Seiten zu beleuchten, hat sich nicht um gute Stimmung zu scheren, sondern um die Wahrheit, um Fakten, um Hintergründe - der örtliche Radiosender ist aber nur der mediale Auswurf der hier angesiedelten herrschenden Kreise. Mehr als Stimmungsmache kann man wohl nicht von ihm erwarten...

3 Kommentare:

Anonym 1. März 2009 um 00:42  

Für das, was die von Dir (mal wieder so treffend) beschriebenen "Moderierten" (?) betreiben, verwende ich seit Längerem den Begriff 'Verlautbarungs-Journalismus', wobei der Begriff 'Journalismus' selbstredend ironisch zu verstehen ist.

Beste Grüße und Dank für Deine Arbeit!
Omnibus56

lieselotte 1. März 2009 um 00:53  

Der Radiosender scheint auch besonders abgeflacht zu sein... Die Region um Ingolstadt ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, besonders schlimm im Sinne der Vorherrschaft bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Verhaltensweisen. Warum sonst räumen die spießbürgerlichen "Freien Wähler" in der Großstadt Ingolstadt 11,5 % der Stimmen ab (zum Vergleich: München 4,1 %), im Lkr. Pfaffenhofen a.d.Ilm gar 18,2 % und in der Gemeinde Manching 21,2 %? Diese Leute fürchten um ihren Status, wählen deshalb (ganz strukturkonservativ!) Freie Wähler und FDP. Alle Kreise, in denen Freie Wähler stärker werden als SPD, kannst du im Grunde in die Tonne hauen.

Also: Man sollte das nicht für bare Münze nehmen. In krisengeschüttelten Regionen wie dem Ruhrgebiet gibt es durchaus kritischere Rundfunksender.

Michael aus Lönneberg 1. März 2009 um 14:27  

Ich finde das Niveau der Presse mittlerweile auch abgrundtief. Welt.de kann man garnicht mehr lesen. Die haben einen Rechtfertigungs-Bericht über eine der entlassenen Kassiererinnen (Verdachts-Kündigung) gebracht und fast alle Kommentare argumentierten GEGEN den Artikel der Welt.de und das mit durchaus treffenden Argumenten.

DIES scheint Springer aber wohl nicht zu denken zu geben.

Auch das Linken- und Lafontaine-Bashing ist grauenhaft. Dass Lafontaine schon vor Jahren vor der Deregulierung der Finanzmärkte gewarnt hat, wird möglichst verschwiegen.

In dieser Sache übrigens mal ein Link zu einer hervorragenden Zusammenfassung der Finanzkrise/Kapitalismuskrise von Sarah Wagenknecht auf youtube:

http://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=7nwFsTXWUkk

Inhalt:
Vermögensverteilung / 25%-Rendite / Geld verschwindet nicht sondern wechselt nur den Besitzer / Politik zieht Verantwortliche nicht zur Rechenschaft / der Steuerzahler zahlt / Geld für Banken: ja, aber Geld für Bildung/soz.Sicherheit/Krankenversicherungssystem: nein / Commerzbanz


Zur Commerzbank sagt Wagenknecht:
Regierung hat 18 Mrd € in die Commerzbank gesteckt.
Die Commerzbank ist aber nur noch 3 Mrd € wert.
Die Bundesregierung hat also 6 mal soviel bezahlt, wie die Commerzbank heute noch wert ist.
Trotzdem wurden mit dieser 6-fachen Summe nur 25% der Eigentumsrechte der Commerzbank erworben.
Also kurz: obwohl die Bundesregierung 6mal soviel bezahlt hat, wie die Commerzbank wert ist, gehören ihr nur 1/4 der Commerzbank!!!!!!!!!!!!!!!

Insgesamt sehr empfehlenswert.
Zudem ist (laut W.) ein Deutschlandfond eingerichtet worden, der 100 Mrd € schwer ist und aus dem großen Unternehmen (Opel???) Kredite gewährt werden sollen. Also scheint das ganze Geld, das den Banken gegeben wurde, nicht den Effekt zu haben, dass wieder Kredite vergeben werden.

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