Stärke zeigen!

Donnerstag, 26. Februar 2009

Seid starkt, ihr jungen Menschen! Zeigt keine Schwächen! Preist eure Stärken an, versteckt die Schwächen, auch die noch so kleinen - kaschiert sie, verleugnet sie, drappiert sie ins Gegenteil. Erklärt die Antithese zur These, macht aus Schwächen Stärken! Schwächen offen zu bekunden, bedeutet sich als Schwächling zu offenbaren. Schwächlichkeit ist Ausdruck einer falsch verstandenen Humanität. Der Schwächling erntet nicht Sympathie, er erzielt Skepsis, Bedauern und Ablehnung, die zuweilen wie Sympathie wirken mögen, aber das glatte Gegenteil dessen sind. Wer Schwächen zeigt, bleibt auf der Strecke – drum zeigt eure Schokoladenseiten, zeigt Stärke, macht euch zu Starken, zu unfehlbaren und unkippbaren Größen, merzt in euch aus, was schwach anmutet, was auch nur in den Ruch der Schwäche geraten könnte!

Bewerbt euch mit Stärken bei potenziellen Arbeitgebern, zeigt eure Vorzüge auf, wiegelt alles an Schwächen ab, was in Bewerbungsgesprächen auftaucht. Ihr habt keine Schwächen! „Ich weiß nicht“ und „ich kann nicht“ gibt es nicht – habt ihr keine Antwort auf die Fragen des Personalleiters, antwortet dennoch, laviert und ufert aus, macht aus der vorübergehenden Schwäche eine zu verkaufende Stärke. Fragt er euch danach, ob ihr diese oder jene Tätigkeit schon einmal gemacht habt, so bejaht fern des wirklichen Wahrheitsgehaltes. Und seid ihr dann eingestellt, unterläuft euch einer jener Fehler, die jedem Arbeitenden unterlaufen kann, so schiebt es auf einen Kollegen. Keine Schwäche zeigen! Der Schwache ist immer der andere. Ihr wisst alles, ihr könnt alles – ihr seid alles! Geißelt euch euer Vorgesetzter, behandelt er euch ungerecht: seid stark - und schweigt! Wer schweigt verstärkt seine Stärke; wer erduldet erstarkt; wer Ungerechtigkeit und Unterdrückung seitens der Obrigkeit hinnimmt, dem ist Stärke nachsagbar.

Trifft euch dann ein Virus, kratzt es im Hals, drückt es im Darm, so bleibt hart zu euch selbst, bleibt stark. Krankheit ist Schwäche! Und Schwäche ist unmenschlich! Kämpft euch durch den Durchfall, damit ihr nicht als zu schwach durchfallt. Verschleppte Grippen als Gefahr sich schwerere Infekte einzufangen sind Erfindungen der Medizinbranche! Macht euch euer junges Menschenleben zwischenmenschliche Sorgen, zwickt es bei Liebesdingen, nötigt euch die Feierlaune, drangsaliert euch jugendliche Amüsiersucht? Das sind Schwächen - hinfort damit, verbeißt sie euch! Drückt doch einmal das Herz, macht Liebesleid das Leben unerträglich, so bekämpft die Tränen. Wer weint ist schwach; wer schwach ist, kann keinen Erfolg haben; wer keinen Erfolg hat, steigt sozial ab; wer sozial abgestiegen ist, fristet ein menschenunwürdiges Leben. Merkt euch: Wer schwach ist, ist kein Mensch mehr!

So hat man es euch gelehrt. So lehrte man es schon eure Väter und Mütter. Gezeigte Schwächen als Sinnbild der Menschlichkeit sind romantische Vorstellungen, sind anachronistische Anschauungen aus den Köpfen von Schwächlingen. Probiert es: Zeigt nur einmal Schwäche - ihr werdet ausgebeutet, geschächtet, hingerichtet! Probiert es ruhig! Aber behaltet ihr Souveränität, so werdet ihr dienlich und nützlich sein, werdet ihr nicht am Plump-Menschlichen leiden, werdet ihr ein nutzvoller Bestandteil der Gesellschaft sein. So lehrte man es auch euren Vorgängern, so lehrt man es seit Jahrzehnten. Stärke ist das Zauberwort, der Schwache wird geschmäht, wird durch diese Lehre aus der Welt gezüchtet. Wir brauchen keine Vernichtungslager mehr, die Menschheit hat gelernt, dass die Lehre von der Stärke das Schwache langsam aber sicher vertilgt. Wer Mitleid mit dem Schwachen hat, gefährdet das Starke - laßt es verrotten; laßt den Schwachen liegen, für ihn ist diese Welt nicht gemacht. Drübersteigen, weitermachen!

Keiner von euch jungen Menschen fährt mit einem aufgeklebten „Fahranfänger“-Schriftzug motorisiert durch die Lande – ihr erhaltet die Fahrlizenz und wißt aus den Kanälen, die die Lehre verbreiten, dass Schwäche nicht zur Schau gestellt werden darf. Einige von euch schämen sich ihrer dicken Körper, weil die Fettpolster einer Schwäche nach Schokolade, nach Chips oder nach anderen Köstlichkeiten geschuldet sind. Der Dicke ist der immer sichtbare Schwache auf dem Pranger des körperlichen Alltages. Ihr könnt alles, auch wenn ihr es nicht könnt; ihr wißt alles, auch wenn ihr keine Ahnung habt; ihr macht alles, auch wenn ihr nicht wißt, was genau ihr da eigentlich macht. Folgen des Starkseins, logische Folgen, die mittels der immer und überall aktivierten Prägung, wonach Schwäche den Untergang bedeutet, zu einem überhöhten Selbstbewußtsein führen sollten. Ein Selbstbewußtsein, dass sich aber durch höchste Verunsicherung junger Menschen äußert. Immer sollen sie stark, immer sollen sie souverän, blitzgescheit und lexikalisch gebildet sein, dürfen keine Schwächen haben, sollen private Schwächen vergraben, sich hinter der Maske vermeintlicher Stärke verstecken.

Was herauskommt ist eine orientierungslose Jugend, die zwar die Prämissen des Hier und Jetzt einigermaßen kennt, wenn auch nur oberflächlich; eine Jugend, die die Prinzipien der Konsumgesellschaft, der Heilslehre der Kaufhauswelten begreift und umsetzt, aber keinerlei Werte außer Kosten- und Nutzwerte kennt. Denn was durch Kosten und Nutzen geschliffen wurde, dass hat sich als stark erwiesen – während alles, was vielleicht kostet, aber keinen wesentlichen Nutzen hat, weil es immateriell ist, weil es nicht faßbar ist für eine materialistische Gesellschaft, ein schwaches Etwas darstellt. Daher seid stark, ihr jungen Leute, knickt nicht ein, damit ihr innerhalb dieser Realität ein starkes Schauspiel abliefert. Entfernt das antiquierte Menschliche, entfernt die Schwächen des Menschen, das Vermenschlichte und Verweichlichte, merzt aus, was euch im irdischen Konsumdasein hemmt; tilgt, was euch im materiellen Verwertungsdiesseits einschränkt; beseitigt, was euch in eurer zugeteilten Rolle als Käufer und Angestellte molestiert. Dazu bedarf es der Stärke, denn wer schwach ist, wer zu schwächlich zum Ausmerzen, Ausrotten und Zerschlagen ist, der steht sich selbst im Wege, wird nicht weit kommen. Er bleibt prekärer Angestellter – bestenfalls; bleibt daher eingeschränkter Käufer, spielt seine zugedachte Rolle nicht mit der Hingabe, die man eigentlich von ihm erwartet.

Man wiederholt es stetig, zeigt es auf, macht es vor, verdeutlicht es: wer sich Schwächen erlaubt, macht sich schuldig am Gesellschaftauftrag, nimmt willentlich in Kauf, seinen Part innerhalb dieser Gesellschaft nicht übernehmen zu wollen. Diese Welt, diese radikal ökonomisierte Welt, ist aber ein Schauspiel der Starken, der Eingereihten, der im Gleichschritt Marschierenden – wer individuell ist, wer sich sein eigenes Menschleinsein zu gewichtig zu Herzen nimmt, der schwächelt, und sollte er diesem Irrglauben nicht abschwören, dann bleibt er zeit seines Lebens ein Schwächling. Das wird euch gelehrt! Das zeigt man euch auf! Was soll aus euch jungen Menschen denn dann auch anderes werden als orientierungslose, enthumanisierte und des Zusammenhangsdenkens unfähige Gesellen, die ihr einziges Heil, ihre einzige Bestimmung, ihre Rolle eben, lediglich in Konsum und Karriere zu sehen glauben? Stärke sollt ihr zeigen, pflanzt man euch allerorten in die Gehirnwindungen – und dann strotzt ihr so vor Stärkeglauben, dass ihr hilflos wirkt, vollkommen entmenschlicht, im höchsten Grade hilflos, weil ihr so entmenschlicht dreinschaut. Euch fehlt ein Bezugspunkt, eine Werteskala, etwas Transzendentes, dem man nicht aus Nutzenkalkül heraus frönt, sondern weil es, platonisch ausgedrückt, dem Schönen, dem Wahren und dem Guten zustrebt. Davon wißt ihr nichts, weil man euch dieses Wissen vorenthalten hat, weil es kein materialistisches Wissen ist, welches nutzvoll verwertbar wäre. In diesem Unwissen steht ihr da, laßt eure Muskeln spielen, seid stark und selbstbewußt und doch schwächlich ohne Heimat, weil das Menschsein euch mehr und mehr abhandenkommt, weil ihr der zur Kritik unfähige Automat eures Arbeitgebers, weil ihr das dumpfe Wahlvieh eurer Anführer, weil ihr der gierige Konsument eurer Versorgerkonzerne seid. Mehr sollt ihr, mehr dürft ihr nicht sein!

Damit steht ihr nicht alleine. Die Vorgängerjahrgänge waren auch einmal jung, erzählt hat man ihnen ebenso, dass in dieser Welt nur der Starke fortexistiert. Das haben sie aufgesogen, haben versucht es zu kultivieren. Heute sind sie nicht mehr orientierungslos in diesem Gemenge aus Konsum und Nützlichkeitsdenken. Sie leben darin und begreifen es als ihr zynisches Heil; als einzig machbares Heil; als Heil, welches dieser Welt immer irgendwie zugrundelag, als habe es nie etwas anderes als Konsum und Expansion und noch mehr Konsum und noch mehr Expansion gegeben. Im Materiellen haben sie ihr Transzendentes gefunden, ihr Schönes, Wahres, Gutes. Ihr Wert ist das Haben, das Verdienen – tut jemand etwas umsonst, aus Freude an der Sache, schreibt beispielsweise jemand Texte, ohne daran zu verdienen, ohne daran auch nur verdienen zu wollen, dann fragen sie nach dem Einkommen, welches so ein Schreiben mit sich bringe. Man enttäuscht sie, wenn man ihnen erklärt, dass nichts Kontofüllendes dabei herumkommt – was nicht bezahlt wird, hat keinen Wert; was keinen Wert hat, wird nicht bezahlt!

Seht aber in die trüben Augen dieser menschengleichen Wesen! Ist das die vielzitierte und vielbesungene Lebensfreude? Trübe, stumpfe, unterlaufene Augen? Mattheit und Müdigkeit im Blick? Ist das der Sinn des Lebens? Und wenn sie dann unnütz geworden sind, weil sie entweder das Alter oder die Arbeitslosigkeit dazu verdammte, entleeren sie ihr Dasein, finden darin keinerlei Wert mehr, empfinden sich als Ballast – ist dies das Ziel? Nachahmenswert? Ist es wirklich der Kopie eines solchen Lebensentwurfes wert, wie einst die Väter und Großväter sein Leben so weit zu entleeren, dass außer Konsumgüter horten und Karriere vorantreiben keinerlei Inhalt mehr bleibt?

Seid stark, ihr jungen Leute! Ja, seid stark! Laßt euch von denen, die euren Willen brechen, die euch manipulieren und verdrehen, die euch zu ihrem Werkzeug machen wollen, nicht unterkriegen. Dazu bedarf es geistiger Stärke. Nur diese Stärke, nur eure Stärke kann es bewirken, dass eines Tages ein Umdenken stattfindet. Findet wieder Werte, die sich am Schönen, Wahren und Guten orientieren, findet wieder Gefallen an Werten wie Freundschaft, Zeit, Liebe... ; schätzt wieder die sogenannten Kleinigkeiten des Lebens, die das Leben erst lebenswert machen; seht freie Zeit nicht als temporäre Spanne, die unbedingt mit irgendetwas, mit Einkäufen oder anderen Konsumeinheiten, ausgefüllt werden muß, damit sie möglichst schnell verrinnt; seht Zeit nicht als totzuschlagende Minuten- und Sekundeneinheiten. Transzendente Werte zu finden bedeutet nicht, sich einen neuen Gott zu erfinden – es bedeutet lediglich eine Rückkehr in ruhigere Gefilde, in weniger hektisches Wirtschaften, in ein gemütlicheres Dasein, in ein Leben in menschlicheren Bahnen. Der Fortschritt des menschlichen Lebens verfestigt sich nicht im rapiden Fortschritt einer technisierten Welt; der Fortschritt sollte sich daran messen, wie sehr Menschen abgesichert sind, ein freies und selbstbestimmtes Leben leben können, Zeit für sich haben dürfen und können. Doch für so einen Fortschritt braucht es Stärke...

12 Kommentare:

Hans Wurst 26. Februar 2009 um 04:57  

Hallo Roberto,
ich lese jetzt seit ca. 4 Wochen deinen Blog und muß sagen, bei fast jedem Artikel triffst du meine eigenen Ansichten ziemlich punktgenau!
Es gibt mir ein wenig Trost, daß es noch ein paar Leute gibt, die den Irrsinn unserer Tage erkennen.
Leider ist selbst in meinem engsten Umfeld nur Ignoranz zu ernten, wenn man sich nicht über Shopping, Promis, Autos und solch weltbewegende Themen unterhalten will. Zum Verzweifeln!
Deine Themenauswahl, Sprachstil und intellektuelles Durchdringen lassen selten zu wünschen übrig.
Und nach soviel Lob verträgt du bestimmt auch eine kleine Kritik:

Ich finde diesen und auch den Artikel über Ludwig Ehrhard etwas zu breit ausgewalzt, durch die Redundanz verlieren sie an Würze.

Ansonsten weiter so, auf daß sich die Reichweite vervielfacht!


Grüße
Hans Wurst

Anonym 26. Februar 2009 um 10:24  

Da bei Dir Pingback nicht geht, manuell: http://www.rorkvell.de/news/2009/Staerke

romano 26. Februar 2009 um 11:17  

das kommt mir stückweise so vor, wie wenn es mir aus der Seele geschrieben wäre.
Der modus operandi vieler Menschen ist heute wohl derart. Augen zu und blindes Leisten. Wer zu lange die Augen zu hat, der vergißt, was er vormals noch in Umrissen noch gespürt haben muß. Er vergißt sich selbst, auch wenn er meint, sich besser zu versorgen, wenn er sich dann besonders viele Güter zum Erlebnis zuführen kann.
Bei all dem vergißt er das Zweckfreie bei sich. Zweckfreiheit zu leben ist nicht das "alles ist gleich und egal". Man versuche sich nur mal zu überlegen was man jeden Tag zweckfrei tut. Eben. In der Regel nichts. Mitsuo Aida und vor ihm Angelus Silesius (und wohl auch andere) sahen das gleiche: das "nur" da sein, das zweckfreie bloße existieren ist das Problem des Menschen. Weil mit der Zweckfreiheit auch die Grundlosigkeit kommt, bekommt der Mensch Angst. Davor fürchtet er sich wie der Teufel das Weihwasser. Die Errungenschaften unserer technischen Zivilisation legen Zeugnis davon ab. Getürme stampfen wir aus der Erde ohne glauben zu wollen, dass sie keinen Sinn haben werden. Das kraftaufwendige Starkseinmüssen ist nur der letzte Wurmfortsatz der Bemühungen gegen diese Angst vor der Banalität des Lebens und deren Vielseitigkeit, unter denen die negativen Aspekte wohl einen Überhang haben können: sie haben den Tod auf ihrer Seite.
Um von all dem nicht wissen zu müssen, um all das Menschliche ignorieren zu können, drängt man sich per Defintion in ein verwirrendes Konglomerat, in dem, nach dem Fall der Großen Erzählungen die Maße in der Komparation mit den Anderen zu machen, nicht zu suchen sind. Der Beste ist der beste Negierer des Todes, der smarte Dauergrinser, der in allen Kompetitionen gewonnen hat. Er kann dann locker aus dem Ärmel tanzen lassen: ihr seid alle nur neidisch. In der Tat ist man das vielleicht, solange man nach demselben strebt. Tut man das aber nicht mehr, dann sieht man auch erst die Verwerfungen, die der Beste mitverursacht, welche Spannungen er in Situationen bringt.
So ist stark, wer schwach sein kann.

Anonym 26. Februar 2009 um 12:53  

Ich bin Geisteswissenschaftler (Diplom, gute Abschlussnote) und momentan arbeitslos. Mein "Berater" vom "Career Service" (scheiß Anglizismen) der Arbeitsagentur hat mir empfohlen, an einem Seminar teilzunehmen, in dem einem beigebracht wird, sich gut zu verkaufen. Habe das dann gemacht, um guten Willen zu demonstrieren. Im Seminar selber schwankte ich immer zwischen Entsetzen und Belustigung. Eine halbe Stunde wurde bspw. damit zugebracht, Euphemismen für negative Eigenschaften zu finden - Wahnsinn!

Die Quintessenz des Ganzen war: immer so tun, als wüßte und könnte man alles, und was man nicht kann, das will man selbstverständlich lernen. Probleme gibt es keine, nur Herausforderungen. Überhaupt gibt es natürlich überhaupt nichts schöneres für uns "Young High Potentials" als möglichst viel zu arbeiten - am liebsten unter Zeitdruck. Immer schön lügen, aber dabei "authentisch" bleiben.

Den Schnellhefter mit den Seminarunterlagen (=Ausdruck einer PowerPoint-Präsentation) habe ich dann in die Tonne getreten. ;)

epikur 26. Februar 2009 um 12:57  

"Und wenn sie dann unnütz geworden sind, weil sie entweder das Alter oder die Arbeitslosigkeit dazu verdammte, entleeren sie ihr Dasein, finden darin keinerlei Wert mehr, empfinden sich als Ballast – ist dies das Ziel?"

Zwar nicht direkt auf die Jugend bezogen, aber ganz aktuell dazu: die Opel-Krise. Überall hört und liest man, dass die Menschen ohne Arbeit (bei Opel) keine Zukunft haben. Ohne funktionelle (Lohn-)Arbeit ist ein Mensch in unserer Gesellschaft nichts wert.

Ferner: die Arbeiter selbst halten sich ohne (Lohn-)Arbeit für wertlos, sehen keinen anderen Sinn in ihrem Leben. Das ist das eigentlich traurige daran.

Margitta 26. Februar 2009 um 13:14  

Lieber Roberto,

schön so viele gleichgesinnte Menschen in Ihrem Blog zu treffen. Sie als Stichwortgeber und die vielen guten Kommentare, die mir helfen meinen Blick zu schärfen. Dafür an alle meinen herzlichen Dank.

Ich glaube ja es fehlt an Vorbilder vom Format eines "Gandhi", "Albert Schweizer", "Mutter Theresa"... Nicht dass es diese Vorbilder heute nicht mehr gäbe, nein, sie schaffen es nur nicht mehr sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu etablieren.

Es fehlt auch an Zeit zur Besinnung zu kommen, im Sinne von "ruhiges, intensives Nachdenken über sich und sein Tun. Den Dingen auf den Grund zu gehen, das Wesentliche zu entdecken."

Es beginnt doch schon im Kleinkindalter mit dem Stress. Immer muss was organisiert werden, immer werden sie in Beschäftigung gehalten. Ich habe davon gehört, dass es schon die Möglichkeit gibt Babys englisch beizubringen.

Wie soll man unter solchen Bedingungen Stärke entwickeln?

Die die diesen Kraftakt schaffen, haben schon Stärke um gegen den Strom zu schwimmen. Woher dies Stärke auch immer kommt.

Liebe Grüße
Margitta Lamers

Anonym 26. Februar 2009 um 17:08  

Woher solls denn kommen? Was aber die Transzendenz (das Übersinnliche) angeht: Was sollen junge Menschen damit? Damit werden sie doch von ihren wirklichen Problemen nur abgelenkt. Ihre Probleme existieren hier auf der Erde, auf der Erde müssen sie gelöst werden.

Anonym 26. Februar 2009 um 18:13  

und wieder einmal ein beitrag, der mir aus der seele spricht. es dieser übertriebene gesellschaftliche leistungsdruck, an welchem die "zivilisation" krankt. du musst schön sein, du musst nett sein, du musst demütig sein, du musst arbeiten, du musst für andere immer das beste leisten - kurz und bündig du mußt stark sein.

das problem ist, dass man vergisst, was man man selbst will. stattdessen ist man so sehr indoktriniert, dass man die sehnlichsten wünsche, danach formuliert, was alle anderen auch bloß wollen. dabei kann man doch alles auf eine einzige sache reduzieren. der wunsch nach reichtum und stärke, als die dekadenz des wunsches nach liebe.

der homo oeconomicus weiß gar nicht mehr, was er eigentlich will. und das nur, weil so viel von ihm verlangt wird...

ein sozialdarwinist würde sagen, die evolution ist das überleben der stärksten. dabei irrt er aber. es sind nicht die stärksten die überleben, sondern diejenigen die sich anpassen können. wenn eine spezies sich nicht ihre direkte umgebung anpassen kann, dann sucht sie sich eine neue nische. so ist der mensch erst entstanden. es waren die schwachen affenarten, die den menschen ermöglichten. denn sie waren es die von den starken vertrieben wurden. erst die schwäche hat komplexes denken geschaffen... und es wird die schwäche sein, die den menschen zu neuen ufern leiten wird.

ich hoffe du wirst dabei sein... :)

ein pyrrhonist

Anonym 26. Februar 2009 um 22:52  

sehr geehrter herr roberto,

Inzwischen habe ich mich ja nun an ihren stil gewöhnt, welchen man vielleicht als zynisch bezeichenen könnte, was ihrer herangehensweise meiner meinung nach jedoch nicht gerecht wird.
vieleicht habe ich ja unrecht wenn ich behaupte, das sie nicht zynisch sind in ihren texten, sondern es lediglich verstehen asoziales verhalten und denken deutlicher auszusprechen als so manch ein anderer der oder die wirklich asozial denkt und genauso handelt.
wieso sie dies tun kann ich mir vorstellen, und die (emotionale)wirkung die sie damit hervorrufen ist in meinen augen zwar manchmal fragwürdig, aber "aufrütteld", und darin liegt ja der grund so zu schreiben wie sie es tun.
daher meinen respekt.



allerdings gehöre ich doch eher der dünnhäutigen menschheitsschicht an, die vielleicht in einer welt wie sie ist gar keinen platz haben sollte, zumindest kann ich sowas leider täglich lesen.
das ich sie und ihre meinungen sehr schätze, müsste ich warscheinlich nicht erwähnen, doch muss ich mich oft zusammenreissen um ihre texte zu lesen.

ich hoffe das sich manch ein mensch der diese texte lesen sollte, sie in gewisser hinsicht verdient, schon mal hierhin verirrt.
ich muss ihnen daher sagen, das sie nur so ein "nischendasein" fristen frustet mich.
allerdings weiss ich nicht ob sie sich in der gegenwart von anderen redakteueren, zb vom spiegel, der sz, der faz, der fa usw. wohl fühlen würden und ihrer arbeit noch nachgehen könnten, daher ist ihre plattform möglicherweise die bestmögliche unter gegebenen umständen ...

... aber kein plan, ich rate nur.






zu ihrem text:
leider musste ich miterleben, das mein vater von genau solchen gedanken beherrscht war, "sei stark", zeige keine schwächen, lass dich nicht unterkriegen usw.
Das endete an meinem 18 geburtstag mit seiner einlieferung ins krankenhaus dh. reanimierung.
sein 4 und zum glück letzter herzinfarkt.
für mich nach wie vor traumatisch, denn ich musste dafür sorgen das er nicht stirbt, musste einen krankenwagen holen, musste mitansehen wie er starb, und wieder aufgeweckt wurde, wie er nochmals starb und nochmal reanimiert wurde ...



ich hatte das gefühl dies mitteilen zu müssen, da mich ihr text wieder daran erinnert hat, daran erinnert hat wie sich menschen aus inneren und äusseren zwängen selber zugrunderichten.

mehr weiss ich leider nicht zu sagen.

lg.
e

Freund 27. Februar 2009 um 00:01  

Danke lieber Roberto und Kommentatoren.

Danke für diese kleine Oase der Menschlichkeit hier. Um mit einem anderen Bild zu sprechen: Einst habe ich gelacht als ein guter Freund mir immer erzählte, daß die Zombiefilme Realität werden. Von dem Aussehen einmal abgesehen hat ein Großteil der Menschen die Wesenszüge der lebenden Toten angenommen: "kein Gefühl, ...

Nun, nach 2 Jahren Umschulung und einer ehrenamtlichen Nebentätigkeit nebst Vollzeitpraktikum kam ich mir vor wie auf die Spitze eines ICE's gespannt. Immer mit Höchstgeschwindigkeit durchs leben. Zeit für Familie und Freunde war nicht da, leiden sie doch selber unter diesen Problemen. Sich politisch oder anders kritisch im Bewußtsein zu bilden, tsja daran ist war gar nicht zu denken und meines Erachtens ist das auch so gewollt.

Endlich 3 Tage fertig mit dem Ganzen und ein wenig regeneriert darf ich gar nicht an diesen Bewerbungswahnsinn denken.

Provokant sag ich einfach mal: Nein ich will nicht in dieses Arbeitsleben zurück. Mobil, nichts anderes als auf Familie verzichten da im Umkreis von 50km eh nichts zu finden ist. Ich habe versucht ehrlich und bescheiden zu bleiben. Wie erklär ichs dem Mitarbeiter der ARGE? Bewerbung, Ehrlichkeit, Schwächen... ich habe meine Schwächen immer benannt, es ist natürlich auch einer der Hauptgründe für die meisten Absagen. Diese moralische Flexibilität, dieses ständige sich und Produkte verkaufen ist so unehrlich....

Was solls, für irgendetwas muß man wohl in letzter Konsequenz untergehen oder sterben.

Wie heißt es in einem Lied von Silbermond:
...Diese Welt ist schnell
und hat verlernt beständig zu sein...

persiana 1. März 2009 um 06:43  

aha, eine Neuauflage der Jugend, wie schon Adolf Hitler sie wollte.

"...Das Schwache muss weggehämmert werden.In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der die Welt erschrecken wird. Eine gewaltätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich...Eine neue Menschenspielart beginnt sich abzuzeichnen...Merken Sie, dass das Mitleid, durch das man wissend wird, nur dem innerlich Verdorbenen, dem Zwiespältigen gilt. Und dass dieses Mitleid nur eine Handlung kennt, den Kranken sterben zu lassen. Das ewige Leben, das der Gral verleiht, gilt nur den wirklich Reinen, den Adligen."

Anonym 1. März 2009 um 23:15  

Ich musste direkt an eine frühere Lehrerin von mir denken, die hat das genauso unverpackt dargestellt...
Schade das man Kinder so offensiv beeinflussen und verbiegen kann,und das ohne Folgen.

Ich musste leider feststellen das sich bei mir tatsächlich sowas festgefressen hat, und zwar den Teil mit der Arbeitssuche.
Und da lebt man Jahre lang im Glauben "MIR passiert sowas doch nicht" :(.

Gruß!
Echt super Blog!

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP