Mit wem soll man marschieren?

Freitag, 6. Februar 2009

Immer wieder wird die berechtigte Frage aufgeworfen, warum sich nicht viel mehr Menschen, gerade auch junge Menschen, nicht gegen den Wahnsinn des Zeitgeistes stellen, um ihren Unmut kundzutun? Freilich finden sporadisch hin und wieder Kundgebungen statt, doch eine konstante, sich an einem roten Faden hangelnde Bewegung, ein politisiertes Aufmarschieren gegen die Irrsinnigen in Politik und Wirtschaft kennt dieses Land nicht - Montagsdemonstrationen und Schülerproteste sind nur eine Randerscheinung, werden aufgrund unausreichender Basis medial unterdrückt, so als hätte nie stattgefunden, worüber nicht berichtet wird. Und es sind ausgerechnet junge Menschen, Menschen die ihre Zukunft noch vor sich haben, die wenig Courage in politischen Fragen zeigen - ausgerechnet junge Menschen, die immer und überall Speerspitze aufständischen Denkens waren, die jeder Bewegung eine Legitimität verliehen, sofern sie sich für Gestaltung ihrer eigenen Zukunft in Bewegung setzten.

Nun soll an dieser Stelle nicht soziologisch aufgearbeitet werden, warum die Jungen so starken Widerwillen gegen konkrete Fragen des politischen Lebens hegen, aber ein Paar Erfahrungen und dumpfe Gefühle, gesammelt und empfunden vom Autor dieser Zeilen, werden folgen. Man kann getrost festhalten, dass dieses Gesammelte der Unterbau des Kulturpessimismus ist, der gelegentlich vom Autor gepflegt und fein rausgeputzt wird - wir alle sind auch Opfer unserer Eindrücke, sind empirisch veranlagte Wesen, auch wenn man die am eigenen Leib erfahrenen Gegebenheiten nicht überbewerten darf, um nicht argloser Subjektivität zu verfallen, und um sich einen gesunden Blick auf die objektiven Tatsachen zu bewahren. Trotzdem seien hier persönliche Eindrücke, persönliche Ärgernisse und, damit verbunden, persönliche Sorgen formuliert.

Aus bestimmten Gründen treffe ich mehrmals wöchentlich auf eine Gruppe junger Menschen. Allesamt die Volljährigkeit gerade so überrundet, im vollem Saft ihrer Jugend stehend. Es sind mehr oder minder freundliche Gestalten, kein pöbelndes Völkchen, sondern ernste junge Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen - das was sie für Leben halten. Denn hier zeichnet sich die Misere ab: Die Gesprächsthemen untereinander - ich halte mich dort vornehm zurück - handeln ausnahmslos von Konsum. Das Automobil ist der Kernpunkt jeder Diskussion. Jeder dieser Gecken ist der Ansicht, er hätte das Wissen zur Autotechnik mit großen Löffeln gefressen, und freilich fährt auch jeder von ihnen einen flotten, sicheren, beherzten, dennoch weitsichtigen, kurzum hervorragenden Stil. Ist dieses Thema erschöpft, spricht man von den neusten Errungenschaften der Telekommunikationsbranche, von Mobiltelefonen und den dazugehörigen Tarifen. Was sonst noch folgt ist das Heer üblicher Verdächtiger: Klamotten, kommerzialisierte Musik, Gossenprominenz und dergleichen mehr.

Das alles ist anstrengend, wohl aber nicht unüblich. Schwer ertragbar wird es aber immer dann, wenn ganz unpolitisch höchst brisante Themen aus dem Bereich des Politischen zur Sprache kommen. Wenn man darüber schwärmt, dass irgendeine Firma einen Weltkarte in Stile von Google Earth gestalten, dazu an öffentlichen Plätzen Kameras aufstellen will, damit im Internet immer aktuelle und bewegte Bilder von dort abrufbar sind. Das wäre dann, so der Orginalton, "ausgezeichnet", weil man auch mal "seine Freundin kontrollieren könnte". Schäuble hat die Gehirnwindungen dieser jungen Menschen bereits infiziert, so sehr, dass man unverblümt erklärt, eine Welt die rundherum mit Überwachungskameras ausgestattet sei, sei eine technische Errungenschaft - mit deren Worten: eine geile Sache. Unqualifizierte Äußerungen zu ausländischen Mitbürgern oder sozial Schwachen sind sowieso an der Tagesordnung, gehören scheinbar bereits zum guten Stil des bürgerlichen Nachwuchses, brav die feinen Eltern kopierend. Aber dann, wenn es um ein Übel geht, welches man am eigenen Leib erfahren mußte, als man in Kneipen nicht rauchen durfte, da reden sich diese Gesellen des status quo, die nie kritisch sind, innerhalb des Systems gefügig tun, was man ihnen auferlegt, in Rage, werden zu kampfeslustigen Rebellen. Da wird auf die Einmischung des Staates geschimpft, auf den Dienst als Steuerzahler, den man da rauchend erfüllt und dergleichen Spießbürgereien mehr. Das schwer zu ertragende Übel, drei Schritte an die frische Luft gehen zu müssen, um eine Zigarette rauchen zu können, ist Motiv der Entrüstung und des Nonkonformismus; aber wenn irgendwelche Menschen aus irgendwelchen Zeitungsberichten irgendwelche staatliche Repressionen in Kauf nehmen müssen, weil sie innerhalb der großen Armen- und Arbeitslosenverwaltung eingeordnet sind; wenn Studenten aus armen Elternhaus - was selten genug vorkommt - ein Darlehen aufnehmen müssen, um Studiengebühren abzahlen zu können, danach bei erfolgreichem Studium erstmal auf einem stolzen Schuldenberg sitzen; wenn ermächtigende Gesetze gefordert werden, die es ermöglichen sollen, unliebsame Personen wie Linke, muslimische Mitbürger oder Arbeitslose bei Bedarf zu kasernieren - da hört man nichts dergleichen, da wird geschwiegen, lieber vom Konsum geschwafelt, von tollen neuen Autos, die man sich nun, da man bereits in jungen Jahren rund um die Uhr arbeitet, neben Hauptberuf noch Nebenjobs hat, zulegen wird. Und während man die staatliche Einmischung bezüglich des Rauchergesetzes verurteilte, ist man der Ansicht, dass die Einmischungen des SGB II gar nicht weit genug gehen können. Nebenbei hat man einen neuen Heiland erkoren, ist man - auch einen Orginalton wiedergebend - Horst Seehofer dankbar; dank ihm darf wieder geraucht werden, dank dieses heiligen Horst der Altstadtkneipen!

Wie soll man da noch erwarten, es würde sich in diesem Land ein Umdenken vollziehen können? Diese Jugend ist auf totalen Konsum getrimmt, sie ist erzogen in einem Denken, wonach nichts einen Wert hat, was nichts kostet - sie denkt, dass der Konsum Teil der conditio humana ist, unbedingte Notwendigkeit, wenn der Mensch Mensch bleiben will. Sie sind in einen Konformismus hineingeboren, der als Grundlage des Konsumismus anzusehen ist: wer nicht kritiklos folgt, konsumiert eben nicht kritiklos. Diese jungen Menschen sind so festgefahren in einer Denkstruktur, die das menschliche Bestreben immer nur als Abwägen von Kosten und Nutzen, von Rentabilitätsrechnungen, begreift, dass man geneigt ist zu glauben, aus diesem Muster entkommen sie nie mehr. Erich Fromm würde hier von einer Haben-Mentalität sprechen, die die Seins-Ebene vollkommen revidiert hat - revidiert, nicht verleugnet, denn man muß befürchten, dass diese Jugend gar nicht mehr weiß, dass es auch andere Werte im Leben gibt. Das alles soll und darf nicht heißen, wie es üblicherweise von einigen Zeitgenossen postuliert wird, dass die Jugend schlecht ist - aber schlechtgemacht wurde sie allemal.

Die Jugendlichen meiner Erfahrungswelt, so nehme ich an, entstammen allesamt bessergestellten Familien, was soviel heißt wie: es sind Kinder von Familien, die niemals Not litten - keine Millionärskinder, aber auch keine Hungerleiderkinder. Traurig wird es aber, wenn selbst in Armut lebende Menschen ihre Kinder zu Konsumungetümen erziehen, wenn sie ihr "Nichthaben" oder "Nichthabenkönnen" nicht ausnutzen, um den Kindern wenigstens ein Quentchen Lebensfreude an Dingen zu vermitteln, die eben nicht mit Strichcode und Sonderpreis-Etikett versehen sind - Freude am Nächsten, am Spiel, an der Natur, an einem Tier, an einem Buch, am Erzählen, am gemeinsamen Singen, am Sammeln von Wissen, an der körperlichen Bewegung, an einen Familienausflug ins Grüne, Freude am reinen, nicht durch Konsumwelten mißgestalteten Leben. Freilich konsumiert man auch als Mensch, der diese Art Freude kennt und schätzt - aber man konsumiert nebenher, nicht ausschließlich; man konsumiert um Notwendigkeiten zu regeln, nicht als Lebenszweck; konsumiert nicht aus einem Statusdenken heraus, betreibt Konsum nicht um des Konsums willen.

Mit wem soll man also marschieren? Wer soll sich denn dem Wahnsinn, dem Totalitarismus des Marktdenkens, entgegenstellen, wenn die Mehrzahl junger Menschen, Zukunftsträger dieser Welt, dermaßen einzementiert sind in diesem Irrsinn, dass man sie gar nicht mehr "entmauern" kann? Wenn für junge Menschen alles zum Konsum wird, wenn selbst der Gang zum Arzt bereits als eine Art von Einkauf bewertet wird, bei dem ein Privatpatient eben freundlicher behandelt wird als ein Kassenpatient, so wie ein Großkunde eben bevorzugt bedient wird in den Markthallen; wenn das Studium ein durch zu leistende Zahlungen Stückchen Konsum wird; wenn man ihnen erklärt, dass jemand nur gilt, wenn er erfolgreich und strebsam arbeitet, Karriere macht, Statussymbole anhäuft, gut aussieht, kritiklos tut, was man von ihm verlangt; wenn sie ungefragt in ein System hingeboren werden, in dem sie in erster Linie Kunde, in zweiter Linie Arbeitskraft und ansonsten nur Unkostenfaktoren sind - was hat man dann von solchen umerzogenen Menschen zu erwarten? Marschieren solche mit? Oder sind sie nicht eher dazu konditioniert, ihren Kunden- und Arbeitskraftstatus ins Unendliche zu expandieren, damit sie ja nie als Unkostenfaktor verunglimpft werden können? Sitzen solche nicht auf ewig in Platons Höhle und schimpfen auf solche, die sich einmal herauswagten aus der Schattenwelt?

Bildung ist unter jungen Leuten, so wie ich sie kennenlernen durfte, verpönt. Die jungen Menschen, die ich erfahren durfte, gaben teilweise sogar zu, kaum jemals ein Buch gelesen zu haben, obwohl man eine höhere Schule besucht hat. Das kann man nicht für einen Zufall halten - Zufälle sind in dieser Welt Mangelware. In einer Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten beschwert, dass Kindern und Jugendlichen zu wenig Bildung - nicht Ausbildung! - vermittelt wird, die aber dennoch Menschen hervorbringt, die sich beim Wort "Bildung" ekelergriffen schütteln, sind solche Gestalten nicht zufällig herangereift. Das eigene Ideal, Bildung möglichst als Ausbildung zu begreifen, das Abgleiten von humanistischen Bildungsidealen also, ermahnt Menschen zum Protest. Vornehmlich sprechen solche Protestierende dann davon, dass die Bildung schlecht sei, weil sie keine Ausbildung ist. Der eigene Ekel vor reiner Bildung wird zum Aufhänger. Was aber dabei herauskommt ist nicht Bildungsfreude, sondern Ausbildungsmentalität, somit Menschen, die keinen Hang dazu haben, sich bilden zu wollen um zu wissen, sondern nur um davon zu profitieren.

Der Schlüssel zur Erkenntnis, da kann behauptet werden was will, liegt immer im Bildungserlebnis - in Literatur und Geschichte, in Philosophie und politischer Bildung. Wenn man diese Bildungsplattformen zusammenstreicht, wenn man kürzt und beschneidet, dann kommen dabei Bildungskrüppel heraus, die niemals ein Bildungserlebnis hatten, die aber nebenher dennoch einen hohen Schulabschluß in der Tasche haben. Man hält die Menschen absichtlich dumm, versucht sogar noch zu manipulieren, setzt Lehrpläne von neoliberalen Think Tanks um, erzieht die Kinder zu pawlowschen Hunden, die sofort Speichelfluss entwickeln, wenn sie nur das Konsumglöckchen hören, oder Dogmen wie "Markt ist gut" oder "Sozial ist, was Arbeit schafft" und dergleichen intellektuelle Notstandserklärungen mehr. Wer begrenzt bleibt, der bleibt fröhlicher Konsument; wer seinen Horizont erweitert, stellt kritische Fragen und hinterfragt auch sein Konsumverhalten.

Es ist, wie oben erwähnt, ein subjektiver, nur begrenzter Blickwinkel. Aber viele Menschen berichten Ähnliches von jungen Menschen. Wer marschiert also, wenn nicht junge Leute, die sich um ihre Zukunftsplanung betrogen fühlen (sollten)? Humpelnde Rentner? Schwächliche Kranke? Seit Jahren an der Würde verletzte Arbeitslose mit Sozialphobien? Solche können froh sein, wenn diese jungen Generationen nicht zu drastischen Mitteln greifen, um diese Unkostenfaktoren in Menschenhülsen nur irgendwie loszuwerden - damit mehr für den Konsum bleibt. Es blüht uns eine schöne neue Welt...

52 Kommentare:

kowalsky 6. Februar 2009 um 13:16  

Genau so ist es leider! Und vor den jetzigen Teenagern und Heranwachsenden (jedenalls dem größten Teil)kann es einem nur noch Grausen. Bücher: Seh ich so aus... oder, was ist das? Hobbies: shoppen & chillen!

Anonym 6. Februar 2009 um 13:44  

Also, jetzt bin ich aber baff, lieber Herr Roberto! Wie ich gesehen habe, sind Sie gerademal 30 Jahre jung! Und dann wundern Sie sich wie ein 90-Jähriger über die "heutige" Jugend?

Wo leben Sie denn? Die BRD gehört in Europa zu den Staaten, in denen der freie Markt und der Konsum zwecks Profit und Wohlstand Staatsdoktrin sind.

Sie leben in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Da braucht es gar keinen Innenminister, der jugendliche Gehirne infiziert. Das besorgen schon die Eltern und die Älteren dieser Gesellschaft - alles klar?

Besonders abwegig finde ich Ihre Forderung, dass gefälligst Menschen, die weniger "Kohle" haben, weil sie auf staatliche Subventionen angewiesen sind, ihren Sprösslingen statt Konsum, die "schönen Dinge des Lebens" nahe bringen sollen.

Wenn Sie schon mehrmals wöchentlich mit diesen "Möchtegernkonsumenten" zusammentreffen, ja warum tun Sie nichts? Warum diskutieren Sie nicht mit den Kerlen?

Warum unternehmen Sie nicht den Versuch, diese Konsumenten zu etwas Besserem zu bekehren?

Es ist nämlich unser Verschulden!
Wir gucken nur scheel und rümpfen die Nase über soviel Plebs.

Wir konsumieren ja "nur" nebenbei, weil wir wissen - der Adel hält auf "Tailie" und der Pöbel frisst sich satt.

Kinder und Jugendliche zum Denken anzuregen, ist mit sehr sehr viel Arbeit verbunden. Die muss immer und immer wieder von neuem beginnen, im persönlichen Kontakt und Gespräch.

Da reicht es nicht, die Geschichte wieder auf den Staat (Schule, Lehrer, Bildung) zu schieben.

Wie sagt doch Georg Schramm so schön (habe ich nur sinngemäß): Wozu braucht der Staat gebildete Bürger? Wenn es so wäre, wer soll dann noch konsumieren?

Anonym 6. Februar 2009 um 14:12  

Schön zu sehen, dass Sie wieder einmal eine Frage behandeln, die mich zur Zeit zermürbt. Ich gehöre zu eben jener Gruppe der jungen Erwachsenen und fast immer, wenn ich mit Gleichaltrigen über wichtige Themen zu sprechen komme, sträuben sich mir die Nackenhaare. Ich verzweifle angesichts der Gleichgültigkeit und Naivität meiner Kommilitonen und Freunde gegenüber Problemen in Politik und Gesellschaft.

Die Liste der Ursachen ist aber noch länger als von Ihnen angegeben: Egoismus, ekstatisches Konsumverhalten, Spießbürgerlichkeit (man glaubt kaum, wie spießig viele junge Erwachsene bereits sind), Unwissenheit, Denkfaulheit, Obrigkeitsstaatliches Denken, unkritisches Nachplappern "wissenschaftlicher" Lehrmeinungen (v.a. bei Jura-, Politik-, Wirtschaftsstudenten) usw.

Dazu kommt allerdings folgendes: Vor allem bei der Finanzkrise gibt es keinen klaren "Feind". Diejenigen, die den Brand verursachten, werden jetzt als Feuerwehrmänner präsentiert und durch die sich verkürzende Halbwertszeit des Wissens erkennen selbst Menschen, die sich mit überdurchschnittlichem Intellekt ausgestattet denken, nicht ansatzweise, was hier vor sich geht.

Darüber hinaus bekomme ich immer wieder zu hören: "Ja, du hast ja Recht, aber was kann ich denn dagegen machen? Man kann ja eh nichts bewirken." Von manchen wird dieses 'Argument' als Vorwand benutzt, um eine Diskussion im Keim zu ersticken und weiter schlummern zu können. Aber nicht wenige denken dies tatsächlich. Und diese Menschen würden bestimmt mitgerissen werden, sobald der Stein ins Rollen gebracht wird.

Ich vermute, dass sobald die Krise die Realwirtschaft mit voller Wucht trifft, es auch zu stärkeren Bewegungen kommt. Wie stark? Keine Ahnung. Wie lange? Keine Ahnung. Und vor allem: wie erfolgreich? Kaum. Denn es fehlt an einem alternativen Konzept, dem sich viele anschließen würden; einem Manifest, das akademische und arbeitende Linke zusammenführt.

Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren. Wie auch immer, ich bin dabei.

Margitta 6. Februar 2009 um 14:19  

Lieber Roberto,

danke für Ihre klaren Worte, welche meine Empfindungen und Gedanken so präzise formulieren.
Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer vielleicht , dass das Fernsehprogramm nicht der Unterhaltung, sondern der UNTENHALTUNG dient, bis auf einige wenige Sendungen.

Als die privaten Sender auf Sendung gingen, war ich sehr erfreut und fand das ganz toll.
Damals gab es schon Kritiker, die den Verfall der Fernsehkultur voraussagten. Leider ist es dann auch so gekommen

Liebe Grüße
Margitta Lamers

Anonym 6. Februar 2009 um 15:10  

Da mir nicht so schnell ein vernünftiger Name einfällt, auf die Schnelle ben als "anonym". Man möge es mir nachsehen...

Im Gegensatz zu anderen Einträgen / Veröffentlichungen in Ihrem Blog, die mir ob ihrer Pointierung Vergnügen bereiten usw. hat mich dieser Artikel traurig gemacht. Da gegenzusteuern erscheint mir schwer, wenn nicht gar aussichtslos.

Ich betrachte Bildung an sich schon für einen Wert...

Übrigens - herzlichen Dank für die Existenz Ihres Blogs!

Anonym 6. Februar 2009 um 15:18  

Lieber Roberto,

Sie schreiben so treffend und sprechen mir aus der Seele.

Es ist allerdings sehr schwer in unserer Gesellschaft Konsumverzicht zu üben, wenn man Geld hat. Es ist ganz schön verführerisch.

Die jungen Leute sollten das Richtige konsumieren, wie Sie so schön ausführen, Bücher, Spiele, leckeres Essen, schöne Gespräche und heftige Diskussionen, die Spaß machen und auch kontrovers sind.

Wo können junge Menschen das lernen?
Eigentlich in der Schule!

Wenn Kinder die "richtigen" Eltern haben, lernen sie das auch zuhause.

Aber was ist mit den anderen?

Deshalb ist meine Meinung, dass Kindergärten und Schulen viel besser ausgestattet werden müssen.
Nicht nur mit "Hardware" sondern auch mit "Software". Menschliche.
Mehr Lehrer, mehr Sozialarbeiter in die Schulen.

Wo sind die Milliarden Euros hierfür.

Ich befürchte, dass mit dem jetzt zugestandenen Geld nur kleine Reparaturarbeiten gemacht werden und sonst gar nichts.

Leider könnte man resignieren.....

Aber so lange es Leute wie Sie, lieber Roberto, hier im Netz gibt,
habe ich noch Hoffnung.

Schönen Tag

Jaschi

persiana 6. Februar 2009 um 15:27  

Grauenvoll, was Sie da schildern...

Ich möchte da mal wieder die Psychologie bemühen, da aus bestimmten Gründen schon mehrmals in meinem Leben das "Vergnügen" hatte, mit Sozialpädagogen und Psychologen zu tun zu haben. Auf diesem psychologischen Unterbau (oder Überbau?) scheint mir nämlich zu fußen, was in der Gesellschaft gedacht und vor allen Dingen, was gefühlt werden darf.

Kritisches Bewusstsein wird häufig schon im Vorfeld untergraben. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Unter Psychologen und in ähnlichen Berufssparten als ziemlich chic, das An- beziehungsweise Aussprechen von Problemen als "Herumjammern" zu deklarieren. Nennt man Verantwortliche beim Namen, so "stellt man diese an den Pranger".

Jedes Annähern an ein Problem, oder gar an Probleme der Gesellschaft wird schon im Vorfeld negativ deklariert.

Ich vermute mal, dass Lehrer, deren Ausbildung sich zumdindest auch zum Teil in diesem Feld bewegt, in ähnlicher Weise gehirngewaschen werden, wie bei den oben genannten Berufsgruppen während ihrer Ausbildung offensichtlich geschieht.

Dieses Glaubenssystem gibt man logischerweise an die Schüler weiter, denn "...wenn man in unserer Gesellschaft nicht jung und schön ist, dann bitte doch wenigstens optimistisch und gesund..." (nach Doris Gercke, Autorin der Bella Block -Bücher, die zum Teil auch verfilmt wurden).

Das Ganze wir dann noch fein gewürzt mit "du kannst die Welt nicht ändern, du kannst nur DICH ändern".

Dem kann man nur entgegensetzen "es ist nicht deine Schuld, wenn die Welt ist, wie sie ist, doch es wär deine Schuld, wenn sie so bleibt." (die Ärzte).

Ich hatte tatsächlich mal vor, diese Psychotricks zu sammeln, und aufzuzeigen, wie die Manipulation vor sich geht, , leider (besser gesagt Gott sei Dank!) habe ich denn doch nicht allzuviel mit den Angehörigen oben genannter Berufsgruppen zu tun...

Roberto J. De Lapuente 6. Februar 2009 um 15:28  

Zunächst vielen Dank für den Zuspruch, der mir ja zeigt, dass ich nicht zu streng mit den jungen Erwachsenen bin. Zum Vorwurf, wonach ich nicht das Gespräch suche: Ich tue es, versuche es, aber es ist beinahe unmöglich. Manchmal wird man übergangen, mal findet man es witzig, dass da jemand so blöde ist, wie ich es bin - und wenn es ganz dumm läuft, ernte ich böse Blicke. Höhlengleichnis und so...

persiana 6. Februar 2009 um 15:35  

@Anonym #3

Ich bin kein so ganz junger Erwachsener mehr, aber selbst in meiner Altersgruppe, die immerhin noch von denen die die 68er Bewegung voll mitbekommen haben, unterrichtet wurde (und da gab es - zugegebenermaßen neben vielen schlechten- auch viele gute! Lehrer), hat man so resigniert.

Man kann sie noch nicht mal damit entschuldigen, dass sie es einfach nicht besser wüssten, und in diesen Konsumwahnsinn mit 30 Verblödungsfernsehprogrammen hineingeboren wurden.

Ich versteh' das einfach nicht :o(

persiana 6. Februar 2009 um 16:24  

@anonym #2

fast hätte ich es ja wieder übersehen. ja, trick 17. Derjenige, dem der Misstand am meisten auffällt, ist natürlich auch dafür verantwortlich, dass dem nicht sofort Abhilfe geschaffen wird.

Der Kritiker ist nun plötzlich derjenige, der sich zu Rechtfertigen hat!

Sehr geehrter Herr/Frau Anonym,
wer einen Misstand benennt, ist noch lange nicht dazu verpflichtet, sofortige Abhilfe zu schaffen oder Lösungsvorschläge parat zu halten.

Meiner Meinung nach besteht lediglich die Verplichtung, die Erkenntnis mit anderen zu teilen, sei es nun in einem Blog, im Bekanntenkreis oder woanders.

Natürlich wäre es sicher sinnvoll, mit den Jugendlichen zu diskutieren und den Versuch zu machen, die Flut mit Sandsäcken aufzuhalten. Aber auch wenn man das nicht macht, aus welchem Grund auch immer, darf man Misstände doch wohl benennen.

Ich glaub', ich lege jetzt doch eine Sammlung der Gehirnwäsche -Methode an, denn man trifft ja immer wieder darauf, ob sie nun bewusst oder unbewusst angewendet werden, spielt ja eigentlich keine Rolle...es geht einfach darum, dass man aufzeigt, wie der Großteil der Bevölkerung dazu manipuliert wird, damit ihr die Lust am Kritisieren vergeht.

Auf die Masche bin ich auch schon oft reingefallen. Plötzlich war ich diejenige, die dafür verantwortlich war, dass die Welt so schlecht ist...

MG 6. Februar 2009 um 17:45  

"Wie soll man da noch erwarten, es würde sich in diesem Land ein Umdenken vollziehen können?"

Von welches Umdenken sprichst Du, lieber Roberto?
Das von den Machthabern gewünschte hat bereits stattgefunden und ist offenbar eine runde Sache geworden, wie Du in der Gruppe erfahren konntest.
Ein anderes Umdenken ist nicht geplant, also wird ein solches so schnell gar nicht stattfinden. Zumindest nicht in die Richtung die Dir - mir auch übrigens - vorschwebte...

Anonym 6. Februar 2009 um 20:05  

"Die Liste der Ursachen ist aber noch länger als von Ihnen angegeben: Egoismus, ekstatisches Konsumverhalten, Spießbürgerlichkeit (man glaubt kaum, wie spießig viele junge Erwachsene bereits sind), Unwissenheit, Denkfaulheit, Obrigkeitsstaatliches Denken, unkritisches Nachplappern "wissenschaftlicher" Lehrmeinungen (v.a. bei Jura-, Politik-, Wirtschaftsstudenten) usw."

Dito. Habe Politikwissenschaft studiert und war am Institut praktisch der einzige, der gewisse Sympathien für die Linkspartei hegte. Ansonsten herrschte sowohl bei den Dozenten als auch bei den Studenten die Ansicht vor, dass die Linkspartei eine Bande von demagogischen Rattenfängern sei, der nur geistig Minderbemittelte auf den Leim gingen. An politischen Diskussionen nahm ich daher kaum teil. Nicht, weil ich Angst davor hatte, wegen meiner politischen Überzeugungen angefeindet zu werden; nein, ich hatte Angst davor, als Schwachkopf belächelt zu werden.

P.S.: Meinen Abschluss machte ich übrigens mit einer überdurchschnittlichen Note.

Jan Perlak 6. Februar 2009 um 20:14  

Ich vermute eher, dass mit dem Alter die Einsicht kommt. Dass vor allem die junge Generation dazu berufen sei, positive gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, halte ich für einen Mythos. Dass ältere Menschen eine höhere soziale Verantwortung/Kompetenz haben, war schon immer so und wird sicherlich so bleiben.

Unter den in Wohlstand lebenden Menschen, die "bürgerlichen Schicht" zugerechnet werden, gibt es bekanntlich solche und solche. Einige stammen aus Arbeiterfamilien und passen sich nach dem gelungenen Aufstieg schnell an die bürgerliche Lebens- und Denkweise an. Andere wiederum vergessen ihre Herkunft nicht. Daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern.

Wie immer, sind natürlich die Medien an vielem Schuld – auch an der geistigen Verwahrlosung von Teilen der Jugend. Privatfernsehen, Internet und co. sind nicht dazu angetan, einen ohnehin nicht vorhandenen Bildungshunger der jungen Generation zu stillen. Dieser Bildungshunger mag höchstens in eng begrenzten Fachbereichen vorhanden sein, weniger aber in gesellschaftlichen Angelegenheiten.

Über die Gesellschaft als ganzes denken nur die wenigsten nach. Das aber ist nach dem von mir geschätzten Günter Gaus die Voraussetzung, um "links" sein zu können. Die Gesellschaft is zu komplex geworden, als dass sie ein einfacher Bürger durchblicken könnte. Darum, vielleicht darum, ist die parlamentarische Demokratie gescheitert. Ein Wahlrecht nicht wie früher für Männder und Besitzende, sondern für Menschen, die tatsächlich über die gesellschaftlichen Grundlagen nachdenken, wäre vielleicht die Lösung.

Anonym 6. Februar 2009 um 20:20  

hallo,

nachdem ich deinen blog schon eine weile lese und meist sehr angeregt bin davon, möchte ich mich endlich mit einem beitrag an der diskussion beteiligen.

die geflissentliche fatalität, die aus den schilderungen hervorgeht, erfahre ich häufig auch in den gesprächen mit meiner schwester (fast 25- jährig), die mir mit zunehmender verbitterung von der banalität in vielen ihrer bekanntschaften und deren freizeitbeschäftigungen berichtet.
und häufig genug ist mir´s im ersten moment ebenso wie nach dem lesen deines heutigen beitrags, roberto.

ähnliches bzw. vergleichbares könnte ich aus meinem eigenen erleben berichten; ich bin ehrenamtlich engagiert in einem verein, der regelmäßig partys und kulturveranstaltungen organisiert und in eigenen räumlichkeiten durchführt.

wie aber ist damit am besten umzugehen? eine mich eindeutig befriedigende antwort hierauf hab ich längst nicht gefunden, und ich hüte mich davor, sie anderen als tauglich anzuempfehlen, meine aber dennoch: es ist eine ungeheure, eselsgleiche geduld notwendig im umgang mit diesen menschen. keine nachsicht freilich mit den idiotien, die sie eingeimpft bekommen und bedenkenlos weiterplappern. die geduld, wie ich sie meine, ist eine mischung einesteils aus dem beharren auf den eigenen, als humanistisch aufgefassten werten und handlungsweisen; andernteils die gleichwohl spekulative hoffnung darauf, dass es, die geschichte möge als beleg gelten, immer momente geben wird, die eine bis kurz vor ihrem auftreten nicht zu ahnenden dynamik entfalten und die gesellschaftlichen widersprüche auf ein niveau heben, auf dem eine beschwichtigung oder nicht- beachtung nicht mehr möglich sind.
diese geduld verstehe ich aber nicht als erdulden der idiotien. es ist mit der möglichkeit zu rechnen, dass mensch ausgelacht wird, scheel angesehen, wenn er/ sie sich dazu bekennt, bücher zu lesen, selten bzw. nie fern zu sehen etc. daher meine ich: der penetranz der idiotie will ich in penetranz meine auffassungen entgegen setzen. erfahrungsgemäß bleibt bei einigen doch etwas hängen, sehen sich einige denn doch hin und wieder ermutigt, aus der herde auszuscheren.

den pessimismus kann ich im umgang mit menschen durchaus im hinterkopf haben, bin aber zugleich der auffassung, dass ich ihnen gegenüber offensiv mit meinem verständnis von humanismus auftreten soll.

zurück zum größeren zusammenhang:
mensch sehe mir meine wortwahl nach: in bisheriger ermangelung eines historischen subjektes, das träger einer/ der nötigen umwälzung sein kann, gehe ich zur zeit davon aus, dass es in absehbarer zeit in diesem land - ich betrachte es mit bezug auf tucholsky als meine heimat! - zunächst zu chaotischen zuständen kommen wird. zuständen, in denen die einzige wirkmächtigkeit der herrschenden eliten in ihrer bewaffnung (polizei, armee etc.) bestehen wird, und die einer zersplitterten und zugleich aufgebrachten bevölkerung gegenübersteht.

in einer solchen situation ist fortgeschrittene fatalität, die sich häufig dann in zynismus äußern wird, am wenigsten angebracht. gerade dann wird es umso notwendiger sein, das lange vergessene, verdrängte und bewusst unterdrückte: die humanität und das unbedingte bestehen auf der gestaltungsfähigkeit des menschlichen lebens! zum gegenstand der gesellschaftlichen aushandlungsprozesse zu machen.
wiederum mit verweis auf die geschichte, wird eine solche möglichkeit zeitlich begrenzt sein. dass dies´ offene fenster aber nicht übersehen und, wesentlicher: genutzt wird, liegt in unserer verantwortung.

in diesem sinne sehe ich das als meine entgegnung auf die eingangsfrage.

kurz zu meiner person: 27 jahre alt, seit über einem jahr prekär beschäftigt (trotz erfolgreich abgeschlossener ausbildung)

gruß,

b. aus berlin

Anonym 6. Februar 2009 um 21:42  

Heinrich Manns "Der Untertan" läßt grüßen....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Die Bildung der Jugend wurde übrigens auch von AH so instrumentalisiert, dass es keinen Widerstand gab.....ich lernte dies einmal so auf der Schule....die Parallelen zu heute wurden damals schon nicht erwähnt, die wurden mir erst bei der Einleitung von Schröders "Reformen", und den "Profis der Nation" in der Agenda2010 klar, die für die Vermittlung der "Reformen" gerade bei Heranwachsenden sorgen sollten....da bekommt das verpönte Wort vom "Sozialfaschismus" einen ganz neuen Sinn....

Anonym 6. Februar 2009 um 23:36  

Cui bono, liebe persiana, wem helfen wir damit, wenn wir nur die geistige Unbeweglichkeit dieser jungen Leute beklagen?

Wollen wir wirklich zusehen wie sich die Typen dann dem Mainstream immer weiter hingeben?

Oder meinen Sie nicht, dass es zwingend notwendig ist, gerade von diesen Jugendlichen immer und immer wieder einen Standpunkt einzufordern?

Wer soll es denn richten, wenn die Gesellschaft versagt?

Das hat nichts mit Schuldzuweisung zu tun. Ich will niemanden angreifen, zumal es gut ist, wenn Roberto immer wieder "wunde" Punkte benennt.

Aber, meine Erfahrung lehrt mich, dass es immer wichtig ist, seinen eigenen Standpunkt mitzuteilen.

Gerade junge Menschen suchen ja oft ein Gegenüber. Konsum ist meiner Meinung nach meist die "Ersatzdroge" wenn ein Gegenüber fehlt.

Ich habe in den vergangenen Jahren sehr oft mit jungen Leuten diskutiert. Am Anfang war es wahnsinnig schwierig überhaupt Zugang zu finden. Doch als sie meine Hartnäckigkeit gespürt haben, platzte bei vielen der Knoten.

"Leute wollt ihr ewig Schafe sein? Wollt ihr euch weiter denen ausliefern, die euch sagen was ihr anziehen, was ihr essen und wie ihr euer Leben einrichten sollt?"

Das zeigte Wirkung. Allerdings ist es damit nicht getan. Penetranz ist hier wirklich angesagt - denn der Wille zu denken, muss immer wieder angeregt werden.

In diesem Sinne ist es vielleicht doch ein Gehirnwäsche, die aber gründlich und schonend - und reglmäßig wiederkehrend.

Anonym 7. Februar 2009 um 08:33  

Ich finde es wichtig, über den geistigen Zustand eines Volkes zu reden, auszusprechen, dass etwas ganz Entscheidendes schiefläuft. Was Sie beklagen, Roberto, findet man aber nicht nur bei der Jugend, ich meine, man findet es in der gesamten westdeutschen Gesellschaft. Die Gesellschaft wurde systematisch entpolitisiert, antikommunistisch ausgerichtet, das heißt, es wurde ein gesamtes Volk (Ausnahmen bestätigen die Regel) zum Untertan herangezüchtet. Da ist zum einen die Schule, da sind die Medien, die Statements der Politiker, die vollen Geschäfte. Die Öffentlichkeit wird gleichgeschaltet. Wie sollten sich da gerade Jugendliche zurechtfinden, die sehen, wie es denen ergeht, die sich wehren? Gar zum Protest gelangen? Obwohl es doch um ihre eigene Zukunft geht. Sehr weitverbreitet, nach meiner Erfahrung, die Resignation: "Was soll ich demonstrieren, die oben machen ja doch, was sie wollen." Und das ist noch die positivste Meinung, die man von Jugendlichen erhalten kann. Es ist nun mal so: Dadurch, dass die Alternative Sozialismus verlorengegangen ist, ist vielen Menschen zugleich der Sinn des Lebens verlorengegangen, auch wenn sie selbst das gar nicht so sehen und ihre Resignation oder Ablehnung politischen Denkens damit begründen würden. Die Jugend weiß heute einfach nicht mehr, weshalb sie eigentlich lebt, sie sieht keinen Ausweg aus dieser Welt, die sie selbst auch als Desaster beschreibt, in der sie ihren Platz sucht und in die sie sich letztlich einrichtet. Die Eltern haben sich eingerichtet (oder auch nicht), was bleibt der Jugend übrig, als sich selbst einzurichten? Ich bin der Ansicht, dass diese selbe desinteressierte Jugend eine andere wäre, würde es auch nur einen Lichtblick geben für eine Veränderung der gegenwärtigen Welt. Ich gehöre zur älteren Generation, ich habe diese sich selbst entfremdete Jugend hier in der BRD vorgefunden, und ich fühle mich angesichts des Ausmaßes des Desasters wirklich hilflos. Und mir wird angst und bange, wenn ich an die Zukunft des Landes denke, das ich liebe und das ich meiner Enkelin hinterlasse.

Anonym 7. Februar 2009 um 10:51  

Hat nicht auch der Siegeszug des Hip-Hops , oder besser gesagt des Gangsta-Raps mit dazu beigetragen, dass die heutige Jugend so ist wie sie ist? Natürlich gibt es auch Hip-Hop-Künstler mit gesellschafts- und systemkritischen Texten (bspw. Public Enemy), aber die großen Stars wie 50 Cent oder P Diddy haben doch keinerlei politische Botschaft außer "Get rich or die trying". Bei ihnen dreht sich alles um Statussymbole - Geld, Luxusautos, Schmuck und Markenklamotten. Konkurrenten werden "gedisst", abgewertet, im Extremfall ermordet (2Pac, The Notorious BIG). Menschen mit solcher Denkweise wünscht sich jeder Kapitalist - durch und durch materiell orientiert und so asozial, dass man sogar bereit ist, über Leichen zu gehen.

Anonym 7. Februar 2009 um 13:17  

Hallo Roberto,

ebenso wie die vielen anderen, lese ich immer mit höchstem Genuss deine scharfen Analysen, umso erfreuter und gespannt war ich nun, wie ich sah, dass du dich dem Thema "Jugend" annimmst - einem meiner Meinung nach schwer vernachlässigten Thema. Als Betroffener hatte ich hohe Erwartungen an deinen Text, die leider enttäuscht wurden.

Zunächst mal vermisse ich die Scharfsichtigkeit, die man sonst in deinen Beiträgen gewöhnt ist. Dieser Text reiht sich meiner Meinung nach mangels ausreichender Reflexion in die medial üblich gewordene "Jugendfeindlichkeit" ein.

"Politikverdruss", "Entpolitisierung" sowie "Systemkonformität" und "Konsumgeilheit" sind doch nicht Erscheinungen, die erst unter der heutigen Jugend auftreten. Zwar gebe ich dir grundsätzlich recht, dass diese Attribute unter den Jüngeren heute besonders ausgeprägt sind, aber so zu tun, als seien die Menschen erst heute unpolitisch und resignativ geworden, ist einfach falsch.

Ich bin Jahrgang 84, meine Eltern gehören der s.g. Babyboomer-Generation an. Einer Generation, die bereits in wirtschaftlicher Prosperität aufgewachsen ist! - die sich bereits von der Politikaffinität der 68er-Jugend größtenteils verabschiedet hat - die sich bereits in ihrem Leben systemkonform eingerichtet hat und den Konsum auf Hochtouren gebracht hat. Ich persönlich kann in der Generation meiner Eltern bereits eine Gleichgültigkeit bis zu vollständiger Resignation gegenüber politischen Fragen feststellen, die sich nicht von der meiner Altersgenossen unterscheidet.

Meine Erziehung war von folgenden, teilweise bereits erwähnten Glaubenssätzen dominiert:
- allen voran "Man kann ja doch nichts machen! Was kann ich als Einzelner oder mit meiner einzelnen Stimme schon bewirken?",
- auch wichtig "Guck wo du bleibst. Der Mensch ist schlecht. Er ist egoistisch und schaut nur nach sich selbst."

Ich behaupte, dass diese beiden Glaubenssätze exemplarisch für die Leitsätze in der Erziehung meiner gesamten Generation stehen. Nun bin ich jemand, der dennoch den Weg aus Platons Höhle gefunden hat und hochpolitisch sowie kritisch ist, aber es ist doch verständlich, dass bei einer solchen Erziehung, dieser Weg schwer verbaut ist.

Es ist natürlich nicht nur die individuelle Erziehung durch eine Generation (Babyboomer), der bereits erfolgreich diese Glaubenssätze eingetrichtert worden sind und die damit erfolgreich von der herrschenden Klasse zur Passivität und Resignation über die herrschenden Verhältnisse gebracht worden ist.
Die gleichgeschaltete Medienwelt mit all ihren verblödenden Botschaften unter der meine Generation aufgewachsen ist, hat selbstverständlich auch einen riesen Anteil an der geistigen Formung meiner Generation.

Es ist traurig, und insbesondere für mich, der sich als "aufgeklärter" Anhänger dieser Generation sieht, ein sehr schweres Los, festzusstellen, dass die jungen Leute erfolgreich mit einem sozialdarwinistischen Menschenbild versehen worden sind, d.h. auch "Unfähigkeit zur Solidarität", die wiederum Voraussetzung für jeden gemeinsamen Widerstand ist.

Wer als Einzelner dennoch in irgendeiner Weise in dieser Gesellschaft abweicht und sich kritisch beteiligt, bekommt sehr schnell Sanktionen zu spüren- das System ist perfekt auf die unmittelbare Sanktionierung Abweichender ausgerichtet.

Legst du keinen mustergültigen (Hoch)Schulabschluss hin, wirst du ausgeschlossen, beteiligst du dich im linkspolitischen Bereich, wirst du ebenfalls gemieden - das mag ja altbekannt sein, aber wirkt heute noch direkter und brutaler. Auch ein alter Hut ist, dass kritisches Denken in der Schule nicht gefördert wird. Junge Menschen werden damit von klein auf diszipliniert und zur Systemkonformität gebracht. Auf die Jugend wird großer (Konformitäts-)Druck ausgeübt, die meisten haben sich mit diesem sozialdarwinistischen Kampfleben bereits arrangiert und abgefunden.

Es wird mir jetzt zu lang, ich schließe mit dem einen Satz: Immer wieder platt auf die Jugend einzuhauen, halte ich für eine schwere Ungerechtigkeit.

Anonym 7. Februar 2009 um 14:29  

Wie wäre es, wenn jeder, der sich hier verewigt hat, und regelmäßig mit politisch unmotivierten Jugendlichen zusammentrifft, sich eben diese schnappt und das Gespräch auf ein Thema bringt, das sie sehr bald einholen wird: ARBEITSSUCHE. Und ihnen dann mal anhand anschaulicher Beispiele (HARTZ4) aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis die alltägliche Politik nahebringt.
Am Rechner über die dummen, hohlen, ungebildeten Jugendlichen zu philosophieren ist müßig, wenn man dem nicht Taten folgen lässt!
Um die Jugendlichen in Schutz zu nehmen: Woher soll die Erkenntnis denn kommen, wenn ihre Eltern/Freunde selber desinteressiert sind und an der Erziehung unbeteiligte Beobachter/Bekannte sich vornehm zurückhalten um sich hinterher im Internet über die Dummheit der Jugend zu echauffieren??? Vor allen Dingen auf Seiten, auf die die Betroffenen nicht aufsuchen werden --> alle eure Mühe ist für die Katze! Also geht raus, nehmt euch die Jugendlichen einzeln vor und bringt ihnen das Wissen und die Erkenntnis! Nicht alle sind doof und blöd und hohl und fixiert auf Autos. Sie kennen nur nichts anderes!

Anonym 7. Februar 2009 um 15:18  

Hi Roberto,

ich finde den Text teilweise daneben, weil ich vom draufkloppen auf irgendwelche Bevölkerungsschichten nichts, absolut nichts, halte.

Genauso kannst du auf die industrielle Reservearmee feuern, weil deren "Soldaten" ihre Hinterteile nicht heben und sich doppelt und dreifach über'n Tisch ziehen lassen usw. usf.


Zurück zur Frage: "Mit wem soll man marschieren?"

Ich kann dir sagen mit wem ich marschieren werde. Und zwar mit denen, die sich gegen die Ausbeutungsverhältnisse stellen werden.

Roberto J. De Lapuente 7. Februar 2009 um 15:37  

Als zentralen Satz sollte man herausheben:

"Das alles soll und darf nicht heißen, wie es üblicherweise von einigen Zeitgenossen postuliert wird, dass die Jugend schlecht ist - aber schlechtgemacht wurde sie allemal."

Nicht die Jugend ist schuld, es sind die Umstände. Aber es bedarf einiger Aufklärungsarbeit, für die manche junge Leute - wie ältere Menschen übrigens auch - resistent sind. Aber auch dieses Gefeitsein ist Produkt und nicht charakterlicher Mangel der Menschen...

Roberto J. De Lapuente 7. Februar 2009 um 15:41  

"Genauso kannst du auf die industrielle Reservearmee feuern, weil deren "Soldaten" ihre Hinterteile nicht heben und sich doppelt und dreifach über'n Tisch ziehen lassen usw. usf."

Während ich bei den Verirrungen der Jugend - "der Jugend" wird hier absichtlich benutzt, aber "die Jugend" ist nicht generell so - anmahne, ist deren Hang, die Herrschaftsverhältnisse nicht nur zu erdulden, sondern sie zu verfestigen. Das kann man bei denen, die der Reservearmee zufallen, nicht unbedingt behaupten, denn sie sind Opfer der Herrschaftsverhältnisse. Dieser Unterschied ist unbedingt zu erwähnen.

Anonym 7. Februar 2009 um 16:08  

Gefunden auf /www.linksnet.de:

David Salomon in Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung
Der Intellektuelle der sozialen Frage

. . . Diese allzu einfachen Antworten sind Ausdruck einer "neuen Unübersichtlichkeit", die die Linke und namentlich ihre Intellektuellen in eine tiefe Krise gestürzt hat. Tatsächlich hat sich angesichts vielfältiger Klassenfragmentierungen, Widerspruchskomplexe und Konkurrenzverhältnisse die Notwendigkeit verschärft, dem doppelten Anspruch des sozialen Materialismus gerecht zu werden: Auch und gerade heute muss der Intellektuelle den allgemeinen Anspruch auf soziale Emanzipation verbinden mit dem genauen Blick auf die besondere Lage der Subalternen.

Sein Avantgardismus erweist sich nun darin, dass er vorfindliche Organisationen, Bewegungen und Klassensegmente und in ihnen emanzipatorische Tendenzen und Absichten wahrnimmt und befördert.

In diesem Kontext fungiert er zugleich als Agent einer allgemeinen Intellektualisierung, die er sowohl in den "ideologischen Staatsapparaten" gegen neoliberale Verwertungsansprüche verteidigt, wie in eigenen Organisationen und Bildungsinstitutionen vorantreibt.

Auch der Intellektuelle heute muss - in Tradition zu und in Auseinandersetzung mit den Intellektuellen der Arbeiter-klasse des 19. und 20. Jahrhunderts - Intellektueller der sozialen Frage sein. Wo er den Gedanken politischer und materieller Emanzipation und die Suche nach dahingehenden transistorischen Tendenzen in der gegebenen Gesellschaft zugunsten scheinbar pragmatischer Anpassungen an fetischisierte Sachzwänge aufgibt, sich zum Propagandisten macht und als TUI (TellektuellIn) zum "Kopflanger" der herrschenden Klasse (Brecht) wird, hört er auf im strengen Sinn ein Intellektueller zu sein. Nach wie vor gilt Gramscis Anspruch, dass sich wirkliche Demokratie in der Neigung erweist, "Regierende“ und „Regierte“ zusammenfallen zu lassen" (Gramsci 1996: 1528). Die dazu notwendige Denkweise in dafür geeigneten Institutionen zu befördern, ist der eigentliche Beruf des Intellektuellen der sozialen Frage.

"Heute sind die Verhältnisse klar: die Industrie will die Universitäten unter ihre Kontrolle bringen, um sie zu zwingen, den alten, überholten Humanismus aufzugeben und ihn durch Spezialfächer zu ersetzen, die den Betrieben Umfragespezialisten, höhere Angestellte, Werbefachleute etc. liefern sollen." (Sartre 1995: 99f.)

Und . . .

Alternativen zur Politik des "Ich-und-Jetzt Populismus"
Reinhold Rünker in spw - sozialistische Politik und Wirtschaft

. . . Gewiss, all die konkreten politischen Forderungen klingen nicht neu - und sie werden bedeutungslos bleiben wenn es nicht gelingt, sie mit den Alltagserfahrungen, mit der Art und Weise, wie die Menschen ihr Leben organisieren, zu verknüpfen. Ohne Leidenschaft für die konkrete Auseinandersetzung um die Lebensführung und die Akzeptanz, wie Menschen ihr eigenes Leben sehen und führen wollen, wird es keinen demokratischen Populismus geben können.

Peinhard 7. Februar 2009 um 17:43  

"Nach wie vor gilt Gramscis Anspruch, dass sich wirkliche Demokratie in der Neigung erweist, "Regierende“ und „Regierte“ zusammenfallen zu lassen" (Gramsci 1996: 1528)."

Dazu ein Satz, der mir heute im Diskussionsforum von tagesschau.de (jaja) 'begegnete':

"Gab es in der deutscher Geschichte eine Regierung die ihrer Bürger mehr Demokratie gewährt hätte als eine Regierung mit FDP-Beteiligung?"

Eine Regierung, die 'Demokratie gewährt' - besser kann man eine Herrschaftsform kaum charakterisieren, die lediglich die Legitimation 'von Gottes Gnaden' durch die des Wahlaktes ausgetauscht hat. Und das ganze war auch noch gedacht als *Gegenargument* zu dem Vorwurf, es handele sich bei unserer 'Demokratie' doch nur um eine Diktatur der herrschenden Klasse und ihrer materiellen Interessen.

Anonym 7. Februar 2009 um 20:29  

andersherum betrachtet ...

... habe ich meiner patentochter versucht das konzept der kritischen betrachtung nahezubringen, sich selber wie auch anderen gegenüber (oder meinungen oder gefühlen gegenüber), ohne abwertende tendenzen sondern eher als erstmal neutrale instanz in einem konstruktiven prozess, beginnend bei der frage; was will ich und was bedeutet dies für mich und andere, und was möchte mein gegenüber ...

inzwischen merke ich, das meine versuchte "positive" handlungs- und denkensart durch endlos viele gespräche, bei zigaretten und tee oder auch mal ein schluck wein (nur für mich) auf sie übergegangen ist.

einerseits freut mich dies, denn ich denke die basis für ein "gutes" leben, oder nennen wir es ein halbwegs offenes und selbstbestimmtes (das gute wird hoffentlich darauf folgen), kommt in erster linie durch ständiges hinterfragen, forschen, lesen usw.



ich finde, sie schlägt sich nicht schlecht (speziell unter dem kontext da sie bisher ein recht problematisches leben hatte), doch habe ich inzwischen ein schlechtes gewissen, das ich ihr einen zwar gut gemeinten floh ins ohr gesetzt habe, ihr damit bisher kaum einen ausweg bieten konnte, glücklich zu sein ...

es klingt vielleicht paradox, wenn ich einerseits behaupte das nur selbstbestimmte menschen mit offenem herzen und klarem verstand wirklich glücklich werden können, und andererseits manchmal denke das weniger kritsche leute oberflächlich bertachtet hoffnungsvoller und ausgeglichener sind.



vielleicht ahnt so manch ein erdenbewohner schon recht früh, von wo der wind in dieser welt weht, und verkriecht sich daher z.b. aus selbstschutz in sein schneckenhaus.

Magda 7. Februar 2009 um 20:52  

Zitat:Wer marschiert also, wenn nicht junge Leute, die sich um ihre Zukunftsplanung betrogen fühlen (sollten)? Humpelnde Rentner? Schwächliche Kranke? Seit Jahren an der Würde verletzte Arbeitslose mit Sozialphobien? Solche können froh sein, wenn diese jungen Generationen nicht zu drastischen Mitteln greifen, um diese Unkostenfaktoren in Menschenhülsen nur irgendwie loszuwerden - damit mehr für den Konsum bleibt. Es blüht uns eine schöne neue Welt...Zitatende


Tja, wer marschiert da - ich in meinem Alter plädiere für humpelnde Rentner -
Weil: Ich humple zwar nicht, bin aber schon in Rente und habe mich über diesen stilistisch schönen Text sehr amüsiert. Es liest sich wie ein sorgfältig komponiertes kabarettreifes Lamento für einen Herrn mit sozialem Furor. Na, ich hör auf, Du kannst es besser. .

Apropos alt: Vor ungefähr 25 Jahren gab es mal die zornigen alten Männer in Deutschland.
Aufgefallen ist mir auch, dass die Leute so unverdrossen und fröhlich sofort "Verschwörungstheorie" schrein, wenn jemand versucht irgendwo Zusammenhänge herzustellen.
Noch ein schöner Spruch aber nicht von mir:
Die Vielzahl von Bildern soll verhindern, dass man sich ein Bild macht.

Immer mal wieder legt sich so ein Mehltau über die Gesellschaft.
Aber andererseits - waren es nicht immer Wenige, die sich informierten, aufregten und manchmal auch bitter dafür bezahlten? Die meisten Menschen leben ihren Alltag und verdrängen den Rest.

Also - nicht den Mut verlieren. Vielleicht findet die nächste Revolution sowieso im Internet statt.

klaus baum 7. Februar 2009 um 21:49  

da du leider zu deinem beitrag über scheibenwischer keine kommentarfunktion hast, hier mein hinweis: in seinem auftritt von schramm beim letzten hildebrandt-scheibenwischer ist auch publikum zu sehen, darunter zwei politiker, auch zwei sehr elegante, bürgerliche damen ... sehenswert. auf dem hintergrund deiner äußerungen erkenntnisfördernd.

http://www.youtube.com/watch?v=Bg5PDq2uz1Y

Anonym 7. Februar 2009 um 23:01  

Roberto!

Ich habe vor rund 21 Jahren im Jahr 1988 mein Abi gemacht und ich schwöre Dir, sehr viele Klassenkameraden waren damals schon sehr oberflächlich und auf Konsum getrimmt. Kritisches Denken, Politisieren war bei den meisten verpönt und nur mit sehr sehr wenigen Kameraden möglich. Die meisten träumten damals von Banklehre, BWL Studium u.ä. nur um möglichst Karriere und Kohle zu machen.

Ich halte es daher schlicht für falsch, nur auf die heutige Jugend zu schimpfen, denn damals war es vom Prinzip her nicht anders.

Und wenn jemand behauptet, die Einsicht kommt erst mit dem Alter, so hege ich dort bei manchem meine Zweifel. Das zwanzigjährige Abitreffen letztes Jahr war der reinste Grusel, 40jährige verkalkte
Spiessbürger wiederzutreffen. Grottenschlecht.

Sheryl 7. Februar 2009 um 23:17  

Ich habe leider gerade nicht alle Kommentare gelesen aber der Artikel ist wundervoll!

Auch möchte ich mich hiermit als so genannte "junge Erwachsene" outen und hiermit sagen: es ist noch nicht alles verloren. Es gibt auch (wenige) junge Menschen, die diesen Wahnsinn durchaus wahrnehmen und es tut mir in der Seele weh und manchmal denkt man wirklich wie aussichtslos das alles ist. Und es wird schlimmer. Ich sehe nicht, wo sich diese allgemeine Lage die nächste Zeit ändern sollte. Man möchte raus aus der ganzen Sache und einfach - leben.

Ich wohne in der Nähe eines Gymnasiums. Jeden Tag kann man die Kinder auf dem nach Hauseweg sehen. Man möchte sagen, sie sind wie Schafe. Genau wie beschrieben, alle sind gleich angezogen (es ist so hip), alle hören die gleiche Musik und verhalten sich gleich. Irgendwo muss auch die Individualität flöten gegangen sein....

Auf jeden Fall vielen Dank, das es mal ausgesprochen wird, ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.

Lupe, der Satireblog 7. Februar 2009 um 23:21  

solange die jugend ihre iPoods hat, freitags und samstags bis zum frühstück abtanzen kann, wird es schwierig, sie für politik zu begeistern. wir müssten mal ein gesetz erlassen, dass wiederum alle ausgehlokale, alle housetempel etc. ab 23 uhr schliessen müssen.

dann würden plötzlich jugendliche politisch, die zuvor nie für irgendwelche aktionen zu haben waren.

selbstverständlich gibt es glorreiche ausnahmen. in unserer region hat sich eine alternative liste gebildet, die innerhalb eines jahres fast 100 mitglieder hatte. die sind immer noch aktiv und haben inzwischen bereits 5 jugendliche in die regionalen parlamente gebracht.

aber wie gesagt, die grosse mehrheit ist zufrieden, wenn sie mp3-songs runterladen und konsumieren können.

Knut 8. Februar 2009 um 12:09  

Erstaunen darüber, dass ein 30jähriger schon so kritisch mit "der Jugend" ist? Ist die Jugend nicht immer schon durch Erziehung angepasst gewesen? Sind die mp3s schuld? Gerade als 30jähriger kann man sich wundern! Wenn ich neunzig wäre, würde ich erwarten, "der Jugend" fremd geworden zu sein, aber was sich in den letzten 10-15 Jahren geändert hat ist erschreckend. Angepasste gab es immer und oft waren sie auch die Mehrheit, aber Jugendliche wurden bisher doch eher dafür von den Erwachsenen verurteilt, weil sie sich nicht anpassen wollten. Es gab in so vielen Generationen immer eine starke Bewegung gegen die Werte der Gesellschaft und der Eltern. Manchmal mit guten Gründen, manchmal nicht. Die provokativen Jugendlichen waren Hippies, Punks, Beats, vielleicht sogar Grufties. Deren Musik und Lebensstil wandte sich gegen Biederkeit und Konsum, selbst wenn auch hier die Kommerzialisierung zuschlug.
Heute sind die Provokativen diejenigen, die besonders kapitalistisch sind: Vom Gauner zum Superstar lautet das Ideal von HipHop und ähnlichem(natürlich eine Generalisierung, auch im Medium des HipHop ist Gesellschaftskritik möglich). Der Unterschied der aktuellen Generation von einigen vorangegangenen ist schwer zu beschreiben, aber meiner Meinung nach essentiell. Es gab immer die Angepassten, aber es gab eben auch die Anderen, so gab es auch die Möglichkeit der Entscheidung. Es gab diejenigen, die vielleicht alleine nicht die Kraft gehabt hätten absichtlich aus dem Rahmen zu fallen, die dies aber mit anderen zusammen konnten. Heute kann man sich als Jugendlicher immer noch intellektuell und kritisch betätigen, aber man muss ein gutes Stück härter und selbstbewusster sein, um das zu wagen.
@ Roberto: Deine Fähigkeit richtig gute Texte zu schreiben beweist Du in vielen Texten, so auch in diesem. Du schaffst es zu zeigen, was im Argen liegt, ohne "der Jugend" daraus einen Vorwurf zu machen.
PS.: Gestern ist mir aufgefallen, dass ich mich freue und aufmerke, wenn ich Teenager mit echten Musikinstrumenten sehe. Es gibt noch andere Hobbies als shoppen und chillen. Mal die Augen aufmachen!

Knut 8. Februar 2009 um 12:13  

Ausserdem: Dieser Blogartikel ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich immer wieder lohnt genau hinzuschauen. Nicht nur der eigentliche Text ist sehr lesenswert, sondern auch die Kommentare! Muss ein guter Schreiber sein, der solche Leser hat.

pawlow 9. Februar 2009 um 02:17  

Nach meinem subjektiven Eindruck glauben junge Menschen, die gerade das Abitur hinter sich haben, dass sich ihre Karriereträume realisieren. Erst wenn viele von ihnen mit Mitte zwanzig gefrustet sind, weil sie zu den Verlierern der Konkurrenz gehören, oder weil das Arbeitsleben dann doch nicht aussieht wie auf den Hochglanzphotots, setzt eine Politisierung ein. Weil rassistische und nationalistische Wertvorstellungen doch sehr verbreitet sind, ist diese politisierung aber nicht immer wünschenswert.

Naja. Glücklich der Staat, der so eine Jugend hat.

Der Säzzer 9. Februar 2009 um 12:01  

Hallo zusammen!

Ich war Mitte bis Ende der 80er in der Hochschulpolitik aktiv und habe bei den noch halbwegs aktiven Menschen vor allem eines wahrgenommen:

Fehlende Utopie, fehlende Vorstellung davon, wie ein Leben (ein Studium an der Uni) aussehen könnte. Was uns alle vereinte war, dass wir wussten, wogegen wir waren.

Es fehlte einfach an alternativen Plänen (nicht Ideen und Vorstellungen), wie ein besseres Leben und eine bessere Gesellschaft hätte aussehen können.

Daher wundert es mich nicht, dass in der »heutigen Jugend« (TM) kein Impuls zur Veränderung des eigenen Lebens und oder gar der Gesellschaft vorhanden ist. Wir haben ihnen das nicht vermittelt!

Dass die heutige Jugend es nicht besser weiß, geht auf das Konto meiner Generation, welche es unterlassen hat zu zeigen, dass fortschrittliche Veränderungen möglich sind.

Wir haben uns nur mit der Abwehr rückwärtsgewandter Veränderungen beschäftigt, nie oder zu selten mit der Entwicklung zukünftiger Perspektiven. Und wo letztere doch stattfand, zerredeten wir diese Perspektiven in innerlinken Differenzen, anstatt den Weg gemeinsam zu gehen, den wir hätten gemeinsam gehen können. Weil wir glaubten zu wissen, dass sich irgendwann unsere verschiedenen Wege trennen würden, sind wir diese Wege erst gar nicht gemeinsam gegangen.

Ein Fehler, der sich nun rächt.

Anonym 9. Februar 2009 um 13:21  

ch habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.

(Aristoteles, gr. Philosoph, 384-322 v. Chr.)

Ich denke mit dem vorranschreiten des Lebens wird auch die Jugend erwachen. Vielleicht gibt es ein geistiges Mittelalter, doch wird auch dieses wieder vergehen!
In übrigen hat man der Jugend noch nie was großes Zugetraut und als Jugendlicher ich einem System welches von rebellionserfahrenen 68er aufgebaut und verteidgt wird hat man es nicht so einfach.
Desweiteren finde ich es schrecklich wenn ein Volk seine aktuellen Probleme auf seine Jugend abschieben möchte.
Wo sind den die Erwachsenen? Hier rebelliert keiner auf der Straße, vielleicht liegt das ja am Regen!

Geschreibsel 9. Februar 2009 um 13:34  

Danke für den Artikel. Auch wenn es mir Angst macht, denn ich bin eine von den beschriebenen kranken, humpelnden Rentnerinnen, die dann wohl marschieren werden gegen all den Irrsinn der heutigen Welt. Es ist einfach nur traurig und schade, daß es so ist wie es ist. Und das einzige was mir bisher als Lösung für ein als unmenschlich empfundenes Untertanentum geboten wurde, ist "denke positiv" und "lebe im hier und jetzt". Sich selber anpassen an die bestehenden Verhältnisse hat leider Hochkonjunktur, sei es über "Psychotherapien" und Selbsterfahrung oder über den heiligen Konsum. Es gibt zu wenige Leute die die bestehenden Verhältnisse ändern wollen. Ich frage mich nur wie lange das noch gut geht. Optimistisch bin ich nicht.

Immerhin es gibt einige die blicken (wollen) was passiert, das gibt zumindest Anlaß zur Hoffnung.

romano 9. Februar 2009 um 13:57  

Interessanter Artikel. Ich bin so alt wie du und mir ist dieses Phänomen schon oft aufgefallen. Schön, dass es mal angesprochen wird. Ein paar Gedanken, die mir dazu einfallen folgen.
Das Phänomen ist mir auch bei Gleichaltrigen aufgefallen, als ich noch jünger war, zwischen 15 und 25. Es ist eigenartig, aber manche Menschen haben anscheinend eine Tendenz zu einer kritischen Haltung gegenüber Verhältnissen in der Welt bzw. die Fähigkeit, an diesen Verhältnissen Kritikwürdiges vernehmen zu können und eventuell auch den Mut, dies artikulieren zu können. Das mag man teilweise bewußt gelehrt bekommen müssen, teilweise ergibt sich dies aus der präzisen sozioökonomisch-biografischen Situation. Ich für meinen Teil habe die prinzipielle Vernehmensfähigkeit und das entsprechende Interesse aufgrund meiner sozialen Herkunft (im heutigen ideologischen Jargon: Unterschicht) mitbekommen und dazu ein Schulsystem bis zum doppelten Uniabschluss durchlaufen (Philo/Powi), in dem ich vor allem von der Anfangsphase bis in 10. - 11. Klasse (kein philologisches Gymnasium, sondern eine höhere Maschinenbauschule) die prinzipielle Möglichkeit der Kritik, ihr Recht und ihren Sinn gegenüber einer noch nur diffus als herrschaftsgetränkt wahrgenommenen Welt gelernt habe. Den entsprechenden Lehreren sei Dank! Bei anderen Jahrgangsgenossen fielen solche Nuancen der Lehre auf taube Ohren. Sie waren auf den zukünftigen Beruf aus, manchmal schon der verlängerte Geist des väterlichen Betriebs. Auf der Uni sah ich dann neue Eigentümlichkeiten. Bei entsprechender kognitiv-emotionaler Disposition kann man auf der Uni bald einmal elitistische Attitüden und Praktiken (Bourdieu grüßt!) vernehmen, die mit der Sache (in meiner Naivität meinte ich, an der Uni ginge es prinzipiell um Aufklärung, um Erkenntnisse mit tendenzieller Hingerichtetheit auf Meliorisierung sozialer Verhältnisse) gar nichts zu tun haben. Zu meinem Entsetzen mußte ich bald feststellen, dass ich diese neoaristotelisch-hegelische Lebensweise bald selbst inkarniert hatte und vor mir so etwas wie einen Pöbel entstehen sah, dessen scheinbar antiintellektuelles, denkarmes und kurzgeschlossenes Triebverhalten mir fremd geworden war. Ich erinnerte mich aber, dass ich selbst einmal tendenziell eine solche Lebensform führte und mich ja freilich nie davon lösen können werde. Ich bezweifle heute, dass es sinnvoll ist, in eine solche Richtung zu denken. Es sind zwei Seiten einer Medaille, relational identisch und darüber hinaus ist es eine lange europäische Tradition, zwischen den Merkmalen von Menschen in intellektueller Tätigkeit mit Triebveredelung oder in körperlicher Arbeit mit ungezügelt flatternden Trieben zu unterscheiden. Dies ist selbst eine der raffiniertesten Machtpraktiken. Sie verschließt einen vor allem für die unterschiedlichen Erscheinunsgweisen vieler Phänomene und somit für Menschen. Meine intellektuelle Neugier orientierte sich denn auch mehr auf Ansätze, die keine solche Metaphysik zur Grundlage haben. Es gibt derer nicht viele, die kritische Theorie ist mit Sicherheit keine solche.
Zurück zu den Jugendlichen von heute. Ich habe den Eindruck, dass in Europa in den letzten 50 Jahren mehr oder weniger die selben Themen verhandelt werden. Generation für Generation immer wieder, mal in diese, mal in die andere Richtung. Von dem her ist auch dieses Phänomen der unpolitischen Jugend nichts Neues. Um es einfach zu sagen: manche unserer Eltern waren konforme Roy Black und Volksmusikanhänger, die anderen waren politische Hippies. Ihre weitere historische Entwicklung hätten wohl beide nicht gerne gehört zu dieser Zeit. Viele von ihnen verfielen der neoliberalen Ideologie, warfen marxistische, esoterisch ganzheitliche sowie christlich-soziale Moral und Politik über Bord und frön(t)en den solipsistischen Sinnangeboten des Neoliberalismus samt seinen Exklusionspraktiken.
Mit den Jugendlichen habe ich indes gute Erfahrungen gemacht. Typische gestresste Konsumteenies haben durchaus auch offene Ohren für Fragen der Gerechtgigkeit und dergleichen. Man muss aber im Stande sein, ihnen authentisch zu begegnen, die Unendlichkeit im Levinas'schen Sinne im Anderen auch vernehmen können, wenn er zum Subproletariat gehört und nicht mit gut eingespielten Sinnsequenzen vor einem neoaristelischen Ethos des Geistelitismus daherkommen. Und ich kann mich hier Wilhelm Reich und Pier Paolo Pasolini nur anschließen: diese in ihrer sozialen Situiertheit dem damaligen Subproletariat vergleichbaren jungen Menschen können sehr nett sein, gewöhnlich sein, oft bei weitem entspannter und offener sein als habituell mannigfaltig gepimpte Kinder von Erfolgsbürgern. Man wagt heute auf der linken Seite der Menschheit zu selten den Weg zurück. Man bleibt in einer zur distanten und selbstzwecklichen Objektverwaltung geschrumpften Wunschmetaphysik. Der Weg zurück in die Höhle war immer schon schwieriger als der ohnehin mühsame Weg aus der Höhle. Man hat dann eine mühsam erarbeitete Sinnwelt zu verlassen und nicht mehr nur eine passivisch empfangene Sozialisationswelt. Daran scheitern die anfänglichen Träume der meisten kritischen Geister. In der historischen Phase des Neoliberalismus scheint mir, dass das Verlassen der Höhle den Weg zurück erschwert, weil in Zeiten der Knappheit verführerische Sinnangebote zur Verfügung stehen. Man erinnere sich an Freuds Beschreibung der Heuchler: leichteste gesellschaftliche Spannungen und Verschärfungen verwandeln den Gutmenschen in den Egomanen.

Anonym 9. Februar 2009 um 15:59  

Hallo,

in den 90er Jahren habe ich mir dankbar einen Terminus angeeignet, welcher (zwar sehr abstrakt, aber ...) am besten geeignet ist die Grundlage des beschriebenen Übels zu benennen:
die "betriebswirtschaftliche Durchdringung des Alltagslebens"

Alles wird bilanziert. Nicht mehr nur rein ökonomische Verhältnisse, sondern ALLE (v.a. soziale) Beziehungen werden dem "Kosten/Nutzen"-Schema unterworfen.
Bei anhaltendem Trommelfeuer der Medienpropaganda ist die Kultivierung von Gleichgültigkeit das hervorstechende Resultat, wenn eben kein direkter Nutzen aus einer Beziehung oder aus der Beschäftigung mit philosophisch/ politischen Themen gezogen werden kann.

Erst massive Auswirkungen der gerade erst beginnenden großen Krise auf die EIGENE Lebenssituation wird die Sinnkrise auslösen, eine Wertediskussion in Gang setzen und schließlich die Leute auch auf die Straße treiben ...

Gruß und heiter weiter,
hawe

Fuchsi 9. Februar 2009 um 16:04  

Einige Kommentare haben es bereits erkannt. Die Jugend wird das nachplappern was sie über lange Zeit erlebt oder gesagt bekommt. Bei dem Problem sollte man bereits die Kindheit analysieren. Hier werden die ersten Samen gesäht, deren Früchte man nachher auslöffeln muß. Wenn ich im Kollegenkreis in Bezug auf, z.B. Weihnachtsgeschenke, höre "Was bekommst Du denn für 50€ zu kaufen"? dann ist zu sehen, dass nicht das Kind "Schuld" ist.
Jeder hat aber meine Erfahrung bestätigt das, je mehr unter dem Baum liegt - je weniger beachtet wird.
Mein Lieblingsspruch ist "Kinder erziehen ist nicht schwer. Schwer ist nur das Ergebnis zu lieben". Der sagt eigentlich alles.
Die Jugend ist nur das Ergebnis der Kindheit. Und wenn das Kind völlig ohne Verzicht aufwächst und alles bekommt, kann man nachher nicht erwarten das Konsum hinterfragt wird oder großartig andere Kritik am Leben aufkommt. Auch der Spruch das der Fernseher der beste Babysitter ist, ist beispielgebend. Warum soll was hinterfragt werden, was bisher immer funktioniert hat?
Es fällt auch mir sehr schwer, aber Schuld ist nicht der Hund der einen gebissen hat. Er ist das Ergebnis seiner Erziehung.
Ich sitze täglich knapp 2h in der Bahn und kann erleben das 90% der Mitfahrer Zeitungen in der Hand halten deren wirklicher Informationsgehalt gegen Null geht. Sensationen, Unfälle, Promis und weibliche Oberweiten (wenn auch schöne ;-) ) wechseln sich ab mit Werbung und Anzeigen. Und der Anteil an Jugend ist zu meiner frühen Fahrzeit sehr gering.
Aus meiner Sicht gibt es sehr einfache Mittel, z.B. Schuluniformen und komplettes Handyverbot in der Schule, um früh zu vermitteln was wirklich wichtig ist. Dann wäre schonmal das Signal gesetzt, wichtig sind nicht Klamotten oder Handys!
Das versuchen sie aber mal den meisten Erwachsenen zu vermitteln und die "Markenlobbi" würde Sturm laufen.
Ach ja und natürlich wäre das nie finanzierbar im Gegensatz zu Banken.
Nach der Schule sollte es ein Pflichtjahr in Menschenhilfe geben. Ich denke da an das Elend in Entwicklungsländern. Auch das würde riesige Signale im Denken setzen, wenn man zu sehen bekommt was andere durchmachen.
Leider ist das alles Utopie.
Die Gesellschaft in der wir Leben, ist schon lange nicht mehr für die Masse tätig. Es geht nur noch um Machterhalt einiger weniger. Und da kann man kein denkendes Volk, ob Jugend oder Erwachsene, gebrauchen.
Warum wehrt sich keiner dagegen, dass es ein Entlassungsgrund ist wenn man Kollegen sein Gehalt verrät? Das hat Methode. Das ist ein erster Schritt um Enigkeit in der Belegschaft zu verhindern.
Eine "tolle" Sendung im TV ist "Die Sozialfahnder". Hier ist schön zu sehen wie man Menschen mit wenig Mitteln aufhetzen kann. Die nicht-HARTZ-vierer gegen die HARTZ-vierer.
Man nehme irgendeine HARTZ IV Familie und zeige wie sie die Gemeinkassen plündert. Ob das nicht einfach eine gecastete Familie ist, hinterfragt keiner.
Wie wäre es denn mal mit einer Sendung in der man das "Schwarzbuch vom Bund der Steuerzahler" auseinandernimmt und die wirklichen Verschwender an den Pranger stellt. Dort geht es nicht nur um ein paar Euro für einen TFT o.ä. Dort fließt RICHTIG Geld.
Ich könnte stundenlang schreiben, aber ich lass es.
Wichtig ist nur: Schreibt nicht nur in Blogs, sondern schreibt auch an die Politiker damit denen, zumindest etwas, "die Muffe" geht.

Anonym 9. Februar 2009 um 17:31  

Das Problem ist gut und treffend beschrieben. Noch stäker herausgestellt werden sollte die Anforderung, die an die jungen Menschen(nicht nur aber auch ohne Abstriche) gestellt werden muss. Ich erlaube mir den von Lucien Sève stammenden Ausspruch zu zitieren: "Vom ethischen Standpunkt bin ich für alles verantwortlich, worauf ich einwirken kann. Nur für dieses, aber für dies alles". Damit muss jede Entschuldigung und jedes dümmliche und/oder egoistische Verhalten bewertet und bei kontinuierlicher Bratungsresistenz auf den Punkt gebracht und gebrandmarkt werden.

redlope 9. Februar 2009 um 17:53  

Hallo! Auch ich möchte Dir im ersten Impuls sofort gern und voll und ganz zustimmen!
Aber dann stutzte ich doch, und ich dachte an meine Schulzeit in den 80er Jahren, als nur innerhalb von nur 1-2 Jahren plötzlich die grünen Parkas und Jeans verschwanden und Lederschlips und Aktenkoffer Einzug hielten. Ich bedauerte das, da ich mich mental zu den grünen Parkas hingezogen fühlte, altersmäßig mich aber bei den Aktentaschen wiederfand. Für mich war dann damals die Zuflucht die Ökobewegung.
Nun habe ich später auch immer gern einen Blick auf die "Jugend" geworfen. Und mein Fazit ist: Ich fürchte, es ist zu allen Zeiten immer nur eine Minderheit, die sich ernsthaft politisch und gesellschaftlich engagiert. Der Rest ist mehr oder weniger angepasst. Manche sind karrieregeil, andere sind einfach nur freundlich und nett. Und das war wahrscheinlich immer schon so. Im besten Falle kann politisches Engagement noch zur Mode werden und damit den Mainstream erreichen, so wie in den 80ern viele Leute zur Ökobewegung stießen, weil sie die Palitücher so cool fanden.

Was aber wirklich besorgniserregend ist, das ist die massive antisoziale Propaganda, die seit einigen Jahren aus allen Medien tönt, und der einfach nichts mehr entgegengesetzt wird/werden kann. Realitysoaps, Dschungel, DSDS, "Kontrolletti-TV" - all das lehrt uns Sozialdarwinismus, Häme gegen Schwächere, Obrigkeitsgläubigkeit, Gehorsam und dass jede Zumutung hinzunehmen ist und man bloß keine eigenen Ansprüche als Mensch zu stellen hat.
Dazu erfahren die jungen Menschen von Anfang die "narzisstische Kränkung des Kapitalismus", die sie lehrt, dass sie keinen Eigenwert als Mensch besitzen, sondern sich den Respekt erst erarbeiten oder erkaufen müssen. Sei es durch Konsum, Status, Schönheit, Geld…
Wer dem nicht entspricht, der ist auch nichts wert, es herrscht totaler Nihilismus. Der Mensch wird zudem in der Populärwissenschaft reduziert auf eine sehr vulgäre Soziobiologie, in der auch solidarisches Verhalten stets mit einer eigentlich egoistischen Intention versehen wird. Und dann kommt der Neoliberalismus und inszeniert sich selbst als gesellschaftliche Naturgesetzlichkeit in ebendieser Konsequenz. Der junge Mensch lernt also, dass der materielle Nihilismus voll und ganz den Gesetzen der Natur entspricht und sonst nichts eine Bedeutung hat. Das ist ganz im Sinne der "Herrscher des Geldes", denen sehr an einer uneingeschränkten Herrschaft über die Seelen gelegen ist.
Dies war möglicherweise in familiär oder religiös geprägten Gesellschaften anders, wo die Familie Geborgenheit und die Religion spirituellen Wert ohne Gegenleistung schenkte. Allerdings sollten wir solches auch nicht mit der rosa Brille sehen. Zuviel Schlimmes ist auch gerade im Namen von Familien und Religion begangen worden.
Es ist an uns, die scheinbare Naturgesetzlichkeit des materiellen Nihilismus als eindeutige Interessenpropaganda und die Medien als deren Herrschaftsinstrument zu entlarven. Ebenso ist es an uns, das Leid, das durch eine solche Agenda angerichtet wird, zu benennen und hinauszuschreien. Und, es ist an uns, Alternativen zu finden und anzubieten. Vielleicht ist da sogar die Finanzkrise hilfreich, denn viele der Konsumkids werden bald auf Granit beißen mit ihren Konsumwünschen und dann werden sie vielleicht Fragen stellen.

Anonym 9. Februar 2009 um 18:15  

Sehr sehr treffend, ich bin 24 und durch freunde und geschwister bekomme ich all diese Entwicklungen mit. Und auch ich kenne Haben oder Sein. Ich spüre zunehmend eine Entfremdung - gerade hier in der Großstadt Berlin. Die Menschen die vorm Kanzleramt joggen sind fremd, die welche bei Großversanstaltungen zu Tausenden vor der Leinwand fiebern... alienating. Was ich sagen will, diese Konsumgesellschaft polarisiert auch, sehr viele Leute verzichten mittlerweile auf TV, noch vor 5 jahren war das undenkbar. Was das Fernsehen (framing) anrichtet wurde ja schon beschrieben, mehr dazu auch hier: http://www.nuoviso.tv/index.php?option=com_content&view=article&id=384:vorsicht-bildschirm&catid=69:vortraege&Itemid=84

Die Zeit des Fernsehens geht vorbei - damit endet auch ein Zeitalter der Kulturprägung durch Massenmedien. Der desolate Zustand unseres Bewusstsein und der Existenzsicherung der Menschheit, das ökosystem, lässt sich nicht ewig hochglanzverpacken. Zur Aufklärung gehört vor allem Vergangenheitsbewältigung und Verantwortung!!!! Das ist das wichtigste, jeder Mensch hat sich zu verantworten, ob Hedgefontregulierungsgesetz oder Autokauf... jeder muss für seine Entscheidungen geradestehen. Diese Ethik wird kommen, mit zunehmender Informationsfreiheit, Individuaisierung und Vernetzung.

Zu dem Kommentar, wir würden nur die Nase rümpfen:

Jeder ist ein Teil von diesem Plebs und bestimmt über seine Kontaktpunkte.

Jugendliche zum Denken anzuregen ist keinesfalls sehr intensive Arbeit. Den Nachwuchs vom Denken fernzuhalten, verschlingt die Milliarden.

Heidi 9. Februar 2009 um 21:44  

Hallo redlope, also da bin ich richtig froh, dass ich mich hier zum Thema gleich zweimal geäußert habe - und tue es jetzt zum dritten Mal.

Was ist passiert?

Endlich ein Diskurs - und genau das ist es ja was ich von uns allen verlange:

Miteinander - und speziell in diesem Fall hier mit jungen Leuten zu reden!

Sie nehmen Bezug auf meinen Kommentar und schreiben:

"Zu dem Kommentar, wir würden nur die Nase rümpfen:
Jeder ist ein Teil von diesem Plebs und bestimmt über seine Kontaktpunkte.
Jugendliche zum Denken anzuregen ist keinesfalls sehr intensive Arbeit. Den Nachwuchs vom Denken fernzuhalten, verschlingt die Milliarden."

Genau so ist, jeder ist Teil dieser Gesellschaft - und darf deshalb, so meine ich, nicht stigmatisiert und ausgegrenzt werden.

Der zweite Satz Ihrer Antwort (s.o.) ist zwar recht fluvig dahin geschrieben, stimmt aber nach meiner Erfahrung nicht!

Es bedeutet sehr viel Arbeit - (nicht gleichzusetzen mit Geld, denn diese "Arbeit" miteinander ist unbezahlbar) - junge Menschen zum Denken zu bewegen.

Es bedeutet manchmal,so meine Erfahrung, den Einsatz einer ganzen Persönlichkeit.
Weil - es ist ja nicht damit getan, mal eben miteinander zu diskutieren, um dem Bildungskrüppel dann so peu a peu seine Meinung einzutrichtern.

Ich meine, und so halte ich es auch seit Jahren, es bedarf intensiver Zuwendung und gegenseitiger Wertschätzung.
Und - die Kontakte müssen bestehen bleiben. Die Jugendlichen mit denen ich gemeinsam "Leben lerne", brauchen über eine längeren Zeitraum Halt.

Sie verlangen bei ihrer Suche nach einem eigenen Standpunkt das Gegenüber.
Und dies auch um zu verstehen, dass der "Erwachsene" genauso wie sie ein "Suchender" ist.

Denn, auch ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr in einer Art "Dornröschenschlaf" gelebt. Bis ich dann mit Beginn des Theologie-Studiums in der DDR ) plötzlich selbst betroffen war - und mich positionieren musste.

Da war es sehr wichtig, Menschen zu begegnen, deren Haltung mein Leben prägten, die mich ermunterten nach einem eigenen Weg zu suchen.

Tja, und diese Erfahrung gebe ich heute einfach weiter. Wir proben immer wieder ganz praktisch den "Aufstand der Plebejer"

epikur 10. Februar 2009 um 00:14  

Bücher zu lesen gilt heute scheinbar wirklich schon als "intellektuell". Das merke ich aus eigener Erfahrung auch immer wieder. Es sollte eigentlich als völlig "normal" gelten. Denn diese Einstellung macht mir eher Angst, schließlich haben die Nazis auch alles Intellektuelle von sich gestoßen. Insofern halte ich es für kein gutes Omen, wenn die Masse bereits systemkonform mit-marschiert und konsumiert.

Was die Jugend und die Erziehung zum "reinen Konsum" und der Politikverdrossenheit betrifft, da kann ich auch nur Erich Fromm zitieren:

»Die sozioökonomische Struktur einer Gesellschaft formt die Individuen dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen«

Anonym 10. Februar 2009 um 15:47  

Guten Tag, ich muß RJDL voll umpffänglich zustimmen. Ich war als Teenager aber auch ziemlich doof. Gefallen tut mir daher die Aussage: "Was aber dabei herauskommt ist nicht Bildungsfreude, sondern Ausbildungsmentalität, somit Menschen, die keinen Hang dazu haben, sich bilden zu wollen um zu wissen, sondern nur um davon zu profitieren."

Konservative wissen das zu nutzen und empfehlen scheinheilig mehr Religion...

Kontra Früherziehung zum Konsum, bzw. kontra der "Geistig Moralischen Wende": Meine Empfehlung wäre, das Privatfernsehen wieder abzuschaffen. Das geht NATÜRLICH nicht, daher würde ich wenigstens Werbung, die sich explizit an Minderjährige richtet, verbieten.

Gruß,

mein-Leben-ist-trotz-allem-immer-noch-eine-Orgie-Stefan (41)

Anonym 10. Februar 2009 um 19:00  

Die jungen Menschen sind nicht besser oder schlechter als ihre politikverdrossenen Eltern und Großeltern.

Jeder meint, er sei ohnmächtig gegenüber der politischen Kaste und habe etwas zu verlieren, wenn er aufbegehrte, was zudem nicht der Mentalität der obrigkeitsgläubigen Deutschen entspricht.

Zudem wartet man auf "jemanden, der das organisiert", wenn man demonstrieren könnte.

Diese Verhältnisse haben die Machthabenden in diesem Lande am liebsten, weil ihnen niemand ihre Macht streitig macht. Lediglich Schäuble scheint vorzusorgen für den Fall, dass es einen Aufstand der Unzufriedenen geben sollte.

Anonym 10. Februar 2009 um 19:14  

@epikur

Scheint global zu sein, die NS-ähnliche Verspottung der Intellektualität - Obamas Kabinett wurde ja auch schon als "Kabinett der Intellektuellen" verunglimpft.

Mir persönlich tausendmal lieber als der dümmste US-Präsident aller Zeiten - George W. Bush.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 10. Februar 2009 um 21:00  

"Mit wem soll man marschieren" setzt voraus, dass man selbst marschieren möchte.

Wer will das schon in diesem Land?

Anonym 11. Februar 2009 um 12:18  

Vielen lieben Danke für diese treffende Zusammenfassung unserer heutigen Gesellschaftsstruktur. Sie traf genau meine Gedanken. Es freut mich damit nicht allein zu sein.

Wir leben in einer moralisch kopfstehenden Gesellschaft. Um sich mal einer hinduistischen Hilfskonstruktion zu bedienen, das "kama" und das "artha" sind an die stelle des "dharma" getreten. Was kann man dagegen tun? Ich denke nicht viel. Nach meinen Erfahrungen kann man jemanden nicht einmal vom Irrweg überzeugen. Man maßt sich doch dabei doch schon an, besser als sein Gegenüber zu sein. Und das Gegenüber merkt noch nicht einmal, dass der Schuh drückt.

Ich denke, das einzige, was einen Wandel bringen kann, ist ein absoluter Tiefpunkt. Einer der Punkte, bei welcher das Individuum im Mikrokosmos und die Menschen im Makrokosmos merken, dass es so nicht weiter gehen kann. Erst wenn die Talsohle erreicht ist, kann man etwas ändern. Dann kann man überzeugen. Dieser Punkt wird irgendwann kommen! Wie er aussieht, weiß ich nicht. Aber hoffentlich wird es kein Krieg sein.

Mit wem soll man also marschieren? Wie wäre es mit Gleichgesinnten, die das Schlimmste verhindern wollen?

Ein Pyrrhonist

romano 20. Februar 2009 um 11:31  

passt dazu:
http://www.derwesten.de/nachrichten/waz/2009/2/19/news-111822242/print.html?resourceId=0

Anonym 21. Februar 2009 um 11:47  

"Die meisten leben nicht, sondern existieren nur mehr, sei es als Sklaven des 'Berufs', die sich maschinenhaft im Dienste großer Betriebe verbrauchen, sei es als Sklaven des Geldes, besinnungslos anheimgegeben dem Zahlendelirium der Aktien und Gründungen, sei es endlich als Sklaven großstädtischen Zerstreuungstaumels; ebenso viele aber fühlen dumpf den Zusammenbruch und die wachsende Freudlosigkeit."
--Ludwig Klages, Mensch und Erde, 1913

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