Geteilt und beherrscht

Mittwoch, 18. Februar 2009

Weil er seinen Lohn für zu dürftig hält, weil die Arbeitszeiten zu lang und die Arbeitsbedingungen zu schlecht sind, treibt es den Angestellten auf die Straße, treibt es ihn zum gewerkschaftlich organisierten Streik. Nun sei es an der Zeit höhere Löhne und bessere Arbeitszustände zu erzwingen. Am Rande des Geschehens steht ein Arbeitsloser, beobachtet das Spektakel, schüttelt verärgert den Kopf. Wie kann man nur in Zeiten wie diesen, in Zeiten millionenfacher Arbeitslosigkeit mehr Lohn fordern? Wieso zerstört der Angestellte mit seiner Forderung weitere Arbeitsplätze? Warum ist er nicht einfach froh, dass er überhaupt Arbeit hat?

Jener Arbeitslose geht seines Weges, verläßt diesen Ort der Demonstration, diesen Ort vermeintlicher fehlender Wirtschaftsvernunft, kehrt in seine Stammkneipe ein, auf einen Kaffee oder ein Bier. Dort angelangt beklagt er sich beim Wirt über die unerträglichen Zustände, die man hierzulande als Erwerbsloser ertragen müsse. Immer trage man den Stempel der Faulheit auf der Stirn, ja förmlich eingebrannt habe sich dieses Vorurteil, immer glauben die Menschen, man würde sich Sozialleistungen erschleichen, allerlei arglistige Täuschungen am Sozialstaat begehen. Eine in Mittagspause befindliche Alleinerziehende mokiert sich, er habe wenigstens freie Zeit, da könne man diese Vorwürfe, die ja übrigens nicht immer unbegründet sind, auch mal ertragen. Freie Zeit koste eben etwas, in diesem Falle kostet es lediglich ein zu ertragendes Vorurteil. Das sei ein gutes Geschäft, wenn man sie fragt, zumal die Arbeitslosengelder üppig auf die Konten der Bedürftigen überwiesen werden.

Abends trifft die Alleinerziehende auf ihren Vater, mittlerweile Rentner. Wieder einmal ist sie abgekämpft, wieder einmal glaubt sie die Doppelaufgabe nicht mehr bewältigen zu können. Kind und Beruf, Beruf und Kind - wie man es dreht und wendet, es paßt in alleinerziehender Weise einfach nicht zusammen. Alleingelassen werde man, wenn man alleine ein Kind erzieht und selbst die Brötchen verdient, freie Zeit für sich selbst habe man gar nicht mehr und das Geld reiche vorne und hinten nicht aus. Zwar tröstet der verrentnerte Vater seine Tochter, läßt sie aber wissen, dass sie an der Misere selbst schuld habe. Sie habe sich für ein Kind entschieden. Außerdem könne sie sich aufgrund ihrer Jugend und strotzenden Gesundheit noch selbst helfen, vielleicht noch einen Minijob antreten, um die Familienkasse zu füllen, während man als Rentner mit kleinen Bezügen und großen gesundheitlichen Einschränkungen, keine Möglichkeit der Eigeninitiative mehr habe und mit dem kläglichen Gnadenbrot auskommen müsse.

Tagsdrauf sucht der Rentner seinen Hausarzt auf, wieder einmal diverse Gelenke, die ihm schmerzend das Leben bereichern. Im Wartezimmer ein junger Bekannter, mittlerweile chronischer Kranker. Schlimm stehe es um ihn, beklagt sich der Rentner. Ständig quälen ihn Schmerzen, die Rente sei zu klein und er könne sich wegen seiner Schmerzen nicht einmal ein Zubrot verdienen. Tragisch sei das freilich, meint der Chroniker, aber man müsse auch zur Kenntnis nehmen, dass diese Leiden ja erst im Rentenalter auftraten, gegen Ende des Lebens hin, während er noch keine Vierzig ist und schon geplagt ist. Immerhin habe der verrentnerte Jammerlappen ja ein einigermaßen schmerzfreies Leben gehabt, während er sowas wie Schmerzfreiheit seit Jahren schon nicht mehr kennt.

Überhaupt liege die wahre Tragik darin, als chronisch kranker Mensch in ein Gesundheitswesen gebettet zu sein, welches einen wie eine Nummer behandelt, schlecht versorgt und nebenbei auch noch ordentlich kostet. Als kranker Mensch wisse man erst, wie schlecht es um die Gesellschaft bestellt sei, alleine schon der abschätzigen Blicke der Mitmenschen wegen. Alle anderen Jammernden pflegen in Wirklichkeit nur größere oder kleinere Luxusproblemchen. Ein im Wartezimmer mitwartender Leiharbeitnehmer, heute nicht verliehen sondern krank, fügt nur trocken hinzu, dass man als chronisch Kranker wenigstens nicht hart buckeln, seine ganze verbliebene Kraft nicht derart verschwenden müsse, wie es Leiharbeitnehmer täten. Von wegen Luxus, keinem gehe es derart dreckig wie Seinesgleichen.

Bei der abendlichen Skatrunde bricht der Leiharbeitnehmer wieder einmal, wie er es neuerdings beinahe regelmäßig tut, nervlich zusammen. Die Kraft schwinde ihm, der dauernde Arbeitsplatzwechsel, das Warten am Telefon um seinen Einsatzort zu erfahren, die oft sehr langen Anfahrten, die illegalerweise nicht einmal bezahlt werden, dazu der lächerlich geringe Lohn – alles sei ihm zuviel, alles lasse in ihm die Vermutung aufkeimen, dass es im Tode besser als im Leben sei. Aberaber, tröstet der studentische Skatbruder, er habe doch wenigstens Arbeit, wenigstens ein wenig Teilhabe am sozialen Miteinander; das dürfe man doch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Natürlich sei es nicht einfach, aber das Leben sei nun einmal so; niemand habe behauptet, dass das Leben einfach sein müsse. Optimismus würde ihm helfen, ein Lebensratgeber in Buchform könne ihm vielleicht helfen. Es gäbe immer noch Schicksale, die viel schlimmer dran seien, wird als Abschlußsatz altklug hinterhergeschoben.

Einige Tage später tritt der Student seine Praktikumsstelle an. Schon nach dem ersten Tag stellt er nüchtern fest, dass er ausgebeutet wird. Lange Arbeitszeiten, Erledigen von Arbeitseinheiten, die ansonsten keiner machen will, zudem eine mickrige Aufwandspauschale als „Lohn“. Seinem Nachbarn, einem Arbeiter, schüttet er sein Herz aus, beklagt die asoziale Gesellschaft als Ganzes und hadert mit seinem Schicksal. Auf Verständnis stößt er aber nicht. Zwar verstehe man seinen subjektiven Eindruck, aber wer etwas werden möchte, wer nach seinem Studium eine Karriere aufs Parkett legen will, der müsse eben zu Beginn kleinere, auch mal ganz kleine, Brötchen backen. Murren sei da nicht angebracht, denn der Berufseinstieg per Praktikum sei der Preis der vielleicht baldigen Karriere. Später, wenn es im Beruf vortrefflich vorangeht, bekäme man den nun fast kostenlosen Arbeitseinsatz doppelt, drei- und vierfach, achwas, zehnfach, zurückgezahlt.

Noch am gleichen Abend im Sportverein äußert sich der Arbeiter zu seinem Monatslohn. Seit Jahren übe die Branche Lohnzurückhaltung, die Kosten seien aber rapide angestiegen. Er wisse nicht mehr, wie er mit dem Lohn auskommen solle. Streiken müßte man endlich mal, richtig streiken, Generalstreik und was es da an Mittel alles gäbe. Du Träumer, entrüstet sich ein Mannschaftskollege, Angestellter einer großen Firma. Diese Lohnzurückhaltung habe ihm doch den Arbeitsplatz erst gesichert; habe ihm Arbeit gesichert, die ansonsten auch in Tschechien oder in China hätte gemacht werden können. Wenn man nun mehr Lohn fordere für „minderwertige Arbeit“, dann würde man damit faktisch Arbeitsplätze abbauen, man würde sich ins eigene Knie schießen. Mehr Lohn für Facharbeit, für qualifizierte Tätigkeiten - ja, das wäre verständlich, auch für Verwaltung und dergleichen, aber doch nicht für Arbeiten, die im Grunde jeder machen könnte, wenn er nur den Willen habe, sich seine Hände schmutzig zu machen.

Am Folgetag steht der Angestellte wieder vor dem Tor seines Unternehmens, trägt gewerkschaftliche Mützen, bläst in Trillerpfeifen, streikt für die Verbesserung der untragbaren Arbeitsbedingungen und entrüstet damit Arbeitslose, die zufällig des Weges kommen...

15 Kommentare:

Piotr Alexej 18. Februar 2009 um 10:18  

Sehr schöner Text, gut geschrieben. Allein, ein Fehler: Ob sich in einer Zeit wie dieser jeder beim anderen über sein Leiden beklagt?

Roberto J. De Lapuente 18. Februar 2009 um 10:26  

Lieber Piotr Alexej, das mag stimmen. Naja, es stimmt vielleicht sogar ganz sicher. Aber lassen Sie mir das bitte als stilistisches Mittel durchgehen ;)

Margitta 18. Februar 2009 um 11:45  

Lieber Roberto,

wieder mal ein sehr klares Bild, das Sie da sprachlich zeichnen.

Genau diese Art Gespräche höre ich des öfteren bei verschiedenen Gelegenheiten. Fast immer geht es darum, dass man den anderen sehr wohl gut zu verstehe, aber... das eigene Leiden doch noch viel,viel schlimmer ist. Dann wendet man sich gemeinsam der Gruppe zu, die angeblich diese Umstände zu verantworten habe. Es findet sich immer irgendeine Gruppe, seien es DIE Arbeitslosen, DIE Sozialschmarotzer, DIE Faulenzer, DIE..., DIE..., DIE....

Vor langer Zeit erlebte ich folgendes.
Es klagte jemand über entsetzliche Kopfschmerzen und bekam zur Antwort: "Das tut aber nicht weit weh."
Ich war entsetzt und konnte diese Reaktion überhaupt nicht verstehen. Doch mit den Jahren wurde mir klar, genau das ist des Pudels Kern. Wir spüren alle zuerst mal nur unseren eigenen Schmerz. Der Schmerz des anderen ist eben nicht spürbar.
Dies ist jedenfalls meine Erkenntnis.

Liebe Grüße
Margitta Lamers

PS.: Danke für Ihr unermüdliches Engagement

Anonym 18. Februar 2009 um 11:54  

Was beschwerst Du Dich über zu niedrigen Lohn und schlechte Arbeitsbedingungen, sei froh das Du überhaupt Arbeit hast....

Die Apologeten der "Arbeit macht frei"-Ideologie haben schon gewonnen, wenn man nicht mehr für die Einhaltung bzw. Verbesserung seiner Arbeitnehmerrechte eintreten darf.

Ich bin schon gespannt, mit welcher Begründung man die Online-Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht annehmen wird.

MG 18. Februar 2009 um 12:01  

Ein schön beschriebener Kreis der Klischees. Der Text eignete sich wunderbar für eine Kolumne bei einem der führenden Blättern aus unserem Medialen objektivitätsgesteuerten Verbreitungspool geprinteter Vorurteilen.
Ich hoffe nur, Dein Kommentar ist keine verklausulierte Ankündigung aus Deinem Unterbewußtsein, die auf einem Wechsel vorbereiten soll, von einem linksgerichteten Kommentator zu einem "angekommenen" Journalist in einer Redaktion einer Tageszeitung...
MG

P.S. Um Mißverständnissen zuvorzukommen: Das Zwinkern aus meinem Kommentar sei hier noch einmal erwähnt.

Anonym 18. Februar 2009 um 12:06  

Lieber Roberto J. De Lapuente,

kann mich dem Lob nur anschließen, Sie haben das "Teile und herrsche" vortrefflich auf den Punkt gebracht, dass derzeit in Deutschland grassiert.

Sie haben auch die Risse erwähnt, die das politik-, medien- und wirtschaftsmäßige "Eliten"geschm... mit staatstragend erwünschten Feindbildern durch ganze Familien, ja sogar zwischen Vater + Mutter + Geschwistern + Kinder zieht.

Ich kann es nicht oft genug erwähnen denn ich erlebe dies am eigenen Leibe.

Traurig finde ich, dass zum ersten mal seit 1945 in ganz Deutschland wieder mit Feindbildern Politik betrieben wird, und dass die heutigen Generationen auf diese Politik auch noch reinfallen statt gemeinsam "Nein!" dazu zu sagen.

Einen Ausweg weiß ich auch nicht, ich wollte es nur einmal erwähnt haben, dass wir das letzte Mal ein derartiges Schüren von Feindbildern im angeblich national"sozialistischen" Staat gegen Minderheiten (z.B. "Asoziale", "Zigeuner" etc.) erlebt haben.

Ich dachte auch immer, dass dies nie die Deckel der Geschichtsbücher verlassen würde, die ich über die Verfolgung von "asozialen Elementen" im Dritten Reich schon gelesen habe, aber leider ist dies Schüren von Feindbildern wieder im pol. Alltag angekommen.

Der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer schreibt ja in einem Teil seiner Langzeitstudie "Deutsche Zustände - Folge 6", dass wir uns vom Gedanken verabschieden müssen, dass allein der Fremdenhass als Menschenfeindlichkeit in Deutschland grassiert - es wird derzeit auch am Hass gegen Menschen mit unterschiedlichem sozialen Status - vor allen "sozial Schwachen" (z.B. Arbeitslose, HartzIV-EmpfängerInnen etc.) - geschürt. :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 18. Februar 2009 um 13:57  

Gelungene Dialektik!

In diesem Zusammenhang fällt mir
Werner Rügemer ein.
In BIG Business Crime Nr.4/2008 (auf linksnet.de) veröffentlichte er:
"Vom Ausbeutungsfeld Arbeitsplatz"
Darin schreibt Rügemer:
"In Unternehmen und Staat werden die Rechte von Beschäftigten, Noch-Beschäftigten und
Arbeitslosen laufend eingeschränkt und verletzt. Selbst die
bestehenden Rest-Gesetze werden missachtet, vor allem aber werden sie in Grauzonen umgangen, die mit hohem juristischem Aufwand geschaffen werden.

Millionen Betroffener befinden oder
glauben sich in einer Erpressungssituation. Widerspruch, Widerstand,ja allein die interne oder gar öffentliche Feststellung der nackten Tatsachen unterbleiben aus Furcht vor Entlassung,
Nichtzahlung von Transferleistungen oder sonstigen Strafmaßnahmen.

Hilferufe aus dieser allgegenwärtigen, aber verdrängten
Welt gelangen nur an den Rändern aus dem medialen und
rechtlichen Halbschatten in die Öffentlichkeit.

Der vielfach beklagte Verfall der
Demokratie, der Menschenwürde und der Sicherheit zeigt sich hier
in einem besonders brisanten Bereich, über den bisher kaum
öffentlich diskutiert wird, und kaum von den unmittelbar
Betroffenen selbst.

Wichtig scheint mir, das Gemeinsame der Lage von Arbeitslosen und (Noch-)Beschäftigten herauszuarbeiten.

Es kann auch nicht nur darum gehen, die Verstöße gegen die (Rest-)Bestände etwa des gegenwärtigen Arbeitsrechts anzuprangern.

Das geltende Recht insbesondere im
Umgang des Staates und der Unternehmenseigentümer und ihrer
„Hiwis“ mit Arbeitslosen, Niedriglöhnern und auch
Höherqualifizierten ist vielfach ein Recht, das zu Unrecht
geworden ist.
Und oft wird sogar das Rest-Recht in der Praxis gebrochen.

Zunächst ist eine Bestandsaufnahme
und eine Ursachenanalyse notwendig: Das bedeutet zugleich, dass wir dabei auch neue Medien, neue Foren, neue „Netzwerke“, neue
Kompetenzen herausbilden.

Wie entwickeln wir organisierten und kompetenten Widerstand?
Er ist zur elementaren Bedingung von Menschenwürde, Sicherheit und Demokratie geworden", soweit Rügemer.

Mit Ihrem Artikel verhelfen Sie, lieber Roberto, der Diskussion um unsere Gesellschaft immer wieder auf die Beine. Vielen Dank dafür!

Calwer-Wildnis 18. Februar 2009 um 16:42  

Lieber Roberto

Wir haben gekämpft, wir Älteren, darum, dass es unseren Kindern und Enkeln besser ergehen sollte, als uns.
Das, was Du bschreibst in Deinem Beitrag, das ist nun das Ergebnis nach allen den vielen Jahren. Was dabei in einem Menschen vorgeht, der sich für so viel Anderes eingesetzt hatte, kann sich keiner ausmalen, dem es nicht auch so ergeht.
Der Artikel trifft voll ins Schwarze: Genauso sieht es aus.

Jörg 18. Februar 2009 um 17:08  

Sehr schön geschrieben und ich stimme zu daß ich genau diese Verhaltensweisen der Menschen zu oft beobachte.

Die Solidarität in unserer Gesellschaft geht zunehmend verloren und die Medien ( die Zeitung mit den großen Buchstaben zum Beispiel ) ,und die Regierung tun zusätzlich alles um die einzelnen Gruppen gegeneinander auszuspielen.
Wie war das mit "Florida Rolf" ?

gegeneinander ausgespielt sind die Proteste besser zu kontrollieren, da ein wenig Zuckerbrot, ein Almosen, hier ein wenig draufhauen.

der Rentner freut sich wenn der "faule" Arbeitslose endlich Druck bekommtund der Arbeitslose schimpft über den Asylbewerber.

Wären sich alle Betrogenen und Gelackmeierten endlich auch mal bei Wahlen einig - ich bin sicher die politische Landschaft würde hier gewaltig umgekrempelt und sie würden den Anfang zur Verbesserung ihrer Verhältnisse machen.

Ich erlebe aber selbst an meinen Arbeitsplatz, wie wenig sich aktive Arbeitnehmer, die ganz offensichtlich in Lohn und Arbeitsbedingungen beschissen werden sich dann in einer Gewerkschaft engagieren wollen.
Sie sind froh daß sie Arbeit haben und im übrigen sind ja Gewerkschaften voller fauler Bonzen und überflüssig. hat wohl mal irgendwo in einer Zeitung gestanden und das muß ja stimmen.

Ich diskutiere laufend mit meinen Kollegen,sich zu organisieren,was zu tun,vergeblich.

christophe 18. Februar 2009 um 18:14  

Wie weit sind wir schon? Wer Massendemonstrationen gegen die herrschenden Zustände herbeisehnt, sollte sich zunächst anschauen, was sich in Herzogenaurach abspielt!
www.ftd.de/unternehmen/industrie/476344.html?cp=2

Milliardäre und Malocher - eine Kampffront!

Anonym 18. Februar 2009 um 19:14  

Tja Autos kaufen nun einmal keine Autos. Im Rückwärtsgang: Würde der Arbeiter mehr verdienen, könnte er mehr ausgeben für Lebensmittel etc. Dafür müsste er dann nicht mehr in die billigsten Discounter sondern in normale Supermärkte. Die normalen Supermärkte bekommen wieder mehr Kunden, und könnten dann auch weitere Arbeiterinnen einstellen. Die verdienen dann mehr und können sich vielleicht auch eine Halbtagesmutter leisten usw.
Allerdings kann ich den chronisch Kranken in der Geschichte nicht unterbringen, da wahrscheinlich auch viel mehr Geld ihn nicht heilen kann...

Ein feiner Text, sehr gut beobachtet. Wenn Sie mal "teilen und herrschen"live sehen wollen, dann schauen Sie sich die Leserbriefe von stern.de an. Die Bemühungen zu teilen tragen längst üppige Früchte ...

Roberto J. De Lapuente 18. Februar 2009 um 22:52  

Lieber Christophe,

ich habe im Radio vernommen was in Herzogenaurach vor sich ging. Ich muß sagen, ich bin niedergeschlagen - die Krise hat nichts bewirkt, sie hat die Ausgebeuteten nur noch fester an ihre Ausbeuter gekettet.

Auch mehr Geld würde chronisch Kranke nicht heilen, das mag sein. Aber Verständnis für deren Situation - das wäre doch nicht zu viel verlangt.

Anonym 19. Februar 2009 um 20:05  

Bismark hat aus gutem Grund die Sozialversicherung eingeführt.
Nur wer Arbeit hatte und arbeitete dessen Familie war krankenversichert.
Leider.
Warum wurden von Bismark nicht alle Einkommen sozialversicherungspflichtig gemacht.

romano 20. Februar 2009 um 13:54  

Ein tragischer Aspekt sehr anschaulich beschrieben.
Es herrscht ein Dickicht und ein Duktus an Diskurs, innerhalb dessen bald die Mehrheit sich um die Logiken des Arbeitgebertums scharrt und scheinbar weitgehend kognitiv-emotional identisch strukturiert dahinlebt und somit für die eigene Ausbeutung in Form eines Teiles einer ausbeuterischen Unternehmensstruktur auch noch kämpft. Zumindest hat man dann eine Definition von sich selbst. Und besser geht es einem scheinbar allemal, wenn man wenigstens den ärmlichsten Anerkennungsposten ergattert hat und wenn dann wenigstens welche da sind, denen es schlechter geht.
Dem spielt auch noch zu, dass die intersubjektiven Bande keine Kraft mehr haben und sich in Auflösung befinden. Der Andere als funktionaler Faktor der eigenen Machenschaft und des eigenen Erlebnisses (der kritische Theoretiker möge über beide Heideggerschen Wörter ruhig hinwegblicken und bei sich bleiben). Jeder Moment ist das Produkt meiner Machenschaft. Anderen habe ich nichts zu verdanken und ihnen bin ich auch nichts schuldig. Der Arme kämpft gegen sein eigenes Almosen, weil er im vorstellbaren Falle, dass er selbst zu Reichtum käme, dann das Almosen einem zu geben hätte, der sich seine Armut nur selbst ausgesucht haben kann. Jeder hat sich alles selbst ausgesucht (der achso kritische Sarte grüßt heute vulgär vom neoliberalen Roß herunter). Hier denkt der Arme an die Stelle des Reichen und mit dessen Logik schreit er: nein, gebt mir nichts. Argumentativ wesentlich eloquenter machen es die Arbeitenden: sie haben sich schon ihren Arbeitsplatz ausgesucht, sie werden beständig darauf hingewiesen, ob sie denn nicht auch die Lasten spürten, die Mühe der Arbeit, die Mühe des Sparens und des Auskommens und dass sie sich zweierlei in Ruhe und gut überlegen sollten: 1. Der Balsam der Seele, dass ihre Arbeitgeber all dies in noch größerem Ausmaß gemacht haben, wovon Hab und Gut Zeugnis ablegen und dass diese daher daher Achtung und Respekt verdienten wie diese jenen dies ebenso zugestehen. 2. Die stechende Geiselrute im Fleisch, dass es Leute gibt, die sich der mühevollen Hingabe entziehen wollen, indem sie davon leben, dass der Staat ihnen das Geld der Arbeitssamen und ihrer noch arbeitssameren Herren in die Tasche steckt, sowie jene, die an den Balsamierungsstrategien der Seele auch noch herumzumeckern haben, als handelte es sich um ein vergebliches Mühsal, als würden sich die Arbeitssamen umsonst abrackern.
Kognitiv-emotionale Zurichtung und Anpassung als Wohlergehen in Zeiten der Herrschaft.
Eine obszöne Welt. Ohne Ausflüchte. Der tiefmenschlichen Kraft der Weigerung und der Negation zunehmends beraubt.

Nico 20. Februar 2009 um 17:32  

Wahre Worte, auch wenn du der Vollständigkeit halber noch einen Asylanten oder frustrierten türkischstämmigen Jugendlichen hättest einbauen können.

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