De dicto

Dienstag, 24. Februar 2009

"Vorgesehen für den Job: die Präsidentin des Vertriebenenverbandes, Erika Steinbach (65, CDU).
Aber Berlin und Warschau streiten, als ginge es um viel mehr! Was haben die Polen nur gegen diese Frau?
[...]
Ist Erika Steinbach eine Ewig-Gestrige?
Nein!"
- BILD-Zeitung, S. Jungholt und H.-J. Vehlewald am 23. Februar 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Die unbescholtene Frau Steinbach ist dem Springer-Blatt heute eine Frage, dazu einen Artikel wert. Was hat die arme Frau nur zu ertragen. Warum mögen die Polen diese Frau bloß nicht? Sie hat doch nichts getan! Nichts rechtfertigt die polnische Ablehnung, nichts könnte erklärbar machen, warum man ihr in Warschau den Posten im Stiftungsrat des geplanten deutschen Vertriebenenzentrums nicht gönnt. Warum ist man jenseits der Oder so bösartig, warum läuft man dort mit Schaum vor dem Mund herum? Dies könnte man sich jedenfalls fragen, wenn man dieses journalistische Meisterstück, diesen Artikel über Steinbach liest - oder besser: den Artikel für Steinbach, denn einer objektiven Auseinandersetzung kommt das aufgeführte Schmierenstück nicht gleich.

Man liest nichts darüber, dass das besagte Zentrum gegen Vertreibungen selbst hierzulande auf Kritik stößt. Der Bund der Vertriebenen, der hinter dem Projekt steht - Erika Steinbach ist Präsidentin des BdV, selbst 1943 im "Reichsgau Danzig-Westpreußen" geboren -, so wird befürchtet, würde dieses Zentrum revisionistisch instrumentalisieren. Diese Bedenken alleine wären ja noch irgendwie, mit gutem Willen vielleicht, aus der Welt zu schaffen. Das Wirken der Steinbach aber kaum. Was ihr die Polen vorallem zum Vorwurf machen ist, dass sie 1990 als Bundestagsabgeordnete gegen die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze gestimmt hat, weil diese "einen Teil unserer Heimat abtrennt". Bedenkliche Töne vernimmt man von ihr immer wieder. So warf sie den Polen zynisch vor, sie würden sich als "lupenreines Opfer" charakterisieren, einen Opferkult betreiben, der so tut, als wäre das Land jahrhundertelang immer schuldlos in schwierige Situationen geraten. Dieses Argumentieren kennt man aus nationalistischen Kreisen, die die einstigen Opfer und die alliierten Gegner als ebenso schuldig brandmarken wollen, um die eigene Schuld zu verbergen. So relativiert man beispielsweise in jenem Milieu den Genozid an den Juden, indem man versucht, auch den Amerikanern (an den indigenen Völkern) und den Engländern (an afrikanischen Sklaven) Völkermorde nachzuweisen. Zum Völkermord entrüstete sie sich kürzlich ebenso, zum Völkermord an den Deutschen freilich nur, als diese Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg fluchtartig verlassen mußten. Letztere Aussage ist insofern brisant, weil ihr Vater Besatzungssoldat im okkupierten und durch Völkermord geplagten Polen war. Steinbach, die sich selbst als Vertriebene sah - Polen gesteht ihr diesen Status nicht mehr zu -, ist demnach nie aus ihrer Heimat vertrieben worden, sondern bestenfalls dorthin zurückgejagt worden, woher die Besatzungsfamilie ursprünglich kam.

Was also haben die Polen nur gegen diese Frau? Für die BILD-Zeitung hat sie sich scheinbar nie derart ungebührend verhalten, dass eine polnische Steinbach-Aversion gerechtfertigt wäre. Man stilisiert sie als unschuldiges Opfer, als jemanden, der sicherlich nicht ewiggestrig ist, nur mißverstanden wird, Opfer einer Kampagne ist. Und genau damit schürt die BILD erneut den deutsch-polnischen Hass, versucht alles, damit der deutsche Leser seinen polnischen Nachbarn nicht versteht. Mittels Informationszurückhaltung in den Nationalchauvinismus...

4 Kommentare:

Helau 24. Februar 2009 um 17:35  

Seit 5 Uhr 45 wird nun zurückgeschossen...
Polen hat zum wiederholten Male nicht Gerhard Schröder und den iranischen Staatspräsidenten (böse) angegriffen, sondern das Mitglied der deutsch-israelischen Gesellschaft Erika Steinbach (lieb). Vorsicht, ihr Polen, überlegts euch lieber noch mal, sonst werden wir böse! Außerdem sieht Erika doch viel netter aus als Gerhard und der unrasierte Perser!

Anonym 25. Februar 2009 um 05:05  

"Lustig" ist nur, daß der Springer-Konzern auch große Teile der Yellow-Press Polens besitzt, die das selbe Spiel in umgekehrter Richtung vollführen.

otti 25. Februar 2009 um 10:47  

Wenn Propaganda als Journalismus verkauft wird ...

Anonym 27. Februar 2009 um 12:42  

Heute morgen im WDR2 zu diesem Thema ein ähnlich angehauchten Beitrag (natürlich in der üblichen 2-Minuten-Kurzundkompaktversion zum Nichtüberfordern des gemeinen Hörers).
Inhalt etwa:
Warum ist Steinbach nach dem Papst und Merkel in Polen die drittbekannteste Frau und warum ist sie dort eine persona non grata?
Als einzige Erklärung für dieses unerklärliche Verhalten der Polen wurde die Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Linie angeführt, was in Polen zu dem gar lächerlichen Bild der nach alten deutschen Gebieten greifenden bösen Deutschen führt.
Die Verdienste Steinbachs bei der Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen werden, so der WDR weiter, aber von den Polen überhaupt nicht in ihr einseitiges Menschenbild herangezogen. Aus was diese Verdienste aber eigentlich bestehen, das blieb der WDR den Hörern natürlich schuldig. Eine mehrfache Wiederholung musste auch hier als Beweis der Aussage ausreichen.
Zusammenfassend:
Eine kurze Aussage für die berechtigten Bedenken der Polen (geschätzte 10 Sekunden Sendezeit), der Rest des Beitrags leise bis mittlere Empörung über die vorurteilsbehaftete, uneinsichtige und einseitige Haltung des östlichen Nachbarn.
Also quasi Bild-light.

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