Schröpft die Kranken!

Sonntag, 21. September 2008

Einmal mehr glänzt Nicolaus Fest, Mitglied der BILD-Chefredaktion, durch eine Darlegung seines Weltbildes. Es ist eines jener spießbürgerlichen Weltbilder, das Sündenböcke braucht, Schuld auf das schwächste Glied der Gesellschaft schiebt und sich durch Vorurteile und falsch interpretierte Einsichten selbst am Leben hält. "Hieb- und Stichfest" nennt sich seine allwöchentliche Kolumne, und es versetzt der aufgeklärten Vernunft wahrlich immer wieder einen Hieb und sticht immer wieder arg in der Seele, wenn man lesen muß, mit welchem Gestank aus konservativer Herrenrunde und bürgerlicher Spießigkeit, er seine Traum- und Wunschwelten niederschmiert.

So auch unlängst, als er zurückhaltend - aber dennoch die Stoßrichtung vorgebend - fragte, ob denn Dicke, Raucher und Alkoholiker höhere Kassenbeiträge zu leisten hätten. Dabei legt er erst dar, dass in Zeiten knapper Kassen die Zentrale Ethik-Kommission darüber zu entscheiden habe, was die Krankenkassen zu zahlen haben und was nicht. Über ethisches Denken und Handeln läßt sich trefflich streiten - darum soll es aber an dieser Stelle nicht gehen. Fest erklärt daraufhin, was die Kommission als klare Leitlinie vorgab - nämlich dass alles bezahlt werden müsse, was Leben rette und wesentliche Körperfunktionen aufrechterhalte. Dass man als Arzt und Krankenkasse nicht darüber zu urteilen habe, wie alt der Patient ist, also konkret: das die Frage, ob denn ein Hüftgelenk für einen Greis weniger wichtig sei, als die Heilung eines schwerkranken Kindes, wußte die Ethik-Kommission mit dieser Neutralität und Gleichbehandlung allen Lebens aus der Diskussion verbannt. Dies ist im Sinne ethischen Handelns zweifelsohne zu begrüßen. Denn: Jedes Leben will gelebt sein! Das Alter eines Lebens spielt hierbei keine Rolle. Wenn man einen Unfallort betritt, an dem ein Neunzigjähriger lebensbedrohliche Verletzungen erlitten hat, gleichzeitig liegt daneben ein Kind, welches gleichfalls um sein Leben ringt, dann mag es menschlich vertretbar sein, sich dem Kinde zuzuwenden. Ethisch vertretbar ist es indes aber nicht, denn ethisch betrachtet gibt es keine Vorfahrt oder Besserstellung des einen Lebens vor dem anderen. Nun wird aber dem Lebensretter eine Entscheidung abgenötigt, die auf der einen Seite lebensspendend sein kann, während sie auf der anderen Seite ethisch verfehlt - man ist also ethischer Sieger und Verlierer zugleich. Eine wahrhaft ethische Lösung wäre nur, wenn man sich zerreißen, wenn man beiden gleichzeitig helfen könnte.

Hätte sich die Ethik-Kommission für eine Aufwertung jüngeren Lebens entschieden, nur weil man annehmen könnte, dass das ältere Leben sein Leben gelebt hätte, dass es ohnehin bald zuendegehe mit dem älteren Lebensentwurf, so hätte sie ihr Ziel verfehlt, wäre keine Ethik-Kommission mehr, sondern eine Kommission des Abwägens, eine "Kommission über Leben und Tod".

An dieser Stelle ein kurzer, schmerzloser Schnitt, denn um die ethische Darlegung der Problematik sollte es ja eigentlich nicht gehen. Fahren wir lieber mit Fests Zeilen fort, die also erläutern, dass die Kommission sich damit klar gegen eine ethische Differenzierung, die auf Alter und Risiken basiert, ausspricht - daher auch keine höheren Kassenbeiträge für Senioren und Risikogruppen für ethisch vertretbar hält. Gleichzeitig zieht Fest Einsichten heran, die sich nur schwer verfolgen lassen, wenn er freimütig Studien interpretiert und behauptet, dass die Bürger nicht der Ansicht wären, wonach höhere Beiträge aufgrund Alters und Risikos gegen das Solidarprinzip verstossen würden. Die Versicherten wären vielmehr sogar mit Risikozuschlägen wegen "Alkoholismus, Rauchen, Übergewicht oder der Teilnahme an Risikosportarten" einverstanden!

Alkoholismus, Rauchen, Übergewicht? - Vielleicht einige Anmerkungen dazu, um klarzumachen, was Fest hier eigentlich fordert:
Der Alkoholismus wird als Krankheit anerkannt. Klassifikation nach ICD-10: F10.2. Er ist eine Abhängigkeitserkrankung - eine Sucht also. Bedingt durch den allzu offenen Umgang mit dieser leichten Droge - viele Experten sprechen von einer Einstiegsdroge -, angeregt durch individuelle oder familäre Probleme, manchmal auch sozio-ökonomisch auferlegt. Aus Spaß an der Freude, aus jugendlichen Bacchantentum also, wird man normalerweise nicht zum Alkoholkranken - es sind Zwänge, die einen in einem schwachen Moment dazu verleiten, die ihn zudem leicht an einen "Schluck Vergessens und Überspielens" herankommen lassen, wenn man nur das nötige Geld dazu aufwenden kann.
Ähnlich, wenngleich ohne Status als anerkannte Krankheit, verhält es sich mit dem Rauchen. Auch an Tabak reicht man ohne größere Probleme heran. Ein oftmals gesellschaftlich auferlegter Gruppenzwang fördert den Einstieg in die gesellschaftlich tolerierte, als Normalität des Alltags verklärte Sucht. Obwohl ein Abhängigkeitsverhalten offenbar ist, gilt das Rauchen nicht als Krankheit - die Folgen, die sich einstellen können allerdings schon. Lange Zeit sah der Staat dabei zu, wie Menschen mittels Propaganda zu Rauchern gemacht wurden. Heute ist die Rauchererziehung verboten, wenngleich mit einer gigantischen Raucherschaft horrende Steuereinnahmen gesichert sind - einerseits ist der Raucher also verdammt, andererseits geradezu erwünscht. Er soll also für seine Suchterscheinungen aufkommen, wie er auch für das Anti-Terror-Paket aufkommt.
Die Fettleibigkeit wiederum ist eine anerkannte Krankheit, die sich mittels ICD-10 mit E66.0 bis E66.9 klassifizieren läßt. Die Faktoren für Adipositas (Fettleibigkeit) sind verschiedenster Art: sozio-kulturell, genetisch, krankhaft, durch Medikamente bedingt. Das Leben in der heutigen westlichen Zivilisation fördert das Dicksein, erlaubt es Menschen, sich beinahe nicht mehr bewegen zu müssen. Andere kommen schon als Fettsüchtige auf die Welt, tragen den Keim ihres Dickseins bereits in den Genen mit sich herum. In vielerlei Fällen führen Medikamente, die man zur Heilung oder Eindämmung anderer Krankheiten zu sich nimmt, zur Adipositas. Hinzu kommt als neuere Erscheinung: Während in vergangenen Jahrhunderten gerade aus reicheren Haushalten Fettsüchtige kamen, sind heute die Unterschichten verstärkt davon betroffen, weil sie sich weder qualitativ hochwertige Nahrung noch (oft überteuerte) Sportangebote leisten können.

Um es in aller Direktheit zu sagen: Fest startet hier einen Angriff auf Kranke. Diese sind oftmals - freilich nicht immer - Opfer gesellschaftlicher Zwänge, manchmal auch nur Opfer ihrer genetischen Modifikation. Sie sollen nun, ginge es nach diesem Mitglied der BILD-Chefredaktion, zur Kasse gebeten werden, weil sie krank sind, weil sie an Suchten leiden, für die sie normalerweise keinerlei Schuld tragen. Es ist der verkappte Angriff auf Kranke, nachdem man schon aus ökonomischen Opfern - aus Arbeitslosen - Schuldige geschmiedet hat. Nun sind auch die Kranken nicht mehr heilig, nun werden zunächst offensichtlich selbstverschuldete Kranke in Szene gesetzt, um damit einen Generalangriff auf alles, was sich krank durch die Lande humpelt und hustet, zu starten. Und dass es Nicolaus Fest offensichtlich nicht um Aufklärung, sondern um Geschäftemacherei geht, läßt sein abschließender Satz erkennen, den er einem gewissen Professor Diederich in den Mund legt: „Nach den vorläufigen Ergebnissen sind die Bürger deutlich einsichtiger und belastbarer, als die Politik mitunter annimmt.“ - Einsichtiger und belastbarer, um künftig auch mehr Selbstbeteiligung zu bezahlen oder eben - falls man sich nicht höher selbstbeteiligen kann -, sagen wir es unverblümt: an der Krankheit zu verrecken.

Ausgezeichnet ist es da natürlich, wenn diese Art von Vorstoß zu mehr Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen, in Fests Stammtisch-Weltbild paßt, in dem es keine Opfer gibt, die keine Produkte der Umwelt sind, sondern nur selbstverantwortliche Schuldige, die man bestrafen muß, und die man für ihr Handeln ganz alleine haftbar machen muß.

23 Kommentare:

Inge 21. September 2008 um 18:45  

Geraucht habe ich, weil es mir schmeckte - Übergewicht habe ich, seit ich behindert bin und den Rollstuhl benötige - Alkohol trinke ich keinen.
Ich brauche meistens keinen Arzt - außer für meine Pflegemittel.
Klingt komisch, ist aber so. Da ich unter einer Krankheit leide, die zu den seltenen gehört, können die Ärzte nicht viel mit mir anfangen - das heisst, sie kennen sich nicht damit aus. Das bedeutet für mich, überwiegend selber damit fertig zu werden, egal wie heftig die Schmerzen auch sind. Ich könnte mich nun mit der Krankenkasse und den Ärzten herumstreiten, vielleicht mache ich das auch noch. Leider haben mir die Erlebnisse der zurückliegenden Wochen die Lust dazu erst einmal vergällt.
Was ich aber sagen will: Abgesehen von den Folgen meiner Behinderung, für die ich 1-mal im Monat eine Verordnung brauche, benötige ich den Arzt fast nicht mehr. Das nicht erst seit jetzt, sondern schon mindestens 5 Jahre lang.
Ich hoffe, dass das noch lange so bleiben möge. Es ist widerlich, was an Hetze und Bevormundung abgeht.

Anonym 21. September 2008 um 19:30  

Seltsam finde ich, dass derartige Maßnahmen - Hallo? Eigenverantwortung der Betroffenen? - nur im obrigkeitsstaatlichen Deutschland möglich sind.

Ich vermute einmal stark in jedem anderen Land dieser Welt würden sich die PolitikerInnen davor hüten den Menschen in sozialdarwinistischer Manier von ganz Oben Hungerkuren, Raucherabstinenz und andere Unterdrückungsmaßnahmen der "Genussucht" zu verordnen. Ich denke da an ein gewisses Land mit einer Trikolore vor meiner Haustüre - dort hättest du längst eine Revolte.

In Deutschland hingegen - tote Hose. Man läßt es sich gefallen, ändern kann man es ja doch nicht, und die üblichen bürgerlichen Ausreden.

Soviel zum Thema Fortdauern des wilhelminischen Obrigkeitsstaatsdenkens in Deutschland :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Der Ernährungsexperte Udo Pollmer wehrt sich schon seit Jahren gegen die "Ernährungsdiktatur" in Deutschland - nur aus oben erwähnten Gründen (obrigkeitsstaatliches Denken bei vielen hier etc.) - bisher ohne Erfolg. Es gibt halt immer noch zu viele "Untertanen" in Deutschland, die öffentlich was anderes predigen als diese wirklich leben....eben Untertanengeist statt selbstbewußtes Bürgertum....Merkel bedankt sich dafür...kein Wunder, dass immer die Konservativen....

blu_frisbee 21. September 2008 um 20:08  

Die Faktoren für Adipositas (Fettleibigkeit) sind verschiedenster Art: sozio-kulturell, genetisch, krankhaft, durch Medikamente bedingt.[...] Andere kommen schon als Fettsüchtige auf die Welt, tragen den Keim ihres Dickseins bereits in den Genen mit sich herum.
Das ist nicht ganz richtig: Zu den angeborenen Belastungen zählen nicht nur genetische, sondern auch solche durch Umweltbelastungen während der Schwangerschaft, zB mit PCBs (polychlorierte Biphenyle).
Hinzu kommt als neuere Erscheinung: Während in vergangenen Jahrhunderten gerade aus reicheren Haushalten Fettsüchtige kamen, sind heute die Unterschichten verstärkt davon betroffen, weil sie sich weder qualitativ hochwertige Nahrung noch (oft überteuerte) Sportangebote leisten können.
Auch hier nicht ganz richtig: Arbeitslosigkeit zerstört als erstes den regelmäßigen Tagesablauf, es gibt dann keine festen Mahlzeiten mehr, sondern es wird gegessen, wenn der Hunger kommt und was gerade da ist. Das trifft besonders Kinder, die dadurch kein geregeltes Eßverhalten erlernen. Man kann sich auch von ALG 2 gesund ernähren (aber nicht mit der Sarrazin-Diät!) und regelmäßige Bewegung auch zB. durch Spaziergänge pflegen, allerdings ist dafür strikte Disziplin erforderlich, die eben gerade durch Arbeitslosigkeit selbst zerstört wird. Damit ist Arbeitslosigkeit selbst die wenngleich vermittelte Ursache für Krankheit. Was aber die prekär Beschäftigten betrifft so gelten hier ähnliche Einflüsse des modernen Lebens. Der Gebrauch des Wortes "Unterschicht" ist diskriminierend.

Klaus Baum 21. September 2008 um 21:53  

Ich habe den Fest-Bild-Artikel gelesen und darin tatsächlich die Risikosportler erwähnt gefunden. Ich hatte schon den Verdacht, daß Fest die Unfälle seiner reichen Kumpel beim Wasserski in Florida nicht erwähnt hätte.
Das solidarische Versicherungssystem versichert alle gleichermaßen, wobei zu erwähnen ist, daß die, die mehr verdienen, auch mehr bezahlen, so daß ihr Beinbruch aufgrund eines Ski-Unfalls in St.Moritz, sofern Leute, die dort Urlaub machen, überhaupt in der gesetzlichen Kasse sind,eh schon höher versichert ist als die Adipositas der Kassiererin, die sich infolge ihrer Berufstätigkeit zu wenig bewegt.
Der Kern der Argumentation von Fest zielt auf die Zerstörung des Solidaritätsprinzips der Krankenkassen.
Der Kern Deiner Argumentation zielt auf die Entstehungsgeschichte einer Krankheit. Ich möchte sagen, Du bewegst Dich damit in jener Tradition von Literatur und Kunst, die die gesellschaftlichen Ursachen miteinbezieht, die fragt, wie einer wurde, was er jetzt ist, oder eine, wie sie jetzt ist.
Erinnert sei nur exemplarisch an Schillers Erzählung "Verbrecher aus verlorener Ehre". Letztlich gehört auch Goethes Werther dazu, weil in diesem Buch detailliert erläutert wird, warum einer Selbstmord begeht.
Das heißt, die große Kunst fragt nach den Bedingungen von etwas, stellt diese vor, entfaltet sie, macht Schicksale verständlich und mitfühlbar. Empathie erzeugen, ermöglichen, wäre hier das Stichwort. Verständnis und Mitgefühl gibt es bei BILD nicht, deshalb ist diese Zeitung bei ihren Angriffen im Gegensatz zur Kunst abstrakt, abstrakt im Sinne des frühen Textes von Hegel "Wer denkt abstrakt?" Dr. Fest steht in der Tradition der kleinlichen Vorrechnerei: Du rauchst, also mußt du mehr bezahlen. Du hast gestern meinen Kaffee getrunken, also mußt du mir heute einen ausgeben. Die kleinbürgerliche Szene, die ich als Kind miterleben durfte, begann mit dem Vorwurf des Vaters gegenüber der Mutter, ihr Kaffee sei heller als seiner. Der Streit eskalierte derart, daß ein Marmeladenglas mit noch heißem, flüssigem Fett, das auf dem Fensterbrett stand, zu Bruch ging, wobei der Inhalt auf den Küchenfußboden floß. BILD als Sprachrohr der Neoliberalen möchte noch den letzten Rest an Solidarität in den Organisationsstrukturen unserer Gesellschaft ausmerzen.
Sie können damit nicht aufhören. Auf den Doktor Fest trifft zu, was Alexander Mitscherlich einst "Wissenschaft ohne Mitmenschlichkeit" nannte, wobei man sich fragen muß, was der promovierte Fest noch mit Wissenschaft gemeinsam haben sollte. Nichts mehr.

Roberto J. De Lapuente 21. September 2008 um 22:20  

Zu blu_frisbee:

Die Herabsetzung des Menschen ohne Lohnarbeit, der plötzlich deswegen disziplinlos und ohne Bezugspunkte im Leben sein soll, der aufgrund des Fehlens einer Lohnarbeit dahinschwimmt in Raum und Zeit, keinerlei Ankerplatz mehr kennt, ist enthoben einer bürgerlichen Kultur, die einem Arbeitsfetisch frönt, wie er sich in der herrschenden Ideologie immer wieder einen Weg bahnt.

Wer also so argumentiert, wer meint, der Mensch aus der Unterschicht, der von der Lohnarbeit ausgeschiedene Zeitgenosse, orientiere sich wegen seiner Arbeit an Konstanten seines Lebens, der unterstützt - unbewußt vielleicht, gar nicht mit böser Absicht - die Sichtweise vom Arbeitslosen, der undiszipliniert in einem wertlos gewordenen Leben herumrudert. Er nährt jenes spießbürgerlich verquere Weltbild, wonach alleine am ökonomischen Wert, an der Verwertbarkeit des Einzelnen, existenzielle Sinngebung zu erlangen ist. Und er tut jenen Kreisen einen Dienst (BILD), die in vulgärster Form einem solchen Denken Schlagzeilen liefern.

Klaus Baum 22. September 2008 um 00:38  

Es ist mir nach mehrstündigen Versuchen endlich gelungen, einen Essay auf meinem Blog als Antwort auf Deinen obigen Beitrag hochzuladen.
Der Titel des Essays "Die Literatur, die Kunst und die Außenseiter". Findet sich links in der Kategorienleiste auf meiner website.

MCBuhl 22. September 2008 um 10:43  

Lieber Roberto,
ob man gleich die "Spießbürger"-Keule raus holen muß? Dass ein strukturierter Tagesablauf dienlich ist steht ja wohl ausser Frage. Kein Mensch sagt, dass jemand ökonomisch verwertbar sein muß, um einen strukturierten Tagesablauf zu haben: man kann seinen Tag auch anders strukturieren als durch Lohnarbeit...

Roberto J. De Lapuente 22. September 2008 um 11:02  

Lieber McBuhl,

aber das ist doch meine Rede! Es mag solche Menschen geben, die ihre Struktur an Lohnarbeit festmachen, aber daraus abzuleiten, dass es so zu sein hat, wie es im obigen Kommentar zu lesen war, halte ich für verfehlt und gefährlich...

persiana 22. September 2008 um 11:03  

Nicht vergessen darf man, dass vor allen Dingen Armut ein Risikofaktor für Krankheit darstellt. Studien haben ergeben, dass die Lebenserwartung eines armen Bürgers um bis zu 10 Jahre niedriger ist, als die eines reichen.

Die Gründe sind vielfältig. Mit genügend Kleingeld kann man sich vor allerlei Risiken schützen.

Die seit ihrer Erfindung vor fast 100 Jahren umstrittenen, in skandinavischen Ländern mittlerweile verbotenen Amalgamfüllungen beispielsweise, stellen ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Darüber kann auch die vom Übeltäter und Hersteller Degussa finanzierte Studie an der LMU München nicht hinwegtäuschen. Wer genug Geld hat, geht ein solches Risiko erst gar nicht ein, und lässt sich Gold oder noch besser, Kunstofffüllungen legen. Für die Sanierung dürfte der Kleinverdiener dann erst recht kein Geld haben hat er doch womöglich wegen der andauernden gesundheitlichen Beschwerden womöglich schon seinen Arbeitsplatz verloren oder sein Studium abgebrochen, weil aufgrund von falschen Diagnosen keine richtige Behandlung eingeleitet werden konnte...

Andere Beispiel: Schadstoffbelastungen in der Wohnung, die aufgrund des klammen Geldbeutels nicht gewechselt werden kann, Schadstoffbelastung in der Nahrung, falsche Ernährung aus Geldmangel, zu wenig oder zu einseitige Bewegung aufgrund von unzähligen Nebenjobs, weil der Verdienst der Hauptarbeitsstelle nicht mehr reicht, und und und...

Die unschuldig Gestraften sollen also zukünftig immer mehr Kosten für die gesundheitlichen Risiken ihrer Lebensführung selbst bezahlen.

MCBuhl 22. September 2008 um 11:15  

Einspruch, Roberto,
blu_frisbee sagte, dass die Arbeitslosigkeit den strukturierten Tagesablauf unterbricht. Es erfordert große Disziplin, dann weiter zu machen.
Es meiner Erfahrung ist es wichtig, einen Tagesablauf zu haben und einzuhalten - zu schnell verlottert man. Aber aus der Aussage den Schluß zu ziehen, es geht darum, nur ein Arbeitendender sei ein Mensch halte ich für einmal zu oft um die Ecke gedacht.

Anonym 22. September 2008 um 11:27  

Hallo Roberto J. De Lapuente,

tja, die "Diktatur der Kleinbürger" hat zugeschlagen.

Danke für deine Worte, denn ich sehe es ähnlich - auch aus eigener leidvoller Erfahrung.

Als jemand mit lückenhaftem Lebenslauf gilst du heute als letzter Dreck, und im Gegensatz zu anderen weiß ich von was ich schreibe.

Solange sich hier nichts ändert glaube ich nicht, dass unsere herrschende Klasse es ernst meint mit den "Reformen".

Ich blitze sogar bei Zeitarbeitsunternehmen - wegen der geschürten Vorurteile gegenüber Menschen wie mich - ab.

Übrigens, ich bin nicht arbeitslos, aber hänge hier in einem Job fest, aus dem ich raus muss, da Erbengemeinschaften bekanntlich auf Auflösung angelegt sind.

So lange kann ich nicht warten, aber werde - wegen der Vorurteile die die bekämpfst - mich hüten selbst zu kündigen.

Außerdem 1 Jahr ist schnell vorbei, und dann gehörst du auch zum "Abschaum der Hartz-IV-Empfänger".

Eigentlich müßte sich Angela Merkel, als höchste Repräsentantin Deutschlands, bei den Arbeitslosen für das Schüren von Vorurteilen, und die Hindernisse beim Bewerben dadurch, entschuldigen.

Ein Traum. Ich weiß :-(

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 22. September 2008 um 12:56  

Lieber mcbuhl,

ich bleib dabei:

Ich glaube Sie wissen nicht von was Sie schreiben!

Der Satz:

"[...]Es meiner Erfahrung ist es wichtig, einen Tagesablauf zu haben und einzuhalten - zu schnell verlottert man.[...]"

sagt eigentlich schon alles über Sie.

Zynischer geht es nicht mehr, als wären Millionen von Arbeitslosen "verlottert"!!! Blaming the victim eben.

Arbeiten Sie gar auf der Arbeitsagentur? Oder sind Sie in der FDP?

Sorry, aber ihr Zynismus, und die darin verborgene Menschenverachtung gegenüber Systemopfern des Neoliberalismus, kommt mir irgendwie bekannt vor, den hört man nämlich oft von Menschen die nie arbeitslos waren und daher nur über etwas schreiben, dass Sie von Gerüchten oder über die neoliberalen Mainstream-Medien kennen dürften!

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 22. September 2008 um 13:03  

"[...]Die unschuldig Gestraften sollen also zukünftig immer mehr Kosten für die gesundheitlichen Risiken ihrer Lebensführung selbst bezahlen.[...]"

Nicht nur das:

Als Opfer des gescheiterten Neoliberalismus (Schwarzer Dienstag letzte Woche) macht man aus Ihnen noch Täter (z.B. Verlottert, Faulenzer, können keinen geregelten Tagesablauf einhalten) - Alles Vorurteile die bereits zu Reichskanzler Brünings Zeiten - als direktem Vorgänger von Adolf Hitler, der dies perfektionierte - über so genannte "asoziale Elemente" ausgeschüttet wurden.

Aber Hauptsache man grenzt sich ab - mit Vorurteilen - und gehört nicht dazu - ZU DENEN - Nein, danke!

Dabei vergißt man nur allzuoft, dass dank Massenenteignung von Arbeitslosen - die ArbeitslosenVERSICHERUNG ist eine lebenslange Versicherungsleistung und wird einem nach 1. Jahr mitsamt noch vorhandendem Restvermögen geraubt - der Abrutsch auch einem SELBST erwischen kann, wie so mancher Schreiberling hier nur allzu gerne verdrängt wissen will.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Frank 22. September 2008 um 16:05  

Die Realität eines geregelten Tagesablaufs von lohnabhängiger Arbeit abhängig zu machen halte ich für groben Unfug.
Ich stelle mal die Gegenfrage: Was ist mit Menschen, die in der heutigen Zeit sogenannte "Flexibilität auf Abruf" bereitsstellen müssen, um z.B. ihren Minijob nicht zu verlieren? Was ist mit Schichtarbeitern, die immer mal wieder kurzfristig Überstunden kloppen oder einspringen müssen? Deren geregelter Tagesablauf wird z.B. durch die lohnabhängige Beschäftigung sogar nachhaltig zerstört.

Anonym 22. September 2008 um 16:19  

Hallo Nachdenkseiten-Leser,

stimmt genau, die die hier Vorurteile verbreiten wollen wissen nicht von was die schreiben, dabei gibt es sogar Ökonomen, wie z.B. Heiner Flassbeck, die mittlerweile eingesehen haben, dass 1 Jahr sehr schnell vorbei sein kann - trotz ständigem bewerben - und man dann ein Fall für HartzIV ist.

Tja, manche lernen es nie...

Klaus Baum 22. September 2008 um 16:29  

Lieber Nachdenkseitenleser,

aufgrund meines Umgangs mit älteren Menschen, die man gern auch Rentner nennt, weiß ich, daß diese Menschen, obwohl sie teilweise seit langem nicht mehr arbeiten,einen gut durchstruktierten Tagesablauf haben, weil die Struktur dem Leben einen Halt gibt.
Andererseits weiß ich aus eigener Erfahrung, daß es einiger Zeit, Übung und Selbstdisziplin bedarf, um sich die Tage sinnvoll zu strukturieren. Als ich nach einem siebenjährigen Arbeitsleben einschließlich der Lehrzeit auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nachholte, war mein Leben von äußeren Strukturen und von außen vorgegebenen Aufgaben bestimmt. Ich habe nach dem Abitur an einer Kunsthochschule studiert und mußte dort lernen, mir selbst Aufgaben beziehungsweise Projekte auszudenken. Der Wechsel von einem außenbestimmten zu einem von innen heraus bestimmten Leben war durchaus nicht einfach. Bezogen auf Menschen, die von heute auf morgen arbeitslos werden, wäre es durchaus sinnvoll, es gäbe Institutionen, die helfen, das selbstbestimmte Leben zu lernen. Ich habe den Eindruck, daß die TU Dresden im Gegensatz zur TU Chemnitz Hilfe anbietet. Aus meiner Erfahrung im Umgang mit Künstlern weiß ich, daß es in deren Biografie oft eine Phase des Durchhängens gibt. Berühmtes Beispiel hierfür ist Beckett, denn das Durchhängen kann durchaus der Selbstfindung förderlich sein. Die Klischees und Phrasen der neoliberalen Propaganda sind derart armselig und eindimensional, daß wir, werden wir ständig mit dieser Dürftigkeit bombardiert, der Gefahr unterliegen, unser Denken ebenso dürftig werden lassen.

Grüße
Klaus Baum

Anonym 22. September 2008 um 17:52  

@Klaus Baum

"[...]Die Klischees und Phrasen der neoliberalen Propaganda sind derart armselig und eindimensional, daß wir, werden wir ständig mit dieser Dürftigkeit bombardiert, der Gefahr unterliegen, unser Denken ebenso dürftig werden lassen[...]"

Vor allen Dingen sind die von vorgestern, und erinnern wirklich stark an die Propaganda gegen so bezeichnete "Asoziale" im NS-Staat bzw. dem Faschismus überhaupt.

Bei allen Ablenkungsversuchen der Neoliberalen - Faschismus und Sozialismus sollen ein- und dieselbe Münze der Medaille sein - merken die selbst nicht, dass ihre Manöver längst durchschaut sind.

Die wollen nur von ihrer Sprache & den Methoden ablenken, die wirklich stark an die Frühform des Faschismus erinnern.

Ist wohl nur eine Frage der Zeit bis es erste "Arbeitshäuser" - oder schlimmer noch KZs - für hoffnungslose Fälle gibt, die sich angeblich einfach nicht "disziplinieren" lassen.

Gab ja bereits aus der CDU-Ecke so einen ernstgemeinten Vorschlag - Arbeitslose für geregelte Tagesabläufe in streng abgesicherte Häuser einzusperren.

Zurück in die Zukunft eben.

Liebe Grüße
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 22. September 2008 um 18:01  

Noch was:

Um mal vom Thema Arbeitslose/HartzIV-Empfänger weg zu kommen - ich denke mit dem Vorschlag sind auch Patienten gemeint. Vor kurzem las ich ein Buch zum Thema, dass den Zynismus der Ärztevertreter an die Adresse der Patienten zeigte mit dem treffenden Titel "Diagnose: unbezahlbar - Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin" von Sibylle Herbert. Wer sich für die Zukunft des dt. Gesundheitswesens hinsichtlich immer mehr zunehmende "Asozialität" bei Ärzten/Pflegepersonal interessiert, der kommt um dieses Buch nicht vorbei. Interessant finde ich übrigens, dass einiges was Roberte J. De Lapuente schreibt sich anliest als wäre seine Quelle dieses Buch. Dort wird zum Beispiel ein Hausarzt beschrieben, der nicht nur zwischen Privat- und Kassenpatienten entscheidet sondern auch zwischen HartzIV-Empfänger und Besserverdiener. Ratet mal wenn der Arzt angeblich nicht behandelt - egal wie krank der ist? Kleiner Hinweis: Der Besserverdiener ist es nicht.

Soweit ist es mit Deutschland gekommen - die Ärzte interessiert nur noch ihre Krankenhausbetriebswirtschaftslehre, der Mensch wird sortiert wie einst in Auschwitz an der Rampe die zur Vernichtung vorgesehenen Menschen, um es mal ganz zynisch zu sagen.

Ich würde es nicht schreiben, wenn die Autorin es nicht so beschreiben würde, sogar mit der selben Sprache: "die Ärzte selektieren die Patienten".

"Selektieren" war der Begriff für den oben beschriebenen Vorgang in Auschwitz, jetzt weiß ich auch warum Neoliberale immer wieder das NS-System verharmlosen wollen, und den Sozialismus mit dem Todfeind Faschismus/Nationalsozialismus gleichsetzen wollen.

Die neoliberale Ideologie ist selbst Faschismus pur - bis zur letzten Konsequenz...

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Jetzt verstehe ich auch warum mein Vater vor 2 Jahren in einer Privatklinik als Kassenpatient derart schäbig abgefertigt wurde, obwohl er mit dem Tode rang. Wäre er Privatpatient gewesen, dann könnte er noch leben - soviel zu Sch... neoliberalen System im Krankenhauswesen...

Inge 22. September 2008 um 22:16  

Heute hat mich eine alte Bekannte angerufen, sie ist älter als ich - gehört schon mehr zu den Senioren als ich selber. Sie erzählte mir von ihrem letzten Krankenhausaufenthalt vor kurzer Zeit, und von einem Arzt, der sich fürchterlich aufgeregt hatte.
Er hatte einen Debatte mit der Krankenhausleitung, schmiss daraufhin die Brocken hin, und verliess das Krankenhaus. Anscheinend wurde er erst einmal beurlaubt. Um was war es gegangen? Er sollte den älteren Patienten keine teuren Medikamente verabreichen, zusehen, dass die Behandlung so billig wie möglich abläuft.

Zum Thema der Strukturierung kann ich sagen, dass ich versuche, eine gewisse Struktur beizubehalten. Es ist aber schwer, wenn man wie ich darauf besteht, den Ehemann bevor er zur Arbeit geht, noch zu sehen, gemeinsam Kaffee zu trinken, und sich zu verabschieden. Denn, es ist mein Mann, der zu sehr früher Zeit aufsteht, an manchen Tagen, um mit allem fertig zu werden und zur Arbeit zu gehen. Dann hat er wieder Tage, wo er später, oder erst Mittags zur Arbeit muss. Das macht die Tage und Abläufe mehr kaputt, als alles andere.
Im Klartext: Ich stehe am Morgen mit auf, auch wenn ich es nicht muss. Kann sein, ich lege mich später noch mal hin.
Im Übrigen sind wir grundverschieden, mein Mann ist ein Mensch, der am besten des Morgens arbeitet. Bei mir ist es eher umgekehrt. Trotzdem, auch in den Zeiten der Arbeitslosigkeit meines Mannes gab es Struktur.
Ich wünsche mir manchmal, mich mehr treiben lassen zu können - der Tag müßte mehr Stunden haben. Für kreative Einfälle, für mehr Fantasievolles. Aber meistens kommt etwas dazwischen, leider.
Es ist nicht wahr, dass sich Arbeitslose nur treiben lassen, und keine Struktur kennen. Ich halte es für ein Ammenmärchen, das eventuell aus der Trinkerszene abgeleitet und auf die Arbeitslosen verallgemeinert wurde.

Anonym 23. September 2008 um 22:45  

Hallo Inge,

"[...]Er sollte den älteren Patienten keine teuren Medikamente verabreichen, zusehen, dass die Behandlung so billig wie möglich abläuft.[...]"

Scheint mittlerweile bei Ärzten Usus zu sein, d.h. der Arzt den du beschreibst gehört noch zu den "Guten".

In dem von mir oben erwähnten Buch einer Patientin, und Journalistin, stehen auch solche Fälle und noch haarsträubendere.

Ich konnte oft nicht weiterlesen - so schockiert war ich über die Thesen der Ärtze-Vertreter, die dort ihre unsoziale Meinung offen zur Schau gestellt haben, die mich fatal an einen gewissen KZ-Arzt erinnert haben, der in Argentinien einen Badeunfall hatte...und dabei starb....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Klaus Baum 24. September 2008 um 00:44  

hallo nachdenkseitenleser, da du parallelen siehst zwischen heute und den dreißiger jahren, möchte ich dich auf ein buch von
hans wollschläger hinweisen, daß vor der gesundheitsreform geschrieben wurde. der titel: das potential mengele. es geht um den medizinbetrieb der 70er, 80er jahre, und um den umgang mit tieren.
ich denke, alexander mitscherlichs buch "medizin ohne menschlichkeit", das er aufgrund seiner zeugenschaft bei den nürnberger prozessen schrieb, ist wieder aktuell.
grüße
klaus baum

Anonym 24. September 2008 um 10:27  

Hallo Klaus Baum,

tja, die Parallelen sind unübersehbar, sogar bis auf die Begriffe die manche Hausärzte gegenüber ihren Patienten anwenden - sind übrigens nur teilweise von mir, die Autorin des Buches zieht die selbst, z.B. den Begriff "selektieren von Patienten". Das eine Buch kenne ich nicht, danke für den Hinweis, das andere "Medizin ohne Menschlichkeit" ist mir ein Begriff, nur ist es etwas länger her, dass ich es gelesen habe - liegt schon etliche Jahre zurück. Ich dachte auch nicht, dass es mal wieder soweit ist, aber anscheinend ist das nationalsozialistische bzw. faschistische Potential gerade bei Ärzten wieder in großer Zahl in der Denkweise vorhanden, wenn die solche Aussagen tätigen, wie oben erwähnt....

Ich denke die Diskussion um den faschistischen Gehalt des Sozialismus soll davon ablenken, dass der echte Faschismus längst, als Teil des neoliberalen Kapitalismus, in Deutschland grassiert....eigentlich sind nämlich, nach uralter These, Faschismus/NS mehr mit Kapitalismus zu vergleichen als so mancher gerne lieb hätte, so z.B. im "Schwarzbuch des Kapitalismus" von Robert Kurz...

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Klaus Baum 24. September 2008 um 14:54  

Hallo Nachdenkseitenleser,
ich hatte gerade ein Gespräch mit einer Physiotherapeutin über Ärzte, die wir gemeinsam kennen. Diese, so sagte sie, kämpfen seit vielen Jahren gegen die Strukturreformen im Gesundheitssystem, die vor allem Frau Schmidt zu verantworten hat. Ich will mal sagen, es gibt Ausnahmen, aber der generelle Tenor war, daß die Medizinerausbildung, obwohl die alle excellente Noten haben müssen, im Argen liegt. Ihrer Meinung nach haben die Ärzte keine Kenntnisse des Körpers mehr, also keinen Körperkontakt, kein Fingerspitzengefühl, mit dem sie eine massive Verspannung ertasten könnten, statt ein Herzproblem zu vermuten. Ein Teil der Entmenschlichung geht auf die Apparatemedizin zurück. Was ich meine, will ich mit einer eigenen Erfahrung vergleichen: In den sechziger Jahren war ich in der Lage aufgrund langjähriger Übung ohne Belichtungsmesser zu fotografieren. Ich konnte die richtige Belichtungszeit intuitiv, gefühlsmäßig bestimmen. Seit ich eine Kamera mit automatischer Belichtung habe, ist dieses Gefühl verloren gegangen.
Zurück zur Physiotherapeutin: Mit genauester Kenntnis der Anatomie, der Muskulatur usw., mit dem Fingerspitzengefühl, mit dem Ertasten ist sie in der Lage, manche wieder gesund zu machen, mit denen die Ärzte nicht zurechtkamen. Sie meinte, ihre Behandlung sei um ein Vielfaches billiger als die ganzen ct-untersuchungen, als die ultraschalls usw.
Wir haben in der Medizin, vorgegeben durch die Politik Paradigmen im Hinblick darauf, was bezahlt wird und was nicht. Diese paradigmen haben etwas diktatorisches.

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