Blair Witch für die Geschworenen

Donnerstag, 30. April 2015

US-Amerikanische Bürgerrechtler bringen die Body-Cam als Weg gegen die eskalierende Polizeigewalt ins Spiel. Das ist ein verzweifeltes Begehren. Denn Kameraüberwachung hat noch nie Gewalt vereitelt. Und die auf der Schulter sitzende Kamera verschleiert mehr als sie offenbart.

Manchmal ist man verzweifelt und dann glaubt man an Dinge, die man unter rationalen Aspekten ablehnen würde. Angesichts der Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den Vereinigten Staaten kann man natürlich verzweifeln. Und dann kommen Ideen auf, die kontraproduktiv sein können. So wie die Body-Cam, die Bürgerrechtler jetzt als Chance sehen, um tödliche Schüsse auf schwarze Bürger zu vereiteln. Denn wenn der Polizist einen kleinen Überwachungsapparat auf der Schulter montiert hat, dann wird er sich ja sicherlich überlegen, was er da mit seiner in Uniform ausgestatteten Macht anstellt. Wer lässt sich schon dabei filmen, wie er einen unbewaffneten Teenager in den Rücken schießt? Oder einen wehrlosen Alten drangsaliert? So jedenfalls der Ansatz und die Theorie, die die Bürgerrechtler da haben.

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Die Schlepper und die Marktmoral

Mittwoch, 29. April 2015

Die Schuldigen sind benannt. Es sind die Schlepper. Die, die für Geld Flüchtlinge durch Wüsten geleiten und über Meere schicken. Sie sind die Verursacher des Massensterbens. Auf sie kann man die Misere abwälzen.

In Wirklichkeit sind auch sie nur ein Symptom der Ausbeutung und insofern nur ein Rädchen im globalen Getriebe. Sie bieten eine Dienstleistung an und liefern. In jeder Markttheorie würde man diese Leute loben, weil sie Engagement und Einsatzwillen mit dem Umstand verbinden, eine Marktlücke erschlossen zu haben. Zynisch gesagt jedenfalls. Tatsache ist aber, dass Schlepperbanden entstehen, weil es einen Markt für diese Form der Dienstleistung gibt. Die Frage ist nun, ob nach der allgemeinen Theorie des Marktes derjenige schuldig ist, der die Lücke für sich geschäftlich ausnutzt oder derjenige, der die Lücke klaffen lässt. Anders gefragt: Kann man Schlepper moralisch verurteilen, wo man doch weiß, dass Angebot und Nachfrage keine moralischen Basics aufweisen? Oder sind sie nicht eine logische Entität, die es in einem solchen Gefüge geben muss?

Schlepper sind sicher keine Waisenknaben. Sie nehmen den Tod ihrer menschlichen Fracht in Kauf. Sie tun es ebenso wie jene, die diese Fracht nicht annehmen wollen. So gesehen sind Schlepper nur ein Wirkungsfaktor in einer Ökonomie der Verweigerung und der Ignoranz. Sie wirken, weil die gängige Politik der reichen Industrieländer auf Abschottung und Selbstgefälligkeit ausgelegt ist. Weil ihr »Angebot« verlockender ist, als die Aussicht, weiterhin nicht wirtschaften können und verhungern zu müssen.

Nein, es ist wieder mal zu einfach, Moralin mit dem Zerstäuber zu versprühen. Keiner muss diese Banden lieben. Aber sie sind nicht in der Welt, weil sie sich einfach bloß aufdrängen, sondern weil die Zustände in der Welt ihnen eine Nische geben. Eine morallose Berechtigung. Wir können viel über Moral sprechen. Aber Marktmoral gibt es nicht. Der Markt ist ein Apparat, der immer weiter mäht und mäht. Das ist nichts Unbekanntes. Er werkt ohne Rücksicht auf ethische Normen. Wenn die Europäische Union einen Markt für Schlepperkriminalität entstehen lässt, dann muss man moralisch betrachtet die, die diesen Markt erschaffen haben, mindestens genauso ächten, wie die, die die Lücke ausnutzen.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 28. April 2015

»Wenn ich nach Deutschland gehe, gucke ich mir doch mal an, wie in Deutschland gebettelt wird. Man macht einen schönen Stand in der Fußgängerzone. Ordentlich angemeldet beim Ordnungsamt, ganz wichtig. Dann richtet man den ein bisschen nett her. Nicht so zerlumpt in der Ecke sitzen. Sie wollen doch die Leute anlocken, nicht abstossen. Ein bisschen Glitzer hier, ein paar Lampions da, eine kleine Folkloregruppe ist hilfreich, muss aber nicht sein.
Wichtig ist: Man geht in den Supermarkt, kauft billiges Bier und billigen Wein, füllt das Ganze um in Gläser oder Pappbecher und verkauft die für zehn Mark das Stück. Das ist die Art von Bettelei, an die der Deutsche gewöhnt ist.
Irgendeinem wildfremden Menschen auf der Straße eine Mark in die Finger drücken, das findet der Deutsche Scheiße. Aber für zehn Mark Scheiße kaufen, jederzeut ...!«

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Der Wahnsinn von Weimar

Montag, 27. April 2015

Immer häufiger hört man, dass linke Politiker mit dem Tode bedroht werden in diesem Land. Sie haben Glück. Wären sie Ausländer oder Asylbewerber, bliebe es nicht nur bei Drohungen. Die bekommen Gewalt nämlich ohne Ankündigung zu spüren. Entweder bei brauner Hatz oder man zündelt mal wieder an Häusern herum.

Rechte Gruppierungen mit pathetischen Namen vom »Abendland« und der dazugehörigen Rettung fischen in der gesellschaftlichen Mitte. Sie schüren Ängste. Sie und diverse Gazetten, die vom vollen Boot orakeln. Esoterische Grüppchen komplettieren dieses Bild des blanken Wahnsinns. Chem Trails und wer weiß welche Phantasien sie sich noch aus den Rippen juckeln. Sie sorgen sich um eine Regierung, die ihre Bürger vermeintlich mit Substanzen narkotisiert, während Asylbewerberheime brennen oder Wohnungen, in denen zufällig Ausländer leben und von deren Tod man sagt, es sei ein Unfall gewesen. Rassistische Motive sieht man in erster Linie - nie. Hat man auch nicht, als die organisierten Untergrundnazis reihenweise Türken ermordeten. Kein Zusammenhang, hieß es. Milieuspezifische Tötungsdelikte. Dönermorde halt. Man blinzelte zynisch. Lustig, wenn sich die Bagage selbst abschlachtet, nicht wahr?

Wer etwas vertritt, was Rechts nicht gewollt ist, bekommt Gewalt angedroht. Linke sowieso. Vor Jahren nannte man sie noch »Nestbeschmutzer« oder »Vaterlandsverräter«. Das waren noch herrlich friedliche Zeiten. Heute könnte man eine Leiche sein, wenn man nicht aufpasst. Ramelow lebt gefährlich. Sicher nicht nur er. Traurige Tradition nach Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Irgendein irrer Bachmann findet sich immer. Einer, der abdrückt. Und Beamte, die behaupten, dass es kein politisches Motiv gibt, wird diese Republik sicher nicht zu knapp haben.

Die Asylanten sind unser Unglück, wissen viele heute. Juden sind es nicht mehr. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Zwar unterlassen wir Volksverhetzung nicht ganz. Aber antisemitisch ist sie wenigstens nicht mehr. Jetzt sind es Moslems. Kopftücher. Die ganze Mischpoke aus der Wüste, die man hasst - und die die AfD und Pegida und weiß der Deibel was für kuriose Abbreviaturen sonst noch der Unterwanderung bezichtigen. Sie sind Freikorps mit bürgerlichem Anstrich, die schon mal in die Zukunft weisen. In eine, in der das Abendland seine Stacheldrahtverhaue hochgezogen hat, um Moslems und Schwarze fernzuhalten. Und das Mittelmeer, wir lieben es für den Urlaub. Und weil es so schön die Plagen fernhält. Es ist ein rundherum tolles Gewässer.

Bei Joachim Fest konnte man mal was zur Stimmung im Weimarer Deutschland lesen. In seiner Hitler-Biographie. Erstaunlich, wie ähnlich wir der Atmosphäre von damals sind. Rechte Gruppen, Spinner und Gurus, teilweise auch so ökologisch verdruckste Rassisten, prägten die Szenerie. Und hier und heute? So unähnlich ist es jedenfalls nicht. Wenn es kriselt, scheint der Koller zu galoppieren. Dann kriechen die aus ihren Löchern, die man schon lange in ihre Löcher hätte einbetonieren sollen. Weimar, du alter Wiedergänger der totalen Verrohung. Wieso kann die miese Stimmung deiner schlechten Jahre nicht enden wie jene Spartakisten, die eben diese Stimmung in den Straßengraben warf?

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Die Routine und der Streik

Freitag, 24. April 2015

Kindertagesstätten streiken. Jetzt auch mal wieder die Lokführer. Die Piloten legen sicher bald nach. Und was ist mit der Müllabfuhr? Der moderne Mensch hat es wirklich schwer. Wenn ihn einer in seine Pläne pfuscht, bröckelt das Fundament seiner Alltagsgewissheiten.
 
»Was tun, wenn die Kita streikt«, fragte der »Stern« in seiner Onlineausgabe. Womöglich sind wir jetzt also schon so weit, dass Eltern die Lebensberatung eines Magazins in Anspruch nehmen müssen, um ihre Alltagsplanung in den Griff zu kriegen, wenn die mal nicht einwandfrei funktioniert. Dabei sollten doch gerade Eltern einen gesunden Pragmatismus haben, denn das Leben mit Kindern birgt ständig Überraschungen und Unvorhersehbares. Man kann das gar nicht ausschließen. So eine Kita, die mal die Tore schließt, muss doch auch verkraftbar sein. Aber irgendwie scheint die Katastrophe auszubrechen, wenn Erzieherinnen mal nicht folgsam ihren Dienst an der Allgemeinheit verrichten und auch was vom Kuchen haben wollen.

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§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

Mittwoch, 22. April 2015

Da suchte ein Herr J. von einem Hausmeister-Service einen Mitarbeiter. Zur Ergänzung des Teams, wie es hieß. Ich hatte keine Ahnung von der Hausmeisterei, rief allerdings trotzdem an und bekam prompt einen Vorstellungstermin.

Mir saß ein Mann gegenüber, dem aus der Nase Härchen wie schwarze Brummerbeine lugten.
   »Schon mal einen Rasen gemäht?«, fragte er und stütze seine Ellenbogen auf den wackeligen Schreibtisch vor ihm.
   »Nein, so richtig eigentlich noch nie.«
   »Was meinen Sie mit eigentlich noch nie?«
   »Manchmal habe ich als Kind Grashalme aus der Erde gerissen.«
   »Das ist nicht dasselbe. Für einen Arbeitsantritt ist das sogar ein bisschen wenig, finden Sie nicht?«
   »Ich weiß nicht, ich bin bisher auch ohne Rasenmähen durchs Leben gekommen. Besitze ja keinen Rasen.«
   Er überlegte eine Weile und blätterte dabei in einem Taschenkalender.
   »Kommen Sie am Montag vorbei. Ich schicke Sie mal mit einem Kollegen mit. Wir haben mehrere Objekte und Sie schauen sich mal an, ob das was für Sie ist.«
   »Können wir so machen.«
   »Können wir so machen? Wollen Sie nun oder nicht? Sie sind doch zu mir gekommen, also nehme ich an, Sie wollen die Stelle haben. Ist doch so, oder?«
   Ich grinste nur dumm. Arschlöcher sollte man immer angrinsen, wenn man nicht gleich was findet, was man ihnen an die Stirn donnern kann. Das hat auch den Nebeneffekt, dass es billiger und ohne eine Zelle abgeht.
   »Da lassen wir Sie mal einen Rasen mähen. Ich sage es Ihnen gleich: Bei uns müssen sie richtig klotzen und leiden.«
   »Leiden? Haben Sie leiden gesagt?«
   »Haben Sie ein Problem damit?«
   »Mit Leiden schon. Ich wollte Arbeit, kein Leid.«
   Er lachte. Kapos von Strafkolonnen lachten in schlechten Filmen immer, wenn sie ihre Leute bluten lassen.
   »Wir hatten hier mal einen Kollegen, der war schon lange dabei. Aber irgendwann ging ihm die Kraft aus und wir können es uns hier nicht leisten, jemanden mitzuziehen, der nicht die volle Leistung bringen kann.«
   Er nickte mir verschwörerisch zu und ich schüttelte nur ratlos den Kopf, stand auf und vertagte mich auf Montag.

Am Montag war ich pünktlich. Der Kollege, mit dem ich über die Objekte tingeln sollte, war auch schon da. Er war genauer gesagt eine Kollegin. Sie sah nicht übel aus. J. war allerdings noch nicht zugegen. Also standen wir vor verschlossenen Türen.
   »Warum hast Du keinen Schlüssel? Und wo ist der Kerl überhaupt?«
   »Keine Ahnung. Kommt manchmal vor, dass er zu spät ist. Schlüssel bekomme ich erst, wenn ich fest angestellt bin.«
   »Ach, du hast nur einen Zeitkontrakt?«
   »Nein, ich mache bei ihm Probearbeit. Das Jobcenter bezahlt mich und ich bewähre mich gewissermaßen beim ihm.«
   »Das heißt, mir soll jemand die zu verrichtende Arbeit zeigen, der selbst noch gar nicht offiziell zur Firma gehört. Das ist ja interessant. Du musst aber schon lange auf Bewährung sein, dass du so gut Bescheid weißt.
   »Seit knapp vier Monaten. Heute Nachmittag will er mit mir über meine Zukunft reden. Ich bin guter Dinge.«
   Ich schüttelte nur den Kopf und zündete mir eine Zigarette an. Ich schüttelte in letzter Zeit irgendwie häufig den Kopf.
   »Sag mal, warum steht hier an der Türe zum Büro M. & G. und nicht J.?«
   »Herr J. hat den beiden den Laden abgekauft. Er war früher bei denen angestellt und dann hatten die zwei Vorbesitzer keine Lust mehr und J. war zur Stelle.«
   »Wie lange ist das jetzt her?«
   »Das war kurz bevor ich mit der Probearbeit bei ihm angefangen habe.«
   »Wie viele Hausmeister hat er denn?«
   »Harry und mich. Harry ist schon was älter, aber cool. Vorher gab es da noch einen, ich weiß nicht mehr, wie der hieß, aber den hat J. gefeuert. Der Mann hat jahrelang für M. & G. gearbeitet und war der Kollege von J. Die beiden konnten sich nicht riechen und dann hat er ihn wegen Arbeitsverweigerung rausgeworfen.«
   »Ich glaube, ich kenne die Geschichte schon. War er denn faul?«
   »Nein, J. wollte nur, dass er mit so einem alten Ding Rasen mäht, du weißt schon, so ein Mäher ohne Elektronik. Und es ging da nicht um eine kleine Wiese, sondern um eine gigantische Fläche, gleich neben einem Hochregallager. Da hat er gestreikt und gesagt, dass könne er nicht täglich leisten. Das gehe zu sehr an seine Substanz. Der Einwand war richtig, finde ich.«
   »Und bei dem willst du einen Arbeitsvertrag. Oh Mädel, du hast Nerven ...«
   Nach einer weiteren halben Stunde und einigen Zigaretten bog J. endlich um die Ecke. Er trug ein heftgroßes Schild bei sich, auf dem ›Rechtsanwalt S.‹ stand.
   »Ah, Fräulein Susanne, schön Sie zu sehen«, sagte er zu meiner Kollegin für diesen Tag und starrte ihr auf die Titten. Mich beachtete er nicht.
   »Schau mal, was ich hier habe.«
   Er zeigte ihr das Schild und sie gaffte ihn ratlos an.
   »Kannst du lackieren und pinseln?«
   Sie antwortete, sie könne es ja versuchen.
   »Dann lackiere das Ding mal hellgrün und schreibe mit dem Pinsel ›Hausmeister J. & Kollegen‹ drauf. Soll ich es Dir aufschreiben? Und schreib ordentlich, ja ...«
   Er lavierte vom Du zum Sie und Susanne tanzte nach seiner Pfeife.
   »Sie sind ja auch da«, sagte er, nachdem er mich endlich wahrgenommen hatte.
   »Die Fahrt mit Susi muss heute ausfallen. Es sei denn, Sie wollen warten, bis sie ihren künstlerischen Auftrag erledigt hat.«
   Ich schüttelte den Kopf und empfahl mich.
   »Warten Sie bitte noch einen Moment«, rief er mir nach.
   »Was ich vergessen habe Sie zu fragen: Beziehen Sie eigentlich Arbeitslosengeld?«
   »Nein«, log ich. »Wieso?«
   »Das ist schlecht. Ich hätte Sie mal für zwei oder drei Tage auf Probe arbeiten lassen. Aber ohne Bezug von Sozialleistungen werden Sie ja wohl kaum bereit dazu sein, oder?«
   »Nein, ich bin nicht bereit dazu.«
   »Verstehe … ich rufe Sie diese Woche an, dann machen wir nochmal einen Termin aus. Vielleicht geht ja trotzdem was. Und Sie freuen sich doch sicherlich auf eine Ausfahrt mit Frau Susanne.«
   Er lächelte zu ihr hinüber, als er das sagte. Und sie lächelte zurück. Sie sahen aus wie ein verliebtes Paar. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass es dieser eigenartige Arsch mit ihr trieb.
   »Melden Sie sich einfach«, sagte ich und zog fort.
   Ich hörte noch, wie er Susanne Komplimente machte und sie kicherte und mir tat es leid um das hübsche Ding.
   Von J. und seiner Praktikantin hörte ich nie mehr was.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 21. April 2015

»Gerade an der Geistesgeschichte Europas lässt sich der Unsinn von einem etwaigen Reinheitsgebot fast schon bildhaft nachzeichnen. Das heutige Europa wäre ohne arabische Einflussnahme und Wissensübermittlung gar nicht denkbar; unter anderem Aristoteles' Werke, die dazu führen sollten, dem abergläubischen Europa des Mittelalters philosophische Grundlagen zu erteilen, auf denen später Humanismus und Aufklärung gedeihen konnten, gelangten über arabische Kontakte zurück nach Europa, oder wie es Sigrid Hunke formulierte: »Folgendschwer und verhängnisvoll wurden die verkehrsmäßige Absperrung und die geistige Selbstisolierung gegenüber der islamischen Welt, die Europa wirtschaftlich und kulturell um Jahrhunderte zurückwarfen. In dem Augenblick erst, als trotz ... offizieller Feindschaft das Abendland sich dem arabischen Orient und Orienthandel öffnete, begann sein wirtschaftlicher Aufschwung. Indem es ... nach und nach sein großes geistiges Erbe übernahm, erwachte der abendländische Geist aus jahrhundertelanger Erstarrung und Lethargie ...«
Die allgemeine Stimmung des Kulturkampfes aber leugnet die Koexistenz, tut so, als habe stets eine strikte Trennung geherrscht. Die Koexistenz der Kulturen war natürlich nicht immer friedlich, aber nichtsdestotrotz fand sie statt. Leitkulturen sind Hirngespinste; zu lange lebte man neben- und miteinander, um noch fein säuberlich in christliche oder jüdische oder islamische Reinheiten unterteilen zu können - mit den Worten Goethes gesprochen: »Wer sich selbst und andre kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.«
- Roberto J. De Lapuente, »Auf die faule Haut« -

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Das höllische Paradies

Montag, 20. April 2015

Urlaub am Mittelmeer. Man kann ihn buchen. Via Internet oder wenn man mal an den Schaufenstern von Reisebüros vorbeigeht. Das Binnenmeer lockt wie eh und je. Adria, Côte d’Azur, Playa del Sol. Schön ist es dort ja auch. Es gibt wenige Friedhöfe, die so attraktiv angelegt sind.

Es werden immer mehr, die im Mittelmeer ertrinken. Die Europäische Union, faktisch ein Friedensnobelpreisträger, sieht dabei zu, wie ihre Abschottungspolitik Menschen über Bord wirft. Sie nimmt es mehr oder weniger hin. Achselzucken. Schließlich verlangt von diesen Afrikanern und Arabern keiner, dass sie übersetzen. Sie hatten doch die freie Wahl, oder etwa nicht? Jeder ist seines Glückes Schmied - und seines Ersaufens Initiator. Die Europäer machen weitestgehend weiter wie immer. Arbeit, Familie und Urlaub planen. Gerne auch im mediterranen Raum. Bis zu den Knöcheln ins Wasser. Das Nass genießen. Ein Nass, das einige Kilometer weiter draußen Flüchtlinge verschlingt. Dieselbe Brühe, in der europäische Kinder schwimmen lernen, lässt guten afrikanischen Schwimmern keine Chance. Selten war der Begriff von der »Insel der Seligen« zutreffender. Nur dass Elysion jetzt keine Insel mehr ist, sondern ein ganzer Kontinent.

Dieses Meer taugte fast als Metapher, wenn es nicht tatsächlich ein Massengrab darstellte. Denn wir stehen alle im selben Gewässer. In der Welt gibt es keine isolierten Bereiche oder Regionen. Alles was geschieht, spielt eine globale Rolle. Das Meer, das tötet, ist ja auch dasselbe Meer, das Urlaubskarten gebiert, nahtlose Bräune und erholsame Wochen erschafft. Wir Europäer können also nicht so tun, als gehe uns das dauernde Ertrinken nichts an. Wir stehen im selben Wasser. Hin und wieder spült es Leichen an europäische Strände. Dann wird weggeschaut. Es ist doch Urlaub, wir wollen uns nicht sorgen. Und der arme Kerl da, der hat doch auch keine Sorgen mehr.

Heraklit soll mal gesagt haben, dass man niemals zweimal in denselben Fluß steige. Denn es »fließt anderes und wieder anderes Wasser zu«. Die Europäer scheinen ihren Heraklit respektive Platon gut gelesen zu haben. Wenn sie denn überhaupt noch solche Sachen lesen. Aber sie benehmen sich so. Sie tun so, als sei das Wasser ihrer Urlaubsfreude nicht in demselben interkontinentalen Bottich, in dem Frauen und Männer und Kinder jämmerlich absaufen und mit ihnen ihre Hoffnung, doch nochmal etwas zu haben, was an ein halbwegs würdevolles Leben erinnert. Ohne Hunger, Not, Verfolgung und die Aussicht, in jungen Jahren an eigentlich heilbaren Erkrankungen zu sterben.

Kritiker warfen der deutschen Öffentlichkeit neulich vor, dass der Abgang eines Bundesligatrainers mehr Interesse zeitigte, als die fast zeitgleich geschehene Katastrophe im Mittelmeer. Es ist aber mitnichten so, dass die Deutschen nicht auch auf das Mittelmeer schauen würden. Sie haben Interesse daran. Sie blättern hübsch in Katalogen und suchen sich schöne Strände und Unterkünfte aus. Oh, ist das Wasser nicht herrlich blau, Schatz! Ein Paradies. Dabei war das Paradies mal als der Ort beschrieben worden, wo es kein Leid und kein Elend mehr gibt. Kann es sein, dass die Hölle manchmal paradiesisch aussieht?

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Der Vater des lateinamerikanischen Linksrucks

Freitag, 17. April 2015

Am Montag ist ein großer Literat verstorben. Ein wortgewaltiger Mann. Seine Themen waren der Kolonialismus und sein Kontinent. Und die Einsicht, dass der Reichtum Südamerikas die Armut beflügelt. Er war nicht ganz so berühmt wie der, der am selben Tag wie er starb. Schade eigentlich.

Der am Montag verstorbene Günter Grass habe die Bundesrepublik geprägt, las man in den Nachrufen. Stimmt wohl. Der Mann war tatsächlich der Chronist von Krieg, Wiederaufbau und Wiedervereinigung. Ein Kollege von Grass dürfte seiner Heimat aber weitaus mehr seinen Stempel aufgedrückt haben. Und wie es ein trauriger Zufall wollte, starb der Mann am selben Tag wie sein deutscher Kollege. Sein Name: Eduardo Galeano – Autor von »Die offenen Adern Lateinamerikas«, einem monumentalem Werk, das die Kolonialgeschichte seines Kontinents zum Gegenstand hatte. Seine paradox klingende Theorie bringt die ganze Misere von Schwellen- und Entwicklungsländern in der modernen Welt auf den Punkt. 

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Zu Ohren gekommen

Mittwoch, 15. April 2015

Nicht erst seit gestern liest man Schlagzeilen, die in etwa so loslegen: »Griechen errechnen ...«, »Griechen wollen ...« oder »Griechen sind wütend ...«. Diese Ausformulierung der politischen Geschehnisse ist nervig. Es ist eine Sprache, die die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern eine neue Sicht von Wirklichkeit in die Köpfe derer pflanzt, die sich dieser Sprachregelung unterwerfen.

Zuletzt las man, dass die Griechen noch höhere Reparationen errechnet haben. Die Griechen? Wer genau? Das griechische Finanzministerium oder Panagiotis, der arbeitslose Müllmann? Irgendwelche Erbsenzähler im Gefolge von Varoufakis oder Stavroula, die langbeinige Hure, die es günstig macht? Waren griechische Schulklassen, die in ihrem unterfinanzierten Schulkomplex unter der Fuchtel von fast mittellosen Lehrern pauken, an der Berechnung beteiligt? Was hat eigentlich Eleftheria mit der Sache zu tun? Sie war am Tag der Berechnung gar nicht zugegen, wechselte ihren alten Vater die vollen Windeln. Und der Typ, der drüben in Darmstadt in einem griechischen Restaurant Teller jongliert - hat der auch mitgerechnet? Das wäre schon kurios, denn der Mann schafft es nicht mal, die 18, die 27 und die 38 richtig zu addieren, weil er die Speisekarte nicht richtig im Kopf behält.

Das Nationalkollektiv ist eine alte Erfindung. Es macht die Sache so herrlich einfach. Da kommt gleich Ordnung ist weltliche Chaos. Da sind die, die so sind - und dort sind die anderen, die anders sind. Und so wird aus einigen Vertretern einer Nation gleich die ganze Nation. Ein ganzes Volk. Damit kann man praktisch generalverurteilen und gleich alle in die Pfanne hauen, ohne sich die Mühe machen zu müssen, vielleicht doch ein wenig tiefgründiger an die Sache heranzugehen. Man kann so tun, als sei das Attribut keine subjektive Charaktersache, sondern ein Umstand, der sich aus der Nationalität errechnet. So wird es übersichtlicher.

Die Deutschen, das waren doch die, die alle Hitler nachliefen und Nazis waren, nicht wahr? Alle. »Deutsche wählen Hitler«, hätte eine griechische »Bildzeitung« damals schreiben können. Sie hätte in etwa so richtig gelegen, wie die Zeitungen, die heute den Griechen alles Mögliche nachsagen.

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Ich mochte Günter Grass nicht

Dienstag, 14. April 2015

Ich mochte Günter Grass nicht. Das heißt: Sein Werk. Als Mensch kannte ich ihn zu wenig. Sein Stil sprach mich nicht an. Er war schwerfällig und hatte einen eigenartigen Rhythmus. Ein bisschen so wie ein Rasenmäher, dessen Surren mehr verspricht, als es dann leistet. Die Inhalte machten seine Schreibart nicht besser. Ständig geschah Phantastisches, verwebte sich Realität mit Luftschlössern und man fragte sich, warum Nazis flashmoben und Kinder einfach nicht erwachsen wurden.

Nun gut, man muss wenigstens diesen Aspekt gelten lassen. Schließlich war Grass Vertreter des magischen Realismus. Und vielleicht bin ich da als Europäer unfähig - ganz nach den Worten von Carpentier -, das »Erleben des wunderbar Wirklichen« zu akzeptieren, weil mir die Aufklärung dazwischenkam. Jedenfalls denke ich an das Vorwort, welches Bukowski mal für Fantes »Ich - Arturo Bandini« schrieb. Darin erzählte er, wie er als junger Mann durch die Bibliotheken lief und viele große Autoren las. Alle langweilten sie ihn. Sie erzählten Stories aus einer anderen Welt. Sie nannten die Dinge nicht beim Namen oder schrieben erst gar nicht über das, was er als armer Schlucker so auszubaden hatte. Dann fand er Fante und erstmals schrieb da einer so, wie auch Bukowski das Leben empfand. So ähnlich habe ich Grass konsumiert. Ich fand ihn auf der Suche nach Lektüre, die mir entsprach. Und so las ich ihn und wusste nicht, wo er mich treffen wollte. Und tatsächlich traf er mich nur äußerst selten. Es berührte mich nicht, was er mitteilte. Oft langweilte es mich. Und bei aller Literaturbeflissenheit. Wenn einer nicht unterhält, dann hilft alles nichts. Da bin ich ganz bei Reich-Ranicki. Aber ich habe natürlich auch keine Ahnung von Kunst.

Ja, ich glaube wirklich, es gibt nicht wenige deutschsprachige Schriftsteller, die viel bessere literarische Qualitäten aufwiesen - und die es noch immer besser drauf haben. Aber dennoch muss man einsehen, dass mit Grass eine wichtige Gestalt der deutschen Kultur abtrat. Für mich persönlich weniger wegen seiner Kunst selbst - eher, weil er einer war, der Kunst und politisches Engagement verband, wie kein anderer. Dass da einer phasenweise nicht nur weinselig an seinem Schreibtisch stand und Texte skizzierte, sondern auch klare Aussagen traf, das war aller Ehren wert.

Grass war gleichwohl ein großer Autor, nicht weil er etwa abgedrehte Geschichten schrieb oder einfach nur fesselnd war. Er war es, weil er das, was er da tat, mit einer Würde betrieb, die ihm einflüsterte, es nicht zu abstrakt zu halten. Seine Texte waren es teilweise schon. Abstrakt und ungelenk. Aber das, was er den Menschen erzählen wollte, das hat er auch als reale Person in die Waagschale geworfen und sich so Bewunderer wie Kritiker geschaffen. Er war eine Stimme, die sich auch physisch in den Ring und auf das Podium begab. Nicht immer lag er dabei jedoch richtig. Aber er engagierte sich gegen den Mief und setzte Hoffnungen auf die Sozialdemokratie. Zuletzt hat ihn die SPD allerdings ordentlich verarscht. Wie uns alle. Er sollte ein Manifest mitunterzeichnen, eine große Zeitungsanzeige, in dem einige Prominente den Reformkurs der Schröder-Regierung als notwendig deklarierten. Er tat es. Man muss annehmen, dass er von Hartz IV noch nichts wusste. Wahrscheinlich glaubte er, dass die neue »linke Regierung« mit dem Kohl aufräumen wollte. Das dachten ja viele seinerzeit.

Sein Geständnis, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen, habe ich ihm hingegen nie zum Vorwurf gemacht. Er war jung, sozialisierte durch den Hitlerismus. Woher hätte er es besser wissen sollen? Die Moralisten haben ihn dafür schwer attackiert. Es sind dieselben Moralisten, die jede gegebene Moral aufsaugen wie ein Schwamm und die die Moral des Nationalsozialismus mindestens so unkritisch aufgetunkt hätten, wie die des aktuellen Zeitgeistes.

Man muss nicht betroffen sein, weil er jetzt gestorben ist. Das ist das Normalste von der Welt. Mit 87 kann man sterben und sollte ein Leben gehabt haben, von dem man sagen kann: Mehr kommt eh nicht mehr. Obwohl ich seine Literatur ablehne, muss ich zugeben, dass dennoch einer ging, den man noch immer gut gebrauchen konnte als Widerstreiter gegen den postdemokratischen Wahnsinn und gegen die Jasager-Kultur. Es kommt halt eben nicht nur darauf an, ob einer gut schreiben kann oder nicht, sondern was er daraus macht oder nicht.

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An Tagen wie diesen

Montag, 13. April 2015

oder Ein großer Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus.

Vorgestern jährte sich mal wieder was. Nicht rund. Aber das muss ja auch nicht sein. Vorgestern vor 47 Jahren. Fast fünf Jahrzehnte ist es jetzt her. Einer der größeren Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus. Eine Sternstunde regelrecht.

Bachmann hatte nachmittags Dutschke niedergeschossen. »Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen«, schrieb die »Bildzeitung« einige Wochen zuvor. Bachmann nahms wörtlich. Er war ein frommer Leser. Also übernahm er die Drecksarbeit und schoss dreimal auf den studentischen Aktivisten. Man musste schließlich was tun. Die Aufwiegelung klappte ganz gut. Es findet sich immer ein Würstchen, das den Senf der »Bildzeitung« auftunkt. Es findet sich immer ein Schwachkopf, der es für eine Offenbarung hält, was dort geschrieben steht. Schon damals. Jedenfalls war das eine der schrecklicheren Stunden, die uns diese Art des deutschen Journalismus schenkte. Einige Stunden danach geschah das Gegenteil von Schrecklich. Es wurde richtig gut.

Aufgebrachte Menschen zogen vor das Springer-Haus. Sie warfen Steine, verhinderten die Auslieferung der nächsten Ausgabe, stoppten Lastwagen und zündeten Stapel von Bildzeitungen an. Nebenbei wehrte man sich gegen die anrückende Staatsmacht. Die Zornigen stellten ihre Wagen so ab, dass es kein Vorbeikommen für die Auslieferer gab. Auch das Auto von Ulrike Meinhof stand in der Barriere. Einen Tag später philosophierte sie über die Ereignisse: »Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung. Werden Hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion.« Sie lag richtig. Was hier geschehen war, war nicht einfach nur ein krimineller Akt oder so. Es war eine politische Aktion. Ein Statement. Das Bekenntnis einer Generation, die es satt hatte, von diesem »privaten Staatsorgan« belogen und als Freiwild ausgegeben zu werden.

Selbst die Staatsdienste schienen die Zeitung abzulehnen. Zynisch betrachtet jedenfalls. Denn es flogen Molotowcockails. Beinahe kam es zur Explosion. Mitgebracht hatte sie ein gewisser Peter Urbach - ein Provokationsagent, der mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete. Auch das gab es immer schon in dieser netten Republik. Leute, die man einschleust und die die Aufgabe haben, die ganze Sache eskalieren zu lassen.

Die »Bildzeitung« gibt es immer noch. Springer ist noch immer nicht enteignet. Aber die Zeitung ist nicht mehr so mächtig wie damals. Jedoch mindestens so dreckig. Viele Kioske fangen nun an, sie nicht mehr in ihren Regalen anzubieten. Das macht Hoffnung. Die Auflagezahlen gehen seit Jahren zurück. Aber die Sternstunde schlechthin war dieser Abend, als sich die ganze Wut über ein Blatt entlud, das nichts anderes im Sinn hatte, als Menschen, die von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machten, schmählich zu verunglimpfen und zu kriminalisieren. Wo ist der notwendige Zorn heute?

Zugegeben - es war nicht die feine Art. Überhaupt keine Frage. Aber es war eine deutliche Ansage. Ein Meilenstein in der Geschichte des deutschen Journalismus. Und je mehr man heute die Medienlandschaft beobachtet, desto sicherer weiß man, dass dieses Urteil nicht übertrieben ist. Denn auch, wenn die »Bild« an ihrer Hegemonialstellung eingebüßt hat, sie lebt in der Seele vieler anderer Medien weiter. Die Bildzeitungisierung hat alle erfasst. Blome sitzt sogar beim »Spiegel«. Man müsste heute schon viele, sehr viele Autos vor den Verlagen aufbieten, um das unter Kontrolle zu bringen. Und wie formt man aus Autos Barrieren, um Onlineausgaben zu verhindern?

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Das Kopftuch ist auch nur so ein Hut

Freitag, 10. April 2015

Schreib doch was über dieses Kopftuch-Urteil und die Folgen, sagte mir neulich eine liebe Freundin. Aber ich lehnte ab. Denn das Kopftuch ist auch nur so ein Hut. So ein alter Hut. Sich über die Auswürfe aufzuregen, die von konservativ-ewiggestriger Seite immer und immer und immer wieder kommen, lohnt sich doch nicht mehr.

Kanakentussi aus
der Bibel
Vor einigen Jahren war das noch ein Thema. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich mich auch mehrmals dazu geäußert und gegen die Anti-Kopftuch-Bewegten was ausformuliert. Damals hatte jeder so seine Ansichten. Als es mal wieder um die gemeingefährlichen Bestrebungen Bekopftuchter ging, krochen ganz viele Gegner aus dem Quark. Vieles was man so hörte war irgendwie wirr, falsch oder einfach nur hetzerisch. Frauenrechtlerinnen zum Beispiel wollten es vom Kopf gerissen sehen, weil sie es als Zeichen der Unterdrückung ansahen. Xenophobe hatten Angst um das Bild auf Deutschlands Straßen. Sie hatten mal wieder vergessen, dass ihre Omas noch vor einigen Jahrzehnten selbst oft mit Kopftuch über den Kartoffelacker hoppelten. Und sie haben verdrängt, dass die heilige Jungfrau auf Abbildungen so aussieht, wie eine dieser - O-Ton - »Kanakentussis«, über die sie sich aufregen. Dann gab es natürlich noch die Konservativen, die ein bisschen vernünftelten und sagten, dass man halt moderner sein oder sich anpassen müsse. Man müsse prüfen, ob man das Kopftuch noch mit in die neue Zeit hinübernimmt.

Meine Großmutter landete mal in einer Bibelstunde, die ein seltsam motivierter älterer Herr leitete. Er war kein Geistlicher, aber er sah es als seine Erfüllung an, alte Leute wöchentlich zum gemeinsamen Lobpreisen um sich zu scharen. Die Alten drückten auch was für die Kollekte ab und der Kerl tat immer so, als wollte er die Kohle gar nicht. Aber in diesem Kreis saßen viele Banater Schwäbinnen. Die trugen immer Kopftuch. Als fromme Christinnen gehöre sich das schließlich so. Sie konnten nicht ganz verstehen, wieso die Christinnen anderer Herkunft in der Runde kein Läppchen um den Scheitel trugen. Die Frauen trugen es freiwillig, als Zeichen der Demut und wer weiß wieso noch. Keiner hat es ihnen aufgesetzt. Und genau das war ein Ansatzpunkt, den viele liberale Zeitgenossen damals anbrachten.

Die Muslimas selbst hat bei der damaligen Debatte keiner gefragt. Oder eher selten. Und die liberale Ansicht, die meinte, dass man in erster Linie davon ausgehen müsse, dass die Frauen das Tüchlein ja vielleicht auch gerne tragen könnten, wurden niedergeplärrt. Dem Zeitgeist stand der Sinn nicht nach Liberalismus in solchen Dingen. Nicht auf dieser Ebene. In der Ökonomie gerne. Dass etwaige Kopftuchverbote verfassungswidrig sein könnten, eben exakt aus dem Grund, haben Kritiker damals bereits orakelt. Es hat lange gedauert, bis mal wieder Klarheit geschaffen wurde.

Und prompt kriecht das Klientel von Pegida und AfD auf denselben Holzwegen herum, wie noch vor Jahren, als man sich noch nicht unter den Lettern netter Kürzel versammelte. Wieder dieselben Scheinargumente. Wieder derselbe Unsinn, der damals schon ungefähr die Orginalität von Lanz von Liebenfels oder Alfred Rosenberg hatte. Muss es da sein, dieses Ewiggestrige erneut zu thematisieren? Wieder entkräften, wo Karlsruhe jetzt schon entkräftet hat? Lohnt sich das alles noch? Den alten Hut wieder aufsetzen? Den ollen Fummel wieder um den Kopf binden? Irgendwann hat man genug von der Scheiße.

Klar, all diese Kerle haben jetzt wieder ein Argument dafür, dass die Islamisierung voranschreitet. Dass ihre Kinder zum Kopftuchtragen erzogen werden. Dass Beeinflussung stattfindet. Dass der Islam in die Kinderköpfe einsickert. Langsam. Unkontrolliert. Und im Namen des Grundgesetzes. Und wir können wieder entgegenhalten, dass das Quatsch ist, dass es hehre Werte gibt, die man vertreten muss. Freiheit des Willens und all sowas eben. Dann ist die Sau durchs Dorf, bis wieder einer anfängt zu hetzen. Und so geht es weiter und weiter. Für nichts. Während wir über ein Stück Stoff auf dem Kopf von Frauen quatschen, geschehen wichtigere Dinge. Freihandelszone, europäische Armee und weiß der Teufel was.

Und das ist der Hauptgrund, liebe Freundin, weshalb ich zu diesem Thema nichts Ausführliches mehr sagen will. Denn über Kopftücher zu sprechen, wo sie Leichentücher bereitlegen: Auch so ein alter Hut. Um abzulenken. Um die Agenda zu manipulieren. Man sollte manchmal nichts sagen, damit man das Wichtige hören kann.

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Deutschland voll der Gnade

Donnerstag, 9. April 2015

288 Milliarden Euro: So viel Kosten verursachten Wehrmacht und SS aus griechischer Sicht in Griechenland. Die Aufrechnung ist nicht dumm, wie Sigmar Gabriel sagte. Aber es ist wohl auch kein seriöses Mittel, die aktuelle finanzpolitische Situation zu regeln. Trotzdem ist sie sinnvoll.

Man macht es sich zu einfach, die nun in die Waagschale geworfenen Reparationszahlungen als dumm zu titulieren. Wahr ist, dass der Zeitpunkt einer Debatte darüber sehr ungünstig gewählt wurde. Es wirkt ein bisschen so, als zöge sich die griechische Regierung auf den Standpunkt eines schnippischen Kleinkindes zurück, das die Arme verschränkt und sagt: »Du hast aber angefangen!« Es hat was von Ablenkung. Dass sie ausgerechnet dieser Tage zum Sujet werden, kommt sicher nicht von ungefähr. Die deutsche Verantwortung für den letzten Weltkrieg ist nicht zu leugnen. Aber aus reinem Kalkül sollte sie eigentlich nicht missbraucht werden.

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Eine Liebeserklärung an den letzten richtigen Sozi

Mittwoch, 8. April 2015

oder From Jan with Love.

Neulich im »Spiegel«. Fleischhauer mal wieder. Er schrieb eine tolle Einleitung zu seinem Text. Es ging um die Sozialdemokraten und deren Konturlosigkeit. Sie wüssten nicht, wie sie sich ein Profil verpassen könnten. Oder wollten es nicht. Beliebig seien sie geworden.

Dann schob er noch nach, dass Merkel kein Schicksal sei, das man nicht abstreifen könnte. Sieh einer an, dachte ich mir. Ein starker Satz für einen, der sonst eher schwache Phrasen drischt. Zurückgefunden auf die Spur wird er nicht haben, schoss es mir durch den Kopf. Dazu ist er zu verbohrt. Aber manchmal schreiben die falschen Leute auch richtige Sachen. Über zwei, drei Absätze wickelte er die Sozialdemokratie ab. Fatalistisch sei der Verein und selbstzufrieden. Wo sind die standhaften Sozis? Die Leute, die nicht danach strebten, eine »innere Unionsmitgliedschaft« einzugehen? Ich wollte Fleischhauer regelrecht zustimmen, denn dass es an Ecken und Kanten fehlt, das ist ja so zutreffend wie nur gerade was. Aber dann rutschte ich einen Absatz weiter und es lohnte sich nicht mehr, ein Wort des Lobes ausschütten zu wollen.

Einen Sozi gäbe es nämlich noch, behauptete Fleischhauer. Keinen geringeren als den Ober-Sozi selbst: Sigmar Gabriel. Wie der um Deutungshoheiten ringe und sich zum Beispiel für das Freihandelsabkommen aufreibe, das sei vorbildlich. Ja, so treten Sozialdemokraten auf, die es noch ernst meinen, die ihrer Partei ein Profil verleihen wollen. Gabriel ziehe sich nicht hinter Merkel zurück, sondern mache selbst Politik. Wie die guten alten Größen der Sozialdemokratie führe er den Laden und gebe ein Beispiel ab, wie man die Partei modern und zeitgemäß führen könne. Kurzum, Fleischhauer hat den guten Start mit einem Aufwisch verkackt.

Denn Gabriel ist nicht die Lösung des sozialdemokratische Problems. Er ist Teil desselbigen. Der Mann ist ein Postdemokrat, der schon mal ankündigt, dass seine Partei bei der nächsten Bundestagswahl als Juniorpartner an der Seite der Union steht. Wahlkampf lohne sich nämlich gar nicht mehr. Und nebenher unionisiert er fröhlich die letzten Reste sozialdemokratischer Atavismen weg. Regt TTIP und die damit drohende Aufhebung von Sozialstandards an und lässt sich dafür als Kämpfer für eine bessere Welt feiern. Der Mann wirbt nachhaltig dafür, irgendwann mal Ehrenmitglied der Union zu werden.

Aber Fleischhauer lobt ihn als großen Sozi. Genau deshalb. Weil einer, der die SPD völlig aufgibt und auflöst, natürlich Zuspruch braucht. Fleischhauer lobt nicht die Wehrhaftigkeit der Sozialdemokratie, sondern macht ihrem Abgesang eine Liebeserklärung und dem, der den finalen Stoss versetzt, zwinkert er kokett zu. Danke, lieber Sigi, du machst nen tollen Job - dein Jan.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 7. April 2015

»Wissen sie, worauf ich stolz bin? Ich hab' die Atombombe nicht erfunden. Und da bin ich stolz drauf. Und außerdem hab' ich ja noch viel mehr nicht gemacht: Kein Giftgas, keine Landminen. Vielleicht gibt es später mal an meinem Haus außen ein Täfelchen, wo drauf steht: Hier lebte Erwin Pelzig und er entdeckte Nichts.«
- Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig -

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Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Schweigepflicht!

Donnerstag, 2. April 2015

Aktivismus ist der Lebensinhalt der Mediokratie. Kaum geschieht etwas, wovon profilierungssüchtige, aber ansonsten idealbefreite Hinterbänkler glauben Aufmerksamkeitsprofit abzwacken zu können, werden sie aktionistisch. Sie entfachen damit oft sinnlose oder sogar gefährliche Diskussionen.

Gibt es Zwischenfälle, so müssen natürlich Konsequenzen gefordert werden. So ist das in einer postdemokratischen Landschaft, in der Politik in erster Linie bedeutet, sich medial hübsch in Szene zu rücken. Deswegen Konsequenzen. Weil es ja einen Anspruch darauf gibt, dass »etwas geschieht« - und man verlangt sie überdies, weil das die großartige Chance auf »15 minutes of fame« für manch abgehalfterten Parteisoldaten aus den hinteren Bänken darstellt. Und was dieses Schielen auf Aufmerksamkeit an Absurdität und Sprengstoff birgt, kann man im aktuellen Fall wieder mal beobachten.

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Der Mythos und die Linken

Mittwoch, 1. April 2015

Die Linke spricht nun von einem »Merkel-Plan« und der Medienbetrieb greift dieses Wort aus Kippings Mund nur allzu gerne auf. Genossin, das ist eine fahrlässige Wortwahl. Denn sie arbeitet mit am gängigen Bild, das man von dieser Frau hat.

Kipping hat ja zunächst völlig recht, denn »mittelfristig braucht es für ganz Südeuropa [tatsächlich] einen Investitions- und Aufbauplan nach Vorbild des Marshall-Plans«. Mit Sparpolitik und dem Auswringen der öffentlichen Haushalte saniert man nichts, setzt keine wirtschaftlichen Impulse und treibt die Krisenländer immer tiefer in diesen Status hinein. Wer Austerität verordnet, der treibt zur Verschärfung der Situation an und nimmt Not und Elend in Kauf. Und Entdemokratisierung! Investitionen, setzen von Anreizen, Impulse anleiern - das wäre ein geeigneter Plan. Ein New Marshall- und damit ein Masterplan. So bringt man Geld zur Zirkulation, kurbelt die Rudimente der griechischen Ökonomie wieder an und erlaubt es letztlich somit auch, soziale Sicherheiten zu gewährleisten. Und nicht zuletzt stützt man so demokratische Strukturen. Die Linke und Kipping liegen also vollkommen richtig.

Aber was um Himmels Willen soll dieser Unsinn von einem etwaigen »Merkel-Plan«? Kipping führt ja sogar noch aus, dass ein solch keynsianisch anmutender Plan gerne auch den Namen dieser Bundeskanzlerin tragen dürfe. Wieso? Glaubt Kipping ernstlich, dass Merkel Europa darstellt? Sind die Europäische Zentralbank, der Internationale Währungsfond und die Europäische Kommission Merkel? Oder ist Merkel die Troika? Kann man sich Europa gar nicht mehr ohne den lindgrünen Hosenanzug denken?

Klar, Merkel steht für das Sinnbild europäischer Austeritätspolitik. Sie ist die Koryphäe oder die Gallionsfigur, tritt als Stimme einer Hegemonialmacht auf, die es überreizt und die ein aggressives Wirtschaftskalkül an den Tag legt. Merkel wird mit Hitlerbärtchen und SS-Uniform karikiert und wahrscheinlich hat dieses Empfinden in Südeuropa seine Berechtigung. Aber diese Frau ist doch nicht das Maß aller Austeritätsdinge. Sie ist ein Gesicht von vielen. Nur ein Kopf der Zeitgeist-Hydra. Sie mag arrogant auftreten wie wenige. So, als sei sie eine europäische Regentin. Bloß das alleine heißt ja nicht, dass es exakt so ist.

Aber es ist freilich ihr Auftreten und die Inszenierung ihrer Stärke, die einen Merkel-Kult oder -Mythos entstehen ließen. Der deutsche Konsument von Massenmedien, hat nun über Jahre den Eindruck vermittelt bekommen, dass Frau Bundeskanzlerin gleichzeitig auch so eine Art europäische Schutzherrin ist. Eine, die ihre nationalen Kompetenzen auf den halben Kontinent ausgeweitet hat und dafür sogar noch Anerkennung von den europäischen Nachbarn erntet. Dieses Bild, das diese Nation von ihrem »Oberhaupt« hat, gehört nicht angereichert mit etwaigen Forderungen nach Plänen, die dann einen Namen tragen sollen, die die Mär von der Schutzherrin Europas noch verdichten.

Die Linke hat dagegen anzugehen, den Mythos aufzudröseln, Genossin Kipping! Gut gemeint, schlecht gesagt. Denn Sprache schafft Realitäten. Und wenn selbst Die Linke nun eine Sprache spricht, die sonst die Massenmedien bedienen, einen Duktus modernen Marienkultes - ohne Maria, aber dafür mit Angela - anschlagen, dann kann diese verzerrte Realität von der Kanzlerin ganz Europas nie ausgetilgt werden.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 31. März 2015

»Sofort nach der Vereidigung nahm Reagan den radikalen Umbau der amerikanischen Wirtschaft in Angriff. Der Kemp-Roth-Act sah die drastische Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern in drei Stufen vor – der Spitzensteuersatz sollte dabei von 70 auf 50 Prozent sinken. Gleichzeitig sollten die Rüstungsausgaben massiv erhöht und die übrigen Staatsausgaben gesenkt werden. Das betraf alle Sozialprogramme, doch die meisten Ausgaben waren im Pensionssystem (Social Security) und in der Krankenversicherung für Rentner (Medicare) fest gebunden. Diese Programme nützten dem breiten Mittelstand und waren viel zu populär, als dass Reagan sie hätte antasten können. Die Kürzungen betrafen daher besonders solche Sozialprogramme, die von den ärmsten Schichten genutzt wurden wie Essensmarken, Wohnbeihilfen, kostenlose Schulspeisungen oder Umschulungen. Frauen, die Sozialhilfe bezogen, wurden von Reagans Leuten als »Welfare Queens« verunglimpft, die sich auf Kosten der Steuerzahler ein schönes Leben machten. Obwohl die Mehrheit der Sozialhilfeempfänger weiße Familien vom Land waren, sprach Reagan immer wieder von den »Schwarzen in den Städten«.
[...]
Die drastischen Kürzungen sozialer Leistungen jedoch verschlimmerten die Auswirkungen auf die Bevölkerung: Arbeitslose konnte ihre Familie kaum noch ernähren, die Obdachlosigkeit nahm stark zu, Familien verloren ihre Wohnungen und mussten in Notunterkünften Zuflucht suchen. Eine Million Amerikaner etwa lebten 1986 auf der Straße, ein Fünftel von ihnen war trotz eines Arbeitsplatzes obdachlos.«
- Eric Frey, »Schwarzbuch USA« -

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Die Armut, die es nicht mehr gibt

Montag, 30. März 2015

oder Frau Nahles hat völlig recht gehabt.

Mal wieder gute Nachrichten aus dem Arbeitsministerium. Ministerin Nahles will der Armut ans Revers. Endlich. Es soll wieder weniger Arme geben. Zur Armutsbekämpfung ist jedes Mittel recht. Jetzt hat man sich mal wieder entschlossen, die Armutsdefinition zu überdenken.

Als einst die FDP den Armutsbericht beschönigte, da war der Aufschrei unter den Sozialdemokraten riesig. Auch Nahles mischte damals ordentlich mit. »Wer die Realität ausblendet und ignoriert, kann keine gerechte Politik machen«, sagte sie damals der SZ. Jetzt ist sie der Ansicht, dass es unanständig ist, die Leute als arm zu deklarieren, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Da müsse man umdenken. Dass der Paritätische Wohlfahrtsverband neulich festhielt, dass die Armut in Deutschland weiter gewachsen sei, hält sich daher für grundlegend falsch. Man brauche mehr »Sachlichkeit in der Debatte«. Anders gesagt, wer von der Armut im Lande spricht, der ist unsachlich. Man darf sie halt nicht nur verschweigen, wie der Rösler und seine Brigade damals - man muss sie per definitionem aus den Augen aus den Sinn bewegen.

Wir haben also gar nicht so viel Armut. Und das bisschen Armut, das dann noch übrigbleibt, das will Nahles abgeschafft wissen. Mit Neudefinitionen. Und mit dem ewigen Spiel, das man spielt, wenn man oben sitzt. Man kann immer noch die eine Hälfte der Armen heranziehen, um die andere Hälfte der Armen in die Mangel zu nehmen. Man herrscht, wenn man teilt. So war es immer. Diesmal sind es illegale Einwanderer und junge Erwerbsgeminderte - »da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun«, erklärte die Ministerin. Oho, ihr Hartz-IV-Bezieher, schaut genau hin, so sieht Armut nämlich wirklich aus. Das sind Arme! Euch geht es doch gut!

Und wenn man mal wieder eine alte Frau dabei beobachtet, wie sie im Mülleimer nach Pfandflaschen sucht, dann darf man sich sicher sein: Armut ist das nicht. Nein! Das ist einfach nur das Faible einer Frau, die ihren angeknacksten Reichtum kompensieren möchte. Kleptomanen stehlen ja auch eher selten aus der Not heraus. Es ist der Nervenkitzel. Und wer sagt denn, dass die Suche nach Pfandflaschen nicht kitzeln könnte? Dass ihre Grundsicherung nicht ausreicht, ist nur ein Gerücht, bloß böse Unterstellung. Sie hat immerhin 55 Prozent des mittleren Einkommens in der Tasche. Ist das etwa nichts?

Es ist keine gerechte Politik von dieser Frau Nahles zu erwarten. Weil sie die Realität nicht nur ausblendet und ignoriert, sondern auch noch beschönigt. Das war mal ihr eigener O-Ton. Sie hat völlig recht mit dieser Einschätzung gehabt. Na also, von ihr kommt nicht nur Quark. Und wir indes wissen, was nicht zu erwarten ist: Gerechte Politik.

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Glattrasiert und aus dem Westen

Freitag, 27. März 2015

Von der Augenwischerei der Sicherheitspolitik.

Jahrelang hat man der Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass so ein Flug eine sensible Angelegenheit ist. Das Cockpit gehört ordentlich verschlossen, damit keiner eindringen kann, um das Flugzeug als Waffe zweckzuentfremden. Tja, nun kam die Gefahr aus dem Cockpit selbst und für Sicherheitskonzeptler und -politiker ist das eine Abfuhr und eine Lehre.

Es ist vielleicht zynisch, die Ereignisse um den Absturz der Germanwings-Maschine für eine Art Parabel benutzen zu wollen. Aber ab und an sind Pietätlosigkeiten vielleicht notwendig. Seit vielen Jahren schon ist es das Konzept der Sicherheitspolitik, den Luftweg strikten Sicherheitsvorkehrungen zu unterwerfen. Man tat das, um sich vor Terroristen zu schützen. Sie sollten nie mehr ein Flugzeug entführen und als Waffe benutzen können. Das World Trade Center sollte sich niemals mehr wiederholen. Bärtige Männer mit Herkunft aus dem Nahen oder Mittleren Osten waren Ziel eines Verfahrens, das Rasterfahndung hieß, eigentlich ethisch verpönt und gerichtlich unterbunden wurde, aber dennoch Anwendung fand. Als Gefahr für Leib und Leben unschuldiger Reisender war dieses Stereotyp auserkoren. Nun war es ein glattrasierter Mann aus dem Westen, der wahllos Menschen mit in den Tod riss.

Die Gefahr kam gewissermaßen aus dem inneren Zirkel. Es brauchte keinen Terroristen, wie man ihn sich ausmalt. Es war ein Co-Pilot, der seine Schutzbefohlenen terrorisierte. Und man muss denen, die Konzepte mit Stereotypen ausarbeiten, die alle möglichen Unsicherheitsfaktoren ausschließen wollen und glauben, die komplette Überwachung und Filzung von Fluggästen verhindere weitere Zwischenfälle, einfach mal sagen: Dieser Absturz beweist, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Gefahr ist ein allgegenwärtiges Problem, dem man nicht aus dem Weg gehen kann. Man kann sie nie wegplanen. Und je drastischer man es tut, desto widerlicher tritt man die Würde und die Freiheit der Menschen und erreicht letztlich doch keine Hundertprozentigkeit.

Oder was ist nun die Alternative? Will man jetzt Maßstäbe anlegen wie damals, als Fanatiker diese größten Terroranschlag aller Zeiten verübten? Das heißt, will man schwarze Listen einführen, Piloten durchleuchten, sie nach ihrem Privatleben ausforschen und so weiter und so fort? Maßnahmen nach dem Handbuch des Law and Order einleiten? Wann wird der erste geltungssüchtige Hinterbänkler aufschreien, dass Piloten unter spezielle Überwachung gehören? Und dann, sind wir dann alle froh und zufrieden, weil wieder eine Gefahrenquelle vermeintlich ausgeschlossen ist? Ist das die freiheitliche Gesellschaft, die wir alle so schätzen und die wir am Hindukusch verteidigen lassen?

Dieser Absturz ist durchaus auch als eine Parabel zu betrachten. Denn man ist nie wirklich sicher. Verschärft die Maßnahmen noch so sehr! Am Ende sind Menschen am Werk. Menschen und ihre Fehler. Menschen und ihre Schwächen. Menschen und ihre Melancholien. Psychisch lädierte Menschen. Und dagegen kann nichts wirken. Nichts. Das ist der Preis der Freiheit. Irgendwer kann immer gefährlich werden. Schreibt euch das auf die Fahnen, ihr Schilys, Schäubles, Friedrichs und wie ihr alle heißt. Das ist kein Trost in dieser Stunde. Keine Frage. Aber es ist einer von vielen Blickwinkeln auf die Ereignisse. Und vielleicht war alles ja auch etwas anders. Dann will ich nichts gesagt haben.

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Der Tod formt die ideale Alterspyramide

Donnerstag, 26. März 2015

Der Zusammenbruch der gesetzlichen Rente ist nahe, orakelt Guru Hans-Werner Sinn mal wieder. Und wie alle Berserker gegen die gesetzliche Rente, weint auch er der idealen Alterspyramide nach. Das ist nicht nur fadenscheinig. Es ist der Ruf nach einer morbiden Gesellschaft.

Der demographische Wandel ist ja immer noch Thema für manche Publikation. »Focus Online« (das mittlerweile sogar die »Bild-Zeitung« in Sachen Niveaulosigkeit abhängt) kramt dafür mal wieder Professor Sinn aus der Mottenkiste. Der jongliert mit Zahlen und erklärt, dass in einigen Jahren die Babyboomer in die Rente pilgern. »Dann werden […] achteinhalb Millionen weniger Personen im erwerbsfähigen Alter« sein, analysiert er. Und damit das ausgeglichen werden könnte, »seien theoretisch 32 Millionen mehr Arbeitskräfte nötig«. Diese Verhältnismäßigkeit von Einzahlern und Rentnern belegt, dass der ifo-Leiter durchaus der Ansicht ist, dass eine »ideale Alterspyramide« notwendig sei, um die staatliche Rente zu erhalten.

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Der Josef, der heilig wurde, weil er sein Maul hielt

Mittwoch, 25. März 2015

Peter Hahne gehört zu den konservativsten Meinungsmachern, die dieses Land hervorbringt. Jetzt moniert er in der »Bildzeitung«, dass ein katholischer Kindergarten nach einer Abstimmung nicht den Namen »St. Josef« annehmen werde. Das sei fatal, denn der heilige Josef sei ein leuchtendes Vorbild. Denn »Josef [habe] sich zu Jesus, dem Kind seiner Verlobten Maria bekannt, obwohl es ein Kuckuckskind war.«

Es sind immer wieder solche seltsamen Ideale, Vor- und Leitbilder, Wertevorstellungen und Ehrgefühle, die den hiesigen Konservatismus prägen. Jede Nische des alltäglichen Bedarfs und der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird mit diesem seltsamen Blick auf die Welt verstellt. Leben auf diesem Planeten ist für den Conservative Way of Life immer ein Zustand, der mit Ehre und Pflicht und der Einsicht gepaart ist, dass man an dem Platz im Leben zu stehen habe, wohin es einen verschlägt. Auch wenn es ungerecht ist, auch wenn man eigentlich nur »raus« möchte. Und es sind zum Beispiel genau jene konservativen Kriegsbereite, die immer wieder in ihren Gazetten trommeln und kriegerische Politiker unterstützen, die dieses konservative Ehrgefühl stimulieren. Denn Krieg ist für sie immer noch ein Feld der Ehre. Pflicht und Erfordernis und Schuldigkeit. Eine Schuldigkeit, mit der Hahne Josef veredelt. Er lief nicht weg. Er blieb. Und er kämpfte um sein Weib, das ihn beschissen hat.

Oho, das ist wirklich vorbildlich, was Josef ausgehalten hat. Lassen wir mal die Geschichte so stehen, dass Jesus nicht sein Kind war. Dann sagt uns Hahne, dass es als Mann gewissermaßen richtig und angebracht ist, das Gevögele seiner Partnerin zu ertragen und auch die Konsequenzen, die sie unter ihrem Herzen trägt, anständig zu akzeptieren. Denn dorthin, wo es einen Mann verschlägt, sollte er ja auch bleiben. Ehre und so. Anstand definiert sich also in Hahnes Augen so, dass man seinen Mund nicht aufmacht, sondern hinnimmt, aushält und billigt. Ach, ihr wollte übrigens einen Link zu seinem Statement? Vergesst es!

Josef ist auch nur so ein Vorzeigebürger im Weltbild des Konservatismus. Ein Duchmäuser, Angsthase und Arschkriecher. Ein stiller Mensch, der sein Leid ertragen hat, ohne sein Maul aufzureißen. Nicht verwunderlich also, dass einer wie Hahne ihn chic findet, ihn für ein Vorbild par exellence hält. Nichts beanstanden, Schnauze halten und das Kuckuckskind einfach hinnehmen: Dann ist man jemand, den das Konservative liebhaben kann. Der Gehörnte, der keine Widerworte gibt, der ist ein Traum für diese Leute. Gehörnte Bürger, die nicht wütend werden und demonstrieren, die wären fast so angesehen wie Josef. Deswegen ist »St. Josef« so ein schöner Name für eine Einrichtung.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 24. März 2015

»Großvater Schädel ruht noch immer
In einem Feld beim früheren Stalingrad.
Von einem T-34 zermalmt,
Fiel er im Osten für westliche Werte.

Heute liegt die Front schon
Am Hindukusch und es fallen
Die Willigen nur. Frei,
Abgesehen von den anderen.

Uns schicken unsere Damen und Herren
Nicht massenhaft in die Front.
Wo kämen wir da auch hin!
So viele gute Kunden.

Westliche Werte - Aktienwerte,
Konto, Kreditkarte für uns,
Für den Rest der Welt
Brot und Drohnen.

Bezahlt
Wird später«

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Die rechte und die linke Hand des Gabriel

Montag, 23. März 2015

Manchmal weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut. In einer Koalition kommt das unter verschiedenen Zeitgenossen oder Ministerien recht oft vor. Gabriel schafft es aber, dass er am eigenen Leib nicht weiß, was seine rechte Hand treibt, während er mit der linken an Themen herumnestelt.

Letzte Woche verkündete er großspurig, dass die Bundesregierung »in die Debatte über die Neuregelung von Werkverträgen und Leih- und Zeitarbeit einsteigen« werde. Die Regierung habe nämlich »etwas dagegen, dass Werkverträge missbraucht werden, um Geschäftsmodelle zu etablieren, die letztlich auf der gesetzwidrigen Ausbeutung von Menschen beruhen«. Nun könnte man gleich mal fragen, ob es ein Recht auf gesetzeskonforme Ausbeutung von Menschen gibt. Aber das führt nun mal wieder zu weit. Kurzum, er kündigte an, dass etwas geschehen sollte, um die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen zu stoppen. Ein neuer Gesetzesrahmen, neue Regelungen und vielleicht ja auch verstärkte Kontrollen und Bestrafungen. Gabriel spielt die Karte des Gesetzgebers. An sich nicht übel, was er mit seiner linken Hand so anstellt. Aber wo ist noch gleich die rechte?

Nicht in der Hosentasche jedenfalls. Mit der rechten Hand klammert er sich an das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten. Ständig macht er Werbung dafür, was für ein tolles Ding TTIP doch eigentlich sei. Zuletzt tobte er sich bei der »Bildzeitung« aus. Alle Vorzüge notierte er. Argumente, die nur schwer nachvollziehbar waren.

Und diese rechte Hand kann mit dem, was er mit der linken Hand anpackt, gar nichts anfangen. Im TTIP-Raum könnten Gesetzespassagen, die den freien Wettbewerb in Gefahr bringen, von Schiedsgerichten unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgehoben werden. Im Nordamerikanischen Freihandelsabkommen zwischen Kanada, den USA und Mexiko ist es jedenfalls eher nicht zur Besserstellung prekärer Arbeitsverhältnisse gekommen. Wenn die Regierung also nun sagt, dass sie dem Schindluder, das mit Leih- und Zeitarbeit getrieben wird, endlich einen Riegel vorschieben will, dann gilt das nur solange, wie es dieses Freihandelsabkommen mit seinem libertären Verständnis von Ökonomie nicht gibt. Ein amerikanischer Wettbewerber könnte so zum Beispiel monieren, dass Gesetze zur Besserstellung von Leih- und Zeitarbeit den Wettbewerbsvorteil einschränkten und lähmten.
Und flugs setzt man sich zusammen und »berät«.

Gabriel zeichnet das Dilemma einer Sozialdemokratie nach, die jetzt über Jahre hinweg in einem Zustand fehlender Ideale und Leitbilder dämmert. Man setzt gelegentlich gut an, versucht sich linker Hand als Streiter der kleinen Leute. Und auf der anderen Seite schüttelt man die Pfoten jener Raubkatzen, die die Gesellschaft und das Gemeinwesen als zu reißende Gazelle betrachten. Macht mit am großen Raubzug am öffentlichen Eigentum und den Errungenschaften des Sozialstaates. Kein Wunder, dass der Parteivorsitzende schon mehr als zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl das Kanzleramt aufgegeben hat. Er ahnt wohl, dass mit diesem Kurs nichts zu holen ist.

Der Volksmund sagt über einen, dem nichts gelingt, er hätte zwei linke Hände. Manch einer bräuchte aber genau die, damit ihm mal wieder was gelingt.

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Neben Idioten sehen Idioten richtig gut aus

Freitag, 20. März 2015

Ich kann verstehen, dass die Ohnmacht, die diese Alternativlosigkeit konzipiert zur Destruktivität führt. Zu Gewaltbereitschaft und zu einer Art Hedonismus, der sich an der Zerstörung labt. Ich verstehe, dass die Wut zu Kopf steigt und dort Denkmodi freisetzt, die Fäuste ballen oder Steine werfen lässt. Ich kann nachvollziehen, dass die Machtlosigkeit in den neoliberalen Weltenläuften Aggression gebiert. Wie oft bin ich wütend und wie oft möchte ich einfach nur dreinschlagen!

Man kann die Motive, den Antrieb dahinter verstehen. Gerade wenn man aus einem Milieu kommt, das gegen diesen Weltentwurf aufbegehrt. Es gibt ja immer nachvollziehbare Argumente und Beweggründe. Und man darf sie nicht einfach ausblenden. Aber um Himmels Willen, glauben diese Leute wirklich, das EZB-Regime und die Despotie des Neoliberalismus ließen sich mit dieser Methode irgendwie aufhalten. Glauben sie, die wären davon auch nur im geringsten beeindruckt? Wenn sie das glauben, dann sind sie doch das, was ich ihnen nicht unterstellen wollte obgleich ihres Benehmens. Dann sind sie doch dumm, kurzsichtig und leben in einer Traumwelt.

Der Polizei kann man nicht alles in die Schuhe schieben. Sie deeskalierte nicht. Fachte an. Schlug ordentlich auf Leute ein, die schon hilflos am Boden lagen. Augenzeugenberichte bestätigten das. Kein Wunder, wenn selbst Politiker via Twitter Rechtfertigungen für Polizeigewalt finden. Trotz dieses eklatanten Missstandes, der einem Rechtsstaat nicht gerecht wird, es gab ja durchaus auch brutale EZB-Gegner, Schläger im Namen der politischen Alternative und linke Typen, die es ordentlich krachen ließen. Und diese Leute machen nicht Werbung für eine alternative Ökonomie, die sich irgendwie attraktiv in Szene setzen könnte neben der neoliberalen Ordnung. Sie unterstreichen damit nur, dass es keine Alternative zu geben scheint. Denn wenn Steine, brennende Autos und Prügel das einzige sind, was man als Argument anbringen kann, dann kann es mit einer neuen Ordnung nicht so weit her sein.

Je dumpfer sich diese Leute auf die Gewalt einlassen, sei sie gezielt und durch die Ordnungskräfte provoziert, desto mehr sieht es für die Menschen da draußen so aus, als ob die EZB und ihre Krisen- und Austeritätsökonomie das Maß der Vernunft sind. Neben Idioten sehen Idioten manchmal richtig fesch aus. Neben Leuten, die keine Argumente zu haben scheinen, sehen Leute, die keine Argumente für ihren Kurs haben, beinahe wie Leute aus, die genau wüssten, was sie da treiben.

Nein, die vergreifen sich nicht einfach nur in den Mitteln für eine eigentlich anständige Sache. Sie schaden der anständigen Sache. Eine Neuausrichtung der Globalisierung, ein Kapitalismus, der reguliert und an die Leine gehört und der Menschen in den Vordergrund stellt und nicht reine Gewinninteressen, sind mit solchen Methoden niemanden schmackhaft zu machen.

Ich verstehe, dass die Polizeipräsenz und diese EZB, die sich feiert und die so tut, als mache sie das Richtige, das Gefühl der Ohnmacht verstärken. Und was soll man auch tun? Man kann friedlich demonstrieren. Nur was bringt es? Es kratzt keinen. So wenig, wie die Randale. Sie machen einfach weiter. Immer weiter. Und dann wäre da noch politische Einflussnahme? Ja, das könnte eventuell ein Mittel sein. Aber »Die Linke« wählen viele dieser Linken erst gar nicht, weil sie sagen, die Partei klebe immer noch im Kapitalismus fest. Na dann. So gibt es eben gar keinen anderen Ansatz. Alternativlosigkeit. Merkel verkündet sie. Und diese Simpel wirken mit. Als Randalierer und als solche, die politische Einflussnahme kategorisch ausschließen. Und die EZB und die Troika stehen daneben und sehen aus wie der bessere Weg. Man kann sich eben auch selbst im Weg stehen.

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Der deutsche Mittelfinger

Donnerstag, 19. März 2015

In Griechenland galoppiert die Armut, aber die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich nur für den Mittelfinger des griechischen Finanzminister. Dabei kann man den Stinkefinger auch zeigen, ganz ohne ihn zu zeigen.

Hat er nun oder hat er nicht? Ist diesem Varoufakis ein Stinkefinger raus gerutscht? Und wenn ja, ist das überhaupt so schlimm? Ganz andere sind damit schon hausieren gegangen. Nein, nicht Effenberg oder Steinbrück. Eher so Leute von Format. So richtig große Provokateure der Historie. Der Diogenes aus der Tonne zum Beispiel. Der soll vor Christi Geburt schon den Athenern »Fuck you!« empfohlen haben. Wir sehen also, dieses Fingerspiel hat Tradition. Und obwohl sich die Deutschen gerne mal als Traditionalisten empfinden, scheint ihnen die Pflege dieses hübschen Brauches nun nicht so unbedingt zu gefallen. Und das, obgleich die Regierung der Deutschen auch traditionalistisch nach Griechenland fingert. Unter anderem.

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Willkommen und gute Rückreise

Mittwoch, 18. März 2015

Willkommenszentrum. Da ist es ja schon wieder, dieses Wort. Der Tauber will welche für Einwanderer und die Vision der europäischen Abschottungsminister ist es, einen Kordon aus solchen Zentren entstehen zu lassen. Und zwar dort, wo es brennt. Im Maghreb, an den Schwellen Europas - oder sagen wir es richtiger: Noch vor dem Absatz.

Das hätte Vorteile, sagt uns die konservative Presse. Die Flüchtlinge müssten nicht mehr über Zäune steigen. Man könnte sie Willkommen heißen und ihre Aufnahmeanträge mit gelassener Ruhe bearbeiten. Vor Ort, direkt am Menschen. Bei einem Gläschen Selters und Schnittchen. Die Leute müssten nicht mehr von Schlepperbanden über den halben Kontinent verfrachtet werden, sondern könnten zu den Zentren schlendern. Mit ihren Familien an der Hand. Zum Sonntagsausflug gewissermaßen. Das klingt alles zu schön um wahr zu sein. Und es klingt so, weil es eben nicht die Wahrheit ist. Wer sich vorstellt, dass Flucht so funktioniert und sich so kanalisieren lässt, der dokumentiert nur, dass er in einer Traumwelt weilt. Oder einfach nur die Menschen verblöden will.

Europa will über diese Willkommenszentren keine Entspannung für die Menschen schaffen, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten. Es will Auslese betreiben. Noch an Ort und Stelle. Denn Schwarze, die Zäune stürmen, geben für Europa kein günstiges Bild ab. Die Ertrinkenden im Mittelmeer machen dieses Bild so düster wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch.

Die Anhänger dieser Zentren werben mit der menschlichen Tragödie. Sie sagen, dass nur der einen Asylantrag stellen kann, der die Grenzen illegal überwindet. Also sollte man das Verfahren ändern und Willkommenszentren einrichten, damit die Leute noch vor dem Betreten des europäischen Rasens einen Antrag einreichen können. Dieses Argument ist unglaubwürdig. Man wird noch vor Ort die Spreu vom Weizen trennen, um bürokratisch nicht überlastet zu sein und die Leute nicht ewig im »Speckgürtel« der Willkommenszentren behalten zu müssen.

Der ganze Zynismus unserer Zeit schlägt bei diesem Thema durch. Tut er ja in vielen Bereichen. Aber so direkt und mit so viel Chuzpe wohl nirgends. Willkommen sind diese Leute nicht mal dann, wenn sie auf dem Absatz stehen bleiben und  um Eintritt bitten. Es ist willkommen, dass sie auf dem Absatz kehrt machen. Und exakt das ist der Grund für solche Zentren. Sie sollen aussortieren, vielleicht mal einen oder zwei Flüchtlinge, die man irgendwie auf dem europäischen Arbeitsmarkt dringend benötigen könnte, durchwinken - und der Rest hatte seine Chance. Gute Rückreise noch und nehmen Sie sich am Ausgang doch noch Haribo für Ihre Kinder mit. Wir sind ja keine Unmenschen, nicht wahr.

Die existenzielle Not der Menschen, die sich irgendwo eine Welt suchen, in der sie existieren können und dafür alles zurücklassen, seien es nun die greisen Eltern, manchmal ihre Kinder, die Ehepartner, Heimat, Freunde, ihre kulturellen Wurzeln und was man eben so hat, wenn man wo lebte, kanalisiert man nicht, indem man den Leuten sagt, sie sollen ihr Herz ausschütten und dann wieder abreisen. Wer das als Lösung des Problems ansieht, der spottet dem Elend. Willkommenskultur ist das nicht. Es ist Abschottung.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 17. März 2015

»Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung. Wo die Überzeugung aufhört, daß die Menschen die Wahrheit durch ihr Denken erkennen können, beginnt der Skeptizismus. Diejenigen, die daran arbeiten, unsere Zeit in dieser Art skeptisch zu machen, tun dies in der Erwartung, daß die Menschen durch Verzicht auf selbsterkannte Wahrheit zur Annahme dessen, was ihnen autoritativ und durch Propaganda als Wahrheit aufgedrängt werden soll, gelangen werden.
Die Rechnung ist falsch. Wer der Flut des Skeptizismus die Schleusen öffnet, daß sie sich über das Land ergieße, darf nicht erwarten, sie nachher eindämmen zu können. Nur ein kleiner Teil derer, die sich entmutigen lassen, in eigenem Denken Wahrheit erreichen zu wollen, findet Ersatz dafür in übernommener Wahrheit. Die Masse selbst bleibt skeptisch. Sie verliert den Sinn für Wahrheit und das Bedürfnis nach ihr und findet sich darein, in Gedankenlosigkeit dahinzuleben und zwischen Meinungen hin- und hergetrieben zu werden.«
- Albert Schweitzer, Wie wir überleben können -

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Der Kanzler, der gekonnt, wenn er gewollt hätte

Montag, 16. März 2015

Steinbrück gab dem »Spiegel« kürzlich ein viel beachtetes Interview. Er gab zu, dass er und seine Partei Fehler im Wahlkampf 2013 gemacht hätten. Man hätte parteiintern ein falsches Bild vom Land gehabt und gemeint, die Sozialdemokratie könne als Erlöser auftreten. Themen hätte man zudem verfehlt. Es war auch viel unausgereifter Unsinn bei seinen Erklärungen dabei. Ein besonders großer Quatsch war die Sache, dass er keine Chance auf die Kanzlerschaft hatte.

Schon im Frühjahr 2013 sei die Sache gelaufen gewesen. Aus vielen Gründen. Er habe Fehler im Bezug auf seine Honorare gemacht, die er einstrich und über die er nicht wirklich sprechen wollte. Außerdem hätten die Deutschen ein Verlangen nach einer Sachwalterin des »Weiter so!« gehabt und sie in Frau Merkel gefunden. Es war ihm seither eigentlich klar, dass das Projekt gescheitert war. Später ist man ja klüger und kann so tun, als habe man es immer schon gewusst. Aber eine Randnotiz erwähnt der Mann mit keiner Silbe. Er hätte am Abend des 22. September 2013 faktisch Bundeskanzler sein können. Es hätte nicht mehr gebraucht als die Bereitschaft, sich mit den Linken an den Tisch zu setzen.

Klar, bereits an diesem Abend haben Sozialdemokraten die sich anbahnende rot-rot-grüne Mehrheit als Gerücht abgewimmelt. Dazu werde es niemals kommen. Kam es ja auch nicht. Aber der Mann sollte sich nicht hinstellen und so tun, als habe er keine Chance gehabt. Er hatte sie. Und nicht nur das. Er hatte eine realistische Aussicht darauf, seine Bundeskanzlerschaft zu erlangen. Ob das jetzt ein herber Verlust ist, dass er es letztlich nicht wurde, sei mal dahingestellt. Nur so eindeutig war die ganze Angelegenheit jedenfalls nicht. Und dass er in dem Interview kein Sterbenswörtchen darüber verliert, dokumentiert bloß, wie es mit dem kollektiven Gedächtnis bestellt ist.

Denn Leute wie Gysi, Wagenknecht oder Ernst haben zumindest Gesprächsbereitschaft signalisiert. Sie wollten den Mindestlohn ad hoc umsetzen. Einen, der bei zehn Euro in der Stunde liegen sollte. Ein Bekenntnis dazu und in dem Moment wäre Steinbrück faktisch Kanzler gewesen. Trotz seiner Geschichte vom Frühjahr 2013, wo schon alles verloren schien. Aber die Sozialdemokratie wollte nicht. Sie vereitelte den Mindestlohn zunächst und erarbeitete später einen, der ein sonderbares Gemisch aus Ausnahmeregelungen und Sonderfällen ist.

Steinbrück sagt dem »Spiegel« übrigens auch noch, dass eine kleine Unternehmerin im Wahlkampf auf ihn zuging und ihm sagte, dass der Mindestlohn zwar gut sei, aber sie habe weniger als den Mindestlohn als Selbstständige. Wo mache er sich denn für sie und ihre Interessen stark? Sein Fazit: Seine Partei habe die falschen Themen behandelt. Sie hätte mehr auf Unternehmer zugehen müssen. Dass aber ein gut dotierter Mindestlohn auch den Selbstständigen geholfen hätte, weil deren Kundschaft plötzlich etwas besser bei Kasse gewesen wäre, blendet der Mann, der Volkswirt ist und von sich behauptet, ökonomisches Verständnis zu haben, einfach mal wieder aus.

So gesehen, vielleicht ganz gut, dass er der Kanzler ist, der nicht gewollt hat. Andererseits, was haben wir stattdessen? Man kann es drehen und wenden wie man will, irgendwie alles schrecklich desillusionierend.

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§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

Freitag, 13. März 2015

Ich klemmte mich mal wieder ans Telefon. Eine Stellenanzeige versprach mir ein gutes Auskommen. Ich war skeptisch, aber so wie die Dinge lagen, musste etwas geschehen. Und dass die Anzeige nicht gleich mit einem Spitzenlohn aufwartete, beruhigte mich ein wenig. Ihre Bescheidenheit gefiel mir. Mehr ist in solchen Dingen oft weniger. Dass keine Vorkenntnisse nötig waren, machte die Sache rund. Aber Strohhalm bleibt nun mal Strohhalm. Man klammert sich daran, aber er knickt letztlich weg wie ein Nasenhaar bei der Morgenrasur.

»Gärtner«, meldete sich eine Frauenstimme.
   »Ich rufe wegen Ihrer Annonce an. Da steht drin, dass Sie jemanden suchen für Telefondienste im Bezug auf Eigenheime. Was genau bedeutet das denn?«
   »Wir machen mal einen Termin aus und dann präsentiere ich Ihnen das.«
   Die Frau hatte ihr Büro irgendwo an der A6, weit weg von hier.
   »Entschuldigung, aber ich kann nicht mal einfach so vorbeikommen.«
   Sie hüstelte.
   »Die Präsentation geht telefonisch. Sie müssen dazu aber ihren Rechner anschalten. Ich notiere mir jetzt Ihre Telefonnummer und Ihre e-Mail-Adresse und schicke Ihnen einen Link. Den klicken Sie an, wenn wir telefonieren. Es werden sich Schaubilder öffnen und ich erkläre Ihnen was dazu.«
   Sachen gabs. Ich war damit einverstanden und sagte zu, am Freitag meinen Hörer abzuheben, sollte das dazugehörige Telefon gegen Eins klingeln.

Und dann war Freitag und es wurde Eins und der Apparat schrillte.
   Ich hob ab und die Stimme der Frau begrüßte mich freudig und hieß mich gleich die Links zu öffnen. Sie verschenkte keine Sekunde und legte sofort los, stellte sich nochmal vor und sagte einige vage Sätze zum Aufgabenfeld, das man bald abdecken sollte. Konkret wurde sie nicht. Jedenfalls verstand ich nicht so richtig, um was es eigentlich gehen sollte. Um Wohneigentum. Das hatte ich verstanden. Ihr Text war auf jeden Fall einstudiert, vielleicht las sie ihn auch ab oder sie hatte ein Tonband eingeschaltet.
   »Fast 60 Prozent der Menschen in Deutschland leben in Miete. Die Wohneigentumsquote ist bei uns sehr gering im Vergleich zum Ausland.«
   Ich schwieg andächtig. Das passte zur Liturgie einer Telefonkonferenz, fand ich.
   Sie rechnete einige Beispiele durch. Wenn man zwanzig Jahre Miete bezahlt zum Beispiel, dann kämen so und so viele Euro zusammen, die man ja auch hätte in den Erwerb von Wohneigentum hätte stecken können. Mir fiel auf, dass sie die Nebenkosten in das Exempel einbaute und verschwieg, dass auch bei einer Eigentumswohnung oder einem Haus Nebenkosten entstehen.
   »... und nun ist es doch so, dass wir alle irgendwann mal das Ziel vor Augen haben, aus der Miete auszubrechen, um ein eigenes Objekt zu erwerben, nicht wahr ...«
   »Ist das so?«, unterbrach ich sie.
   »Na, etwa nicht?«
   »Ich finde, dass auch die Miete Vorteile haben kann.«
   »So? Da sind Sie aber der einzige Mensch auf Erden, der das so sieht.«
   »Kann sein, aber das ändert ja nichts am Argument, oder?«
   Sie schwieg einen Augenblick.
   »Es ist doch so, dass ich als Mieter Risiken abwende, die ein Besitzer hat. Wenn heute mal eine Wand zerbröselt, sage ich es dem Vermieter und bin aus dem Schneider. Das muss man schon auch mal sehen.«
   »Das ist eine eigenartige Sicht auf die Dinge.«
   »Alles hat Vor- und Nachteile. Was ist daran eigenartig?«
   Sie hüstelte leise und atmete schwer weiter.
   »Ich bin nicht der Typ für so viel Eigenverantwortung, wissen Sie. Am Ende liegt der Hausbesitzer wie der Mieter auch in einem unterirdischen Einzimmerobjekt, wenn Sie verstehen, worauf ich hinauswill.«
   »Mein lieber Herr, wollen wir weitermachen oder lassen wir es gleich bleiben. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie nicht die richtige Person für die Stelle sind.«
   »Erzählen Sie bitte weiter. Jetzt habe ich mir extra den Nachmittag freigehalten.«

Das tat sie dann auch. Sie stellte noch manche krumme Rechnung auf, wandte Suggestion an und versuchte sich in Küchentischpsychologie. Was aber genau die Aufgabe gewesen wäre, die ich in dem Spiel übernehmen sollte, begriff ich bis zum Ende nicht. Vielleicht war ich auch einfach nur zu blöd dazu. Ganz koscher schien mir die Show auf alle Fälle nicht gewesen zu sein. Zwei- oder dreimal lachte ich dann noch dezent auf und die Gärtner bat um Konzentration. Ausdauer hatte sie. Und ich Zigaretten. Ihre Verbissenheit musste man ihr lassen. Sie zog es durch, obgleich ich kein Kandidat für sie war. Die nahm ihren Job echt ernst. Als sie mit ihren Ausführungen schloss, legte ich ohne ein Wort zu vergeuden auf und wälzte wieder mal die Stellenanzeigen. Auch andere Arbeit konnte man mir schließlich zumuten.

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