Hysterisches Klima

Samstag, 24. April 2010

Als Mann alleine am Rande eines Spielplatzes zu sitzen, mag heute zuweilen schon ein gefährliches Unterfangen sein. Blitzartig beginnen die anwesenden Mütter oder Paare, die mit ihren Kindern zugegen sind, mit einer optischen Abtastung der sexuellen Befindlichkeit, schwenken von der Unschuldsvermutung ab und verdächtigen vorab. Lächelt man dann einem drolligen Kind zu, scherzt mit ihm, scheint der Verdacht halbwegs beglaubigt. Niemand würde nun die Polizei rufen, wahrscheinlich nicht mal ein Wort verlieren - aber der Spielplatz würde freigegeben, würde geräumt, um den Perversling in spe mit seinen Absichten alleine zurückzulassen. Einer vereinzelten Frau würde so etwas nie widerfahren: das ist eine ganz besondere Note von Gleichberechtigung.

Natürlich ist dem sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Aber nicht erst diese gebündelte Flut an bekanntgewordenen Fällen der letzten Monate, schürt eine Überspanntheit, die beinahe krankhafte Formen annimmt. Schon vormals bahnten sich voreilige Schlüsse und Misstrauen ihren Weg. Nun wird am Runden Tisch gegen Missbrauch so manches diskutiert, Sinnvolles auch, Notwendiges natürlich - doch bestimmte Punkte spiegeln die verstiegene Überreiztheit wider, mit der diese Gesellschaft reagiert. Überschüttet von endlosen Missbrauchsmeldungen und Horrorberichten, scheint eine weniger emotionalisierte Debatte gar nicht mehr möglich. Und langsam schleicht sich eine Prüderie in das Alltagsleben, die eigentlich seit den Fünfzigerjahren ausgetrieben schien.

So moniert man beispielsweise das gemeinschaftliche Duschen von Jugendtrainern mit ihrer Mannschaft. Was hier als dreister Voyeurismus seitens der Übungsleiter dargestellt wird, dürfte in jeder jugendlichen Fußballmannschaft vorkommen - man duscht zusammen, reinigt sich von Schweiß und Dreck, so wie man vorher zusammen im Sport vereint war. Man frönt jedoch keinerlei sexuellen Absichten. Was hier praktiziert wird, ist ein zwangloser Umgang mit Nacktheit, wie er unter Fußballern generell üblich ist. In einer Mannschaft sind alle gleich, sollten alle gleich sein - daher haben auch alle dasselbe unter der Gürtellinie und niemand muß sich irgendeiner Andersartigkeit schämen. Es können natürlich auch hier in der Vergangenheit Fälle von Missbrauch und Belästigung aufgetreten sein: aber generell die bloße Nacktheit anzufeinden, zeugt von blanker, rigoroser Hysterie, die keinen Anspruch auf Unterscheidung von Sachverhalten mehr kennt. Setzt man sich mit einer solch schamhaften Verklemmtheit an den Tisch, kriminalisiert man Praktiken, Normalitäten des Alltags, die überdies einem gesunden Selbstbewusstsein förderlich wären. Alternativ kriminalisiert man womöglich auch noch Eltern, die auch vor ihren Kindern keine Scham kennen und ihre Nacktheit ganz unkompliziert ausleben; und Eltern, die mit ihren Kindern den FKK-Strand besuchen, müssen sich davor fürchten, als sexuell perverse Erziehungsberechtigte eingestuft zu werden, denen man womöglich das Sorgerecht entziehen sollte.

Wer künftig mit Kindern zu tun hat, soll besser geprüft werden, heißt es im Vorfeld des Tribunals am Runden Tisch. Jeder Kindergärtner, jeder Pfleger, jeder Lehrer steht a priori unter Verdacht - Männer eher noch als Frauen, darf man annehmen. Die politische Trias der Bekämpfung besteht auch nur aus Frauen, Männer finden leider nicht dazu. Sie sind in der Mehrzahl Täter - möglich, dass man daher keinen Mann als einen der Wortführer an seiner Seite haben will. Die Unschuldsvermutung wackelt. Selbstverpflichtungserklärungen, spezielle Führungszeugnisse und ausgetüftelte Bewerbungsfragen sollen potenzielle Pädophile abschrecken oder gar überführen. Aber pädophil ist vorab nicht nur der Pädophile - pädophil sind zunächst alle, bis das Gegenteil vermutet werden darf. Und vermutet wird nur, wenn der Verdächtigte seine Bringschuld erfüllt und Beweise seiner Unschuld vorlegt. Beweislastumkehr als neues Prinzip eines hysterischen Rechtsverständnisses! Man muß befürchten, dass in Zukunft ganze Berufsgruppen kriminalisiert und vorverdächtigt werden. Wehe dem, der seine Gläubigkeit an den Kanon erlaubter sexueller Neigungen nicht beweisen kann. Und wehe den Schwulen! Denn in Zeiten, in denen plötzlich wieder fast mccarthyistisch sexuelle Gepflogenheiten geprüft werden, sind sie stets beliebtes Opfer.

Was sich seit Jahren schon zeigt, schlägt jetzt in der Stunde der unzähligen Missbrauchsfälle, jetzt am Runden Tisch, gnadenlos durch. Es ist Hysterie, die latent immer schon herrschte, die nun aber auch in der öffentlichen Debatte walten darf. Wenn aus gemeinsamen Duschen eine Form sexuellen Missbrauchs, jedenfalls eine Vorstufe dorthin wird, hat die Debatte ihr eigentliches Ziel verfehlt und rennt gegen Windmühlen an. Stellte sich heute ein Vater vor diesen Runden Tisch und erklärte, er dusche oft mit seinen Kindern gemeinsam, weil in seiner Familie ein offener Umgang mit Nacktheit gepflogen wird: man wüsste nicht, wieviele Entrüstet aufschreien würden, um ihn einen Perversling zu nennen.

Und noch etwas zeigt die aufgestachelte, diese hysterische Debatte: die Gleichheit der Geschlechter ist antastbar. Der sexuelle Straftäter ist meist männlich - und alle Männer, die sich Kindern nähern, sind deshalb suspekt. Hier greift sie noch, die Rollenverteilung von der kinderliebenden Mutter und dem gewaltfreudigen Vater. Eine Rollenverteilung, die kaum angefeindet wird - sie kennt keine Streiterinnen für Gleichheit. Diese Ungleichheit ist akzeptabel und die Maßnahmen gegen den Missbrauch, die nun ergriffen werden sollen, werden vorallem Maßnahmen gegen Männer sein. Misandrie vorprogrammiert! Und wehe solchen Männern, die sich emanzipieren wollen, die sich in einem möglichen zukünftigen Szenario wie verdächtigte Sexualverbrecher vorkommen und dagegen aufbegehren: ihr Aufschrei wird als Unterstützung von Perversen abgekanzelt, als unverantwortlicher Gerechtigkeitsfimmel zulasten der Kinder.

18 Kommentare:

Lutz Hausstein 24. April 2010 um 09:32  

Es sind in der Regel nicht diejenigen, welche unverkrampft mit ihrer Körperlichkeit umgehen, die gemeinsam duschen, die FKK-Urlaube bevorzugen, die zu Missbrauchstätern werden (oder schon sind), sondern diejenigen, welche scheinbar verschämt beim Duschen die Badehose anziehen, die Hand vor ihre Augen halten (mit leicht gespreizten Fingern), wenn sie Nacktheit sehen oder entrüstet aufschreien, wenn eine nackte Brust in Fernsehen auftaucht. Ihre Verschämtheit hindert sie nicht, sich unverschämt an den Opfern ihres Missbrauchs zu "bedienen", im Gegenteil.

Es ist die Verlogenheit dieser Menschen, sich nach außen die Maske des fast schon Keuschen überzustülpen, um umso unverdächtiger ihre geheimen Wünsche ausleben zu können. Deshalb ist es so schwierig, anhand solcher simplizierenden "Fakten" eine "Gefährdungslage" erkennen zu wollen. Doch für ein bisschen Aktionismus der jetzt tätig Werdenden langt dies allemal.

Anonym 24. April 2010 um 10:02  

@Roberto J. de Lapuente

"[...]Beweislastumkehr als neues Prinzip eines hysterischen Rechtsverständnisses![...]"

Wo fing das an? Ich vermute einmal Hartz IV war der Dammbruch der neuen Kultur der "Bevormundung" (Zitat: Buchautorin Gabriele Gillen - bekannt vom "Schwarzbuch Deutschland") in Deutschland - Dort wurde erstmalig, dank McKinsey die Beweislastumkehr praktiziert, die sich wohl so praktiziert hat, dass nun der Grundsatz der Unschuldsvermutung auch für andere Lebensbereiche völlig durchwässert ist.

Übrigens, was "kriminell" zu gelten hat, dass bestimmen ja sowieso die jeweilig Herrschenden -nicht allein bei der Thematik "Mißbrauch" in Deutschland, um einmal abzuschweifen.

"Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses" von Michel Foucalt war da ein guter Hinweisgeber - Etwas, dass in früheren Zeiten völlig normal war, dass gilt heute eben als kriminell, und etwas was heute als normal gilt kann schon morgen....

@Lutz Hausstein

Ich kann Dir da nicht ganz recht geben - In unserem Ort ist ein FKK-Campingplatz, und die Camper dort sind alles andere nur nicht unverkrampft und unprüde. Übrigens, FKK ist für mich persönlich nicht ganz koscher, da die aus der Körperkultbewegung, einer Sekte, hervorging, die im 19. Jahrhundert ein zurück zur Natur predigte.

Manche FKKler (nicht alle) hören sich übrigens auch heute an als wäre ihre Freizeitbeschäftigung immer noch eine Sekte - ich persönlich lehne übrigens jede Art von Fanatismus ab - und da gehört eben auch der Körperkult-Fanatismus mancher FKKler mit dazu, die sich allgemein als heilige Nackte sehen, aber andere verteufeln wollen. Die Verallgemeinerung, die du hier betreibst lehne ich daher ab, denn nicht alle, die keine FKKler sind sind so - ebensowenig wie alle FKKler siehe oben Sektenfuzzys sind.

Google mal ein bißchen über die Anfänge des FKKtums - es ist wirklich interessant was da für Überraschungen auf einem warten - bzgl. der FKK-Ideologie.

Eins noch, wären die FKKler hier wirklich unprüde, und unverkrampft, dann hätte der FKK-Campingplatz keinen undursichtigen Zaun, und die FKKler würden nicht bei Begegnung mit Nicht-FKKlern die Hände vor ihre Schamteile halten - mal ganz zynisch ausgedrückt - Es ist eine Heuchelei, auch beim FKK, die genau zu dem paßt was du über andere Menschen schreibst: Auf dem FKK-Gelände den Körperkult praktizieren, und über andere schimpfen, aber selbst nicht besser sein als diese.

Ich würde mich nicht wundern, wenn es auf dem FKK-Gelände mehr Pädophile gibt als anderswo, aber ich will nicht verallgemeinern, es kann auch anders herum sein....

Meine Ansicht dazu....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

klaus baum 24. April 2010 um 10:59  

lieber roberto,
die hysterie kenne ich schon seit langem. und zwar aus der perspektive des streetfotografen. in den sechziger jahren war es möglich, unbekümmert kinder auf spielplätzen zu fotografieren.
ich kann den zeitpunkt nicht mehr genau angeben, aber irgendwann fing es an, dass man sich als fotograf wie ein sittenstrolch zu fühlen begann - und es war vorbei mit der dem fotografieren von fremden, unbekannten kindern.
ähnlich verhielt es sich mit dem fotografieren von demos. 1968 in kassel: kein problem. 1980 in hamburg bei einer demo von studenten: man wurde als spitzel der polizei oder des verfassungsschutzes verdächtigt.
die veränderung des klimas ist in fast allen bereichen der gesellschaft zu beobachten. es gibt nicht nur die müllerschen meinungsmacher, es gibt ebenso die stimmungsmacher.

ein foto aus den sechzigern:

http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/552621/display/9023537

Anonym 24. April 2010 um 11:05  

Ich habe als 18jährige Schülerin in den Sommerferien in einem nahen Kindergarten gejobt. Ich mag Kinder, verstand mich sehr gut mit meinen Schützlingen und das führte dazu, dass sich diese Kinder auf meinen Schoß setzten, mich umarmten und mich drückten, mir Bilder malten etc. Eines hat sogar oft geweint, wenn die Mutter es abholte.

Schon damals habe ich für mich den Vergleich gezogen, wie das denn aufgenommen worden wäre, wenn es sich bei mir um einen jungen Mann gehandelt hätte. Ich hätte die Kinder wohl zurückweisen müssen, um mich nicht eines Verdachts auszusetzen. Als junge Frau hingegen, wurde ich von den Müttern und Erzieherinnen ob meines guten Händchens mit den Kindern gepriesen.

Ich sehe diese ungerechte Behandlung von Männern genau wie Du, Roberto und vergleiche das in Gesprächen auch mit der Zeit der Hexenverfolgung (McCarthy passt da ja auch ganz gut).

Ich gestehe, dass ich inzwischen immer mehr und mehr hinterfrage und mir deshalb überlege, wem diese Hysterie eigentlich nützt. Einerseits kann man der Katholischen Kirche wunderbar ans Bein pinkeln, die ja immer noch dem hedonistischen Zeitgeist entgegensteht. Und außerdem kann man Lehrer und Erzieher in Internaten, Väter, Onkel usw. disziplinieren und dafür sorgen, dass die Kinder zumindest von dieser Seite nicht mehr "verzärtelt" werden. Immerhin muss der neoliberale Marktradikale doch hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und schnell wie ein Windhund sein, oder? Da schadet es doch gar nichts, wenn ein weinender, von Heimweh geplagter 10jähriger Internatsbewohner nicht mehr getröstet wird von seinem Erzieher, denn was ihn nicht umbringt, macht ihn härter, oder? Und aus einem Kind wird dann der gewünschte mitleidlose erwachsene Egoist, dem die Gefühle und das Leid seiner Mitmenschen egal ist.

Ein weiterer Nutzen besteht darin, dass man mit diesem Thema wunderbar polarisieren und aufregen und im Hintergrund nahezu ungestört beispielweise Hartz-Gesetze verschärfen kann.

Ich finde es ziemlich offensichtlich, was hier abläuft und kann nicht nachvollziehen, wie man als Normalbürger einfach weiter die Augen verschließen kann vor dem, was da auf uns zukommt.

Der Faschismus kommt mal wieder daher, diesmal in smarter, jugendlicher Gestalt ohne komisches Bärtchen oder Hinkebein, kein lächerlich kleines Männchen mit großem Ego und lauter Stimme, vielleicht im Maßanzug und gebräunter Haut, weltgewandt und vielleicht auch mal offen schwul, heuchelnd bei Holocaust-Gedenkfeiern, Heldentum proklamierend auf Begräbnissen von Soldaten und trotzdem genauso grausam und moralisch verkommen wie ehedem. Gnade uns allen Gott!

Geheimrätin 24. April 2010 um 13:49  

Hm...der Grund warum so viele Opfer sexueller Gewalt erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen ist doch eben der, dass ihnen früher niemand zugehört, geschweige denn geglaubt hatte. So waren sie all die Jahre mit ihrer Traumatisierung allein gelassen und nicht wenige haben das Erlebte dann eben komplett verdrängt und abgespalten. Diese Abspaltung bricht jetzt auf uns herein. Wenn nun aus der Verdrängung und Ignoranz Hysterie wird, dann liegt das doch nicht daran, dass die Opfer an die Öffentlichkeit gehen. (was Politik u. Medien nun draus stricken ist natürlich wieder eine andere Sache, die man vielleicht noch differenzierter herausstellen müsste..)es will doch hier sicher auch keiner die Opfer nochmals stigmatisieren, nur weil sie ihr Elend jetzt, teilweise nach Jahrzehnten öffentlich machen. Hier ein Beispiel: ein ehemaliges Opfer sexueller Übergriffe hielt vor der kath. Klosterkirche Birnau eine Mahnwache u. wurde des Platzes verwiesen.

(...)Der 53-jährige Demonstrant wurde als Ministrant in den 60er Jahren von Pater G., der dies schriftlich einräumt, in der Birnau mehrfach sexuell missbraucht. Dem 53-Jährigen wurden die Übergriffe, die sein Leben schwer belasteten, erst vor vier Jahren im Rahmen einer Therapie bewusst. Hätte er damals demonstriert, so die Überzeugung des 53-Jährigen, hätte ihm niemand Gehör geschenkt. In der aktuellen Debatte fasste er den Mut, Pater G. direkt und mit öffentlichem Druck zum Rückzug von seinen Ämtern zu drängen, was im März dieses Jahres auch geschah.

Mittlerweile hat der 53-Jährige herausgefunden, dass Pater G. nicht nur in den 60er Jahren in der Birnau tätig war, sondern ein zweites Mal, zwischen 1987 und 1992. Fachleute sind der Meinung, dass Pädophilie nicht heilbar ist. Und so fragt sich nicht nur der 53-Jährige, ob es 87 bis 92 erneut zu sexuellen Übergriffen kam. Die Staatsanwaltschaft Konstanz hegt zumindest einen „Anfangsverdacht“ und ermittelt. (...)

Andreas Fröhlich, ein Mitarbeiter der Birnau, verwies den 53-Jährigen nach rund einer Stunde des Platzes, das Transparent solle, wenn, dann auf öffentlichem Raum außerhalb des Kirchplatzes gezeigt werden. Gegenüber dem SÜDKURIER sagte Fröhlich, der nicht als Sprecher des Priors von Birnau auftrat, sondern seine persönliche Meinung äußern wollte: „Diese Ereignisse schmerzen jeden Christen. Im Sinne der Botschaft der Liebe von Jesus Christus geht man aber anders mit solchen Dingen um als mit einer Aktion, die einfach nur Ärger hervorruft, vor allem Ärger bei unserem Herrn Jesus Christus. Es gibt gewisse Dinge, die man nicht so an den Haaren an die Öffentlichkeit reißt, sondern die man dort regeln sollte, wo man sie regeln kann. Unter Christen ist das möglich.“


Noch bigotter kann man sich wohl kaum outen.

Was ich sagen will, wir sollten hier schon aufpassen, dass wir nun nicht das Öffentlich machen der Verbrechen für das vergiftete, hysterische Klima verantwortlich machen, sondern vielmehr die jahrzehntelange Vertuschung und Verleugnung, die Ignoranz und Entfremdung der Menschen untereinander und sich selbst gegenüber.

Anonym 24. April 2010 um 17:42  

@ Roberto de Lapuente

Danke für den Artikel. Eine der vielen Fazetten der allgemeinen Rückwärtsentwicklung auf den Punkt gebracht.

@ Nachdenkseitenleser

Sekte? Stimmt so nicht ganz. Es gab viele Wurzeln, u.a. auch in der Arbeiterbewegung. Und im Osten entstand etwas, wo die Betonung durchaus auf dem letzten K wie Kultur lag. Es ging nach der Wende z.T. verloren. Im übrigen: Wer nicht will, der muß nicht.

Anonym 24. April 2010 um 19:09  

"[...]Sekte? Stimmt so nicht ganz. [...]"

Würde ich jetzt nicht so stehen lassen, ohne zu googlen.

Guckst du z.B. da:

http://franken-buecher.de/koerperkult-geschichte-seiner-wurzeln-esoterik-buch-3320.html

...oder hier:

http://www.fkk-freun.de/viewtopic.php?t=3345&sid=57aadffed02161fc4397dcaf14516af0

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

lebowski 24. April 2010 um 20:51  

Einmal in Verdacht geraten, gibt es keine Möglichkeit mehr, diesen loszuwerden.Verhält man sich auffällig, ist der Verdacht bestätigt, verhält man sich unauffällig, wird das Verhalten als Tarnung angesehen.

"Schuldig bei Verdacht", so hieß ein Film über die McCarthy-Ära und das kommt der Sache ziemlich nahe.

Siegfried 24. April 2010 um 21:28  

Hmmhmm, hat Was. Irgendwie witzig, dass gerade von Denen, die mit aller Gewalt die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter abschaffen wollen, genau diese zementiert und auf die Spitze getrieben wird. Der Mann ist also qua Geschlecht ein pädophiles geiles Monster. Dann frage ich mich, was für verantwortungslose, ja geradezu gemeingefährliche Frauen fordern können, dass sich die Väter mehr in der Kindererziehung einbringen. Wenn ich also diese beiden Aussagen zusammen bringe, hieße das, dass die Frauen _wollen_, dass sich die geilen pädophilen männlichen Monster mit ihren Kindern beschäftigen. Wie krank ist das denn?

G. G. 24. April 2010 um 21:55  

Sehr geehrter Herr Lapuente,

eigentlich geht es um etwas ganz anderes. Doch das wird in den offiziellen Medien mal wieder bestens vertuscht. Zur Aufklärung verweise ich auf die Anklagepunkte eines ehemaligen Heimkindes:

KINDESMISSHANDLUNG UND SKLAVENARBEIT

Als Jugendlicher war ich von und bei dem deutschen Jugendamt / der Jugendfürsorge und von und bei der deutschen evangelischen / lutherischen Kirche der folgenden Behandlung / Misshandlung ausgesetzt (zuerst im Burschenheim Beiserhaus in Rengshausen und dann, noch viel mehr, in Anstalt Freistatt im Wietingsmoor):-

(1) Freiheitsberaubung; andauernder Freiheitsentzug

(2) Anstatt Elternliebe - Kindersklavenarbeit

(3) Zwangsschwerarbeit auf höchster Geschwindigkeit / Beschleunigung und Dauerweise

(4) Enthaltung aller normalerweise bezahlbaren Löhne

(5) Einkommensberaubung und Sparunmöglichkeit

(6) Körperliche Misshandlung und Einschüchterung;
Schläge und Fußtritte

(7) Beraubung der Menschenrechte, der Menschenwürde und Zwangseinstellung allen Privatlebens

(8) Psychologische Misshandlung, die dann zur andauernden psychischen und psychologischen Verletzung führte

(9) Seelische Zerstörung durch andauernde Entmutigung und Bedrückung mit dem Resultat der andauernden und wiederholten Niedergeschlagenheit

(10) Pinkeln und Scheißen nur auf Befehl und nur zu gegebenen Zeiten und oftmals nicht einmal in einem Privatbereich

(11) Totaler Wasserentzug während der Arbeitsstunden um den Durst zu löschen beim Arbeiten im Moor in Sommerhitze und auch im härtesten Winter (weil im Moor kein trinkbares Wasser vorhanden war)

(12) Religionszwang und gezwungener Kirchenbesuch

(13) Zwangseinstellung meines Verhältnisses mit meinen Geschwistern; auf verschiedene Stellen verstreut

(14) Zwangseinstellung meines Verhältnisses mit meinen Eltern; aus dem Elternhaus herausgerissen

(15) Briefzensierung eingehender und ausgehender Post zwischen Geschwistern, Sohn und Eltern, Großeltern und anderen Verwandten / Freunden

(16) Zwangseinstellung meiner Maurerlehre mit einem Architekt / Bauunternehmen in West-Berlin

(17) Zwangseinstellung meiner Berufsschulung in West-Berlin

(18) Zwangseinstellung meiner geplanten Universitätsausbildung und Karriere als Architekt

Die oben erwähnten Misshandlungen und fürchterlichen Erlebnisse in meiner Jugendzeit hatten zum Resultat die totale Vernichtung meines Lebens und wiederholtem und andauerndem Leidens

Wer wird die Täter die meine und Anderer Leiden verursacht haben zur Verantwortung ziehen für ihre Misstaten? ihre Fahrlässigkeit / Pflichtvergessen? Wann?


Quelle: http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Anklagepunkte_gegen_Bethel.html

Im Jahr 2006 hat der Spiegel einen interessanten Bericht veröffentlicht:
Heimkinder-Schicksale - Wie gepruegelte Hunde

Die Heimkinder greifen die Erzieherinnen genauso wie die Erzieher an! Schauen sie mal auf deren Seite nach. Bei der Demo hatten die eine große Prügel-Nonne (Puppe) dabei!

Ich halte es für sehr wichtig, das wir die Forderungen der Heimkinder kennen und schauen, was das Establishment daraus macht!

Ehrlich gesagt, finde ich die Verdrehereien durch die Massenmedien, den Mainstream, ... total zum Kotzen.

Anonym 24. April 2010 um 22:33  

Stellen Sie mal als Opfer Strafanzeige gegen Bekannt, Sie bekommen nicht die geringste Chance einer rechtsstaatlichen Rehabilitation, jedenfalls war es in der Vergangenheit so. Im Gegenteil. Ihr Fall wird wegen Verjährung einfach fallen gelassen. Ich kann somit leider nicht gegen die Exekutive wegen Vertuschung vorgehen. Wem ist das eigentlich mit der Verjährung eingefallen? Hatten die schon damals Hintergedanken? Sexueller Missbrauch ist ein seelischer Mord. Hier hätte es niemals eine Verjährung geben dürfen. Sie werden ein Schweigender, der nicht mehr sprechen kann. Sie haben ewiges Misstrauen, denn dieses hat man Ihnen schon frühzeitig „gelehrt“. Sie sind seit Kindesbeinen mehr mit Ihrem Trauma beschäftigt, wie wenn Sie leben. Freiheit, was ist das? Sie müssen diese seelischen Messerstiche tagein, tagaus ertragen. Sie haben Flashbacks. Sie riechen, schmecken, fühlen wie vor Jahrzehnten. Sie können sich mit -Was weiß ich nicht - betäuben. Keine Chance: Sie müssen sich mit Ihrer – von außen- zugefügten Krankheit arrangieren. Sie sagen sich: „ Sie sind eine Persönlichkeit von hohem Wert“.

Yurun 25. April 2010 um 16:06  

Also für mich ist das alles eigentlich Zeit meines Lebens ganz normal, ob das nun daran liegt das ich Mitte 20 bin kann ich allerdings nicht sagen.

Welchen Namen hat der fremde Mann, der dir Schokolade andrehen will? Kinderschnapper (kindertaugliche Version von "Kinderschänder"). Bei wem muss man sich vor sexuellen Übergriffen und Eigenmächtigkeiten besonders in Acht nehmen? Männern.

Dazu sind in den Zeitungen seit Jahrzehnten ja auch immer wieder Geschichten über verschwundene Kinder zu lesen, nach denen dann Hundertschaften der Polizei im Gebüsch fahnden. Die Täter sind am Ende alles Männer, nicht Frauen. Die Opfer sind meist Mädchen, wobei man uns als Jungen aber die gleichen Geschichten erzählt hat, durchaus übrigens halb im Scherz als eine Art modernes Märchen.

Das einzige was sich da vielleicht ändert, ist dass die Aufmerksamkeit weg vom öffentlichen Raum eher hin zu den Institutionen der Kinderbetreuung schwenkt. Da sucht der Pädophile aka Kinderschänder dann eben nicht mehr mit dem Auto nach Opfern (soweit der Mythos), sondern ist auf einmal Lehrer oder Priester. Das wird zunehmend Auswirkungen auf Schulen und Kindergärten haben, weniger aber auf Spielplätze und Schulwege.

Letztlich ist dagegen innerhalb der oft herrschenden Psychologie kein wirkliches Kraut gewachsen, denn viel Vertrauen bedeutet fast automatisch wegsehen, wenig Vertrauen hingegen Generalverdacht. Solange bis man in die Insitutionen der Kinderbetreuung in diesen Fragen wirklich vertrauen kann, ohne tatsächlichen Pädophilen einen Gefallen zu tun, solange wird man sich als Mann wohl auch zweimal überlegen müssen, ob man dort arbeitet bzw. wie man dort arbeitet (anfassen beim Sportunterricht ist beispielsweise schon lange unüblich).

Die Alternative wäre eine halbwegs gesunde Gesellschaft in der jemand, der sich an einem Kind vergreift, egal ob in Schule, Kirche oder Großfamilie, eine Woche später Besuch von der Polizei bekommt. Besser noch wo man solche Dinge erkennt und generell Leute mit psychischen Defekten nicht in Positionen hieft, wo sie damit Anderen schaden können. Bis dahin leiten solche Leute aber auch gerne mal Unternehmen, machen Politik oder schreiben Zeitungen, es ist ja nicht so als ob die Gesellschaft allein an Pädophilen krankt. Übrigens sind das andernorts auch meistens Männer. Wen wundert es da wenn Männer manchen am Ende als das Geschlecht des Teufels erscheinen?

Anonym 25. April 2010 um 21:21  

Bei der ganzen Debatte wird eines gerne vergessen / verdrängt:

Täter sind allzuoft auch Opfer. Ob Gewalt in der Erziehung oder sexueller Mißbrauch. Traumatische Erfahrungen werden so mit sich herumgeschleppt und stets aufs neue erlebt.
Das dies nicht so sein muss, daß zeigen viele Menschen, die trotz Trauma nicht zu Tätern werden. Welche Vorraussetzungen und welchen subjektiven Horror wer erlebt hat, wer will sich darüber ein Urteil anmaßen?

Es wird so oft davon ausgegangen, daß die Täter von Boshaftigkeit durchtriebene Wahnsinnige seien, Täter, die nur darauf lauerten ihren Gelüsten nachzugehen.
Sicher, davon mag es welche geben, aber es gibt sicherlich auch genug, die einfach nur selbst zuviel gelitten haben und nicht mehr fähig sind mehr zu ertragen, und ihre Traumen weitergeben.

Es sollte nicht vergessen werden, wann diese Menschen unter welchen Bedingungen aufwuchsen.
Hinzu kommt, daß insbesondere die Schilderung über den Heimmißbrauch nicht nur zu Lasten der Kirche ging, sondern eine gesellschaftliche Schuld gewesen ist. Es war überall, so wie heute, nicht anders. Man sprach nur nicht von Hartz4 Blagen, die keine Chance hätten wegen ihrer asozialen Eltern, sondern von Verwahrlosung. Diese Anklagen stammten von allen, die in jenen Tagen Verantwortung trugen und es haben auch alle mehr oder weniger gewußt, hätten aber wissen können! was dort passiert.

Der Staat hat sich irgendwann bemüht diese Geschichte zu ändern, hat seine Schuld angenommen und neue Gesetze nach neuer Erkenntniss erlassen. Das Rad hat sich weiter gedreht und dieselben Verbrechen kommen nun in einem neuen Gewand daher, es ändert sich nichts wie eh und je.
Aber immerhin verstehen sollte man und aufhören Täter alleine als das Böse schlechthin zu bezichtigen.


Täter sind zu oft Täter weil sie Menschen sind, die unter ihren Mißhandlungen selbst traumatisiert sind. Vergesst das bei der Lynchjustiz nicht. Wer an dieser "Inquisition" teilnimmt, der lädt selbst Schuld auf sich.


Die Kirche ist ein abstoßender Sündenpfuhl. Aber damit ist sie auch nur ein Ausschnitt der Gesellschaft, der sie entstammt.

Geheimrätin 25. April 2010 um 23:18  

Täter sind zu oft Täter weil sie Menschen sind, die unter ihren Mißhandlungen selbst traumatisiert sind. Vergesst das bei der Lynchjustiz nicht. Wer an dieser "Inquisition" teilnimmt, der lädt selbst Schuld auf sich.

Ist es etwa Lynchjustiz, wenn Opfer an die Öffentlichkeit gehen, und dafür Sorge tragen, dass ihre Peiniger endlich ihres "Dienstes" enthoben werden, um eben nicht weitere Opfer aus denen später wiederum Täter werden könnten, zu traumatisieren?

Anonym 26. April 2010 um 10:55  

Nein, ich bezog mich ausschließlich auf den Grundtenor der Anklage, die auch der Artikel ansprach.

Solcherart Mißverständnisse alleine unterstreichen das Risiko dieser Diskussion.

Ein Hinweis zur Berücksichtigung wichtiger Zusammenhänge, Hinweise auf Menschlichkeit und Mitgefühl selbst mit Tätern, werben für Verstehen und definitiv nicht für Entschuldigung oder Rechtfertigung.

Das wird schon zu einem Drahtseilakt degradiert und daran mißt sich die kritische Stimmung. Jeder will gerne Steine schmeißen, die Wut und der Hass gärt in allen.

Letzten Endes ist "Kindesmißhandlung" im fein definierten Sinne z.B.: Das Kind als Objekt zur egozentrischen Verfügbarkeit der Eltern oder eines Elternteiles gar nicht selten sondern akzeptierte Normalität.

Gerade der Spießertyp produziert willenlose Kindersklaven, die die Träume und Wünsche der Eltern zu leben haben und deren Eigenleben schon in Kleinkindzeiten ausgetrieben wird.
Deutschland mit seiner NS Vergangenheit hat eine radikale Schädigung im eigentlich normalen liebevollen Umgang mit Kindern erlitten.
Das Wirkt bis heute nach und findet sogar im modernen Karrierismus seine neuen Anhänger, die bereits 3-5 Jährige in Frühförderprogrammen zum Marketschreier Fortbilden lassen und die Kindheit längst ausverkaufen.

Die Gesellschaft mordet die Kinderseele durch Leistungsterror. Nachvollziehbar, wenn dann die eigene Schuld im Angesicht des Mißbrauchs-Täters nicht ertragen wird und die öffentliche Steinigung stattfindet.

Geheimrätin 26. April 2010 um 13:32  

Nun erleben wir aktuell aber etwas ganz anderes. Es orgenasieren sich erstmals die Opfer selbst, brechen ihr Schweigen und machen offensichtlich was jahrzehntelang vertuscht und verleugnet wurde. Dieser Prozess ist ein sehr wichtiger und wir sollten die Dinge hier nicht durcheinanderbringen und von täglich neuen Horrormeldungen sprechen, die das Klima vergiften, von Lynchjustiz und Inquisition, da wo es um Aufarbeitung und Aukärung geht. Es ist nämlich so - wie jeder weiss, der ein wenig Ahnung von der Thematik hat, dass die Opfer meist am allermeisten Mitgefühl mit ihren eigenen Peinigern haben, diese sogar immer wieder in Schutz nehmen´- zu ihrem eigenen Schaden. Das mag den Tätern vielleicht helfen, dies aber nur dahingehend, dass sie in ihrer Täterschaft unbehelligt verharren mögen, und schon gar nicht hilft es den Opfern.

Dass das Thema Machtmissbrauch und Kindesmisshandlung noch viel tiefer und weiter geht, ist natürlich richtig. Mir geht es hier nur darum, die Dinge nicht durcheinanderzubringen und ich möchte die Diskussion dahingehend sensibilisieren, dass nun dieser wichtige Porzess der Aufarbeitung den viele Opfer aktuell - und viele von ihnen nach viel zu langer Zeit - endlich durchlaufen, nun nicht durch erneute Schuldzuweiseung durchkreuzt wird, dahingehend, sie nun für ein hysterisches, vergiftetes Klima mitverantwortlich zu machen.

Auch hilft es niemanden, ein Vergehen gegen das Nächste aufzurechenen oder auszuspielen und als konsequenz dann alles beim alten und schön unterm Teppich zu belassen.

philgeland 29. April 2010 um 19:09  

Apropos Hysterie; kann sich noch jemand an den Mann erinnern, der verhaftet wurde, als er zu Hause ohne Klamotten Kaffee kochte?

Anonym 1. Mai 2010 um 01:52  

Das ist doch nur noch krank ...

Allerdings impliziert der Fallbericht ja das mögliche Mißverständniss, daß er vor dem Fenster ganz bewußt herumgeturnt sei vor dem Kind und der Frau.

Exhibitionismus ist nun doch schon etwas härter.

Grundsätzlich ist doch so ein Urteil nicht haltbar, oder doch?

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