Unsere Jungs

Donnerstag, 30. Juli 2009

Als die Welt zu Gast bei Freunden war, 2006 war das, da keimte mit hoher Geschwindigkeit ein neuer deutscher Nationalismus auf, der von sogenannten Experten nicht skeptisch begutachtet, sondern als fröhliche Bejahung des Deutschsein interpretiert wurde. Manche glaubten noch, es würde sich um einen Nationalismus aus Jux und Dollerei handeln, der nur in Fußballstadien Obdach finde, außerhalb chancenlos sei. Man schmücke sich lediglich mit Nationalfarben, feuere mit Sportsgeist ausgestattet das eigene Land an, in welchem man den Zufall hatte geboren zu sein, sei der zwölfte Mann "unserer Jungs".

Unsere Jungs stehen nun in Afghanistan. Selbstverständlich nicht Ballack, Lahm oder Podolski (wobei man annehmen kann, dass sie dort bald eine Gala veranstalten werden), es sind andere, uniformierte, manchmal bereits mit Ehrenblech behängte Jungs. Unsere Jungs sind überall tätig, in Fußballstadien, auf den Straßen Frankreichs, bei der Tour de France, bei internationalen Koch-, Mechaniker- oder Friseurwettkämpfen, bei der Formel 1 - und ebenso auf dem Schlachtfeld. Sie sind meist Wettbewerber, diese unsere Jungs. Sie werden als unsere Jungs an den Mann gebracht, damit eine Bindung zum Hörer, Zuseher, Leser entsteht, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aufgeschwatzte Sympathie. Der Soldat, unser Junge, wird uns somit nahe gebracht, er tötet für uns, stirbt für uns, ist von uns - deshalb sprechen wir liebevoll vermehrt von "unseren Jungs in Afghanistan". Diese Sprechweise häuft sich in den Medien und liest man in den Kommentarbereichen von Online-Medien nach, so finden sich immer mehr Menschen, die nicht unbedingt wohlwollend dem Krieg gegenüberstehen, die sich aber dieser lieblichen Floskel anschließen.

Der angeblich harmlose Nationalismus, der regelmäßig zur Fußballturnierzeit über dieses Land schwappt, hat erste Erfolge gezeitigt. Spielend führt man Kinder an die Ernsthaftigkeit des Lebens heran; spielend leitet man ein Volk zurück auf die ernsten Pfade des Nationalismus. Fragte man vor drei Jahren noch, ob Klinsi unsere Jungs zum Erfolg führen könne, so stellen wir einige kurze Jahre später die Frage, ob wohl Minister Jung unsere Jungs noch erfolgreicher, sprich: präsenter in der Welt, machen könne. Wer kann bei der Übernahme scheinbar harmloser Begrifflichkeiten, die zunächst in der banalen Welt des Sports zuhause waren, nun aber an die Front verfrachtet wurden, noch so naiv tun, als sei der feucht-fröhliche Sportplatz-Nationalismus als harmlose Erscheinung zu werten?

Unsere Jungs! Sie dürfen nun auch auf Flüchtende schießen, in den Rücken schießen, muß man annehmen, sofern die Flüchtenden nicht im Rückwärtsgang das Weite suchen. Die Propaganda läßt die Jungs aber zu Wort kommen, läßt sie jammern, dass der Feind erst lächelt, um dann arglistig in den Rücken zu schießen. Wen kümmert das Paradoxe der Berichterstattung? Weil aus dem Soldaten in der Ferne, der an einem völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Krieg teilnimmt, ein netter Junge wurde, ein Junge von uns, muß man über derlei Ungereimtheiten nicht weiter stutzen. Es wird impliziert, man hätte es mit Kerlen zu tun, die für uns im Einsatz sind, für uns bluten - wer da hinterfragt ist ein Nestbeschmutzer, ein ganz mieser Vogel, der an der Heimatfront Dolche wetzt, die er dann hinterrücks ins Fleisch unserer Jungs rammt. Einst, als unsere Jungs noch auf dem Fußballplatz tätig waren, da war der Kritiker des nationalistischen Treibens im schlimmsten Falle eine Spaßbremse - aber wer den behelmten Jungs nicht zujubelt, der bremst nicht nur den Spaß, der bremst uns als Gesellschaft, der muß förmlich Terrorist sein.

Man kann sich das mediale Treiben, das seit geraumer Zeit den Takt der Berichterstattung in Sachen Afghanistan-Einsatz vorgibt, nicht vorstellen, ohne an die Fahnenmeere bei Welt- oder Europameisterschaften zurückzudenken, als das nationalistische Geblödel wieder salonfähig wurde. Es kommt nicht von ungefähr, dass man zu jenen sportlichen Zeiten unseren Jungs zujubelt, nun gleichzeitig aber immer häufiger von unseren Jungs spricht, wenn man Talibanjäger meint. Und gerade jene Kreise, die sich heute als Falken des Krieges hervortun, hatten damals zur Weltmeisterschaft 2006, eine wahre Freude am neuen deutschen Selbstwertgefühl - andere, auch viele einzelne Protagonisten der LINKEN beispielsweise, sahen das Getue eher skeptisch, auf Gefahren hindeutend, die da am Horizont lauern könnten. Diese kritischen Kreise des Fußball-Nationalismus, sind auch heute noch kritisch, sind heute Gegner des Auslandseinsatzes, der Ehrenorden, des Heldenkultes.

Hätten wir wissen können, ahnen müssen, warum sich bestimmte Herrschaften so über des Deutschen Wiederauferstehung, zunächst nur im Stadion, gefreut haben?

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Sit venia verbo

Mittwoch, 29. Juli 2009

"Nur die Leute, die sehr viel Geld haben, kennen den Wert des Geldes, weil sie Zeit haben, den Wert abzuschätzen. Wie kann man den Wert eines Dinges erkennen lernen, wenn es einem immer gleich wieder abgenommen wird? Gepredigt aber wird, daß nur der, der nichts hat, weiß, was ein Cent wert ist. Daher die Klassengegensätze."
- B. Traven, "Das Totenschiff" -

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Eingeebnete Gegensätze

Blickt man von oben hinab auf diese Republik, von einem Ausguck in den Wolken vielleicht, einer Plattform zur Begutachtung des bundesrepublikanischen Freigeheges, so möchte man beinahe annehmen, hier und da sei der Klassenkampf ausgebrochen. Man möchte es annehmen – aber wenn man ein Fernglas zur Hilfe nimmt, hinabblickt auf die Zustände dieser klassenkämpferischen Realität, so wird überdeutlich, dass man es nur annehmen möchte, nicht aber kann. Uns stechen sonderbare Protestangestellte ins Auge, von Unternehmen engagierte Arbeitnehmer, die ihr Engagement ausweiten, die Sache des Unternehmens und dessen Führungsriege zu ihrer eigenen werden lassen.

Bankangestellte pilgern an die Pforten ihres heiligen Schaffens, heben Pappschildchen hoch, auf denen sie nicht ihren Arbeitsplatz gesichert, verbessert oder besser bezahlt haben wollen, sondern den Verbleib ihres Managers fordern. Firmenmitarbeiter stimmen in das Geheul ihrer Herrin ein, fordern Zahlungen aus öffentlichen Kassen an jene Dame, die Tage zuvor noch mit Pelzmantel auftrat, jetzt aber über ihren Niedergang weint. Arbeiter von Porsche drohen Werksbesetzungen an, wenn man ihnen ihren gehaltvollen Messias nicht lasse, rascheln also mit der Anwendung klassenkämpferischer und revolutionärer Kampfmethoden durch den Blätterwald dieses Landes.

Es sind komische Klassenkämpfer, die uns landauf landab begegnen. Klassenkämpfer die keiner Klasse angehörig sind, außer jener, deren ihre Herren teilhabend sind. Die Interessen ihrer Herren, so glauben sie, seien ihre Interessen. Und prompt wird die Solidarität einiger dieser Klassenkämpfer mit Füßen getreten, deren Lohn beträchtlich gekürzt, wobei deren Arbeitsplätze deshalb keinen Funken sicherer seien. Der Dank der Herrin liegt darin, dass sie nur beträchtliche Lohnkürzungen verordnete, keine rigorosen – das Interesse der Herrin, das sollte jenen Revolutionären nun klar sein, war nicht das ihrige Interesse.

Müßig, immer wieder auf Herbert Marcuse zurückzufallen. Aber in diesen Tagen, in Tagen, in denen mehr denn je so getan wird, als läge das Interesse jeder gesellschaftlichen Gruppe im Fortbestand des Systems, so wie es sich uns seit Jahren präsentiert hat, in Zeiten also, in denen eine einige Einheitsfront vorgegaukelt wird, ist Marcuse kein Denker, auf den wir zurückfallen – nein, er weist uns voran, er beleuchtet das Hier und Jetzt, obwohl er nicht mehr, schon lange nicht mehr, unter uns, im Hier und Jetzt weilt.

Er schreibt im „eindimensionalen Menschen“, das war 1964 bzw. 1967 in Deutschland: „[...] der entscheidende Unterschied besteht in der Einebnung des Gegensatzes (oder Konflikts) zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen, zwischen den befriedigten und den nicht befriedigten Bedürfnissen. Hier zeigt die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede ihre ideologische Funktion. Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen.“

Wie läßt sich daran noch zweifeln, wenn wir von unserer Plattform herabblicken auf die Demonstranten unserer Zeit? Die angebliche Einebnung des Gegensatzes, und wir erinnern uns, dass man uns seit Jahrzehnten predigt, dass die Zeiten des Klassenkampfes passé seien, weil heute niemand mehr einer Klasse angehöre und jeder einen vollen Bauch habe, die Einebnung also, ist in Wahrheit nur dazu da, dazu ersonnen, dazu in die Köpfe der Menschen gepflanzt worden, um das Bestehende in der bestehenden Form zu erhalten. Ob sich Marcuse vorstellen konnte, dass diese Einebnung des Klassenkampfgedankens (des Gedankens, denn der Klassenkampf bleibt von Interesse, kann nicht einfach von der Bühne heruntergeworfen werden!), dieses inszenierte Angleichen aller Partikularinteressen an ein angeblich großes, alles vereinendes Ziel, in Demonstrationen enden würde, die den eigenen Herrn stärken und schützen sollen?

Die Einheitsfront will uns Glauben machen, dass die Ellenbogen eingezogen werden können, weil es keines Kampfes auf Gedeih und Verderb bedarf, weil sie eine humane, hilfsbereite, liebevolle Einheitsfront ist, die nur das Beste will für alle, für das gemeinsame Ziel. Ziele varieren, derzeit ist es die Bewältigung der Krise. Dabei erklärt man öffentlich, dass Herren und Diener, und Sklaven sowieso, ein gemeinsames Ziel am Horizont haben; dafür müssen Herren und Diener, und Sklaven sowieso, jeweils Opfer bringen. Wir werden zukünftig, so sagen die Herren, weniger spekulieren, unseren hemmungslosen Expansionsdrang etwas mildern; ihr werdet, so sagen es ebenso die Herren, denn die Diener haben nichts selbst zu bestimmen, die Sklaven sowieso nicht, länger arbeiten, weniger verdienen und anschmiegsamer, indem ihr auf Kündigungsschutz und dergleichen Eigensinnigkeiten verzichtet. Das ist der Deal der Einheitsfront, alle ziehen an einem Strang, und weil dieser Strang zum Allgemeingut geworden ist, nicht erst jetzt, sondern durch jahrzehntelange Einimpfung, glauben die Seilziehenden der Dienerseite, sie würden für ein gemeinsames Ziel ziehen, wenn sie zum Protestpersonal ihrer Herren umschulen.

Es dient aber dem Erhalt der Mißstände, der Erhaltung des Bestehenden, der – Marcuse sei nochmals zitiert – „Verewigung des Kampfes ums Dasein“. Wer seinem Herrn demonstrierend zur Seite steht, steht jenen Kreisen zur Seite, die seit Ewigkeiten Entsolidarisierung predigen, Steuererleichterungen für Milliardenvermögen fordern, entleerte Kassen damit bewirkt, Arbeitslosigkeit gefördert haben; wer in diesen Tagen kriechende Parolen auf seinen Herrn singt, der will, dass es so bleibt, wie es war. So bleibt wie einst, als es ihm relativ gut ging. Sein relatives Wohl über das derer stellen, die unter dem Erhalt des Bestehenden leiden, weiterleiden werden. Wer für den unternehmerischen Machthaber mit Gewehr bei Fuß steht, der toleriert den Erhalt der Armut, der toleriert soziale Mißstände, der toleriert die Ausbeutung der Dritten Welt, der toleriert den Raubbau an dieser Erde. Die postulierte Einheitsfront offenbart sich als Ellenbogenfront, als egozentrisches Jeder gegen Jeden, als Auswurf einer Ellenbogengesellschaft. Man zieht eben nicht an einem Strang, man steht an einem Ende des Seils, am anderen steht die Herrschaft und dazwischen, in das zu ziehende Seil hineinstranguliert, da sind diejenigen zu finden, denen der Erhalt des Bestehenden die Atemwege zuschnürt. Sich für seinen Herrn auf die Straße zu begeben, um für sein Wohl, das angeblich das Wohl aller ist, zu demonstrieren, kommt der Betätigung der gesellschaftlichen Garotte gleich.

Nun wendet man ein, die Protestierenden seien befangen, weil es um ihre Arbeitsplätze geht, weil die drohende Not sie natürlich nicht über den Tellerrand blicken ließe. Aber gleichermaßen müßten wir einem Mörder, der ertappt wurde, der sich mit Ausreden herauswinden, aus seiner Bredouille mit Ausflüchten befreien will, mit Verständnis gegenübertreten, weil er nur seine Haut retten will. Doch in solchem Momenten üben wir uns in Verachtung, sehen auf einen solchen Täter herab, deuten auf die Opfer und verlangen die Übernahme der Verantwortung besagter Tat. Selbst betroffen zu sein bedeutet nicht, sich mit der Ursache des Betreffs zu verbrüdern, um im Gefühl eines Burgfriedens, andere ebenso betroffen zu machen. Betroffen zu sein bedeutet, Verantwortung zu zeigen, endlich Nein sagen zu lernen.

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Sommerliche Fairness

Montag, 27. Juli 2009

Oskar Lafontaine verkündete neulich im Sommerinterview, nachdem sein Gesprächspartner Frey selbstgefällig anschlug, man würde alle in der Sendung auflaufenden Politiker mit der gleichen Fairness behandeln, er werde sich jenen Teil des sonntäglichen Polit-Geblubbers ansehen, in dem Angela Merkel auftrete. Ob er das getan hat, läßt sich nicht nachvollziehen, der Verfassungsschutz müßte darüber Auskunft geben können. Er könnte uns dann auch gleich mitteilen, ob Lafontaine das Sommerinterview mit Horst Seehofer eingeschaltet hatte. Man darf es fast vermuten, denn gar zu konservative Kreise hegen ja ernsthaft die Anschauung, der Herz-Jesu-Sozialist Seehofer sei von den Ansichten Lafontaines gerade einmal einen Katzensprung entfernt. Da schlägt Seehofers VdK-Vergangenheit voll durch, sowas verzeiht man in der Union nie. Jedenfalls sollte man schon meinen, dass Lafontaine dieses neue Lehrstück nichtssagender Politikinformation angesehen hat - wenn man immerhin doch so verbrüdert im Geiste ist, wird man sein Geschwisterchen doch sicherlich nicht aus den Augen lassen.

Was Fairness seitens des Interviewers bedeutet, hätte oder hat Lafontaine dort sicherlich auch erkannt. Ein Bombardement an Vorwürfen und latenten Verspottungen mußte Seehofer nicht ertragen. Im Gegenteil, als er klar sagte, er würde über sein Privatleben kein Wort mehr verlieren - was man übrigens nur begrüßen kann! -, da bohrte Peter Hahne, der gestern das Gespräch leitete und dabei seinen theologisch-mahnenden Schmalz im Kleiderschrank ließ (der ist ohnehin nur für faules Gesindel gedacht), nur noch einmal ganz leise und zaghaft nach, ließ aber gleich davon ab, nachdem Seehofer sein Schweigen in dieser Frage noch einmal bestätigt hatte. Wie war das neulich, als Peter Frey wie ein Berserker auf Lafontaine losging, immer wieder uralte Kamellen herauskramte, die zudem auch noch an der damaligen Wahrheit vorbeigingen? Lafontaine hat nicht einmal vorgebracht, wie sein Geistesbruder Seehofer, er möge von diesen alten Geschichten nicht mehr reden - oh nein, er sprach, erklärte, versuchte es wenigstens, aber Frey interessierte sich nicht, unterstellte ihm immer wieder Feigheit und Verantwortungslosigkeit. Fairness war das nicht, Seehofer jedenfalls wurde gestern auf Händen getragen, Lafontaine ist nicht einmal Wohlwollen widerfahren.

In einem kurzen Einspieler wurde Seehofers politische Biographie aufgezeigt, darin fand sich auch - nämlich im Jahr 2004 - ein Jahr des Rückzugs von vielen Ämtern. Damals gab Seehofer parteiliche Verantwortung ab, was heute gerne als Folge seiner schweren Erkrankung im Jahre 2002 verklärt wird. Seinerzeit überwarf er sich mit den Vorstehenden seiner Partei - deshalb könnte man auch sagen: er stahl sich nach Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Union aus der Verantwortung. So jedenfalls hätte man es umschrieben, wenn Seehofer Lafontaine geheißen und statt eines schwarzen, ein linkes Parteibuch gehabt hätte. Jedoch mit dem Ministerpräsident Bayerns kann man sich als Journalist so einen Affront nicht erlauben, will man sich auch gar nicht erlauben. Wo kämen wir denn da hin, wenn die machthabenden Granden dieser Republik genauso behandelt würden wie solche, die in ihrer angeblichen Machtgier an die Spitze korrumpieren? So besehen sind sich die beiden Brüder gar nicht so unähnlich, denn beide haben Geradlinigkeit bewiesen, ließen sich in bestimmten Fragen, die ihnen scheinbar sehr am Herzen lagen, nicht verbiegen, traten lieber zurück, als faule Kompromisse einzugehen. Nur: Gleiche Behandlung ward gestern auch hier nicht gesehen.

Weder soll hier der kantige Sturkopf Seehofer glorifiziert, noch der sozialdemokratisch gebliebene Philanthrop Lafontaine geehrt sein. Es gäbe an beiden Charakteren genug zu kritisieren - und das dürfte der Journalismus hüben wie drüben gerne tun. Aber beidseitig, ohne Blick auf die politische Zugehörigkeit, ohne falschen Kniefall vor Ämtern. Aber Einseitigkeit fabrizieren, sich dann auch noch frech hinstellen und von sich geben, man würde an dieser Stelle jeden gleich behandeln, offenbart die journalistische, aber auch moralische Dürftigkeit dieser Gesellen, die so tun, als würden sie der deutschen Politik auf den Zahn fühlen, die aber letzlich nur Bäuche pinseln - jedenfalls bei denen, die respektable Bäuche haben. Dafür werden bei den falschen Bäuchen nicht nur Zahnfühlungen veranstaltet, man extrahiert ohne vorherige Betäubung. Das nennt man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern dann Fairness, weil man ja nach beiden Seiten seinen Zahnarzt-Kittel hochhält - auf der einen Seite mimt man den Mediziner, auf der anderen wird man gar zum Kieferchirurg.

Norbert Grupe, ehemaliger, mittlerweile verstorbener Profiboxer, besuchte vor 40 Jahren das ZDF-Sportstudio. Dort traf er auf Rainer Günzler, den Moderator der Sendung, der Wochen und Monate zuvor Grupes Leistung mehrfach kritisierte und auch dessen extravaganten Lebenstil kritisch kommentierte. Es sei unerheblich, ob diese Kritik berechtigt war oder nicht, denn letztlich fühlte Grupe sich verunglimpft. So saß er also im Sportstudio, grüßte noch artig, beantwortete dann aber jede gestellte Frage mit lautem Schweigen. Günzler versuchte einige Worte aus ihm zu locken, jedoch gelang dies nicht. Dies ging eine ganze Weile so, irgendwann beendete Günzler das Gespräch und bedankte sich für das aufschlussreiche Interview. Vielleicht sollte man Lafontaine einmal empfehlen, in gleicher Weise das ZDF zu brüskieren. Dort zu schweigen, wo das Wort gar nicht beachtet wird, wo man sich vandalenhaft auf Legenden stürzt, die man ersonnen hat, Lafontaine salonunfähig zu machen. Ein bißchen Grupe könnte denen, die von den Massenmedien unfair behandelt werden, sicherlich nicht schaden...

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De dicto

Sonntag, 26. Juli 2009

"Anstatt Wiedekings Großzügigkeit als Vorbild für eine neue Wirtschaftsethik zu preisen, tadeln ihn die Politiker Joachim Poß (SPD) und Dietmar Bartsch (Die Linke) gemeinsam, als ob die Sozialistische Einheitspartei auferstanden wäre."
- BILD-Zeitung, Helmut Böger am 26. Juli 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Ein großer Gönner wird uns beschrieben, der Besitzer eines Milliardenvermögens, der großzügig und sozial gesinnt wie er ist, auf die Hälfte seiner Abfindung verzichtet, der 25 Millionen Euro spenden möchte. Ein Gönner, der sich seit Jahren zweistellige Gehaltszahlungen erlaubte, der von der Quelle seiner Vermögensbildung nicht zurücktreten wollte, herumlavierte, sich missverstanden und unrechtmäßig bedrängt fühlte, aber bei einer Abfindung von 50 Millionen Euro zum Abtritt erweicht wurde. Ein Gönner, der alleine im Jahr 2008 ein, wie er und Seinesgleichen finden, leistungsgerechtes Gehalt von mehr als 77 Millionen Euro bezogen haben soll. Ein Gönner, der von seinem Milliardenvermögen den Fliegenschiss von 25 Millionen Euro in Spendenbüchsen stopft und hernach noch als neuer Messias einer neuen Wirtschaftsethik gefeiert sein will.

Das heißt, er wird wahrscheinlich gar nicht gefeiert werden wollen - das besorgen andere für ihn. Momentan ein gewisser Helmut Böger, der sich Autor nennt, aber nichts weiter als Korrespondent der Bunten und Chefredakteur der BILD am Sonntag war, der aber nebenher, vermutlich aus Versehen, einige Bücher schrieb. Die parteienübergreifende Entrüstung ob der zynischen Spendenmentalität dieses Gönners, begreift Böger als Schaulaufen einer wiedererwachten SED - alleine dieser Ausspruch genügt, um dessen Geisteskindschaft beweinen zu müssen. Man möchte ihm wenigstens mathematische Qualitäten nachsagen können, doch Böger verurteilt Zumwinkel, der gierig nach 20 Millionen griff, verteidigt aber im gleichem Atemzug Wiedekings verbleibende 25 Millionen Euro löwenhaft. Denn die andere Hälfte diene ja dem Wohle der Allgemeinheit: Wiedeking als pater patriae - ein solches Maß an Chuzpe, das sich stillschweigend über geflossene Milliardensummen hinwegsetzt, während hierzulande (und nicht nur in diesem Lande) immer mehr Menschen verarmen, arbeitslos werden, am unteren Ende der Gesellschaft ankommen, ist nicht nur mehr dreist, es geht schon in Richtung kalkulierter Verdummung, ja, zeigt alle Facetten von Verdunkelungsgefahr.

Wir, die wir in diesem Moment, kurzzeitig nur und mit Schamesröte im Gesicht, zum BILD-Leser herabgemindert sind, sollen auf Linie gebracht werden, sollen uns wie Schäfchen in die Hände solcher Hirten begeben, denen als Leistungsträger dieser Gesellschaft maßlose Gehälter zuzustehen scheinen. Wir sollen nicht hinterfragen, nicht zweifeln an dieser suspekten Großzügigkeit, wir sollen den Blick zu Boden richten, reuevoll nicken und ein schamvolles Danke hervorbringen. Wenn Wirtschaftsbarone wie Wiedeking von diesen Summen ein wenig abgeben, wenn sie den kleinsten Teil ihres überdimensionalen Reichtums an karitative Zwecke überweisen, dann ist auch die immer wieder aufkommende Forderung, man möge Managergehälter begrenzen, als ein Rückschritt des willkürlichen Sozialstaates zu begreifen. Wer Wiedekings Gehälter einer Höchstgrenze aussetzen will, der wird dem zukünftigen Suppenküchenstaat die geschenkten, gönnerhaft überwiesenen Gelder wegstreichen.

Womöglich verurteilen wir in unserer ethischen Dummheit Böger zu Unrecht, womöglich blickt er in eine Zukunft, in der die Tafel-Mentalität zur Maxime der Umverteilung wurde. Und wenn man den Leistungsträger die Gehälter zusammenstreicht, dann streicht man auch des Obdachlosen Suppe, des Gelähmten Rollstuhl, des Arbeitslosen Grundsicherung. Deshalb sollen wir, wie Böger meint, nicht moralisieren, wir müssen dankbar sein, wir müssen eher noch um Gehaltserhöhungen für Leistungsträger bitten. Denn wenn ein solcher plötzlich 10 Millionen Euro mehr im Jahr hat, dann fallen mit etwas praktizierter Nächstenliebe, sicherlich auch 100.000 Euro für den Bodensatz der Gesellschaft ab. Ja, womöglich bewerten wir Böger wirklich falsch, denn wahrscheinlich ist er Visionist und durch seine Menschenliebe dazu getrieben, seine schützende Hand über Wiedeking zu halten - fast hätte man meinen können, er kassiert einen kleinen Anteil des verbleibenden Schonvermögens, dabei ist es nur seine Sorge um die Armen, die ihn so handeln läßt.

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Gefressene Kinder

Samstag, 25. Juli 2009

Als die Christen zur Gefahr für das römische Reich wurden - sie waren weniger Gefahr als verletzte Eitelkeit des Kaisertums -, wurde das Gerücht in die damals bekannte Welt gesetzt, Christen würden mit Vorliebe Kinderblut trinken. Das Christentum war lernbegierig und übernahm später, als es zur Weltmacht expandieren wollte, im Mittelalter also, diese Praxis, unterstellte den Juden, sie würden das Blut von Christenkindern verarbeiten, daraus ungesäuertes Brot backen. Jeder der sich den Allmachtsansprüchen dieser einzigen und wahren Kirche in den Weg stellte, hatte unter viele anderen Vorwürfen, auch immer damit zu kämpfen, als Kinderfresser verschrien zu sein - so auch Katharer und Waldenser, denen man den rituellen Kindermord in die Schuhe schob, damit die Öffentlichkeit mit spöttischer Genugtuung dem lodernden Scheiterhaufen zusah. Natürlich mußten Moslems aller Art, ob Mauren in Spanien, Sarazenen auf Sizilien und in Süditalien oder später auch die Türken des osmanischen Reiches, mit ähnlichen Vorwürfen leben. Jahrhunderte danach, der Erste Weltkrieg tobte unter den Grasnarben Europas, animierte die US-amerikanische Propaganda das Volk zum Kriegseintritt, indem sie mit Pickelhauben ausgestattete Preußensoldaten auf Kinoleinwände (es gab seinerzeit noch weniger Kinos als Nickelodeons) bannte, die Frauen vergewaltigten und mit freudiger Fratze Kinder aufspießten. Dass Kommunisten bekanntlich leidenschaftliche Kinderfresser seien, haben wir leise noch im Ohr.

Es mag tief im Menschen verankert sein, sich dieses Motivs anzunehmen. In grauen Vorzeiten, auch noch danach in der Antike, war das Leben des Kindes nicht immer sicher. Im Judentum wurde das erste Kind geopfert, bis dies durch mosaisches Gesetz verboten wurde. In Sparta wurden "unwerte Kinder" in Schluchten geworfen - was, zynisch gesprochen, eine Art Fortschritt darstellte, weil das Kind nicht mehr geopfert, sondern ökonomisch-militärischen Zwecken zum Opfer fiel, nicht mehr metaphysisch gemeuchelt, sondern aus materiellem Antrieb heraus entsorgt wurde. Sollte es eine Art kollektives Gedächtnis der Menschheit geben, so ließe sich der Drang, Andersdenkenden und -handelnden die Kinderfresserei zu unterstellen, psychologisch erklärbar machen. Aber das alleine reicht als Erklärung nicht aus, nicht nur, weil wir nicht wissen, ob es ein kollektives Menschheitsgedächtnis gibt, sondern weil wir aus dem aktuellen Zeitgeschehen heraus wissen, dass der Vorwurf, man hätte ein Kind zu Schaden gebracht, immer auf fruchtbaren Boden fällt. Immer dann, wenn man härtere Strafen fordert - als sei die lebenslange Haft, die sich als Strafe von 15 Jahren bemisst, ein Pappenstiel -, wenn man sich lauthals für die Todesstrafe ausspricht, bemüht man den Kinderschänder. So widerlich die Tat ist, so unverzeihlich aus Sicht der Opfer (die Gesellschaft muß verzeihen und Zweitchancen einräumen), so instrumentalisiert ist es doch, wenn man ausgerechnet immer solche Verbrecher vorführt, die Kinder geschändet oder gemordet haben, wenn wieder einmal um Strafverschärfungen debattiert wird. Mit dem zu Schaden gekommen Kind läßt sich auch heute noch vortrefflich polarisieren - was nicht heißt, dass es schmählich wäre, Gewalt an Kindern zu thematisieren. Doch wenn man als Freund der Kerkerhaft Stimmung machen will, dann gelingt dies nur mit dem Kinderschänder, denn der Steuerhinterzieher nährt nur wenig Hass.

Den Anderen, der anderen Seite, Andersdenkenden, anders Organisierten, Teilen anderer Weltregionen, die mit dem Westen nichts gemein haben, das Kinderfressen zu unterstellen, liegt der Menschheit, so könnte man vermuten, im Wesen. Nicht nur Kindererziehung ist politisch, so wie Ulrike Meinhof das einst formulierte, auch der angebliche Umgang mit Kindern, vorallem aber der angeblich schlechte Umgang Anderer mit deren Kindern, ist eine hochpolitische Angelegenheit. Wer seine Kinder, die Kinder seiner Gesellschaft schlecht behandelt, der verwirkt jegliches Recht, jegliches Mitgefühl - da erwächst eine sich empörende Berechtigung einzuschreiten. Und in dieser Weise darf man es auch deuten, wenn dieser Tage gemeldet wird, Nordkorea würde Giftgas an Kindern testen. Nicht, dass dies nicht möglich sein könnte - alles ist machbar auf dieser Welt. Aber die Erfahrung, die uns ein mögliches Kollektivgedächtnis der Menschheit verliehen hat, sollte uns doch zweifeln lassen an solchen Meldungen. Wenn Revolutionen ihre eigenen Kinder fressen, dann lassen ideologische Gefechte und ökonomische Kriege deren, des Gegners Kinder fressen.

Erneut zeigt sich, dass alte Propagandamaschen zeitlos sind. Man ködert die Massen immer noch mit zweifelhaften Geschichten der Kinderfresserei, trimmt sie auf Zeitgeist, läßt das Kinderblut weg, macht daraus Giftgas - aber die Botschaft bleibt: wer Kinder so behandelt, kann kein Mensch sein. Und wer kein Mensch ist, den kann man gedankenlos umbringen. So weit sind wir im Falle Nordkoreas (noch) nicht - aber mit solchen Nachrichten verunmöglicht man Nordkorea in der Welt, macht es angreifbar. Mit solchen Bestien will die Welt nichts zu tun haben. Natürlich können die Vorwürfe zutreffen, aber ein wenig mehr Geschichtsbewusstsein und beinahe jede Nachricht aus diesen Tagen wird zweifelhaft. Wenn der größte Teil der Welt vergessen hat, wie oft Kinderblut schon Vorwurf war, dann hat diese sonderbare Nachricht aus Nordkorea durchaus die Chance, als Wahrheit in die Geschichte einzugehen. Zumindest als eine geschichtliche Wahrheit für die nächsten fünfzig bis hundert Jahre - danach kommt die Wahrheit sicherlich zu ihrem Recht, denn die zukünftige Welt will schließlich in ihrer Fortschrittlichkeit glänzen und dazu bedarf es einer schlechten Vergangenheit, die voller Lügen und Unfassbarkeiten ist. Und dann verlachen unsere Nachfahren uns, wie wir heute unsere Ahnen verspotten, dann sind wir zu Zeitgenossen tiefsten Mittelalters geworden, gutgläubige Trottel, dumm und rückständig. Gut, dass wir das nicht erleben müssen; gut, dass wir nicht erleben müssen, wie sich diese Zukünftigen neue Kinderfresser ersinnen...

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Der 18. Brumaire der Wüstenfüchse

Donnerstag, 23. Juli 2009

Was ist der Unterschied zwischen jenem Panzer, der in Farbe Sand aufwirbelt, und dem Kettengefährt, welches weiter unten gleicher Tätigkeit, aber dafür nur in schwarzer und weißer Tongebung, nachkommt? Der Unterschied ist ein zeitlicher, es liegen beinahe sieben Jahrzehnte dazwischen. Unwesentlich ist ein anderer Unterschied - hier Mittlerer Osten, dort Nordafrika. In beiden Fällen rollt man durch karge Landschaft, durch Wüste, kämpft um Landgewinn, Geröll und Sand. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hält ein erstaunliches Repertoire an Ähnlichkeiten und Déjà-vus bereit. Wie einst Rommel der Wüste das Fürchten lehrte, wie er Sandwolken durch totes Land wirbeln ließ, so wirbelt die Bundeswehr heute in totem Land umher. Das Bild aus unseren Tagen ruft ein Déjà-vu hervor, unwillkürlich kommt einen der Wüstenfuchs in den Sinn, dieser nobelste aller Wehrmachtsgranden, der heute noch eine mystische Gestalt deutschen Militarismus zu sein scheint. Der brave, folgsame, aber sittliche Soldat, der aus Versehen den Rebellentod sterben mußte.

Marx leitet seine Schrift "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" mit folgenden Worten ein: "Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795, der Neffe für den Onkel." Erst die Tragödie, dann die Farce; erst die Ernsthaftigkeit und Tränen des Schmerzes, hernach Belustigung und Tränen des Verspottens. Geschichte wiederholt sich nicht, sie gleicht sich, sie entwirft verschiedene Szenarien ganz ähnlicher Situationen. So erklären sich jene Bilder aus der Wüste, so kann man Sandverwirbelungen im Weltenlauf deuten.

Was uns Marxen aber nicht erklärt, weil er es vergessen hat, so wie auch einst Hegel mit dem Vergessen auf Kriegsfuß stand - Tragödie, dass Hegel es vergaß; Farce, dass Marx es ihm in ähnlicher Weise nachtat -, ist eine Ausdeutung folgenden Umstandes: Was, wenn das erste Ereignis, die eigentliche Tragödie, in aller Dramatik ebenso Farce war, ein lächerliches Unterfangen? Wenn zuerst die Farce war, wird dann später aus dem ähnlichen Ereignis eine Komödie? Oder kommt die Tragödie dann mit Verspätung hinterhergebummelt? Denn zweifellos, obgleich allen vergossenen Blutes in Nordafrika, Rommels Vorhaben war eine Farce, war ein Selbstmordkommando, war ein Hirngespinst, über das man aus taktischer und organisatorischer Sicht nur spotten kann. Wenn der Panzer des farblosen Bildes Bestandteil einer tragischen Farce war, was wird dann der farbige Panzer mit sich bringen? Kommt die Tragödie in aller Härte oder wird es noch lächerlicher wie einst?

So oder so: Wie sich die Bilder aus verschiedenen Zeiten doch gleichen. Der fahrende Panzer, der den Wüstensand durchschneidet, wurde einst zur Propaganda missbraucht. Mit Ketten voranpreschend wurde den Menschen an der Heimatfront der Krieg schmackhaft, weil erfolgsversprechend, gemacht. Dieser Tage bemühen sich erneut Panzer durch ferne Mondlandschaften - dasselbe Bild wie einst, erklärt den Daheimgebliebenen, dass nun Offensiven starten, der Feind aktiv und erbarmungslos bekämpft würde. Oh ja, wie sich die Zeiten manchmal gleichen, auch wenn sie so gleich nicht sein wollen. Und dann stellt man sich hin und erklärt feierlich, man habe aus der Geschichte gelernt. Hat man! - Man hat gelernt, wie man Propaganda-Bilder nachstellt.

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Facie prima

Heute: Der Wutverzerrte, der NPD-Mann


Wird von denen berichtet, die sich am rechten Rand eingenistet haben, dort wo dumpfe Parolen mit Heil verabschiedet werden, dann begleitet nicht selten eine wütende Fratze, ein schmerzverzerrter, haßerfüllter Kopf den Text. Dieser - der Text - wird zur Nebensächlichkeit, so wie die politischen Botschaften dieser Herrschaften es sowieso schon sind, denn man wirft nur ein Auge auf das Bild, um ahnen zu können, wes Geistes Kind der behandelte Charakter zu sein scheint. Die Fratze, so entstellend sie auch abgelichtet wurde, mag nicht täuschen, die dämliche Geisteskindheit trifft höchstwahrscheinlich zu. Aber weshalb nur jene Herrschaften gebräunter Gehirnlappen in dieser Weise der Öffentlichkeit zugeführt werden, warum die schweißnasse, bierselige Wut, hineingegrunzt in ein Mikrofon, nur den Männern der NPD, diesen ganzen Kerlen aus Stahl und Granit, zum medialen Markenzeichen wurde, ist symptomatisch für diese zeitgenössische Gesellschaft.

Der rechte Rand, die Wutfratzen brauner Mattigkeit, nehmen eine Rolle ein, die sie freilich nur zu gerne geben. Während in dieser Republik die Jünger der Merkel auf den Reichsarbeitsdienst zurückgreifen wollen, während aalglatte harte Hunde wie Guttenberg einer ist, deutsche Geschichte klittern, während Feldmarschälle wie Jung großmannssüchtig Öl ins Feuer kippen dürfen, hat das wutverzerrte Scheusal Feuerschutz zu erteilen. In der entstellten Fratze spiegelt sich des Bürgertums Ablehnung wider, sie läßt den bürgerlichen Politiker erst zur Respektsperson werden. Wer so schielt, so sein Maul aufreißt, fanatisch schwitzt, sein Antlitz zur abscheulichen Grimasse verformt, der muß ein verschlagenes, brutales, niederträchtiges Subjekt sein. Und dann sehen wir die anderen, die ihr rechtes, faschistoides, menschenverachtendes Weltbild in die Kameras lächeln. Wir sehen einen penibel gekämmten Guttenberg, einen staatsmännisch glubschenden Sarrazin, einen gartenzwergisch wirkenden Einfaltspinsel namens Jung: wer so banal, wer so fein zurechtgemacht aus den Tageszeitungen herauswinkt, der kann doch im Geiste keine Bruderschaft mit dem wütenden Zerrbild gesoffen haben.

Obwohl im sogenannten bürgerlichen Lager Vorstellungen gären, die sich nur wenig von denen der NPD unterscheiden, obwohl auch dort der Hass auf Menschen nicht mehr nur latent vorhanden, sondern mit besorgniserregender Regelmäßigkeit hervorbricht, begegnet uns kein wütender Sarrazin, kein sperrangelweites Mundwerk eines geschniegelten Adligen, kein Stechblick a la Rasputin in den Augen des kriegerischen Friedensministers, keine fanatische Schweißflut auf der Stirn des Sicherheitsfanatikers Schäuble. Sie werden als charaktervolle Gestalten fotografiert, als hohe Vertreter dieses Staates, immer besonnen, immer vernünftig, immer staatsmännisch. Die Fratze des Hasses, obwohl auch sie Hass predigen und kultivieren, wenn sie wieder einmal Arbeitslose, Rentner, Ausländer oder andere der vielen Randgruppen an die Wand drücken - diese Fratze ist nur für den rechten Alibi-Rand reserviert. Sicherlich berechtigt, weil der fanatische Hass der NPD, DVU, Republikaner kein Hirngespinst ist, sondern in den Schwammwindungen jener Herrschaften wirklich eine Heimstatt hat. Aber warum haben nicht die aalglatten Vertreter der bürgerlichen Lager dasselbe Recht auf Entstellung ihres Gesichtes, auf das fotografierte und damit zeitlos gemachte Entgleiten ihrer Gesichtszüge? Denn eines dürfte klar sein, so blöde und voller Wut, dürften auch sie zuweilen aussehen. Nur dann landen die Abzüge des Fotografen, wenn er überhaupt auf den Auslöser drückt, im Abfalleimer, nicht auf den Titelseiten, von denen gegen die faschistische Gefahr herabgepredigt wird. Eine Gefahr, die nicht bei den entstellten Spottgesichtern zu suchen ist, sondern bei denen, die "in der Maske der Demokraten" daherkommen.

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In memoriam Guttenberg

Mittwoch, 22. Juli 2009

Wir sollten dieser Tage Karl Theodor zu Guttenbergs gedenken, jenes adeligen Ministers, der einstmals Beliebtheitsskalen erstürmte und sich als Widerstandskämpfer blaublütigen Zuschnitts gebärdete. Fünfzig Jahre ist es bereits her, es war der 20. Juli 2009, da Guttenberg eine historische Rede hielt, sie auch in zeitgenössischen Revolverblättern auszugsweise drucken ließ; fünfzig Jahre ist es her, da ein geistiger Umschwung die Republik erfasste, weil Deutschlands Ministerliebling vor die Presse trat, zurückhaltend aber mit Nachdruck, um der Deutschen Stolz zu beflügeln.

So stand er an jenem Tag auf den Brettern, die die Republik bedeuteten, und erklärte unseren Großvätern, „wir sollten stolz auf den Widerstand sein“ – er sprach vom Widerstand gegen Hitler, der Offizierswiderstand gegen den eigenen gottgleichen Herrn, dessen Erfolge vergangen waren und dessen Aura nicht mehr durch Blitzkriegerfolge aufglänzte, dafür aber von Kuchenkrümeln und speckigen Anzügen erfüllt war. Adlige Widerständler um Stauffenberg, unter denen auch welche des Geschlechts der Guttenbergs vorzufinden waren. Ja, so müssen wir heute, fünfzig Jahre nach seiner Rede vorbringen – ja, wir sollten stolz auf den Widerstand sein. Wir sollten stolz auf Karl Theodors Widerstand sein, den realen historischen Fakten nicht ins Gesicht sehen zu wollen, diesem Widerstand gegen jede wahre Vernunft. Wir sollten stolz sein, weil er uns bewiesen hat, dass das „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ gegen jede Pression standhalten kann. Wir sollten dankbar sein, denn Guttenberg ist ein Musterexemplar damaliger deutschen Eliten.

Standhaftigkeit lehrt er uns. Selbst dann aufrecht zu stehen, wenn man offenbar irrt, wenn man vielleicht sogar weiß, sich zu irren. Er tat jegliche Kritik seinerzeit mit seinem unnachahmlichen Snobismus ab, meinte, man mache es sich zu leicht, die Offiziere des Widerstands als Anti-Demokraten zu bezeichnen. Dies müssen wir uns heute möglicherweise auch vor Augen führen: Vielleicht würden wir es uns auch zu leicht machen, wenn wir Guttenberg nun, nach so vielen Jahren, moralisch verurteilen würden. Wir wissen nur wenig über seine Verträge mit der Presse, die ihm vielleicht einem solchen Druck ausgesetzt haben, wonach er so empathisch zum Reinwäscher deutscher Geschichte zu werden habe; wir wissen aber vom damaligen Zeitgeist, der in seiner parteilichen Einheit herrschte. Guttenberg hat womöglich nicht aus gutem Glauben aus den ehemals mitmarschierenden Widerständler einen Märtyrer gemacht, sondern weil er Anordnung hatte, den Deutschen wieder ein Leitmotiv des Stolzes zu geben, damit gleichzeitig die dunkel-deutsche Zeit vergessen machend, in der es wenig Motive des Stolzes zu finden gab.

Und es hat gefruchtet, wie wir heute wissen. Der Deutschen kriegerische Niedertracht verschwand nach und nach aus den TV-Programmen. „Hitlers Helfer“ wurden eingemottet, eine triviale Rückschau auf die menschlichen Auswüchse dieser längst vergangenen Zeit. Aus „Hitlers Helfern“ wurden „Hitlers Feinde“ – eine hagiographische Reihe, in der jeder noch so kleine Schreibtischwiderständler mediale Aufbereitung fand. In Randnotizen wurden auch die Geschwister Scholl und Georg Elser erwähnt, Hauptaugenmerk lag aber auf dem adligen und bourgeoisen Widerstand. Nach und nach verblasste die Einsicht, dass sich jederzeit ein solcher Totalitarismus wiederholen könne, weil den Menschen irrtümlicherweise präsent war, dass ein riesengroßes Widerstandsheer Hitlers Schergen ein Ende bereitet hätte. Im Laufe der Zeit war es unumstößliches Dogma, dass der deutsche Widerstand maßgeblich daran beteiligt war, den Krieg 1945 zu beenden. Aus Stauffenberg und seinen Kameraden wurden Vorreiter demokratischen Denkens; dass sie die Eroberungen Hitlers halten wollten, dass ihnen den verblutende Landser im Felde mehr Kopfzerbrechen bereitete, als der vergaste Jude und der erschossene Slawe, davon war nachher keine Rede mehr - Stauffenberg und seine Freunde waren nächstenliebende Nationalheilige, Philanthropen höchster Güte. Guttenberg hat den Grundstein gelegt, hat aus einer zweifelhaften historischen Figur eine Sagengestalt herausgefiltert und damit zu neuen deutschen Ufern geleitet.

Mit diesem Mythos, mit der Mär vom Widerstandsnest Deutschland, in dem nur wenige dem Nationalsozialismus treu waren, in dem die Eliten fieberhaft am Ende des Regimes herumkollaborierten, ließ sich der Deutschen damalige Weltgeltungssucht blendend ausgestalten. Afghanistan, der Irak, Einsätze an den Küsten Afrikas ließen sich mit dem edlen Deutschen, den unbelasteten Deutschen glaubhafter und ethisch einwandfreier umsetzen. Weil an den Hosen der Bundeswehrsoldaten kein roten Fäden festgezwirbelt waren, die bis zur Wehrmacht zurückführten, weil eben die Repräsentanten dieser Wehrmacht zu Rebellen im Namen der Menschlichkeit erklärt wurden, konnte man frohen Mutes der Welt den Stempel aufdrücken. Von deutschen Boden sollte kein Krieg mehr ausgehen, hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg: aber wenn anhand Stauffenberg und des riesigen Heeres von aufrechten Menschenfreunden, die Hitler ins Jenseits bomben wollten, der Krieg gar nicht von der Wehrmacht ausging, weil sie ja den Frieden per Tyrannenmord erwirken wollte, dann ging der Krieg doch nicht vom deutschen Boden weg, sondern von Hitlers Gedankengebäuden, vom Boden seiner Gedankengebäude, um ganz genau zu sein. Aus Stauffenberg wurde die stille Heldengestalt derer, die rund um den Globus für Deutschland verbluten durften, für ein Deutschland der Dichter und Denker, für ein Deutschland aufrechter Deutscher, die auch mal Nein sagen konnten, wenn ihnen das Gewissen ein Nein befohl. Der Bundeswehrsoldat stand für ein Deutschland edelster Gesinnung, unantastbar, weil sein Großvater in den Ruinen Stalingrads nicht gegen Sowjetrußland antrat, sondern insgeheim gegen Hitler agierte, als Teil der Wehrmacht, als Teil des Widerstandes also, der er damit war.

Wir dürfen uns als Gegenwart nicht anmaßen, jemanden wie Guttenberg zur Witzfigur zu degradieren, nur weil wir mittels Gnade der späteren Geburt bereits wissen, wohin sein wohlfeiles Auftreten seinerzeit geführt hat: zu Blut und Eisen, zu einer militaristischen Gesellschaft, die ihrem Deutschsein globales Echo zollen wollte. Er wusste es nicht, eventuell ahnte er es nicht einmal, denn rückblickend können wir behaupten, dass er einer jener Politikertypen war, die wenig Weitsicht, aber viel Ehrgeiz in sich vereinigten, zudem geschliffen und mit Manieren auftraten, selbst dann, wenn sie nichts zu erzählen hatten - letzteres war das Geheimnis ihrer Beliebtheit. Wobei sich nicht historisch klären läßt, ob die Zahlen öffentlicher Beliebtheitsskalen zutreffend waren, weil zur damaligen Zeit bereits Statistiken und Resultate gefälscht wurden. Schon bevor in den neuen Totalitarismus eingetreten wurde, wiesen sich in der Fälscher- und Schönermentalität der vor-totalitären Zeit die Zukunftspläne aus.

Guttenberg könnte schnell als Witz der Geschichte missverstanden werden, weil er aus der deutschen Geschichte einen Witz gemacht hatte – aber sparen wir uns diese Arroganz, sparen wir uns diese Unsachlichkeit. Stattdessen sollten wir stolz sein auf ihn, diesen Widerständler an der offenbaren Wahrheit, denn durch ihn wurde einmal mehr deutlich, worin das Wesen deutschtümelnder Nation, das Wesen deutschen Konservatismus, verbunden mit liberalen Fortschrittsphantastereien, lag. Guttenbergs Geist, der Geist seiner damaligen Rede, atmet in Reinkultur die Dreistigkeit und Frechheit, mit der deutsche Eliten seit jeher Großmannssucht blütenweiß waschen wollten. Anhand seiner Rede wird uns Nachkommen sichtbar, wie tief die Dummheit in elitäre Gehirnwindungen graviert war – und so besehen steht er seinem Idol Stauffenberg näher, als man das qua des zeitlichen Abstandes ihrer jeweiligen Lebensspannen hätte annehmen können. Beide glaubten an den Fortschritt der Welt, indem das Deutsche in die Welt hinausgeht... und hinausschießt.

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Aufruf zur Solidarität

Montag, 20. Juli 2009

Mit brennender Sorge müssen wir nun feststellen, dass in einem Land, in denen die Ärmsten der Armen wie Maden im Speck gedeihen, die Leistungsstärksten der Leistungsstarken einen Krückstock benötigen. Diese Gesellschaft erlaubt den Beziehern von Sozialleistungen feinen Kaviar zum Frühstück, eine moderne Einrichtung mit technischem Allerlei, noble Karossen und ein wohliges Leben in Glückseligkeit - der Leistungsträger aber wird alleinegelassen, muß von wenigen Pfennigen sein tristes Dasein bestreiten.

Wir solidarisieren uns mit Madeleine Schickedanz! Ihre Armut hat uns berührt! Wir armen Schweine der Gesellschaft, nehmen unsere Schwester in unsere Mitte, damit auch sie wieder in den Genuss eines alimentierten Lebens in Reichtum kommen kann. Es ist ein Skandal, eine Person wie jene, derart am Hungertuch nagen zu lassen. Was ihr den Geringsten unserer Schwestern antut, das tut ihr auch uns an! Wie sollen wir es eines Tages unseren Kindern erklären, dass Schwester Schickedanz nicht einmal Geld für Gemüse, Obst und Kräuter aufwenden konnte, weil sie Gemüse, Obst und Kräuter ja in ihrem Garten angebaut hatte? Wie wird es für unsere Kinder aussehen, wenn sie eines Tages erfahren, dass jene Frau für lumpige 40 Euro beim Italiener um die Ecke speisen mußte? Wir werden nichts zu unseren Gunsten vorbringen können, außer vielleicht, dass die Schickedanzens keine Bedarfsgemeinschaft waren, der Herr Gemahl seine Gemäldesammlung behalten durfte.

Damit die zeitgenössische Gesellschaft nicht eines Tages mit den Bildern der ausgemergelten Frau konfrontiert wird, wenn unsere Kinder im Geschichtsbuch Bilder unmenschlicher Zeiten nachblättern, heißt es nun Solidarität zu zeigen. Ihr Armen dieses Landes, ihr Armen dieser Welt, ihr Obdachlosen und ALG II-Bezieher, ihr chronisch Kranken und Kleinrentner, ihr Alleinerziehende und Verwitweten:

Kratzt aus eurem Sparschwein, was es hergibt, plündert eure Notgroschen, nehmt euer gesamtes Geld und schickt es ganz zur Schickedanz!

Es wäre doch gelacht, wenn eine reiche Gesellschaft wie die unsere, die Faulpelze und Minderleister wie Könige behandelt, nicht auch eine halbverhungerte Leistungsträgerin durchfüttern könnte. Keine Angst Frau Schickedanz, wir halten zusammen, jetzt wo Du eine von uns bist - wir halten solange zusammen, bis Du wieder obenauf bist und vergessen hast, wer Dich durchgefüttert hat! Wir halten zusammen, auch wenn wir nicht wissen, wie es wohl ist, wenn zwei Personen von 600 Euro im Monat (Gemüse, Obst und Kräuter herausgerechnet) leben müssen - wir wissen eher wie es ist, von 400 Euro vier Mäuler zu stopfen. Wir wissen auch nicht, wie es beim Italiener an der Ecke schmeckt, weil wir nur an jener Ecke lungern, Hut vor unserem Schneidersitz, Blick zu Boden, nicht aufs Teller. Wir wissen auch nicht, wie es sich anfühlt, von nur 600 Euro monatlich zu leben, aber nebenher aus Katalogen Jeans, Pantoffeln und Küchentechnik zu bestellen. Doch einerlei: denn wir halten zusammen!

Wir sind so solidarisch, wie Deinesgleichen mit uns solidarisch war und ist, als sie in unserem Namen Steuersenkungen forderten, die wir nachher mit leeren Kassen bezahlen werden müssen. Als sie Lohnnebenkosten gesenkt wissen wollten, damit mehr Arbeitsplätze entstehen, von deren Lohn niemand leben kann. Als sie die paritätische Sozialversicherung einseitiger Richtung Angestellte ausrichten wollten, damit das deutsche Unternehmertum wettbewerbsfähig bleibt. Wer sich so herzergreifend um uns arme Schweine gekümmert hat, der hat Solidarität verdient.

Nehmt also euer Geld und schickt es ganz der Schickedanz! Damit Leistungsträgerschaft sich auch auszahlt! Damit wir auch in Zukunft mutige und tatkräftige Unternehmer finden, die sich unserer annehmen! Wenn das Beispiel einer alleingelassenen Schickedanz Schule macht, wird sich keiner mehr aufrappeln wollen, uns das Glück per Katalog ins Haus zu schicken...

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Sit venia verbo

"Mir war immer schon unerklärlich, dass alles, was wir an Menschen bewundern, Edelmut, Güte, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand, Mitgefühl, Herz, in unserem Gesellschaftssystem nur zu Fehlschlägen führt. Während alle Eigenschaften, die wir angeblich verachten, Härte, Raffsucht, Selbstsucht und Charakterlosigkeit, zum Erfolg beitragen. Die Menschen bewundern diese guten Eigenschaften, doch was sie mit Vorliebe produzieren, sind diese grundschlechten. [...] Der Verkauf der Seelen, um die ganze Welt zu gewinnen, erfolgt heutzutage ohne äußeren Druck und einmütig."
- John Steinbeck, "Die Strasse der Ölsardinen" -

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In eigener Sache: Belagern uns Ich-AGs?

Sonntag, 19. Juli 2009

Ich kann nur für mich sprechen, bin aber relativ sicher, dass von mir geschätzte Kollegen, die ihre Energien ebenso aufwenden, sich des Wahnsinns unserer Zeit schreibend entgegenzustellen, ähnliche Erfahrungen in den letzten Wochen gemacht haben. Seit geraumer Zeit kommentieren hier Leute, die im aggressiven Tone am Inhalt meines Schreiben Anstoß nehmen. Da ich bekanntlich zensiere, wird hiervon wenig in diesen Räumen gelesen - daher teile ich es auf diesem Wege mit.

Inhaltliche Kritik ist natürlich immer erlaubt, wenn sie sinnvoll ist, wenn sie nicht an den Grundfesten von Aufklärung und Humanität rüttelt und meint, sie müsse mit zynischem Kalkül Widerlichkeiten zur freien Meinung krönen. Auch kritische Worte zur stilistischen Aufmachung meiner Zeilen sind machbar, auch wenn es mich zuweilen ärgert, wenn man sich an solchen Nebensächlichkeiten aufhängt. Doch was sich aber seit Tagen und Wochen hier immer wieder ergießt, ist ein aggressiver Ton der Beschwichtigung, der alle Inhalte, all meine Empörung über Mißstände, meine ehrliche Entrüstung am real Gegebenen, zu einer Übertreibung herabmindern will. Weder würden Arbeitslose so leiden, noch würde die Bundeswehr unehrenhaft handeln und auch der Roma würde weniger angstvoll leben müssen, wie man das gemeinhin wahrnimmt, wie ich das gemeinhin wahrnehme. Besonders infam unterstellt man mir "Hetze von der anderen Seite", weil ich eigentlich lebenswerte Zustände in Grund und Boden schrübe, wenngleich natürlich wenig talentiert und stilistisch zum Haareraufen.

Vor geraumer Zeit meldeten die NachDenkSeiten, dass es sowas wie Berufskommentatoren gäbe, die in Foren und Blogs kritische Meinungen entkräften und niederschreiben sollen. Es soll sich also dabei um eine Art intellektuelles Hurengewerbe handeln - ich entschuldige mich bei dem ehrenhaften Berufsstand der Hure! -, bei dem man tippend seine Beine spreizt, das heißt, eigentlich zwischen die gespreizten Beine der Machthaber klettert, um den vielversprechenden Weg des Erfolges, hindurch durch därmische Labyrinthe, vorbei an hinabgleitenden Nahrungsabfall, zu durchkriechen. Ich weiß nicht, ob mich solcherlei anale Charaktere, diese begnadeten Kletterspezialisten beehren, denn eigentlich fühle ich mich zu nichtig dazu. Doch überraschend ist es allemal, dass sich nun in Zeiten, in denen Alternativmeinungen einen Weg bahnen könnten, solche Freunde geglätteter Wogen, die alle Mißstände als relativ lebenswerte Zustände beschrieben wissen wollen, solcherlei Schönschreiber hier treffen - oder sind es journalistische Ich-AGs, die in diversen Blogs, Foren und anderen Plattformen, einige Groschen verdienen?

Es gibt kein allgemeingültiges Abbild der Welt. Jeder sieht die Welt, wie er sie sehen will. So besehen gibt es nicht eine Welt, sondern viele verschiedene Weltentwürfe. Was es aber gibt ist die Tendenz einer Welt, eine Richtung, in welche uns der Alltag abzugleiten droht. Darüber scheint es einen breiten Konsens zu geben, der über die Sphären der schreibenden Aufklärer hinausgeht, auch oftmals in den Alltagen der Menschen Niederschlag gefunden hat. Vielleicht stellt sich für mich das Los vieler Menschen tragischer dar, als für andere Menschen - vielleicht liegt es daran, dass ich es für unerträglich halte, wenn auch nur einer kleinen Anzahl von Menschen Unrecht widerfährt, während vielleicht die Mehrheit gerecht behandelt wird. Dass aber Unrecht eine Konstante ist, dass der Mensch davon lebt, "stündlich den Menschen zu peinigen, auszuziehen, anzufallen, abzuwürgen und zu fressen", dies läßt sich eigentlich nicht leugnen - Kritiker könnten vieles anmerken an meinem Tun, aber so zu tun, als seien die Zustände halbwegs idyllisch, das halte ich nicht nur für dumm, nicht nur für ein geschäftliches Handeln irgendwelcher fadenscheiniger Berufsentkräfter auf Ich-AG-Basis, sondern für ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Ich werde diese Art von Kritik, diese Kritik der Entkräftung, die meiner Meinung nach dazu verwendet wird, allzu kritische Gedanken als Spinnerei entlarven zu wollen, auch weiterhin nicht dulden. Und ich rufe meine Kollegen auf, ein Auge auf kritische Kommentare zu werfen, die sich nicht an bestimmten Positionen stoßen, sondern eine verkappte think positive-Mentalität erkennen lassen. Wir dürfen unsere Sichtweise der Dinge nicht pathologisieren lassen! Denn darauf zielt diese Form der Kritik ab; sie ist liberale Kritik, weil sie alles so belassen will, wie es ist.

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Der Zigeuner geht um!

Samstag, 18. Juli 2009

Im Osten Europas fristen sie größtenteils ihr zwangssesshaft gewordenes Leben in Ghettos, in Italien müssen sie ihre Fingerabdrücke registrieren lassen, dem wilden Mob werden sie beinahe allerorten willkürlich ausgeliefert. Als Volksgruppe werden sie nicht geachtet, weil ihr Lebensstil sich nur schwer mit den Vorstellungen moderner Gesellschaft vereinbaren läßt, weil das nomadisierende Dasein der kapitalistischen Produktionsweise keinerlei Sicherheiten bietet. Wo kämen moderne Gesellschaften denn da hin, wenn sie es dulden müßten dass Menschen keinen festen Wohnsitz haben? Es ist der ewige, jahrtausendealte Kampf der Sesshaften gegen jene, die als Nomaden ihr Leben fristen. So war es, als die ersten Felder bestellt wurden und die ersten sesshaften Bauern das plündernde Wandervolk vertrieben; so ist es noch heute, wenn Tuareg von afrikanischen Regierungen unterdrückt werden.

Den Sinti und Roma geht es in weiten Teilen Europas ähnlich. Sie gelten als das umherziehende und bettelnde Volk, als verschlagene Charaktere, als niederträchtige Gewalttäter, denen man nur mit staatlicher Repression Herr zu werden glaubt. Und weil man zur Repression auch immer eine demokratische Basis braucht, sofern man Wert darauf legt, auch als Demokratie anerkannt zu sein, muß auch das Volk daran teilhaben. So hetzen Medien und Regierungen auf, lassen Verfolgungsjagden und Lynchmentalitäten in den Gemütern sprießen, machen die fröhliche Zigeunerjagd, wenn schon nicht legitim, so doch wenigstens salonfähig und rauben ihnen den faschistoiden Ruch des Verbrechens.

Dies alles geschieht bevorzugt in jenen Teilen Europas, die von jeher wenig Ambitionen in Richtung Demokratie und Liberalismus hegten, die immer irgendwo Vorlieben für eine regierende starke Hand hatten. Das trifft für das politisch zerklüftete Italien ebenso zu, wie für den Großteil der osteuropäischen Länder. Und das trifft, man liest es hierzulande nicht gerne, auch für die Bundesrepublik zu. Sicher, es war eine Weile Ruhe, man hat Sinti und Roma, den gemeinen Zigeuner eben, nie besonders geliebt, aber man mußte vorsichtig sein, durfte nicht zu schroff gegen diese Opfer des Nationalsozialismus angehen. Kinder aus Familien, die den zigeunerischen Lebensstil pflegten, wurden demgemäß in den Hauptschulen dieses Landes nie besonders freundlich empfangen, stattdessen sahen sich Lehrer immer wieder dazu angehalten, diesen missratenen Bengeln die staatliche Ordnung, den sesshaften Geist inzuimpfen. Aber das geschah im Stillen, selbst im Klassenzimmer war das nicht immer für jedermann vernehmbar. Man mußte die historische Verantwortung schauspielern.

Doch nun, viele Jahre sind vergangen, seitdem Sinti und Roma in den Konzentrationslagern dieses Landes jämmerlich krepierten, darf die Maske der Zurückhaltung abgelegt werden. Es darf gehetzt, es darf der Stürmer herangezogen, es darf bis ins Blut aufgestachelt werden. Wenn auch der Inhalt des Schmierenstücks mehr als lächerlich ist, seine Wirkung verfehlt es nicht. Zigeuner, so steht da dick und fett zwischen den Worten, sind allesamt Bettler. Sie sind, das steht dort ebenso deutlich, reiche Bettler, die ja eigentlich über große Reichtümer verfügten, aber dennoch dem Bürger den Groschen aus der Tasche flehen. Da kommt das alte Ressentiment wieder durch, das Ressentiment, dass jeder Sinti, jeder Roma ein verschlagener und hinterlistiger Betrüger ist, dem man bloß nicht trauen soll - Misstrauen gegen Zigeunerpack als oberste Bürgerpflicht! Wie gesagt, die Wirkung wird nicht verfehlt, denn trotz des lächerlichen Inhalts, trotz der hanebüchenen Auffassung, eine Bettlerin könne in einer Stunde 3.000 Passanten um Geld abklopfen, womit sie, gäbe nur jeder Zwanzigste einen Euro, einen Stundensatz von 150 Euro hätte (sic!), trotz dieses zum Himmel schreienden Unsinns, finden sich genug Leser dieser journalistischen Notstandserklärung bestätigt und reichern die Inhaltslosigkeit um allerlei Dreistigkeiten an.

Was da an Kommentaren zu lesen ist, ist die zur Schrift gewordene Niedertracht des Straßenmobs. Solche, die in Italien Sinti und Roma verfolgen und deren Unterkünfte abfackeln, schreiben sich hierzulande bei Springer die Gehirnzellen wund - und die sind schnell wundgedacht! -, zündeln schon mal an Geistesgebäuden, bevor der Mut aufgebläht genug ist, um auch auf der Straße, wie von der Tarantel gestochen, auf den Bettler loszugehen. Was zu lesen ist, ist die übliche Tirade an Dummheit. Man sei ja kein Rassist, aber - aaaaber mit langgezogenem A - diese Zigeuner wollen sich einfach nicht integrieren. Wer nicht mitmarschiert, wer sich seinen eigenen Lebensstil bewahrt, der ist sofort suspekt! Brot würde man denen zuteilen, kein Geld, denn wer das gnädige Brot dankbar annimmt, der wird wohl wirklich arm sein. Unser tägliches Brot gib uns heute, beten Christen zu ihrem Gott. Da will sich wohl jemand gottgleich anhimmeln lassen! Und natürlich, man kenne einen, der werweißwieviel Reichtum besitzt, der aber freilich dennoch bettelt. Auch Hartz IV-Empfänger tummeln sich dort, werden wütend ob der bettelnden Zigeuner und verbrüdern sich damit mit den eigenen Unterdrückern, um Dritte zu unterdrücken - der gemeinsame Sündenbock, für den Armen wie für den Reichen gleichermaßen, ist damit installiert.

Gerade in solchen Zeiten benötigt man, nicht nur in Italien, nicht nur in Osteuropa, in dem es seit Jahrzehnten an Armut nicht zu knapp ist, sondern eben auch hierzulande, einen Sündenbock. Dazu taugt der BILD auch der Zigeuner, dieses Opfer des Nationalsozialismus. Man stelle sich vor, heute würde eine Tageszeitung von jüdischen Bettlern berichten, die schamlos Passanten anpöbelten - der Aufschrei wäre richtigerweise riesig. Sinti und Roma, obwohl auch über einen Zentralrat verfügend, haben keine Lobby. Nebenher wird der geschürte Hass auf Bettler eben solche treffen, die weder Roma noch Sinti sind, einfache Obdachlose, die an dieser Gesellschaft gescheitert sind. Man fragt sich also, wann wohl ungeniert die ersten Ohrfeigen knallen dürfen, die man einem Bettler direkt ins Gesicht donnert, nur weil er seinen leeren Magen sattbetteln wollte. Man fragt sich, wann es wieder zum feinen Ton gehört, den Zigeuner zum Übeltäter dieser Misere zu erklären, ihn zu jagen, zu verfolgen, ihn mit deutscher Kulturbeflissenheit zu kultivieren und ihn öffentlich an den Pranger zu stellen.

Es ist ein Treppenwitz unserer Zeit, dass ausgerechnet dieses Blatt immer wieder zum Kampf gegen die NPD aufruft, sich darüber besorgt zeigt, dass diese Partei der Zurückgebliebenen doch noch ein Machtfaktor werden könnte. Sie wird es nicht werden, das weiß man auch bei Springer. Aber um sich dahinter selbst zu verstecken, dazu ist die NPD nützlich. Wer nicht nur ein Machtfaktor werden kann, sondern schon ist, wer zudem rechtsradikale Tendenzen aufweist, das weiß Springer auch - man weiß doch, wer man ist. Bis dahin wird der Ton beinahe täglich ruppiger, ganz langsam und zielgerichtet, damit nicht zu viele Menschen merken, wohin die neue Tonlage uns trägt.

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Der Burgfrieden lauert

Freitag, 17. Juli 2009

Tapferkeitsorden für deutsche Krieger. Allgemeine Anerkennung für gefallene deutsche Jungs. Öffentliche Bewunderung bewaffneten Heldenmutes. Ein Bundespräsident, der Uniformen kleidsam findet und sie gerne öfter bei öffentlichen Auftritten sehen möchte. Deutsche Presse die immer kriegstreiberischer schreibt und den bereits entflammten Krieg als alternativlos hinstellt. Bundeswehr-Häscher, die auf Arbeitsämtern junge Männer mit der Gewalt deren Perspektivlosigkeit shanghaien. Provinzielle Stadtfeste (wie neulich in Ingolstadt), die mit Bundeswehr-Werbestände aufwarten, flankiert von überdimensionalen Feldjägern, die ihre Schusswaffe in die Menge hineinräkeln. Truppeneinsatz für Musiker - ganz wie einst Marlene Dietrich oder wie Johannes Heesters auf anderer Seite.

Man möchte es gerne lapidar abtun, es durch ein Paar Worte des Trostes entkräften, darüber hinweggehen, aber es scheint kaum möglich. Dieses Land ist drauf und dran, seine Traditionen zu reanimieren. Es ist kein Preußen als Namensgeber nötig, um preußische Liebhaberei ins Leben zurückzuholen; der geschliffene Marschschritt, der gewichste Stiefel und der blankpolierte Uniformknopf liegen dieser Nation im Blut, liegen den hiesigen Eliten im Charakter. Deutschland hat seinen Platz in der Welt zu verteidigen, und sei es auch nur als Propagandamasche für das Inland. Es ist so oder so dienlich für diejenigen, die in Zeiten der Krise Angst haben müssen, ihren sozialen Posten zu verlieren. Wo sich bekriegt wird, da werden Einflussbereiche wankender Eliten gefestigt, da wird die rumorende Burg befriedet. Die kriegerische Gesellschaft nach Außen kann, wenn sie gut gegossen, fein gehegt und gepflegt, regelmäßig gedüngt wird, eine friedlich gewordene Gesellschaft im Inneren werden - zumindest eine Zeit lang.

Man muß annehmen, dass nach den Bundestagswahlen zweierlei geschieht. Einerseits wird nach und nach das Ausmaß an sozialen Schweinereien sichtbar werden, das notwendig wurde, um gestürzten Milliardären wieder zu ihren standesgemäßen Positionen zu verhelfen, andererseits muß das dann gärende, brodelnde, vielleicht hie und da explodierende Gemüt der Masse kanalisiert werden. Um den Vorgang der Mehrwertbildung nicht zu gefährden, damit die inzestuöse Elite aus Politik und Wirtschaft nicht ihres Standes verlustig geht, bedarf es einer Spielwiese unzufriedener Strömungen. Afghanistan, Irak und auch der Iran, der nun immer häufiger als möglicher Gegner genannt wird, werden zur blühenden Spielwiese ausgebaut - blühend verwüstet, spielend ausgeblutet, Krieg für Frieden. Dazu muß die Volksgemeinschaft beschworen werden, was sie faktisch heute schon wird. Der Burgfrieden rückt an oberste Stelle, wird Priorität in einer Gesellschaft, in der zwischen Armen und Reichen immer größere Welten liegen - die Armut verbündet sich nicht, um gegen den Reichtum zu Felde zu ziehen, sie verbündet sich mit dem Reichtum, zieht sich auf eine befriedete Burg zurück, um gegen andere arme Schweine, weit weg auf einem anderem Kontinent, Frontverläufe zu bilden. Der Burgfrieden wird das größte Projekt der neuen Koalition sein, egal aus welchen Lagern sie sich zusammensetzt; er wird der nicht erwähnte Punkt des Koalitionsvertrages sein, gelingt dieser pervertierte Frieden, lösen sich die meisten anderen Sorgen von Politik und Wirtschaft von alleine.

Wir leben in aufgeklärten Zeiten, heißt es oft. Dabei deutet man auf die tumben Jubelarien hoffnungserfüllter Menschen, die im Januar 1933 einer besseren Zukunft ins Auge zu schauen meinten. Oder man belächelt das Deutschland des Burgfriedens 1914, meint feststellen zu müssen, dass es heute unmöglich wäre, verschiedenste gesellschaftliche Gruppierungen auf den nationalen und alles vereinenden Geist zu beschwören. Diese Arroganz ist das Narrativ unserer Zeit, die sich aufgeklärt zu nennen erdreistet, aber Schritt für Schritt zur abgeklärten Unaufgeklärtheit drängt. Sehen wir uns alleine ein unpolitische Person an, wie eben jene, die bald in Afghanistan das Truppenhäschen mimen will: Pazifistin sei sie, gibt sie eindrucksvoll zu Protokoll, aber sie habe Verantwortung innerhalb der Gesellschaft qua ihrer sozialen Position. Der alles vereinende Geist der Nation hat eine angebliche Pazifistin zur verantwortungsvollen Kriegsdienstleisterin erhoben, hat sie dazu verleitet, aus Friedensmotiviation heraus, den Krieg auf ihre Weise zu unterstützen. Wielange wird es wohl dauernd, angesichts einer angeblich drohenden Atommacht Iran, bis mancher unpolitische Zeitgenosse seinem unbedarften Intellekt ein Armutszeugnis ausstellt, um kurz darauf seinen persönlichen Kriegskredit zu unterzeichnen? Dann zieht man ganz unpolitisch, pragmatisch wie man ist, ins politischste aller Ereignisse: in den Krieg. Jeder auf seine Weise, jeder mit seinen Mitteln. Der eine singt für Truppen, der andere baut Sprengsätze an Fließbändern, dieser legt Feldgrau an, jener streitet am Stammtisch für den Krieg: die uniformierte Gesellschaft uniformiert nur einige Wenige tatsächlich, aber die Gesamtheit der Menschen wird im Kopf uniformiert, marschiert im Geiste mit, legt in der Phantasie Gewehre an.

Der Krieg liegt hierzulande auf der Straße - so oder so. Entweder wird man Krieg gegen die eigenen Mitbürger führen, wird per Militär Demonstrationen auflösen und hartnäckige Oppositionelle zur Strecke bringen. Oder aber man vereidigt das ganze Volk auf neue Kriege im Ausland, in denen die Bundeswehr keine Randerscheinung mehr sein soll, sondern ein maßgeblicher Faktor in Fragen des Blutes und des Eisens. Davor hatten die Gegner der Remilitarisierung, bis 1955 und darüber hinaus, panische Angst. Mit Franz-Josef Strauß am Ruder, schien es so, als würde doch wieder Krieg vom deutschen Boden ausgehen. Niemand hätte gedacht, dass der harte Hund Strauß ein Schulknabe ist im Vergleich zum biederen Technokraten Jung; jahrzehntelang konnte man die Kritiker der Remilitarisierung mundtot machen, indem man auf die humanitären Einsätze des Heeres verwies und auf die fehlende Kriegsgeschichte dieser Armee. Spät wird man ihnen beipflichten müssen, viel zu spät werden sie zu ihrem Recht kommen, werden nochmals Ansehen erhalten - und wir dürfen es ausbaden oder im Blutbad ersaufen.

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Nomen non est omen

Mittwoch, 15. Juli 2009

Heute: "Naturkatastrophe"

"Früher war die Naturwissenschaft ein Mittel zur Abwendung von Naturkatastrophen. Heute zur Anwendung."
- Dr. phil. Jeannine Luczak -
Das Wort Naturkatastrophe setzt sich aus dem lateinischen Wort "natura", die Geburt, und dem griechischen Begriff "katastrephein" für umwenden zusammen. Als Naturkatastrophen werden Vulkanausbrüche, Erdbeben, Fluten, Stürme, Waldbrände und Bergeinstürze bezeichnet. Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es bis heute nicht. Vielfach wird die Naturkatastrophe als ein Ereignis definiert, das negative Auswirkungen auf den Menschen und dessen Infrastruktur und Wirtschaft zeitigt. Der Terminus suggeriert, als seien diese Katastrophen rein natürlichen Ursprungs und der Mensch sei lediglich Opfer dieser Ereignisse. Dabei wird verschwiegen, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel entschieden dazu beiträgt, Naturkatastrophen zu forcieren.

So sind Vulkanausbrüche und Erdbeben für die Natur selbst meist keine Katastrophen, da sich die Natur schnell von solchen Ereignissen erholt. Für den Menschen sind es indes Katastrophen da es häufig viele Tote und große wirtschaftliche Schäden gibt. Nebenfaktoren solcher Katastrophen sind vor allem auch die globale expotentielle Bevölkerungszunahme, die Konzentration der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Infrastruktur in Großstädten sowie eine starke Besiedlung und Industrialisierung in Küstennähe. Seit 1950 gibt es eine weltweit starke Zunahme von Naturkatastrophen.

Sie werden auch heute noch in weiten Teilen der Erde als religiöse Zeichen, vielmehr als den Zorn der Götter gedeutet. Ob diese Ereignisse tatsächlich religiösen Ursprungs sind, sei mal dahingestellt. Fakt ist, dass der Mensch durch seine Lebensweise wesentlich für die Zunahme von Naturkatastrophen mitverantwortlich ist. Insofern verschleiert der Begriff hier die Mitschuld des Menschen.

Dies ist ein Gastbeitrag von
Markus Vollack aka Epikur.

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Ich habe versagt

Dienstag, 14. Juli 2009

Neulich beim Belauschen eines Gesprächs zwischen zwei famosen Müttern. Man hatte den Eindruck, beide wüßten haargenau wovon sie redeten, man glaubte beinahe, Kindererziehung sei eine exakte Wissenschaft, die Patentrezepte zulasse und Theoretika erlaube. Beide haben eine Handvoll Kinder, beide haben Karriere gemacht - richtige Kraftfrauen, muskulöse Amazonen, die am Midas-Komplex leiden, alles zu Gold verwandeln, wenn sie es auch nur anhauchen. Es geht ihnen alles locker von der Hand, sie erziehen zudem vorbildlich, sind Mütter par exellance. Ihre Kinder müssen glückliche Wesen sein, konnte man erahnen, bekommen stete Aufmerksamkeit, verbringen viel Zeit mit ihren Eltern, haben die Tugend der erzieherischen Weisheit direkt vor ihrer Nase sitzen.

Und da wurde es mir offenbar: Ich bin ein Versager! Ich habe als Vater versagt! Mit dieser Menge, vorallem aber mit dieser Qualität erzieherischen Sendungsbewußtseins, bin ich nicht ausgestattet. Ich bin nicht der immer souveräne, immer gelassene, immer überblickende Vater, der da zwischen den Zeilen der beiden verbrauchten Damen lümmelt. Es kommt schon vor, dass ich laut werde, auch mal richtig schreie; es kommt vor, dass ich meine Kinder ungerecht behandle; es kommt vor, dass ich meinen Kindern keine Aufmerksamkeit schenke, wenn sie wieder einmal in ein Gespräch hineinzuplatzen versuchen; es kommt vor, dass ich meinem Sohn empfehle, er möge seinen alltäglichen Schulhofpeiniger einfach mal eine verpassen, wenn dieser das nicht anders kapieren will; es kommt vor, nicht zu knapp, dass ich meinen Kindern auch das Nein gegenüber deren Obrigkeit lehre. Ich habe nicht nur versagt, ich versage täglich erneut, immer wieder, beinahe zielgerichtet. Den Eindruck, ich würde ausgewogen nach pädagogischem Plan, involviert in die exakte Lehre des Erziehens, meine Kinder durchs Leben geleiten, habe ich nicht, hatte ich nie. Stattdessen scheint es, als herrsche das Chaos.

Ich bin nicht der standfeste Vatertyp, in der Wut bestrafe ich gerne mal voreilig, nehme die Strafe aber schnell wieder zurück - die Damen hätten mich fehlender Standfestigkeit bezichtigt. Meine Kinder dürfen mich auch schief von der Seite anquatschen, solange sie nicht beleidigen, ich quatsche sie ja wohl auch oft genug schief an: verspiele ich da nicht meine gottgegebene Autorität? Erziehe ich mir da keine kleinen Anarchisten groß? Und wie erzieherisch wertvoll ist es, wenn ich in einem Moment lauthals schimpfe, um bereits drei Minuten später mit ihnen herumzublödeln? Da lauscht man zwei vornehmen Damen, beide standfest in ihre Allwissenheit vernetzt, legen dar, wie vorbildlich ihr Elterndasein verläuft, mit wieviel Gelassenheit und Ruhe sie erziehen - und dann sehe ich mich: so gar nicht perfekt, so gar nicht ausgewogen, mal der zürnende, mal der kumpelhafte Vater; oft im Irrtum, oft voreilig wütend, manchmal auch vernachlässigend wenn Schelte angebracht wäre; hier milde, dort hart - Ausgewogenheit als Fremdwort.

Was beide hier unwissentlich, als Marionette höherer Interessen, veranstalten, ist die Gleichschaltung des modernen Menschen. Unausgewogenheit ist eine Charaktereigenschaft meinerseits, ich bin nicht launisch, aber es entspricht meinem Wesen, zwischen guter Laune und Melancholie zu schwanken. Aber dann stellen sich Erziehungsritter vor die Republik und predigen einen Typus Vater oder Mutter, der in allen Facetten einem stilisiertem Ideal zu folgen habe. Alles was den Menschen, denn das Elternteil bleibt ja Mensch, ausmacht, seine Neigungen und Wesenszüge (eben auch die Unausgewogenheit), haben in den Hintergrund zu treten, um Erziehungsarbeit leisten zu können. Da wären wir schon beim Punkt: Erziehungsarbeit! Die Erziehung ist zur Arbeit degradiert, zur Leistungstat, zur Fließbandtätigkeit, die scheinbar immer den gleichen Handgriff erfordert. Dass Erziehung etwas ist, was nebenher geschieht, keine konkrete Tätigkeit, mehr ein Mitleben innerhalb einer Familie, ein unbewußter Vorgang, der nur in den seltensten Fällen bewußt wird, verschweigt die Begrifflichkeit von der Erziehungsarbeit. Denn wo gearbeitet wird, da braucht es Disziplin. Das Elternteil muß diszipliniert sein, muß sich selbst zurückstellen, muß alle Konzentration auf das Kind lenken, muß nach Plänen aus den Köpfen von Pädagogen belehren und steuern, muß liebevoll führen, aber nicht zu liebevoll an seinem eigenen Charakter, an seinen eigenen Mängeln kleben. Denn am Arbeitsplatz hat Privates fernzubleiben. Perfekte Eltern sollen herauskommen, weil in diesen Zeiten nur das Perfekte Geltung haben soll, Professionalität zum Ausdruck von Qualität umgedeutet wurde.

Bei Kleinigkeiten geht es los, wenn man den Kleinen beispielsweise erklären soll, dass dies oder jenes nicht ihnen, sondern irgendeinem Spielkameraden gehöre. Kommunitäre Eigentumsauffassungen haben in der modernen Erziehung unserer Gesellschaft nichts verloren, stattdessen wird von Kindesbeinen an antrainiert, die Eigentumsverhältnisse zu dulden, als unantastbar erscheinen zu lassen. Man lehrt ihnen immer noch, wie zu Urgroßvaters Zeiten, dass Widerworte gegen Autoritäten ein Tabu sind, wenn Lehrer, Pfarrer oder Vater spricht, soll andächtige Stille herrschen, selbst dann, wenn das Gesprochene offenbarer Unsinn ist. Man hat nach einem Masterplan zu erziehen, nach Werten dieser Gesellschaft. Und wer diese Werte nicht vertritt, zudem seinen Erziehungsauftrag nicht steril ausführt, sondern seinen elterlichen Charakter offen zuläßt, der soll sich an den Gesprächen solcher Muttertiere geradezu ernüchtert fühlen, sein Versagerdasein begreifen lernen. Es ist nicht die gute Absicht der beiden Damen, die sich in solchen Gesprächen niederschlägt - (von der Leyen weicht ja auch ziemlich plump der Frage aus, ob es denn materielle Armut gäbe, Saalfrank läßt das Schwammige unkommentiert, bestreitet zudem angeblich auch Wahlkampf für die SPD, in der sie Mitglied ist, seitdem Schröder notwendige Sozialreformen durchgepaukt hat, so ihr O-Ton kürzlich) -, es ist kühle Kalkulation. Seht her, so wird erzogen und nicht anders! Erziehung ist nicht individuell, es ist eine kollektive Tätigkeit. Die Individualität der Kinder soll ein wenig berücksichtigt sein, aber das Elternteil ist Teil eines gesellschaftlichen Kollektivs, hat zu erziehen, wie wir uns das vorstellen!

Es gibt genug Menschen, die sich den eitlen Sonnenschein dieser beiden Damen schwer zu Herzen nehmen, die dadurch ihre eigene unzulängliche Erziehungsmethode als Ausdruck ihrer Kläglichkeit erkennen. Nicht nur ihres erzieherischen Versagens, sondern des kompletten Versagens, des Versagens auf ganzer Linie, des In-den-Sand-Setzens ihres gesamten Lebens. Dabei wird vergessen, dass die Erziehungen von der Leyens und Saalfranks zu großen Teilen auf Kindermädchen beruhen, um die Karriere zu schützen, und was noch viel wichtiger ist: es wird verschwiegen, dass die beiden Damen sicherlich nicht gelassen und mit vollem Überblick über ihre Kinder regieren. Es wird auch dort Chaos herrschen, wie beinahe überall, wo Kinder leben - das macht auch den Reiz aus, mit Kindern leben zu wollen. Die Erziehungsideologie, die sich in solcherlei belanglosen Gesprächen niederschlägt, ist die Ideologie, des durchgeregelten Kindes. Als müsse alles vorab geplant und entworfen sein, Erziehung dazu da sein, das Kind möglichst bald einfügsam zu machen, damit es funktioniert.

Es ist oft sehr anstrengend, keine zu angepassten Kinder zu haben, es ist mühsam, raubt Zeit - aber man weiß, es ist so angelegt worden, damit aus ihnen einmal mündige Erwachsene entschlüpfen und keine Ja-Sager und Kopfnicker, die nichts mehr hinterfragen, weil sie bereits in der Pubertät seelisch verstorben sind, nachdem man sie jahrelang in allzu perfekten Erziehungentwürfen gefangensetzte. Ja, aus deren Sicht bin ich sicherlich ein Versager, kein endgültiger, weil ich mich ja um meine Kinder kümmere, nur eben anders als andere, charismatischer vielleicht, auch mit drastischeren Worten als andere Elternteile. Aber ein gemäßigter Versager bin ich doch - kann es ein größeres Lob geben, als jenes, nicht ins bürgerliche Erziehungsmuster zu passen?

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De dicto

Montag, 13. Juli 2009

"Kein Zweifel: Es ist etwas faul im Abkassierer-Staat. Die Senkung von Steuern und Abgaben ist deshalb kein Luxus; sie ist überfällig."
- BILD-Zeitung, Hugo Müller-Vogg am 13. Juli 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Nun betätigt sich Müller-Vogg als Sloterdijk für Minderbemittelte, stellt den ellenlangen Aufsatz, den der Philosoph neulich in der FAZ abdrucken ließ, auf BILD-Niveau um, streicht, kürzt, läßt Passagen weg, zieht die bloße Quintessenz. Und siehe da: Zwölf Sätze, fünf Absätze, von Rousseau wird gar nicht mehr gesprochen, aber das Fazit ist unumstößlich: Wie leben in einem Abkassierer-Staat! Mehr braucht der Leser nicht wissen, keine Spur vom Landraub und solchem Schnickschnack, keine Darlegung historischer Fäden, die erklärbar machen könnten, warum der Diebstahl zur Grundlage der Macht und des Besitzes wurde. Seine Dialektik ist keine hinführende, sondern eine plump behauptende - das unterscheidet, bei aller finalen Gleichheit, Sloterdijk dann doch noch vom wortverklemmten Schwulstikus.

Der Staat sei unersättlich, läßt er verlauten. Als ob der Staat eine Maschine wäre, die nur Geld zerreiße. Das tut er zwar auch, man muß nur auf Verschwendung von Steuergeldern blicken, auf die Mitnahmementalität diverser Herrschaften aus den Niederungen der politischen Welt. Aber trotz allem sind das geringe Summen. Wohin aber die Unsummen gehen, läßt sich täglich erkennen. Die Müller-Voggs dieser Republik erfreuen sich an der hiesigen Infrastruktur, die sie in Anspruch nehmen können, sie lassen ihren Reifenabrieb auf öffentlichen Straßen zurück, führen ihre Rotznasen in Kindergärten und Schulen - und vielleicht kommt auch einmal eine Zeit, da solche Müller-Voggs ihren arroganten Rüssel in ein Arbeitsamt stecken müssen, damit man sie dort alimentiert. Solange müssen andere versorgt sein, damit Müller-Voggs in Frieden ihren Unsinn schreiben können, ohne an jeder Straßenecke überfallen zu werden. Der böse Staat, der fressende Staat: das ist das Credo dieser nebligen Gestalten. Dabei leben sie ganz gut vom großen Fressen der Staatsmaschinerie. Und wenn es dann darum geht, dass Ruhe und Ordnung geschaffen werden soll, werden diese Westentaschen-Anarchisten, anarchistisch inspiriert nur in Fragen des eigenen Geldbeutels, diese Staatsfeinde aus Gründen der Selbstsucht, zu gläubigen Jüngern der Staatsautorität. Da ist der Staat dann wieder gut, das Maß aller Dinge, unbedingte Notwendigkeit.

Wenn der Apologet beginnt, seine Zeilen mit "kein Zweifel" oder "eines ist unleugbar" oder "daran kommt keiner vorbei" beginnt, dann ist meistens der Zweifel berechtigter Gast. Mit Floskeln leitet ein, vorallem auch bei Texten im voggschen Kurzformat, wer keine Inhalte zu bieten hat. Da werden selbst zehn oder zwölf geplante Sätze zur Ewigkeit, da rettet einen jede sinnfreie Phrase, die außerdem auch noch auf Linie trimmt und Gegenfragen beseitigt. Es ist wahrlich nur die Quintessenz des Sloterdijks, die uns Müller-Vogg hier präsentiert, dumpf paroliert, ohne Argumente, einfach nur hinausgeplärrt in die Welt des Geizes. Fein säuberlich mit ein, zwei Sätzen aufhetzend, dass man ab dem morgigen Tage auch wieder für den eigenen Geldbeutel arbeite. Er wird genug Dummköpfe finden, in prekären Arbeitsverhältnissen steckend, die Müller-Voggs Elaborat als aufgeklärtes Wort zur rechten Zeit feiern, Steuersenkungen für jedermann fordern, und nachher arbeitslos werden und gekürzte Bezüge erhalten, weil die Kassen nichts mehr hergeben.

Man muß keine Analysen aus den Federn von Ökonomen lesen, keine Prognosen überfliegen: es reicht im Feuilleton quer durch die Republik zu lesen, es reicht Kommentatoren zu verfolgen und deren krudes Schaffen - dann weiß man, wie schlecht es um dieses Land bestellt ist. Hätten wir solche Müller-Voggs nicht, wir könnten in dem Irrglauben leben, es stehe noch nicht so schlimm um uns...

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Ich kenne einen...

Die Hartz IV-Regelsätze sind nicht zu niedrig, meint er. Er kenne auch einen Hartz IV-Empfänger, ganz persönlich, ein Intimus quasi, und der lebe immerhin in Saus und Braus, der rauche sogar und käme ab und an auf ein Bier in die Kneipe herüber. Ich kenne einen, leitet er dann seinen Satz ein, ich kenne einen Arbeitslosen, dem geht es gut. Er kenne einen Arbeitslosen, der ein schönes Leben habe, Zeit und ausreichend Geld, genug Jammerkraft habe er zudem. Aber schuld sei der Erwerbslose an der Misere nicht, viele wollen ja arbeiten, bestimmt die Hälfte der Arbeitslosen, meint er mitmenschlich. Er sei ja kein Unmensch, aber man müsse schon deutlich sagen, dass jemand, der nicht arbeitet, auch keine zu hohen Ansprüche stellen dürfe. Schon gar nicht, wenn es denen eh so gut geht.

Die wollen sich nur in unserem Sozialstaat einnisten, meint er. Er kenne selbstverständlich auch Asylbewerber, nicht zu persönlich, aber immerhin. Alleine schon, dass man sie erstmal aufnimmt, sie wochen- und monatelang auf Verfahren warten läßt, sie in dieser Zeit durchfüttere - sind wir Deutschen denn des Wahnsinns? Die säßen alle nur in ihrer afrikanischen Steppe, warten darauf, endlich ihrer Heimat zu entfliehen und dann reißen sie sich unseren Wohlstand unter den Nagel, meint er. Er wisse das, sein bekannter Asylant habe ihm das in aller Deutlichkeit gesagt. Eine Mauer würde er errichten lassen, sich abkapseln von diesem faulen Pack jenseits des Mittelmeeres, Selbstschussanlagen installieren. Man sollte mehr Spendenaktionen ins Leben rufen, schließlich sei man trotz alledem Mensch und Christ. Und denen, die eine humanere Verwahrung von Asylstellern fordern, gehöre ordentlich die Fresse poliert. Man halte die Hoffenden zwar sehr spartanisch, aber es gehe ihnen doch gut, sie bekämen Suppe und Aspirin - mehr wollen die eh nicht. Nicht Arbeit, nur Sozialhilfe sei das Ziel, bekräftigt er, dies sagte ihm sein asylierender Bekannter.

Drückeberger, und das seit Jahrhunderten, schimpft er. Er kenne einige Sinti und Roma, hoffnungslose Faulpelze, laut und ordinär seien sie, empörten sich ständig darüber, dass sie in ganz Europa unbeliebt sind, im Osten und Süden würden sie laut Eigenangaben sogar regelrecht gejagt. Sie bräuchten sich gar nicht so künstlich zu entrüsten, denn sie zahlten ja auch keine Steuern, weiß er. Sie würden sich ja willentlich der Solidargemeinschaft entziehen und sind daher nicht besonders liebenswert. Anders sein wollen und auch noch Extrawürste braten, das habe man ja gerne. Er hätte nichts gegen Zigeuner - er sagt Zigeuner zu Sinti und Roma -, aber sie machen es einem nicht besonders leicht. Eine laute und schmierige Bagage sei das, die nichts mit dem Leben innerhalb geordneter Bahnen zu tun haben wolle. Das wisse er alles aus erster Hand, direkt aus Zigeunermund, der zwar selten Wahrheit kund täte, aber in diesem besonderen Falle würde er eine Ausnahme machen und dem Gesagten Glauben schenken.

Und wen er noch so kennt: Mikrokredit in Anspruch nehmende Rumänen, die natürlich allesamt ein Haus in Deutschland finanziert hätten, rentenerschleichende Russen, einen in Luxus lebenden deutschen Kleinrentner, kindergeldsüchtige Alleinerziehende und allerlei Kuriositäten mehr. Er kenne Gott und die Welt, zu jedem sozialen Brennpunkt könne er einen Zeitgenossen benennen, der die Diskussion entschärfe, weil letztlich keine Suppe so heiß geschlürft würde, wie man sie zur Zubereitung erhitze. Weil er vielleicht solche menschlichen Fallbeispiele kenne, vielleicht auch nicht, das kann man nur schwerlich beurteilen, weil er also ein Exemplar jeder Art aus dem Hut zaubern könne, seien Rückschlüsse auf die Gesamtheit erlaubt. Statistiken und Erhebungen, Berichte mehrerer Einzelfälle, addiert zu einem Bild der Gesamtheit - wer braucht das schon? Die eigene Erfahrung am lebenden Objekt, das Kennen irgendeines fernen Nachbarn, macht die Bewertbarkeit des Weltbildes erst möglich. Weil man oberflächlich erkennt, dass der Arbeitslose einen Rest seiner Würde bewahrt hat, folgert man daraus, es gehe ihm blendend; weil der Asylsuchende nicht aufbegehrt in der Kargheit seiner geweißten Zelle, glaubt man, er sei zufrieden und fühle sich im Garten Eden; weil der Sinti gerne schwungvolle Balladen singt, deshalb müssen die Berichte verfolgter und verfolgungsbetreuter Genossen nichts als Lüge sein.

"Ich kenne auch einen..." beginnt er seine Vorträge. Und so schließe ich hier: Ich kenne einen, eigentlich kenne ich eine Handvoll solcher Menschen, die immer wieder jemanden kennen. Ich kenne einen, der erzählt mir im gröbsten Jargon solche Dinge, manchmal bierdunstig unterlegte Worte, manchmal in Wolken von Schweißmief verpackt. Abends besucht er seinen Stammtisch, vormittags und nachmittags trägt er das Niveau dieses Tisches mit sich herum, lädt jeden arglosen Passanten ein, sich auf sein Niveau hinabzubegeben. Dann nimmt er Anlauf, erzählt von seinen ominösen Bekanntschaften, kehrt den Menschenfreund heraus, er sei ja kein Unmensch, aber genug sei eben genug und das müsse man doch sagen können. Ein tiefgründigeres Gespräch ist nicht machbar, spricht man von Kant, glaubt er, man meine den Markennamen eines Winkel- und Kantenschleifers, zitiert man Marcuse, fragt er sich, was Doktor Mabuse zur Sache tut. Kant und Marcuse kennt er schließlich nicht, aber er kennt andere, wichtigere, bedeutendere, seinen kleinen Kosmos immanentere Typen - oder auch nicht: wer will ihm seine Bekanntschaften widerlegen?

Ja, auch ich kenne einen, eine trübe Gestalt, entgeistigt und vollkommen isoliert in seiner Welt des Ich-glaube und Ich-meine und Ich-kennen-einen. Der, den ich kenne, ist Deutscher. Ich kenne auch einen Deutschen!, könnte ich nun hinausschreien. Die sind gar nicht dichtend und denkend, eigentlich sind das plumpe Leute, vollkommen verblödet, sitzen viel um Stammtische herum, lassen kein gutes Haar an Schwächeren, ja, eigentlich sind sie immer noch Nazis. Verkapptere Nazis als einst! Aber alle Nazis! Alle Deutschen ausnahmslos! Nur dann... dann wäre ich nicht besser wie diese Alles-und-jeden-Kenner, dann wäre ich das Spiegelbild der Dummheit. Ich kenne einen, aber der steht nicht für alle; ich kenne einen, der verblödet ist und dabei leider auch noch redselig. Er ist zufällig Deutscher, ist nicht dumpf, weil er Deutscher ist, sondern ist dumpf und deutsch. Ich kenne ihn als einen Freund schwarzer Dialektik, als einen Feind aufklärerischer Positionen, als einen Selbstdarsteller, der auch noch meint, er würde aufklärerische und fortschrittliche Gedanken an den Mann bringen, der von sich selbst überzeugt ist, ein mündiger, selbstdenkender, autonomer Charakter zu sein.

So einen Kerl kenne ich. Eigentlich kenne ich viele solcher Menschen. Nicht nur Kerle, sondern auch grobschlächtige Frauen, die sich schwerfällig an den Nächsten heranmachen, um ihre Dummheit als Belesenheit zu verkaufen. Manche Menschen will man einfach nicht kennen, aber man kann über seine Bekanntschaften oft nur schwer verfügen. Der Arbeitslose, der auf Asyl Hoffende, Sinti und Roma haben sich ihre Bekanntschaften mit solchen Dampfplauderern auch nicht aussuchen können...

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Journalistischer Umgang mit Diktaturen

Samstag, 11. Juli 2009

Ersterer läßt sich nach zweifelhaften Wahlen zum Präsidenten ausrufen - zweiterer wird immer wieder gewählt, weil ihn sein selbstgefälliges Haus- und Hofmedienimperium stets erneut reinwäscht. Der eine läßt Demonstranten mit Gewalt niederknüppeln - der andere hat zur Rottenbildung ermuntert, läßt Bürgerwehren zu, die mit Stahlrohren an Minderheiten und Migranten Zivilcourage üben. Dieser spricht sich für eine drakonische Gesetzgebung aus, bei der auch Hände dem Säbel zum Opfer fallen dürfen - jener erläßt per Gesetz Selbstamnestien, die ihn nach seinem Machtmißbrauch als unschuldigen Mann aus Amt und Würden entlassen. Der eine läßt religiöse Mystiker, fremde Glaubensgemeinschaften und Sekten verfolgen - der andere verfolgt eine rigide Politik des Rassismus, behandelt Afrikaner wie streunendes Vieh. Hier weint man um Neda Agha-Soltan - dort um Carlo Giuliani.

Was Berlusconi und Ahmadinedschad verbindet ist der Umstand, dass demokratische Strukturen gut zu ihnen waren. Die freie Wahl hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind. Beide sind Volkstribune, weil sie ihre Macht auf legitime Wahlen begründen; beide können sich nicht Diktatoren nennen, weil sie die Macht nie ergriffen, ihrem Volk nie aufdiktiert haben, sondern nur dankbar annahmen, als das Volk sie ihnen in den Schoß warf. Sie diktieren ihrem Volk Untragbarkeiten auf, diktieren ihnen die Spielregeln von Meinungsfreiheit und Oppositionsarbeit vor, sind aber keine diktierenden Diktatoren. Der Faschismus und das Totalitäre sind in demokratischen Fahrwassern angekommen. Es gibt keine Diktatoren mehr, nicht weil die Welt besser geworden, nicht weil das Diktatorische ausgestorben wäre - nein, weil sie - die Welt - demokratischer geworden ist, weil sie den Ruch demokratischer Legitimität kultiviert hat. Wenn das Volk einen Lumpen auf den Thron setzt, dann ist er kein Tyrann mehr, dann ist er der Mann des Volkes. Oder, frei nach Roosevelt, und damit das Motto US-amerikanischer Außenpolitik zitierend: Dann ist er zwar ein Hurensohn, aber deren Hurensohn, der Hurensohn des Volkes.

Was sie trennt ist indes schwieriger zu definieren. Unrecht bleibt Unrecht, etwaige mildere Vorgehensweisen der Menschenverachtung sind ohne Aussagekraft, weil das Unrecht immer ungerecht für denjenigen bleibt, der davon betroffen ist. Wenn hier schwingende Stahlrohre nur auf Extremitäten knallen, während sie dort auch Schädelknochen zum Bersten bringen, dann ist die erstere Variante nicht demokratischer, nur weil man weniger lebenswichtige Körperstellen traktiert hat. Müßte man sie aber wirklich unterscheiden, die beiden Diktatoren, die keine sind, qua definitionem gar nicht sein können, weil sie sich dem Volk nicht aufdiktiert haben, sondern das Volk sie sich selbst auferlegt hat - (eine seltsame Variante der Diktatur des Proletariats) -, dann sollte man in die Zeitungen unserer bundesrepublikanischen Zivilisation blicken, dann sollte man hierzulande in die Blätter des großen Meinungsmachers schauen.

Und in diesen aus Skandalgeschichtchen und politischer Dummheit ranzigen und speckigen Blättern findet sich ein Berlusconi, der so gar nicht an den kleinen Mann aus der Emilia-Romagna erinnert, der einst als Duce Weltgeschichte für italienische Journalisten ersonnen hat. Stattdessen winkt er mit Blondinen und Brünetten vom Aufmacher herunter, darf sich als gealterter, aber dennoch freudig penetrierender Casanova produzieren und die Skandale um ihn vergessen machen. Man liest bei Springer nichts von den Squadri, die mit Stahlstangen durch italienische Stadtteile mit rumänischer Bevölkerung ziehen, nichts vom Antiziganismus des Regimes, von der strengen Registrierungs- und Depressionspolitik gegen Sinti und Roma. Nein, Berlusconi bumst sich durchs BILD, darf sein geliftetes Gesicht als Antlitz des Italian Stallion darbieten und sein altersschwaches Genital zum Sujet der Berichterstattung küren.

Der Menschenfreund aus dem Mittleren Osten wird weniger freundlich behandelt. Jeder Artikel, der sich mit ihm befaßt, wird mit den journalistisch neutralen Worten "Neues vom Irren aus Teheran" eingeläutet. Was folgt ist das übliche Theater vom Atombombenbau, vom Regime der Mullahs, von der Unterdrückung der Frau, vom Geist des Mittelalters, der in dieser Weltregion herrsche, vom rückständigen Islam und von Ahmadinedschads Absicht, Israel den Erdboden gleichzumachen - und diese Mär vom aus der Welt gebombten Israel, obwohl mehrfach erklärt wurde, dass die Übersetzung, die eine solche Mission in die Welt setzte, fehlerhaft gewesen sei. Viele der Vorwürfe mögen sogar stimmen, Opposition wird im Iran nicht gerne gesehen, Menschen werden unterdrückt - aber warum trifft das dann nicht auch für Italien zu? Gerade für Italien, Mitglied der EU, quasi ein Nachbarland unsererseits? Mangelt es dem Iran, mangelt es Ahmadinedschad an Modepüppchen, die er gassiführen könnte?

Mit dem Nachbarn Italien legt man sich nicht an, selbst wenn dort der Sensenmann wütet. So hielten es einst schon die biederen Demokraten der Weimarer Republik, die sich ihrerseits ebenso wenig um die Belange jenseits der Alpen kümmerten. Aber der Iran, auf dem Objekt der Begierde sitzend, mitten in einer geostrategisch wichtigen Weltregion, muß noch teuflischer als der Teufel selbst umschrieben werden. Die Interessen sind die altbekannten. Wer Diktator ist und wer nicht, das entscheidet hierzulande nicht die (journalistische) Objektivität, sondern die wirtschaftliche Interessenlage, das entscheidet maßgeblich das Verlautbarungsorgan des deutschen Stammtisches, das entscheiden Diekmann und Konsorten. Da können noch so oft menschenunwürdige Zustände auf Lampedusa auftreten, noch so oft Sinti und Roma aus den Städten Norditaliens vertrieben werden, noch so oft Bürgerwehren unerwünschte Köpfe in Neapel oder Mailand demolieren - für uns hat Italien demokratisch zu sein. So wie der Iran schon in der Zeit vor Ahmadinedschad als totalitär und rückständig gegolten hat, obwohl in dieser Ära die Alphabetisierungsrate anstieg, gerade auch immer mehr Frauen lesen und schreiben lernten, obwohl zeitgleich - und als Resultat der Alphabetisierung - sich die Geburtenkontrolle bemerkbar machte und Wahlen immer wieder zu Regierungswechseln führten - all das, als Spiegelbild sich demokratisierender Zustände, spielte seinerzeit schon keine Rolle. Indem man den Iran trotz tendenzieller Demokratisierung international ächtete, hievte man einen Mann wie Ahmadinedschad auf den Chefsessel der Nation. Der angeblich Irre aus Teheran ist durchaus als Reaktion auf diese Ächtung zu verstehen.

Der zeitgenössische Diktator wird nicht an den Zuständen in seinem Land gemessen, er wird nach dem Nutzen für unsere Gesellschaft kaschiert und gedeckt, so wie Demokraten zuweilen zu Tyrannen umfunktioniert werden, wenn sie sich zu demokratisch gebärden. Der Grund, warum Berlusconi sich in der BILD erigiert, ist sicher nicht seine unbremsbare Libido - weil Knochen knacken, weil Blut fließt, weil die dortige Polizei rüde auf unliebsame Menschen eindrischt, Leberwursttaktiken anwendet, wie einst die Polizei Berlins, nur noch rüder, noch gewaltsamer, daher ist Berlusconis senile Geilheit Thema. Er hat kein Diktator zu sein, weil es nicht in unserem Interesse liegt, dass er ein solcher ist. Darum spielt er den notgeilen alten Bock, als Gegenentwurf des demokratischen Diktators...

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Liberal sein bedeutet, alles zu belassen, wie es ist

Freitag, 10. Juli 2009

Quatsch! Was uns an dieser sozialistischen Gleichmacherei stört ist doch weniger der Umstand, dass alle ungefähr im gleichem Rahmen verdienen würden. Das stört uns jedenfalls insofern nicht, wenn wir von denen sprechen, die diese Gesellschaft arbeitend oder verwaltend am Leben halten. Leistungsträger sollten selbstverständlich nicht im engen Korsett fast gleichhoher oder besser –niedriger Löhne entlohnt werden. Aber was darunter, unter dem Leistungsträger geschieht, da sind wir doch liberal. Wenn die Menschen Gleichmacherei des Lohnes wollen, na bitte, dann stehen wir dem nicht im Wege. Es ist ja auch gelebter Liberalismus, die zum Himmel schreiende Dummheit der Werktätigen und der Unterschicht zu akzeptieren.

Aber Liberalismus hat Grenzen. Das muß man wissen. Gleichmacherei kann nicht überall geduldet werden. Wenn fünfundneunzig Prozent der Menschen einen Pauschallohn wollen, dann bitte, das verstehen wir zwar nicht, aber wir dulden es, ganz im Geiste unserer liberalen Ahnherrn. Doch wenn durch Gleichmacherei Strukturen verschwinden, Hierarchien bröckeln, die Ordnung erlischt, ja dann kann man doch selbst als Liberaler nicht mehr freiheitlich gesonnen bleiben, dann muß man erst mal unfrei denken, damit man frei bleiben kann.

Man stelle sich nur mal vor, der Angestellte, der sich ein eigenes Büro erarbeitet hat, würde sich nicht mehr besser und wichtiger fühlen, als solche Angestellten, die sich in Gruppen- und Großraumbüros selbst überwachen; diese wiederum wären sich dessen nicht mehr bewusst, einen höheren Stellenwert zu haben, als die armen Trottel die in hitzedurchfluteten Werkshallen Fließbändern hinterherhetzen. Letztere fühlten sich nicht stärker als solche, denen die Fließbänder längst enteilt sind, die also erwerbslos wurden; während die Erwerbslosen selbst nicht mehr mit stolzer Miene auf Obdachlose herabsähen. Und wer ohne Dach ist, der labt sich eben an der Rechtlosigkeit von Asylanten, erfreut sein eigenes Vegetieren am Siechen der Asylhoffenden.

Wenn nun all diese Gruppen, andere freilich auch, die ich hier der Kürze wegen nicht erwähnt habe, einen ziemlich gleichen Lohn hätten, der Angestellte in etwa so viel verdienen würde, wie ein Erwerbsloser, dann wäre das zwar durchaus seltsam, aber irgendwo noch begreiflich und beherrschbar. Wenn aber die sozialistische Gleichmacherei diese Herrschaftspyramide kippt, eine horizontale Hierarchie installiert, die vielleicht nicht perfekt funktionieren, die aber die Dialektik der Massen schleifen würde, so dass diese sich nicht mehr von oben herab führen oder zügeln oder aufwiegeln ließe, dann ist ein Maß an Freizügigkeit gegeben, welches selbst wir Liberalen nicht mehr dulden können.

Zahlt man ihnen einen Lohn in den Grenzen von Gleichmacherei, läßt dabei die Leistungsträger, also die Herren dieser wunderbaren Welt, außer Achtung, so ist diese altruistische Mentalität am Ende vielleicht sogar barer Vorteil für die stillen und lauten Anführer unserer Welt. Man könnte sich große Summen sparen, die kostentreibende Berechnung der Löhne fiele weg, so wie die Arbeitskräfte, die solche Berechnungen betrieben haben. Aber wenn die Hierarchie kippt, und sei es nur die Hierarchie innerhalb des Fußvolkes, so kippt früher oder später – wahrscheinlich früher – auch die Potenz der Herren.

Was wäre denn los, wenn ein Bürohengst nicht mehr verächtlich auf einen schwitzenden und stinkenden Fließbandritter hinunterblicken würde? Wie soll das denn gut gehen, wenn der Arbeitende nicht voller Argwohn seinen Nachrücker, der Nachhut der industriellen Armee, den Arbeitslosen entgegentreten könnte. Am Ende begriffen diese Menschen, dass es keine Menschen mit Mehrwert gäbe, selbst dann nicht, wenn sie Mehrwert schafften. Wie soll denn diese Gesellschaft noch vorwärts kommen, Fortschritte machen, wenn man den verschiedenen Gruppierungen nicht mehr drohen könnte? Wenn man beispielsweise einem Sachbearbeiter nicht mehr fragen kann, ob er denn zukünftig so stinken möchte, wie sein Kollege in der Montagehalle? Oder den Erwerbslosen nicht mehr sachlich darauf aufmerksam machen dürfte, ob er denn nicht Angst habe, einmal so rechtlos zu werden, wie sein sudanesischer oder nigerianischer Mitmensch, der seine Rechte ja schon in der Wüste, auf der Ladefläche der Menschenschlepper zurückgelassen hat? Wie sollten wir vorankommen, wenn nicht mit diesem Schlangengift?

Geld ist da nur Randerscheinung. Hierzulande arbeiten Menschen für Aufwandsentschädigungen. Sie arbeiten teilweise höchst motiviert, weil man ihnen Hoffnung macht, weil man sie wissen läßt, dass sie besser sind als solche, die nicht einmal die Aufwandsentschädigung in Anspruch nehmen möchten. Sie arbeiten ohne Lohn, aber sie arbeiten: das läßt sie in der gesellschaftlichen Hierarchie aufsteigen. Wir haben erkannt, dass der Verdienst nur ein Faktor ist, denn wichtig ist die Hierarchie – die Hoffnung hofft nicht auf dicke Gehaltsschecks, sie hofft auf den Aufstieg in der Pyramide. Arm sein und naserümpfend einige Treppenstufen hinabblicken zu können: so läßt es sich leben. Aber wehe der Gesellschaft, die auch nur daran denkt, diese Stufen abzutragen, Häuser nur noch ebenerdig zu bauen!

Und nicht auszudenken, wenn diese Spinnerei vom Gleichmachen auch noch global angewandt würde. Wenn man ganze Völker auf gleicher Augenhöhe behandeln würde. Unser Wohlstand wäre dahin. Nicht unserer in dem Sinne, denn wir Leistungsträger sind unantastbar, aber der relative Wohlstand der fünfundneunzig Prozent würde schwinden. Damit könnten wir noch leben; uns ist es egal, ob jeder Erwerbslose auch satt wird. Aber wenn er nicht mehr erfüllt von Dankbarkeit seinem Gott huldigt, der ihn in Europa und nicht in Afrika auf die Welt beförderte, dann bröckelt alles, dann gehen wir alle zugrunde. Und dieses Wir sind dann wir alle, auch und vorallem wir Leistungsträger.

Nichts gegen Gleichmacherei, wo sie angebracht ist, das heißt, wo sie keinem wehtut oder bestenfalls eine Modeerscheinung ist. Aber Ordnung muß nicht nur sein, sie muß bleiben. Liberal zu sein bedeutet, alles so zu belassen, wie es ist. Wir können uns keine Welt vorstellen, in der wir nicht anhand von Treppenstufen aufhetzen, motivieren und mundtot machen können. Mit einer Lohnerhöhung haben wir bis heute kaum Leistungssteigerungen bewirkt, aber wenn wir dem Angestellten einen Mitmenschen vorführen, der seit Jahren in Arbeitslosigkeit lebt, dann blüht er auf, dann merkt er erst, wie gut es ihm in seiner Not doch eigentlich geht. Dann lächeln wir verständnisvoll, nicken großzügig, weil wir ihm Meinungsfreiheit zugestanden haben, aber schleudern im knallhart ins Gesicht, dass er auf hohem Niveau jammert. Wie sollen wir die Not denn anders verwalten, wenn nicht mit den Nöten der Anderen, die wir dem Notleidenden vor Augen führen? Wir können den Armen dieser Gesellschaft ihr mieses Leben nur dadurch erträglich machen, indem wir auf noch miesere Lebensentwürfe deuten. Wenn ein liberal gesitteter Mensch glaubt, er müßte die Not im Keime ersticken, dann ist er kein Liberaler, dann ist er Gleichmacher, Sozialist, irgend so eine Form von Kommunist, ein Roter eben, ein Träumer und Phantast, ein Terrorist letztlich, der unsere Gesellschaft zerdeppern will. Man muß solche Leute unfrei machen, damit sie die Freiheit nicht beflecken.

Wenn der Penner Geschichte wird, dann wird auch der Leistungsträger Geschichte. Daher brauchen wir den Penner, damit wir auch weiter gebraucht werden. Wir sind ihm dankbar, wir sind froh, dass es ihn gibt – zeigen dürfen wir es ihm aber nicht. Voll Dankbarkeit treiben wir ihn an, damit er gefügig bleibt; voll Dankbarkeit verweisen wir auf ihn, nennen ihn ein Negativbeispiel, fragen Kinder, ob sie denn mal so werden wollen, wie diese abgerissene Gestalt; voll Dankbarkeit benutzen wir ihn als Treibstoff des Fortschritts. Würde nicht ständig die Not des endgültigen Abstiegs, diese zu Fleisch gewordene Ausweglosigkeit des Niedergangs, in den Köpfen der Menschen herumspuken, wäre die Hierarchie auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet und mit ihr, lägen auch wir dort. Und früher oder später – wahrscheinlich auch in diesem Falle früher – läge dort die ganze Menschheit. Denn was wäre sie ohne uns?

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Sit venia verbo

"O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte ...
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann ...
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser --?
Ja, dann ...
Ja, dann verdienst dus nicht besser."
- Kurt Tucholsky -

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Jung und feige

Mittwoch, 8. Juli 2009

Die Tapferkeit, gerade jene vor dem Feinde, ist wieder salonfähig geworden in dieser Gesellschaft. Zumindest arbeitet man darauf hin, sie wieder zum Diskussionsstoff auf rauschenden Festen und Bällen unserer Eliten zu erheben. Es ist Ihr Verdienst, ungeliebter Herr Jung, wenn Herrschaften von Rang und Namen - sie im Abendkleid, er im Smoking - mit militärischen Vertretern parlieren, dabei den heldenhaften Mut „unserer Jungs“ loben und voller Ehrfurcht der blutigen Geschichten lauschen, die man sich dann an solchen Abenden, die übrigens dann auch mit Uniformen und allerlei Orden durchzogen sein werden, über sich ergehen lassen muß. Ja, Sie sind der Verwirklicher und Visionist der uniformierten Gesellschaft, einer Militärgesellschaft, in der wieder Märsche gespielt und Orden poliert werden dürfen. Ein billiger Visionist freilich, weil Sie ja eigentlich keine Visionen haben, sondern nur ordinär im preußischen Geschichtsbuch herumblätterten, um historische Leichname wiederzubeleben – aber zu mehr reicht es scheinbar in jenen gesellschaftlichen Regionen, in denen Sie, Herr Jung, paradieren, ohnehin nicht mehr.

Sie lassen also Orden verteilen, mit denen die soldatische Tapferkeit hervorgehoben werden soll. Was zudem auffällt ist, dass Soldaten nicht mehr getötet werden, nein, heute fallen sie wieder – und es ist eine Frage der Zeit, wann man sie erneut blumig im Felde zurückläßt. Stellen Sie sich nur vor, Herr Jung, das Publikum würde begreifen, dass Tapferkeitsorden direkt mit dem Tode verbunden sind. Das wäre für Sie eine Katastrophe! Denn vom gestanzten Blech tropft das Blut nur so herunter. Afghanisches Blut ebenso wie deutsches, menschliches wie tierisches, Greisenblut wie Kinderblut, weibliches und männliches – die Tapferkeit des Soldaten, die Erbarmungslosigkeit des Krieges, kennt keinen Unterschied. Die von Ihnen postulierte Tapferkeit ist die große Gleichmacherei des Schlächterhandwerks - Gleichmacherei im Namen der westlichen Gesellschaft, der Gesellschaft des gelebten Individualismus. Und weil dem so ist, weil der rote Lebenssaft nur so rinnt, sterben eben keine Soldaten mehr, sie werden nicht einmal getötet oder gar zerrissen oder enthauptet, nein, sie fallen, sie fallen einfach um. Das wirkt unblutig, wenn gefallen wird, als habe einfach das Herz zu schlagen aufgehört. Dies ist die Tapferkeit deutscher Soldaten, sie fallen unspektakulär – paßt irgendwie nicht zusammen, es ist schwer, einem (hin-)fallenden Soldaten Tapferkeit attestieren zu wollen. Aber Sie werden schon nicht wissen, was Sie da tun.

Nun häufen sich ja die Berichte, wonach sich die Bundesregierung, deren Bestandteil Sie ja auch sein sollen, verstärkt auf soziale Unruhen einstellt. Nebenher fordern Leute aus Ihren Reihen, die Bundeswehr, dieses Heer tapferer Krieger, verstärkt ins Inland zu holen. Was darf man sich denn erhoffen, Herr Jung? Wie läuft das dann? Wenn meinesgleichen auf die Straße tritt, verärgert und im Gefühl des Verarschtwerdens und -seins, vielleicht sogar mit knurrendem Magen, wenn dann Soldaten auflaufen, Gewehr im Anschlag, mutig auf Köpfe, heldenhaft auf Bäuche, tapfer auf Aorten zielend - werden Sie dann auch Medaillen verleihen? Wie ist das, Herr Jung, wenn ein pflichtbewusster Soldat mir, dem protestierenden Teilnehmer eines Massenmarsches, todesmutig auf meinen Oberschenkel zielt, dabei versehentlich meine Schädeldecke durchlöchert? Bekommt ein solcher Kerl die Tapferkeitsmedaille? Weil er meine Person, Vater zweier Kinder, aus der Welt geschossen hat? Gilt dies auch noch, wenn herauskommt, dass er eigentlich nicht tapfer meinen Kopf durchschießen wollte? Und habe ich, das heißt meine Erben, Anteil an der Bonusprämie? Ohne mich hätte es ja dann diese Tapferkeit gar nicht gegeben...

Also, wie ist es nun, Herr Jung? Wenn Sie es für notwendig erachten, deutschen Soldaten fern der Heimat, im Kampf gegen eine schlecht ausgerüstete Miliz, eine Handvoll Streithammeln, zu ehren, dann müßte doch der deutsche Soldat an der Heimatfront, Auge in Auge mit Hunderttausenden oder Millionen von Demonstranten, mit dieser Übermacht des Feindes, erst recht honoriert werden. Und natürlich darf geschossen werden! Tapferkeit setzt das voraus. Und wie ist das dann eigentlich, wenn ein Taliban in Afghanistan einen deutschen Soldaten meuchelt? Wie ist das eigentlich, wenn man einen Tapferen ermordet? Ist man dann nicht tapferer als der Tapfere? Gilt dies dann auch für Demonstranten sozialer Unruhen? Oder nennen Sie das dann Heimtücke, Herr Jung? Und überhaupt: Ist nicht der Wüstentaliban ein artverwandter Typus des deutschen Straßentaliban, der demonstrierend an der Obrigkeit rüttelt?

Ich kann mir jedenfalls nicht helfen, für mich sind beide, meuchelnder Taliban oder tapferer Soldat, mörderische Bestien. Und dann diese Uniformen! Mich erinnert das alles an Zeiten, die ich nur von Bildern her kenne. Es ist sicher unfair, einem jungen Kerl in Uniform die deutsche Geschichte unter die Nase zu reiben. Er ist viel zu jung und zu naiv – Sie nennen das freilich tapfer, was ich naiv nenne – um zu begreifen, dass er im Bunde steht mit uniformierteren deutschen Zeiten. Nein, das wäre unfair. Aber unfair ist es auch, dass ich mich in der Nähe solcher Uniformen krank fühle, am liebsten flüchten möchte, Angst bekomme. Wenn ich eines Tages, wenn das Pulverfass Deutschland doch innerlich scheppert, auf die Straße gehe, mich einreihend in eine soziale Unruhe, mich einer Legion von Uniformen entgegenwerfe – Herr Jung, bin ich dann nicht tapfer, weil ich meine Angst, meine Uniformen-Phobie, überwunden habe? Bekomme ich dann aus Ihrer Hand einen Orden?

Sie indes bekommen keinen Orden, denn Sie sind ein Angsthase. Bei Ihnen wird nicht mehr gestorben, bei Ihnen wird gefallen. Sie haben keinen Mut zur Wahrheit, keinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein solcher Schisser bekommt keine Orden. Sie sind, wenn man es recht bedenkt, der falsche Charakter, um Tapferkeiten zu ehren. Sie sprechen auch nicht von den vielen zivilen Opfern solcher Einsätze. Sie schweigen, haben den Schneid nicht, das afghanische Blut in aller Öffentlichkeit aufzuwischen. Stattdessen tun Sie so, als gäbe es eine solche Blutlache gar nicht. Und dann nennen Sie diesen Einsatz eine Friedensmission – glauben Sie ernsthaft, es macht die Frauen, Kinder und Männer glücklicher, wenn sie wissen, dass sie eine verirrte (oder zielgerichtete?) Kugel im Namen des Friedens getroffen hat? Nein, jemand wie Sie erhält keine Orden, keine Tapferkeitsauszeichnungen. So wie einst Tapferkeit ausgezeichnet wurde, so wurde Feigheit bestraft. Bestrafen Sie sich selbst, Sie armseliger Feigling, treten Sie zurück! Und zuvor überreichen Sie dem afghanischen Volk die Tapferkeitsmedaille - und zwar dafür, dass es seit Jahren zu ertragen hat, von der westlichen Welt tyrannisiert zu werden; dafür, dass die Weltöffentlichkeit das Sterben unschuldiger Afghanen als Kollateralschäden abtut; dafür, dass kleinmütige Schreibtischfeldherrn wie Sie, von Friedenseinsätzen sprechen, während das Blut des Krieges die staubigen Straßen Afghanistans rötet.

Feigheit wurde in Kriegszeiten - und im Krieg sind wir - drakonisch bestraft. Das würde ich nie fordern, denn auch Sie, als personifizierte Furchtsamkeit vor dem Herrn, dürfen in den Genuss der Menschlichkeit kommen. Hasenfüße sind mir als Menschen oftmals sogar viel lieber, nur dürfen sie dann nicht auf solchen Positionen nisten, wo sie sich mit gespieltem Draufgängertum selbst verleugnen müssen. Also, Herr Jung, Ihre Konsequenz? Achso... Sie bleiben feige auf Ihrem Sessel kleben – das war zu erwarten, Sie Held!

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Ökonomisierte Kinder

Montag, 6. Juli 2009

Die bayerischen Grundschulen informieren, dass es „Hitzefrei ab 27 Grad Außentemperatur“ zukünftig nicht mehr gibt. Stattdessen entscheiden nun die Schulleiter selbst, wann bei „besonders großer Hitze“ der Nachmittagsunterricht ausfallen soll, zudem die Hausaufgaben erlassen werden dürfen. Der Vormittagsunterricht bleibt unangetastet – jedenfalls in den meisten Grundschulen. Der Schulleiter kann in Ausnahmefällen aber dennoch das Unterrichtsende verfügen, was aber mit Rücksicht auf arbeitende Eltern tunlichst vermieden werden soll. Selbiges gilt auch für Bayerns Hauptschulen, auch für Ganztagsklassen, die den Unterricht dann in gemilderter Form, bis 16:00 oder 17:00 Uhr über sich ergehen lassen müssen.

Während ältere Schulgebäude mitsamt ihren kühlenden Gemäuern als antiquiert aussortiert werden, gleichzeitig architektonische Funktionalbauten mit gigantischer Frontverglasung und dünnen, leicht aufzuheizenden Außenwänden (nicht Mauern) entstehen, kippt gleichzeitig die Möglichkeit, das überhitzte Kind aus dem Unterricht zu entlassen. Das alles geschieht aus ökonomischer Vernunft, weil man das Kindsein zum reibungslosen Szenario für die Eltern umgestalten will.

Die bayerische Schulordnung wurde nicht nur auf Betreiben der Politik alleine um den Hitzefrei-Paragraphen erleichtert, dahinter standen vorallem Elterninitiativen, die sich für die Abschaffung von Hitzefrei stark machten. Man könne in der bisherigen Form seinen Arbeitstag nicht planen, müßte dann spontan eine Aufsichtsperson finden oder selbst die Aufsicht übernehmen, hätte halt einfach keine Planungssicherheit. Daher hinfort mit Regelungen, die im Wege stehen, hinfort mit der elterlichen Vernunft, hinfort mit medizinischen Bedenken. Wichtig ist zunächst, dass der eigene Spross dem Beruf nicht im Wege steht. Dass es womöglich die gleiche Sorte Eltern ist, die dann bei der Neueröffnung des neuen, modisch verglasten Schulgebäudes überschwängliche Ahs! und Ohs! und Ist-das-schöns! hervorblöken, will man sich gar nicht erst ausmalen.

Auf Bayern Realschulen und Gymnasien, so argumentiert man tautologisch, würde das schon lange so gehandhabt; manche behaupten, dort sei es gar schon immer ohne Hitzefrei gegangen. Als würde es die Unvernunft einer solchen Forderung, die ja nun Realität wurde, in irgendeiner Weise schönen, wenn andernorts ebenso unvernünftig gehandelt wird. Ausgerechnet Bayerns Gymnasien als Vorreiter und Beispiel, ausgerechnet jene Schulform also, die aus Kindern Lernmaschinen macht, ihnen alle Freizeit raubt und sie zu kleinen Kosten-Nutzen-Primaten degradiert!

Was sich abzeichnet ist die vollkommene Ökonomisierung der Alltags, vor der selbst unbedarfte Eltern nicht mehr zurückschrecken. Kinder zu haben soll zukünftig heißen, sich als Erwachsener, als Elternteil, nicht gestört zu fühlen; Kindsein hat zu heißen, in einen Rahmen gepresst zu werden, schnell zu lernen, schnell selbstständig zu werden, schnell nützlich zu sein. Darauf arbeitet der Zeitgeist hin, besonders engagierte Eltern und deren Initiativen werkeln munter mit, beschleunigen den Willen der Eliten, wollen nur das Beste für ihre Kinder, bewirken aber immer wieder schlechtere Zustände, die dann als Verbesserungen präsentiert werden. Anstatt die Politik in die Pflicht zu nehmen, per Gesetz solche Arbeitsplatzmodelle zu erstellen, die den Eltern mehr Freiraum und Zeit ließen, paßt man sich willig den Mißständen an. Das heißt also, anstatt die Veränderung bei den Kindern zu fordern, die so sein sollen, dass sie sich möglichst mit der herrschenden Ökonomie vertragen, sollte an der Ökonomie selbst angepaßt werden - aber das sehen die undogmatischen Dogmatiker aus Initiativbewegungen als Frevel am freien Markt an. Immer wieder beweisen Elterninitiativen, dass sie nichts am Zustand verändern wollen, sondern möglichst pragmatische Lösungen anstreben, die schnelle Problembehebungen versprechen - ohne Rücksicht auf Kinder und Mitmenschen. Die übliche Elterninitiative, meist angeregt von besonders engagierten, beruflich fixierten Eltern, die im Beruf wie auch im Privaten zu einer besonderen Art Großtuerei neigen, ist ökonomisiert, mit elitären Forderungen durchzogen, auf Kosten-Nutzen-Denken getrimmt. Wären sie es nicht, würden sie von Politik und Wirtschaft nicht ernstgenommen. Initiativen, die sich um wirkliches Kindeswohl kümmern, werden als Ausdruck von Anspruchsdenken weggewischt.

Unlängst war zu lesen, dass eine Schulleiterin der Ansicht sei, spätestens, wenn eine Klassenlehrerin aufgrund Hitze ohnmächtig wird – wie kürzlich geschehen -, sei das ein Anzeichen dafür, auch die Kinder heimzuschicken. Diese Aussage klingt in Zeiten ökonomischer Vernünftelei fast schon philosophisch und aufklärerisch, dabei ist sie im rechtem Lichte besehen, doch nur ein Armutszeugnis. Muß denn erst jemand umkippen? Muß sich erst Überhitzung einstellen, um vielleicht doch mal eine Ausnahme zu machen? Gerade das wollte der Hitzefrei-Paragraph präventiv vermeiden. Es ging nicht darum, wie das die berichtenden Medien immer wieder gerne erklären, den Kindern eine freie Spielzeit zu erlauben, sondern um die Tatsache, dass bei großer Hitze nicht gelernt werden kann, zudem ein Risiko auf Überhitzung entsteht. Und in Zeiten hoher Ozonwerte, von denen kaum noch jemand spricht, wäre eine Rückzugsmöglichkeit zu den heißen Mittagsstunden nur allzu vernünftig. Wenn aber dann mehrfach Kinder mit Anzeichen von Überhitzung heimkehren, dann verbünden sich entrüstete Eltern, die vormals schon in Sachen Planungssicherheit verbündet waren, dann lasten sie es den Lehrern an und fühlen sich (wieder einmal) alleinegelassen...

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De dicto

Sonntag, 5. Juli 2009

"Bei uns sitzt man mindestens 15 Jahre, durchschnittlich sind es 17, aber eben nicht lebenslänglich, wie es uns das Wort vorgaukelt.
Dann schon lieber 150 Jahre als Rekordstrafe für einen Rekordbetrüger, selbst wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint."
- BILD-Zeitung, Peter Hahne am 5. Juli 2009 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Wieder einmal befleißigt sich die BILD als Rächer im Namen der Gerechtigkeit, wieder einmal steht die bundesrepublikanische Auslegung von lebenslanger Haft zur Diskussion, und wieder einmal muß der übliche Kinderschänder herhalten, um die angeblich zu lockere Haftmoral dieses Landes zu geißeln. Man fühlt sich an gesellige Stammtischrunden erinnert, in denen solche Themen bei Weißwurst und Brezen, hinuntergespült von einem kühlen Weißbier, in die Runde gebrüllt werden. Auch dort wird der Kinderschänder zum Sujet, damit aus juristischer Vernunft, aus den Rückgriff auf die Menschenrechte, eine emotionale und herzergreifende Debatte entstehen kann. Wie kannst Du nur einen Kinderschänder verteidigen?!

Hahne will in seiner sonntäglichen Philippika allen Ernstes erklären, dass fünfzehn Jahre Haft ein Pappenstiel seien, quasi auf einer Backe abgesessen werden können, während im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch unbegrenzte Haftstrafen erlassen würden. Und mit der gleichen Ernsthaftigkeit ist er bemüht zu erklären, dass mit richtigen Gutachtern und teuren Anwälten, die sowieso schon laxe Strafe nochmal ermäßigt wird. Sowas gilt hierzulande sicher für Ackermanns und Zumwinkels, aber für einen Sexualstraftäter sicherlich nicht - einerseits aus Mangel an der nötigen Finanzierung eines teuren Anwalts, andererseits aber auch, weil man der Justiz nicht ernsthaft vorwerfen kann, sie würde mit voller Absicht, um Eltern potenzieller Kinderopfer zu ärgern und in Angst und Schrecken zu versetzen womöglich, Täter zu früh auf freien Fuß setzen. Die richtigen Gutachter, so könnte man Hahnes Deutung von "richtig" erklären, sind solche, die sich ein positives Menschen- und Weltbild bewahrt haben, in dem ein Sünder nicht zwangsläufig bis in alle Ewigkeit mit seiner Sünde durch sein Leben rennen muß, sich bessern kann, eine zweite Chance erhalten sollte. Und solche richtigen Gutachter lassen fürwahr viele gebesserte Charaktere aus der Haft, ohne dass jemals wieder ein Rückfall stattfindet - natürlich gibt es Ausnahmen. Gutachter geben Prognosen ab, sie können nicht in die Zukunft blicken.

Die Möglichkeit einem Straftäter eine zweite, vielleicht auch eine dritte und vierte Chance zu erteilen, ist keine Willkürtat der deutschen Justiz. Sie fußt auf den Menschenrechten, die lebenslange Haft ohne Aussicht auf Resozialisierung und einem zukünftigen Leben in Freiheit, nicht zulassen. Dieses Denken wiederum rührt geradewegs aus den Fundus christlicher Nächstenliebe, in der es von jeher ein Zeichen von tiefer Menschenliebe war, auch den Sündern nicht ewig ihre Sünden vorzuhalten, sie in die Arme zu schließen und wieder an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Es dürfte ja nicht verwundern, dass sich jene bigotte Tageszeitung über solche Aspekte des Christentums hinwegsetzt, man weiß ja, wie gerne man dort den Papst feiert, über Kirchliches berichtet, aber im gleichem Atemzug gegen vieles wettert, was ein wirklich jesuanisch inspirierter Christ nicht verurteilen dürfte. Es ist eben das Kampfblatt des Klein- und Spießbürgertums, das sich zum ritualisierten Schönwetter- und Sonntagschristentum bekannt hat, und daher nichts weiter als eine Ausgeburt von Bigotterie. Aber wenn sich der Theologe und sich sonst so fromm gebende Hahne so äußert, dann muß man sich fragen dürfen, in welcher Lotterie er sein abgeschlossenes Theologiestudium gewonnen hat.

Was aber die theologische Sophisterei betrifft, das großkotzig geschwungene Wort, das bedeutungsvolle Formulieren von aussagefreien Sätzen und dergleichen, da hat Hahne viel vom Studium profitiert - am Inhalt fehlt es aber... mal wieder. Es ist das Gequatsche eines Laienpfaffen, der viel von Nächstenliebe fabuliert, aber nicht alle Menschen als seine Nächsten betrachtet.

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Auf der Tretmine

Samstag, 4. Juli 2009

Es ist, als würde die besinnliche Stille eines Waldspazierganges, diese trügerische Sturmesruhe zwischen Bäumen und Wiesen, durch ein leises, aber doch in der Stille fein vernehmbares Knacken durchrissen. Man bleibt stehen, blickt um sich, bekommt zögerlich einen vagen Schimmer, woher dieses fremde Geräusch vernommen wurde, lugt hinab auf den Schuh des Standbeines, woher es unter der Schuhsohle knackend hervorkroch. Es ist, als würde man dessen gewahr, einer knackenden Tretmine auf den Kopf getreten zu sein. Man erahnt zwar nur, ob es sich um jenes Kriegsutensil aus den Werkstätten menschlicher Zivilisation handelt, aber zwischen Vermutung und Hoffen und Bangen schiebt sich die Gewissheit, dass ein nächster Schritt, und sei es auch nur ein winziger Schritt vor, zurück, nach rechts oder links, ein plötzliches Ende zur Folge hätte. Vernimmt man dann noch ein Ticken, ein stoisches, gleichmäßiges, in die Stille des Waldes hineintretendes Ticktack, welches gleich einem Autisten keine Verbindung zu den Dingen um sich kennt, so beschleicht einen der Gedanke, dass selbst das Ausharren auf der Mine, das sture Verweilen der Sohle an Ort und Stelle, irgendwann dank eines Zeitzünders zu detonierendem Ende führen werde. Man weiß es nur ungenau, man erahnt nur, man will von der Aussichtslosigkeit des Stehenbleibens, dem langsamen Ende herunterzählender Zeit, nichts wissen. Ohne dem Vergessen, ohne der Gabe der Naivität, wäre eine Aufrechterhaltung des Lebens undenkbar – wer vergisst, wer naiv verdrängt, dem wird Leben gespendet, wenn auch nur als Zeitkontrakt.

So steht man stundenlang, wie ein Gelähmter an der Stelle des heruntergedrückten Zündstiftes, reflektiert über seine Lage, ersinnt Fluchtpläne, die einem nicht den Rumpf von den Beinen und Armen abtrennt, eine Weile später Fluchtpläne, die einem wenigstens nur ein Bein kosten, nochmals später Fluchtpläne, bei denen man wenigstens eine Extremität zu behalten vermag. Obzwar man frei ist, man hingehen kann, wohin es beliebt; diese Freiheit, das wird einem schnell begreiflich, ist keine gehende, keine beliebige, sie ist eine robbende, kriechende, eine verblutende, die Freiheit fehlender Nachhaltigkeit, die Freiheit des Moments - vielleicht die einzige absolute Freiheit des Menschen. Ängstlich nistet man sich in der Gefangenschaft ein, erst ernüchtert, verängstigt, dann die Kette zur langen Leine verklärend, lockert die Kette hie und da, versucht aus der Anstrengung des Stehens in eine Entspannung des Sitzens zu geraten, immer die Schuhsohle satt auf den Stift pressend, immer mit Bedacht, keine Vibrationen entstehen zu lassen, sicher sei schließlich sicher. Tage und Nächte vergehen, man schläft sitzend zusammengekauert, redet sich ein, man hätte nie besser geschlafen, liegendes Schlafen sei zivilisatorischer Luxus, fern der Natur des Menschen. Man speist passierende Käfer, saugt deren Mark aus den winzigen Gliedern, befriedigt so seinen Durst, schlürft den Morgentau von den Grashalmen, kaut langsam und mit viel Genuss Gräser und kratzt den Vogelschiss, der als unregelmäßige Lieferung hinabgeschleudert wird, aus dem Haar, lutscht und schlürft daran und erfreut sich der wertvollen Nährstoffe, erfreut sich des würmischen Gustos, das trotz Verdauungstätigkeit von Stieglitz, Blaukehlchen, Nachtigall geschmacklich erhalten blieb. So, und nur so, ernähre sich der wahre Mensch, der Mensch im Einklang mit der Natur; so, und nur so, dürfe der Mensch sich sättigen; so, und nur so, ist aus der Ware Mensch der wahre Mensch zu verwirklichen. Aus der Kette, aus der Bürde, aus dem starren, bereits gefühlskalten Fuß, ist die absolute Freiheit entwachsen. So zu speisen, seinen Darm düngend in den sättigenden Wiesen rundherum zu entleeren, seinen Harn gleichfalls abzulassen, im Sitzen zu leben und zu schlafen: all das ist zur Freiheit geworden, ist keine Notwendigkeit aus der Situation heraus, sondern Ausdruck von tief verwurzelter Überzeugung. Nicht der Zündstift regelt dieses Leben, sondern das Leben nistet sich am Zündstift. Und das Ticken, dieser stete Begleiter, ist keine drohende Akustik mehr, es ist der Takt des Lebens, der florierende Puls der neuen Freiheit. Es bejaht das Dasein am Zündstift, die lebensverneinende Bedeutung ist entschwunden.

Es ist, als säße man zu Füßen einer Mine, um sich blickend, zufrieden in die Welt und in die Zukunft glotzend, sich labend an den Köstlichkeiten der kreuchenden und fleuchenden Natur. Währenddessen die tickende Vergänglichkeit, die zur lebensbejahenden Ader geworden ist, leugnend oder beschönigend, das eigene, an den Zuständen ausgerichtete Leben als besseres, vorallem aber freiwillig gelebtes Leben preisend. Wer hat schon täglich Bäume und Wiesendüfte auf seinem Tagesprogramm? Wer verköstigt sich schon täglich mit den Annehmlichkeiten der Natur, ißt wie ein Edelmann? Es ist kein Arrangement mehr, es ist tiefe, unverbrüchlich verankerte Überzeugung. So tief, so verankert, dass ein hilfsbereiter Wanderer, der den Freiheitsüberzeugten aus seiner Lage befreien möchte, zum Angreifer wird, zum Mißgönner dieser harrenden Freiheit. So sehr, dass ein solcher Störenfried in seinem Eifer unterbunden werden muß, notfalls mit Gewalt, notfalls durch Totschlag. Es ist, als würde man einer hilfsbereiten Hand, den Befreier aus der zur Freiheit gewordenen Not, den Schädel zertrümmern. Als würde man zum Mörder einer Freiheit, die nur innerhalb der Windungen der Kettengliedern heimisch war. Und doch mordete man nicht, man befreite sich lediglich von der drohenden Unfreiheit, man verteidigte sich, handelte aus Notwehr. Wer würde in der Unfreiheit das Ticktack ersetzen, würde den Takt des Lebens in die eigene kleine Welt hinausticken? Wo bekäme man den Genuss frischer Maden und Käfer aufgetragen? Könnte man den ausgeschiedenen Darminhalt weiterhin als Dünger nachwachsender Graseskost verwenden? Das Leben am Fuße des Fußes auf dem Zündstift, hat seine Versprechungen erfüllt, Freiheit garantiert und verwirklicht. Es ist, als hätte man das Lebensglück gefunden, als hätte man aus dem Pech seines Lebens die Essenz der Glückseligkeit gepresst.

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Ein Fest der Kulturen

Donnerstag, 2. Juli 2009

Ein Fest der Kulturen in christsozialen Landen. Neben griechischen, thailändischen und taiwanesischen Gästen, auch türkische Folkloregruppen und Verkaufsstände. Man will sich ja kennenlernen, verstehen lernen, eine Brücke bauen. Fremde Kulturen zum Anfassen, zum Schmecken, Tasten, Riechen.

So reiht sich das christsoziale Völklein, die feinen Herrschaften einer oberbayerischen Provinzstadt, zwischen den Fremden ein, kostet Köfte, trinkt Chai, schnuppert an den Saubohnen, läßt sich kulinarisch verwöhnen. Damit auch dem kulturellen Aspekt Genüge getan wird, treten Tanzgruppen auf. Auch türkische Gruppen, in traditionellem Zwirn, tanzen jenes osteuropäisch-orientalische Gemisch, wie man es aus Reiseberichten aus dem Fernsehen kennt.

Ja, bei so einem Kulturfest strömt die Toleranz aus allen Poren provinzieller Engstirnigkeit. Ach, sieh nur, wie flink sie tanzen in ihren Röckchen, und die Männer tragen aber eine niedliche Kopfbedeckung! Chic, sag' ich nur, das sieht so fremd aus, paßt gut auf dieses Fest! Wie schön, dass sich diese Menschen ein wenig Heimatland bewahrt haben! Hach, ist das eine gelungene Veranstaltung! Da bekommt man ja Fernweh, wenn man dieses ganze fremde Volk in unseren Straßen sieht! Ein schönes Kopftuch tragen Sie da, richtig modern, schöne Farben, paßt gut für diesen Tag, als Gratwanderung zwischen Moderne und Tradition!

Am Fuße der Bühne steht der kulturelle Bodensatz der Gesellschaft, der zugleich auch die soziale Schaumkrone ebendieser darstellt, gafft auf das Vollzogene. Sieh nur, wie der Türke tanzt! Und Speisen zubereiten kann er auch. Und sogar nett ist er. Auch wenn seine Tanzbräuche vielleicht etwas infantil sind. Nicht mal den Griechen vom Nebenstand hat er beleidigt und er hat mit Grüß' Gott! begrüßt, wollte mir die Hand geben – man kann es auch übertreiben, finde ich. Aber so ist er halt der Türke, überfreundlich, kompensiert die Verschlagenheit seines Blickes mit der großen Geste, mit fraternisierender Gastfreundschaft. Aber lieber so, lieber zu freundlich. Und die Köfte, so feine Hausmannskost - mit Schweinehack würden sie sicher noch besser munden; und der Lahmacun, ein Hochgenuss, wirklich unglaublich, was so arme und zurückgebliebene Menschen an Köstlichkeiten herbeizuzaubern vermögen. Und dann die tollen Kleider, diese traditionellen Halbburkas, oder wie man diese Kleider nennt, da fühlt man sich ja fast wie ein Osmane. Salam alaikum!, schiebt man gesellig hinterher, schallendes bayerisches Gelächter ertönt. Aber a Weißwurscht is ma ollawei no liaba! Und mei Hoibe Bia freile a! Hahaha...

Und dann neigt sich der fröhliche Tag dem Ende zu. Schade! Schön wars! So romantisch, so exotisch, so voller Fernweh, voller vaterländischer Sehnsucht der Fremden, dieser fremden Kulturträger! Aber alles geht einmal zu Ende, daher raus aus den Klamotten, raus aus den fremden Stoffen, Kopftuch herunter, sprecht wieder deutsche Zunge! Ihr seid immer noch nicht, nach so langer Zeit in diesem Lande, integriert. Ihr lebt hier, hier in unserer Kultur! Paßt Euch an! Werdet einer von uns! Moscheen bauen, Freitagsgebet - ha, so ein Irrsinn, Verschwendung unserer Steuergelder! Hört mit Euren arabischen Sitten auf, wir leben in Europa! Das Fest der Kulturen ist um, jetzt haltet ganz fest an unsere Kultur. Es war ja schön, es war ein toller Tag, aber nun genug! Nicht zu viel Kultur, eine reicht aus – unsere! Bei uns tanzt man nicht einfach auf Straßen, man plärrt nicht ohrenbetäubend durch die Gassen, also benehmt Euch! Deutsch sein heißt diszipliniert sein: Ihr lernt es nie! Grüß Gott? Hast Du gehört, Sepp, der redet von Gott, der Ungläubige! In unseren Schützenverein willst Du eintreten, Ahmed? Ja, äh... gerne, wir freuen uns ja eigentlich über jedes neue Mitglied, aber es geht nicht, wir sind leider überfüllt! Tut mir leid!

Der Zoo ist geschlossen, der Käfig, der als Tanzbühne fungierte, ist abgebaut. Das Fest der Kulturen war ein voller Erfolg. Der türkische Tanzbär hat voll eingeschlagen. Fremde Kulturen sind eine feine Sache, wenn sie im Bereich der Folkloreromantik angesiedelt werden. Aber wer will schon halbwilde Wüstensöhne durch bayerische Flaniermeilen ziehen sehen? Bayern ist weltoffen – es läßt Kulturfeste zu. Nur zu feste darf fremde Kultur nicht zelebriert werden. Ja, man ist weltoffen in Bayern: denn es steht der Welt offen, gar nicht erst herzukommen. Wenn sich das schwarze Pack, deren Oberfundi aus eben jener Provinzstadt stammt, in Wahlkämpfen gegen Überfremdung engagiert, dann erkennt man die wahre Liebe zur Kulturenvielfalt, die mit jener geheuchelten und kulturgeilen Liebe von Kulturveranstaltungen so gar nicht zusammenpassen will, aber genau besehen der gleichen Art Liebe zugehören. Oder wenn in bayerischen Daily Soaps türkische Charaktere eingewoben werden, die mit offenen Armen von der bayerischen Dorfbevölkerung aufgenommen werden, dann riecht man förmlich, dass es letztlich immer am Türken selbst liegen soll, der sich dem bayerischen savoir vivre entzieht. So ein Lump, so ein anatolischer Eigenbrötler!

So, jetzt wird wieder angepasst, wieder über Türkischsprachige gemeckert, Kindern in bayerischen Hauptschulen auch am Pausenhof das Plauschen in türkischer Sprache verboten, bei Ertappen sanktioniert, über die Undankbarkeit der Gäste gehadert. Bis man wieder Feste feiert, bis man wieder folkloristische Romantik bestellt, um die bayerische Feststimmung polyglott zu bereichern, kosmopolitisch aufzupolieren. Die Welt zu Gast bei Freunden! Wenigstens gibt so ein verlogenes Kulturfest eine wahre Antwort: Diejenigen, die da Schauobjekt sein dürfen, sind Gäste. Vergeßt das nicht, Ihr lustigen Tanztürken: Ihr seid nur Gäste! Aber heute, da wir feiern, seid Ihr willkommen!

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Nomen non est omen

Mittwoch, 1. Juli 2009

Heute: "Krankheit"

"Es geht nicht, dass sich jeder bei Kopfschmerzen drei Tage krank schreiben lassen kann. Die ersten drei Krankheitstage sollten auf den Urlaub angerechnet oder nicht mehr bezahlt werden."
- Klaus-Peter Meinzer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Mittelstands – und Wirtschaftsvereinigung bei netdoktor.de am 13. Juni 2006 -

"Angestellten, die ihren Chefs bereitwillig Wehwehchen schildern, drohen negative Konsequenzen. Kranke sollten daher nicht nur das Bett, sondern auch ihre Zunge hüten."
- Meldung im Focus vom 7. April 2009 -
Die Krankheit wird gemeinhin als eine unerwünschte Einschränkung bzw. Benachteiligung des Menschen gesehen. Sie wird als eine negative Zustandsform betrachtet, welche die eigenen Fähigkeiten beeinträchtigt. Das nicht Vorhandensein von Harmonie und Glück wird als Krankheit definiert. Im marktradikalen Deutschland wird die Krankheit sprachlich und ideologisch auf eine fehlende Funktion reduziert, da der Lohnarbeiter nicht mehr ganz (oder eben nur teilweise) fähig ist, einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Ursache, Symptom und Auswirkungen der individuellen Krankheit interessieren die wenigsten Arbeitgeber. Der Mensch soll funktionieren. Dabei muss die Krankheit nicht zwingend etwas negatives sein. Sie kann uns Dinge bewusst werden lassen, die wir im Alltag verdrängen oder nicht wahrhaben wollen. Im Sinne einer ganzheitlichen Einheit und Polarität des Menschen, ist die Krankheit ein ebenso wichtiger Bestandteil des Lebens wie die Gesundheit. Die Krankheit als Phänomen zu verdrängen, gleicht der weitverbreiteten Angst vor dem Tod. Eine Krankheit nur als eine "Fehlfunktion" des Menschen zu betrachten, macht ihn zu einem Ding und verkennt die Krankheit als ein ganzheitliches Phänomen des Menschen.

Krankheit in Deutschland bedeutet: in der Arbeitswelt nicht-zu-funktionieren. So werden bisweilen auch schwangere, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen oder Rentner als "krank" angesehen. Das gleiche gilt für Oppositionelle, Weltenbummler und Unangepasste. Wer sich dem Verwurstungsapparat nicht fügt, wird als abnormal, als "krank" angesehen. Dabei macht die kapitalistische Zwangsgesellschaft, in dem jeder dem Geld, dem sozialen Status und der Macht – ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen und vor allem auf sich selbst – hinterher jagt, die Menschen schleichend kaputt, macht sie wirklich krank. Denn nur wer ohne Zwang lebt, kann auch wahrhaftig gesund sein.

Dies ist ein Gastbeitrag von
Markus Vollack aka Epikur.

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Der kritisierte Bildungstreik

Einen rechtsstaatlich fragwürdigen Aktionismus nennen sie es, eine bedenkliche Aktion, Ausschreitungen hätten die Veranstaltung gepflastert. Der sogenannte Bildungstreik war ein ausschlachtbarer Erfolg für jene, die gegen den Streik waren und sind, die im Bildungswesen keinen Handlungsbedarf sehen wollen. Einiges läßt sich aus den Reaktionen des Kapitals und dessen Marionetten ablesen:

1. Verwöhnte Machthaber

Die Vertreter höherer Interessen sprechen von Ausschreitungen und zeigen auf die Bilder der vermeintlichen Bankbesetzung. Berichtet wurde, sogar in den bürgerlichen Medien weitestgehend wahrheitsgemäß, dass junge Menschen sich vor Banken setzten, auch in deren Lobby, Transparente hochhielten und Parolen an den Mann brachten. Niemand wurde verletzt, kein Bankangestellter erlitt einen Schock, wie man ihn in dieser Branche üblicherweise erleidet, wenn mal wieder ein Maskierter mit Waffe auftaucht. Einzig der reibungslose Ablauf des Tagesgeschäfts wurde behindert. Das ist also im Jahr 2009 bereits eine Ausschreitung; so wie es heutzutage bereits als Klassenkampf gedeutet wird, wenn die Belegschaft eines Unternehmens doch mal selbstbewusst Nein sagt. Das kleinste Anzeichen von Widerwillen wird als Defätismus gewertet, ein Widerwort und man wird zum Querulanten und Rabauken abgestempelt, einmal seiner anderen Meinung Ausdruck verleihen, friedlich Unmut skandieren und man spricht von Ausschreitung.

In einer Gesellschaft, in der das kleinste Aufbegehren, selbst wenn es gesittet und ohne Gewalt geschieht, bereits als Ausdruck eines ausschreitenden Gemüts begriffen wird, in einer solchen Gesellschaft hatten die selbsternannten Eliten, die Jünger des Kapitals, deren Marionetten und Propagandisten, zu lange freie Hand, mußten zu lange ohne Gegenwehr auskommen. Man ist fett geworden in kritiklosen Tagen, man hat seit Jahren kein revoltierendes Nein mehr vernommen, da klingt nun, eingeschläfert durch einen langen Frieden, jedes geflüsterte Bitte nicht! (es ist ja noch nicht einmal ein Nein) nach Pariser Barrikade, wie Pflastersteine unter denen der Strand liegt. Man hat nun so lange kein Widerwort mehr vernehmen müssen, dass jeder Funke der Negation als Eklat verstanden wird, als Affront gegenüber den herrschenden Interessen. Ruhige Zeiten haben sie verwöhnt - es gilt sie zu entwöhnen.

2. Volle Hosen

Wenn selbst harmlose Aktionen zu solch strikter Ablehnung führen, zeugt das von Dekadenz, von einer sattsam erworbenen Scheinlegitimität durch fehlende Gegenwehr, wie oben erwähnt. Aber andererseits ist darin auch ein Ausdruck von Angst zu erkennen. Die Hosen sind voll, selbst ein nicht zündender Funke, wie diese belanglose und lediglich als Symbol gedachte Bankbesetzung, machen das Kapital zittrig. Bankbesetzung ist, dies nur am Rande, ein ausgewählter Begriff, der Assoziationen entstehen lassen soll. Diese Veranstaltung soll als Besetzung durch die Medien gereicht werden, damit Außenstehenden die schlimmsten Befürchtungen gewahrwerden. So als wollte der besetzende Student Omas Sparbuch okkupieren, das dort gebunkerte Geld an sich reißen.

Eine solche Angst ist brandgefährlich. Sie wird nicht dort enden, wo wir morgens die Zeitung aufschlagen. Man wird sie auf die Straße tragen, damit sie dort ihre ganze angstvolle Fratze entfalten kann. Wo herrschende Interessen in Angst verfallen, verfallen Gesellschaften in staatlich legitimierte Gewalt. Der Polizeiknüppel wird in jenem Moment sprechen, da sich die Menschen dieses Landes doch noch aufraffen, sich der Ungerechtigkeit mit physischem Nachdruck entgegenzustemmen.

3. Vermeintliche Interessensvertreter

Ausgerechnet solche gehören zu den Kritikern des Bildungsstreiks, die vorgeben, für Studenten und Schüler zu sprechen. Organisationen die sich studentisch nennen, aber gleichzeitig gegen studentische Maßnahmen auflaufen. Von dort wo Hilfe und Verständnis kommen soll, kommt nur ein arrogantes Abkanzeln der zögerlichen spontanen Protestkultur. Man verlangt ritualisiertes Auftreten, Trillerpfeife und Spruchband, an guten Tagen gemeinsames Klatschen und wenn die Schulglocke tönt, dann ab in den Unterricht. Man will die Masse kontrollieren, damit deren Forderung unter Kontrolle bleiben, damit alles im Rahmen des Systems geschieht. Reförmchen - ja! Reformen - nur mit Auflagen! Veränderungen - auf keinen Fall!

Nicht nur diese Erfahrung lehrt, dass dogmatische und ideologische Verbände an solchen Protestveranstaltungen nicht teilhaben sollten. Christlich organisierte Studenten sind überflüssig, wenn sie aus irgendeiner kruden Vorstellung von Christentum heraus, das Stillhalten und Bravsein zum Protest erheben wollen, so als wäre deren Jeschua nie selbst eine Art von Revolutionär gewesen. Wenn man es ernst meint, wenn man wirklich etwas verändern möchte, dann ohne bereits gesättigte Jungfunktionäre, ohne Verbände, ohne dogmatische think tanks. Man hat sich selbst zu organisieren, neue Strukturen zu erdenken, die das zu erreichende Ziel bereits in sich vereint haben müssen. Der Zweck hat in den Mitteln zu sein: mit einer hierarchisch strukturierten und autoritär geführten Studentenorganisation läßt sich kein Bildungskodex gründen, der Hierarchie weitestgehend lockern und Autorität abschaffen will. Mit Krieg schafft man keinen Frieden, mit Hass keine Liebe, mit Autorität keine Selbstbestimmung.

4. Kritik an der Kritik

Den jungen Leuten werfen diese institutionalisierten Kritiker vor, sie würden lediglich kritisieren, nicht aber konstruktive Vorschläge machen, lediglich dogmatisch wirkende Grundsätze entwerfen. Das ist sicherlich falsch, denn unter den Studenten finden sich viele, die ganz konkrete Vorschläge machen könnten, zumal sie selbst "an der Quelle" sitzen und wissen, woran es hapert. Andererseits dürfte es aber auch gar nicht verwundern, wenn in diesen Zeiten des there is no alternative! keine utopistische Kultur mehr gepflegt wird; versteigt sich ein junger Mensch in Gedanken, in denen er eine Welt formt, wie sie sein soll, nicht wie sie ist, brandmarkt man ihn als Träumer und attestiert ihm, er würde es eines Tages schwer im Leben haben, wenn er solche Tagträume nicht ganz schnell abstellt. Und selbst wenn Studenten keine konkreten Vorstellungen hätten (sicherlich befindet sich eine ganze Reihe von Unkonkreten darunter), so ist nicht unbedingt immer Konstruktivkritik notwendig. Man kann auch gegen Mißstände sein, wenn man konkret noch nicht weiß, wie man sie behebt oder beseitigt. Der Mensch weiß nicht, wie er sich ewiges Leben sichern kann, er hat keine konkreten Pläne dazu, kann sich mit dem Thema nur schwerlich konstruktiv beschäftigen, aber der alte Menschheitstraum eines ewigen Daseins, verschwindet auch dann nicht aus den Köpfen der Menschheit. Man kann also gegen das Sterben sein, ohne dass man genau weiß, was man dem großen Ende entgegenzusetzen hätte.

Mit der Keule der zu kurzen Kritik darf sich die Studentenschaft, darf sich keine Protestbewegung, niederschlagen lassen. Gerade herrschende Interessen praktizieren eine solche pragmatische Kritik in vielen Bereichen ihres Tuns. Doch von oben aus ins Blaue kritisiert, da nennt man das Vernunft, Staatsräson, ökonomische Zwänge. Aus einer Kritik, die nur dezent konstruktiv, vielleicht sogar nicht konstruktiv ist, erwächst im Moment kollektiven Kritisierens eine neue Konstruktion. "Die Lust der Zerstörung ist gleichzeitig eine schaffende Lust."

5. Kritik

Kritik ist dennoch nötig. Auch so schärft man sein Profil. Was dem kurzen Aufflackern von Gegenwehr anzukreiden ist, ist eben das kurze Aufflackern. Entgegen der Stimmen aus dem Establishment, schritten die Proteste nicht aus, sie waren noch zu bieder, noch zu brav und überallem zu kurz. Die Jugend, sofern sie etwas verändern will, aber auch alle anderen, die in den nächsten Monaten und Jahren Veränderungen erstreiken wollen, muß das ritualisierte Demonstrieren ablegen. Selbst wenn die jungen Leute, die kürzlich auf der Straße versammelt waren, einen muntereren Eindruck machten als streikende Ärzte: ihnen ist das ritualisierte Aufbegehren immer noch im Blut. Protestbewegungen müssen begreifen, dass ihr Parlament die Straße ist, die legitimierten Vertreterschaften des Volkes sind Staffage, zeigen kaum mehr Wirkung, sind zu Vorzimmern und Gremien der oberen Zehntausend verkommen. Die Kultur aus der institutionalisierten Vertreterschaft ist nicht zu kopieren, eine neue Kultur muß her - und diese hat sich im Protest zu manifestieren. Endlose Diskussionsrunden haben sicher ihre Berechtigung, aber Unmutsbekundung wird nicht durch kleinbürgerliches Totquatschen sichtbar. Von diesem Parlamentsoptimismus ist abzufallen.

Proteste können keine temporär festgesetzten Ereignisse sein, die im Kalender des Studenten neben einem Konzert einer angesagten Band oder der Geburtstagsfeier einer Freundin notiert sind. Sie müssen dauerhaft sein, sich in die Gehirnwindungen derer einbrennen, an die sich der Unmut richtet. So aber wissen diese Herrschaften, dass sie nur eine windige (nicht mal stürmische) Woche überstehen müssen, bis wieder alles so ist, wie es war. Auch hier winkt der Ritus, das angekündigte Happening, die Mentalität einer Gesellschaft, die immer und überall durchorganisiert und zeitlich eingeteilt sein will. Aber Protest gegen Mißstände sind nicht mit dem Taschenkalender zu führen, sondern mit der notwendigen Leidenschaft, mit der Kraft der Empörung, nachhaltig und rücksichtslos im Bezug auf Regeln und Anstandsnormen. Man fühlt sich an Goscinnys Humor erinnert, wenn er Römer auf Briten stoßen läßt, diese zum afternoon tea unterbrechen oder ins weekend gehen. Schlachten schlägt man nur im Comic in dieser lächerlichen Art und Weise. Damit der Protest nicht zum Comic wird, zur Karikatur eben, muß ohne falsche Unterbrechung weitergerungen werden. Ein Streik, der zeitlich begrenzt ist, ist das größte Geschenk an die Machthaber. Ein kalkulierbares Volk, unterteilt in kalkulierbare Gruppen, die auch noch kalkulierbar aufeinander gehetzt werden können - was braucht es mehr um zu knechten?

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