In memoriam Guttenberg

Mittwoch, 22. Juli 2009

Wir sollten dieser Tage Karl Theodor zu Guttenbergs gedenken, jenes adeligen Ministers, der einstmals Beliebtheitsskalen erstürmte und sich als Widerstandskämpfer blaublütigen Zuschnitts gebärdete. Fünfzig Jahre ist es bereits her, es war der 20. Juli 2009, da Guttenberg eine historische Rede hielt, sie auch in zeitgenössischen Revolverblättern auszugsweise drucken ließ; fünfzig Jahre ist es her, da ein geistiger Umschwung die Republik erfasste, weil Deutschlands Ministerliebling vor die Presse trat, zurückhaltend aber mit Nachdruck, um der Deutschen Stolz zu beflügeln.

So stand er an jenem Tag auf den Brettern, die die Republik bedeuteten, und erklärte unseren Großvätern, „wir sollten stolz auf den Widerstand sein“ – er sprach vom Widerstand gegen Hitler, der Offizierswiderstand gegen den eigenen gottgleichen Herrn, dessen Erfolge vergangen waren und dessen Aura nicht mehr durch Blitzkriegerfolge aufglänzte, dafür aber von Kuchenkrümeln und speckigen Anzügen erfüllt war. Adlige Widerständler um Stauffenberg, unter denen auch welche des Geschlechts der Guttenbergs vorzufinden waren. Ja, so müssen wir heute, fünfzig Jahre nach seiner Rede vorbringen – ja, wir sollten stolz auf den Widerstand sein. Wir sollten stolz auf Karl Theodors Widerstand sein, den realen historischen Fakten nicht ins Gesicht sehen zu wollen, diesem Widerstand gegen jede wahre Vernunft. Wir sollten stolz sein, weil er uns bewiesen hat, dass das „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ gegen jede Pression standhalten kann. Wir sollten dankbar sein, denn Guttenberg ist ein Musterexemplar damaliger deutschen Eliten.

Standhaftigkeit lehrt er uns. Selbst dann aufrecht zu stehen, wenn man offenbar irrt, wenn man vielleicht sogar weiß, sich zu irren. Er tat jegliche Kritik seinerzeit mit seinem unnachahmlichen Snobismus ab, meinte, man mache es sich zu leicht, die Offiziere des Widerstands als Anti-Demokraten zu bezeichnen. Dies müssen wir uns heute möglicherweise auch vor Augen führen: Vielleicht würden wir es uns auch zu leicht machen, wenn wir Guttenberg nun, nach so vielen Jahren, moralisch verurteilen würden. Wir wissen nur wenig über seine Verträge mit der Presse, die ihm vielleicht einem solchen Druck ausgesetzt haben, wonach er so empathisch zum Reinwäscher deutscher Geschichte zu werden habe; wir wissen aber vom damaligen Zeitgeist, der in seiner parteilichen Einheit herrschte. Guttenberg hat womöglich nicht aus gutem Glauben aus den ehemals mitmarschierenden Widerständler einen Märtyrer gemacht, sondern weil er Anordnung hatte, den Deutschen wieder ein Leitmotiv des Stolzes zu geben, damit gleichzeitig die dunkel-deutsche Zeit vergessen machend, in der es wenig Motive des Stolzes zu finden gab.

Und es hat gefruchtet, wie wir heute wissen. Der Deutschen kriegerische Niedertracht verschwand nach und nach aus den TV-Programmen. „Hitlers Helfer“ wurden eingemottet, eine triviale Rückschau auf die menschlichen Auswüchse dieser längst vergangenen Zeit. Aus „Hitlers Helfern“ wurden „Hitlers Feinde“ – eine hagiographische Reihe, in der jeder noch so kleine Schreibtischwiderständler mediale Aufbereitung fand. In Randnotizen wurden auch die Geschwister Scholl und Georg Elser erwähnt, Hauptaugenmerk lag aber auf dem adligen und bourgeoisen Widerstand. Nach und nach verblasste die Einsicht, dass sich jederzeit ein solcher Totalitarismus wiederholen könne, weil den Menschen irrtümlicherweise präsent war, dass ein riesengroßes Widerstandsheer Hitlers Schergen ein Ende bereitet hätte. Im Laufe der Zeit war es unumstößliches Dogma, dass der deutsche Widerstand maßgeblich daran beteiligt war, den Krieg 1945 zu beenden. Aus Stauffenberg und seinen Kameraden wurden Vorreiter demokratischen Denkens; dass sie die Eroberungen Hitlers halten wollten, dass ihnen den verblutende Landser im Felde mehr Kopfzerbrechen bereitete, als der vergaste Jude und der erschossene Slawe, davon war nachher keine Rede mehr - Stauffenberg und seine Freunde waren nächstenliebende Nationalheilige, Philanthropen höchster Güte. Guttenberg hat den Grundstein gelegt, hat aus einer zweifelhaften historischen Figur eine Sagengestalt herausgefiltert und damit zu neuen deutschen Ufern geleitet.

Mit diesem Mythos, mit der Mär vom Widerstandsnest Deutschland, in dem nur wenige dem Nationalsozialismus treu waren, in dem die Eliten fieberhaft am Ende des Regimes herumkollaborierten, ließ sich der Deutschen damalige Weltgeltungssucht blendend ausgestalten. Afghanistan, der Irak, Einsätze an den Küsten Afrikas ließen sich mit dem edlen Deutschen, den unbelasteten Deutschen glaubhafter und ethisch einwandfreier umsetzen. Weil an den Hosen der Bundeswehrsoldaten kein roten Fäden festgezwirbelt waren, die bis zur Wehrmacht zurückführten, weil eben die Repräsentanten dieser Wehrmacht zu Rebellen im Namen der Menschlichkeit erklärt wurden, konnte man frohen Mutes der Welt den Stempel aufdrücken. Von deutschen Boden sollte kein Krieg mehr ausgehen, hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg: aber wenn anhand Stauffenberg und des riesigen Heeres von aufrechten Menschenfreunden, die Hitler ins Jenseits bomben wollten, der Krieg gar nicht von der Wehrmacht ausging, weil sie ja den Frieden per Tyrannenmord erwirken wollte, dann ging der Krieg doch nicht vom deutschen Boden weg, sondern von Hitlers Gedankengebäuden, vom Boden seiner Gedankengebäude, um ganz genau zu sein. Aus Stauffenberg wurde die stille Heldengestalt derer, die rund um den Globus für Deutschland verbluten durften, für ein Deutschland der Dichter und Denker, für ein Deutschland aufrechter Deutscher, die auch mal Nein sagen konnten, wenn ihnen das Gewissen ein Nein befohl. Der Bundeswehrsoldat stand für ein Deutschland edelster Gesinnung, unantastbar, weil sein Großvater in den Ruinen Stalingrads nicht gegen Sowjetrußland antrat, sondern insgeheim gegen Hitler agierte, als Teil der Wehrmacht, als Teil des Widerstandes also, der er damit war.

Wir dürfen uns als Gegenwart nicht anmaßen, jemanden wie Guttenberg zur Witzfigur zu degradieren, nur weil wir mittels Gnade der späteren Geburt bereits wissen, wohin sein wohlfeiles Auftreten seinerzeit geführt hat: zu Blut und Eisen, zu einer militaristischen Gesellschaft, die ihrem Deutschsein globales Echo zollen wollte. Er wusste es nicht, eventuell ahnte er es nicht einmal, denn rückblickend können wir behaupten, dass er einer jener Politikertypen war, die wenig Weitsicht, aber viel Ehrgeiz in sich vereinigten, zudem geschliffen und mit Manieren auftraten, selbst dann, wenn sie nichts zu erzählen hatten - letzteres war das Geheimnis ihrer Beliebtheit. Wobei sich nicht historisch klären läßt, ob die Zahlen öffentlicher Beliebtheitsskalen zutreffend waren, weil zur damaligen Zeit bereits Statistiken und Resultate gefälscht wurden. Schon bevor in den neuen Totalitarismus eingetreten wurde, wiesen sich in der Fälscher- und Schönermentalität der vor-totalitären Zeit die Zukunftspläne aus.

Guttenberg könnte schnell als Witz der Geschichte missverstanden werden, weil er aus der deutschen Geschichte einen Witz gemacht hatte – aber sparen wir uns diese Arroganz, sparen wir uns diese Unsachlichkeit. Stattdessen sollten wir stolz sein auf ihn, diesen Widerständler an der offenbaren Wahrheit, denn durch ihn wurde einmal mehr deutlich, worin das Wesen deutschtümelnder Nation, das Wesen deutschen Konservatismus, verbunden mit liberalen Fortschrittsphantastereien, lag. Guttenbergs Geist, der Geist seiner damaligen Rede, atmet in Reinkultur die Dreistigkeit und Frechheit, mit der deutsche Eliten seit jeher Großmannssucht blütenweiß waschen wollten. Anhand seiner Rede wird uns Nachkommen sichtbar, wie tief die Dummheit in elitäre Gehirnwindungen graviert war – und so besehen steht er seinem Idol Stauffenberg näher, als man das qua des zeitlichen Abstandes ihrer jeweiligen Lebensspannen hätte annehmen können. Beide glaubten an den Fortschritt der Welt, indem das Deutsche in die Welt hinausgeht... und hinausschießt.

20 Kommentare:

Calwer-Wildnis 22. Juli 2009 um 10:26  

Eda könnte irgendwann so aussehen, - aber es ist auch schon wahr, leider. Ich frage mich immer wieder, warum ausgerechnet dieser geölte Typ des Adels herhalten soll, um die Deutschen zu begeistern. Sind die Meisten wirklich so doof und fallen darauf herein?
Andererseits, muss er diesen Job machen, um anzudeuten wohin die Reise geht? Wirtschaft- und Arbeitspolitik nach Gutsherrenart?
Die Kriegspolitik haben wir ja schon.

Anonym 22. Juli 2009 um 10:56  

Sehr unaaufgeklärter Herr Lapuente! Wie können Sie es nur wagen, den heroischen Widerstand Deutscher Adeliger und anderer Bürgerlicher und echt Deutscher Schöngeister aus der Deutschen Wehrmacht und nicht zuletzt auch aus den - Kirchen!! - von 1944 hier in den Schmutz zu ziehen?
Diese ehrenwerten Männer des 20.Juli, die sich nicht nur gegen den bösen Tyrannen Hitler erhoben, welcher bekanntlich a l l e i n für alles Morden und den Krieg verantwortlich war, diese ehrwerten Männer des 20.Juli standen auch mit ihrer gesamten im Grunde höchst ehrenhaften Deutschen Wehrmacht als Bollwerk gegen den seit Anfang 1943 immer mehr sich erhebenden gewaltigen "Sturm aus der Steppe", dieser bolschewistischen Flut aus dem Osten, welche gegen Deutschland und Europa in jenem Schicksalsjahr 1944 immer gefährlicher anbrandete, Kultur und Zivilisation Deutschlands(!) und Europas zu zerstören drohte.., wogegen die damalige Deutsche Wehrmacht, angeführt von echten Deutschen Adeligen und vielen Widerstandskämpfern der "einzige in Frage kommende Schutzwall" war!(So ein großer Deutscher Volksaufklärer der damaligen Zeit)
Nein, mein Herr, der damalige mächtige Deutsche Widerstand gegen Hitler und vor allem(!) den Bolschewismus Stalins legte erst den Grundstein für den freiwilligen(!) Rücktritt Adolf Hitlers u n d (!) die spätere Reichs...- pardon: Bundeskanzlerschaft K.Adenauers und seines großartigen EX-Widerständlers Karl Maria Globke u n d vieler anderer guter Deutscher Widerständler aus Wehrmacht, Diplomatie(Fam von Weizsäcker z.B.!!)Justiz, Polizei, SA, SS und GESTAPO, Lehrerschaft(!!!)...,welche schon bald entweder in ihren Memoiren oder bald auch in den freiheitlichen westdeutschen Medien und Schulen die neuen, nun bundes(west)deutschen VOLKSGENOSSEN darüber aufklärten, dass sie - eigentlich! - schon in Stalingrad und natürlich auch an der Heimatfront gegen den Bolschewismus und seiner leibhaftigen deutschen Inkarnationen WALTER ULBRICHT , W. Pieck, Bert Brecht, H. Eissler, Stefan Heym, Ernst Busch, Christa Wolff, Anna Seghers.. & Co.kämpften..., sich noch in den Straßen Berlins 1945 verzweifelt gegen die Bolschewisierung Europas, der Schändung seiner einzigartigen Kultur zu Wehr setzten.
Herr Lapuente: Sie haben noch viel zu lernen, um hier im nun seit dem 3.Oktober 1990 endgültig wahren Deutschland anzukommen!
Falls Sie es wünschen, werde ich Sie gern auf diesem Wege mit viel Geduld und Verständnis weiter begleiten.

Auf unser gutes aufgeklärtes Deutschland!! ( ;-)) )

beobachter 22. Juli 2009 um 10:57  

weil nicht sein darf, was nicht sein kann bzw passt, muß ein georg elser genau wie andere widerständler aus dem bewußtsein verschwinden. und die passenden widerstandskämpfer werden dann umgebogen und heroisiert. ist hunderte von malen geschehen.

Grammatikfuchs 22. Juli 2009 um 10:57  

Wir sollten dieser Tage Karl Theodor zu GuttenbergS gedenken, jeneS adeligen MinisterS, ...

:-)

Roberto J. De Lapuente 22. Juli 2009 um 11:03  

Vielen Dank, das kommt dabei heraus, wenn man nicht mehr nachliest, was man in der Eile hingeschmiert hat - ist behoben :)

otti 22. Juli 2009 um 11:58  

"Wobei sich nicht historisch nicht klären läßt,..." Nicht?

Ein sehr lesenswerter Artikel (Wolfgang Eggert) zum Widerstand bei
http://www.mein-parteibuch.com/blog/2009/07/20/die-alliierten-und-der-20-juli/

Erinnert sei auch an den schwäbischen Trauerredner und seinen "Widerstandskämpfer". aber solche Geschichtsklitterung hat keinerlei Folgen im Musterländle, ganz im Gegensatz zum Vertrieb von Stickern mit durchgestrichenen Hakenkreuzen.

Der Totalitarismus heutiger Kriege manifestiert sich in seiner 'menschenfreundlichen' Begründung: Nie wieder Auschwitz.

Deshalb ist heute, wie auch damals, Widerstand gegen Krieg verboten.

Nichts hat sich geändert.

Viktor 22. Juli 2009 um 12:20  

Und noch etwas sollte man nicht vergessen: Nachdem im Jahre 1919 in Deutschland und Österreich der Adel formell abgeschafft wurde, die Privilegien rechtlich nicht mehr galten, die alten Titel nurmehr Teil des bürgerlichen Namens waren (und so eine hoplerige Reihenfolge aufwiesen, die sich die Journalisten sowieso nicht merken konnten), ist es ihnen doch gelungen, doch immer noch den Glanz dieses eigentlich nicht mehr existenten Standes zu bewahren und in den Medien so darzustellen, als ob es ihn noch gäbe. Mit Herrn von und zu Guttenberg wurde er endlich wieder staatstragend und gestaltend sichtbar, nachdem es die von Lambsdorfs leider vermasselt hatten und ihre Raubritterzüge von gleichmacherischen Richtern des republikanischen Systems als Steuerhinterziehung gebrandmarkt wurden. Von und zu Guttenberg schaffte es dank hervorragender Zusammenarbeit mit der Pressse, seinen Stand wieder in wahrer Größe herauszuputzen. Diese von der Republik so vernachlässigten und von Gottes Gnaden ausgewählten als die eigentlichen Widerstandskämpfer hinzustellen, war im Rückblick der eigentliche Verdienst des Freiherrn bei der Wiederherstellung des Reiches. Es war gewissermaßen eine familiäre Verpflichtung des mit den preußischen Ribbentrops und Bismarcks verwandten alten fränkischen Geschlechts.

Systemfrager 22. Juli 2009 um 12:31  

„Man mache es sich zu leicht, die Offiziere des Widerstands als Anti-Demokraten zu bezeichnen.“

Ja, ja, ... Der Landstreicher aus Wien, man hat ihm auf dem Tablett die Macht (und die Lanze) überreicht, er sollte aus der lauter Dankbarkeit der Brave sein, aber nein! Er enttäuschte unsere „Eliten“, die es so gut mit ihm meinten. Er hatte eigene Pläne. Hätte man es nur gewusst! Man hätte schon damals nach einem lechzendem Schröder aus der SPD griffen können, wie märchenhaft hätte alles enden können, ...

Man könnte den Aufsatz auch so anfangen: Es geschah einmal im Lande der Dichter und Denker, ...

Ein Brandenburger 22. Juli 2009 um 12:47  

Am 18.07. erschien in der Wochenendbeilage der sozialstischen Tageszeitung „Neues Deutschland“ ein interessanter Artikel mit einer etwas anderen Interpretation der Fakten vom 20.Juli 1944.

Der Berliner Soziologe Dietrich Schmidt-Hackenberg hat seine Überlegungen in der Publikation »20. Juli 1944 – Das ›gescheiterte Attentat‹« 1996 erstmals veröffentlicht. Die Publikation fand aber in der Fachwelt bedauerlicherweise nur geringe Beachtung.

Der ND-Artikel befaßt sich mit den Überlegungen des Soziologen.

http://tinyurl.com/Stauffenberg-ND

kempec 22. Juli 2009 um 12:52  

Wie würde man wohl heute jemanden nennen de seine Aktentasche unter dem Schreibtisch vom dem Merkel stehen lässt?
Held?, Terrorist?
Wie würde man ihn in 50 Jahren nennen?
Geschichte wird so gedreht wie man sie braucht und unser Adel war da schon immer gut darin.

Anonym 22. Juli 2009 um 13:21  

"[...]Benötigt nicht jede Herrschaftsideologie (=Merkel-Neoliberalismus) eine historische Legitimierung? Kommen daher die ständigen Versuche alles Linke, nicht allein eine Partei selbigen Namens, in die rechtsextreme Ecke abzudrängen? Wer übrigens beim Parteitag der Linkspartei in Phoenix vorgeschaut hat - Direktübertragung - der hat dort so manches "nichtweiße" Gesicht gesehen, dass er bei anderen Parteien lange vergeblich sucht - Oder gibt es neuerdings schwarzhäutige Nazis in Deutschland, die sich allesamt in der Linkspartei an wichtigen Parteiterminen rumtummeln?[...]"

Danke für diesen guten Text, der die herrschende Ideologie, die keine sein will, ganz klar auf den Punkt bringt - Ist übrigens auch interessant, dass unsere selbsternannten "Eliten" in Honduras rechtsextreme Putschisten unterstützen, die nun einen Krieg mit Venezuela vom Zaun brechen wollen, wie ich vermute, mit tatkräftiger Unterstützung der US-Neokonservativen.

romano 22. Juli 2009 um 14:49  

mir fiel ein Interview ein, das ich vor Jahren einmal im Lokalfernsehen sah. Da gab es ein Treffen von Adeligen und das kam in die Lokalnachrichten. Es wurde dann einer der Herren kurz interviewt. Die Journalistin fragte dann ganz enthusistisch, wie es eigentlich sei, wenn man Adeliger ist. Es würde ja gemunkelt, man fühlte sich dann als etwas Besseres. Der Typ fühlte sich geehrt und versuchte dann wohlmeinend und ehrlich zu erklären, dass man als Adeliger einfach anders sei, man habe ein anderes Blut. Es sei schwer zu beschreiben, aber als Adeliger wüßte man, dass es einen Unter schied gibt.
Eine solche Aussage war freilich extrem politisch aufgeladen, leider ging das im Eventjournalismus unter.
Ich war schockiert. So etwas hatte ich noch nicht gehört. Aber ich behielt es im Gedächtnis. Als ein guter Freund später eine Partnerin hatte, die zwar keinen Adelstitel mehr führte, aber eine Gutsherrentochter war und regelmäßig an den gesellschaftlichen Treffen dieser Leute teilnahm, erzählte er mir von den habituellen Gepflogenheiten dort. Im übrigen lebte der Gutsherr im gleichen Dorf wie er, einem Dorf, das von der Landwirtschaft und Kleintourismus lebt. Den Gutsherr kannte aber kaum jemand. Er kannte ihn auch nicht. Der Besitz wird über Pächter bewirtschaftet. Die Kinder waren alle in der Schweiz auf dem Internat gewesen, kannten niemand aus dem Dorf.
In die Beziehung spielte dieser Klassenunterschied ganz schön hinein. Freilich nicht von Seiten der Verliebten, aber von deren Eltern und Geschwister. Sie ließe sich mit einem aus dem Fußvolk ein usw.
Ich denke schon (wie das in einem Kommentar bereits gesagt wurde), dass der (ehemalige) Adel durch Entdemokratisierung politischer Entschdeidungen und Aufwertung kapitalintensiver Akteure einen neuen Lebenshauch über seinem Grab vorbeiziehen sieht. Und manche wird er erwecken und zur Herstellung alter Handlungsfähigkeiten anreizen. Der Wirtschaftsminister tauchte wie ein mit exzellenter und voluminöser Handlungskapazität ausgestatteter Superuser auf, der den richtigen Griff in der Sache intuitiv, von Geschlechts wegen zu vollziehen im Stande sein mußte, ohne seine Betriebstemperatur erhöhen zu müssen.
Diese Leute huldigen der Vergangenheit ja noch mehr als jeder Konservativer. Jeder Konservativer ist dagegen postmodern. Dann können wir uns die Suppe von den Kniggepriestern versauen lassen.

Peter A. Weber 22. Juli 2009 um 16:49  

Sehr geehrter Herr Anonym,

die Tatsache, dass Sie zu feige sind, sich zu identifizieren, zeigt schon Ihren wahren Charakter und Ihre Gesinnung ...

Und im übrigen ist es nicht der sehr ehrenwerte und engagierte Demokrat Lapuente, der in dieser Beziehung dazu lernen sollte, sondern gerade Sie. Aus Ihren Äusserungen entnehme ich, dass Sie offensichtlich zu den ewig Gestrigen gehören.

Willkommen und "heil" im realen "aufgeklärten und endgültig wahren" Deutschland. Den ersten Adeligen haben wir bereits im Kabinett, den Feudalismus haben wir schon weitgehend in Form eines neoliberalen Wirtschaftsfaschismus wieder eingeführt. Daher empfehle ich: Guttenberg "for Kanzler" oder sogar "for Kaiser".

Viele Grüsse von einem wahrhaft heroischen und schöngeistigen 60-jährigen Alg 2-Bezieher, der gerade begeistert deutschlandfahneschwenkend
das hohe chauvinistische Deutschlandlied des willfährigen obrigkeitshörigen Biedermanns singt. Wir sollten uns vielleicht einmal kennenlernen!

Peter A. Weber

Aranxo 22. Juli 2009 um 18:23  

Der Focus hat meinen Online-Kommentar zum Gelöbnis und der Guttenberg-Rede abgelehnt. Daher versuche ich es hier einmal.

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Unvoreingenommen
Immer wenn wer fordert, unvoreingenommen an eine Sache ranzugehen, ist er meist selbst voreingenommen. Bei Guttenberg kann man das grade noch verzeihen, da ja sein Urgroßonkel dabei war. Nur spricht er damit anderen das Recht ab, Stauffenberg und seine Leute zu kritisieren, indem er Kritik als Vorurteil abqualifiziert. Man wird aber trotzdem anmerken dürfen, dass diese Verschwörer nur zu einem geringen Teil Demokratie im Sinn hatten, sondern eher einen von Adligen geprägten Ständestaat. Als Georg Elser seine Bombe 1939 im Münchner Bürgerbräukeller abgelegt hatte, ist Stauffenberg noch jubelnd Hitler hinterhergelaufen. Man kann es auf eine knappe Formel bringen: Elser beging sein Attentat, weil Hilter den Krieg anfing, Stauffenberg, weil Hitler den Krieg verlor.
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Ich wüsste nicht, wo ich da irgendwen beleidigt hätte. Vor daher muss ich annehmen, dass der F/Locus gerne missliebige Ansichten in Online-Kommentaren zensiert. Ok, wundern tut es mich jetzt auch nicht wirklich.

Roberto J. De Lapuente 22. Juli 2009 um 18:26  

Dass dieser Kommentar beim Focus abgelehnt wurde, ist wirklich zum Haareraufen. Und ich mache mir Vorwürfe, weil ich hier zensiere...

Anonym 22. Juli 2009 um 18:27  

Lieber Peter A. Weber, ich denke mal, dass der auch von mir sehr geschätzte Herr Lapuente meinen Text besser verstanden hat als Sie!
Lesen Sie sich ihn noch mal ganz ganzlangsam und unaufgeregt in Ruhe durch.
Ich bitte Sie! ;-)

Beste Grüße..

Michel 22. Juli 2009 um 20:37  

Hihi, die Franzosen haben es damals besser gemacht, die haben gleich einen Großteil ihres Adels aufs Schafott geschickt - nicht dass das heute bei denen einen SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO
großen Unterschied machen würde.

Fürchte, der Adel ist beileibe nicht entmachtet. Vielleicht kann man es auch so sehen, dass Kapitalbesitz und gute Beziehungen zu Wirtschaftsbossen und Politikern durchaus Erfolgsfaktoren in unserer Gesellschaft sind und dass schlicht viele Adelige diese beiden Faktoren aus der Monarchie über 2 Weltkriege in unsere heutige Demokratie hinübergerettet haben.
Beim Adel kommt halt noch dazu, dass alle möglichen Märchen und Romane, durchaus auch die sogenannte "klassische" Literatur (Goethes Götz kann man durchaus auch als Lob auf den niederen Adel sehen, Fontanes Irrungen Wirrungen stellt Klassenunterschiede auch quasi "naturgegeben" da bzw. der Adel kriegt sein Fett nicht weg), Frauenromane, Liebesfilme, Sandalenfilme, Ritterfilme usw.
im Grunde genommen Aristokratie verherrlichen.
Nichts anderes tun im Grunde genommen auch Boulevardzeitungen, die zwar über jede Speckrolle der Duchess of Y(P)ork (Sarah Ferguson) berichten, sie dabei aber immer schön als Duchess und von Adel präsentieren. Diese mediale Dauerbefeuerung schleift sich halt irgendwann ins Gedächtnis der Leser ein.

Ich find es schon krass, wie sehr die Engländer ihre Royals und ihren Adel ehrwürdig und unterwürfig und auch noch freudig begrüßen. Diese royalen Schmarotzer leben vielfach auf Steuerzahlers Kosten, leisten nix und werden dafür noch bejubelt.
Wann hat die Queen sich zum letzten Mal politisch engagiert?
Außer "Charity" machen die nix und Charities, also Wohltätigkeitsvereine sind im Grunde genommen das Eingeständnis des Staates, auf vielen Gebieten zu versagen.

GANZ so weit ist es bei uns vielleicht noch nicht, aber es ist schon länger viel weiter, als man denkt.
Einfach mal googeln: "Graf von Krockow"
oder: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1375961_Graf-Krockow-packt-aus.html

http://www.sueddeutsche.de/finanzen/26/466606/text/

Filetieren: "Die BHF - das war der Coup von Krockow. Er hatte die Filetstücke der Bank vor fünf Jahren von der niederländischen ING Diba erworben; damit stieg Sal. Oppenheim zur größten europäischen Privatbank auf. Gerne erzählte Krockow wenig später, welche üppigen Preise Konkurrenten für die BHF nun bieten würden. Doch jetzt, in Zeiten der Bankenkrise lagen die Gebote weit unter der Schmerzgrenze von einer Milliarde Euro."

Gewinne privatisieren, Verluste...

"Die Bankiers schätzen sie, wenn sie gute Zahlen zu verkünden haben oder politische Forderungen aufstellen; wie etwa jene zur Privatisierung der Sparkassen vor einigen Jahren. Ansonsten wickeln sie die Bankgeschäft lieber ganz diskret ab."

oder hier:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/942/340787/text/

"Konsolidierung des Finanzsektors

„Das Rennen läuft längst, doch in Deutschland scheint niemand den Startschuss gehört zu haben“, sagte er im Hinblick auf die Konsolidierung des Bankensektors, die in vielen Industriestaaten, anders als in Deutschland, bereits große Finanzunternehmen hervorgebracht hat. Dazu zähle die niederländische Bank ING, Unicredit in Italien oder die Royal Bank of Scotland."

Hihi, Royal B. of Scotland, sind die nicht gerade ge-bail-out-et bzw. verstaatlicht worden?

Und im Kölner Klüngel / Kölner Messe ist der Graf auch irgendwie mit drin:

http://www.khd-research.net/Politik/Ex/Oppenheim-Esch.html



Nett, gelle!

Anonym 22. Juli 2009 um 20:58  

Hitler hin oder her, einen versuchten Mörder zu Helden zu stilisieren macht mir Kopfschmerzen

hedera 22. Juli 2009 um 21:38  

Guten Abend,
langsam wird mir himmelangst. Wo leben wir eigentlich? Ich nehme an, der Artikel bezieht sich auf eine ähnliche Rede, wie die der Kanzlerin in Berlin zur Vereidigung unseres Kanonenfutters.
Ich zitiere aus unserer schwarz gefärbten Mitteldeutschen Zeitung:
Frau Merkel: "Es waren leider nicht viele, die Männer und Frauen des deutschen Widerstandes, die sich gegen den Nationalsozialismus aufgelehnt haben, aber diese wenigen haben unserem Land Würde und Ehre bewahrt."
Von diesen "Wenigen" sind die Kriegsverweigerer, die zu Tausenden hingerichtet wurden, in dieser Republik, nach über 60 Jahren nicht rehabilitiert.

Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Pazifismus/denkmal.html

karuna 24. Juli 2009 um 17:11  

hallo hedera,

es gab noch viel mehr widerständler, die niemals gross erwähnt wurden:
frauen, die z.b. das mutterkreuz ablehnten und ihre kinder nicht in die hitlerjugend schickten bis zu denen, die politisch verfolgten unterschlupf gewährten oder selbst zum widerstand zählten, sei es politisch oder religiös bedingt und sogar, wenn sie gefasst wurden zuchthaus und kz erlitten...

dies waren oft ganz einfache frauen, die sich aber verpflichtet fühlten gegen das unrecht irgend etwas zu tun!
für mich sind dies die wahren heldinen, ohne heroische geste, ohne eigenen machtanspruch, einfach niemals das mitmenschliche vergessen und das tun, was in der eigenen macht steht!

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