Berichterstattung zur Berichterstattung

Montag, 15. Juni 2009

Der BILD-Zeitung guter Draht zu Ministerpräsidenten der Union, ist nicht erst seit Roland Kochs ausländerfeindlicher Kampagne bekannt. Schon Günter Wallraff berichtete Mitte der Siebzigerjahre, wie sich die Hannoveraner BILD-Redaktion dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht an den Hals warf. Immer wieder wurde seither mit den Unions-Landesvätern geklüngelt, geworben und deren Politik als das non plus ultra weitsichtiger Landesvaterschaft verkauft; immer wieder wurden in Bedrängnis geratene Schwarze, gerade dann wenn sie der jeweiligen Landesregierung vorstehen, von BILD gedeckt, geschützt und, falls man doch einmal fiel, wieder hochgeschrieben - man betrachte nur den Fall Dieter Althaus, dann weiß man, wie Hochschreiben in Reinkultur praktiziert wird. Kaum ist ein Unionspolitiker zum Landesvater geworden, sieht sich die BILD als Haus- und Hofberichterstatter, stellt keine kritischen Fragen - naja, das hat sie vor der Ministerpräsidentschaft auch kaum -, biedert sich an, berichtet vom privaten Idyll des Landesvaters. Ministerpräsidenten werden schöngeschrieben, wenn sie in der CDU oder CSU sind, dann sowieso.

Dass die Politik des Axel Springer-Verlages diejenige ist, die sich im konservativen und nationalistischen Dunstkreisen der Union niederschlägt, ist kein Geheimnis, erklärt vielmehr den Hang der BILD, zu Ehren gekommene Unionspolitiker zu veredeln. Wenn aber ein Ministerpräsident eine Liebesaffäre hat, eine wiederentflammte Flamme sozusagen, dann kann auch die BILD daran nicht vorbeigehen, dann muß auch sie, von jeher auf Skandalgeschichten getrimmt, auf den Zug aufspringen. Nur hat sie dann zaghafter, nicht zu kokett, mit Rücksicht auf die Angehörigen des Schwerenöters zu berichten. Wie man das macht, zeigt uns dieser Tage der Deutschen liebstes Blatt.

Am 10. Juni läßt es die Leser wissen, dass die Bunte über ein Liebes-Comeback spekuliere, nur um am Folgetag nachzulegen, dass nun auch noch die Bunte-Chefreporterin nachlege, die Spekulation anfache. Erneut einen Tag später, wir schreiben den 12. Juni, ereifert sich die BILD über die taz, die ansonsten Boulevard-Berichterstattung verdamme, jetzt aber an den Spekulationen zu Seehofer teilnehme, dafür keinerlei Belege liefere, was einer journalistischen Todsünde gleichkäme (sic!). Am 13. Juni berichtet BILD, dass die Abendzeitung und die SZ empörte CSU-Politiker zu Wort kommen ließen, die ein klärendes Wort vom Parteivorsitzenden verlangen würden. Tagsdrauf mokiert man sich darüber, dass man den CSU-Granden im Berliner Kurier verhöhne. Kurzum: BILD selbst äußert sich nicht dazu, berichtet nur, was andere berichten, tut ein wenig verurteilend, maßregelt die Berichterstattung der anderen, rümpft vornehm die Nase und gibt sich als außenstehender Beobachter ohne selbst Stellung zu beziehen. Die einzige Stellung die man bezieht ist die des moralischen Verurteilers, indem man die schreibende Konkurrenz des Boulevard-Journalismus beschuldigt - etwas, was die BILD natürlich nie betreiben würde.

BILD praktiziert eine Berichterstattung von der Berichterstattung, kann sich nebenbei entrüstend zur Konkurrenz äußern, das eigene Boulevard-Sündenregister vergessen machen. Nachher kann niemand in der Union sagen, die BILD hätte auch mit Schmutz auf diesen ehrenwerten Leistungsträger unserer Gesellschaft geworfen, sie sei als einzige sauber geblieben, habe ihre Leser lediglich darüber informiert, was in anderen Zeitungen dazu geäußert wurde. Wenn die polygame Szene aus dem Blätterwald herausgerauscht ist, dann berichtet BILD wieder selbst, zeigt wieder Familienfotos mit strahlenden Gesichtern, das Idyll des dann Geläuterten, der womöglich zurückfand zur Familie. So ist man es vom Hofberichterstatter schließlich gewohnt.

Nicht dass man nun meint, hier würde eine weniger verlogene Berichterstattung in Sachen Liebesleben des Ministerpräsidenten gefordert. Nein, es geht Dritte auch dann nichts an, mit wem dieser Herr sein Bett oder seine Betten teilt, wenn er ein hohes Amt dieser Republik innehat. Nur: Würde ein Politiker der LINKEN, würde ein Hartz IV-Empfänger ein solches Lotterleben führen, würde man weniger zimperlich "berichten". Daran sei hier (wieder einmal) erinnert.

10 Kommentare:

Anonym 15. Juni 2009 um 22:18  

Sehr gut - schon aufgrund ihrer Methodik (Selektion ihrer Opfer) offenbart die BILD ihre Unglaubwürdigkeit.

Anonym 16. Juni 2009 um 02:36  

An der kontinuierlich sinkenden Auflage der BLÖD-Zeitung sieht man, dass sich unsere Gesellschaft langsam, aber beständig weiterentwickelt. Optimistische Grüße und weiter so!

Anonym 16. Juni 2009 um 16:49  

Die Hälfte der Bildzeitungskäufer sind ALG2-Empfänger.
Die lesen deinen Blog hier nicht.

Seb 16. Juni 2009 um 17:45  

@ über mir:
Schön wäre es zu wissen, wieviele der "ehemaligen" BLÖD-Leser sich nun stattdessen ausschliesslich via Blöd.de informieren ;)

Ansonsten wie immer ein lesenswerter Artikel!

Roberto J. De Lapuente 16. Juni 2009 um 17:51  

"Die Hälfte der Bildzeitungskäufer sind ALG2-Empfänger.
Die lesen deinen Blog hier nicht."

Diesen Kommentar habe ich nur zugelassen, dass wir uns wieder einmal erinnern, mit welcher Chuzpe sich die Nachplapperer herrschender Meinungen in Diskussionen mischen. ALG II-Empfänger lesen BILD - aha. ALG II-Empfänger, BILDlesend wohlweislich, lesen keine Blogs, sind scheinbar zu blöd dazu - aha. Vom Bürgertum das BILD liest, angefangen beim Beamten, endend beim Gastronomen, will man nicht sprechen, scheint es.

Anonym 16. Juni 2009 um 20:39  

"Diesen Kommentar habe ich nur zugelassen, ..."

Ganz ohne Hintergedanken. Bloss eine Beobachtung während der Teilnahme an einem zweiwöchigen Bewerbungstraining.

wilko0070 16. Juni 2009 um 21:12  

@Anonym:
"An der kontinuierlich sinkenden Auflage der BLÖD-Zeitung sieht man, dass sich unsere Gesellschaft langsam, aber beständig weiterentwickelt."

Das ist leider nicht wahr. Die Ex-BILD-Leser sind vor allem auf die Sensations-Formate des Privat-TV ("Explosiv" etc.) umgeschwenkt, da hier wesentlich aktueller und dazu kostenlos "informiert" wird. Außerdem lassen sich bewegte Bilder leichter als gedruckte Sätze konsumieren.

Roberto J. De Lapuente 16. Juni 2009 um 21:24  

"Bloss eine Beobachtung während der Teilnahme an einem zweiwöchigen Bewerbungstraining."

Und daher pars pro toto?

ah 17. Juni 2009 um 01:06  

Nein, es geht Dritte auch dann nichts an, mit wem dieser Herr sein Bett oder seine Betten teilt, wenn er ein hohes Amt dieser Republik innehat.

Im Prinzip würde ich Dir ja Recht geben. Aber wenn das private Verhalten dermaßen den hochgehaltenen Prinzipien von christlicher Ehe und Treue widerspricht, dann ist das durchaus auch öffentlich relevant, da es ihn als Heuchler entlarvt. Würde dieser Herr nicht ständig das Gequatsche von "Familie als Keimzelle der Gesellschaft" wie eine Monstranz vor sich hertragen, wäre es seine Privatsache. So aber nicht.

Anonym 17. Juni 2009 um 10:14  

Guter Kommentar zur Hofberichterstattung. Da steht Bild der Superillu in nichts nach. Die solltet ihr euch mal vornehmen. Da gibt es nämlich auch ehrfurchtsvolle Hofberichterstattung.

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