Freiheit für Vorfahrt!

Donnerstag, 26. März 2009

Was für ein Chaos. Stünde ich nicht selbst auf dieser Kreuzung, ich würde die folgende Szene nicht für möglich halten. Naja, ich stehe hier nicht, jedenfalls nicht im Sinne dieses Wortes. Vielmehr, und ich spüre es mittlerweile auch als stechenden Schmerz vorallem im unteren Rückenbereich, bin ich zwischen zwei Fahrzeugen eingeklemmt. Vor mir ein deutsches Fabrikat, auf dessen Dach ich blicke, hinter mir ein unaussprechlicher Koreaner, dessen holpriger Namenschnörkel sich unförmig in die Haut meiner Heckseite presst. Sie werden sich fragen, wie ich in eine solch unpässliche Lage geraten konnte; das ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen ausführlich erzählen werde, da die beiden Autohalter nicht gewillt sind, ihre Fahrzeuge zu entfernen. Das heißt, gewillt wären sie sicherlich, aber können können sie nicht. Zwar sehe ich bereits den Krankenwagen, den ich telefonisch bestellt habe, aber zwischen uns stehen noch sieben Autos, zwei Radfahrer mitsamt ihrer Drahtesel und ein verwaister Rollstuhl. Ich werde also ausreichend Zeit haben, meine Situation zu erläutern.

An die Zeiten, in denen es noch sowas wie einen Verhaltenskodex für den Straßenverkehr gab, erinnere ich mich nurmehr vage. Zugegeben, diese Zeiten sind kalendarisch gesehen, noch nicht solange her, aber im Gewimmel des heutigen Verkehrs vergißt man schnell, wie es einst war, als die Welt noch besser schien. Vormachen darf man sich aber nichts, obwohl es Regeln gab, obwohl man sich an Lichtsignale und bunt bemalte Metallteller auszurichten hatte, war die damalige Ordnung auch kein Zuckerschlecken. Es gab böse Unfälle, Verletzte und Tote, und ich erinnere mich, wie meine Eltern über den damaligen Straßenverkehr klagten. Als man aber dazu überging zunächst den Schilderwald zu fällen, ich erinnere mich gut, wie damals führende Politiker von einer großen Deregulierung des ausufernden Verkehrsgeschehens sprachen, da nahm das Unheil seinen Lauf. Die Unfälle häuften sich, was statistische Erhebungen auch belegten. Aber die Medien sprachen lediglich von einer Anhäufung an Blechschäden, Kollateralschäden, die eine Deregulierung mit sich bringe, die man ertragen müsse, wenn man das ganze System leistungsfähiger machen wolle. In jener Zeit starb mein Vater, er wurde überfahren; ebenso machten zwei Nachbarn und ein ehemaliger Schulfreund physische Bekanntschaft mit Blechschäden.

Sie werden sich fragen, was das mit meiner derzeitigen Situation zu tun hat, aber gedulden Sie sich. Noch haben wir genügend Zeit, der von mir bestellte Rettungsdienst hat zwar Boden gutgemacht, steht aber derzeit mit dem rechten Vorderreifen auf der Hand des Rollstuhlfahrers, der urplötzlich robbend unter einem Fahrzeug hervorschoss. Sobald sich die Herren vom Rettungsdienst einige Zentimeter fortbewegen können, werden sie sich erstmal um den armen Kriechenden kümmern, mir damit mehr Zeit gewähren, die ich erzählend zu verbringen gedenke. Also, ich sage es gerne nochmal, nur Geduld, auch wenn Sie es für Geplänkel halten, das bereits Erzählte hat mit meiner jetzigen Situation zu tun, damit auch mit dem Rückenschmerz, der mir gerade schwer zusetzt. Wo waren wir stehengeblieben? Ah ja, beim abgebauten Schilderwald und den Blechschäden, die manchen Knochenbruch zur Folge hatten. Diese erste Phase der Deregulierung schien erfolgreich, nun ging man daran, sämtliche Ampeln zu entfernen, die auf keiner großen, das heißt zweispurigen Hauptstraße standen. Angeblich, so wurde berichtet, hätten sich nun die Blechschäden sogar reduziert, die Abkehr von der Regulierung hätte den Wettbewerb zwischen den Verkehrsteilnehmern dahingehend getrieben, dass nun alle dazu gezwungen seien, umsichtiger und vorausschauender zu agieren.

Der freie Verkehr, so verkündete der damalige Verkehrsminister, der mittlerweile friedlich entschlummert ist, nach einem Parteitreffen von einem rasenden Schwertransporter erfaßt und dreihundert Meter mitgeschleift wurde, der freie Verkehr also, würde die Vorzüge im Verkehrsteilnehmer zum Vorschein bringen. Die frühere Regulierung des Verkehrs hätte zu einem falschen Verhalten geführt, einer Art Anspruchsdenken an den Staat, der aus unerfindlichen Gründen irgendwann dazu übergegangen sei, den Verkehr nach seinem Gusto zu steuern. Aber der Staat sei kein guter Schutzmann, daher müssen die freien Kräfte des Verkehrs losgelassen werden, um den Straßenverkehr den ihm immanenten Selbstheilungskräften zu unterziehen. Es gäbe zwar Unfälle, ich erinnere mich, wie das der selige Minister zugab, aber diese Unfälle seien notwendig, denn Selbstheilung bedeute eben auch Ausmerzung derer, die nicht leistungsfähig genug seien, den neuen Ansprüchen des Verkehrs Rechnung zu tragen. Freilich würde der Staat sich nicht vollkommen zurückziehen, er würde auch weiterhin für die Verstümmelten sorgen, die man zwischen Blechtrümmern herauszerren kann, aber dort auch nur um diejenigen, die auch wirklich bedürftig sind. Rahmenbedingungen würde der Staat auch in Zukunft schaffen, das sei nämlich seine wahre Aufgabe; Rahmenbedingungen, wie den Bettrahmen eines Krankenbettes auf der Sterbestation.

Freilich war da das Ende vom Lied noch nicht erreicht. Das konnte man damals aber auch noch nicht wissen. Ich möchte Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich das Erzähltempo verschärfen werde, eben hat der Rettungswagen drei Wagenlängen gutgemacht. Zwei im Weg stehende Wagen konnten meine heraneilenden Schmerzbekämpfer selbst zur Seite rammen, ein weiterer Wagen wurde von zwei Fahrradfahrern mit vereinten Kräften in ein Straßencafé geschoben, woraufhin der Wagenbesitzer zornig ausstieg und über den Rollstuhlfahrer, der nun mit verbundener Hand gen Rollstuhl weiterkriecht, stolperte. Wir sollten also flott fortfahren: Nach dem Lichten des Schilderwaldes und der Deinstallation von unnützen Ampeln traten allerlei Chefideologen auf, die sich für eine schnelle und unbürokratische Deregulierung des Verkehrs aussprachen. Einer von denen, mittlerweile ist auch er eine Symbiose mit dem Straßenasphalt eingegangen, forderte die vollkommene Befreiung von Schildern und Lichtsignalen, um als nächsten Schritt die Aufhebung sämtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen zu postulieren. Nur wenn die Geschwindigkeit freie Option des Verkehrsteilnehmers sei, wenn diese nicht mehr am Regelwerk orientiert fahren könnten, sondern wie es die jeweilige Situation erfordert, könne der Verkehr sachgerecht stattfinden, nur dann könnten sich Selbstheilungskräfte entfalten. Die Hinweise dieses Ideologen, dieses mittlerweile entschlummerten Professors, wurden auch schnell in die Realität befördert.

Seither findet der total entfesselte Verkehr statt. Man erklärte uns anfangs in Funk und Presse, dass nun die besten Voraussetzungen geschaffen seien, einen reibungslosen Verkehrsablauf zu gewährleisten. Wenn es hier und dort aber noch Probleme gäbe, so fuhr man fort, liege das an den Teilnehmern selbst, die sich auf die neue Situation noch nicht eingestellt hätten. Mir scheint, es hätten sich heute, Jahre nach der Einführung des entfesselten Freiverkehrs, immer noch viele nicht darauf eingestellt; ja, sofern Sie sich einen Moment meiner im wahrsten Sinne des Wortes beklemmenden Lage gegenwärtig werden, müßte man vermuten, ich selbst wäre nicht eingestellt auf das, was auf unseren Straßen vor sich geht. Man leugnet öffentlich zwar nicht, dass es gelegentlich zu Behinderungen käme, Unfälle nennt man das schon lange nicht mehr und die Todesopfer, die sich täglich meterhoch stapeln ließen, werden erst gar nicht erwähnt, aber diese Behinderungen seien zu erdulden, im Namen der Freiheit und der Vorfahrt. Wobei diese ja nicht einmal mehr mit „rechts vor links“ gewährleistet ist; heute müssen sich Verkehrsteilnehmer einigen, müssen der Situation gerecht auswerten, wer wohl zuerst fahren dürfe. Darauf war der damalige Verkehrsminister, der diese Reform erließ, Nachfolger desjenigen, der den Schwertransporter küsste, sehr stolz. Oder er wäre stolz gewesen, wäre er nicht kurz vor der Verabschiedung seines Lebenswerkes, mit seinem Dienstwagen, dortmals platt wie eine Flunder, zwangsvereinigt worden.

Ich glaube, Sie können sich nun vorstellen, wie ich in diese missliche Lage geriet. Sie sehen ja selbst, wohin dieser falsch verstandene Freiheitseifer geführt hat. Die ganze Kreuzung ist mit Autos übersät, nicht alle nehmen am Verkehr teil, einige parken auch, wie beispielsweise dieses französische Fabrikat, das auf der Linksabbiegerspur steht. Der „Deregulierungsreform zum freien Parken“ sei Dank. Radfahrer schlängeln sich irgendwie zwischendurch, werden eingequetscht, überfahren, mitgeschleift. Fußgänger wagen es immer wieder, sich in dieses Meer aus Blei und Blut zu werfen. Ich nurmehr selten, ich bin ja nicht verrückt. Achso, Sie meinen, ich wäre hier fußgehenderweise in meinen Mißstand geraten? Nein, so war es beileibe nicht, ich wollte nur zum Postkasten gehen, drei Schritte vom Eingang der Mietskaserne entfernt, in der ich den Verkehrslärm zu ertragen habe. Da standen meine beiden Peiniger schon bereit, beide dort, wo einstmals der Fußgängerbereich war. Ich wollte den engen Abstand zwischen beiden nutzen, drückte mich durch die Enge dieser hohlen Gasse, der Koreaner fühlte sich bedrängt, schlug das Lenkrad dezent ein und hier bin ich also, einige Meter von meinem Postkasten entfernt, der noch nicht einmal gefüllt ist, denn den Postboten sehe ich soeben auf einer Motorhaube liegend, drei Häuserblocks entfernt.

Blicken Sie nur um sich, lassen Sie es auf sich wirken; zugegeben, der heutige Tag ist ja noch relativ idyllisch. Gestern hätten Sie hier sein sollen. Das war regelrecht ein Auszug aus Dante Alighieris Hölle. Das obligatorische Automeer, über diverse Motorhauben Radfahrer verstreut, manche reglos. Immer wenn der Korso die Möglichkeit hatte, einige Meter zu gewinnen, wurde wie wild auf das Gaspedal gedrückt, was als kausalen Zusammenhang verstreute Motorhaubengäste aufweisen konnte. Hupen, Schimpfen, Wehgeschrei, leise knackende Knochen, quietschende Reifen, Auspuffwolken und Benzingeruch. Ein Krankenwagen verlud in diesem Trubel einen ehemaligen Patienten in den Wagen eines Bestattungsunternehmers, nahm sich stattdessen neuer Patienten an, an deren Anzahl es wahrlich nicht mangelte. Ein Bürschchen, keine fünfzehn Jahre alt, stieg panikartig auf das Gas, rumpelte mit einem unbändigen Schlag gegen einen Bus. Ja, Sie haben schon richtig gehört, der Wagenlenker war ein Junge. Wundern Sie sich nicht, irgendwann meinten Soziologen, es sei sinnvoll, schon junge Menschen am Freiverkehr teilnehmen zu lassen, damit sie später Vorteile im Verkehrsleben hätten. Man könne gar nicht früh genug damit anfangen, sich im Verkehr zurechtzufinden und die besten Jugendlichen würden sich auch ihren Weg bahnen. Eine Fahrlizenz, so wie früher, gibt es nicht mehr.

Die Politik hat aber durchaus erkannt, dass die derzeitigen Zustände auf den Straßen nicht länger tragbar sind. Eine Kommission hat aufgearbeitet, wo die Wurzeln dieses Mißstandes liegen. An der Deregulierung liegt es jedenfalls nicht, man glaubt eher, man habe nicht ausreichend dereguliert. Eine weitere Kommission hat nun zu entscheiden, welcher Art neue Verkehrsreformen sein müssen, welche Straßenbürokratien weiter abzubauen seien, damit das Chaos gebändigt werden kann. Außerdem wird man einen Leitfaden herausgeben, in dem eröffnet wird, wie sich ein Verkehrsteilnehmer zu verhalten hat, damit reibungslose Selbstheilungskräfte entstehen können. Denn noch etwas hat die Kommission festgestellt: das falsche Verhalten der Menschen, falsche Erwartungshaltungen und Zügellosigkeit habe das Reformwerk quasi boykottiert. Die Reformen waren gut, nur der Mensch ist schlecht. Wenn die Menschen erst einmal auf den Freiverkehr eingeschworen sind, dann geht es aufwärts. Seit Jahren habe man zwar diese neuen Strukturen, mache ja im Großen und Ganzen positive Erfahrungen damit, abgesehen von den üblichen Blechschäden, den kollateralen Nebenprodukten, aber man habe es den Menschen bislang nicht einimpfen können. Das größte Problem, so meint die Politik, sei letztlich die Vermittlung, weshalb nicht die Deregulierung der Straßen fehlerhaft sei, sondern ein plumpes Vermittlungsproblem dazu führe, dass es auf unseren Straßen zuginge wie in den engen Gassen des antiken Rom.

Gleich werde ich mich verabschieden müssen, meine Retter nahen. Sie stehen nun unmittelbar an jenem koreanischen Modell, welches sich in meinen Rücken drückt, sind bereits ausgestiegen, drängen den Fahrzeugführer dazu, einige Zentimeter zu meiner Errettung preiszugeben und werden, sofern er nicht pariert, ihm einige ordentliche Ohrfeigen verpassen. Pragmatische Hilfe eben. Man wird mich fitspritzen, ich werde schnell in meine Wohnung stürmen, mich aus dem Schlafanzug pellen, Hemd und Jeans anziehen, in die Tiefgarage eilen, mich hinter mein Steuer klemmen und zur Arbeit fahren. Gleich wird es Mittag schlagen, ich habe um halb neun abends die Nachtschicht anzutreten. Ich befürchte fast, heute wird die Pünktlichkeit leiden...

8 Kommentare:

Anonym 26. März 2009 um 11:33  

Junge, ist das ein guter Artikel!!!

Immer, wenn ich irgendwo Schmerzen verspüre und sie noch nicht richtig einordnen kann, dann komme ich hier lesen und schon ich weiß wo herkommt.

Hoffentlich gibt es bald wieder probate Medikamente, um nachhaltig zu heilen und die Herde auszumerzen?!

Anonym 26. März 2009 um 12:07  

http://de.wikipedia.org/wiki/Tempolimit#Stra.C3.9Fen_ohne_generelles_Tempolimit

Anonym 26. März 2009 um 13:54  

Naja, ich nehme an, hier geht es nicht um den Straßen-, sondern um den Finanzverkehr. So oder ähnlich funktioniert er ja.
Und die Ausreden, nichts zu tun, sind dieselben. Es ist die Hölle, die hier beschrieben wird.

Marlies 26. März 2009 um 18:19  

Das gibt es wirklich. Es nennt sich "Shared Space" und ist ein europäisches Projekt - und hat sich, im Gegensatz zur Deregulierung des Finanzwesens, bestens bewährt. Guckst du hier:

http://www.bohmte.de/staticsite/staticsite.php?menuid=131&topmenu=123

Anonym 26. März 2009 um 21:59  

sehr schön ...

... ich hoffe ja inständig, das sie sich mit hilfe der ohrfeigenden rettungssanitäter aus dieser misslichen lage befreien konnten, und rate ihnen dringlichst, bei ihrem nächsten ausflug zum bäcker oder ähnlichem nicht nur protektoren zu tragen, sondern sich auch um eine passende versicherung zu kümmern, denn sie sollten nicht nur an ihre eigenen kleinlichen sorgen denken, sondern auch an die ihrer mitmenschen; zb. den provisionsabhängigen versicherungs-händler der ansonsten von harz4 leben muss wenn sie ihn nicht mit ein wenig geld retten, sei es eine haftpflicht- oder auch eine kapitalgedeckte-private-rentenversicherung ... lecker ...

ebenfalls empfehlenswert:
- eine gegen inflation
- eine gegen aus zorn entstandene innerfamiläre streitigkeiten
- eine versicherung gegen politische orientierte vergesslichkeit/verdängung ...



... letztere habe ich versucht bei der bundestagswahl in anspruch zu nehmen, doch da gibt es leider die klausel: bei höherer gewalt ( allgemeine unwissenheit und medienmanipulation ) keine zahlung oder als ausgleich korrektur der wahlergebnisse ...
schade, pech gehabt ...



lg,
e

Oeffinger Freidenker 26. März 2009 um 22:18  

Sehr cool! Gleich verlinkt :)

fletcher2 26. März 2009 um 22:53  

Ein wunderbar gelungenes Gleichnis. Aber, wie zu Christus' Zeiten werden auch heute die, die es am meisten betrifft, am wenigsten verstehen.

Anonym 27. März 2009 um 21:36  

Der "Christus in uns" sollte hier bei jedem wach werden:

http://www.jungewelt.de/2009/03-28/058.php

...es ist einfach unglaublich, aber dies Deutschland ist nicht mehr das von Ludwig Erhardt & Brandt.

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