Eine Schulkarriere

Samstag, 14. März 2009

Damals, als ich den Sprung aufs Gymnasium geschafft habe, da sah die Welt, meine eigene Welt versteht sich, noch rosig aus. Endlich schien eine standesgemäße Bildung gesichert.Seinerzeit glaubte ich auch noch, ich würde mich in den Schulbetrieb einfinden, habe all die Geschichten, die man mir im Vorfeld über das grassierende schlechte Schulklima erzählte, einfach ausgeblendet. Aber schon nach einigen Wochen habe ich realisiert, dass es kein Zuckerschlecken würde. Als Schüler war ich zwar gar nicht so schlecht, konnte dem Lehrstoff sehr wohl folgen, aber das Umfeld, die Rahmenbedingungen machten mir schnell zu schaffen.

Häufig wechselnde Lehrer erlaubten keinen Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, zudem waren viele dieser Exemplare vollkommen unterkühlt und man merkte ihnen an, dass sie Jugendliche weder verstehen noch tolerieren wollten. Dafür erzeugten sie ordentlichen Druck, bauten einen geschickt inszenierten Wettbewerbdruck auf; hofierten die besonders tollen Schüler, die Leistung brachten und dem dazugehörigen Druck trotzten. Ich rang aber mit diesem Druck, war ihm unterlegen, konnte mich davon nicht befreien. Wie gesagt, ich konnte dem Lehrstoff folgen, der Preis war aber großer zeitlicher Aufwand, Freizeit hatte ich kaum noch und dazu lastete immer die Angst auf mir, dass selbst diese zeitliche Investition irgendwann nicht mehr ausreichen würde, um doch noch ein halbwegs passabler Schüler zu sein.

Es dauerte auch gar nicht lange, dass die Schüler untereinander auf ihre erbrachten schulischen Leistungen verwiesen. Eine Gute-Zensuren-Elite prägte sich heraus, die schonungslos aus ihren Reihen warf, wer mehrmals hintereinander etwas dürftigere Schularbeiten ablieferte. Und denen, die erst gar nicht in den Genuss dieses elitären Schulhofzirkels gerieten, machte man aufgrund dieses Druckes seitens der eigenen Mitschüler, das Leben noch einmal so schwer. Zu den unterkühlten Lehrern und den Druckmachern aus den eigenen Reihen, gesellten sich freilich auch allerhand andere Wichtigtuer. Verwandte und Bekannte erklärten, man solle schön lernen, damit aus einem mal etwas würde, gute Noten seien ja das A und O, wer da versage, habe sein Leben schon gleich zu Anfang ruiniert. Meine lieben Eltern, ansonsten verständnisvoll, gaben solchen Stimmen mit allem Nachdruck recht.

Um es kurz zu machen, ich fühlte mich schon anfangs nicht wohl, sah mich einem Druck ausgesetzt, dem ich nur schwer Herr wurde. Überall hieß es Leistung zu zeigen, Zeit zu investieren, für die Zukunft im Beruf, für die Karriere zu lernen. Ein warmes Wort, ein wenig Trost und Entlastung von diesem Gebäude aus Pression und Einschränkung, konnte ich nirgends vernehmen. Im Laufe der Zeit wurden auch meine Noten mittelmäßiger, trotz fleißigen Lernens – der Druck seitens Lehrer, Eltern und Mitschüler wurde noch einmal erhöht. Da brach ich zum erstenmal zusammen, meine Nerven hielten diesem Klima nicht mehr stand. Man ging zum Arzt, zum Psychologen und verabreichte mir kleine weiße Pillen, die mich etwas belastungsfähiger machen sollten. Dies sei übrigens, so meinten diverse Ärzte, mittlerweile Standard, viele Schüler machten sich auf dem natürlichen Wege der „medizinischen Aufwertung“ das Leben leichter.

Aber ich wollte nicht mit Medikamenten vollgestopft werden, suchte stattdessen ein Gespräch mit meinen Eltern, was mir natürlich auch gewährt wurde. Nachdem ich mein Leid geklagt hatte, zeigten sie sich zwar verständnisvoll, aber gleichzeitig rieten sie mir, endlich meine Ellenbogen einzusetzen. Als ob ich das nicht schon am Anfang des Alptraumes versucht hätte. So ein Mensch bin ich aber nicht, ich kann nicht rücksichtslos Ellenbogen einsetzen, den Druck ignorieren und dergleichen Ignoranzmethoden mehr benutzen, weil es nicht meiner Wesensart entspricht. Das ließ ich meine Eltern auch wissen, ich sagte ihnen, wenn man das von mir fordere, dann verlangt man von mir, dass ich mein ganzes Wesen verändere, dass ich zu einem anderen Menschen werden solle. Aber ich lebe nun mal in meiner Haut, nicht in der Haut eines anderen und kann daher nur glücklich werden, wenn ich Verhaltensweisen an den Tag lege, die mir gemäß sind, und nicht irgendwelche Methoden anderer darstellen. Ich wüßte zudem sehr wohl, dass ich sensibel bin, vielleicht auch zartbesaitet, aber was soll ich denn machen, ich sei nun mal der, der ich bin und daran ließe sich wahrscheinlich nichts ändern. Und überhaupt, soll es nicht verschiedene Menschentypen, verschiedene Charaktere geben?

Ich glaubte nach dieser kleinen Predigt, die ich voller Herzblut über Vater und Mutter ergossen hatte, würden sie meine Position verstehen und Mitkämpfer gegen das, was mich kaputt macht, werden. Aber ich erntete unverständige Blicke, sorgenvolle Mienen. Nun war es für sie klar, ich war psychisch labil, was prompt auch mein zu Rat gezogener Lehrer bestätigte. Man würde mit mir nun taktvoller umgehen, ließ er meine Eltern wissen, würde rücksichtsvoller sein, was er übrigens, wie er nicht müde wurde zu erwähnen, immer schon war. All das nicht etwa, weil ich eben anders sei als die Mehrzahl meiner Mitschüler, weil ich kein Ellenbogentyp, sondern weil ich psychisch labil und daher krank sei.

Aber auch im Laufe der Zeit wurde es kaum anders, zumal nun auch Nachmittagsunterricht hinzukam, um dem achtjährigem Turbogymnasium das Überleben zu sichern. Der Zeitaufwand wurde noch höher, der Druck natürlich auch, freie Zeit war ein Luxus. Ich empfand es als Frevel an der Jugend, wenn man ihr derart viel Zeit raubt, aber wem sollte ich von diesen und anderen Gedanken erzählen, ohne gleich zu einem Fall für die Irrenanstalt zu werden? Für mich war klar, dass ich für diese Welt nicht geschaffen bin, auch weil mir Bekannte erzählten, dass dieser Druck wohl nie mehr aufhöre, denn sie arbeiteten bereits und beklagten sich ständig über Mobbing, lange und noch längere Arbeitszeiten, ein Privatleben das sich nicht mit dem Arbeitsleben vereinbaren ließe. In was für eine Welt hat man mich da hineingeboren? Fühlt sich mein Ich alleine unwohl in diesen Zuständen oder empfinden all die anderen Ichs ebenso und wissen sich nur besser anzupassen? Anders gefragt: Bin ich wirklich irre oder sind es vielleicht doch die anderen und merken es nur nicht, weil sie irre gut in eine irre Welt hineinpassen?

Jedenfalls stand ich alleine, und das immer mehr. Ich verkroch mich in Isolation, ging zur Schule, danach gleich zurück ins eigene Zimmer, auf direktem Wege. Menschen wurden mir zuwider, selbst meine Eltern wollte ich nicht mehr übermäßig erblicken müssen. Ihre bedrückte Sorgenmiene ekelte mich immer mehr an, ihre mittlerweile schon aggressiv anmutenden Moralpredigten und Beschwörungen, mich doch endlich mehr anzustrengen, erzeugten nur noch Hassgefühle. Freunde hatte ich schon seit geraumer Zeit keine mehr, mir stand der Sinn nicht mehr danach, mich einem Menschen hinzugeben. Mit jemanden wie mir, mit einem psychisch labilen Nichtsnutz, der nicht in diese Welt hineinpaßt, will sowieso niemand etwas zu tun haben. Ich hatte und habe noch immer das Gefühl, dass mein Leben schon zuende ist, bevor es überhaupt so richtig anfing.

Mehr und mehr wurde aus der einst abgegebenen Labilitäts-Diagnose Wahrheit, denn ich spürte verstärkt, wie der Wankelmut und auch eine gewisse Form der Lebensmüdigkeit von mir Besitz ergriff. Gefühle, die ich vormals, bevor mir ein Experte meinen kranken Zustand beschrieb, gar nicht kannte. Und der Hass wurde zur dominanten Erscheinung meines Alltags, ich hasste von Herzen, fand keine Schönheiten des Lebens mehr. Wie mir diese Horden von Leistungsschülern, die sich gegenseitig hochschaukeln und in Wettbewerb stellen zuwider sind, wie sie mich ankotzen, diese Bagage aus Geld und Verlogenheit. Und dann diese großspurigen, ignoranten Lehrer, die in Schülern nichts anderes sehen als Gefäße, die man nur oben öffnen muß, um man darin unbegrenztes Wissen hineinzugeben. Von den windigen Verwandten und Bekannten, die heute von mir, dem Psychopathen nichts mehr wissen wollen, will ich gar nicht erst reden, sie haben mich, meine Zukunft sowieso schon abgeschrieben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich auch meine Eltern hasse, obwohl ich das als Sünde begreife. Aber etwas mehr Verständnis, etwas mehr Wärme hätte ich mir schon manchmal gewünscht.

Wie ich das alles hasse, wie ich mein Umfeld doch hasse. Seit Jahren lebe ich in diesem Brei aus Leistungs- und Zeitdruck, Unverständnis, Gleichgültigkeit und Einsamkeit; seit Jahren weiß ich, dass ich eben nicht der Mitschwimmer sein kann, weil es meinem Wesen nicht entspricht – wielange ich das noch durchhalte? Aber zum Waffenschrank meines Vaters greife ich nicht, auch wenn so ein Hilfeschrei mit großem Knall natürlich eine Show wäre, mal aufwecken würde. Nein, dazu kann ich mich nicht durchringen, sowas finde ich verwerflich. Es ist doch keine Lösung meines Problems... oder doch? Wenn man keine Lösungen hat, dann ist vielleicht die eigene Auflösung der Existenz immer noch ein Weg. Nein, nein, dazu will ich es nicht kommen lassen, ein klein wenig Hoffnung habe ich noch immer, vielleicht finde ich ja einen Ausbildungsplatz, der nicht zu arg mit Druck verbunden ist, womöglich bringe ich mein Leben doch noch in den Griff. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber wenn diese letzte Hoffnung stirbt, wer weiß was dann geschieht. Ich will nicht daran denken, aber möglicherweise schösse ich dann wirklich...

Anmerkung: Diese Zeilen spiegeln keine Schulkarriere wider, wie sie der Autor erlebte, er kam nicht in den Genuß höherer Schulbildung. Vielmehr ist es eine fiktive Schulkarriere, wie sie so fiktiv heutzutage nicht mehr ist. Dies sei erwähnt, weil der Autor vielerorts mit dem Ich in den obigen Zeilen gleichgesetzt wurde.

14 Kommentare:

Patrick 14. März 2009 um 11:44  

Ein schöner Beitrag, der die Wirklichkeit in der Schule wiederspiegelt. Ich bin froh das meine Schule ohne Psychopharmaka auskam, weiß aber, dass das mittlerweile gang und gäbe ist. Gerade bei den unteren Klassen wird gern und oft Ritalin verordnet.

Anonym 14. März 2009 um 11:51  

(Wir sind) allein, allein...

Anonym 14. März 2009 um 12:05  

Ich kann Dich aus eigener Erfahrung nur all zu gut verstehen. Allerdings habe ich Etwas, das Du wohl leider niemals verstehen wirst: Einen Gott, der mich liebt, so, wie ich bin. Ich wüsste nicht, wie ich sonst leben sollte.

klaus baum 14. März 2009 um 12:36  

Mir verschlägt's die Sprache. Ich sage es gern immer wieder: Was mich beeindruckt an Deinen Texten ist ihre Authentizität. Ich dachte die letzten Tage, was fehlt - im Zusammenhang der Amokläufe von Schülern - ist die Perspektive von unten, also die Perspektive derjenigen, die zum Beispiel unter dem Leistungsdruck leiden.
Aber die Krankheit, das Irresein der Gesellschaft, ist kein spezifisches Phänomen im Hier und Jetzt. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf 8 Jahre verstärkt zwar den Druck auf die heranwachsenden, aber die Gefühle, die Du beschreibst, kenne ich ebenfalls, allerdings in einem gänzlich anderen historischen Kontext. Ich bin in der DDR aufgewachsen und dort bis zum 8. Schuljahr in die Schule gegangen. Worunter ich gelitten habe, war das Unverständnis der Erwachsenen mir gegenüber. Erst mit sechzehn habe ich - nachdem meine Mutter mit mir die DDR verlassen hatte - in einem Kinderkurheim in Donaueschingen zwei junge katholische Erzieherinnen kennengelernt, die zuhören konnten und die auf liebevolle Art Ratschläge erteilten.
Wenn man die Autobiografie von Karl Philipp Moritz liest (18. Jhr.) oder die Biografie von Matthias Arnold über Vincent van Gogh, dann wird einem klar, daß das Verständnis der Menschen, mit denen man zusammenlebt, daß Verständnis für Individualität ganz, ganz schwach ausgebildet ist, und mir scheint, das dies zu allen Zeiten so ist.
Ich war vor Jahren auf der Internationalen Featurekonferenz der europäischen Rundfunkanstalten in Luzern: Dort hat ein norwegischer Redakteur ein Feature vorgetragen über eine norwegische Sängerin, die nur auf der Bühne Souveränität zu entwickeln vermag, aber ansonsten durch ihre orthodoxe, lutherische Erziehung á la 18. Jahrhundert ein sehr unsicheres Auftreten hat.
Ich glaube, je mehr wir über Geschichte erfahren, desto deutlicher wird, daß sie sich wiederholt: Lieblosigkeit ist eine ihrer Konstanten.

Anonym 14. März 2009 um 13:27  

"[...]Ich glaube, je mehr wir über Geschichte erfahren, desto deutlicher wird, daß sie sich wiederholt: Lieblosigkeit ist eine ihrer Konstanten.[...]"

Lieber Klaus Baum,

die Geschichte von Roberto J. de Lapuente ist rein fiktiv - er hat die selber nicht so erlebt, aber die Gefühle, die einen jugendlichen Amokläufer zur Tat treiben, sehr gut beschrieben - ich füge noch an, dass ich vor längerer Zeit etwas von einem US-Psychologen gehört habe, der einen "Luzifer-Effekt" untersucht hat, d.h. "der Teufel" bzw. Amokläufer, hier eher Folterer gemeint, wohnt in jedem von uns - der Unterschied ist marginal, der einen zur Tat treibt, und den anderen nicht - siehe hierzu auch im Netz die Hinweise auf das berühmt-berüchtigte "Milgram-Experiment" in den USA.

Ich bleib übrigens dabei, Geschichte wiederholt sich nicht 1:1, aber einige Punkte sind schon bedenklich nahe an der Weimarer Republik kurz vor ihrem Ende. Soweit wird es nicht kommen, aber die Ähnlichkeiten sind frappierend.

Übrigens, auch die moralische Verkommenheit der "Eliten", die hierauf wohl noch ihr Wahlkampfsüppchen kochen würden, wäre der Amokläufer ein "Ausländer", und dazu noch Moslem gewesen.

Pech für Roland Koch, es war ein angepasster dt. Schüler der ausgerastet ist....

Übrigens würde ich an die Wiederholbarkeit an Geschichte glauben, dann wäre ich längst ausgewandert - ins Obama-Land, von manchem auch USA genannt ;-) :-)

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

pillo 14. März 2009 um 13:32  

Hallo Roberto!

Seit einigen Wochen gehöre auch ich zur begeisterten Leserschaft Ihres Blogs. Sie ahnen garnicht, wie sehr Sie mir mit vielen Ihrer Beiträge aus der Seele sprechen. Es hilft zu wissen, daß man mit seiner Sicht der Dinge nicht völlig allein dasteht.

Auch der von Ihnen angesprochenen Anti-These von der "sinnvollen Gewalt" kann ich mich nur anschließen. Ich möchte an dieser Stelle einmal den us-amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry Miller zu Wort kommen lassen:

Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen, was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten.

Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche Säulen stehen geblieben, zuviel verfaulte Menschheit, als das ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige, zitternde Angst.

Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem verzweifelten, hungrigen Blick in den Augen auftritt, ein Mensch, der die ganze Welt umwälzen würde, um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geisel.

Wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen, die explodieren, Seiten, die verwunden und schmerzen, die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt ihr wissen, dass sie von einem aufrechten Menschen stammen, einem Menschen, dem keine andere Verteidigung übrig bleibt als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als das verlogene, erdrückende Gewicht der Welt, stärker als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden, um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten.

Wenn je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke, die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen, aus der die Welt bestand.

Henry Miller (1932)

Einen lieben Gruß, auch an alle Mitleser

pillo

Manul 14. März 2009 um 13:35  

Genau das ist das Problem, wenn man anfängt alles als einen (wirtschaftlichen) Wettbewerb zu sehen, bei dem nur noch nach Regeln des Wettbewerbs gespielt wird, der auch jedes noch so widerliche amoralische Verhalten letztlich belohnt (weil man ja am Ende der Gewinner ist und nur das zählt). So hat man in allen Lebensbereichen eine Atmopshäre geschaffen wie bei einer Treibjagt, wo jeder zusehen muss, dass er schnell ist, um nicht selbst zur Beute zu werden. Deshalb aber ertrage ich inzwischen die Berichte über diesen und andere jugendliche Mörder nicht, denn hier wird auch seit Jahren massivst gelogen, um nicht zugeben zu müssen, dass eine Gesellschaft, die nur auf ökonomischen Grundsätzen fusst, keine Daseinsberechtigung hat, weil sie alles negiert, was Menschen zu Menschen eigentlich macht - und diejenigen, die aus dem Raster fallen als gefährliche Zeitbomben in der Gesellschaft duldet. Es ist eben nicht der zivilisatorische grosse Wurf, sondern ein Rückschritt, der aus aufgeklärten Menschen egomanische Raubtiere gemacht hat, denen nichts fremder ist, als ihre Humanität und die damit ihre eigene Identität als Menschen negieren.

So werden wir wohl in den nächsten Jahren noch mehr sensationsgeschwängerte Berichte über Taten lesen, die 'man nicht erklären kann (will)', denn man kann eben nicht eine Gesellschaft auf Psychopharmaka setzen, damit sie so funktioniert, wie man es begehrt. Letztlich aber sind wir alle unseres Glückes doch selbst Schmidt, denn wenn wir bereitwillig in die Tretmühle einseigen und kräftig treten (auch wenn wir es gar nicht können), dann wird alles beim Alten bleiben, denn für einen Betriebswirt gibt es nichts Besseres als eine Belegschaft, die sich nicht wehrt. Es müssen also wieder Weber her, die ihre Klogs in die Maschinen werfen, die ihre Rechte auf einen humanenen Arbeitsplatz einfordern. Die Kinder und Jugendlichen, die das ökonomisch korrekt optimierte Bildungssystem durchlaufen, die werden es nicht und die können es auch nicht, aber sie sind mehr denn je darauf angewiesen, dass die Gesellschaft als Ganzes aufwacht und aufhört ihre Mitglieder als Zahnräder zu betrachten, die nur zu funktionieren haben...

anobo 14. März 2009 um 14:40  

Hallo ad-sinistram,

im Grossen und Ganzen kann ich fast meine eigene Geschichte darin finden. Manchmal komme ich mir hier vor wie in einer roemischen Arena aka. Brot und Spiele. Ein paar (Eliten) sitzen auf der Tribuene waehrend in der Arena das Volk um das eigene Ueberleben kaempft um dann schlussendlich von Loewen und Tigern verspeist zu werden.

Anonym 14. März 2009 um 16:25  

@anobo:

Du irrst, das Volk steht vielmehr gesättigt auf den niederen Rängen und jubelt lauthals, während ein paar Meter weiter unten seinesgleichen niedergemacht wird. Das ist der eigentliche Sinn von Brot und Spielen.

Anonym 14. März 2009 um 18:32  

Die Sache wird immer perverser, die die uns via Finanzkrise, und Weltwirtschaftskrise II, reingeritten haben mit ihrer Unmoral - die deutschen "Eliten" aus Wirtschaft, Medien und Politik plädieren für eine Werteerziehung bei Jugendlichen.

Toll! Die sollen erst einmal bei sich selbst anfangen frei nach dem Motto ob es normal ist, dass man "Gewinne privatisiert (in Milliardenhöhe) und Verluste sozialisiert".

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Calwer-Wildnis 15. März 2009 um 01:33  

Gut beschrieben. Ich kann mich noch erinnern, ja... Auch wenn die Schulzeit lange her ist bei mir. Ich galt auch als labil, aber damals war das noch nicht ganz so tragisch. Außerdem hatte ich gute Noten, da drückte man ein Auge zu, wenn ich wieder mal sensibel auf etwas reagierte.

Verständnis? Auch damals rar gesät. Meine Eltern hatten ihre eigenen Probleme, auch miteinander, und wenig Zeit für meine. Aber, ich hatte Glück: Eine Oma, die sich um mich kümmerte. Trotzdem, es war brutal.

Amok bin ich nicht gelaufen, und ich überlege, ob ich anders gehandelt hätte, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Ich weiss es nicht, bin ja keiner. Allerdings, zeigen wollte ich es ihnen auch - und ich habe es getan: Indem ich mich abstrampelte, mir die Intelligenz draufzuschaffen, die es brauchte, um argumentieren zu können. Das war mein Fluchtpunkt.

Sehr gut beschrieben.

Anonym 15. März 2009 um 10:27  

@Calwer-Wildnis

"[...]Indem ich mich abstrampelte, mir die Intelligenz draufzuschaffen, die es brauchte, um argumentieren zu können. Das war mein Fluchtpunkt.[...]"

Sehe ich genauso, ich bin auch den Weg gegangen, aber leider ist Intelligenz nicht in jeder Familie gefragt.

Bei mir heißt es - im Streit manchmal:

"Mit dem Mund bist du ja groß"

Mein Argument dagegen:

"Wäre es besser ich würde gleich draufschlagen".

Die Familienmitglieder akzeptieren dies leider nicht, aber draufschlagen, den Gefallen tue ich Ihnen widerrum auch nicht, da bleibe ich lieber beim "mit dem Mundwerk bist du ja groß".

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Manul 15. März 2009 um 13:40  

@Calwer-Wildnis:

Ich glaube einige hier haben ähnliche Schulbiografien, denn auch ich galt als notorischer Querualant und allgemeiner Schreck, aber ich habe einfach ab einem gewissen Alter nicht mehr den Mund verbieten lassen und, was mir öfters zum Verhängnis wurde, ich hatte ein Problem mit Autoritäten, allerdings eher bezogen auf Mitschülercliquen und Ähnliches. Aber ich hatte gute Noten, habe die Schule halbwegs überstanden und es war eine schöne Zeit.

Einen gravierenden Unterschied zu meiner Schulzeit stelle ich aber doch immer wieder fest, nämlich die allgemeine Zunahme an Gewalt. Zu meiner Zeit - und das sind gerade mal 15 Jahre her(!) - wars als üblich, platt gesagt, sich mal gegenseitig einen auf die Fresse zu geben und danach war die Sache meist auch erledigt. Waffen waren so gut wie nie im Spiel, selbst, wenn man schon mal in seiner Tasche ein Butterflymesser hatte, was aber eher zum Angeben da war.

Allerdings genossen auch die Schulen damals einen ganz anderen Status. Die Klassen waren klein, in Bezirken mit vielen Ausländern (so einem, in dem ich gross geworden bin) wurden Förderkurse angeboten und wer in irgendeiner Weise auffiel, der fand auch Pädagogen, die ihn aufgefangen haben, weil sie viel über ihn und sein Umfeld wussen und schnell auf etwaige Verhaltensänderungen reagieren konnten. In meinem Jahrgang waren Schüler, die ohne Abschluss waren, eine Ausnahme - was bei einem Ausländeranteil von rund 70% eine sehr gute Quote war.

Genau da ist man aber schon bei den Ursachen, die keiner benennen will. Den Schulen fehlt schlicht Geld, um damit überhaupt Schule machen zu können und die Verantwortlichen dafür, die jeweiligen Politiker mit ihren Lobbyisten und Think Tanks im Hintergrund wissen das ganz genau. Diese Abwirtschaftung ist genauso gewollt, nur die Konsequenzen davon möchte man möglichst weit weg von sich schieben und diejenigen, die in diesem Hamsterrad durchdrehen als Kranke darzustellen.

Wo wir schon wieder am Anfang wären. Problemschüler gabs immer, bloss mit dem Unterschied, dass man ihnen auch ein Recht auf Individualität gelassen hat.

Raze 15. März 2009 um 19:53  

Das kommt mir furchtbar bekannt vor... mir hat man damals tatsächlich unterstellt, ich wollte am Abend der Zeugnisverleihung ein Blutbad anrichten. Ungeachtet der Tatsache, daß ich mir diese Veranstaltung gar nicht antun wollte - ich hatte Konzertkarten, und nur der Direx, dem das irgendwie zu Ohren gekommen war, schaffte es, mich zu überreden.

Und natürlich war ich selber schuld am Aufkommen dieses Verdachtes. Ich war es ja, der sich der Anpassung verweigert hat.
Mich will meine Mutter seither zum Hirnschlosser schicken.

Ich habe zum Glück etwas, was mich vom Durchdrehen abhält. Aber was sonst wäre, weiß ich auch nicht.

Ein wunderbarer Beitrag, Roberto. Gut zu wissen, daß irgendwo da draußen doch intelligentes Leben existiert...

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