Es wird wieder gegüllnert!

Dienstag, 30. Dezember 2008

Sprachen neigen dazu, bestimmte Verfahren, die man an einer Person oder einer Örtlichkeit festmacht, mit bestimmten Verben auszustatten. So wurde aus der Belagerung und späteren Ermordung halb Magdeburgs (1631), ein neues Wort ersonnen, welches in sich alles beinhalten sollte, was an Grausamkeiten und Leid jene Stadt ertragen mußte. "Magdeburgisieren" - (Damals war die französisch geprägte Endung "-isieren" im Deutschen höchst modern.) - sollte fortan gebräuchlich werden und wer dieses Wort vernahm, der wußte was der Aussprechende damit meinte. Technische Verfahren nahmen ebenso den Namen des Erfinders oder geistigen Vorvaters auf, wie beispielsweise das "Galvanisieren", welches sich vom Nachnamen des Artzes Luigi Galvani ableitete. Die Schweden wenden eine solche Namengebung an, wenn ein Journalist sich in einen Betrieb oder eine Organisation inkognito einschleust, dort schauspielerische Qualitäten an den Tag legt, nur um das Erlebte danach aufzuschreiben - "wallraffen" nennt man diesen Vorgang, in Anlehnung an Günter Wallraff, dem eine solche Ehre in seinem Heimatland bis dato noch nicht widerfahren ist.

Ein neues Verfahren, das freilich so neu nicht ist, schon seit Jahren praktiziert wird, aber in dieser Art und Weise vielleicht nie so ungeniert betrieben wurde, ist folgendes: Als Meinungserfasser bezieht man klare Stellung im öffentlichen Diskurs, urteilt über die meinungstechnisch zu beurteilenden Kandidaten diverser Parteien, mischt sich ein in deren Kandidatenernennungen, gibt den Parteien Hinweise und Winke, wie sie erfolgreicher eine Wahl gewinnen können, wird - um es kurz zu sagen - vom Meinungserfasser zum Meinungsmacher. Dieses Verfahren, welches höchst neutral wirken soll, aber in Wahrheit natürlich parteiisch ist, nennt sich "Güllnern" - und es wird gegüllnert seit Jahr und Tag, manchmal versteckt hinter dem angeblichen Meinungsbild der Bevölkerung, oft aber ganz direkt und unverblümt, wenn der Namensgeber selbst ins Geschehen eingreift und immer dreister seine Güllnerungen in den Ring des politischen Nonsenskonsens wirft.

Einen dieser unverblümten Fälle ließ der Namensgeber Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Institutes, kürzlich durch den Blätterwald güllnern. Der Spitzenkandidat der SPD, der in der Landtagswahl 2010 in Schleswig-Holstein antreten soll, sei ein "Kotzbrocken" und sollte daher ausgewechselt werden. Das mag auch sein, vielleicht ist Ralf Stegner - so der Name des Spitzenkandidaten - wirklich ein Kotzbrocken - aber ob das alleine ausreicht, um einen Meinungserfasser derart zum Meinungsmacher zu erheben? Immerhin, das darf nicht unberücksichtigt bleiben, spricht sich Stegner gegen die Kontroll- und Erfassungspolitik Schäubles aus, nebenher plädiert er für die Freiheit der sozialdemokratischen Landesfraktionen, ein Bündnis mit der LINKEN eingehen zu dürfen, wann immer es aus machtpolitischen Gründen sinnvoll erscheint. Und genau dort liegt vermutlich der Hund begraben, denn der Schröderianer Güllner, ausgewiesener Agenda-Freund und damit Anhänger konservativer Sozial- und Wirtschaftspolitik, kann in Stegner, einem liberaleren Exemplar der deutschen Sozialdemokratie - was ihn sicherlich noch nicht zum Linken macht -, keinen verwandten Charakter erkennen, schon gar nicht eine Persönlichkeit, die die SPD in Zukunft prägen sollte.

Güllner hat schon oft durch die Lande gegüllnert. Doch derart offensichtlich und plump, war es schon lange nicht mehr - wenn es überhaupt jemals derart primitiv vonstatten ging. Jemanden, der auch nur den Hauch linker Ambitionen verströmt, quer durch die Gosse als "Kotzbrocken" zu bezeichnen und sich dann auch noch auf die angebliche Meinung der Bevölkerung zu stützen, damit diese fadenscheinige These auch eine Grundlage hat, darf getrost als Verfahren betrachtet werden, welches in dieser platten Dreistigkeit noch nicht gegeben war. Der ungeliebte Kandidat ist ein also Kotzbrocken - so einfach geht Meinungserfassung heute! Womöglich sieht sich Güllner nur als Retter der Sozialdemokratie, weil er eine zweite "Affäre Ypsilanti" verhindert wissen will - er tut es folglich nur aus Parteivernunft. Und natürlich um des schröderianischen Erbes willen! Für solche hehren Motive ist das Güllnern natürlich legitim...

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Alles wird gut

Nachdem von mir geschätzte Kollegen es wagten, einen Blick in die Zukunft zu werfen, möchte ich in kurzen Worten kundtun, welche Entwicklungen ich im kommenden Jahr für weiterhin aktuell halte, welche ich sogar in verschärfter Form befürchte. Es dürfte sich im Wesentlichen um drei Punkte halten, die auch das Jahr 2009 dominieren werden. Die nun folgende kurze Auflistung soll im Vollbesitz aller optimistischen Kräfte präsentiert werden.
  • Die Große Koalition wird auch 2009 weiterbestehen. Schlimm genug, denkt man sich, wenn im Bund weitere vier Jahre nur eine Opposition auf Sparflamme stattfinden soll, die zudem immer dann mit der Großen Koalition kollaboriert, wenn man auf ein wenig Gegenwehr gegen die chronische Zweidrittelmehrheit hofft - zumindest betrifft das die FDP und die Grünen häufig. Es wird aber wahrscheinlich noch schlimmer kommen, denn alle vier anstehenden Landtagswahlen könnten mit erneuten und neuen Großen Koalitionen enden; könnten beispielsweise sogar im Saarland eine Große Koalition neben einer starken LINKEN zum Resultat haben, und in Sachsen als Minivariante mit knapper Absolutmehrheit wahr werden. Die Große Koalition wird dort wo sie schon ist bleiben und auch in noch unverschonten Bundesländern in Serie gehen.
  • Die sogenannte Finanz- und Wirtschaftskrise wird Massenelend erzeugen. Beileibe keine umwerfende Neuigkeit, denn Elend gibt es heute schon als Massenfabrikat - aber die Masse vergrößert sich, wird sinnbildlich zum schwarzen Loch. Es werden Massen relativ verelendet sein, aber keiner bekommt es mit, weil das Elend in den Medien schön- oder weggeredet wird. Probleme wird es machen, dass kein großes Fußball-Turnier ansteht, während dem man mit deutschen Flaggen allerlei Ungerechtigkeiten kaschieren kann - aber die Einheitsfront der vermeintlichen Berichterstattung wird Mittel und Wege finden, von den Nöten und Sorgen abzulenken. Und wenn alles nichts hilft, dann erklären uns solche, die es nicht wissen können, weil sie nie in Not lebten, dass letztendlich alles nicht so schlimm sei.
  • Und damit wären wir eigentlich schon beim dritten Punkt angelangt: Die Medien werden 2009 noch banaler, noch oberflächlicher, noch verblödender berichten. Auch wenn man es nicht für möglich hält: Manipulationspotenzial gibt es noch ausreichend, weitere Mechanismen zur gezielten Desinformation sind sicherlich nicht schwer zu finden und umzusetzen.
Wie gesagt, dies alles im Vollbesitz optimistischer Kräfte. Schließlich könnte es auch noch schlimmer kommen! Aber wer will sich die Feierlichkeiten zum neuen Jahr - dieses Hochleben menschlicher Gabe, sich einen Kalender ausgedacht zu haben - schon mit Pessimismus vermiesen lassen? Wahrlich, es könnte schlimmer kommen. Und wenn es 2009 schon nicht schlimm kommt, so bleiben noch viele, viele andere Jahre. Wenn es 2009 so positiv kommt, wie in den drei Punkten nur vage angedeutet wurde, dann gibt es immer noch ein 2010, in dem es schlimmer kommen könnte und wird - als ausgleichende Gerechtigkeit quasi. Und wenn es 2009 doch viel böser kommt, als wir Berufsoptimisten glauben, dann kann man realistischerweise hoffen, dass es 2010 wenigstens etwas besser wird. Irgendwann ist man so tief, dass es nur noch aufwärts gehen kann. Wir sollten nicht vergessen, dass wir im Zeitalter des think positive leben - man muß nur den Mut haben es auch umzusetzen...

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Am Heldensyndrom erkrankt

Montag, 29. Dezember 2008

Es ist ein altes Motiv aus der Literatur; später griff es die Filmindustrie auf, um damit manche Tragödie zu bereichern. Womöglich ist es ratsam, einen dieser Film herauszuheben, um deutlich zu machen, von welchem Motiv die Rede ist; hierzu ist eine kurze und bündige Inhaltsangabe empfehlenswert. Es handelt sich um den US-amerikanischen Thriller "Kopfgeld" aus dem Jahre 1996. (Dieser Film ist dabei nur beliebig ausgewählt, soll nur das Motiv erklären, mehr nicht.) Der Sohn einer wohlhabenden Familie wird entführt, die Entführer fordern 2 Millionen Dollar Lösegeld. Der Vater, gespielt von Mel Gibson, entschließt sich daraufhin, die geforderte Summe zu bezahlen - doch die Geldübergabe scheitert. Nun entschließt sich der Vater zu einem außergewöhnlichen Schritt: Er tritt im Fernsehen auf, vor ihm liegend das gesamte Lösegeld, und erklärt den verdutzten Zuschauern, dass derjenige, der den oder die Entführer tot oder lebendig ausliefert, das ursprüngliche Lösegeld als Kopfgeld erhalten soll.
Soweit die Vorgeschichte, nun nähern wir uns dem besagten traditionellen Motiv aus der erzählenden Kunst: Die Entführerbande läuft natürlich Amok, denn jeder hat Angst, dass er von einem anderen Bandenmitglieder ans Messer geliefert wird. Der Kopf der Gruppe, der im zivilen Leben Polizist ist, tötet sämtliche Mittäter und liefert den Jungen beim Vater ab. Er gebärdet sich als der Held der Stunde, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war, um die Entführer zur Strecke zu bringen. Deswegen habe er sich das Kopfgeld redlich verdient, weil er "pflichtgemäß" die Entführer tot ausgeliefert hat. Aus dem Entführer wird also plötzlich ein Held, der Held schlechthin, auf den die gesamte Gesellschaft wohlwollend blickt, ein couragierter Polizist eben, kein "korrupter Bulle" - das ist das erläuterte Motiv.
Der Ausführlichkeit halber sei noch erwähnt, dass der vermeintliche Held enttarnt wird, schließlich handelt es sich um einen Hollywoodfilm, in dem happy ends immer noch gern gesehen sind - er wird sogar in einem Showdown erschossen, wie gesagt: ein Hollywoodfilm eben. Und dass der Film suggeriert, erst die Ausschüttung eines kleinen Reichtums würde bewirken, dass Menschen zum Guten animiert würden, soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren.

Vielleicht wäre es sinnvoll, das Motiv etwas abstrakter zu rekapitulieren. Eine Person, die einen Mißstand, einen Skandal, eine Tragödie bewirkt, einen Zustand also, an dem Menschen leiden müssen, eine Person die offensichtlich das Falsche tut, erkennt ihre letzte Ausflucht darin, die Position des Schandtäters zu verlassen, um die direkte Gegenposition einzunehmen. Sie wird urplötzlich - aus pragmatischem Antrieb heraus, weil sie vielleicht kurz vor der Enttarnung steht oder einfach den Druck nicht mehr ertragen kann - zur anderen Seite, zum diametral Entgegengesetzten, scheint sich mit denen, die unter seinem Tun litten, zu solidarisieren. Aber nicht nur dies: Die Person wird aktiv, solidarisiert sich nicht nur, sondern greift positiv ins Geschehen ein, rettet Menschen aus ihrer Misere, wird zur Heldengestalt, weil sie qua der Gewissheiten, die sie vormals als "verbrecherische Person" hatte, genau weiß, wo sie anzusetzen hat, weil sie weiß, wie man den von ihr erwirkten Mißstand beheben kann. Aus dem Peiniger wird der Held, aber nur, weil er in weißer Weste begutachtet wird, weil das Publikum nicht weiß - noch nicht weiß -, dass er es war, der das ganze Spektakel inszeniert hat.

Wie immer, ist auch dieses literarische Motiv durch die Realität beseelt, nicht einfach frei aus dem Gehirn eines Schriftstellers entsprungen. Selbst der phantasievollste Schreibende kann solche Motive nicht lediglich durch seine Geistesleistung entfalten, sondern muß Anleihen im wirklichen Leben machen. Das oben dargelegte Motiv fand sich, so kann man annehmen, schon in früheren Realitäten immer wieder; und selbst heute noch: so hat man schon oftmals der Presse entnommen, dass es Menschen geben soll, die einen Brand nur deshalb legen, um danach die Hausbewohner heldenhaft zu erretten. (Was in einem solchen Falle Geltungssucht ist, ist im Falle des Films "Kopfgeld" die Gier, der Hunger nach Geld - und damit wahrscheinlich nur verkappte, schön kaschierte Geltungssucht.) Außerdem ist es zudem ein höchst politisches Motiv, denn immer wieder wird uns deutlich - heute mehr denn je -, dass dieses Heldensyndrom den politischen Diskurs bestimmt. Aktuell läßt sich das beispielsweise am Falle Köhlers festmachen, der sich heute durch Reden an das Volk als Herr der Vernunft aufspielt, aber vormals fleißig und unvernünftig an der Aufreibung der staatlichen Rente mitgewirkt hat. Oder da wären Steinbrück und Merkel, die nie scheu waren, von den Selbstheilungskräften des Marktes zu sprechen, die so taten, als würde der Rückzug der Politik innerhalb der Wirtschaft dazu führen, dass es letztendlich mehr soziale Gerechtigkeit für alle gäbe - und nun lassen sie sich, via Axel-Springer-Konzern, als die großen Retter in den Fluten der Finanz- und Wirtschaftskrise feiern, tun so, als hätten sie keine Mitschuld an dem, was da nächstes Jahr noch folgen mag, wähnen sich stattdessen als Heroen des Volkes.

Und noch ein aktueller Fall läßt in diesen Tage die Diagnose "Heldensyndrom" zu. Ziehen wir hierzu nochmals die Rollenverteilung des oben erklärten Hollywoodfilms heran. Da ist zunächst der Sohn, der entführt werden soll - in der Realität übernimmt derzeit jener veraltete Zeitgeist diese Rolle, der seit Monaten und Jahren verleugnet wurde, der noch an Demokratie hing, an wirtschaftlicher Teilhabe aller Menschen, an der Mitbestimmung in den Betrieben, der einen Politikwechsel zugunsten mehr sozialer Gerechtigkeit forderte. Verkürzen wir es: Es ist das Gute, zumindest aber das Erstrebenswerte, was in der Sohnesrolle ausharrt. Vielleicht können wir es auch "nächstenliebende Vernunft" nennen. Und dann haben wir den Entführer, den auf Abwegen geratenen Polizisten, den wir mit Bischof Wolfgang Huber besetzen werden.
Da ist nun also der Entführer Huber, der das Erstrebenswerte, die "nächstenliebende Vernunft" seit Jahren verleugnet und damit den Menschen, die dies nötig gehabt hätten, geraubt hat. Mittels diverser Streit- und Denkschriften, Auftritten in politischen Quatschrunden und allerlei Predigten ging er seinem dreisten Handwerk nach, tat so, als gäbe es eben dieses Erstrebenswerte gar nicht mehr, weil die äußeren Zwänge dazu geführt hätten. Aber nun, da er plötzlich merkt, in eine Außenseiterposition geraten zu sein, da der Druck auf ihn zunimmt, weil die "nächstenliebende Vernunft" in Zeiten sich vergrößernden Elends wieder im Trend liegt, da läßt er seine ehemaligen Positionen ruhen, schwingt sich zu neuen Heldentaten auf, mahnt an Weihnachten das zu Fleisch gewordene Synonym für entfesselte Gier - Ackermann - an, und meint, er sei der große Held am Himmel sozialer Gerechtigkeit.

Die Frage wird nun sein, ob seine Schäfchen und solche, die er auch trotz fehlendem Schäfchen-Status medial belästigt hat, dieses falsche Heldentum erkennen werden. Sie müssen ihn ja nicht erschießen, wie den "heldenhaften" Polizisten im Film, aber abschießen dürften sie ihn schon. Huber hat sich mit seinen Äußerungen so sehr von den Ursprüngen christlicher Glaubenslehre entfernt, hat - um es kirchengeschichtlich zu sagen - vom Geldbeutel des Jesus Christus theologisiert, während diejenigen, die im christlichen Glauben noch etwas wie eine jesuanische Liebeslehre erkannten, klarmachten, dass der Nazarener keinen Geldbeutel besaß. Innerhalb seines Protestantismus', der im deutschen Bürgertum schon immer als Basis des Kapitals anzusehen war (Max Weber), mag sein Verhalten gar nicht sonderbar erschienen sein, sondern schlüssig und sinnvoll - aber das, was die Schäfchen seiner Kirche eigentlich brauchen würden, nämlich Rückhalt, einen Streiter für soziale Gerechtigkeit, eine Jesusdeutung, die jenen als Revolutionär begreift, als jemanden der nicht hinnahm, sondern Reformen und Liebe predigte, dazu hat er - Huber - sich nie bekennen wollen. Der heldenhafte Huber gehört zum Teufel gejagt - weil er von selbigen predigte und ihm dabei auch noch einen Heiligenschein aufsetzte, um ihn "Gott" nennen zu können. Und weil er sich nun Gestalten wie Ackermann herausgreift, um sein eigenes fades Menschenbild, das er Jahr und Tag predigte, vergessen zu machen.

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De dicto

Samstag, 27. Dezember 2008

"Dabei sind sie weit niedriger als die Wucherzinsen privater Geldverleiher, die locker bei monatlich 20 Prozent liegen. Der Nobelpreisträger ist davon überzeugt, dass nur Kredite mit für das Land realistischen Zinsen die Armen dazu bringen, wirklich Eigeninitiative zu entwickeln. "Gibst du ihnen Geld für null Zinsen, sehen sie es als Almosen an und nicht als Starthilfe."
- Stern über Muhammad Yunus am 26. Dezember 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Ein solch negatives Menschenbild, wie es Muhammad Yunus offensichtlich vertritt, ist in unseren Tagen nichts ungewöhnliches. Ungewöhnlich, zumindest aber doch gewöhnungsbedürftig, ist die Tatsache, dass ein solcher Misanthrop, der im Menschen zunächst einmal eine auf Alimentation bedachte, faule und zu Eigenantrieb unfähige Kreatur erblickt, einen Friedensnobelpreis erhielt. Im Jahre 2006 wurde der Erfinder sogenannter Mikrokredite, mitsamt seiner Grameen Bank, mit dem begehrten Preis honoriert. "Für die Förderung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung von unten" - so begründete das Komitee seinerzeit die Preisvergabe.

Kritisiert wurde Yunus seither immer wieder, weswegen er an dieser Stelle nicht erneut für seine fadenscheinige Geschäftsidee, die so gar nicht fadenscheinige, sondern ordentliche Profitspannen zeitigt, kritisiert werden - dass das Elend ihm profitabel ist, ist - sofern nicht den Massenmedien entnommen - hinlänglich bekannt. Dass die Methode dieser Profitmasche in ihrem Innersten solches Gedankengut umsetzt, welches den "negativen Menschen", den faulen und auf Geschenke bedachten Typus Mensch also, mit allerlei Firlefanz "gerecht" wird, liegt im Wesen der Kreditgeberei; dass aber ein Friedensnobelpreisträger, so ein Gedankengut grundsätzlich, als Basis seines Handelns, als Ansatzpunkt seiner Sichtweise vertritt, das schockiert. Und es wirft die zu stellende Frage auf: Würde er so handeln, wenn sein Profit schmäler, vielleicht überhaupt nicht mehr vorhanden wäre? Was täte er, bei weitaus geringeren Profitspannen für den Weltfrieden, für den er ja ausgezeichnet wurde?

Und doch paßt die Honoration des Muhammad Yunus in diese unsere Zeit. Man hat einen gemäßigten, milde wirkenden und mitfühlenden Zeitgenossen ausgezeichnet, ihn im Laufe der Zeit zu einer modernen Koryphäe der Nächstenliebe stilisiert, die im Kern ihres Wesens aber dennoch für all das steht, woran der Krämerseelen-Zeitgeist seinen Geschmack gefunden hat. Yunus war der passende Nobelpreisträger und ist heute der passende Messias innerhalb einer maßlosen Gier, weil er als Vertreter gierigen Bankertums, seinen Profitfetischismus in den Dienst der Mittellosen stellt, weil er den Anschein weckt, als wäre ihm der positive Erfolg der Armen wichtig, nicht das Geschäft mit ihrem Elend. Yunus ist eine Legendengestalt des herrschenden Systems: verklärt und auf seine angebliche Menschenliebe reduziert - die sich aber, bei genauem Hinsehen, als Liebe zum Zins offenbart.

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Spott von oben

Freitag, 26. Dezember 2008

Es steht schlecht um dieses Land, schlechter als man es annehmen mußte - soviel kann man aus der Weihnachtsansprache Köhlers heraushören, auch wenn dieser freilich etwas ganz anderes erklärte, positiver klang, fast ein wenig sorglos. Aber wenn man sich genau anhörte, was Köhler als Beschwörer der bürgerlichen Einheitsfront, in die Republik hinausblies, dann muß es sich geradezu aufdrängen: Wer von solchen Gestalten politisch vertreten wird, wer ein solches Staatsoberhaupt besitzt, dem muß es wahrlich Angst und Bange werden.

Zuversichtlich gab er sich; und dass es diesem Land schlecht geht, dass man sich gar fürchten muß vor der Zukunft, das formulierte er sich erwartungsgemäß nicht vom Teleprompter herunter. Im Gegenteil, wir dürfen frohen Mutes sein, weil - und hier erklärt uns Köhler seine Welt - es ein "gutes Fundament" gibt, auf dem wir unseren Optimismus erbauen dürfen. Es kann wirklich nicht überraschen, dass für Köhler und die Kreise, für die er in der Öffentlichkeit steht, die "Reformen der vergangenen Jahre" zu diesem "guten Fundament" gehören sollen. Dass es ausgerechnet jene Reformen sein sollen, die uns diesen Anlass zur zuversichtlichen Freude geben, die Millionen von Menschen, auch Millionen von Kindern in Armut gestürzt haben. Dabei spricht er ganz unbedarft und unverdächtig von solchen sozialen Schweinereien, (die man in seinen Kreisen "Reformen" nennt), die den Großteil der Menschen, selbst jene die (noch) nicht persönlich davon betroffen sind, in Not und Angst befördern, weil das SGB II - als Ausgeburt dieses "guten Fundaments" -, jedem Arbeitnehmer wie eine Schlinge - als Symbol existenzieller Bedrohung - um den Hals liegt; weil es bedrohlich herüberwinkt, wenn man im Betrieb nicht kuscht und buckelt, mehr arbeitet, weniger Lohn in Kauf nimmt, Urlaubsansprüche verfallen läßt etc., und folglich womöglich, qua Widerspenstigkeit, seinen Arbeitsplatz verliert, um bald die Segnungen dieses "guten Fundamentes" am eigenen Leib verspüren zu dürfen.

Dass, was Köhler hier als Teil des "guten Fundamentes" rühmte, lähmt in Wahrheit eine ganze Gesellschaft, läßt sie widerspruchslos Demokratieabbau hinnehmen, bewirkt den Abbau von Mitspracherechten für Arbeitnehmer und ist generell Synonym für Zukunftsangst. Und dies alles läßt den obersten Herrn des Staates zuversichtlich in die Zukunft blicken!

Und wenn wir schon in Wolkenkuckucksheim sind, dann schadet auch kein Abstecher in andere Traumgebäude aus dem Schloss Bellevue, denn das "gute Fundament" beinhaltet noch eine andere Komponente: Das "Miteinander in den Betrieben"! Was damit gemeint ist, kann unmöglich spontan beantwortet werden. Meint er etwa das lustige Miteinander zwischen Arbeitnehmern, die allesamt unter Druck gesetzt, gegeneinander ausgespielt werden, sich gegenseitig belauern und denunzieren, um ihren eigenen erbärmlichen Arbeitsplatz zu erhalten? Alles mit dem Wohlwollen derer, die ein solches Betriebsklima als produktives Milieu begreifen selbstverständlich. Oder meint er das traute Miteinander der Unternehmensvorstände mit den Gewerkschaften, durch welches bewirkt wird, dass die letzteren wie eine Horde braver Schulbuben abnicken und absegnen, was die Herren Väter und Mütter, gefangen in ihren Sachzwängen, als Gebot der Stunde postulieren? Womöglich sind auch die sich versteckenden Betriebsräte gemeint, die nicht selten selbst unter Druck stehen und folglich alles mittragen, was die Unternehmensleitung als "Weg der Vernunft" deklariert? Meint Köhler mit diesem ominösen "Miteinander in den Betrieben" etwa all jene Krankheitsfälle, die aufgrund Mobbing, erhöhten Stresses und akuter Zukunftsangst nurmehr den Weg zum Psychologen offenstehen haben? Meint er die steigenden Zahlen all dieser Symptome, die Experten auf das verschärfte Klima innerhalb der Betriebe zurückführen?

Der zweite Ansatz des köhlerischen "guten Fundamentes" macht sich nicht einmal die Mühe, die Situation der Menschen in Deutschland zu schönen. Er erfindet sich einfach ein Szenario, welches sich schön anhören läßt, aber keinerlei Basis in der Realität vorzuweisen hat.

Eine Weihnachtsansprache, wenn man sich dieses traditionelle "Etwas-sagen-müssen" überhaupt bewahren will, hat freilich optimistisch zu sein, jedenfalls nicht nur schwarzseherisch - aber abgehoben, an der Realität vorbeigeschossen oder gar maßlos überheblich, darf sie nicht daherkommen. Doch genau das ist die Rede Köhlers - sie ist arrogant, weil sie an der Lebenssituation vieler Millionen Menschen vorbeigeht; sie ist überheblich, weil der Abgehobene aus Bellevue sich keine Mühe macht einmal zwischenzulanden, um nachzusehen, ob der Inhalt seines romantischen Weihnachtsgewäsches, überhaupt ins Hier und Jetzt paßt; sie ist vernebelnd, weil sie so tut, als sei innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft, kein Handlungsbedarf mehr, weil es ja allen, die auf diesen "guten Fundament" bauen, besonders gut geht; sie ist beleidigend für all jene, die sich sagen lassen müssen, dass die "Reformen der vergangenen Jahre" Glück bedeuten, obwohl sie seither in Armut leben und unter Repressionen leiden müssen - und unter gesellschaftlicher Beobachtung seitens der Medien; sie ist romantisch gefärbt und verlogen, weil Zustände sie beschreibt, die nur jemand mißinterpretieren kann, der in gesegneten Verhältnissen residiert.

Es reicht nicht, Köhlers Weihnachtsansprache als weiteren Beweis seiner Abgehobenheit zu bewerten - man muß diese arglistige Täuschung, dieses Beschwören einer Einheitsfront zur Behebung einer Krise, für den der Großteil der Menschen wenig bis gar nichts dafür kann, dieses schönen der Mißstände, man muß dies persönlich nehmen; muß sich in seinem Verstand beleidigt fühlen, weil es dieser derart untalentierte Sparkassendirektor wagt, in dieser unerträglich plumpen Art und Weise vorzusprechen. Was Köhler seinen "lieben Landsleuten" zu Weihnachten geschenkt hat, war ein Affront, war ein Angriff auf all jene, die nicht auf dem "guten Fundament" bauen dürfen, weil sie in selbiges miteingegossen wurden, weil sie darin erstarrt und bewegungsunfähig eingelassen wurden, weil sie zum Stück Fundament gemacht wurden, auf dem andere, bessergestellte, reichere Kreise ihr widerliches Geschäft weiterführen können. Köhler hat sich einmal mehr als Staatsoberhaupt derer hervorgetan, die dem status quo noch etwas abgewinnen können, hat dabei erneut auf diejenigen gespuckt, die an ihm - dem status quo - zu ersticken drohen. Sein Weihnachtsgeschenk ist, wie gesagt, ein Affront und zudem eine Frechheit, weil es schön drapierter, fein eingepackter und mit Schleifchen versehener Hohn ist, der da über die Leidtragenden, über die ins Fundament Eingearbeiteten, ausgeschüttet wird.

Einen solchen Gast, gleich ob an Weihnachten oder an jedem beliebigen Tag, würde man am Kragen packen und zur Haustür hinauswerfen. Nur mit einem Bundespräsidenten macht man das nicht. Ihm erlaubt man, seine Verhöhnung und seine überheblichen, aber doch wohlkalkulierten Träumereien, mittels Fernsehen in die Wohnzimmer zu bringen - so kann ihn keiner am Kragen packen und von dort wegbefördern, wo er ganz offensichtlich sowieso nie zu Gast war: in der Lebensrealität der Menschen dieses Landes.

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Statt eines Weihnachtsgrußes

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Heute vor 29 Jahren starb Rudi Dutschke. Obwohl es sich nicht zur runden Zahl jährt, nicht 30 Jahre her ist, so ist es doch wert, dem Tod dieses Mannes zu gedenken. Vorallem in diesem Jahr, da so viel vom runden Jubiläum gesprochen wurde, da man der antiautoritären Studentenbewegung gedachte, sollte auch dem maßgeblichen und vielleicht wichtigsten Wortführer dieser historischen Tage gedacht werden.

Der Tod Dutschkes wurde bereits damals, bereits 1968 eingeleitet.

Statt eines Weihnachtsgrußes soll an Dutschkes Sterben erinnert werden. Nicht ohne Hintergedanken, nicht ohne Motiv. Einen üblichen Weihnachtsgruß will der Herausgeber dieser Internetpräsenz nicht formulieren, weil er wenig von Kommerz und vom Christentum, noch weniger vom kommerzialisierten Christentum, hält. Aber mit der Erinnerung an Dutschke, nicht unbedingt an jenen Heiligabend von 1979 alleine, als er in seiner Badewanne starb, weil ihn ein epileptischer Anfall ertränkte, sondern vielmehr an diesen arglisten Anschlag vom April 1968, soll all jenen gedacht werden, die nicht devot buckeln, sich der täglichen Einheitsfront einordnen, sich stattdessen zweifelnd und hinterfragend engagieren, die immer wieder das revolutionäre Wörtchen "Nein!" benutzen.

Dafür wurde Dutschke angeschossen, nicht von den Empfängern dieser "Neins!", nicht von der Hand der Bürgerlichen selbst, die sich über den "roten Rudi" mokierten, sondern durch deren Aufwiegelungskunst, durch ihr geschicktes Verdrehen und Erfinden, somit von der Hand eines Nutzidioten, der mit dem Bürgerlichen keine Duzfreundschaft aufweisen konnte, weil sie ihn niemals als einen der ihrigen anerkannt hätten. Es war ein Verlierer, herangezüchtet von bürgerlicher Propaganda, der zur Tat schreiten mußte, um den Dreck zu erledigen, den das Bürgertum selbst nur herbeisehnte und -flehte.

Wenn wir heute daran denken, dass Dutschke vor 29 Jahren sterben mußte, weil ihm die Kugeln des Josef Bachmann seine Gesundheit raubten, weil sie ihn zum Epileptiker machten, dann gedenken wir eines Mannes, der nicht eingeknickt ist, der standhaft blieb, der dem damaligen Zeitgeist mit ganzer physischer Kraft entgegentrat. Wir denken an ihn und denken an uns, die wir täglich, jedenfalls mehrmals die Woche, gegen den Wahnsinn, den wir Alltag nennen, anschreiben und anrennen. Wir sind freilich keine Dutschkes, dazu fehlt es uns an Charisma, an theoretischem Wissen, wahrscheinlich auch an Platzhirschmentalität - aber wir tun das uns Mögliche, tun was wir können, was wir meinen zu können und versuchen in allem standhaft zu sein.

Wir sind, das wurde bereits geschrieben, keine Dutschkes, haben nicht seine Öffentlichkeit, können uns (noch - wir hoffen ja auf bessere Tage!) nicht derart an Massen wenden, wie es ihm möglich war und wie es ihm vielleicht heute, wäre er noch am Leben, wäre er heute nicht 68 Jahre alt sondern jünger, auch nicht mehr gegeben wäre. Aber wir stehen dem Zeitgeist ebenfalls feindlich entgegen, lehnen uns auf, meist nutzlos, selten mit Erfolg - wir sprechen Menschen an, haben Leser, bringen wenige davon zum Nachdenken, Überdenken, Umdenken; und wir werden dafür angefeindet - mal ganz offen, mal hinterlistig und mit verschlagenen Methoden. Man wird, so darf man hoffen, nicht auf uns schießen, aber man stellt uns als Unverbesserliche hin, als ewiggestrige Sozialromantiker, Sozialisten oder Kommunisten, Linksradikale sind wir, Anhänger der RAF, potenzielle Kriminelle, Wirrköpfe, Verbrecher - was mußte sich jeder von uns, die wir gegen den Irrsinn unserer Zeit angehen, schon anhören? Und sei es nur das Kopfschütteln uns nahestehender Menschen ist, die uns für weltfremde Tagträumer und Spinner halten, weil wir uns nicht einfach einreihen und mit quietschenden Stiefeln mitmarschieren!

An Weihnachten, wenn mal wieder ein "frohes Fest" gewünscht wird, gedenkt man gelegentlich, sofern man sentimental gestimmt ist, an jene, denen es noch schlechter geht als einen selbst. Hier soll kein Weihnachtsgruß stehen, aus oben genannten Gründen - aber vielleicht sollte hier denen gedacht werden, die täglich in Opposition ringen, die sich nicht verbiegen lassen und alleine deshalb, selbst hier im angeblich freien Teil der Welt, auf Ablehnung stoßen oder mit Repressionen zu kämpfen haben. Und damit soll natürlich daran erinnert werden, das in anderen Teilen unserer Erde, Menschen für ihre freie Meinung, für ihre Individualität und für ihren Mut, sich nicht verbiegen zu lassen, inhaftiert oder gar getötet werden. Für all das steht im Jahre 2008, 40 Jahre nach dem ominösen Jahr der Revolte, der bereits 1968 erzwungene Tod des Rudi Dutschke. Diese Badewanne im dänischen Arhus, der tragische Tod an einem Weihnachtsfest, steht als Symbol all jener in der Geschichte, die nicht mitmarschierten, sondern dagegen aufbegehrten.

Heute vor 29 Jahren starb ein Mann, der elf Jahre zuvor für seine oppositionelle Arbeit angeschossen wurde; heute vor 29 Jahren starb einer, der uns linken Schreibern, egal wie wir es drehen oder wenden, egal wie kritisch wir Dutschke betrachten, näher stand, als es uns lieb sein kann. Wir leben, so wie er seinerzeit, in ständiger Gefahr, kriminalisiert zu werden...

Kein Weihnachtsgruß also. Keine Empfehlung, man möge die nun folgenden Tage besinnlich erleben? Aber bedarf es dazu eines Weihnachtsfestes? Der Schreiber dieser Zeilen weiß, wie notwendig, wohltuend und existenziell wichtig ruhige und besinnliche Tage sind - sie sollten öfter stattfinden, nicht nur zum Jahresende. Es ist zu wenig, besinnliche Tage nur an Weihnachten wünschen zu wollen. Wir bräuchten solche Tage monatlich - mindestens.

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Liberale Frömmler, frömmelnde Liberale

Dienstag, 23. Dezember 2008

Das ständestaatliche Denken soll nun auch in die Kirchen einziehen. Dies läge in der Natur der Dinge, im Wesen des Kirchentums, könnte man einwenden; war doch die Kirche immer die Institution derer, die Materielles zu verteidigen und die diese Verteidigung als Aufgabe direkt von Gott verstanden hatten; die dafür natürlich Experten benötigten, die das Wort Gottes zertheologisierten, die aus der jesuanischen Lehre von Liebe und Gleichheit, eine Lehre der Diskrepanz und Selektion herausdeuten sollten. Was aber neu ist am aktuellen Gedanken, den Ständestaat unter das Kruzifix zurückzuholen, so offensichtlich zurückzuholen - ganz vertrieben war er ja nie aus den geheiligten Hallen -, ist die Tatsache, dass es sich um einen Mann aus der FDP handelt, einen selbsterklärten Liberalen, der hier verkappt nach dem Staat ruft, der eine staatlich gelenkte Selektion einfordert. Ein Liberaler, der immerhin so liberal ist, gar nicht liberal sein zu wollen!

Da fordert also eine Berliner FDP-Größe, die auch in ihrer Größe nur nichtig klein ist, aber doch ein solch großes Mundwerk besitzt, seine Schnapsidee in die Republik zu werfen, dass Christmessen nur für Kirchensteuerzahler stattfinden sollten. Denn es könne nicht sein, dass Menschen, die das ganze Jahr keine Kirchensteuer bezahlen, an Heiligabend die besten Plätze besetzen. Man kann es auch unverblümter sagen, aber so liberal und freiheitlich ist der Herr Liberale wiederum nicht: Man möchte eben nicht irgendwelches Pack, armes Pack, nicht bezahlen wollendes Pack, schmarotzendes Pack in der Kirche haben, solche Typen eben, die sich ihren Segen von den Kirchensteuern anderer Zeitgenossen parasitär erschleichen. Des Lindners - so heißt der fromme FDP-Geistesriese - ständestaatliche Kirche, ist eine Kirche derer, die besitzen, die haben, die bezahlen, es ist eine Kirche der Habgier, die ihm da vorschwebt. Die Kirche des Marktes eben, in der jener Leistungen erhält, der bezahlt, und solche, die nicht bezahlen können, keine kirchliche Leistung erhalten sollten.

Das paßt freilich zur FDP wie die Liebeslehre zum Papst, kann nicht überraschen. Es ist die übliche Marktgläubigkeit, die jener Liberale nur mit seiner religiösen Gläubigkeit verquickt wissen will, um damit die Kirche vielleicht wettbewerbsfähig und marktkompatibel zu machen - als ob sie das nicht schon lange wäre. Eine Kirche der Reichen soll es sein, der Leistungsträger, eine Kirche, in der alles sitzt, was teuer ist - eine Kirche, die aber genau deshalb billig ist, weil sie solchen Armen, die ihr Heil noch in Gott suchen wollen - auch wenn uns dies höhere Wesen nicht erlösen wird -, auch noch diese Ausflucht entziehen will. Wenn das nicht schäbig und billig ist!

Aber billig ist in diesen Tagen vieles rundherum um die Gemäuer des Kirchlichen. So äußert sich Erzbischof Reinhard Marx, seines Zeichens ausgewiesener Konservativer und fundamentaler Gegner der Ökumene, dass dem Kapitalismus unserer Zeit womöglich schon ein wenig die Lenkung seitens des Staats fehle, dass man aber nicht von Egoismus der Beteiligten sprechen dürfe, denn Eigeninteresse - so benennt er das - sei sittlich nicht zu beanstanden. Immerhin heiße es ja, man solle den Nächsten lieben wie sich selbst: Und damit sei Eigeninteresse, welches Marx übrigens nicht als Habgier deutet, durchaus moralisch vertretbar. Mit einigen schwammigen Deutungen und Begrifflichkeiten glaubt Bischof Marx, er könne den status quo schönen, ihn positiv interpretieren und seine Kapitalismustreue, die er übrigens nicht leugnet, fein rausputzen. Das FAZ-Interview mit dem weisen Kirchenmann ist derzeit nur gegen Geld zu haben, gestern war es noch kostenlos - wir wissen ja, Kirchliches soll nur noch gegen Bares erhältlich sein.

Man sieht, der FDP-Mann braucht gar nicht den Markt in die Kirche holen, denn in den Kirchen sitzen schon ausgewiesene Vertreter desselbigen. Und noch mehr, denn qua ihrer theologischen und rhetorischen Ausbildung, sind die Marktjünger im Kirchenrock geradezu dazu prädestiniert, edle Worte zum entfesselten Markt zu finden, ihn zu liebkosen und zur Göttlichkeit zu verklären. Marx ist ein solcher Sophist, der seine Fähigkeiten dahingehend mißbraucht, dem Teufel eine Bischofssoutane anzuziehen. Und während die Herrschaften aus dem bürgerlichen Lager, Liberale vereint mit katholischen Machtstützen, dazu aufrufen, Sitte und Anstand in die Kirchen zurückzuholen, diese "sittlich und anständig" am Geldbeutel herausanalysieren, während sie mittels jesuanischen Aussprüchen den status quo beschönigen wollen, da sind sie doch nur kleine Nager im Auftrage des Zahns der Zeit. Sie beißen sich ins Kirchengemäuer und tun, was schon so viele Siebengescheite vor ihnen taten: Sie machen die Kirche immer unmöglicher, bereiten mit ihrem kleinen Beitrag den Einsturz vor, ruinieren sie mit - es braucht keine Gottlosen, die die Kirche auf den Misthaufen der Geschichte werfen; das tun die Erleuchteten schon ganz alleine...

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Sit venia verbo

"Sie scheinen sich nicht viel Gedanken zu machen, die Kinder im Deutschland von heute. Und wirklich: man ist scharf dahinter her, dass sie sich gar keine Gedanken machen, - denn Deutschland ist zum Pulverfaß geworden, und Gedanken können zünden, vor allem wenn sie von der Jugend kommen."
- Erika Mann, "Zehn Millionen Kinder" -

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Ernährungsberater

Montag, 22. Dezember 2008

Während die Lafers, Lichters und Schuhbecks sich durch das Fernsehprogramm brutzeln, erklären wie man Garnelen nicht zu trocken und Wachteln schön knusprig brät, sitzen Menschen vor dem Fernsehapparat, die an Garnelen oder Wachteln gar nicht denken dürfen. Sie sind in einem engen Budget gefangen, in dem Krustentiere aus den Weltmeeren keinen Platz finden, können zwar zusehen, wie sie mit dem Produkt umgingen, hätten sie die finanziellen Mittel dazu, aber in die Wirklichkeit umsetzen werden sie ihr angeglotztes Wissen wohl nie. Landauf landab wird gebacken, gebraten, gerührt - jeder TV-Sender hat mindestens ein Sendeformat mit dem Schwerpunkt "Kochen". Mal kochen Starköche, mal blutige Amateure, die mit den Produkten despektierlich umgehen, sie vergewaltigen und misshandeln, aber trotz dieses Umstandes dennoch beste Qualität verwursten dürfen - hochwertige Qualität für alle, selbst für die Küchenidioten, nur für solche nicht, die mittellos sind!

Aber auch denen wird geholfen. Man zeigt ihnen auf, wie sie mit "Tafel"-Produkten und allerlei drittklassiger Ware ihren knapp bemessenen Finanzalltag bändigen können und dennoch nicht hungern müssen. Thilo Sarrazin war da der Vordenker, hat einen Speiseplan entworfen, bei dem es zwar an allerlei mangelte - Getränke berechnete er gar nicht -, der es aber möglichst gut meinte mit den Beziehern von Arbeitslosengeld II. Und die beiden mittellosen Kochgenies, die unlängst bei Jauchs Märchenstunde - Stern TV - auftraten, um ihr neues Hartz IV-Kochbuch anzupreisen, sprangen auf diesen drittklassigen und teilweise menschenverachtenden Zug nur mit auf. All jene erklären, wie man auch mit wenig Geld satt wird - nicht wie man genießt, wie man sich am Essen erfreut, sondern wie man den Bauch füllt, um nicht leiden zu müssen.

Einige dieser Ratschläge sollen aufgelistet werden: So findet man beispielsweise "Ratschläge, wie mit Ersatzfett, mit Haferflocken und ganz ohne Eier eine vorzügliche, schmack- und nahrhafte Torte" herstellen könne; oder "statt des Fleisches, das ohnedies sehr ungesund sei", empfiehlt man den "guten Dörrfisch". Und "über die Verwendung von schimmliger Marmelade" heißt es: "Hat sie ein paar kleine Tropfen [nämlich Schimmel], heben wir diese ab und verwenden die Marmelade sofort zu einer Süßspeise oder Marmeladenschnitten." Sollte viel Schimmel darauf sein, so hebe man diesen ab und auch "etwas Marmelade darunter", koche sie erneut ab und verwende sie schnell. "Auch ranzige Butter wird man (...) keinesfalls verkommen lassen: Die kostbare Butter schmeckt ranzig. Wir kneten sie in Salzwasser gut durch, genügt das noch nicht, braten wir sie mit Zwiebeln aus und können sie dann gut für Bratkartoffeln, Fleischbraten oder Gemüse verwenden." Sofern Fleischbraten und Gemüse im Haus ist, versteht sich.

Eine kleine Auflistung von Ernährungsexperten unserer Tage? Mitnichten. Hier erzählte uns Erika Mann aus dem Alltag von "Zehn Millionen Kindern", die der Kargheit des nationalsozialistischen Regimes unterworfen wurden. Auch seinerzeit wurde denen, die es sich nicht leisten konnten, qualitativ hochwertige Lebensmittel einzukaufen, erklärt, wie sie mit billigen Mitteln zu etwas "Genuss" kommen könnten. So weit sind wir vielleicht heute noch nicht, aber nur vielleicht, denn die fröhliche Rattenjagd, wie sie aus Berlin angeraten wurde, darf getrost als erster Schritt zum Jäger- und Sammlertum begriffen werden, in dem womöglich bald empfohlen wird, wie man mit ranziger Butter, schimmliger Paprika und ausgetrockneten Zwiebeln doch noch einen feinen Rattenspieß zubereiten könne. Daran, dass maßlos, doppelt und dreifach gesättigte Kreise Ernährungsratschläge an solche weitergeben, die davon bedroht sind, maßlos hungrig zu bleiben, erkennt man die Annäherung an deutsche Verhältnisse, die wir uns geschworen haben, nie wieder dulden zu wollen. Man legt den Armen ans Herz, sie mögen Ratten fangen und dann wundert man sich, wenn sie sogenannten "Rattenfängern", als die man Lafontaine oder Gysi tituliert, in die Arme laufen. Gleichzeitig mästet sich diese Elite, die solche unverfrorenen Ratschläge erteilt, wie die Made im Speck - und dies ist dann die Demokratie, die man als Maß aller Dinge verklärt.

Die Hungerpolitik der Oberschichten nähert sich mit schnellen Schritten Zuständen an, die wir niedergerungen glaubten. Wir erzählen den Menschen heute wieder, dass deren Armut ein Segen ist, weil sie dadurch zu sparsameren Ernährung gezwungen seien, die ja objektiv besehen nur allzugesund sei. Dabei kommt einem jener Moment in Dickens "Oliver Twist" in den Sinn, in dem Oliver vor den Leiter des Armenhauses geschleppt wird, weil er es wagte, einen Essensnachschlag einzufordern. Der Leiter, ein fetter und schmieriger Kerl, sitzt entrüstet am Kopf des Tisches, Fett trieft von seinen Mundwinkeln, er kaut und ein Stückchen Essbares hängt ihm noch über die Lippen. Er fragt ungläubig "Nachschlag?" und mokiert sich darüber, dass die Kinder im Armenhaus gar nicht wüßten, wie gut sie es doch hätten. So sitzen die Beratschlager unausgewogener Mangelernährung heute ebenso an den Köpfen ihrer Tische, schieben ihren Kaviar zur Seite, streichen sich ein Gänseleberbrot und geben gutgemeinte Empfehlungen weiter, wie man mit 4,32 Euro am Tag - das ist die Summe, die laut SGB II für die tägliche Ernährung eines Erwachsenen aufzuwenden sei; bei Kindern sind es nur 2,59 Euro täglich - sein Leben zu fristen hätte. Das besserwisserische Bonzentum war auch zu einer Zeit Realität, in die wir nicht zurückwollen, aber zwangsläufig zurückkehren...

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NPD - nie war sie so wertvoll

Samstag, 20. Dezember 2008

In seinem Essay "Hitler als Vorläufer - Auschwitz, der Beginn des 21. Jahrhunderts?" warnt Carl Amery davor, in den falschen Propheten der parolenschwingenden Hohlköpfigkeit die Wiederbelebung des Nationalsozialismus sehen zu wollen. Nicht die Springerstiefel und Glatzen seien jene, die eine nationalsozialistische Renaissance in die Wege leiten werden, sondern die stillen Jünger des neuen Hitlerismus, der neuen Hitlerformel müssen als die Erben des Postkartenmalers und als Wegbereiter eines neuen, vielleicht sogar globalen Darwinismus angesehen werden. Es werden nicht die blassen Glatzen sein, die die drei Kriterien einer neuen Hitlerformel (Geschichte als Naturgeschichte, Feststellung der Ressourcenknappheit und Verantwortung über die Verteilung der Ressourcen) umzusetzen versuchen, sondern andere, unscheinbarere Kreise, die sich heute völlig ideologielos geben und so tun, als leite sie bei ihren Entscheidungen der reine Pragmatismus, und keine vorgefertigten Patentrezepte aus dem ideologischen Taschenbuch.

Es handelt sich dabei um jene politischen Kreise, die voller Besorgnis und Entrüstung um den Polizeidirektor Mannichl herumgeistern und von der Gefahr der NPD reden; um jene Kreise, die den Rassismus und Antisemitismus der Deutschnationalen anmahnen, aber gleichzeitig einen (meist unterschwelligen) Hang zur Naturgeschichtlichkeit der Gesellschaft haben; die die Gewalt der Deutschnationalen verurteilen, aber zeitgleich die Fratze des Rassendarwinismus mit Waffengewalt in die Welt tragen.

Um eines gleich vorab klarzustellen: Die Verurteilung eines solchen Messerattentats, die Bekämpfung solcher kriminellen Handlungen, kann man nur begrüßen - wenn sie nicht derart geheuchelt und auf die falsche Spur führend wäre, wenn nicht mit einer solchen programmkonformen Bereitschaft, den öffentlichen Erwartungen nach dem Munde geredet würde. Ein solcher Anschlag ist zweifellos skandalös, jedoch nicht skandalöser als diverse Gewaltakte gegen Türken, Schwarze, Behinderte oder Linke, die schon seit Jahren und Jahrzehnten von Verbrechern aus dem rechtsextremen Lager begangen wurden. Es ist eben keine neue Dimension der Gewaltbereitschaft, nur weil das Opfer täglich uniformiert war, im Staatsdienst sein Leben fristet - ganz andere Dimensionen erreichte die Gewaltbereitschaft bereits Anfang der Neunzigerjahre in Rostock, Mölln oder Solingen. Was aber ebenso zu verurteilen ist, ist die Tatsache, dass diejenigen, die nun die NPD zum Sturmtrupp eines neuen Hitlerismus erklären, Bestandteil einer politisch-wirtschaftlichen Bewegung sind, die dem Hitlerismus nähersteht, als das polierte Glatzentum der Neubraunen. Denn es sind sie, die ihr globales Geschäft mit einem neuen deutschen Nationalismus betreiben, der für seine Interessen am anderen Ende der Welt Militäreinsätze rechtfertigt; sie betreiben einen bemäntelten Rassen- und einen nackten Sozialdarwinismus, der Menschen der Dritten Welt ausbeutet und Arbeitslose und Arme im Inland ausgrenzt; sie ringen mit aller Macht um die Knappheit der Energieressourcen, überfallen dafür Länder und stilisieren zur Rechtfertigung Szenarien, in denen die überfallenen Weltteile wie potenzielle Weltdiktatoren mit Atomwaffenarsenalen aussehen; sie sprechen davon, die Verantwortung für die Verteilung der Ressourcen zu übernehmen und erfanden sich Weltorganisationen, die diese Verteilung seit Jahrzehnten in weißer Herrenmenschlichkeit umsetzen.

Was also zu verurteilen ist, genauso wie der Anschlag auf den Polizeidirektor, ist die kaschierende und in die Irre führende Art und Weise, mit der man die Deutschnationalen - diese Bande von ungebildeten Rauf- und deutsches Liedgut herumrülpsenden Singkumpanen - in die Rolle der Speerspitze einer neuen nationalsozialistischen, faschistischen, totalitären Bewegung hineindrängt und sie damit wichtiger macht als sie sind, sie geradezu adelt. Von den schweißglänzenden Kahlschädeln, die innerlich kahler sind als außen, ist aber die kleinste Gefahr zu befürchten, wenngleich natürlich Gewalttaten an Einzelpersonen immer eine Gefahr für selbige bleiben. Aber die wahren Kinder Hitlers, die Nachbeter der Hitlerformel, die sitzen nicht in der NPD, die sitzen in den Parlamenten der westlichen Welt, die sitzen auch in unserem Parlament, sitzen in den bequemen Sesseln des Establishments. Die NPD ist für diese Herrschaften so wertvoll, dass man sie erfinden müßte, wenn es sie nicht schon gäbe. Da kann sie noch so grundgesetzwidrig sein, man wird sie nicht verbieten. Wer übernähme sonst die Rolle der rechtsextremen Jünger Hitlers?

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Armut herrscht an jeder Ecke

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Vielen Menschen in diesem Land drohen arme Weihnachten. Das ist an sich nichts Neues, gab es in irgendeiner Weise immer schon, und in verschärfter Variante seit einigen Jahren immer öfter. Aber dass es nun selbst besserverdienende Edelgemüter wie Franz-Josef Wagner erwischt, dies erschüttert uns natürlich bis ins Mark. Er habe sich entschlossen arme Weihnachten zu feiern, verkündet er mit selbstaufopferndem Stolz, und fügt dann hinzu, dass er seiner Tochter lediglich 500 Euro schenken werde - zwar nur, damit diese die Kindertagesstätte bezahlen könne, aber immerhin, es bleiben, wie man es dreht oder wendet, eben nur 500 Euro.

Dieses Bescheidenheitsgehabe des Wohlstandsbürgertums hört man immer wieder. Diesmal würde man nur höchstens 100 Euro pro geliebten Menschen ausgeben, was immer noch zu viel wäre, aber man möchte freilich schenken - es ist doch Weihnachten. Und im Vergleich zu den 150 bis 180 Euro, die man letztes Jahr pro Beschenkten veranschlagt hatte, nimmt sich die diesjährige Pauschale auch bescheiden aus. Oder: Man fahre dieses Jahr nicht mehr so pompös in den Winterurlaub, nurmehr eine Woche Österreich oder Schweiz, länger auf keinen Fall; und danach verkündet man zudem, dass die Knaller- und Feuerchenorgie zum Jahresende auch bescheidener ausfallen müsse - es müßten ja nicht 150 Euro sein, 75 Euro tun es genauso. Auf dergleichen Bescheidenheit trifft man an jeder Ecke, Franz-Josef Wagner ist auch da kein Unikum, sondern - wie in seinem "Handwerk" auch - nur einer aus der Masse, durchschnittlich und alltäglich.

Dann kennt dieses Land auch noch die Protzigen, die frei von der Seele weg erzählen, dass sie sich an Weihnachten etwas besonders Gutes leisten wollen, ein teueres Abendmahl allerbester Qualität. Diesmal soll es eine Gans sein, eine aus dem Tiefkühlfach, die eigentlich das Budget aus den Tiefen des Sozialgesetzbuches II sprengt - aber es sei immerhin Weihnachten, deswegen wolle man sich das gönnen, müsse es sich sogar gönnen, wenn man sich selbst ein wenig Würde bewahren möchte. Wenigstens einmal möchte man auf die Empfehlungen des Drei-Sterne-Zerkochers Sarrazin verzichten! Deren Maßlosigkeit kennt keine Grenzen, denn sie wollen auch noch ihren Kindern bessere Geschenke als im Vorjahr machen - dabei dürfen es ruhig zwischen 50 und 70 Euro pro Kind sein, 2007 waren es nur 30 bis 40 Euro, die man dafür aufbrachte. Eine Steigerung von bis zu hundert Prozent - wenn das mal keine weihnachtliche Maßlosigkeit ist!

In Wagners heutigen Brief zeichnet sich die gesamte Dekadenz des Wohlstandsbürgertums ab. Seine bescheidenen 500 Euro sind mehr, als manche vierköpfige Familie als Monatsbudget zur Verfügung stehen hat. Er verschenkt in aller Bescheidenheit und mit dem gutem Gewissen, ein jesuanisch-armes Weihnachtsfest zu feiern, 500 Euro an seine Tochter - ob die Töchter von Arbeitslosengeld II-Beziehern in einem ganzen Jahr 500 Euro zur freien Verfügung haben? Aber solche Zeitgenossen, die sowieso nichts haben, müssen ja nicht gekünstelt bescheiden sein, denn sie sind es realistischerweise, bedingt durch die Welt wie sie ist, sowieso schon. Deren Bescheidenheit ist keine Leistung, denn sie haben ja nichts, um sich die Bescheidenheit erst selbst abringen zu müssen, sie könnten, selbst wenn sie wollten, nicht zur Maßlosigkeit zurückkehren - aber derjenige, der hat, der maßlos sein könnte, der muß sich Bescheidenheit erkämpfen, muß seinen Dämon bezwingen und Zurückhaltung, auch wenn es wehtut, diszipliniert sich selbst abnötigen. Ein Bescheidener, der nicht bescheiden sein müßte, ist Ausdruck höchster Kulturleistung! Der Bescheidene, der bescheiden sein muß, weil ihm geldbeuteltechnisch nichts anderes übrigbleibt, wäre ja gerne maßloser, ist nur durch äußere Umstände zur Bescheidenheit gezwungen und daher eigentlich ein potenzieller Verprasser - wenn er denn nur könnte!

Arme Weihnachten finden wir also vornehmlich beim Wohlstandsbürgertum, welches sich Bescheidenheit abnötigt und nurmehr Kleinigkeiten, wie 500 Euro in einem sehr billigen Kuvert, verschenkt. Dort wo Armut herrscht, da herrscht ja eigentlich die durch Lebensumstände unterdrückte Prunksucht und ein Leben über den eigenen Verhältnissen. Man muß sich die Welt eben nur zu deuten wissen...

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Nomen non est omen

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Heute: "Lebenslanges Lernen"
"Lebenslanges Lernen –eine Herausforderung in einer Zeit des rapiden technischen, sozialen und demografischen Wandels."
- Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) auf ihrem Onlineportal -

"Damit Talent und Fähigkeiten in der neuen europäischen Wirtschaft zur Geltung gebracht werden können, muss der politische Schwerpunkt auf die zunehmende Investition in Humanressourcen und die höhere Beteiligung am lebenslangen Lernen gelegt werden."
- Anna Diamantopoulou, Mitglied der EU-Kommission für Beschäftigung und Soziales -
Man sollte annehmen, dass es in der Natur eines jeden halbwegs vernunftbegabten Menschen liege, aus seinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen sein Leben lang zu lernen? Warum also, dass von Politik und Wirtschaft so allseits befürwortete Konzept des "Lebenslangen Lernens"?

Es geht Politik und Wirtschaft eben nicht um den selbstbestimmten, sich-selbst-erfahrenden Menschen, sondern um die „Ware Mensch“, genauer: um das Humankapital. Wie ein Computer durch Updates, soll der Mensch so lange wie möglich für Unternehmen verwurst- und verwertbar sein. Dies soll durch zusätzliche Qualifikationen und Weiterbildungen geschehen, die der Steuerzahler am besten natürlich selbst bezahlen sollte. Im Sinne vorauseilendem Gehorsams soll sich die "Ware Mensch" stets frisch halten, um den Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht zu werden, welche die Unternehmen fordern. So sagt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ganz unverblümt: "Wir wollen insgesamt das Lernen im Lebenslauf für und mit Unternehmen ausbauen." Eine Online-Zeitschrift droht den Arbeitnehmern sogar: "Für eine lange Beschäftigungsfähigkeit braucht es stetige Weiterbildung." Wer sich also nicht weiterbildet, wird arbeitslos oder ausgegrenzt werden und ist demnach selbst schuld.

Ein wichtiger Aspekt ist die Soll-Funktion bei diesem Konzept und Schlagwort. Jeder Lohnempfänger hat sich weiterzubilden und soll sich den Unternehmen anpassen, sich fügen. In seiner Konsequenz schreibt der Terminus den Menschen geradezu vor, wie sie sich verhalten sollen. Auch wird dieser Begriff zur Legitimation von Arbeitslosigkeit benutzt. Wer arbeitslos ist, habe sich eben nicht darum bemüht "lebenslang zu lernen", so die Argumentation. Eine Verantwortungsumkehrung und ein neoliberales Denken der „Eigenverantwortung“ als Gegensatz zur Solidarität stehen hierbei im Vordergrund. Beim „Lebenslangen Lernen“ hat der Mensch für die Wirtschaft da zu sein und nicht die Wirtschaft für den Menschen.


Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Ein bürgerlicher Held

Der deutsche Held schlechthin, der größte deutsche Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts, hat nun seinen Platz in der Welt eingenommen, hatte kürzlich Weltpremiere. Somit wird das Heldenepos, welches die Deutschen ja schon kennen - Orginalton Tom Cruise -, nun auch Millionen anderen zugänglich - Stauffenberg wird zum Weltstar, zur Ikone, sein Konterfei könnte den Verkaufsschlager "Che Guevara-Konterfei" - jenes von Alberto Korda mit den Namen "guerrillero heroico" - den Rang streitig machen. So ähnlich jedenfalls malt es sich die BILD-Zeitung aus, die ja schon vor Monaten enthusiastisch über den Hollywood-Film "Operation Walküre" berichtete und nun der Weltpremiere einen kleinen, dafür aber höchst überschwänglichen Artikel widmet.

Und wahrlich, Stauffenberg taugt zum deutschen Helden wie kein anderer, hat er sich doch schließlich aktiv dem ewigen Dämon, diesem unerklärlichen Monstrum und personifizierten Rückschritt ins Mittelalter entgegengestellt, hat ihn fast getötet und wollte ein neues Deutschland errichten, in dem die Greuel des Dritten Reiches nicht mehr zum Alltag gehören würden. Außerdem hat ihm eine ganze Litanei bürgerlicher Historiker, über allen thronend Joachim Fest, ein Denkmal errichtet, ihm zwar nicht direkt eine Hagiographie gewidmet, doch ein solides Fundament gegossen, auf dem das Heldengebäude wind- und wetterfest errichtet werden konnte. Die tragische Figur des Grafen ist geradezu prädestiniert für das Heldenstück, zeigt es doch auf, mit welchem Glück, mit welcher vom Schicksal vorbestimmten, unerklärlichen Vorsehung, das Scheusal aus Braunau gesegnet war - und zeigt damit auf, wie schwer umsetzbar, wenig erfolgsversprechend, wie unkalkulierbar deutscher Widerstand doch war, rechtfertigt folglich damit das Stillhalten vieler Millionen damaliger Zeitgenossen; der gescheiterte Heros rechtfertigt das Schweigen der Deutschen, ihr Arrangement mit den damals herrschenden Zu- oder besser gesagt Mißständen.

Für die bürgerlichen Medien gilt diese tragische Ikone des Widerstandes als Sinnbild eines anderen, eines besseren, humaneren, friedlicheren Deutschlands. Eines Deutschlands, welches in der Wehrmacht nur ein geknechtetes Werkzeug der Nationalsozialisten sieht, überrumpelt und wehrlos in einen Krieg geschickt, den man ja nie haben wollte, den man erst ablehnte und - darüber spricht man weniger gerne! - als man von Sieg zu Sieg eilte, im Kriegshandwerk ganz plötzlich wieder die gottgegebene Aufgabe erkennen wollte, Freude am Tun verspürte. In diese Tradition wäre auch Stauffenberg einzureihen, wenn die historische Berichterstattung nicht so eindimensional und verlogen wäre, wenn sie offen mit den Makeln der Widerständler umgehen würde. Stauffenbergs Gewissen wurde nämlich erst dann aktiv, als der Krieg verloren schien, als ihm das Leid der eigenen Volksgenossen gewahr wurde, als er erkannte, dass mit Hitler die bedingungslose Kapitulation nurmehr eine Frage der Zeit sei - davor mag er gehadert haben, auch kein wirklich begeisterter Krieger gewesen sein, kein Freund des heldenhaften Abschlachtens, aber wesentlich kritisch war er dennoch nicht, zumindest nicht "öffentlich" im Kreise der Verschwörer, die ja jahrelang lavierten und zweifelten, die immer wieder auf den Ehrenkodex des deutschen Soldaten verwiesen und sich damit aus der Affäre zogen.

Kurz und knapp gefaßt, die Gruppe um Stauffenberg war kein demokratisch gesinntes Widerstandsnest, sondern eine bürgerliche, vornehmlich aus dem Adel stammende Riege höherer Offiziere, denen - sobald man Hitler erst mal beseitigt hätte - nicht die Demokratisierung ihres Landes vor dem geistigen Auge vorschwebte, sondern ein Obrigkeitsstaat, der Adel und Eliten bevorzugen, den Rest des Volkes aber ausbeuten soll - letztere hätten ihren von Gott erteilten Posten zu erfüllen, ohne aufzubegehren, ohne Ideen wie den Sozialismus ins Staatskonzept einfließen zu lassen. Die Stauffenberg-Gruppe hatte kein Interesse an Gewerkschaften oder allgemeinem, unmittelbarem, freiem und gleichem Wahlrecht. Für sie war der Hitlerstaat ja auch nicht per se schlecht, sondern vielmehr ein Staatsgebilde, welches im Kern viel Wahres barg, gerade auch was die Unterdrückung von Minderheiten und sozialistischem Schnickschnack betraf. Was sie besorgte waren die negativen Auswüchse, war der Blutzoll, der auf Hitlers Mist erwachsen war - und dort vorallem das Blut der Deutschen selbst; das Blut der Russen, Polen und Juden war nicht in erster Linie Antrieb der Widerstandsbewegung um Stauffenberg, sondern nur indirekt, weil man durch das Abschlachten anderer Völker aussähe wie ein Volk von Mördern. Und um eben nicht wie eine Mörderbande auszusehen, deshalb habe Deutschland den Krieg zu beenden, das Morden zu unterlassen - und natürlich, damit nicht noch weitere junge deutsche Männer auf den Schlachtfeldern vergeudet werden. Ein moralischer Antrieb, seinen Nächsten, gleich woher er kommt, nicht zu töten, war nicht die Ansicht der Widerstandsbewegung.

Das sind die wesentlichen Motive der Widerstandsbewegung, die Vorläuferbewegung eines demokratischen Deutschlands war sie nicht. Stauffenbergs letzte Worte sollen dem Hochleben des "heiligen Deutschlands" gewidmet gewesen sein; ein demokratisches Deutschland war also nicht sein letzter Gedanke. Und die Zeitgenossen Stauffenbergs wußten sehr wohl, dass in der Offiziersopposition gegen Hitler, nicht die Erlösung von allen Übeln zu sehen war. Man wußte, dass dieser elitäre Zirkel zwar Hitler beseitigen wollte, aber nicht um ein besseres, für den "kleinen Mann" besseres Deutschland zu entwerfen. In Anne Franks Tagebuch findet sich folgende Passage:
"Der beste Beweis ist doch wohl, dass es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden, um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bißchen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen."
Während Widerständler wie Georg Elser beinahe unberücksichtigt bleiben, verfolgen wir seit Jahren einen Stauffenberg-Kult, der nicht nur am 20. Juli mit Pomp vollzogen wird, sondern sich wie eine Konstante durch das ganze Jahr zieht. In voller Eindimensionalität wird unkritisch mancher Gottesdienst der Verklärung bestritten, wird aus dem Grafen ein wackerer Held stilisiert, der für deutschen Anstand und deutsches Gewissen steht, für Individualismus im Soldatenrock, für ein Kollektiv, in dem individuelles Handeln möglich war. Dass im Helden Stauffenberg der Anti-Held, der elitäre Adlige nicht nur schlummerte, sondern offenbar erkennbar war, das wird in unseren Tagen nicht thematisiert. Schließlich ist das, wofür die Stauffenberg-Gruppe stand, ist der Sichtweise derer, die den Kult um ihn und seine Mitstreiter begehen, nicht allzu fremd - es sind ja vornehmlich elitäre Zirkel, die Stauffenberg ehren, ihn als eine Art Vordenker begreifen, während sie einen Proletarier wie Elser unwürdig der Würdigung befinden. Diese Stauffenbergianer wollen freilich nicht das vorschwebende Staatsmodell von 1944 kopieren, aber so ein wenig Gottesgnadentum und Obrigkeitsstaatlichkeit, so nehmen sie an und lassen es auch in ihrem politischen Streben erkennen, würde uns heute auch nicht schaden.

Es darf also nicht verwundern, wenn die BILD-Zeitung so penetrant über den Hollywood-Film berichtet, wenn sie so tut, als sei die Geschichte um den Grafen, der von Tom Cruise gemimt wird, eines jener vergessenen Heldenstücke aus der braunen Zeit dieses Landes, und als sei Stauffenberg der Engel gewesen, der vom Teufel zermalmt wurde. Was sich in dieser Art Berichterstattung zeigt, ist der Hang zur Reinwaschung der Deutschen. Sie waren ja nicht alle so, es gab ja edle Gemüter - dass dieser Edelmut ein elitärer war, ein Edelmut des Ständestaates, teilweise sogar ein monarchisch gesitteter, das wird verschwiegen, um die Legende nicht zu beschmutzen, um dem deutschen Volk einen, wenigstens diesen einen Helden zu bewahren. In Zeiten, in denen immer wieder von der Aufarbeitung der Vergangenheit gesprochen wird, die übrigens nie wirklich erfolgte, weil sie bestimmte Schlüsse nicht zuließ, ist der manipulierende Charakter des Stauffenberg-Kultes ein Stück Vergessen, ein wenig Linderung von den Folgen der deutschen Büttelei im Angesicht Hitlers. Nun bekommt die knoppsche Geschichtsbetrachtung Unterstützung aus Hollywood - auf das die ganze Welt erfährt, wie heldenhaft in Deutschland mit Hitler gerungen wurde.

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Oberschichtenfernsehen

Dienstag, 16. Dezember 2008

Das Aushängeschild des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Thomas Gottschalk, mitsamt seiner Samstagabendsendung, "Wetten, dass...", zeichnet ein treffendes Bild der Gesamtgesellschaft. Freilich gleicht die soziale Kälte, die dieses Stück Oberschichtenfernsehen ergriffen hat, nicht jener aus den Unterschichtenprogrammen, kommt sie doch eloquenter und bürgerlicher daher, aber am Ende geht auch dort die Rechnung auf, möglichst dümmliche Unterhaltung als vermeintliches TV-Spitzenprogramm zu verkaufen. Und nachher überschlagen sich die Vertreter des guten bürgerlichen Geschmackes mit Lob, glauben im antiquierten, oft peinlich anmutenden Sendekonzept, Deutschlands Fernsehmeisterstück zu erkennen.

Soziale Kälte schlich sich schon vor Jahren ins Sendekonzept ein. Dabei gab es einst Zeiten, da wurde via "Wetten, dass..." gewettet, dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark spenden würde, um notleidenden Menschen in der Sahelzone zu helfen. Karlheinz Böhm initierte 1981 diese Wette, gewann - es kamen nur 1,7 Millionen Mark zusammen - und flog dennoch nach Afrika, was er eigentlich nur tun wollte, wenn er die Wette verloren hätte. Immer wieder traten Prominente auf, die zur Einlösung ihrer Wettschuld soziale Einrichtungen beehrten - da waren dann Schauspieler einen Tag in der Bahnhofsmission tätig oder Politiker in Gefängnissen im Einsatz. Und als in den Achtzigerjahren plötzlich Menschen mit Plakaten das Sendestudio unerlaubt betraten, um gegen einen Mißstand - es ging um die Zerstörung der Donauauen und richtete sich gegen den Wettpaten Fred Sinowatz - zu demonstrieren, und die Sendeleitung diese Menschen sofort rauswerfen lassen wollte, da ging der damalige Moderator Frank Elstner energisch dazwischen, betonte, dass niemand aus seiner Sendung geworfen würde und ließ die Demonstranten sogar kurz zu Wort kommen, damit diese ihre Botschaft verkünden konnten.

Nun mag man einwenden, dass viele dieser Wettschulden, die man mit sozialen und humanen Einsatz bezahlen wollte, eine gelungene PR-Kampagne des jeweiligen Prominenten war - und das kann durchaus zutreffen. Auch kann man generelle Kritik an den Mechanismen der Armenverwaltung üben, die sich in Bahnhofsmissionen und elitärer Suppenküchementalität niederschlägt - aber darum soll es in diesem Rahmen nicht gehen. Was aber von Belang ist für diese kurze Abhandlung über soziale Kälte im deutschen Fernsehen ist: Auch wenn es möglicherweise wohlkalkulierte PR war, auch wenn Suppenküchen keine Lösung sind, die damaligen Wettpaten suchten die Nähe zum sozialen Engagement, zu den Menschen in Not, versuchten sich in Humanität, Nächstenliebe, praktizierter Mitmenschlichkeit. Sie standen damit nicht nur einer Wette Pate, sondern konnten als gesellschaftliches Vorbild wahrgenommen werden, standen damit einer Gesinnung Pate, die soziales Engagement, tatkräftiges Unterstützen notleidender Menschen, für lobenswert und nachahmbar erklärte. Sie gaben in diesem Moment nicht nur Geld, sammelten Spenden, sondern machten sich selbst, ihre Arbeitskraft, ihr Interesse zum Gegenstand der Hilfe. Trotz möglicher PR, die da Mancher im Hinterkopf hatte, war es ein kleines Stückchen sozialer Wärme, was da in die Wohnzimmer transportiert wurde - zumindest war es der Versuch, ein wenig soziale Wärme zu erzeugen.

Und wie sieht es heute aus? Die Wettschulden sind trivialste Unterhaltung, stacheln nur die niederen Instinkte der Zuseher an, weil diese ja unbedingt sehen wollen, wie sich Prominente zum Affen machen, wenn sie beispielsweise, wie Lewis Hamilton und Norbert Haug ankündigten, Gitarre spielen und dazu trällern, oder wenn eine durchschnittliche TV-Darstellerin, gleich Tells Sohn, einen Luftballon vom Kopf geschossen bekommt und dabei so tut, als würde sie vor Angst gleich davonrennen. Gleichfalls die Wettschuld des Moderators, die nichts anderes ist als mit Banalitäten ausgefüllte Wichtigtuerei, wenn dieser einen Tag Tour-Manager für jugendliche Millionäre - Tokio Hotel - sein darf oder sich einfach mal lustig als Straßenmusikant verkleidet. Vor Jahren erklärte sich ein Prominenter dazu bereit, sollte er die Wette verlieren, würde er mit einem Wok eine Bobbahn herunterfahren - heute ist das Wokrodeln ein gesondertes TV-Ereignis, inszeniert von demjenigen, der damals Wettpate war: Stefan Raab. Was heute vornehmlich im Vordergrund steht, ist der Umstand, dass man das bekannte Gesicht auf der Wettcouch zum Affen macht. Man läßt ihn auf die alberne und kurz entwürdigende Weise an die Menschen heranrücken, indem der Zuschauer erkennt, dass der Prominente eben auch nur mit Wasser kocht, der gleiche Trottel aus Fleisch und Blut sein kann, wie man es selbst zuweilen ist.

Aber soziales Engagement steht nicht mehr auf der Charta, möglicherweise will man sogar, dass eine soziale Komponente außerhalb des bürgerlichen TV-Programmes bleibt, damit die abendliche Unterhaltung nicht überfrachtet wird mit Mitmenschlichkeit, Mitleid und Denken an den Nächsten - man will schließlich vergnüglichen Couchbesuch, ein Paar Stunden in Wolkenkuckucksheim der Prominenz, keine Bedenkenträger. Und was entginge doch den Zuschauern, wenn sich ein prominenter Zeitgenosse zur Einlösung seiner Wettschuld nicht eine Seppel-Lederhose anzöge, sondern womöglich mal ein oder zwei Tage dort hinginge, wo es wirklich wehtut. Auch wäre es schade, wenn ein 105-jähriges Ein-Mann-Unternehmen, ein personifizierter Geschäftsentwurf auf zwei Beinen, nicht mehr programm- und pflichtgemäß sich für Äußerungen entschuldigen dürfte, die kurze Zeit zuvor getätigt wurden, und das Publikum, ergriffen von Pathos, dabei nicht mehr applaudierend aufstehen dürfte, nur weil aus dem bürgerlichen "Wetten, dass..." wieder ein bißchen mehr Niveau herausschauen würde. Man ist viel zu gerne niveaulos fern jeglicher sozialen Wärme, schwebt lieber über den Zuständen...

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Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?

Montag, 15. Dezember 2008

Was man nicht besitzen, was einem nicht in die Haben-Struktur (Erich Fromm) übergehen kann, erscheint für den modernen Menschen erstrebenswert. Dieses paradoxe Streben nach Dingen, die nicht da sind, die nicht gegeben oder umsetzbar sind, kann sich auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens abspielen - so auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Während hierzulande Politiker und Wirtschaftsbarone vom homo oeconomicus schwärmen, der viel und gerne arbeitet, der seinen geschmälerten Urlaubsanspruch fortschrittlich, eine Sechs-Tage-Woche erholsam findet, ringt Japans Politik mit dem dazugehörigen Volk, versucht es dazu zu animieren, weniger zu arbeiten, sich mehr zu erholen, den sowieso spärlichen Urlaubsanspruch auch auszunutzen.

Robert Levine beschreibt in seinem Buch "Eine Landkarte der Zeit", wie verschiedene Kulturen mit der Zeit, aber auch ganz abstrakt mit dem Zeitbegriff, umgehen. So widmet er sich beispielsweise dem brasilianischen Zeitverständnis, das die pünktliche Einhaltung eines Termins, als Seltsamkeit des Pünktlichen abtut, oder unserer hektischen Zeitumsetzung, die wir in der industrialisierten Gesellschaft praktizieren. Zudem schiebt er ein interessantes Kapitel ein, in dem er verdeutlicht, wie es zur Zentralisierung der Uhrzeit kam und in dem beschrieben wird, wie es vormals war, als die Vereinigten Staaten noch aus hunderten Zeitzonen bestand. Und innerhalb dieses Buches widmet er sich eben auch Japan, den - für uns - verdrehten Zuständen und zeigt auf, dass auch in einer Industriegesellschaft, die von Schnelligkeit diktiert wird, andere Szenarien als unseres denkbar scheinen.

Seit nunmehr Jahrzehnten ist die japanischen Administration bemüht, das Arbeitspensum der Menschen zu drosseln. Es gibt Kampagnen, die die Menschen dazu aufmuntern sollen, mehr Urlaub zu nehmen, weniger tägliche Arbeitszeit zu verbrauchen. Auf Plakaten stand Ende der Achtzigerjahre "Arbeiten Sie weniger, spielen Sie mehr" - doch all das stößt auf Ablehnung. Die Menschen wollen nicht weniger arbeiten, wollen weiterhin von ihrem Urlaubsanspruch von 15 Tagen im Jahr nur ungefähr acht Tage nutzen. Freilich haben die Bemühungen der japanischen Regierungen, die seit Beginn der Kampagnen im Amt waren, rein ökonomische Gründe, sollen die Binnenwirtschaft durch größere Freizeitreserven ankurbeln, doch auch dieser vermeintlich wissenschaftlich-vernünftige Grund, wir nicht anerkannt. Selbst neue Gesetze, die die Wochenarbeitszeit von 48 Stunden auf 40 Stunden drosseln wollten, wurden von den Arbeitnehmern nicht genutzt. Studien ergaben, dass die Anzahl der Arbeitsstunden kaum gesunken waren. Die größte Strafe für japanische Angestellte ist es, wenn sie ins Rentenalter kommen - macht ein Unternehmen eine Ausnahme, läßt den Angestellten weiterarbeiten, auch wenn er die Altersgrenze zur Rente überschritten hat, so gilt dies als besondere Auszeichnung.

Levine erklärt, dass die japanische Arbeitsmentalität auch durch die Entbehrungen nach dem Krieg erklärbar sind. (Aber nicht nur, es hat auch was mit der Unternehmensstrukturierung, den sozialen Regelungen und dem Kollektivismus der japanischen Gesellschaft zu tun.) Dazu Ikuro Tagaki, ein Universitätsprofessor: "Urlaub zu nehmen war beinahe eine Sünde, als Japan noch arm war. Hart zu arbeiten war bis vor ganz kurzem eine universelle Tugend." Sogar die japanische Sprache unterstützt die Arbeitsehtik. Das japanische Wort für Freizeit, yoka, heißt wörtlich übersetzt "übrige Zeit" - Freizeit ist damit nicht wertgleich mit Arbeitszeit. Zeitverschwendung ist die größte Sünde arbeitender Japaner. Das geht so weit, dass man selbst das Essen und den Ausscheidungsvorgang möglichst schnell vollziehen will, damit keine Zeit der Unnützlichkeit geopfert wird. Japanische Angestellte rennen meist, selbst wenn es eigentlich unnötig ist - das stete Beschäftigtsein, das Rennen und Gestresstwirken ist zur japanischen Darstellungsart des "guten Arbeitnehmers" geworden. Wenn ein japanischer Arbeitnehmer vom Tisch hochschnellt und laut "Ja" ruft, weil sein Vorgesetzter ihm beim Namen nannte, dann ist das weniger Ausdruck von devoter Untertänigkeit, als der Wink, ein guter, leistungsfähiger, arbeitsamer Mitarbeiter zu sein. Japanische Ärzte klagen über ein spezifisch japanisches Krankheitsbild: eine Art Wochenend- und Urlaubsdepression (Sonntagskrankheit - Nichiyó byó; Urlaubssyndrom - Kyujitsu byó), die so weit gehen kann, dass der daran Erkrankte, regelrecht körperlichen Schmerz verspürt, der gegen Ende der "übrigen Zeit" (yoka) wieder abflaut.

All das hat freilich auch mitgeholfen, aus dem Kriegsverlierer Japan, eine wirtschaftliche Großmacht zu machen, stellt aber die japanische Regierung seit mehreren Jahrzehnten vor eine kaum zu bewältigende Aufgabe: Die Binnenwirtschaft stagniert, weil die Menschen kaum Zeit zum Konsumieren finden, weil sie die "Konsummuse" tagtäglich totschuften und somit neben einem arbeitsamen, auch noch ein genügsames Leben fristen.

Was wären wir, was wären die Arbeitnehmer aus Deutschland doch für brave Japaner! Wir würden sicherlich auf unsere japanische Regierung hören, würden blind den Anweisungen folgen, würden weniger arbeiten, mehr urlauben, würden vielleicht sogar eine Vier-Tage-Woche in Kauf nehmen, nur um liebe Staatsbürger zu sein. Wie unzufrieden sind denn unsere Eliten mit uns - unsere japanische Regierung wäre es nicht! Faul seien wir, heißt es aus den Kreisen unserer Führungsschichten, wollen nur immer Urlaub und hätten ein überholtes Anspruchsdenken. Dabei gäbe es Herrschaftskreise, die mit uns zufrieden wären, die uns Gutes täten, die uns zu weniger Schnelligkeit und Arbeitseifer ermutigen würden - das hätten wir in unseren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten.

Und was wären doch die Japaner für ein pflichtbewußtes deutsches Volk! Sie würden dem homo oeconomicus alle Ehre machen, schuften, malochen, sich abwerkeln bis zur Erschöpfung - alles ohne Urlaub, alles an sieben Tagen die Woche. Die Regierung hätte ihr artiges Volk, das artige Volk hätte weniger Wochenend- und Urlaubsdepressionen. Mit so einem Volk könnten unsere Volksvertreter einen Staat machen! Mit uns hatten sie bislang doch nur Ärger und Mühe, mußten sich mit unseren überhöhten Erwartungshaltungen plagen. Deutschland den Japanern! Die Frage ist nur, ob wir die Völker austauschen sollen oder lediglich die Führungsriegen? Packen wir unsere Koffer und ziehen nach Japan oder sollen die japanischen Führungseliten ihre Koffer packen und uns beehren? Vielleicht wäre so ein Partnertausch gar nicht falsch, vielleicht sollten wir unsere Führungskreise einfach nach Japan schicken, in ihr Paradies, weit weg von uns - dort finden sie, was sie so lange schon begehrten...

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Sit venia verbo

"Die Solidarität der Menschen gründet in der Bewegung der Revolte, und sie findet ihrerseits die Rechtfertigung nur in dieser Komplicenschaft. Wir sind also zu sagen berechtigt, daß jede Revolte, die diese Solidarität leugnet oder zerstört, sofort den Namen Revolte verliert und in Wirklichkeit zusammenfällt mit einer Zustimmung zum Mord."
- Albert Camus, "Der Fall" -

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Unscheinbare Worte

Samstag, 13. Dezember 2008

Es gibt Worte, die historisch-ideologisch derart verseucht sind, dass sie eigentlich nicht mehr verwendbar erscheinen. Dabei handelt es sich um ganz banale Worte der deutschen Sprache, nicht um ausgewiesene Spezialtermini, welche in der heutigen Zeit sowieso schon wegen ihrer Überholtheit nicht mehr benutzbar wären. Obwohl „der Führer“ keinerlei Deutung über denjenigen zuläßt, der einst selbst Führer war, wird dieser Begriff heute nicht sehr oft benutzt – und wenn doch, so wird geschmunzelt oder sich entrüstet, wird klargemacht, dass man von „Führern“ nicht mehr sprechen dürfe. Dabei ist es nur eines vieler Worte, welches sich im Deutschen findet. Der „Führer“ ist tabu, aber Müntefering darf seine Partei anführen. Ähnlich verhält es sich mit „dem Juden“, der ja Jude ist, immer war, aber bei dem man sich scheut, es auch so zu sagen – „der Jude“ war in den braunen Vorgängerjahren der Bundesrepublik ein Schimpfwort. Heute spricht man lieber vom „Judentum“ oder vom „Jüdischsein“ eines einzelnen Zeitgenossen – dass er Jude sei, das wird nicht gerne verkündet. Man kann das freilich verstehen, nach Auschwitz schwingt „beim Juden“ einfach zu viel Anklage und Hetze mit – aber es ändert nichts daran, dass es sich hierbei um ein deutsches Wort handelt, welches bar jeder historischen Betrachtung, keinerlei Wert oder Unwert in sich erkennen läßt.

Nur zwei Worte, denen eigentlich kein moralischer Impetus innewohnt, die aber dennoch heute nur zähneknirschend, wenn überhaupt, verwendet werden. Sie sind im Gegensatz zu vielen anderen Begriffen, denen auch offensichtlich ein ehrabschneidendes Motiv zugrundeliegt, wertfrei. Angeführt wird heute immer noch und Führergestalten gibt es auch nach 1945, genauso wie auch heutige Juden, eben Juden sind – was man geschichtlich mit solchen Begriffen konnotiert, hat nichts mit den Worten selbst, mit ihrem Ursprung, ihrer sprachlichen Isoliertheit zu tun. Solche Worte, die moralisch eigentlich vollkommen unverdächtig, die einfach nur Bestandteil deutscher Sprache sind – um ihren griechischen, lateinischen, französischen oder englischen Ursprung soll es hier nicht gehen -, findet man auch heute wieder – in anderer Weise freilich, nicht an der Schwelle zum Krematorium, dafür aber in einer Menschenverachtung mit lächelnden Antlitz. Es handelt sich dabei um Worte aus dem neoliberalen Jargon, der unseren Alltag diktiert bzw. der alltägliche Begriffe immer mehr zweifelhaft werden läßt. Dabei sind gar keine Fachbegriffe aus den Wortfabriken von think tanks gemeint, sondern gängige und gebräuchliche Worte aus dem deutschen Wortschatz, ja sogar aus dem deutschen Grundwortschatz.

An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass die Abhandlung dieser Begriffe im Subjektiven stattfinden soll, zumindest zum großen Teil – also nicht anhand der Man-Sichtweise, sondern aus dem Mich, Mir, Ich heraus; so wie es sich für mich darstellt, es sich mir aufdrängt, ich es sehe. Subjektiv auch, um die Lesenden dieser Zeilen damit zu Reaktionen zu animieren, sie damit zu befragen, ob sie es ähnlich empfinden, sich vielleicht sogar in manchen Sichtweisen erkennen können. Wie empfinden die Leser also die folgenden Begrifflichkeiten in ihrem Alltag? Finden sie sie anstößig? Winken sie ab, wenn man ihnen bestimmte Termini unter die Nase reibt? Finden sie es mittlerweile sogar bedrohlich, wenn selbst z.B. im Schulwesen unscheinbare Alltagsworte wie Kampfansagen aussehen?

Erfolg: Dieser erste Begriff wurde im Laufe der Zeit uminterpretiert. Dies geschah zwar schon vor der neoliberalen Ära, aber in voller Entfaltung der Eindimensionalität, hat sich die Umdeutung erst heute derart entwickelt, dass der Begriff für sich alleine eine Konkretheit ausstrahlt, wie es dem Wortursprung nach nicht ersichtlich wäre. Heute bedeutet „Erfolg“ immer „guter Erfolg“, bedeutet immer ein positives Resultat. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Zustand der „danach eintritt“, der erfolgt – und dieser Zustand ist rein terminologisch betrachtet, nicht an gut oder schlecht gekettet. Wenn man heute sagt, wie man es gelegentlich hört, dass der Erfolg Hitlers die Zerstörung Deutschlands war, dann wertet man es als Ausdruck von bösartigem Zynismus – dabei wird hier der Begriff gar nicht fehlerhaft oder sehr zynisch gebraucht, denn was auf Hitler „erfolgte“ war Zerstörung. Selten liest man nurmehr davon, dass man jemanden „guten Erfolg“ wünsche. Heute kann man sich vorangestellte „Gute“ sparen, denn das Wort „Erfolg“ scheint unerklärlicherweise das Positive in sich aufgesogen zu haben. Die heutige Alltagssprache tut so, als sei das Erfolgte immer positiv – darin versteckt sich ein stiller Aufruf zum Optimismus, der ja gerade in Zeiten großer Ungerechtigkeit zu einer Art Lebenselixier mutiert ist, zu einer Überlebensstrategie: Man schürt positives Denken, fördert das think positive und merzt negative Schwingungen damit aus.
Immer wenn ich dieses Wort heute höre, wenn ich höre wie über die Erfolgsaussichten fabuliert wird, oder wie man darüber spekuliert, wie der Erfolg einer Unternehmung wohl ausfallen möge, dann frage ich mich, warum der zu erwartende Erfolg immer als positives Ereignis erwartet wird und warum es dann nicht im Sinne des Erfolgbegriffes ist, wenn das Erfolgte weniger erfreulich ist, zumal man auch aus „negativem Erfolg“ Schlüsse ziehen könnte. Was aber dieses schwammige Gerede von Erfolg für mich so unerträglich macht ist die Tatsache, dass man den positiven Erfolg immer als logische Schlußfolgerung von erbrachter Leistung hinstellt, selbst wenn die, die sich mit „guten Erfolg“ Übergangsgelder und Provisionen eingeschoben haben, nichts weiter als warme Luft geleistet haben. Darin liegt die andere Seite des think positive, des Erfolgpredigens: Wer leistet, der erntet positiven Erfolg. Das sollte man einmal einen Leiharbeitnehmer erklären, der sich abrackert und schuftet, und der von dem was auf seinem Konto erfolgt, kaum leben kann. Das positive Erfolgsherunterbeten animiert zur Leistung.

Leistung: Landauf landab wird von Leistung gesprochen. Darüber, dass sie sich wieder lohnen müsse; dass derjenige der leistet, auch gut verdienen müsse; dass Leistungsbezieher auch selbige erbringen müssen. Die „Leistung“ ist das Zauberwort der herrschenden Ideologie. Wer etwas leistet, den will sich die Gesellschaft auch weiterhin leisten; wer nichts mehr leisten kann oder darf, den soll man am besten gar keine finanziellen Leistungen mehr überweisen. Der heutige Leistungsbegriff scheint reichlich pervertiert, weil er Leistungen, die sich außerhalb des ökonomischen Wettbewerbs – zum Wettbewerb: siehe nächsten Absatz - abspielen, gar nicht als solche anerkennen will. Jemand der Kinder erzieht und beaufsichtigt, jemand der einen kranken Onkel oder Nachbarn pflegt, der engagiert sich ehrenamtlich, aber von Leistung wird da kaum geredet. In der neoliberalen Weltanschauung ist Leistung immer mit dem „Was kann ich daran verdienen?“ verbunden, wird immer nach Kosten und Nutzen analysiert, um dann zur anerkannten Leistung zu werden – oder eben nicht.
Wenn heute die Lehrer meiner Kinder von Leistung sprechen, die meine Kinder im Unterricht zu erbringen haben, dann empfinde ich ein flaues Gefühl im Magen. So weit ist es gekommen, dass für mich das deutsche, eigentlich recht unscheinbare Wort „Leistung“ zu einem Unwort wurde, weil ich damit immer gleich Ausbeutung, Kosten-Nutzen-Kalkül, Verwurstung von Arbeitskraft etc. in Verbindung bringe. Die von den Lehrern erhoffte Leistung mag gar nicht ideologisch unterminiert sein – ist sie wohl auch nicht -, aber alleine das Wort reicht aus, um in mir alle Alarmglocken zu aktivieren – dem neoliberalen Dauerbombardement sei Dank. Das Wort ist für mich derart in Misskredit geraten, dass ich stets versucht bin, es aus meinem Wortschatz herauszuhalten.

Wettbewerb: Man bewirbt sich, um an einer Wette, an einem Ringen um den Wettsieg, teilzunehmen. Der Begriff „Wettbewerb“ symbolisiert zunächst nichts Negatives, sondern ist in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Die Bundesliga ist ein Wettbewerb, genauso wie das abendliche Schafkopfen oder Pokern am Stammtisch. Das Kraftmessen im Spielerischen ist Teil der conditio humana, entspricht der menschlichen Natur. Man ist dabei in den Regeln der Wette oder des Spiels gefangen, muß sich diesen unterwerfen und spielend das Beste daraus machen. Die Arbeitswelt aber, der Kampf zwischen Unternehmen genauso, wie der Kampf aller Arbeitnehmer gegeneinander, ja selbst der inszenierte „Wettbewerb“ zwischen Arbeitssuchenden, ist kein Spiel – es ist daher kein Wettbewerb, denn die (oft unfreiwilligen) Teilnehmer am sozio-ökonomischen Gesellschaftsgefüge wetten nicht mit, haben sich nicht um die Teilnahme an einem Spiel beworben, sondern sorgen sich um ihr persönliches Überleben. Sie gehen nicht spielend mit den Regeln des Marktes um, sondern nehmen die Zustände ernst, müssen sie sogar so ernst nehmen, wenn sie nicht aus Spaß an der Freude zugrundegehen wollen.
Vom Wettbewerb lese und höre ich immer wieder; sogar Zeitgenossen aus meinem Umfeld sprechen davon. Dies tun sie mal ganz offen, mal versteckt hinter Floskeln – viele Menschen sind der Ansicht, dass das Leben eine große Ansammlung von Wettbewerben sei, die es auszufechten gilt. Höre ich heute diesen Begriff, bin ich schon versucht das Weite zu suchen. Die ganze Wettbewerberei innerhalb dieser Gesellschaft setzt mir so zu, dass ich keinerlei, nicht mal mehr gesundes Kontrahentendasein dulden mag. Der Wettbewerbsbegriff, den der neoliberale Jargon meint, steht für mich vorallem dafür, das Leid der Menschen zu rechtfertigen, welche in diesem ominösen Wettbewerb nicht leistungsfähig genug erschienen. Dabei entfremde ich mich vom menschlichen Erbe des Kräftemessens radikal, denn der Begriff ist für mich heute derart untragbar geworden, derart verschmutzt, dass ich selbst einen Wettbewerb im Tischtennis für unerträglich halte – dies ist genau betrachtet Irrsinn, aber das ständige Berieseln mit diesem Begriff, beschwört zuweilen die seltsamsten Reaktionen.

Eigentum: Es ist das Eigene eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Das „Eigentum“ ist das Vaterunser der neoliberalen Sektierer. Alles, jeder Stein auf Erden, soll jemanden gehören – nicht der Allgemeinheit, denn die soll nicht Eigentümer sein, sondern einer Organisation, einem Konzern oder einfach einer Privatperson. Macht Euch die Erde untertan, macht sie Euch zu eigen – das ist die Losung der neoliberalen Schule. Was herrenlos ist, ist entweder nutzlos oder sofort in Privateigentum zu überführen. Wenn heute von Eigentum gesprochen wird, dann geht es vorallem darum, gigantische Privatreichtümer zu rechtfertigen und per Eigentumsgesetzgebung zu legalisieren. Teilhabe aller am Wohlstand der Menschheit? - Davon wollen die Apologeten des Eigentums nichts wissen. Wer jedoch kritisch an der Eigentumslehre herumdeutelt, der ist Kommunist und damit ein unbelehrbarer Anachronismus.
Mir fällt es heute schwer, meinen Kindern etwas über das Eigentum von Menschen zu erzählen, ihnen bewußt zu machen, dass man das Eigentum anderer respektieren, und diesen Respekt auch von anderen Menschen abverlangen muß. Dies fällt mir nicht schwer, weil ich etwa kein Eigentumsgefühl hätte, oder versucht wäre, mir das Eigentum meiner Nächsten anzueignen; es fällt mir schwer, weil ich schrittweise erkannt habe, dass das Eigentum der Superreichen immer mehr dazu führt, dass es Menschen gibt, die lediglich ein Paar Möbelstücke - wenn überhaupt - ihr Eigentum nennen können. Lehre ich meinen Kindern heute die Regeln des Eigentums, so wie sie heute praktiziert werden, so lehre ich sie die Regeln des entfesselten Eigentumwahns, lehre ich sie die Habgier, pflanze ihnen eine Lehre in den Kopf, die das Treiben der herrschenden Kreise legitimiert – was der Vater sie lehrte, was die Gesellschaft schamlos praktiziert, so könnten sie schlußfolgern, wird seine Richtigkeit schon haben; lehre ich ihnen hingegen, dass Eigentum verpflichtet, ihr spärliches Eigentum gleichermaßen wie jenes von den Millionären dieser Erde, dann erziehe ich sie im Sinne uralter Ketzereien, die heute bedeutungslos geworden sind, ja geradezu gefährlich. Am Ende würden sie aufgrund dieser Ketzerei annehmen, ein Millionär habe die Verpflichtung, von seinem Wohlstand etwas abzugeben, damit jedem Menschen Chancen offenstehen.

Chancen: Die "Chance", wie wir sie heute im politischen Diskurs immer wieder vernehmen, ist eine schwammige, nicht konkretisierte Möglichkeit, eine Kann-Situation, die mit viel Glück, Beziehung und Geld eintritt, die aber keine Garantie darstellt. Wir wollen in dieser Gesellschaft keine Gerechtigkeit mehr, sondern Chancengerechtigkeit – d.h. wir wollen eine Gerechtigkeit, die dann und wann die Chance bietet, auch wirklich gerecht zu sein. Aber dies eben nur, wenn die Prämissen stimmen. Dies ist eine abgegrenzte Gerechtigkeit, die nicht faßbar ist, weil sie sich durch das Gewimmel der (nicht genutzten) Chancen aus dem Staub machen kann. So bieten wir Hochschulbildung an – wer sie jedoch nicht ergreift, weil beispielsweise der Geldbeutel der Eltern zu schmal ist, der hat damit seine Chance verstreichen lassen. Das Palaver um die Chancengesellschaft gleicht dem berühmten Ausspruch, wonach jene, die nach Brot verlangen, doch einfach Kuchen essen sollen – auch die Brothungrigen hatten damit ihre Chance gehabt.
Wie soll ich also reagieren, wenn ich im Alltag das Wort „Chance“ höre? Nach all den Verblödungen, die sich um diesen Begriff rankten, ist er mir so suspekt geworden, dass ich ihn gar nicht mehr hören kann. Wenn mein Sohn, nachdem er sich mehrfach meinen Anweisungen oder familiären Vorschriften widersetzt hat, mit Konsequenzen – auch das Wort tut mir mittlerweile weh – konfrontiert sieht und er daraufhin bittet, man solle ihm noch eine Chance einräumen, dann ärgert mich dieses Wort sogar dort. Ich will keine Chancen geben, ich will ja gerecht sein, nicht nur chancengerecht; will ihm keine schwammigen Kann-Gebilde anerkennen, sondern klare Garantien. Dass die Chance einst gar nichts Schwammiges an sich hatte, dass sie erst durch den neuen Jargon so inhaltlich entwertet wurde, wird mir dann erst nach einigem Nachdenken bewußt.

Es gäbe noch viele Wörter, die man täglich aus den Medien vernimmt, die klar vorgezeichnet in die medialen Fahrwasser geleitet werden, und die eigentlich nur gebräuchliche deutsche Wörter wären, wenn sie nicht andauernd von den Meinungsmachern mißbraucht würden. Denn das kommt hinzu, wird immer wieder vergessen: Die Meinungsmacher, die Umsetzer dieser Meinungen in die Praxis, formen nicht nur die sozio-ökonomischen Zustände dieser Gesellschaft um, sondern "entweihen" diese Sprache, machen sie zum linguistischen Patienten, zur Sprache, die irgendwann so leer ist an Aussagekraft, dass man sie nicht mehr benutzen will - und insofern man etwas damit ausdrücken will, sie auch gar nicht mehr benutzen kann, weil es an konkreten Worten fehlt. Da können manche noch soviel davon träumen, die deutsche Sprache ins Grundgesetz zu betten – solange man zuläßt, dass traditionell gebräuchliche Worte aus dem Deutschen in dieser Form entleert, mißbraucht und umgedeutet werden, ist das Deutsche auf dem besten Wege, zum inhaltslosen Idiom zu werden, ja sogar zur toten Sprache. Die Kreise, die das Deutsche zum grundgesetzlichen Wert erheben wollen, haben recht wenn sie behaupten, dass die deutsche Sprache verhunzt wird. Doch die Gefahr lauert nicht bei den Türken innerhalb Deutschlands, nicht bei den Anglizismen oder anderen Sprachvermischungen – die deutsche Sprache ist genau betrachtet, wie die meisten Sprachen, eine einzige große Sprachvermischung -, sondern bei denen, die glasklares Deutsch sprechen, aber die Begriffe so sinnfrei umdeuten, dass damit kein sinnvoller Satz mehr formulierbar scheint.

Für mich gibt es heute deutsche Worte, die eigentlich vollkommen unverdächtig wären, wenn sie nicht dauernd vergewaltigt würden. Ich hätte nichts dagegen, auch mal Leistung abzufordern, wenn ich nicht wüßte, wie der Begriff heute untermalt und verstanden wird – aber so, mit diesem Vokabular der Menschenverachtung, fällt es mir schwer. Mehr und mehr wird die deutsche Sprache, die für mich in ihrem Klang zwar nicht melodiös, dafür jedoch in ihrer Ausdrucksvielfalt wertvoll ist, zur Sprache der Dummheit, zur Sprache ohne Seele, die ich nicht mehr sprechen und teilweise nicht mehr schreiben will. Als Oskar Schindler "seinem" Listenschreiber Itzhak Stern sagte, er würde natürlich auch auf die Liste kommen und er würde eine Sonderbehandlung erhalten, da antwortet ihm Stern, dass er wüßte, was „Sonderbehandlung“ hieße, er habe mehrfach Dokumente gesehen, die von „Sonderbehandlung“ berichteten. Schindler meinte, Stern wisse aber doch, wie er das meine und überhaupt, müsse man denn eine ganz neue Sprache erfinden. Sterns Antwort: „Ich glaube schon.“ – So weit bringen es auch jene, die mittels Sprache die Menschen manipulieren, sie verdummen, sie abrichten, sie zu ihren Nutzvieh degradieren. Sie bringen es so weit, dass wir uns eine neue Sprache ersinnen müssen, weil wir die althergebrachten Begriffe nicht mehr für aussagekräftig genug halten, für leere Worthülsen, mit denen kein Satz zu machen ist.

Bis aber die Deutschromantiker, die meinen, eine deutsche Sprache gesichert durch das Grundgesetz, könne dieses Land vor dem Untergang retten, ihr Vorhaben umsetzen, da gibt es diese zu schützende deutsche Sprache gar nicht mehr – was bleibt ist eine Sprache, die mal die Sprache der Deutschen war, aber dann so verdreht und ausgehöhlt wurde, dass sie nurmehr eine Art Neusprech ist, mit dem sich kaum mehr etwas Tiefgründiges ausdrücken läßt.

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Macht es ihm nach!

Freitag, 12. Dezember 2008

Seht nur her, hier verzichtet ein Mann auf sein Arbeitslosengeld II! Läßt es einfach links liegen, will es nicht mehr, kurzum: verzichtet darauf. Der besagte Mann ist jenes musizierende Talent, das eine scheinbar bekannte Casting-Show gewonnen hat - er ist auf Arbeitslosengeld II nicht mehr angewiesen, kann sich diesen luxuriösen Gang in die geheiligten Hallen der Arbeitslosenverwaltung leisten, ist - wie er selbst sagt - "nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen".

Nein, darüber, dass das Supertalent keinen rechtlichen Anspruch auf Arbeitslosengeld II mehr hat, darüber schreibt Deutschlands größte Tageszeitung nichts - für sie verzichtet der "Mundharmonika-Mann" lediglich. Es klingt beinahe so, als ob er es aus freien Stücken tut, als ob er aus reiner Vernunft heraus darauf verzichtet, um nun, da er ja selbst zu Geld gekommen ist, der Allgemeinheit nicht mehr auf der Tasche zu liegen. Und von dieser scheu angedeuteten, natürlich absichtlichen Fehlinterpretation der BILD-Zeitung ist es nicht mehr weit zum nächsten Schritt, den man zwischen den Zeilen herauslesen kann: Seht her, hier verzichtet er auf Hartz IV! Und wann verzichtet ihr? Wann gebt ihr Arbeitslosen eueren rechtlichen Anspruch ab?

Dass er nicht verzichtet, sondern keinen Anspruch mehr hat, weil er wahrscheinlich gemäß dem Zuflussprinzip in diesem Monat mehr Geld eingenommen hat, als ihm Regelsatz und Miete zusteht, desweiteren Vermögen angehäuft hat, das über den Vermögensgrenzen liegt und zudem weitere Geldquellen in Aussicht hat, sich womöglich sogar eine Art Arbeitsverhältnis mit regelmäßigen Gehalt gesichert hat, thematisiert die BILD erst gar nicht. Es soll so aussehen, als habe der neue Stern am Himmel bald fallengelassener Vierteljahreshelden, aus reiner Einsicht auf seinen Anspruch verzichtet.

Er soll mustergültig als Speerspitze benutzt werden, als Aushängeschild des "Wer-will-der-schafft-es-auch", als Vorbild für all jene, die in einer ähnlichen Lage sind, wie er einst war. Und dazu soll er uns vor Augen führen, wie er verzichtet - nicht wie er rechtlich dazu verpflichtet ist, die Veränderung in seinen Einkommens- und Vermögensverhältnissen zu melden. Davon will man nichts schreiben, denn man will nichts über Rechtsansprüche verkünden, sondern von selbstlosen Taten, vom "Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst" - für eine solche Konditionierung der Massen muß der "Mundharmonika-Mann" nach der Pfeife der BILD tanzen. Er mahnt mit dem Zeigefinger, leitet zum "Du-kannst-es-auch-schaffen" an und kann es sich großkotzig erlauben, öffentlich und nach allen Regeln der Verblödungskunst zu verzichten.

Macht es ihm nach, ihr Arbeitslosen!

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Piraten

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Die Bundesregierung hat sich zur Piraten-Frage geäußert - positiv geäußert: sie wird Piraten in fremde Gewässer schicken, ausgestattet mit einem Kaperbrief, der auch die Gewaltanwendung legitimiert. Der Piraten Aufgabe wird sein, die großen Piratenflotten der westlichen Handelswelt zu flankieren, sie zu schützen und die Reibungslosigkeit ihrer Ausbeutungsmethoden zu gewährleisten. Alles mit Segen der Bürger dieses Länder versteht sich - ein Francis Drake muß sich schließlich seine Kaperfahrt vom Souverän genehmigen lassen.

Vielleicht sollten wir die Termini überdenken; vielleicht sollten wir genauer hinschauen, wenn man Begrifflichkeiten vorkocht, damit wir diese runterschlingen, ohne auch nur darauf herumzukauen - erfahrungsgemäß erleichtert das Kauen die Verdauung. Machen wir es uns also leichter, kauen wir mal durch, was da zubereitet wurde: das griechische Wort πειρατής (peiratés) bedeutet soviel wie "Angreifer", in der Form πειραν (peiran) auch "wagen" - der Pirat ist demnach ein Angreifer, womöglich einer, der es wagt anzugreifen. Genau das trifft durchweg auf die Piraten der westlichen Vaterländer zu, sowohl auf die nun berufenen militärisch-uniformierten Piraten, als auch auf jene, die mit Kalkulationen, Stoppuhren, Kosten-Nutzen-Kalkül, Auswertungsstatistiken und dergleichen mehr, die Wirtschaft in der Dritten Welt kontrollieren - sie greifen auf ihre eigentümliche Weise an, benutzen den Rotstift anstatt eines Degens, Schmier- und Bestechungsgelder als Maschinengewehre.

Und dann sind da noch jene Burschen, die in den westlichen Medien durchweg als "Piraten" bezeichnet werden. Nicht die uniformierten Schlächter aus den Soldatenschmieden unserer Hemisphäre, sondern die ungestümen und ungeschlachten Kerle, die Schiffe überfallen und Menschen töten. Sie greifen auch an, sind Angreifer, sind keineswegs ausgewiesene Vertreter der Menschenrechte, weswegen uns das Motiv dieses Nihilismus zu interessieren hat. Wenn Angreifer gegen Angreifer steht, muß begriffen werden, warum wer angreift: Sie - jene, die man hierzulande "Piraten" nennt - greifen nicht aus einer satten Position heraus an, sondern weil sie an die Wand gedrückt werden. Es sind die Zukurzgekommenen, die sich hier auf bestialische und unmenschliche Art und Weise ihres Leides erwehren. Sie wähnen sich in den Glauben, dass sie sich sichern dürfen, was man ihnen auf ehrlichem Wege niemals zugestehen würde, woran man sie niemals teilhaben ließe - ein kleines bißchen Wohlstand, ein Krümelchen von großen Kuchen gesicherter Lebensentwürfe, etwas mehr materielle Sicherheit. Ein Leben auf dem Meer, auch heute noch, eingeordnet in einer drakonisch gesitteten Hierarchie unter einem nicht gerade humanistisch geschulten Hauptmann, ist kein Zuckerschlecken - wenn nicht die Armut, wenn nicht das An-die-Wand-gedrückt-sein drohen würde, würde mancher dieser Kerle so ein Leben nicht führen wollen. Das was man einst als Romantik des Piratenlebens verklärte, gilt heute so wenig wie damals, vielleicht noch weniger, weil man mit Blick gen Westen sieht, dass es andere, ganz andere Lebensentwürfe gäbe, wenn man ihnen nur Teilhabe am Wohlstand dieser Welt zusichern würde.

Vielleicht sollten wir also zurechtrücken, was uns da serviert wurde; sollten wir überdenken, ob wir künftig die Uniformierten aus unseren Landen als Angreifer, d.h. Piraten bezeichnen, während wir die vermeintlichen "Piraten" als Zukurzgekommene ansprechen sollten. Letzterer Terminus soll nicht rechtfertigen, aber verständlich machen, warum diese Menschen tun, was sie tun. Es ändert nichts daran, dass sie sich über jegliche Moral hinwegsetzen, Menschenleben opfern, um ihre eigene Misere zu lindern - dies bleibt in jedem Falle verwerflich. Die Deutsche Marine der Piraterie zu bezichtigen, greift aber deswegen keineswegs zu kurz. Sie macht sich zum Handlanger solcher Freibeuter, die ihre Produkte für teueres Geld in die Dritte Welt exportieren, dabei die Verschuldung betroffener Länder in Kauf nehmen - und die Dritte Welt in eine endlose Schuldenspirale stürzen, die sie handlungsunfähig macht und in Abhängigkeit geraten läßt -, gleichzeitig aber Rohstoffe für wenig Geld in den Westen importieren. Dies alles geschieht freilich "höchst legal", mit dem Segen des Welthandels, aber eben nicht mit dem "Ja und Amen" vieler aggressiv gemachter, förmlich zur Aggression herangezüchteter Zeitgenossen aus den Regionen der Zukurzgekommenen. Für die Zukurzgekommenen ist alles, was nur nach dem Westen riecht aggressiv, ist Ausgeburt des Weltaggressors, der ausbeutet und ausbluten läßt, der rücksichtslos Sozialstrukturen niederwalzt und seit Jahrhunderten den "minderwertigen Teil der Erde" als großes Schlaraffenland begreift, an dem man sich nur mit möglichst hemmungsloser Chuzpe bedienen muß.

Das Durchkauen der medial zubereiteten Begrifflichkeiten dient nicht dazu, die Gewalttätigkeiten der Zukurzgekommenen reinzuwaschen. Dazu gibt es keinen Anlass, selbst die größte Not kann nicht dazu mißbraucht werden, seiner eigenen Niedertracht und Brutalität freien Lauf zu lassen. Wozu sie aber dienen soll, ist die Schwarzweißmalerei auszuhebeln, sie als Metapher medialen Kampagnenjournalismus zu enttarnen: Hier tritt nicht Gut gegen Böse auf, nicht das Reich der Engel gegen das Reich der Dunkelheit, nicht der glorreiche Ritter gegen den von Natur aus bösen Drachen - diese Sichtweise dient nur dazu, vor dem Volk zu rechtfertigen, was bei genauer Betrachtung der Dinge nicht zu rechtfertigen wäre, was ja die gesamten Mechanismen des Welthandels, der ja vornehmlich ein Handelskodex der westlichen Industrienationen ist, zweifelhaft machen würde. Dazu bedarf es des absolut Bösen, dem Bösen um des Bösen willen, einer Bösartigkeit, die nur durch das Wort "böse" erklärbar wird - sie sind böse, weil sie böse sind und daher sind sie böse! Die Tautologie als Mittel dazu, das andere Böse, die uniformierte Weltgeltungssucht nämlich, als Weltenretter, als feinen Kerl, als erleuchtete Engelsgestalt darzustellen.

Das Zurechtrücken der Termini soll klarmachen, dass hier Niederträchtigkeiten aufeinandertreffen: das Böse - wenn man diesen Begriff so abstrakt benutzen will - gegen sich selbst, die Widerlichkeiten menschlicher Brutalität gegen die anderen Widerlichkeiten menschlicher Brutalität - Dunkelheit gegen Dunkelheit! Anhand der unkritischen Hofberichterstattung in der Piraten-Frage, wird deutlich, wie wichtig Begrifflichkeiten sind, um Stimmungen zu erzeugen. Der vermeintliche "Pirat" wird selbst in der westlichen Welt, und das in Zeiten, in denen wir vom Geburtstag der Menschenrechte sprechen, wie ein abzuknallendes Urwaldvieh behandelt, während der militärische Flankenschutz für die Weltausbeuter als vernünftige, löbliche, menschenliebende Tat deklariert wird. Wenn der Begriff und die dazugehörigen Konnotationen stimmig sind, dann kann man jede Unmenschlichkeit, jeden Gewaltakt, jeden Verstoß gegen Völker- und Menschenrechte wie einen Akt der Milde, wie gelebte Vernunft aussehen lassen.

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Ridendo dicere verum

Dienstag, 9. Dezember 2008

"Das ist – (Anmerkung: die Frage nach der sozialen Gleichberechtigung) -, glaube ich, die Herausforderung dieses Jahrzehnts. Und es muß so gelöst werden, dass nicht Populisten wie Oskar Lafontaine oder Rechtsextreme da rangehen, sondern verdammt nochmal endlich die demokratischen Parteien, die dafür auch endlich wieder Profil zeigen müssen.
[...]
Ein Staat, der den Menschen fast fünfzig Prozent ihres Arbeitseinkommens nimmt, darf sich nicht wundern, wenn die Menschen glauben, sie könnten sich rächen, indem sie kleine Steuerhinterziehungen betreiben!"
- Michel Friedman, bei "Johannes B. Kerner" am 20. November 2008 -

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De dicto

Montag, 8. Dezember 2008

"Deutschland hat ein großes Herz für Kinder! [...] Dieser Abend ist der Beweis dafür, wie großherzig dieses Land ist."
- BILD-Zeitung, Marion Horn am 8. Dezember 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: 15,4 Millionen Euro können nicht täuschen - Deutschland ist ein Kinderparadies! Während dieses Deutschland Kinder selektiert, während es also Kindern aus armen Hause - Sozialgeld beziehenden Kindern -, das Kindergeld anrechnet und damit deren Familien um 154 Euro im Monat bringt, erhalten bessergestellte Kinder das 154 Euro-Zubrot anrechnungsfrei. Ja, dieses Deutschland der wachsenden Kinderarmut ist ein Ort wahrer Kinderliebe, kauft sich mit hunderttausend Kindergeldzahlungen (154 Euro x 100.000 = 15,4 Millionen) aus seiner Gleichgültigkeit heraus.

Es ist nicht nur die übliche Ausgeburt des schlechten Gewissens, die das Spenden zur seelischen Entlastung machen - auch wenn viele Spender es sicherlich gut meinen -, sondern das stetig vorantreibende Umdenken innerhalb dieses Landes. Weg von staatlichen Garantien, hin zur Suppenküchenmentalität; die Beseitigung der Armut nicht durch gesetzliche Sicherheiten, sondern durch die Willkür, genannt Großherzigkeit, anonymer Spender; die Abkehr davon, die Allgemeinheit gegen die Armut aufmarschieren zu lassen, zuungunsten einzelner Gönner, die heute geben und morgen womöglich nicht!

Diese Mentalität, die "Die Tafeln" für genauso erstrebenswert verklärt wie den Wankelmut des Spenderherzens, wird nun von Marion Horn als soziale Großtat deklariert. Sie - die Mentalität - sei beruhigendes Zeichen dafür, dass der Sozialstaat irgendwie doch noch funktioniere, auch wenn er nichts mehr garantiert, dafür nurmehr an den guten Willen möglicher Spender appelliert. Freilich würde auch in einem funktionierenden Sozialstaat, der jegliche Kinderarmut ausgemerzt hätte, dann und wann auf Spendenaktionen zurückgegriffen, aber viele Einzelschicksale armer Kinder, ließen sich beispielsweise schon mit der Anrechnungsfreiheit des Kindergeldes auf das Arbeitslosengeld II lindern.

Doch davon will Horn, davon will die BILD-Zeitung in ihrer unerträglichen Schmutzkampagne gegen die Ärmsten dieser Gesellschaft nichts wissen. Konkrete Verbesserungsvorschläge sind irrelevant, damit die Suppenküchenmentalität weiterhin an Relevanz gewinnt: Zur Entlastung der Sozialsysteme, zur Stärkung des Privatisierungswahns - Armutsbekämpfung als privates Kann, anstatt staatliches Muß -, zum Leidwesen der auf Hilfe Angewiesenen.

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Entlastung an der Briefkastenfront

Sonntag, 7. Dezember 2008

Die Deutsche Post meint es gut mit den Geknechteten und Entrechteten, mit denen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil sie schon alles, was einen in dieser Gesellschaft zu einen Gewinner machen würde, verloren haben. Sie hat sich auf die Seite der Habenichtse geschlagen, die nichts besitzen, aber dennoch weiterhin finanziell geschächtet werden. Ihnen muß man Entlastung zugestehen, muß ihnen Luft zum Atmen zuteilen, ein Paar Stunden der Sorglosigkeit schenken - die Deutsche Post macht sich zum Schenkenden, zum Verständnisvollen, zum großen Gönner.

Nur noch fünfmal pro Woche sollen Briefe ausgetragen werden, nicht mehr, wie bis heute üblich, an sechs Tagen. Und schon regt sich der Unmut der Kunden, laufen sie Sturm auf die hehren Absichten der Deutschen Post. Es sind wahrscheinlich vorallem Vermieter-Kunden, die täglich auf erfolgreiche Mahnungen hoffen, die ihre Mieter zu Nachzahlungen hindrangsalierten; oder Arbeitgeber-Kunden, die hoffnungsvoll auf Briefe ihrer Belegschaft warten, in denen diese einer Gehaltsminderung zustimmt; oder Aktionärs-Kunden, die trotz Finanzkrise das Geld aus ihrer Kaffeekasse angelegt haben, und nun darauf warten, per Brief über satte Zuwächse informiert zu werden; oder Mandats-Kunden, die voller Vorfreude der brieflichen Information über ihre Abgeordnetenpensionen entgegenfiebern; oder der ganz banale Typus des "Vielleicht-habe-ich-endlich-einmal-Glück"-Kunden, der wöchentlich dem Brief der Lottogesellschaft harrt, oder hofft, dass er zumindest darüber in Kenntnis gesetzt wird, einen kleinen Präsentkorb gewonnen zu haben.

Wer sich nicht in die Diskussion bezüglich der Pläne der Deutschen Post einmischt, wer höchstwahrscheinlich auf der Seite der Fünf-Tages-Briefträger steht, das sind alle anderen. Das sind solche, für die der Gang zum Briefkasten einem letzten Gang zum Schafott gleichkommt; solche, die morgens in Angst aufwachen, auf die Uhr sehen und die Minuten zählen, bist der Postbote kommt - und hoffentlich ohne Berührung der Briefkastenklappe schnell wieder geht. Es sind die in Bredouille geratenen Zeitgenossen dieses Landes, die täglich auf Rechnungen warten, die sie nicht mehr bezahlen können, die Mahnbescheide fürchten müssen; es sind Arbeitslose, die mehrmals täglich an den Briefkasten stürmen, immer mit dem erdrückenden Gefühl in der Magengrube, Post von jener Behörde zu bekommen, die mit Menschen verfährt wie mit leblosen Objekten; es sind die Empfänger von Hiobsbotschaften, die stets damit rechnen, eine Kündigung, eine Absage, einen negativen Bescheid, eine Strafe zugestellt zu bekommen.

Solche Menschen leben im stetigen Gefühl der Angst, der Beklemmung. Sie ringen mit dem Kafkaesken ihres Alltags, hoffen voller Bescheidenheit nicht mal mehr das Beste, sondern geben sich mit dem spartanischen Gefühl des "zu Ertragenden" zufrieden - und drohen daran zu zerbrechen. Ein ständiges auf der Hut sein, hoffen, bangen, beten - ein Leben in Bedrückung; der Postbote als gelber Teufel, den man am eigenen Briefkasten vorbeifliegen sehen will, der einen den bedrückenden Tagesablauf zum tragischen Alptraum verwandeln kann.

Solch einem psychischen Druck, so dachte sich die Deutsche Post womöglich, könne man den Kunden nicht sechs Tage die Woche auferlegen. Auch der Angst-Kunde hat ein Recht auf wohlige Tage, auf mehr als einen sorgenfreien Tag, an dem der Briefträger nicht dazwischenpfuschen kann. Somit soll die Fünf-Tage-Woche Realität werden, damit auch den unter Druck stehenden Kunden ein wenig Ruhe gegönnt sei, ein wenig Erholung von der Briefkastenfront. Hier beweist die Deutsche Post Herz und Nächstenliebe, zeigt sich weihnachtlich mitfühlend, rettet manchen Zeitgenossen vor den selbst aufgeknüpften Strick. Wer da jetzt moralisierend herumjammert, weil die Deutsche Post nurmehr fünf Tage austragen will, der hat scheinbar wenig zu verlieren, wenig Angst, wenig Not, kennt vorallem nur die Sonnenseiten des Lebens, hat viel zu gewinnen.

Ob jemand, der in der vielzitierten Schuldenfalle sitzt, wirklich traurig ist, dass sein Postler einmal weniger pro Woche erscheint? Ob ein Erwerbsloser bittere Tränen der Ohnmacht vergießt, weil sein kleiner Diktator "Fallmanager" ihn einmal weniger pro Woche potenziell gängeln darf? Vom Segen der "beschnittenen Post" wird aber nichts geschrieben, stattdessen wird das Gejammer der Gewinnernaturen präsentiert - die Gewinner schreiben eben die Geschichten...

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Hitler als Vorläufer

Samstag, 6. Dezember 2008

Wenige Jahre vor seinem Tod, schrieb Carl Amery ein Essay, welches in besorgniserregender Art und Weise verdeutlicht, in welcher Tradition, mit welchem Erbe behaftet unsere Zeit ist. Ein Erbe, welches gerade heute, in Tagen entfesselten Konsum- und Kosten-Nutzen-Denkens, in Gänze zur Geltung kommt, in denen aufbricht, was schon seit Jahren verkrustet schien.

In „Hitler als Vorläufer – Auschwitz, der Beginn des 21. Jahrhunderts?“ räumt Amery auf mit der heute vorherrschenden Annahme, dass die Zeit des Hitlerismus, also die Jahre 1933 bis 1945, eine Art Unfall deutscher Geschichte darstellen. Es sei eben nicht ein unerklärlicher Rückfall in die Barbarei oder ins Mittelalter – welches bei weitem nicht so brutal war, wie diese zwölf Jahre deutscher und europäischer Geschichte -, sondern die logische Konsequenz einer entfesselten Wissenschaftlichkeit. Gleichwohl stehen diese zwölf Jahre, steht auch Auschwitz, nicht abgeschottet von der danach folgenden Zukunft. Für Amery sind die Jahre 1933 bis 1945 nicht unerklärlich und stehen nicht innerhalb des 20. Jahrhunderts, wie Jahre, die da eigentlich nicht hineinpaßten – im Gegenteil: die Zeiten des Hitlerismus, gerade auch der Genozid an allerlei Ethnien, stehen dort folgerichtig und sind nicht vom Heute isolierend zu betrachten.

So legt der Autor dar, wie Hitler als Kind seiner Zeit, dazu überging, in der „grausamen Königin aller Weisheit“ – nach einem Zitat in Hitlers „Mein Kampf“ -, den einzigen Leitgedanken seiner Politik zu erkennen. Er sei der Feldherr dieser Königin gewesen, die man als den pervertierten Gedanken des Darwinismus verstehen muß. Die Königin ist jener blutrünstige Umstand, der sich für die Menschen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Kampf auf Leben und Tod, der sich in der Natur manifestiert, als Grundprinzip des Daseins abzeichnete. Selbst menschliche Gesellschaften würden diesem Prinzip unterliegen und die Politik habe dieser kruden Metaphysik Folge zu leisten und den Kampf dahingehend zu führen, der eigenen Rasse das Überleben zu sichern. Rassischer Sozialdarwinismus: das ist die hitleristische „grausame Königin aller Weisheit“.

Hatte man das seinerzeit erstmal erkannt, so war der nächste Schritt, in allem was mitmenschlich, humanistisch, nächstenliebend erschien, ein höchst unnatürliches Denken zu erkennen, weil es der „grausamen Königin“ so vollkommen widersprach. Hitler griff nur auf, was andere vor ihm - und oft noch drastischer - formulierten. Predigte etwa die Königin davon, behinderten Menschen ein Überleben zu sichern? Ist es nicht eher so, dass ein missgebildeter Fuchs verhungert? Und stärkt dieses Verhungern einer Missbildung nicht die Wohlgeformten? Macht sie erblich gesünder? An all der Gleichmacherei war zu zweifeln, wenn man sich der „grausamen Königin“ unterwarf – und der Politiker der Königin durfte nicht nur zweifeln, er mußte handeln. Bei aller Kritik an den Monotheismen dieser Welt: Im jüdischen, später auch im christlichen Weltbild, schlug sich all diese Rücksichtnahme auf Schwächere, Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit nieder – dem vermeintlichen Grundprinzip des Daseins zum Trotz.

Darin ist die Wurzel der hitleristischen Judenverfolgung zu sehen. Der Jude stand für den Typus Mensch, der seiner Art fremd ist, der abartig ist, weil er laut seinem Glauben, seiner Tradition, dazu ermutigt wurde, nicht rücksichtslos über den Nächsten hinwegzugehen, sondern seine Gesundheit, seinen Reichtum, sein Wissen etc. mit der Gemeinde zu teilen. Er – der Jude - maße sich an, so stellt Hitler fest, die Natur überwinden zu können. Und diese Überwindung der Natur wäre die Voraussetzung der Verwirklichung der Irrlehre der Gleichheit. Im Judentum wie im Christentum ist der Kranke, der Behinderte, der Ausgestoßene – zumindest rein theoretisch, nicht immer praktisch – ebenso ein Kind Gottes. Zwar beschnitt Hitler auch die christlichen Kirchen, hatte seine liebe Mühe mit dem katholischen Glauben, aber in dem Maße Christen verfolgen zu lassen, wie er die Juden verfolgen ließ, konnte er nicht zulassen, sofern er den Rückhalt in der Bevölkerung nicht verlieren wollte. Sich auf die uralte Judenfeindlichkeit Europas berufend, war die Beseitigung der Juden nicht von einem Aufschrei aus dem Volke begleitet – die Juden, so würde man heute sagen, hatten keine Lobby. Hier verdeutlicht sich der Pragmatismus des königlichen Feldherrn: er war pragmatisch genug, die Abartigkeit der Christen, die ja das Schwache ebenso schützten und für liebenswert hielten, zu erdulden. Und noch einen Fall dieser Art von Pragmatismus gab es: Als Hitler im Sinne eugenischer Erblehren die Tötung von Behinderten und Kranken anordnete, machte sich ein Rumoren in der Bevölkerung breit – ein einziges Mal leisteten sich die Deutschen diesen Luxus des „Widerstandes“ -, welches Hitler dazu veranlasste, die Entscheidung sofort rückgängig zu machen. Stattdessen wurden die Unglücklichen nur ausgehungert, nicht mehr totgespritzt. Das zaghafte Paktieren mit den christlichen Kirchen, ebenso wie das Zurücknehmen der Tötung von „erbgeschädigten“ Menschen, dürfte den Programmatiker und Feldherrn der Königin Hitler, gar nicht geschmeckt haben.

Wer das unnatürliche Menschsein ausrottet, wer also humanistisches und mitmenschliches Denken aus der Welt befördert, der hat Anspruch auf das Herrenmenschentum. Für Hitler sollten es die Deutschen sein, die die Menschheit retten. Und da die Ressourcen dieser Erde schon damals knapp waren, mußten natürlich nach Möglichkeit alle in der Hand der Herrenrasse vereinigt werden. Es gehört zum Glück globaler Historie, dass Hitler in geopolitischen Fragen ein Stümper war, mehr Wert auf seinen Rassereinigungswahn legte, als auf die materiellen Notwendigkeiten seines Planes.

Amery fragt, nachdem er die Vorgeschichte und Geschichte des Hitlerismus durchstreift hat, ob denn die Anwendung der Hitlerformel, heute noch denkbar sei. Dazu faßt er die Kriterien zusammen, nach denen sich diese Formel ausrichtet. Es sind drei:
  1. das Bekenntnis zur Geschichte als Naturgeschichte.
  2. die Feststellung, dass es nicht für alle reicht, und
  3. die Übernahme der Verantwortung dafür, wer wie an den knapper werdenden Ressourcen des Planeten und damit an der Zukunft der Menschheit beteiligt werden kann und soll.
Amery erläutert, dass diese drei Kriterien durchaus in vielen Diktaturen in der Dritten Welt angewandt werden, wenn auch beschränkt und ohne globalen Anspruch. Aber ebenso in Europa, so meinte er, würden Tendenzen spürbar, die ein Inkrafttreten der Hitlerformel zumindest wieder realistisch erscheinen lassen. Wenn man erstmal durch Kosten-Nutzen-Denken dazu übergegangen ist, Menschen als gesellschaftlichen Ballast zu deuten, dann ist der scheinwissenschaftliche Anspruch, den Zustand erklären und damit legitimieren zu wollen, nicht mehr weit – dann wird aus dem Ballast eben eine naturgeschichtliche Erscheinung. Alles ganz natürlich und erklärlich.

Es geht dem Autor des Essays nicht darum, die großen und kleinen Abkehren von der Demokratie, wie wir sie heute zahlreich kennen, mit dem allseits beliebten Schrei „Das ist ja Faschismus!“ zu untermalen. (Was historisch auch zweifelhaft ist, denn im italienischen Faschismus fand sich nur ein sehr gemäßigtes Naturdenken; die razza italiana war beispielsweise kein elitärer Zirkel, sondern eine Verschmelzung von Etruskern, Ligurern, Lateinern, Griechen, Langobarden, Normannen, Sarazenen, die alle ihren genetischen Beitrag zur Entstehung der Nation geleistet hatten.) Was er formuliert hat ein gewichtigeres Motiv, zeichnet nicht einzelne Faschisierungen nach, sondern den Grundkonsens einer ganzen Gesellschaft. Er spricht nicht von der Rückkehr des Faschismus, sondern von der Wiederkehr der Hitlerformel, von der Wiederbelebung von Hitlers „grausamer Königin“. Für Amery ist nicht von Bedeutung, ob diese Formel in einer Diktatur oder in einer Demokratie angewandt wird – es bedarf keines Tyrannen, um umzusetzen, was schon lange abgeschlossen schien. Es war sogar die angeblich freie Marktwirtschaft - dieses Sinnbild der Demokratie -, mitsamt ihren globalen Institutionen, die zumindest die Ressourcenfrage im Sinne der Hitlerformel entschied, d.h. die Ressourcen der weißen Herrenrasse in die Hand gab, um über die Zukunft der Menschheit zu entscheiden.

Was Amery in seinem 1998 erschienenen Essay behandelt, wurde in der Öffentlichkeit nur wenig berücksichtigt. Es ist eine tiefe Wunde, die er damit aufriss. Unsere Zeit ist nicht abgekapselt von Hitlers Weltanschauung, sondern ein Produkt derselbigen und immer in Gefahr, sich dieser wieder vollkommen zu unterwerfen. Daher ist die Frage nach der Hitlerformel keine Frage für Historiker, sondern eine höchst aktuelle und damit auch und vorallem eine Frage der Zukunft. Und obwohl diese Gesellschaft gerne so tut, als arbeitet sie die Ereignisse dieser braunen Zeit auf, beschäftigt sie sich doch nur höchst oberflächlich damit. Für den Zeitgeist, der glaubt Aufarbeitungsarbeit zu leisten, ist der Holocaust mal eine Folge hitlerischer Judenphobie, ein andermal eine blutige Entgleisung zur Aneignung jüdischen Besitzes. Was nicht aufgeworfen wird als Frage, was verschwiegen oder gar nicht erst erkannt wird ist, dass Hitler ein Produkt jener Gesellschaft war, die den Scheinwissenschaften der Erblehre und des damaligen Darwinismus unterordnet war. Er war damals kein Anachronismus, wie oft verkündet wurde, und schon gar nicht der unerklärliche Wilde, der in die Zivilisation des 20. Jahrhunderts einbrach – er war logische Konsequenz, war erklärbar durch die damaligen „Wissenschaften“, wenngleich er natürlich seine „Wissenschaftlichkeit“ vulgarisierte.

Und gerade diese Erkenntnis, dass ein Hitler oder eine neue Hitlerformel eben nicht aus dem Nichts herabregnet, sondern direkt aus unserer Mitte entspringen könnte, macht Amerys Essay so wertvoll. Die alte Hitlerformel ist nämlich durchaus auf dem roten Faden der Geschichte liegend, eine neue Hitlerformel wäre es auch – Einbrüche von unerklärlicher Natur, wie man die Zeit von 1933 bis 1945 gerne stilisiert, gibt es nicht. Jede historische Erscheinung, gleichgültig wie brutal und menschenverachtend, hat ein Fundament in der Vergangenheit. Aus dem Nichts entsteht nichts, aus dem was aber vormals gedacht, geschrieben, getan wurde, bauen sich Ereignisse auf. Die ganze Aufarbeitung des Dritten Reiches, wie wir sie heute kennen, ist bedeutungslos, wenn wir so tun, als sei Hitler nur ein Zwischenspiel gewesen, welches sich nicht wiederholen könne und welches nur eine Sonderbarkeit der Geschichte darstelle. Die Hitlerformel wird in dieser Welt aktuell bleiben, auch wenn die Geschichtswissenschaft gerne so tut, als könne sich nicht wiederholen, was schon war. Ressourcenknappheit und sogenannte Ballastexistenzen, werden die Formel immer zumindest latent am Leben erhalten – die Selektionsversuche zeichnen sich schon heute ab, in den Todeszonen dieser Welt ist die Selektion schon offen ausgebrochen. Amery stellt damit folgerichtig fest, dass Hitler Vorläufer war, dass er Antworten gab, die womöglich irgendwann wieder, vielleicht nicht mehr ganz so industriell-mordend, dafür mit menschlichem Antlitz, gegeben werden. Es darf also deshalb nicht verwundern, wenn Amerys Essay wenig Beachtung fand – welcher heutige Machthaber, welcher Politiker und Wirtschaftslenker, will sich als Erbe der Hitlerformel titulieren lassen? Will sich nachsagen lassen, dass sein geistiger Ahnherr Hitler war?

Carl Amery (1922 – 2005) war deutscher Schriftsteller, Umweltaktivist und Mitbegründer der Grünen.

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Sit venia verbo

Freitag, 5. Dezember 2008

"Beim Geldanlegen ist der Mensch von zwei Ängsten getrieben: der Angst es zu verlieren, und der Angst, nicht genug damit zu verdienen."
- John Maynard Keynes -

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Von wegen „höhere Bildung“: Die schöne neue Welt der Hochschulmedien

Montagmorgens, im Uni-Hauptgebäude. Eigentlich wollte ich mir vor der Vorlesung ja nur noch ein belegtes Brötchen in der Mensa abholen. Schon am Eingang kommen mir Studenten mit bunt bedruckten Papiertüten entgegen, und es dauert nicht lange, bis ich ebenfalls eine in die Hand gedrückt bekomme. Diese enthält neben diversen Werbezetteln auch eine Flasche Fanta zero, Gleitgel und eine Unicum-Extraausgabe für Mädchen. Meine männlichen Kommilitonen erwartet in der Wundertüte ihrerseits eine andere, auf die männliche Zielgruppe zugeschnittene, Werbeartikelauswahl (statt Fanta zero z.B. Rasierklingen) und die „Uniking“ für Jungs.

Es handelt sich um die neueste Werbeaktion der „unabhängigen Zeitschrift für Studierende“ aus Bochum. Auf Seite 6 der 25-Jahre-Jubiläumsausgabe fällt mir ein Grußwort unserer Bundeskanzlerin ins Auge. „Meine Glückwünsche zum Verlagsjubiläum verbinde ich mit der Hoffnung, dass sich viele Studentinnen und Studenten von diesem unternehmerischen Geist anstecken lassen“ steht dort, und: „Für sie ist die Ausgangslage zur beruflichen Verwirklichung heute so günstig wie lange nicht mehr.“ Ganz davon abgesehen, dass ich Frau Merkel in dieser letzten Aussage nicht zustimme, hat mich ihre Formulierung stutzig gemacht.

Ist es nun der Sinn und Zweck des Studentendaseins, unternehmerisch zu denken?
Und was genau bedeutet "unternehmerisch" hier; bedeutet es etwa, sich in Zeiten des Bachelor und der Studiengebühren, möglichst mit einem makellosen, geradlinigen Lebenslauf, der neben einer kurzen Studienzeit auch diverse unbezahlte Praktika beinhaltet, an den zukünftigen Arbeitgeber zu verkaufen?
Liest man die „Unicum“, und ähnliche Magazine wie etwa „Audimax“, so bekommt man in der Tat diesen Eindruck vermittelt.

Die Zeiten, in der Studenten so politisiert waren wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe, und stets bereit, für ihre Überzeugungen auf die Barrikaden zu gehen, sind wohl vorbei. Der heutige Durchschnittsstudent ist mehr oder weniger systemkonform, trägt H&M-Kleidung aus Bangladesh, er geht zwischen BWL-Vorlesung und Nebenjob zu Starbucks, um bei einem Coffee to go in der „Unicum“ zu schmökern.
Die Studentenschaft ist somit auch zu einer großen Verbraucherzielgruppe geworden, welche es nun mit Werbung zu bombadieren gilt.
Von den 89 Seiten der November-Unicum Ausgabe sind über 30 mit Werbung bedruckt, der Rest besteht aus Schleichwerbung. So werden, als informative Artikel getarnt, Deutschlands „führende Unternehmen“ vorgestellt und die neuesten Videospiele präsentiert. In einem pseudokritischen Interview antwortet Herr Brachtendorf von der CMA auf die Frage, ob denn die Bioprodukte in Supermärkten auch wirklich ökologisch seien, ganz plakativ „Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin."
Seltsam, da hatte man in den vergangenen Tagen einen ganz anderen Eindruck...
Mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren, die an bundesweit 175 Hochschulen, meist in Kooperation mit den Studentenwerken, kostenlos an die Studenten verteilt werden, versucht der Unicum Verlag Inserenten anzulocken. Was daran denn so außergewöhnlich sei, mag man nun fragen. Werbung gibt es (leider) schließlich überall.

Die Antwort ist, dass diese Art der Manipulation und Meinungsmache nicht nur als informative, „unabhängige Zeitschrift“ getarnt ist, sondern gerade an Hochschulen ganz besonders unangemessen ist.
Erstens: Vertreten die Studentenwerke wirklich die Interessen der Studierenden, wenn sie Unicum und Konsorten verteilen?
Zweitens: Ist es im Interesse der Gesellschaft, dass die Studenten mit solchen Werbezeitschriften eingedeckt werden?
Geht man davon aus, dass das Studium unter anderem der Persönlichkeitsentfaltung dient, dass man auch um der Bildung willen studiert, und dass die nächste Generation deutscher Akademiker mündig und scharfsinnig sein soll, damit sie bestehende Missstände kritisch wahrnehmen und verbessern kann, dann ist es unvertretbar, der Werbeindustrie an den Hochschulen einen derartigen Freiraum zu lassen.
So sieht aber die traurige Realität aus. Fakt ist, dass an den Universitäten hemmungslos geworben wird, und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als schlusszufolgern, dass das oben genannte nicht mehr zutrifft.
Das Studium dient nicht mehr der Bildung, sondern lediglich noch der Ausbildung; es dient nicht dazu, kritische junge Leute zu fördern, sondern dazu, eine Generation konsumwilliger, systemkonformer Arbeitssklaven heranzuzüchten.

Wir Studenten sollen also lernen, um für unsere zukünftigen Arbeitgeber, die wir selbstverständlich in der Unicum nachschlagen können, einen höheren Nutzen zu haben.
Wir sollen lernen, damit wir das Geld, was wir haben oder verdienen, für die richtigen Sachen ausgeben.
Wir sollen lernen, um nicht auf blödsinnige Gedanken zu kommen, wie etwa darauf, das System zu hinterfragen.
Schön, dass wir das einmal geklärt haben.

Dies ist ein Gastbeitrag von Helen V.

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Zur Mittäterschaft gezwungen

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Derzeit ist eine Näherin aus Bangladesh in Deutschland unterwegs, um den Menschen klarzumachen, unter welchen Arbeitsbedingungen jene Hosen produziert werden, die wir hierzulande für kleines Geld in Discountern wie KiK kaufen können. Was sie erklärt, ist für den nur mäßig Interessierten keine Überraschung - es ist das übliche Repertoire an Sauereien, das deutlich macht, wie mörderisch die westliche Sparmentalität ist, die uns eigentlich - wenn es nicht so bequem wäre - dazu ermutigen müßte, den derartigen westlichen Wohlstand auf dem Rücken der Völker der Dritten Welt, umgehend zu unterlassen und zu unterbinden. Doch diese Gesellschaft hört sich an, was die Bengalin zu erzählen hat, dass beispielsweise eine besserverdienende Näherin etwa 45 Euro im Monat verdient, dafür 14 Stunden täglich arbeiten muß und noch nicht einmal den Hauch sozialer Standards gesichert weiß - von der Kinderarbeit, die stillschweigend im Namen des Westens gefördert wird, gar nicht erst zu sprechen -, dreht sich nach dem Zuhören um, denkt mit viel Glück noch weitere zwei Minuten darüber nach und konsumiert dann munter weiter. Hauptsache billig!

Und dennoch muß man einen Großteil der Menschen in Schutz nehmen. Nicht weil sie besonderes Interesse an der Lage der Produktivkräfte hätten, sondern weil sie, selbst wenn sie die Wirkung ihrer mörderischen Schnäppchengier erkennen würden, gar keine andere Möglichkeit hätten, an bezahlbare Konsumartikel zu kommen. Sie sind selbst finanziell derart knapp gehalten, dass sie jeden Euro umdrehen müssen und dazu verurteilt, ihren Bedarf bei Discountern abzudecken, die an der entfesselten Ausbeutung der Dritten Welt beteiligt sind. Selbst die Einsicht, mit dem Billigkauf eine unmoralische Tat zu begehen, kann sie nicht davor bewahren, stets so zu handeln, dass die Maxime ihres Tuns niemals zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Dieses Wissen, die Gewissheit, mit einem solchen Kauf, morbide Arbeits- und Lebensbedingungen zu festigen, sie quasi auch moralisch vor uns selbst zu legitimieren, erschwert dem kritischen Menschen den Alltag. Er muß sich kleiden, muß essen, muß bestimmte Notwendigkeiten konsumieren - aber er muß dafür bezahlen, gleich wieviel er hat, gleich ob er überhaupt hat. Was denen bleibt, die wenig haben, ist nur der Rückgriff auf den unmoralischen Kauf, das Konsumieren von Gütern, die durch Unterdrückung, Ausbeutung, Gängelung entstanden sind - Güter, die blutig sind, die ganze Gesellschaftsstrukturen auf ihrem Gewissen haben. Die Erkenntnis, von solchen Blutgütern abhängig zu sein, drückt auf das Gemüt; läßt einen alle Freude des Alltags wie blanken Zynismus erscheinen. Während wir hier um die Arbeitsbedingungen bei "unseren" Discountern streiten, dann und wann jubelieren, wenn eine Lidl-Filiale es geschafft hat, einen Betriebsrat durchzusetzen, kaufen wir dort Produkte aus den Todeszonen dieser Erde. Natürlich ist das Stärken von menschlicheren Arbeitsbedingungen, auch im Westen, nicht zu verachten, aber es bleibt ein verlogener Akt, wenn wir einen Discounter konsumierend dafür belohnen wollen, weil er beispielsweise in den Medien verkündete, er würde nunmehr höhere Sozialstandards für seine Mitarbeiter anbieten - was ist mit den stillen Mitarbeitern? Mit den Sklavenarbeitern? Mit den Kinderarbeitern in deren Dienste?

Was uns der Besuch der Näherin spürbar macht, ist die bittere Ernüchterung, mit der die Armen dieser Welt gegeneinander ausgespielt werden. Proletarier aller Länder, man läßt Euch nicht vereinen! Man sorgt dafür, dass der Laden der Blutsauger weiterläuft; sorgt dafür, dass die hiesigen Armen dazu genötigt werden, Produkte der Sklavenarbeit zu konsumieren. Produkte, aus der Hand solcher Menschen, die ihnen qua ihres soziales Standes näher stehen, als womöglich der direkte Nachbar von gegenüber. Es ist diese widerliche, nicht zu verhindernde Notwendigkeit, die das Szenario zum ethischen Offenbarungseid werden läßt, die zum Mittäter, zum Komplizen, zum Ja-Sager der Zustände werden lassen. Man zwingt den Menschen die Notwendigkeit der Unmoral auf, tut alles dafür, dass sie sich dieser Unmoral gar nicht erst bewußt sind - aber jene, die erkannt haben, denen der eigene Verstand klarmachte, was die Propaganda nie konnte, müssen mit dem Wissen leben, zum unethischen Handeln gezwungen zu sein, sofern sie leben wollen, wenn sie so leben wollen, dass sie innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft nicht vollends ins Elend hinabrutschen wollen. Was an traurigem Alternativpotenzial dasteht, erinnert an mittelalterliche Puritanerbewegungen, die nichts mehr besitzen, nichts mehr wissen, nicht mehr bewußt im Diesseits leben wollten - der monastische Lebensentwurf als triste Alternative zum "schlecht Gegebenen"?

Der Besuch aus Bangladesh ist weniger einer solchen Aufklärung dienlich, die Menschen der Industrienationen an die Lebenswirklichkeit der Produzierenden heranzuführen, als einer anderen - nämlich der, kenntlich zu machen, dass die Armen dieser Welt gegeneinander ausgespielt werden. Weil den Proletariern aller Ländern nie gelang, was den Ausbeutern aller Länder gelang, stehen sie sich immer wieder als Kontrahenten des Welttheaters gegenüber.

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Anmeldung einer Versammlung

Mittwoch, 3. Dezember 2008

An das
Landratsamt München
Mariahilfplatz 17

81541 München


Anmeldung einer Versammlung unter freiem Himmel


Sehr geehrte Damen und Herren,

mit folgenden Zeilen wollen wir - die BayernLB - eine Versammlung unter freiem Himmel anmelden. Eigentlich soll es sich sogar um mehrere Versammlungen handeln, die sich zeitlich bis ins Jahr 2013 hinziehen könnten.

Wie Sie vielleicht den Medien entnehmen konnten, hat sich vor einigen Wochen die Belegschaft der BayernLB für deren Institutleiter Michael Kemmer stark gemacht. Sie stand wie ein Mann hinter ihm und machte damit der bayerischen Landespolitik deutlich, dass sie nicht über den Verbleib Kemmers zu entscheiden habe, sondern im Gegenteil, nur durch ihn und mit ihm und in ihm die Rettung vollzogen werden kann. Michael Kemmer und all jene, deren Arbeitsplatz an seiner Position festgemacht sind, fühlen sich daher zur Solidarität gegenüber der Belegschaft verpflichtet.

Aus ökonomischen Gründen werden wir vom Arbeitsplatzabbau aber nicht absehen können. Doch was wir machen können und wollen, ist eine Demonstration aller Vorstandsmitglieder - einem symbolischen Akt gleich -, um Herrn Müller oder Frau Meier zum letzten Arbeitstag zu geleiten. Das sind wir denen schuldig, die damals für Herrn Kemmer demonstriert haben. Wir wollen uns ebenso vor die Pforten der BayernLB-Zentrale stellen, Trillerpfeifen benutzen, Plakate hochhalten, Transparente entrollen, Flugblätter an Passanten verteilen, um den Menschen eindringlich klarzumachen, dass nicht wir die Schuldigen der Misere sind. Wir wollen deutlich machen, dass wir schuldlos sind an den notwendig gewordenen Entlassungen, dass dies die Früchte einer Politik sind, die uns regelrecht zur Maßlosigkeit trieb, uns nicht kontrollieren und bändigen wollte. Und, was wir über allem wollen: Wir wollen den Müllers, Meiers, Hubers in unserem Diensten aufzeigen, dass wir solidarisch sind.

Soll noch einer sagen, dass Undank der Welten Lohn ist; soll noch einer sagen, aus unseren Kreisen sei nur Undankbarkeit zu ernten. Wir stellen uns unseren sozialen Aufgaben; wir zeigen, was Solidarität heißt!

Unterzeichnet im Auftrage Michael Kemmers

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Nomen non est omen

Heute: "Populismus"
"Der eine ist links, der andere ist rechts. Aber vergleichbare Populisten sind Lafontaine und Le Pen schon."
- Altkanzler Helmut Schmidt, am 14. September 2008 in der Frankfurter Rundschau -
Populus ist lateinisch für Volk. Der Populismus bezeichnet demnach, neutral definiert, zunächst eine Politik die sich nach den Bedürfnissen des Volkes richtet. Die Gunst und das Wohlwollen der Massen soll durch kreative Rede und geschicktes Handeln erreicht werden. Zudem wird in der populistischen Rede nicht sachlich argumentiert, sondern an Vorurteile und Emotionen angeknüpft. Dieses Schlagwort hat sich im politischen Wettstreit in Deutschland zunehmend zu einem Kampfbegriff entwickelt. Ein immer noch aktuelles Beispiel ist der Linkspartei-Politiker Oskar Lafontaine. Ihm wird unterstellt, er rede dem Volk nach dem Mund, biete aber keine konkreten Lösungen an – er sei eben ein Populist, ein Demagoge. Dabei schlägt Lafontaine sogar sehr häufig konkrete Lösungen vor (Einführung eines Mindestlohns, Erbschaftssteuerreform, Rücknahme von Staatseigentum, Erhöhung des Spitzensteuersatzes usw.), sie sind jedoch nicht dem neoliberalen Zeitgeist geschuldet und deswegen nicht erwünscht. Vielmehr ist der Vorwurf Lafontaine sei ein Populist, selbst schon populistisch, sprich öffentlichkeitswirksam. Kaum eine große Zeitung in Deutschland, hat diesen Vorwurf kritisch hinterfragt, sondern die Bezeichnung des „Populisten Lafontaine“ einfach übernommen. Zudem gehört im Zeitalter der Massenmedien die Fähigkeit zur rhetorischen Rede fast schon zum Handwerkszeugs eines guten Politikers – und das jenseits aller Parteigrenzen hinweg. Ob der CDU-Politiker Roland Koch, der FDP-Politiker Guido Westerwelle, der SPD-Politiker Franz Müntefering oder die Grüne Claudia Roth – sie alle sind populistisch im Sinne des Wortes. Und solange die Reden und Forderungen eines Oskar Lafontaines nicht verfassungsfeindlich sind, ist der Vorwurf des „Populismus“ nur ein Kampfbegriff gegen nicht erwünschte politische Vorstellungen und Alternativen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Film ab!

Dienstag, 2. Dezember 2008

Bald wird Deutschland abgefilmt - ein Deutschland, in dem Unfälle gefilmt werden, inklusive den Opfern versteht sich, in dem Seitensprünge und Liebschaften in bewegende Bilder verwandelt, in dem öffentliches Urinieren und das lasterhafte Leben eines Prominenten auf Film gebannt wird. Es wird das wirkliche, reale, alltägliche Deutschland sein, welches abgebildet wird - so wirklich, real und alltäglich, wie es die BILD-Zeitung eben zuläßt. Denn am 4. Dezember ist es so weit: In 3.000 Lidl-Filialen gibt des die "BILD.de Leserreporter-Kamera" - (über den Preis wollen wir hier nicht sprechen; über den Preis, den die Gesellschaft dafür zu zahlen hat allerdings schon) -, gibt es ein Stück Demokratisierung des Journalismus. Oder das, was man als solche verkaufen möchte.

Mit Kameras, auch gerade mit Kameras, die in Momenten Bilder aufzeichnen, in denen man sich eigentlich unbeobachtet fühlt, hat Lidl freilich Erfahrung. Dieses Know-How will man auch verkaufen - Wissen ist Geld! Der treue Freund an der Seite des Konzerns, die BILD-Zeitung also, die einst den Skandal um Lidl verschwieg, dafür nach Wochen der Lidl-Schelte eine kleine Hofberichterstattung ermöglichte, in der ein Lidl-Oberer sich als Verfechter von hohen Sozialstandards brüsten durfte - dieser Freund ist es, mit dem Lidl sein Produkt an den Mann bringen will. Der Experte braucht den Marktschreier, der Überwacher den Verdummer!

Diekmann und Konsorten geben sich, wie immer, wenn sie den "kleinen Mann" mit ins Boot holen (so wie bei diesem seltsamen BILD-Leserbeirat), bürgernah und demokratisch. Und so tut man eben auch beim mittlerweile schon altbewährten Konzept des Leserreporters so, als wäre die Erweiterung des Angebots, nämlich die Abrufbarkeit delikater Filmchen, ein grunddemokratischer Akt - eine Hinwendung der BILD zu den Lesern, ein Fingerzeig dorthin, wo man ja vorgibt zu sein: auf der Höhe der Menschen, als "Zeitung der kleinen Leute". Aber wie demokratisch es ist, Stasi-Methoden salonfähig zu machen, zudem mit einem Konzern, der solche Stasi-Methoden ungeniert anwandte, wird bei BILD nicht einmal als zulässige Frage angesehen.

Seit Wochen und Monaten ringt die BILD-Zeitung mit einem Komplex - nämlich mit dem DDR-Komplex. Die DDR, so schreibt man immer wieder schubweise - so wie man unter Diekmanns Führung immer schubweise verschiedene Feindbilder niederschreibt; heute Arbeitslose, morgen die LINKE, übermorgen Ausländer und dazwischen eben die DDR -, sei ein Reich des Teufels gewesen. Das diabolisierte Ostdeutschland wird mit mahnendem Zeigefinger neben den braven, unbescholtenen Bruder aus dem Westen gestellt. Alles war ja schlecht in der DDR und die Stasi, so schreiben sich echauffierende BILD-Journalisten von ihrer Seele, sei eine unmenschliche Institution gewesen, die es auf deutschem Boden nicht mehr geben dürfe. Als "Das Leben der Anderen" von Hollywood prämiert wurde, da fragte man, ob denn die dort gezeigten Stasi-Methoden realistisch dargestellt wurden - und natürlich wurde das bestätigt und eigentlich wäre es noch viel schlimmer gewesen. Man gibt solchen Journalisten nicht gerne recht, aber wahrscheinlich haben sie in diesem Falle sogar einmal ins Schwarze getroffen. Die DDR, so wie sie sich als Überwachungsstaat äußerte, war keine Insel der Glückseligen und ist, so sollte man hoffen, nicht reanimierbar.

Ist sie es nicht? Denn aus dem gleichen Hause, aus dem gegen die Staatsicherheit der DDR angeschrieben wird, kommen eben jene Ermunterungen an den "kleinen Mann", sich zum "inoffiziellen Mitarbeiter" der BILD machen zu lassen. Sie sollen filmen und den kurzen Spot an "Deutschlands größte Tageszeitung" übermitteln - filmt und überwacht euer Umfeld! Aber die Stasi, die will man bitteschön nicht mehr haben! Aber woran zeitigte denn die Stasi, wie auch der gesamtdeutsche Vorgänger der GeStaPo, ihren Erfolg? Wem hatte sie diesen zu verdanken? Doch nicht all den Kameras und Abhörwanzen, nicht den Aktenordnern der Bürokratie dieser Polizeistaatlichkeit - dies alles waren doch nur Gegenstände, unflexibles Zeug, das nichts wert gewesen wäre, wenn da nicht eine Masse von Menschen gewesen wäre, die pflichtbewußt Zuträgerdienste vollbrachte. Die Stasi lebte vom "nützlichen Idiot", vom benutzbaren Idioten - und genau zu einem solchen soll der BILD-Leser werden. Während der "nützliche Idiot" aus ostdeutschen Tagen die herrschaftlichen Interessen stützte, soll die heutige Variante den Voyeurismus und die Drittklassigkeit des Mediums BILD aufrechterhalten. Wenn man es aber genau betrachtet, dann fundamentiert der heutige Zuträger, als Bestandteil eines gigantischen Medienapparates, der auf Ablenkung, Vertuschung und Schönredung konzipiert ist, eben auch die Herrschaftsinteressen. Er wird zum aktiven Teil eines Verblödungsgiganten, dem er sich freilich auch passiv unterwirft, unterstützt das Abstumpfen und die Entpolitisierung, wird zum Opfer seiner eigenen repressiven Infantilisierung. So leistet er seinen Hilfsdienst, mittels gezielter Verdummung und vorkalkulierter Vertuschung, von den wahren Problemen abzulenken - er ist zum Bestandteil der Herrschaftsverhältnisse geworden, zu deren Verteidiger.

Aber eine Stasi sei ja kein Ziel mehr, heißt es dann im selbstverständlichsten Ton. Und wenn mal wieder herauskommt, dass ein vierklassiger Prominenter einstmals ein fünftklassiger IM war, dann moralisieren sie wieder, deuteln mit dem Zeigefinger und fragen im Vorwurfston, wie es nur möglich gewesen sei, dass man damals so tief sank. Oder wenn irgendwelche Wahrheitsliebenden glauben, sie müßten eine Einsicht in die Stasi-Akten Helmut Kohls verlangen, dann läuft dessen Trauzeuge - Diekmann - zur Höchstform auf und geißelt die Stasi, die Bespitzler, die Heuchler im Umfeld des Kanzlers. Dass möglicherweise in ferner Zukunft über die "inoffiziellen Mitarbeiter" der BILD-Zeitung der Kopf geschüttelt wird, über diese Medien-Stasi, die das Bespitzeln, Abfilmen und Abhören salonfähig gemacht hat, dass sie die Einsicht im Volk verfestigt hat, dass das Aushorchen zur Normalität des Alltags gehöre, darauf kommt jemand wie Diekmann nicht.

Stattdessen reitet man auf dem Alten und Vergangenen herum, während das neue Übel nebenher installiert wird - unmerklich, aber mit der gleichen kollektiven Aktivierung der "nützlichen Idioten", wie es bisher noch jede Überwachungseinrichtung umgesetzt hat, umsetzen hat müssen, wenn man ein möglichst undurchlässiges Netz schaffen wollte. Denn selbst heute, selbst in Zeiten hochtechnisierter Überwachungsmöglichkeiten, ist immer noch der beste Wachhund der Nachbar, der Kollege, der Passant - der Mensch eben. Nur wenn man ihn aktiviert, wenn man ihm begreiflich macht, dass es bestenfalls ein Kavalierdelikt ist, seinen Nachbarn beim Geschlechtsakt zu filmen, wenn man so tut, als sei der ganze Zirkus um Privatsphäre eine ausufernde Borniertheit eines eigenbrödlerischen Menschenschlags, nur dann kann man Überwachung gewährleisten. Im Medienzeitalter beginnt die Überwachungsmentalität via Zeitungen und Fernsehen - aber wenn das klappt, wird es ausbaubar, wird es für "hehre Ziele" übernommen.

Schäuble könnte sich eine Scheibe davon abschneiden. Er will nur eine höherwertige Technisierung der Überwachung, neue Überwachungsmechanismen, aber er spricht den denunziatorischen Affekt der Menschen nicht an. Er sollte sich mit Diekmann zusammentun, dann klappt es auch wieder mit den guten Seiten der DDR. Es war halt doch nicht alles schlecht im Osten...

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Kampf gegen AIDS - Vom Stereotyp zum Feindbild

Montag, 1. Dezember 2008

Zum heutigen Welt-AIDS-Tag:

Das Unendliche, Grenzenlose, Nicht-Endende ist der direkten menschlichen Erfahrung unzugänglich. Es wird durch eine liegende Acht symbolisiert.


Achtmal bemühte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede beim Empfang anlässlich des 25. Jubiläums der Deutschen AIDS-Hilfe die Metapher des „Kampfes gegen AIDS“.

Frau Dr. Merkel ruft die Politik, die medizinische Forschung, die gesamte Zivilgesellschaft – und somit letztlich jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft auf, sich in die "Phalanx gegen AIDS" einzureihen. Die Phalanx war eine im antiken Griechenland übliche Schlachtformation - eine dicht geschlossene, lineare Kampfformation schwer bewaffneter Infanterie mit mehreren Gliedern.

Mit diesen Worten möchte die Bundeskanzlerin erreichen, dass sich weniger Menschen infizieren und die Krankheit besiegt wird.

Es muss die Frage erlaubt sein, ob diese kriegsmetaphorische Ausdrucksweise der Sache respektive den Menschen mit HIV und AIDS gerecht wird.

Im folgenden deshalb eine kurze Schilderung der gegenwärtigen Situation in Deutschland aus Sicht der betroffenen Patienten:

Falsche Angst vor Ansteckung
Die Zeiten, in denen es noch Unklarheiten über mögliche Ansteckungswege gab, sind vorbei. Jedermann ist sich bewusst, wann er in Gefahr ist und wie er sich wirksam schützen kann.
Daher ist es unverständlich, dass noch im Jahr 2008 die Adressen von Zahnärzten, die Patienten mit einer HIV-Infektion ohne Vorbehalt behandeln, unter den Betroffenen als Geheimtipp gehandelt werden.

Ärztliche Beratung in Gefahr
Die Behandlung ist mit jedem Patienten individuell zu klären. Mögliche Nebenwirkungen und die Lebenssituation des Patienten müssen aufeinander abgestimmt werden.
Daraus ergibt sich ein hoher Aufwand an Beratungszeit. Im Gegensatz zu medizintechnischen Maßnahmen sind diese Gespräche nicht kostendeckend abzurechnen. Aus diesem Grund wurde eine Vereinbarung über eine Sonderziffer zur Abrechnung der Behandlung eingeführt.
In Anbetracht der Wettbewerbssituation, die sich für die Krankenkassen mit der Einführung des Gesundheitsfonds zum 1.1.2009 ergibt, wurde diese Vereinbarung von nahezu allen Krankenkassen für Patienten in Hamburg gekündigt.

Weltweite Einreisebeschränkungen
In mehr als 70 Ländern gelten Einreisebeschränkungen für Menschen mit HIV und Aids, 30 Länder weisen Positive aus. Zu den 30 Ländern, die Menschen alleine wegen ihrer HIV-Infektion kriminalisieren, gehören unter anderem: die russische Föderation, Saudi Arabien, China und die Vereinigten Staaten von Amerika. In Deutschland bestehen in Bayern immer noch Sonderregelungen.

Die genannten Beispiele aus Sicht der Betroffenen zeigen, dass neben der Reduzierung der Neuinfektionen auch die angemessene Versorgung und gesellschaftliche Integration von über 65.000 Menschen mit HIV und AIDS in Deutschland als gemeinsame Ziele zu setzen sind.

Das Motto des ersten Welt-AIDS-Tages 1988 war "Schließt Euch den weltweiten Bemühungen an". Wünschenswert ist, sich heute erneut daran zu erinnern und nicht in Metaphern zu schwelgen, die einer Dämonisierung der Krankheit und damit auch der Kranken Vorschub leisten.

Die Infektion ist für den Betroffenen der Beginn einer endlosen Auseinandersetzung mit seiner Lebenssituation. Er sieht sich einer unüberschaubaren Anzahl von Bedrohungen ausgesetzt. Deshalb ist die grenzenlose Unterstützung durch die gesamte Gesellschaft absolut notwendig.



Dies ist ein Gastbeitrag von Andreas Bemeleit.

Passend hierzu: Die Darlegung des Stereotyps des HIV-Infizierten, wie es der öffentliche Konsens sich zurechtzimmert. Es ist ein schrittweises Auflisten von Ressentiments basierend auf Unwissen, Moralisieren und das miteinbeziehen ökonomischer Faktoren:
  • Im ersten Schritt steht die Sichtbarmachung, die Erkennbarkeit gewährleisten soll.
  • Im zweiten Schritt wird versucht, Aussagen über das Sexualleben der Stigmatisierten zu treffen.
  • Diese Aussagen erlauben, als dritten Schritt, auf die Lasterhaftigkeit des Kranken hinzuweisen.
  • Womit, im vierten Schritt, mittels moralischer Urteile die Betroffenen und ihre Angehörigen als nicht gesellschaftlich konform ausgegrenzt werden.
  • Im fünften Schritt werden ökonomische Aspekte herangezogen. Es wird versucht mit Begriffen wie "Arbeitsausfall", "Betreuungskosten", "Ausgabenflut" etc. zu suggerieren, dass HIV-Infizierte/AIDS-Kranke wirtschaftliche Schädlinge seien, die in der Lage sind, das gesamte erwirtschaftete Potenzial zu verschlingen, das einen Staat und damit die gesamte Gesellschaft am Leben halten soll.
  • Im sechsten Schritt werden die Infizierten und Kranken kriminalisiert, weil ihnen unterstellt wird, ein potentieller Ansteckungsherd für die Allgemeinheit zu sein.
Das Gesamtbild der aufgezeigten Stereotypen führt letztlich zum Schluß, dass HIV-Infizierte/AIDS-Kranke für die Gemeinschaft schlicht gefährlich seien und eine akute Bedrohung darstellten, ganz besonders, weil im Laufe der Erkrankung auch ein Fortschreiten des geistigen Verfalls zu beobachten sei. Gefährlich scheint hier der "ansteckende Mensch", der aufgrund mangelnder Selbstkontrolle zum unkalkulierbaren Risiko wird.

Um den "Kampf gegen AIDS" überhaupt jemals erfolgreich bestreiten zu können, hat zunächst der "Kampf gegen die HIV-Infizierten/AIDS-Kranken" ein Ende zu finden.

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