Nomen non est omen

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Heute: "Sozial schwach/bildungsferne Schichten"
„Angesichts der gestiegenen Energiekosten-Lasten gerade für sozial schwache Menschen werde voraussichtlich ein Bündel von Maßnahmen geschnürt."
- Handelsblatt am 5. Juni 2008 zum Vorhaben der SPD -
"Es scheint für bildungsferne Schichten interessanter zu sein, in etwas zu investieren, was sich lohnt."
- Jörg Dräger, Wissenschaftssenator Hamburgs, bei Spiegel Online am 8. April 2008 -
Um das Wort der Unterschicht und damit ein neues altes Klassendenken zu vermeiden, werden Wortphrasen wie "sozial schwache Menschen" oder "bildungsferne Schichten" bevorzugt. Schließlich gäbe es, laut dem ehemaligen SPD Arbeitsminister Müntefering, in Deutschland keine Unterschichten, sondern nur Menschen, die es schwer haben. Das Schlagwort "sozial schwach" wird als Bezeichnung für Menschen mit wenigen finanziellen Ressourcen verwendet. Da der Begriff jedoch impliziert, dass ein Mensch mit wenig Geld zugleich auch soziale Probleme schürt oder besitzt, wie z.B. Kriminalität, Alkoholkonsum oder mangelnde Kommunikationskompetenzen, ist der Begriff diskriminierend. Einen generellen kausalen Zusammenhang herzustellen, dass wenig Geld gleich wenig Mensch bedeutet, ist menschenverachtend. Ähnlich verhält es sich bei dem verwandten Begriff der bildungsfernen Schichten. Hier werden finanziell schwachen Menschen zugleich unterstellt, sie seien dumm. Bei beiden Begriffen geht es darum finanziell ärmeren Menschen generelle Eigenschaften zuzuweisen ohne sie direkt als arme Menschen oder Unterschicht klassifizieren zu müssen. Sozial schwach sind im eigentlichen Sinne des Wortes eher Menschen, denen das Leid anderer völlig egal ist. Denn sozial bedeutet eben nicht grenzenloser Egoismus und Kosten-Nutzen-Kalkül, sondern Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und Altruismus. Der Begriff der bildungsfernen Schichten würde eher zu vielen Politikern und Unternehmern passen, deren Sinn für Realität völlig verzerrt ist und die offensichtlich sämtlicher Bildung fern geblieben sind.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

7 Kommentare:

ben gunn 22. Oktober 2008 um 10:07  

manueller trackback:

"sozialferne schichten"

http://www.elementarteile.de/?p=2022

Anonym 22. Oktober 2008 um 12:47  

Hallo zusammen,

guter Text, passt haargenau zu den neuen orwellschen Wortschöpfungen in Deutschland. Mein Bundesland: Baden-Württemberg - Stuttgarter Börsenbericht gestern "[...]die Autozubehörteileindustrie im Land muß Freie Mitarbeiter entlassen [...]"

Freie Mitarbeiter in der Autozubehörteileindustrie? Am Fließband in Akkordtempo? Ja, schicken die neuerdings Ärztevertreter, Rechtsänwalte und sonstige Freie Mitarbeiter ans Fließband? Wohl kaum.

Also wer versteckt sich hinter Freie Mitarbeiter hier? Könnten es gar die Leiharbeitsnehmer sein?

Ich vermute es einmal stark, da wegen Niedrigstlöhnen und sonstigen schweinischen Arbeitsbedingungen die vornehme ausgedrückte "Zeitarbeit" wieder "Leiharbeit" genannt werden darf erfindet man halt schnell einen neuen Begriff: "Die Freien Mitarbeiter" in der Autoindustrie bzw. der Autozubehörteileindustrie.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Klaus Baum 22. Oktober 2008 um 18:10  

die neoliberale angeber-clique, die glaubt, sie habe auch die macht über die sprache, irrt, denn sprache hat eine schwer zu bestimmende affinität zur wahrheit, eine eigengesetzlichkeit, so daß in der tat, diejenigen, die arme menschen als sozial schwach bezeichnen, sich als sozial fern erweisen.
es ist wie bei orwell: die begriffe bedeuten genau das gegenteil von dem, was sie besagen sollen. sozial schwach - im sinne einer schwachen leistung - sind die leistungsträger, die ja nichts leisten, sondern die leistung nur tragen.
und was ihr verhältnis zur bildung betrifft, so sind die tonangebenden herrenmenschen wahrhaft bildungsfern, denn bildung ist mehr als nur ökonomisch verwertbares wissen.

Frank 23. Oktober 2008 um 01:07  

Ja nun, ich habe wenig Geld, auch keinen besonderen Schulabschluss. Aber ich behaupte mal einfach polemisch: ich bin nicht mal ein 80tel so gierig und kriminell, wie unsere Eliten - und nicht ein 90tel so doff wie unsere Politkorruptis.

chriwi 23. Oktober 2008 um 08:31  

Wer sich selbst als Elite bezeichnet und so ziemlich alle Menschen die es nicht geschafft haben als bildungsferne, sozial schwache, oder was auch immer Schicht bezeichnen zeigt ganz deutlich was für ein Mensch ist. Es gibt da ein schönes Video über private Bildung in Deutschland. Von klein auf wird den Kindern unserer Besserverdiener eingetrichtert sie sind die Elite. Egal wie intelligent sie sind. Ein Schüler meinte: " Meine Noten sind mittelmäßig, aber ich übernehme Verantwortung also gehöre ich zur Elite." Wenn es danach ging gehören mindestens 40% der Deutschen zur Elite. Die Internatskinder haben auch keinen Grund gesehen warum es andere nicht schaffen. Harte Arbeit die hilft ist das gängige Kredo. Sicher werden sie fleißig sein, aber niemals kann man einen 100m Lauf gewinnen, wenn sein Gegner bei 90m startet. Solches indoktrinieren muss erst mal zerschlagen werden. Gleiche Chancen geschaffen und der Mensch wieder gesehen werden. Schichten und Klassen sind Sammelbegriffe. Da kann man schön Hass drauf projizieren. Sollange sich keiner wehrt geht es gut. Viel zu oft kam das schon vor. Afrikaner wurden Sklaven, weil sie nicht "zivilisiert" waren, Juden, Sinti und Roma. Eine endlose Geschichte und wir schreiben den nächsten Teil.

Anonym 23. Oktober 2008 um 10:19  

@chriwi

Du sagst es, aber den "Elite"predigern ist eigentlich wohl auch nicht bewußt in welch geistiges Fahrwasser die sich begeben, und vor allem warum der Begriff "Elite" in Deutschland lange Zeit einen bitteren Nachgeschmack hatte. Man sollte mal - statt Herr Guido Knopps Geschichtsklitterungen - etwas ehrliches über das NS-System bringen, die sahen sich nämlich als "geistige Elite" an, alle anderen waren "Untermenschen" - am Schlimmsten war die SS was die Verherrlichung des Elite-Begriffes angeht, aber seit 1945 sind nun mal 63 Jahre vergangen und die Enkel der Nazi- und SS-Größen die uns heute größtenteils "regieren" dürfen vergessen nur allzu gerne wer mal die "Elite" in Deutschland stellte. Übrigens mit Enkel meine ich unsere Konzernlenker, die wahre Regierung in Deutschland - Merkel, Münte, Steinbrück und Co. tun doch nur so als würden die regieren, die sind doch nur allzu willfährige Marionetten der selbst ernannten "Eliten" in Deutschland.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

epikur 23. Oktober 2008 um 11:30  

Zum Begriff der Elite als vermeintlicher Gegensatz zur nicht direkt ausgesprochenen Unterschicht bzw. "sozial Schwachen" bzw. "bildungsfernen Schicht" hier und hier!

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