Nomen non est omen

Mittwoch, 13. August 2008

Heute: "Elite"

"Wir brauchen mehr Elite."
- Bundespräsident Horst Köhler beim 50. Geburtstag der Führungsakademie der Bundeswehr -
Ich habe schon von Elite gesprochen, als das andere noch ganz schlimm fanden. Wir brauchen Eliten. Wer sie gezielt fördern will, muss sich um exzellente Bedingungen für exzellente Leute kümmern.“
- Bildungsministerin Annette Schavan in einem Interview vom 22. August 2005 -
Obwohl der Begriff in Deutschland lange verpönt war, da er die Abgrenzung der NS-Elite bzw. der sogenannten Arier zu Juden oder Nicht-Deutschen kennzeichnete, fordert der neoliberale Zeitgeist jetzt wieder Eliten für die Marktgesellschaft. Das Schlagwort der Elite ist ein Beispiel dafür, wie versucht wird einen ehemals negativ besetzten Begriff positiv umzudeuten, um spezifische politische Ziele durchzusetzen. Ein Mitglied einer Elite definiert sich immer in Abgrenzung von der Masse – als ein Mensch der durch seine Qualifikation, seine Einflussmöglichkeiten und sein Vermögen als herausragend, überdurchschnittlich – kurz: als etwas besseres gilt bzw. gelten soll. Hier liegt auch ein Problem des Begriffs, denn er ist in dieser Bedeutung zutiefst undemokratisch. Denn da die Elite in der Regel nur ein erlesener kleiner Kreis ist, wie legitimiert sich die Demokratie dann noch als Herrschaft des Volkes? Ein Staat der von Eliten regiert wird ist im klassischen Sinne eine Autokratie, in ihrer Extremform eine Diktatur – eine Gruppe, eine Herrscherclique oder eine Person die regiert und das Volk außen vor lässt. Eliten herrschen, regieren und entscheiden über die Köpfe der Menschen hinweg und insofern auch nur in ihrem eigenen Interesse. Zudem haben gerade in Deutschland Soziologen (wie z.B. Michael Hartmann) mehrfach nachgewiesen, dass Eliten sich immer selbst rekrutieren. Nur wer den entsprechenden familiären Background hat, wird aufsteigen. Das Gerede von Leistungsgerechtigkeit sowie Leistungs- und Bildungselite sollen suggerieren und rechtfertigen, dass die Eliten ihren Status hart erarbeitet haben. Vetternwirtschaft, "Vitamin B", Vermögen und familiäre Herkunft sollen so in den Hintergrund treten. Gezielte Förderungen für sozial Benachteiligte, mehr Durchlässigkeit und Transparenz beim sozialen Aufstieg sowie Bildung für alle wären ein Schritt in Richtung mehr Demokratie wagen. Der Ruf nach mehr Eliten hingegen ist der Ruf nach weniger Demokratie.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

2 Kommentare:

Roger Beathacker 13. August 2008 um 14:02  

"Das Gerede von Leistungsgerechtigkeit sowie Leistungs- und Bildungselite sollen suggerieren und rechtfertigen, dass die Eliten ihren Status hart erarbeitet haben."

Das ist wahr - aber es ist fast noch schlimmer, denn, wer meint "exzellente Bedingungen für exzellente Leute" schaffen zu muessen, der setzt die "Exzellenz implizit ja schon (als von Natur aus gegeben) voraus. Das grenzt schon fast an alte Vorstellungen von "Gottesgnadentum". Max Weber schrieb in "Wirtschaft und Gesellschaft (Kapitel "Bürokratische Herrschaft") ueber das Beamtentum: "Das Gehalt ist der lohnartigen Abmessung nach der Leistung im Prinzip entzogen, vielmehr "standesgemäß", d.h. nach der Art der Funktionen (dem "Rang") und daneben eventuell nach der Dauer der Dienstzeit bemessen." Dabei hat er aber uebersehen, dass dieses Prinzip mitnischten nur in der Sphaere des Beamtentums gilt (dort tritt es nur mehr oder weniger unverhuellt zu Tage), sondern fuer die Dienst- und Arbeitsverhaeltnisse insgesamt. Man wird nicht fuer seine Leistung (die sich - ausser evtl. anhand der verbrauchten Kalorien - ohnehin nicht wirklich bemessen laesst) "entlohnt", sondern fuer den sozialen Status, den irgendeine X-beliebige Taetigkeit geniesst und die mit dem sozialen Status desjenigen der sie ausuebt aufs Engste verknuepft ist.

Siehe auch. (Klick!)

Markus 14. August 2008 um 23:39  

Die "Eliten" meiden die Demokratie wie der Teufel das Weihwasser. Denn wenn sich die selbsternannten Eliten der Herrschaft des Volkes wirklich unterwerfen würden, wären sie ihre unrechtmäßig angehäuften Privilegien schnell wieder los. Und das darf ja wohl nicht sein!

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