In vino veritas?

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Die Globalisierung ist nicht der neueste Schrei der Weltgeschichte, kein noch nie dagewesenes Ereignis. Dies belegen nicht nur Albrecht Müller und Robert B. Marks nachdrücklich, auch viele Globalisierungskritiker - diese Bezeichnung ist hier irreführend - legen dar, dass die Verstrickungen des Welthandels bereits seit Jahrhunderte andauern. An der mangelnden Einsicht, bei der Globalisierung keinem gänzlich neuem Phänomen gegenüberzustehen, scheitert zudem oftmals das Engagement der organisierten Globalisierungskritik, die Glauben machen will, sie stände einem neugeborenem, plötzlich auftretenden Feind gegenüber. Freilich hat der Welthandel sich beschleunigt, freilich vollziehen sich Prozesse meist nicht mehr schleichend, sondern mit rasender Geschwindigkeit - doch die Welt stand immer schon miteinander im Kontakt, war immer schon handelnd nahegerückt.

Und gerade dieses Nahegerücktsein ist das Hauptargument derer, die Globalisierung schönreden. Sie sprechen nicht vom entfesselten Markt, und schon gar nicht von der entfesselten Habgier - nicht von der Freiheit der Devisen oder der schrankenlosen Profitmaximierung. Sie sprechen von Chancen, von Pluralismus und Vielfalt - davon, dass die Welt näher zusammenrückt, man damit begonnen habe, eine große Weltgemeinschaft zu werden, in der zwar nationale Identitäten bewahrt blieben, aber ein einiges Wirtschaftssystem für den Wohlstand aller Menschen sorge. Und gerade dies sei ja Grundlage jeder friedlichen Welt. Der Kontakt mit Geschäftspartner in fernen Weltgegenden wird aber nicht nur als Chance, sondern eben auch als Neuigkeit der menschlichen Historie verkauft. Das dies bereits seit Jahrhunderten in einem gigantischen Ausmaß der Fall ist, wird strickt verleugnet - denn dann müßt man allerdings fragen, warum der Welthandel als historische Konstante keinen Frieden, keinen Wohlstand, keine glückliche Weltgemeinschaft hervorbrachte, und warum ausgerechnet die Apologeten des heutigen maßlosen Welthandels glauben wollen, eine Gewähr für die Umsetzung dieser hehren Ziele geben zu können.

Uns ist heute selbstverständlich bewußt, dass die Begrifflichkeit "Globalisierung" der Freiheit des Kapitals dient, dass man mit diesem Schlagwort bemächtigt war, einen unvorstellbaren Demokratie- und Sozialabbau zu betreiben, damit ganze Staats- und Gesellschaftsstrukturen ins Taumeln zu versetzen. Aber davon sprechen die Befürworter nicht - sie rufen schwammig formulierte Chancen ins Leben, altbewährte Strukturen folglich.

Und doch erstreckt sich in der sogenannten Globalisierung womöglich eine neue Tendenz, die vielleicht in dieser Form noch nicht Bestandteil einer zusammengerückten Welt war: Es ist der Hang zum Einheitsbrei. Wenn diese Form einer globalisierten Welt etwas bewirkt hat, dann die Angleichung ans Westliche, die Gleichschaltung der Lebensstrukturen. Nicht nur, dass wir versucht sind, das westliche Demokratiemodell in den Teil der Welt zu exportieren, der schwach genug erscheint, sich nicht dagegen wehren zu können. Die Gleichschaltung durchzieht nicht nur das politische Leben, sondern findet Platz in jeder nur erdenklichen Nische des Alltags: Man mästet sich rund um die Welt in Fastfood-Restaurants, die überall dieselben Mahlzeiten, mit exakt denselben Geschmacksempfinden anbieten - egal ob in New York oder Neu-Dehli: der Burger, die Pizza, das Steak schmeckt identisch; man trägt dieselbe Kleidung und hört denselben kommerzialisierten Singsang einer globalisierten Popindustrie; westliche Schönheitsideale schleichen sich ins Leben von Menschen anderer Kulturkreise; Menschen aus Gesellschaften, die noch traditionell und durch Natur ihren Tagesablauf gestalten, werden zum Konsum von für sie oft unnötigen Gebrauchsgütern gezwungen; Ideologien - vornehmlich die herrschende Ideologie der Maßlosigkeit - werden auch dort verbreitet, wo sie dem traditionellem Leitbild der Bevölkerung diametral entgegengesetzt sind - seit Jahrtausenden kommunistisch organisierte Indianerstämme d.h. solche, die kein Privateigentum kennen, werden demnach zu "Kapitalisten" umerzogen. Diese kurze Aneinanderreihung ist beliebig erweiterbar.

So berichtet der in Cannes ausgezeichnete Dokumentarfilm "Mondovino", wie das Weingeschäft dieser Vereinheitlichung des globalen Geschmackes unterworfen wird. Man berichtet vom bekannten Weinkritiker Robert Parker, die Institution schlechthin in seinem Metier, wie er Weine durch seine Kritik erfolgreich werden oder ins Nirvana schicken läßt. Dabei gibt er unumwunden zu, seinen persönlichen Geschmack zum Maßstab zu machen - Kritik ist ja immer subjektiv gefärbt -, womit sämtliche Weine, die die Weinkonzerne gerne erfolgreich sähen so verfälscht werden, dass man damit Parkers geschmackliche Vorliebe abdeckt - Parkerisieren nennt man diesen Vorgang in der Fachwelt. So entstehen auf der ganzen Welt Weine, die ähnlich oder identisch schmecken und keinerlei regionale Würze mehr aufweisen. Der Önologe Michel Rolland, ein Freund Parkers, erklärt rundheraus, dass Spitzenweine mit der heutigen Technik in jedem Teil der Erde produziert werden können. Plötzlich spielen also klimatische Bedingungen, Bodenstruktur und traditionelle Produktionstechniken keine Rolle mehr - stattdessen vereinheitlicht man den Wein und damit die geschmackliche Vorprägung der Weintrinker auf der ganzen Welt.

Natürlich wehren sich Traditionalisten gegen diesen globalisierten Wahnsinn der Weinkonzerne. Durchaus auch erfolgreich, aber natürlich finanziell immer zurücksteckend. Denn wenn der Markt mehr und mehr eine bestimmte Vorstellung vom Weingeschmack entwickelt, dann hat derjenige Weinproduzent, der einen Wein mit einer speziell gefärbten Note, aufgrund Klimas, Bodens und Mineraliengehaltes des Weinberges - "Terroir" nennt man dieses Zusammenspiel, das von den Konzernen als zweitrangiger Faktor der Weinproduktion verklärt wird -, mit Benachteiligungen bzw. mit fehlender Nachfrage zu kämpfen. Was bliebe wäre der Weg zum Einheitswein, die Aufgabe von Tradition und regionaler Identität. Der Winzer müßte sich, wollte er sein Produkt genauso erfolgreich in die Welt hinaustragen wie z.B. der kalifornische Weinkonzern Mondavi, seines Weines entfremden; sich als Schöpfer seines Weines ablösen lassen durch die industrielle Gleichschaltung. Der oft rituelle Akt der Herstellung müßte dann weichen, um einer entfremdeten Produktionsweise Raum zu verleihen. Traditionelle Weinkritiker und Connaisseure berichten immer wieder davon, wie Weine aus einer bestimmten Region plötzlich anders, einheitlicher schmecken, was bei Weinen aus manchen Regionen mit mittelmäßigen Terroir zunächst kein qualitativer Nachteil sein muß. Allerdings werden dann die regionalen Aromen nicht mehr kultiviert, kein aufrichtiger Wein mehr hergestellt, sondern ein Abklatsch eines Spitzenweines - der Profit heiligt die Mittel!

In vino veritas? Mit Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit hat dieser Wein dann nurmehr wenig zu tun...

Der Prozess, der im öffentlichen Diskurs "Globalisierung" genannt wird, ist beileibe mehr als die fadenscheinige Ausrede für Sozial- und Demokratieabbau - sie ist ein Prozess der Gleichmacherei, atomisiert kulturelle Eigenheiten; von der von ihr geförderten Erwartungshaltung, auch individuelle Anpassung von jedem Einzelnen abzufordern, ganz zu Schweigen. Die Globalisierung, wie sie uns deutlich wird, ist ein uniformierender Vorgang - was sich auch an dem Uniformierungswahn der Konzerne ablesen läßt, wenn sie ihre Mitarbeiter dazu zwingen, sich allesamt in einheitlicher Wäsche zu kleiden. Sie bedeutet eben nicht Vielfalt und Pluralismus, wie es ihre hartnäckigsten Befürworter gerne kundtun...

5 Kommentare:

Klaus Baum 15. Oktober 2008 um 13:35  

"Globalisierung" ist meines Erachtens eng verbunden mit der Seefahrt, mit der Eroberung fremder Kontinente, der Verdrängung ihrer Einwohner durch die eindringenden Europäer. Columbus 1492. Die Kolonialisierung. Und noch früher: Die Kreuzzüge nach dem Motto: So weit die Füße tragen.
Ich habe Deinen Beitrag von heute aufgegriffen und ihm einige Gedanken noch hinzugefügt.

Christian Hoffmann 15. Oktober 2008 um 13:43  

Hier würde ein Blick auf das Schaffen des neu gekürten Ökonomie-Nobelpreisträgers weiterhelfen: Der internationale Handel reduziert die weltweite Angebotsvielfalt - er erhöht jedoch die in jedem einzelnen Land erhältliche Vielfalt.
Für die Verbraucher damit also durchaus ein Gewinn.
Stellt sich nur die Frage: Ist weltweite Vielfalt an sich wünschenswert? Und wenn ja, warum?

PS: Natürlich gab es schon immer internationalen Handel (was wohl zeigen dürfte, dass die Menschen hieran schon immer ein Interesse hatten). Was jedoch neu ist, ist die rapide Senkung der Transaktionskosten (insbesondere für Transport und Kommunikation) der letzten Jahrzehnte. Diese verschafft natürlich dem internationalen Handel neuen Schwung - so viel Zeit sollte sein.

Anonym 15. Oktober 2008 um 16:17  

Ich bitte um Beachtung:

http://kritik-und-kunst.blog.de/2008/10/15/freitag-kolleginnen-kollegen-ueberwaeltigender-mehrheit-sog-bankenrettungsplan-zustimmen-fordern-zustimmung-4874755

mfg hartmut

Anonym 15. Oktober 2008 um 20:28  

Anmerkung zu dem, was klaus baum schrieb: "Verbindungen zwischen innerasiatischen Gebieten wie auch zwischen China und Europa hat es seit ältester Zeit, mindestens seit Beginn der Bronzezeit gegeben." Zitiert aus Wikipedia - Seidenstraße.

Aber wie Roberto darlegte: das hat inzwischen eine ganz andere Qualität. Das ist nicht mehr nur Güteraustausch. Inzwischen sollen alle überall mobil und flexibel sein. Alle sollen jederzeit überall zum geringsten Preis verfügbar sein. Alles hat Ware zu sein. Zugegeben: es ist etwas überspitzt formuliert ...

Zur Frage von Christian Hoffmann "Ist weltweite Vielfalt an sich wünschenswert?": Weltweit verfügbare Vielfalt führt zu weltweiter Einfalt. Wenn es an jedem Ort der Welt die gleiche Vielfalt gibt, gibt es keinen Grund mehr in die Welt hinaus zu gehen und neue Erfahrungen zu machen. Die Folge: kulturelle Verarmung.

Anonym 19. Oktober 2008 um 00:01  

Lieber Roberto Roberto de Lapuente,

ich habe mich - nach deiner aufrichtigen und netten Mail - entschieden doch ab und an was zu kommentieren.

Dein Beitrag hat mich bewogen den Film "Mondovino" mal etwas näher anzusehen und ich fand ihn wirklich überzeugend gemacht.

Zuerst denkt man es geht nur um den internationalen Weinanbau, aber wenn man zwischen den Zeilen ließt dann erschließt sich der nähere Sinn des Filmes, den du im Beitrag verraten hast - ein treffende Satire der heutigen Zeit gibt es wohl so noch nicht..soviel sei verraten...

Übrigens, wer sich rein für die Manipulationen der Weinindustriellen an Winzern, der Beratung dieser, und bei der Weinzubereitung, interessiert dem sei der Film "Die Tricks der Weinmacher - Kulturgut oder Industrieprodukt?“ Reportage, 30 Min., Reihe: ARD-exclusiv, Regie: Harold Woetzel, Schnitt: Holger Höbermann, Produktion: SWR, Erstsendung: 8. November 2006 des SWR-Journalisten Thomas Leif empfohlen.

Ich weiß nicht, ob Seehofer sein Reinheitsgebot beim Wein schon umgesetzt hat welches er im Film großspurig versprochen hat, aber der Film bringt es treffend auf den Punkt warum traditionelle Winzer ein Problem mit dem Absatz ihres Weines haben und warum der Discounter-Wein so billig - nicht nur vom Preis her - ist.

Mein Fazit:

Wer so etwas Übles trinkt, dem ist auch nicht mehr zu helfen, da bleibe ich lieber beim selbst hergestellten Wein, da weiß ich wenigstens noch woraus der hergestellt wird - im Gegensatz zum Discounter-Wein, der oft gepanscht bis zum geht nicht mehr ist.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP