Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen

Mittwoch, 7. Mai 2008

Immer dann, wenn eine Branche, wenn eine Gewerkschaft sich entschließt, für höhere Bezüge ihrer Mitglieder in einen Arbeitskampf zu treten, äußern Parteisprecher - und solche, die es gerne wären - ihre Bedenken. Mit besorgter Miene treten sie vor die Kameras und warnen vor einem aus Streik resultierenden Abschwung, vor dem Ärger der betroffenen Kunden und vor den Folgen, die eine höhere Entlohnung mit sich bringen würde. Und selbst wenn nur für die Verbesserung der Arbeitssituation gestreikt wird, kriechen Bedenkenträger aus ihren Löchern, um zur Räson aufzurufen, denn man solle den aktuellen Aufschwung - wo sie den sehen, verraten sie dabei nie - nicht gefährden. Jeder kleine Streik wird von ihnen kommentiert, wird zielgerecht zur "bloßen kommunistischen Aktion" geredet, wie sie nur in einem Gewerkschaftsstaat möglich ist. Dass dabei Deutschland ein streikarmes Land ist, dass nur 4,1 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte Streiktage oder Tage der Aussperrung waren - im Jahre 2006 -, dass nebenher nur ein Land einen geringeren Wert aufweisen kann, wird von den Phantasten, die von sich behaupten, in einem Gewerkschaftsstaat leben zu müssen, einfach unter den Tisch gekehrt - dorthin wo man auch die anderen "ganzen Wahrheiten" hinkehrt. Selbst wenn der Arbeitskampf nur angedroht wird, weil Tarifverhandlungen zu scheitern drohen, dann wird die gesamte Maschinerie des Urteilen und Verurteilens aufgefahren. Ja, alleine schon "maßlose Lohnforderungen", die man am Tisch aushandeln will, stellen einen Angriffspunkt dar.

Als man aber im Öffentlichen Dienst herantrat, höhere Bezüge einzufordern, da war die Stimme der Kritiker ein laues Stimmchen; da wurde nicht posaunt, man lebe in einem Gewerkschaftsstaat. Und selbst die BILD-Zeitung hielt sich vornehm zurück. Freilich, sie äußerte sich zuweilen dazu, aber bot bei weitem nicht das auf, was sie zum Aufbieten im Stande wäre; agierte nur piepsend, nicht brüllend wie in vielen vormaligen Fällen. Überhaupt brüllt Springer nur dann, wenn eine Entscheidung sowieso schon so gut wie getroffen ist. Dann nimmt man die Rolle des kläffenden Dackels hinter dem Gartenzaun ein, der bellt um des Bellens willen, damit aber sowieso keine Wirkung erzielt. Kaum war dann der Tarifabschluss unter Dach und Fach, kommt ans Licht, warum man sich hier nicht den Mund verbrennen wollte: Die Abgeordneten des Bundestages wollen den Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst nutzen, um sich selbst die Diäten zu erhöhen. Dabei beruft man sich auf das Bundesbesoldungs- und versorgungsanpassungsgesetz 2008/2009, welches gewährleistet, dass Erhöhungsstufen im Tarifabschluss des Öffentlichen Dienstes, mit jeweils einjähriger Verspätung auf Abgeordnete übertragen werden können.

Knapp 500 Euro sollen die Abgeordneten so erhalten. Und dies, nachdem man sich bereits vor sechs Monaten die Diäten selbst erhöht hat. Während bei einer Rentenerhöhung - man kann nicht von Erhöhung sprechen; nicht mal von Anpassung - von 1,1 Prozent jammerte, die "Rentner-Republik" beschwor und vom Untergang des nicht finanzierbaren Sozialstaates predigte; nachdem man ALG2-Beziehern fast schon täglich auf die Nase bindet, dass in diesem Land kein Geld mehr für sie zu holen sei, weil die Kassen leer und der Mensch an sich funktionell zu sein hat. Doch das muntere halbjährliche Erhöhen der Diäten scheint immer noch möglich zu sein, die Kassen noch nicht erschöpfend leer. Natürlich führen dann die Herren Bedenkenträger, die in anderer Funktion als Beschwichtiger fungieren, detailiert auf, dass 612 Bundestagsabgeordnete, die höhere Bezüge erlangen, den Staatshaushalt nicht bemerkbar belasten, weil es sich bei der kleinen Gruppe und den relativ zurückhaltenden Erhöhungen um "Peanuts" handelt. Was kann denn jeder einzelne Rentner dafür, wenn es von "seinesgleichen" einige Millionen gibt?

Im Talmud findet sich ein Lehrstück, in dem es heißt, man dürfe Menschen nicht mit Zahlen versehen, dürfe also im Grunde eine Gruppe von z.B. zehn Menschen nicht durchzählen, indem man jedem eine Zahl von eins bis zehn gibt. Menschen zählt man folgendermaßen richtig: Ein Mensch, ein Mensch, ein Mensch... Der Talmud stärkt also in diesem Lehrstück den Individualismus, deutet an, dass nichts von der Gruppengröße abhängig ist, sondern alles vom Einzelnen auszugehen hat. So ist also nicht das Heer an Rentner maßgebend, sondern jeder einzelne von ihnen, jedes einzelne Schicksal. Eine Einstellung, die sich später in die Aufklärung "schlich", dort das Wesen des Individualismus maßgeblich prägte und damit eine vollkommen neue politische und auch soziale Dimension erschuf. Grundsätzlich bezieht sich der moderne Verfassungsstaat auf diese Zählweise, die nicht von eins bis zehn oder von eins bis 82 Millionen durchzählt, sondern nur die Eins kennt - auch wenn dies immer wieder von den Gerichten vergessen oder verdrängt wird. Wer aber seine Bezugserhöhungen damit aufhellen will, die eigene Nichtigkeit hervorzuheben, gleichzeitig die Masse der Anderen verdeutlicht, der wandert - freilich ethisch gesehen - auf schmalem Grat.

Fraglich bleibt, auch wenn diese Herrschaften legitim - im Sinne unserer Verfassung - gewählt sind, welchen Gehorsam man den Entscheidungen unserer Parlamente zu leisten hat. Eine derartig korrupte Gruppe, wie wir sie in den Volksparteien zuhauf finden, kann und darf nicht die Geschicke - oder besser: Ungeschicke - dieses Landes leiten, damit im Namen der hier lebenden Menschen sprechen. Egal wer unter mir die Regierung führt, ich erkenne die Entscheidungen dieser Clique im Bundestag nicht an. Wenn ich denjenigen Verbrecher verachte, der mir an der Straßenecke den Geldbeutel stehlen will, warum soll ich den Verbrechern in Büros und Plenarsälen mehr Sympathie entgegenbringen?

So oder so, die Abgeordneten leben gut im so verachtenswerten Gewerkschaftsstaat...

1 Kommentare:

Markus 14. Mai 2008 um 11:44  

Ist das nicht eine putzige Formulierung "Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen"? Freilich sind mit "Wir alle" meist nur die "einfachen Bürger" gemeint und nicht die "Geldaristokratie".

Hoffentlich "schnallen" es bald wirklich alle, daß mit diesem vorgetäuschten Gemeinschaftsgeist grober Unfug getrieben wird und daß stattdessen dieser Ungeist, der hinter solcher Machenschaften steckt, aus der demokratischen Mitte vertrieben werden sollte.

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