Sprachirritationen

Donnerstag, 15. Mai 2008

"Ella es de la derecha alemana, la misma que apoyó a Hitler y la misma que apoyó el fascismo, ésta es la Cancillería alemana de hoy." Sprach er und trat damit eine Lawine los. Unflätig und politisch inkorrekt nannte man diese Äußerung quer durch den Blätterwald und durchgezappt durch die TV-Landschaft. Was Hugo Chavez am Wochenende über Angela Merkel zum Besten gab, reicherte die öffentliche Diskussion um eine Nichtigkeit mehr an, gab dem Geschehen ein weiteres Ablenkungsmanöver. Was hat er da eigentlich vom Stapel gelassen? - Im Deutschen würde es soviel bedeuten - man kann Sprachen nicht übersetzen, kann nur Bedeutungen wahrnehmen - wie: "Sie ist von der deutschen Rechten, der gleichen, die Hitler unterstützt hat und der gleichen, die den Faschismus unterstützt hat. Das ist die deutsche Kanzlerin von heute."

Davon mag man halten was man will - gelogen oder Geschichte geklittert hat er jedenfalls nicht -, kann es witzig, dreist oder peinlich finden, doch eines kann man nicht: Man kann nicht behaupten, dass Venezuelas Präsident Merkel mit Hitler verglichen hätte! Gerade dies behaupten die deutschen Medien aber unisono. Man hat den Medien der westlichen Industrienationen auch schon im Falle Bin Ladens unterstellt, sie hätten dessen arabische Worte fehlerhaft gedeutet. Man kann sich vorstellen, dass bei einer derart fremdklingenden Sprache, mit all den Schattierungen in der Betonung - Betonungen durch Kehllaute, die ein Kind ab den sechsten Monat verlernt, sofern es nicht ständig mit diesen konfrontiert ist; weswegen Europäer bestimmte Wortklänge nie fehlerfrei zustandebekommen - und dem typisch blumigen Ausdrucksstil, schon mal Verständigungsschwierigkeiten mit sich bringt. Dem Spanischen aber eine so gänzlich andere Bedeutung beizumessen; einer Sprache, die verwandt im Ausdruck, aber auch im Denken ist - Sprachsysteme prägen das Denken außerordentlich, man denke z.B. an die fehlenden Zeitbegrifflichkeiten bei den Hopi-Indianern und deren Unverständnis für zeitliche Abläufe -, ist schier unerklärlich.

Gerade die deutschen Medien, die immer wieder jenen Moment der Chavez-Rede zeigten, in der er angeblich Angela Merkel mit Hitler verglich, erlaubten es dem Spanischkundigen nicht, sich die Stelle des Frevels anzuhören. Man wurde von der sensationsheischenden Off-Stimme abgelenkt, teilweise war sie so laut, dass man vom Orginalton nichts mehr hören konnte. Sollte man wohl auch nicht, denn indem man Chavez mundtot macht, ihm Worte und Absichten in den Mund legt, die er so nie gesagt oder gemeint hatte, lenkt man von der neoimperialen Großmannssucht, von der symbolträchtigen hacendado-Tour ab, die Merkel durch linientreue, d.h. USA-loyale Staaten Südamerikas führt. Sich über die Bestrebungen hinwegsetzend, die Lateinamerika aus den Klauen des "Konsens von Washington" befreien sollen. Damit bekennt die Kanzlerin Farbe, gibt sich als verkappte Anhängerin einer entfesselten Monroe-Doktrin zu erkennen, und spricht sich somit wortlos dafür aus, dass Südamerika weiterhin das Terrain für pervers-neoliberale Wirtschaftsexperimente bleiben muß.

Wer kann es Hugo Chavez da verdenken, dass er sich drastisch und provokativ zu Wort meldet? Wenn er voraussagt, dass ihm die Kanzlerin sagen wird, er solle den Mund halten - Porque no te callas? - und er damit zum Ausdruck bringen will, dass es jene linken Gesinnungsgenossen Lateinamerikas sind, denen die Kanzlerin allesamt gerne das Maul stopfen würde? Dies alles braucht man hierzulande nicht zu wissen. Deshalb wird Chavez zu demjenigen, der die feine Frau Bundeskanzlerin mit dem Wiener Postkartenkünstler in Verbindung bringt. Wird zum Politclown abgestempelt, zum dreisten Agitator, zum Abgesang auf Südamerika - kurz: er wird als Vertreter seines Landes verunmöglicht. Wenn nur alle Länder des Subkontinents den neoliberalen Reformkurs Chiles bestritten hätten, dann wäre für Washington - und für Merkel - die Welt in Ordnung...

3 Kommentare:

alexander 15. Mai 2008 um 10:21  

Nicht zu vergessen die weltweite künstliche Empörung als Ahmadinedschad Israel angeblich "von der Landkarte tilgen" wollte, was heute noch der Aufhänger vieler Konservativer in Diskussionen zur Lage im Nahen Osten ist. Eine bemerkenswerte Analyse dazu kann man ausgerechnet in der Süddeutschen finden, welche sich ansonsten in Fragen seriöser Berichterstattung schon länger auf Talfahrt befindet:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/858/165387/

Ich muss gestehen, dass ich beide Meldungen im ersten Moment für bare Münze genommen habe. Im Falle des iranischen Präsidenten hat sich dieser Irrglaube sogar über mehrere Monate erstreckt und die Verhandlungen über das Atomprogramm in einem völlig verzerrten Licht erscheinen lassen, was sicherlich im Interesse bestimmter Kreise war.

Die aktuellen Reaktionen zeigen eimal mehr, wie wichtig es insbesondere bei vermeintlichen Skandalen ist, der meist - bewusst? - verstümmelten Berichterstattung der großen Nachrichtenagenturen kritisch gegenüberzutreten.

Markus 15. Mai 2008 um 23:24  

An politischer Geschmeidigkeit mangelt es Frau Merkel nicht und auch nicht an fehlendem politischen Feingespür. Man könnte natürlich auch sagen, daß Angela Merkel ihr Mäntelchen stets nach dem politischen Wind hängt, der da gerade weht. Meist weht dieser ja aus US-amerikanischer Richtung.

Hält sich auch Brasilien an den "Washington Consenus" mit seinem sozialistischen Staatspräsidenten Lula da Silva, der aus der Gewerkschaftsbewegung kommt? Oder ist Brasilien einfach nur zu groß, um von der Bundeskanzlerin in ihrem Besuchsprogramm vernachlässigt werden zu können?

Roberto J. De Lapuente 16. Mai 2008 um 10:48  

Vielleicht von beiden Möglichkeiten etwas. Gleichzeitig entfernt sich Lula vom sozialistischen Denken, tritt als Protagonist einer globalen Labourmentalität auf und spricht sich verstärkt für PPP (Public Private Partnership) aus. Private Unternehmen, sicher auch US-amerikanische, die Hand in Hand mit dem Staat "noble, selbstlose Projekte" umsetzen.

Lula hat das Kapital verschreckt, bzw. sein Ruf. Aber seine Politik kommt dem "Washinton Consensus" sehr entgegen. Brasilien bleibt also weiterhin das Versuchslabor der USA.

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