In Kritik gepackte Kritiklosigkeit

Freitag, 23. Mai 2008

Kritik an den Abläufen innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftswesens ist eingestuft als unheiliger Frevel. Dies verwundert umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass es eben Kritik ist, die im Inneren der Unternehmens- und Konzerngesellschaft geradezu gefordert wird. Die dort als Meeting oder Mitarbeitergespräch benannte Prozedur, in der jeder seine Meinung kundtun und Kritik üben darf - ja geradewegs muß - ist die in Form gegossene, institutionalisierte Weise des Kritisierens. Inmitten fest abgesteckter Grenzen innerhalb des Gefüges der kapitalistischen Produktions- und Dienstleistungsweise, um zur Verbesserung von Effizienz und Produktivität, von Rationalisierung und Gewinnmaximierung beizutragen, ist Kritik ein begehrtes und gewolltes Gut für jene, die sich vom Fetisch ewiger Profitmaximierungen ernähren. Für die Arbeitnehmer wird dies Theaterstück der kritischen Teilhabe aufgeführt, das weismachen will, dass man nicht nur Rädchen im Getriebe eines gigantischen Produktions- und Konsumapparates ist, sondern mitwirkender Teilhaber an den profitablen Errungenschaften dieser Gesellschaft. Da diese Kritik also eine Form des Aushorchens von Mitarbeitern ist, um die eigenen Abläufe innerhalb des Unternehmens zu straffen und zu verschnellern, die Profitmaximierung an jedem Handgriff des Produktionshergangs kenntlich zu machen, bedarf es keiner Destruktivität, sondern einer konkreten Ansage seitens der Mitarbeiterschaft. Die unsichtbaren Regeln des Unternehmertums gebieten es, dass er seine Kritik an einen Verbesserungsvorschlag bindet, d.h. dass er nicht nur kundtun darf, dass z.B. der Arbeitsablauf des Einschraubens zu viel Zeit koste, sondern er muss konkretisieren, wie er sich vorstellt, diesen Arbeitsgang weniger zeitintensiv zu realisieren. Kurz: Man verlangt von den Mitarbeitern entweder Stillschweigen oder konstruktive Kritik. Kritik um der Kritik willen - destruktive Kritik - gilt als Verstoß gegen eine unsichtbare Charta, die das Unternehmertum seinen Angestellten auferlegt hat.

Dieses absolute Festhalten an Konstruktivkritik zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche des Gemeinwesens kapitalistischer Prägung. Versucht eine politische Partei die Fehlerhaftigkeit einer Grundposition der anderen Partei zu beweisen, rechtfertigt sich die kritisierte Seite meist damit, dass der Kritiker zunächst einmal aufzeigen müsse, wie man es besser machen könne; er soll also konstruktive Kritik üben, nicht einfach die Fehlerhaftigkeit der Position zum Gegenstand der Kritik machen. Die Negation eines Zustandes alleine, reiche nicht aus, um gegen ebendiesen vorzugehen; an die Negation ist eine Idee, eine neue Vorstellung, eben eine Konstruktion im Geiste zu ketten. Erst dann - und nur dann - wird die Negation dessen, was einem übel aufstößt, zur Kenntnis genommen und als ernsthafter Versuch von Kritik akzeptiert. Besonders gravierend äußert sich der Hang zur konstruktiven Kritik, wenn man das System als Ganzes anzweifelt, die Zustände des Kapitalismus, wie er sich in purer Menschenverachtung und Verwurstung der menschlichen Arbeitsenergie äußert, zum Gegenstand einer Fundamentalkritik macht, die zunächst nur das "schlecht Gegebene" negiert, angreift, für fehlerhaft erklärt. Tritt der Systemkritiker auf, läßt sein gesamtes Repertoire an Kritik zur Geltung kommen, so wird er kurz darauf aufgrund seiner Destruktivität für irrational erklärt, zum Tagträumer stilisiert, der zwar in vielen Punkten der angemahnten systemimmanenten Ungerechtigkeiten durchaus richtig liegt, aber doch keine Alternative anbieten kann, weshalb er nicht ernstzunehmen sei. So ein Zeitgenosse, heißt es dann, jammere eigentlich mehr, als dass er kritisiere.

Die Treue zur Konstruktivkritik bewirkt, dass negierende Kritik verächtlich gemacht wird. Wer keine Vorschläge zur Verbesserung anzubieten hat, der solle lieber schweigen. Das strikte Pochen darauf, Negationen an Alternativen zu binden, gleicht einer Mundtotmacherei, die Menschen dazu animiert, erst gar nicht zur Kritik animiert zu werden. Nebenbei werden jene belächelt, die mit den uralten Ideen ihrer dogmatischen Lehrer auftreten, weil sie noch im Klassenkampf ausharren, der ja angeblich selbst schon in die Geschichte eingegangen ist. Dazu Herbert Marcuse: "Hier zeigt die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede ihre ideologische Funktion. Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen." -
Dabei ist es belanglos, ob die uralten Dogmas jener besser oder schlechter sind, als die Dogmatik der herrschenden Zustände. Wichtig ist dabei: Die herrschenden Kreise legen fest, welche Alternativen, die man an die Negation, d.h. Kritik kettet, respektabel sind und welche nicht. In der Liebe zur Konstruktivkritik kommt zudem etwas zur Geltung, was ebenso "der Erhaltung des Bestehenden" dienlich ist. Indem man Massen von Menschen entmutigt, sich kritisierend zu äußern, auch dann, wenn sie keine alternativen Vorschläge machen können, entmündigt man sie ihres Feingefühls für Ungerechtigkeiten allerlei Art und degradiert sie zu stummen Funktionsträgern dieser Gesellschaft, die ihre zugeteilte Aufgabe erfüllen sollen, ohne sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

Man kann Zustände und Vorgehensweisen für grundsätzlich falsch einstufen, aber dennoch keinen Lösungsweg ersonnen haben. Negation setzt keine Schaffung neuer Utopie voraus, ist aber nicht selten der Vorbote neuer Ideen, die sich aber erst dann einstellen, wenn zunächst gründlich negiert und aufgehoben wurde. Bakunin: "Die Lust der Zerstörung ist gleichzeitig eine schaffende Lust." - Was Bakunin nicht ordentlich betonte: Zuerst zerstört, d.h. kritisiert man die Fehler und Falschheiten eines Objekts. Wenn dies geschehen ist, stellt sich eine schaffende Lust ein, die Neues auf den Ruinen des Widerlegten erbaut. Niemals aber kann beides Hand in Hand zur gleichen Zeit geschehen. Dadurch aber, dass man in dieser Gesellschaft so tut, als habe jede Kritik auch eine neue Konstruktion mit sich zu bringen, kanalisiert man den Willen zur Kritik von Millionen von Menschen, setzt diesen Willen mit Gejammere gleich, welches destruktiv ist, die Wirtschaft lähmt, den Absatz behindere usw. Doch auch Menschen, die nicht wissen, wie man es besser machen könnte, erkennen zuweilen, dass das herrschende Prinzip falsch ist. Doch wenn man ihnen das Aussprechen dieser erkannten Gewißheit damit verunmöglicht, sie zu Jammerlappen ohne bessere Vorschläge zu stilisieren, erstickt man deren Kritikwillen im Keime, läßt sie zur schweigenden Masse verklumpen, die zwar innerlich Falschheiten wahrnehmen, aber aufgrund des eingeimpften Prinzips der Konstruktivkritik, lieber im Schweigen verweilen, um durch ihr ethisches Feingespür und durch das Aufbegehren ihres Gewissens nicht das System zu lähmen, welches ihnen täglich begreifbar machen will, dass es keine Alternativen gibt - schon gar nicht, wenn man nur negiert, ohne Verbesserungen zu reichen, die realisierbar sind. Realisierbar im Sinne der herrschenden Auffassung von Realisierbarkeit! Somit ist selbst jede konstruktive Kritik - gemessen an dieser Auffassung - eine in Kritik gepackte Kritiklosigkeit, ein stumpfes Schwert, denn realisierbar ist niemals, was die Masse an ökonomischer Teilhabe sich erkämpfen will, sondern nur dasjenige, was die ökonomischen Herrscher kulanterweise an Teilhabe anbieten. In Gefilden der Systemkritik spielt es also folglich keine Rolle mehr, ob man konstruktiv kritisiert oder Destruktivität walten läßt - beide sind zum Scheitern verurteilt. Doch nur die zweite Variante bietet einen sofortigen Maulkorb, macht den Kritiker umgehend unmöglich.

Man darf sich aber nicht entmutigen lassen, muß Kritisierbares auch kritisieren. Lösungen stellen sich niemals aufgrund ausgetüftelter Planungen ein, sondern sind Folge einer Zerstörung. Erst Negation, dann folgt was folgen muss oder kann! Daher ist die Negation ohne Alternativansätze keine stumpfe Waffe, kein Jammern ohne Ausweg, sondern der Vorbote für Neues, der Ansatzpunkt zur Schaffung neuer Denkmuster.

6 Kommentare:

Roger Beathacker 23. Mai 2008 um 14:26  

Und nicht vergessen:

So wie alles Konstruktive eine destruktive Seite aufweist (wenn man Bretter haben will, muss man erst einen Baum zersaegen), so enthaelt auch alle Destruktion immer schon ein konstruktives Moment und folglich gibt es auch eine konstruktive Seite, wenn man "nur" "die Wirtschaft lähmt [oder] den Absatz behinder[t]", weil z.B. Waelder erhalten bleiben, wenn Bretter sich nicht absetzen lassen.

Zur Affirmation des Bestehenden: Wie heisst es doch so schoen?

"Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt."

alexander 24. Mai 2008 um 01:26  

Alle Achtung Roberto. Du weißt wieder einmal schön in Worte zu fassen, was einem selbst auf der Seele brennt, aber nicht annähernd so elegant artikuliert werden kann. Weiter so.

Roberto J. De Lapuente 25. Mai 2008 um 21:35  

Lieber Alexander,

vielen Dank für dieses Lob. Dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, als habe ich noch nicht wahrhaft zum Ausdruck gebracht, was mich umtreibt. Das "weiter so" muntert mich auf...

Markus 26. Mai 2008 um 00:43  

Den Beifallsstürmen werde ich mich selbstverständlich nicht anschließen - das würde die ganze Angelegenheit einfach zu langweilig machen. Damit bin ich doch nicht etwa destruktiv?

Man kann die in der Tat ritualisierte kritiklose Kritik der Mitarbeitergespräche in den Unternehmen aber nicht mit einer möglichen fundamentalen Gesellschaftskritik auf eine Stufe stellen und vergleichen.

Daß man von dem euphemistisch so genannten "Mitarbeiter", der in Wahrheit meist nur ein abhängiger Untergebener ist, nicht wirklich offene Worte und ehrliche Kritik erwarten kann und dies natürlich auch nicht erwartet wird, dürfte klar und einsichtig sein. Es geht bei dieser Form von "konstruktiver" Kritik eben mehr um eine Selbstbeteiligung des "unternehmerischen Arbeitnehmers" an der Profitmacherei und mithin auch der Selbstausbeutung und derer von anderen. Das "eigene" Unternehmen und das auf Gewinnerwirtschaftung programmierte kapitalistische Wirtschaftssystem bleiben dabei von fast jeglicher Kritik im eigentlichen Wortsinne ausgespart.

"Konstruktive" Kritik müßte hier zunächst nicht weniger als "destruktive" Kritik sein, die das Gesamtproblem offen und ehrlich ansprechen kann und darf. Das wird in den Unternehmen derzeit kaum möglich sein. Aber in der Gesellschaft dürften noch gewisse Räume für "konstruktive Destruktivität" vorhanden sein (wie z.B. dieser Webblog beweist).

Die unangepaßten Systemkritiker müssen sich bei einer zweiten Welle von Kritik aber fragen lassen, was nach dem Ende des "Ancien Regimes" kommen wird, wenn alle systemstabilisierenden Grundpfeiler eingestürzt sind, ohne daß sich ein tragfähiges Alternativprogramm bereits aufdrängt. So könnte in der Folge ein Übel durch ein anderes ersetzt werden. Napoleon hat die Welt nach dem Chaos der Französischen Revolution auch nicht besser gemacht.

Eine neu einzufordernde "Kultur der Kritik" darf sich in ihrer unerläßlichen, das Alte und Bestehende angreifenden Destruktivität nicht selbst mit hinfortreißen in einen Zustand eines gesellschaftlichen Nirwanas, das letztlich niemandem hilft.

Roberto J. De Lapuente 26. Mai 2008 um 08:18  

Lieber Markus,

natürlich ist mir bewußt, weshalb "Mitarbeiter" zum Gespräch gebeten werden. Ich schrieb es aber nicht, weil ich davon ausging, dass jedem sofort einleuchten müsse, warum man diesen Zirkus veranstaltet. Dennoch bleibt die - wenn man so will: naive - Frage im Raum stehen, weshalb man dann die schonungslose Kritik dieser "Mitarbeiter" nicht gerne hat.

Sicher, man argumentiert, dass die "Mitarbeiter" Angst hätten, ihren Arbeitsplatz damit zu gefährden. Mag sein - stimmt sicherlich sogar. Aber ich halte es mit Sartre, der einmal fragte, was einen Juden eigentlich davor abhält, in einen Laden zu gehen, der an der Tür ein Schild angeschlagen hat: "Juden ist der Zutritt verboten"? - Faktisch nichts! Aber freilich muss man die Konsequenzen bedenken. Man macht es sich aber einfach, sofort festzustellen, dass ein Aufbegehren nichts bringt, weil man Konsequenzen zu fürchten habe. Nein, man hat die freie Wahl, egal was es kostet...

Ich habe mich auch nicht gegen konstruktive Kritik gewehrt, aber ganz klar festgehalten: Erst kommt die destruktive Kritik, das Zerschlagen und Zerstören (ich meine das auf geistiger Ebene), das sich Klarwerden und das Formulieren dieser neuen Erkenntnis. Konstruktion folgt irgendwann von alleine. Wenn aber Eliten in Wirtschaft und Politik das "So wollen wir es nicht mehr" der Bürger damit abtun, dass das zu destruktiv gefordert wäre, man doch bitte Gegenvorschläge und -entwürfe machen solle, dann dient dies Hindeuten auf Konstruktion einzig und alleine der Mundtotmacherei. Zumal gerade Eliten die Aufgabe hätten, die Destruktivität der Massen in Konstruktion zu gießen. Es ist nicht Hauptaufgabe derer, die sich in Kritik üben, einen besseren Entwurf zu ersinnen. Wer das vom kritisierenden Volk fordert, setzt Unmündigkeit in die Tat um. Diese Kreise von Mundtotmachern suchen nicht einmal den Dialog mit denen, die destruktiv kritisieren.

Markus 27. Mai 2008 um 00:21  

Lieber Roberto,

wenn die Eliten der Gesellschaft und vornehmlich die gewählten Volksvertreter der von den Menschen in der einen oder anderen Form geäußerten Kritik nicht mehr Gehör schenken und "machen, was sie wollen", dann stimmt etwas nicht mit dieser Demokratie. Die Versuche der Umdeutung und damit der faktischen Negierung der "Volksherrschaft" nehmen ja deutlich spürbar zu.

Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß ein "Mundtotmachen" mit Dialogverweigerung und Kommunikationsabbruch nicht nur die "destruktiven" Kritiker betrifft.

Eine ebenfalls bereits zu beobachtende Folge davon ist, daß nicht für Ernst genommene Kritik auf verbaler Ebene irgendwann auch in handfester Zerstörungswut zum Ausdruck kommen kann.

Daß nach der anfänglichen negativen Kritik die positive Konstruktion "irgendwann von allein" folgt, erscheint mir aber zu sorglos und überoptimistisch zu sein. Die "Mundtotmacher" würden wohl von fahrlässig sprechen. Auch daß jeder die freie Wahl habe, "egal was es kostet" wirkt eher wie eine philosophische Spitzfindigkeit denn als eine zu Ende gedachte "kritische Kritik".

Hat nicht auch der neoliberale Theoretiker Friedrich August v. Hayek sinngemäß davon gesprochen, daß jeder die freie Wahl habe, sich bei einem Arbeitgeber (die heutzutage vielfach mehr Arbeitswegnehmer sind) unter schlechten Voraussetzungen zu verdingen oder aus "freier Entscheidung" heraus zu verhungern? Freilich wirkt der Neoliberalismus nach dem Prinzip "divide et impera", "Teile und herrsche", indem er die Menschen in eine vereinzelnde Scheinfreiheit entläßt und sie im weiteren ihrem nur allzu wenig selbst steuerbaren "Markt-Schicksal" überläßt. Vielleicht sollte konstruktive Kritik da ansetzen.

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