De dicto

Mittwoch, 21. Mai 2008

"Arm sein heißt in Deutschland, nicht nach Mallorca zu fliegen, billiges Brot bei Lidl, Kaiser’s, Aldi zu kaufen. Jeder wirklich Arme in der Dritten Welt wünscht sich das Luxusleben der armen Deutschen. Wir armen Deutsche haben kein Geld für Konzertkarten, Kino-Tickets, Schulausflüge für unsere Kinder bzw. Schwimmkurse für Babys. Die armen Deutschen haben alle ein Dach über dem Kopf. Sie verhungern nicht, sie verdursten nicht. Ihr seid die reichsten Armen der Welt. Jeder Zahnarzt behandelt eure faulen Zähne. Wenn es kalt wird, macht ihr einfach die Heizung auf."
- BILD-Zeitung, Franz Josef Wagner am 20. Mai 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Franz Josef Wagner berichtet aus dem Leben jener die arm sind. In einem Zapp-Bericht aus dem Jahre 2006, wird Wagners Lebensstil dokumentiert, womit erklärbar wird, warum er ausgewiesener Experte in Sachen Armut ist. Dort erhält er einen Dienstwagen, weil sein "Alter schon sieben Jahre auf dem Buckel hatte", zeigt seine Speiselokalitäten und gibt ungewollt zu, dass er nicht einmal den Eingang des Springer-Gebäudes kennt, weil er seine "Artikel" zuhause verfaßt. Ja, man sieht sofort, dieser Mann hat jegliches Recht, das Leben der Armen zu beschreiben - er ist Experte, weil er selbst so wenig besitzt, sich so wenig leisten kann. Derart in Armut verstrickt, muß man ihm die Berechtigung sich dazu zu äußern, geradezu aufdrängen.

Für Kulturveranstaltungen ist wahrlich kaum Geld im Regelsatz einberechnet - keine 38 Euro im Monat. Freilich sind diese 38 Euro anders verplant, nicht selten um Altlasten zu begleichen. Jemand der in Deutschland arm ist, hat kaum Interesse an Kulturveranstaltungen, weil er es sich erstens, nicht leisten kann, und zweitens, er sozial geächtet ist und sich bei einer Veranstaltung mit sozial Geachteten fehl am Platze fühlt. Wagners zynische Ausführungen, dass Deutschlands Arme im Grunde Jammerlappen seien, weil sie sich den Schulausflug ihrer Kinder nicht leisten können, grenzt an Menschenverachtung. Er ruft ihnen zu, dass sie ein Dach über den Kopf haben, es warm haben, nicht verhungern müssen - Grundbedürfnisse werden gestillt (wobei das auch nicht immer zutrifft), daher sei ein verpaßter, weil unbezahlbarer Schulausflug zu ertragen. Und damit wirft er bereits Kinder in den Mechanismus der sozialen Ausgrenzung und Ächtung, zeigt diesen kleinen Wesen auf, welch geringen Wert sie in einer Gesellschaft haben müssen, die sich an der Schwere des Geldbeutels definiert. Innerhalb dieser wird selbst ein Schulausflug zur Selektion zwischen reich und arm. Nachher sind es Menschen wie Wagner, die über den "Abschaum in den Vorstädten" hetzen, die von "Kärcherisierung zur Internierung" schreiten, um den "vom Elternhaus verpfuschten Nachwuchs" zu bändigen. Dann heißt es, dass der Staat alles getan habe, um aus diesen jungen Menschen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu machen - einer Gesellschaft, die von Anfang an klargemacht hat, dass sie diese Menschen, die aus Armut kommen, gar nicht gleichberechtigt behandelt wissen will, um sie dem Druck des freien Marktes auszuliefern.

Es ist die übliche Aufwiegelung von Armen gegen Arme, von Wehrlosigkeit gegen Machtlosigkeit, das immergleiche divide et impera. Da werden deutsche Arme mit Armen in der Dritten Welt - an deren Leid wir gleichermaßen schuldig sind - in einen Wettbewerb gestellt, in Relation gesetzt und gegeneinander ausgespielt. So erfüllt der arme Afrikaner eine wichtige Aufgabe in dieser, unserer Gesellschaft. Er wird als Druckmittel benutzt, als Mahnmal, wie es schlimmer sein könnte, als vorschwebende Gewißheit, dass die eigene Armut hierzulande eine erträgliche Form des "Ganz unten" ist - zumindest im Vergleich mit der afrikanischen Armut. Wagner gießt den Irrsinn dieser Gesellschaft in Worte, vielmehr: er zeigt sich als spießbürgerlicher Verfechter dieses Irrsinns, der volle Lebensmittel- und Konsumgüterregale kennt, Rekordgewinne der Unternehmen mit sich bringt, sich an jeder Ecke in Kommerz und Handel äußert, aber gleichermaßen Menschen innerhalb dieser Besitzes- und Einkaufswelt, an den Rand stellt und sie nicht derart ausstattet, dass sie am gesamten Kreislauf dieses Irrsinns - das ewige Wachstum und die Fortschrittsgläubigkeit bliebe auch Irrsinn, wenn alle daran teilhaben würden - teilhaben können.

Die von uns verschuldete Armut in der Dritten Welt ist kein Gradmesser, mit dem die hiesige Armut relativiert werden könnte. Einerseits ist sie aufgrund der industriellen Nichtigkeit unmöglich ein Vergleichsmaßstab und kommt damit den berühmten Birnen und Äpfeln gleich, andererseits ist es im höchsten Maße dekadent, die von uns forcierte Armut in der Dritten Welt auch noch dahingehend auszubeuten, sie als Negativbeispiel unseren Armen unter die Nase zu reiben. Nicht das Ausspielen der Armen dieser Welt ist von Belang, nicht dem bösartigen und nichtwissenden Gekeife eines Spießers wie Wagner ist demnach Folge zu leisten, sondern die Beseitigung jeglicher Armut, egal in welchen Gefilden, muß Ziel einer Weltgesellschaft sein, die in Reichtum schwimmt, die produziert und konsumiert, die für jeden Weltbürger Teilhabe bieten könnte, sofern sie sich nur dazu entschlösse. Die Armen unserer Gesellschaft haben letztendlich mehr mit den ausgebeuteten Verelendeten in der Dritten Welt gemein, als mit ihren eigenen Gesellschaftsgenossen oder Landsmännern. Nur weil mein Ausbeuter die gleiche Sprache spricht, nur weil er die gleichen Feiertage zelebriert und dieselben Fernsehsendungen bevorzugt, steht er mir noch lange nicht näher, als ein Schwarzafrikaner, den täglich die gleiche Sorte von Ausbeuter zum Aderlaß treibt wie mich. Wagner greift dies alles von der falschen Richtung her auf, bringt aber dennoch zusammen, was zusammengehört: Armut mit Armut - ihr Armen und Verelendeten aller Länder vereinigt euch!

2 Kommentare:

Roger Beathacker 21. Mai 2008 um 17:25  

Eigentlich wollte ich dazu hier etwas sagen, habe mich dann aber doch zu einem eigenen kurzen Artikel hinreissen lassen. Danke aber fuer die Anregung.

;-)

feydab 21. Mai 2008 um 23:09  

Ich hatte schon am Montag dazu in meinem Blog etwas geschrieben, was auch Herrn Wagner offensichtlich (mal wieder) in entfallen ist. Die Sicherung von Grundbedürfnissen ist keine Gnade sondern schlichte Verpflichtung unserer Gesellschaft (Vgl. Art1 GG) Jegliche Relativierung ist nur Ausdruck für die Verachtung der Werte unserer Verfassung.

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