Unternehmen brauchen keine Charakterschulung

Montag, 8. April 2013

Der Boykottaufruf als Bestätigung des Mantras, wonach der Markt moralisch sei.

Der Hype um Amazons Betriebspraxis ist abgeebbt. So berechtigt die Kritik gewesen ist, so enthüllend war sie gleichzeitig. Denn die Kritiker haben illustriert, dass sie die Handlungen der Akteure des Finanzkapitalismus immer noch als Charakter- nicht als Systementscheidungen betrachten.

Man muss die Betriebspraxis, die bei Amazon offenbar wurde, durchaus als unethisch einordnen. Sie ist es aber nicht ausschließlich und vielleicht am wenigsten von jenem Unternehmen selbst, sondern als Produkt der Möglichkeiten anzusehen, die politisch geschaffen wurden. Ein starkes Niedriglohnsegment, das mit Menschen aufgestockt werden kann, die die Freizügigkeit des vereinten Kontinents genießen dürfen und letztlich aus Not heraus schier zu Leibeigenen herabgewürdigt werden können, kann man nur zum Teil Amazon anlasten. Als Unternehmen, das ist einer deregulierten Marktwirtschaft wirken möchte, wäre es aus betriebswirtschaftlicher Sicht wahrscheinlich unethisch, nicht dergestalt unethisch zu sein.

Im Nachgang läßt sich sagen, dass Boykottaufruf und Shitstorm, Empörung und Zorn zwar nachvollziehbar sind, gleichzeitig aber auf eine Vereinzelung dieses Phänomens abzielen. Man hat Amazons Geschäftsgebaren zu einer Charakterangelegenheit modifiziert, obgleich sie eine Systemangelegenheit ist. Diese Vergröberung des Umstandes spielt einem Theorem wirkungsvoll zu, dass zugleich von den Kritikern solcher unwürdigen Arbeitsgelegenheiten immer wieder als Phantasterei abgetan wird: Der Theorie moralischer Märkte.

Ein moralingetränkter Aufruf zur Wut suggeriert, dass man mit moralischer Argumentation die Akteure der Wirtschaft überzeugen könnte. Der Markt ist insofern moralisch konditioniert, weil seine Akteure für moralische Appelle offen zu sein scheinen. Negiert wird hierbei, dass es diese Ausbeutungsmöglichkeiten legal gibt - der Beschuldigte soll sich nur freiwillig nicht ihrer bedienen. Insofern werden die wirklichen Verantwortlichen, die die Freifahrtscheine solchen Erwirtschaftens von Profit ausstellen, komplett ausgeblendet.

Man darf nicht so tun, als sei Amazon das falsche Opfer. Der Opferstatus steht Amazon nicht zu. Man zielt jedoch auf den falschen Täter. Denn die allgemeine Wut auf Amazon sagt auch, dass man das Primat der Politik gar nicht mehr für praktibel hält, dass man es mittels strategischer Konsumentscheidung oder -verweigerung vereitelt. Der Gesetzgeber, der sich Gesetze von Kanzleien entwerfen läßt, die wiederum eng mit den jeweilig betroffenen Wirtschaftsbranchen kooperieren, wird als Angriffsfläche völlig ignoriert.

Hat Amazon den Niedriglohnsektor mit all seinen angebotsorientierten Ausrichtungen gesetzlich legalisiert oder einfach nur ausgenutzt? Hat es die arbeitnehmerische Freizügigkeit ohne Mindestlohnverpflichtungen entworfen oder missbraucht? Sicher, Missbrauch! Aber wer hat vor Missbrauch zu schützen? Reicht da Moral? Ist das das Mittel des modernen Rechtsstaates? Wie wäre es mit Gesetzesentwürfen, die Beschränkungen vorschreiben? Wie wäre es mit Kontrollmechanismen, die gesetzlich verankert werden?

Das System ist unmenschlich. Aber es ist von Menschen gemacht und daher durchaus veränderbar, kontrollierbar, regulierbar. Dieses System in mikroskopische Tranchen zu zerlegen, um sie moralisch beackern zu können, macht Veränderung aber tatsächlich nicht wirklich. Mit Charakterschulung von Unternehmen kommt man nicht weit. Moral ist nicht die Sache derer, die mit Gier im System haften - Moral ist die Angelegenheit des Regulierers, ist die Sache der Politik. Schon Marx machte deutlich, dass der Kapitalist nicht böse ist, sondern nur "Werkzeug unparteiischer ökonomischer Kräfte". Sie kann die Gier der Marktteilnehmer zügeln und sie benötigt den erbitterten Druck, der bei Aktionen gegen Amazon, Wiesenhof oder Shell zerstäubt.



10 Kommentare:

altautonomer 8. April 2013 um 07:58  

Ich hatte andernorts in Abwandlung des bekannten Adornozitats behauptet, es gäbe kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem.

Wer nämlich meint, auf ethisch einwandfreien Konsum wechseln zu können, irrt. Ein aus dem Genossenschaftsgedanken entstandenes Betriebsformat mutierte inzwischen unter der Federführung der Konzerne zu einem nahezu betriebsratsfreien, tarifvertragslosen und damit ungeschützten Bereich. Die Personalstrukturen sind in nicht wenigen Filialen amazonkompatibel.

Laut Recherchen des ZDF-Magazins “Frontal 21″ sieht es hinter dem Saubermann-Image von Edeka ziemlich schmuddelig aus. Lohndumping, überwachte Mitarbeiter, raffgierige Marktleiter – die Vorwürfe wiegen schwer. Edeka will das aussitzen.

Dabei handelt es sich bei diesem in der Konsumentenschicht als seriös wahrgenommenen Discounter um ein System, dass durch Privatisierung einzelner Filialen zur Personalkostenreduzierung praktisch
gezwungen wurde. Hier habe ich den Shitstrom vermisst.

Bezeichnenderweise ebenfalls ohne Shitstorm für die Hausherren liefen im November 2012 Berichte durch die Republik, Beschäftigte des Bundestages würden oft nur 6,25 Euro/Std. erhalten. Betroffen waren Fahrer, Reinigungs- und Sicherheitskräfte externer Unternehmen, die für das Parlament tätig sind. Zum Teil soll während der sitzungsfreien Sommerpause gar kein Lohn gezahlt worden sein.

Und noch ein Wort zur Rolle der Gewerkschaften: Carsten Zinn (Die LINKE) hat einmal aufgelistet, dass auch Tarifverträge keineswegs vor Hungerlöhnen schützen: Friseurhandwerk in Bayern, 7,62 Euro

Arbeitnehmer im Erwerbsgartenbau Sachsen, 6,30 Euro

Angestellte Fleischerhandwerk Pfalz, 7,70 Euro/Std.

no escape

flavo 8. April 2013 um 09:07  

Fehlen nur noch jene, die moralische Überlegungen ausgelagert haben in des Priesters Sonntagspredigt.
Es ist dies das Prozessieren der heutigen Christen. Sie agieren in maximaler Rundumfreiheit ohne jedwede Schranken und gehen dann in die Messe zu einer Art moralischem Workshop. Hier wird die von Moral entleerte Seele wieder aufgeladen. Die Kirche als Ladegerät. Und wenn es einmal hoch kommt, dann redet man sich aus auf seinen eigenen Krichgang. Man sei ja Christ. Da habe man schon eine Moral oder man verbirgt sich in der sozialen Machtaura, die die Verquickung von Kirche und Geld erzeugt: ein katholischer Geschäftsmann, das klingt doch mal nach etwas. Schau, auch er geht in die Messe. Das läßt Vertrauen wachsen. Einer, der dem neoliberalen Unternehmermodell entspricht und katholisch ist. Den Untergebenen wird noch ein Stückchen mehr zur unterwerfenden Identifizierung gegeben. Man traut sich auch weniger zu sagen, er hat mit weniger Widerstand zu rechnen, er hat den Pfarrer als Verbündeten und ist immerhin katholischer Moral bestückt. Er beutet aus, er zahlt zu wenig? Nein, das kann fast nicht sein. Da wird er schon nicht anders können.
Nimmt man die Zeit ernst, ist heute ein halbwegs authentischer Glaube gar nicht mehr möglich. Aufklärung und Moderne haben unweigerlich dieses Gedankenfeld um einen Gott herum heraus gebrochen aus einem geschmeidigen Realitätsverständnis. Bande mögen noch nicht alle gebrochen sein, aber der provisorische Kitt reicht schon lange nicht mehr. So erfreut man sich am Glauben aus Freude an der Gewohnheit und zu opportunistischen Zwecken oder sonstigen psychischen Anordnungen. Zöge man dies alles ab, dann bliebe von Quantität und Qualität des Glauben des Kirchenvolkes nicht mehr viel übrig. Daher wundert es auch nicht, dass man sich heute zu einem großen Teil die eigene Glaubensüberzeugung einreden muss, bevor man dann glaubt.
Es war ja schon immer eine sonderbare Bindung zwischen dem maskulinen Unternehmer und dem Pfarrer und dem restlichen Volk. Ersterer konnte sich von Gewissen und Moral doch nie ganz lösen und empfand in seiner Orientierungslosigkeit die Worte des Paffen als wohltuend und legititm, als netten Beischmuck im Leben, das um die Härte konstruiert wurde. Wenn er auch nichts anzufangen wußte damit und unbeholfen damit umging, so war es eine Art sonntäglicher Seelenmassage, die sich fortsetzte im Achtung und Ehrerbietung durch die Pfarrer in weltlichen Belangen. Beide erteilen sich Zugang zu Entscheidungsforen und den dazu nötigen Informationen, jener gibt dazu noch Geld, dieser die Moral, zuerst in dem er betont schweigt. Das restliche Volk erscheint als Lohnabhängiger oder als Schäflein.
Reden wir nicht von den calvinistischen Christen. Diese übertreffen all dies leicht. Sie sind die Joseph Fischers der Kirchenszene.
Zu neuem Eifer ist gekommen das Credo des Gotteslohnes. Arbeiten für den Lohn im Jenseits, arbeiten für die Wohlgesonnenheit eines Gottes: arbeite fest, Gott wird es dir danken, er wird dich schützen, seine Wege sind unerkennbar, er wird dich nicht vergessen. Amazon hätte sich vermutlich besser bei einem christlichen Leiharbeiterfond bedient. Dieser hätte vermutlich ganz legal philippinische Frauen caritativ be- und versorgt und sie zu einem Sonderlohn arbeiten lassen.

maguscarolus 8. April 2013 um 09:16  

Gerade solche Empörungsziele wie das "böse Amazon" oder der "böse LIDL" etc. etc. tragen zur Schönfärbung des kapitalistischen Systems bei. Mit ihnen wird insinuiert, dass einzelne behebbare Entgleisungen vorliegen, das Ganze aber "an sich gut" sei.

Dass ein gnadenloser BWL-Terror in den "Märkten" wütet und alle Marktteilnehmer, die nicht in irgendeiner schützenden Nische werkeln, zur ebenso alternativ-und gnadenlosen Personal"versklavung" zwingt, zumindest aber dringend auffordert – das ist natürlich ein systemisches Tabu.

Zugelassen sind die "Heiligen Johannas der Schlachthöfe" als Pflaster auf's Wehwehchen. Aber jede grundsätzliche Kritik wird sofort verteufelt und von den Marktpropheten als Einleitung der Apokalypse gebrandmarkt.

landbewohner 8. April 2013 um 10:51  

volle zustimmung, ergänzend ist allerdings festzuhalten, daß amazon beileibe kein besonders übler einzelfall sondern eher nur 1 fall unter 1000den gleichartigen ist.
eben mal lidl, dann amazon, demnächst evtl max meier o.ä..große aufregung über dinge, die eigentlich jeder wissen könnte oder weiß, allerdings ohne wirklich wirkungsvolle gegenmaßnahmen.

Unknown 8. April 2013 um 12:48  

Viele sehen das aber immer noch nicht so. Sie meinen, dass Unternehmen im Sinne der Arbeit"nehmer" ethisch zu handeln hätten. Ich hatte in einem Post bei mir darauf hingewiesen, dass die Unternehmen den Rahmen ausnutzen, den sie ausnutzen können. In Leipzig ist man stolz z.B. auf amazon und führt diesen Arbeitskräfte zu (wehren können die sich ja kaum), die auch am Anfang unentgeltlich arbeiten müssen. Das ist so gewollt. Ich wurde sogar in anderen Blogs bezüglich meines Post, als Idiotin hingestellt, weil ich auf das Wirtschaftssystem mit den Regierungserfüllungsgehilfen des Kapitals hinwies. BILD und Co. haben saubere Arbeit geleistet, um die wahren Verhältnisse zu verschleiern. Die Grundfrage lautet immer wieder: Was ist der Staat: Das Machtinstrument der herrschende Klasse und die herrschende Klasse ist die, die die Produktionsmittel besitzt. Die Konzentration auf amazon ist Verdunkelung und Lenkung von Emotionen auf einen Konkurrenten, der aus den USA kommt, den Hauptsitz in Luxemburg hat und allen anderen Buchhändlern gefährlich ist. Alle anderen Unternehmen fahren genau so ein Geschäftsmodell. Es wird fast überall gespitzelt, schikaniert, gemobbt und oft niedriger bezahlt als dort. Und die Kampagne mit dem Buchhändler an der Ecke ist ebenso daneben, weil es den eben kaum noch gibt und der, falls er noch eine Nische besetzt, ebenso auf Niedriglohn basiert. Er ist schließlich von Verlagen abhängig und von Zulierern wie DHL usw. usf. Man wirft den Menschen einen Knochen hin, den sie freudig aufnehmen und dahinter bleiben die Verhältnisse an sich verborgen. So will man es.

endless.good.news 8. April 2013 um 12:51  

Ein Markt kann nur moralisch sein, wenn das Ziel des Marktes Moral und nicht Gewinn ist. Da das nicht der Fall ist, wird ein Markt nicht moralisch agieren. Tut er es doch, ist es ein Wettbewerbsvorteil oder schlicht und einfach Zufall.

Anonym 8. April 2013 um 13:04  

"Moral wird einem ja nur darum gelehrt, damit die, die alles haben, alles behalten können und das übrige noch dazu kriegen. Moral ist die Butter für die, denen das Brot fehlt."

B. Traven - Das Totenschiff

Anonym 8. April 2013 um 15:13  

ANMERKER MEINT:

Ich lese im blog viele richtige Beschreibungen aber nichts darüber, was denn zu tun sei , um den "Auswüchsen" des Systems beizukommen. Klar, den Kapitalismus abschaffen - wird allerdings noch ein bisschen dauern! Richtig: Es liegt unter anderem an den falschen Gesetzen ,die diesen Kapitalismus nicht mehr "zähmen", falls das je möglich war. Sicher ist Moral ein "Nebenkriegsschauplatz", aber ein m.E. nicht zu vernachlässigender. Sozusagen ein Vehikel, um Menschen zu empören und so evtl. einen Blick hinter die kapital. Kulisssen zu werfen, sie zu politisieren. Brecht hat recht, wenn er sagt: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. Aber die Moral halt auch!

MEINT ANMERKER

maguscarolus 8. April 2013 um 17:53  

@Anmerker >> ... Es liegt unter anderem an den falschen Gesetzen ,die diesen Kapitalismus nicht mehr "zähmen", falls das je möglich war. ... <<

Ich denke schon, dass der Kapitalismus unter dem Druck gesellschaftlicher Notstände "gezähmt" werden kann, allerdings braucht es dazu Politiker vom Format und vom Schlage eines Franklin D. Roosevelt, wovon wir heutzutage Lichtjahre weit entfernt sind mit unseren Abnickdeppen.

Aber selbst solche "Zähmungen" halten immer nur eine Zeitlang. Früher oder später bricht die gierige Bestie aus ihrem Käfig wieder aus und die Tragödie beginnt von vorne. Zu verführerisch ist der Traum vom Reichtum und der Macht in manchen Köpfen.

Ich weiß keinen Weg, der aus diesen Zyklen heraus führt, denn der Mensch ist und bleibt die immer gleiche arme dumme verführbare bösartige Kreatur.

Anonym 8. April 2013 um 22:08  

@altautonomer

Stimme Dir, und Roberto J. de Lapuente zu.

Übrigens, demnächst erscheint ein "Schwarzbuch Raiffeisen", und auf den Shitstorm der sich dann entfacht warte ich auch gespannt.

...mein Fazit:

Man kann gar nicht moralisch einkaufen, weil alle, mal mehr mal weniger, Dreck am Stecken haben, und da bin ich mir Roberto einig, dass "System" ist das Problem, und nicht diejenigen, die dieses "System" für ihre Zwecke ausnutzen....

Gruß
Bernie

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