Nomen non est omen

Donnerstag, 9. September 2010

Heute: "Gebär- und Zeugungsstreik"
"Dieser Gebärstreik ist in Deutschland nicht Zukunftsmusik, sondern längst Realität. Immer mehr Frauen, und vor allen Dingen immer mehr besser ausgebildete Frauen, bekommen keine Kinder."
- Barbara Vinken in ihrem taz-Artikel "Die Zügel von Mutter Natur" vom 27. August 2010 -
Nach dem Freedictionary ist der Streik eine organisierte Handlung von Lohnarbeitern, um eine bestimmte Forderung durchzusetzen. Frauen treten in den Gebärstreik und Männer in den Zeugungsstreik, wird oft geschrieben. Die Begriffe unterstellen eine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu wollen. Sie sind negativ konnotiert und stellen die grundsätzliche Selbstbestimmtheit von Männern und Frauen in Frage. So, als wäre es eine Pflicht Kinder in die Welt zu setzen. Die Schlagworte Gebärstreik und Zeugungsstreik impfen den Menschen ein Schuldbewusstsein ein und verunglimpfen ihren individuellen Lebensstil.

Die Gründe für den Geburtenrückgang in Deutschland sind vielschichtiger Natur. Unter anderem zählen hierzu: mangelnde Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Probleme bei der Partnersuche, kaum finanziellen Spielraum, die rechtliche Situation von Vätern, Unternehmensforderungen nach Mobilität und Flexibilität und damit das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sozialabbau, Kinderfeindlichkeit in Deutschland sowie gelebter Egoismus bzw. Hedonismus.

Die Rahmenbedingungen fürs Kinderkriegen in Deutschland, sind ein wesentlicher Bestandteil der Fertilitätsrate. Das Problem auf einen vermeintlichen Gebärstreik von Frauen bzw. einen Zeugungsstreik von Männern zu reduzieren, ist diffamierend, einseitig und wenig hilfreich. Hier soll dann wieder die Methode der Problemreduzierung auf Individuen greifen: die Menschen hätten zu wenig Eigenverantwortung gezeigt, um sich ein besseres Leben frei zu schaufeln.

Davon abgesehen geht es bei dieser Terminologie, ähnlich wie bei dem Diskurs der Demographie in Deutschland, um den Nachwuchs von Akademikerfrauen und nicht um die allgemeine Geburtenrate. Denn im Zusammenhang mit Müttern, die ALG II beziehen, werden diese Schlagworte nicht benutzt. Hintergrund ist ein eugenischer Gedanke am Volkskörper Deutschland: Akademikerkinder sind die besseren und wertvolleren Kinder. All die Kinderfreunde, wie z.B. Frau Vinken aus der taz, sollten sich die UN-Kinderrechtskonvention mal genauer anschauen:
"Artikel 2
[Achtung der Kindesrechte; Diskriminierungsverbot]

(1) Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede Diskriminierung unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormunds."
Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

8 Kommentare:

Margareth 9. September 2010 um 09:10  

Ergänzend dazu mehrere Artikel aus den NDS:

Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=4826#h02

In den Betten des Prekariats
http://www.nachdenkseiten.de/?p=4826#h03

Wolfgang 9. September 2010 um 09:13  

Als "alter Hase" bei amnesty international danke ich Dir vor allem für die Zitierung der UN-Kinderrechtskonvention.

Meine These ist, das der sogenannte Neoliberalismus, in erschreckender Weise die Thesen des Nationalismus wiederaufgenommen hat. Dabei ist es kein Widerspruch, dass sich die Neoliberalen als Globalisierer verstehen. Auch die NAZIs waren interessiert an der Welt, wenn es um ihren Gewinn ging. Sozialdarwinismus, Rassismus oder Eugenik sind heute wieder aktuelle Denkmodelle. Und wie damals Göbbels so hämmern uns auch heute wieder die Mietmäuler der Mächtigen ihre Thesen wohlverpackt ein. In wahlweise schönen oder angsterzeugenden Worten, die wir fluggs inhalieren, übernehmen und zu den unseren machen.

Ich bin erstaunt, wie hilflos ich dieser Entwicklung gegenüber stehe. Es ist an der Zeit nicht mehr nur die Entwicklung zu bedaueren sonder auch etwas dagegen zu unternehmen.

klaus baum 9. September 2010 um 09:45  

ich empfehle dringend, sich über die alte griechische komödie von aristophanes zu informieren: lysistrata. die frauen treten in der tat gegenüber den männern in den streik, d.h. sie verweigern den männern sex, den kriegführenden männern, um sie zum frieden zu bekehren, zu zwingen.
Lysistrata (Attic Greek: Λυσιστράτη, "Army-disbander") is one of the few surviving plays written by Aristophanes. Originally performed in classical Athens in 411 BC, it is a comic account of one woman's extraordinary mission to end The Peloponnesian War. Lysistrata convinces the women of Greece to withhold sexual privileges from their husbands and lovers as a means of forcing the men to negotiate peace, a strategy however that inflames the battle between the sexes. The play is notable for its exposé of sexual relations in a male-dominated society and for its use of both double entendre and explicit obscenities. The dramatic structure represents a shift away from the conventions of Old Comedy, a trend typical of the author's career. It was produced in the same year as Thesmophoriazusae, another play with a focus on gender-based issues, just two years after Athens' catastrophic defeat in the Sicilian Expedition.

Margareth 9. September 2010 um 10:30  

Übrigens:
Es gibt auch Frauen die keine eigenen Kinder wollen.
Punkt!

Und ich persönlich bin es leid dann ständig mich wildfremden Menschen erklären zu müssen , warum ich keine Kinder habe.
Übrigens ein Mann bekommt diese Frage "Warum hast du keine Kinder" ...
nicht gestellt.

Anonym 9. September 2010 um 11:16  

Eine Pornodarstellerin hat die Sache auf den Punkt gebracht: Die Vagina von heute ist der Arsch.
Arsch-Gesellschaft mit dominierender Arsch-Wirstschaft eben.
Alles ist für'n Arsch!
kaha

Irrglaube und mangelndes Zukunftsdenken 9. September 2010 um 13:04  

Es ist trotzdem noch erschreckend, zu sehen, wie wenige Menschen Leute wie Heinson durchschauen, oder wie wenige Menschen verstehen, dass die jungen Menschen von heute die Eltern und Arbeitnehmer von morgen sind und dass man möglichst alles tun muss, damit es diesen gut geht, sie Ausbildung, Arbeit und Kinder hinkriegen.

Anscheinend glauben die ganzen neoliberalen Manager-Eliten, Banker, Politiker und SehrGutVerdiener, sie könnten, wenn hier in Deutschland alles abgegrast ist, die Geburtenrate ins nichts gesunken ist und die Universitäten endgültig keine qualifizierten Absolventen mehr produzieren, einfach abhauen und das nächste Land abgrasen.

Jeder Azubi, jeder Student, jedes frisch gebackene Elternpaar müsste eigentlich mit Jubel begrüsst werden. Aber irgendwie ist die alte Bauernweisheit abhanden gekommen, dass man sich auch um die nächste Generation kümmern muss, sei es bei Obstbäumen, Schweinen, Milchkühen oder dem eigenen Nachwuchs.

Dass viele Unternehmen in ihren Dienstleistungen ortsgebunden sind und auf eine funktionierende Gesellschaft vor Ort angewiesen sind, haben sie noch nicht kapiert
(Post, Versicherungen, Gastronomie, Einzelhandel, Bahn). Gerade diese Unternehmen müssten aus schnödem Eigeninteresse für mehr Geld für Kindergärten, das Bildungssystem und -angebote und auch das Krankenversicherungssystem stimmen.

Aber anscheinend interessiert heutige Mänadscher nur, DIESES Jahr einen möglichst großen Bonus einzufahren und anscheinend darauf zu hoffen, in 10 Jahren woanders einen Job zu kriegen.

Die Katze aus dem Sack 9. September 2010 um 16:53  

Aus dieser UN-Konvention sind die ganzen Unterscheidungsmerkmale, welche die Menschen voneinander trennt, enthalten. Aufgeführt sind die Rassen (was immer das sein soll), die Hautfarbe (ist da etwa jemand dunkler oder heller als ich), das Geschlecht (viele Möglichkeiten gibt es da nicht), die Sprache (ich kann nichts verstehen), die Religion (glaub's oder glaub's nicht), die politische Anschauung (nur zugucken bitte), oder sonstigen Anschauungen (die wachsende Vielfalt), die nationale Herkunft (wo warst Du denn bisher eingesperrt), ethnische Herkunft (siehst Du etwa anders aus, als ich), der sozialen Herkunft (bist Du oben, unten oder dazwischen), des Vermögens (Monetär?), einer Behinderung (ich helfe Dir gern, wenn ich kann), der Geburt (Du bist noch gar nicht richtig da), sonstiger Status des Kindes (Reifegrad?), der Eltern (die Verantwortlichen), oder der Vormund (Berufsbilder).

Dankend, das es soetwas gibt. Sonst wären mir selbst diese Unterschiedlichkeiten gar nicht aufgefallen. Ich sah in meinem Gegenüber lediglich meines Gleichen. Wie dumm von mir, wo es doch solche Unterschiede gibt.

Anonym 11. September 2010 um 10:01  

Herr Dr. Baum hat Recht.

Rolf Hochhuth hat in "Lysistrate
und die NATO" den althellenischen
Stoff in einer Antikriegskomödie aktualisiert.

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